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Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Theoretische Grundlagen
2.1 Grundlagen, Prämissen und Positionen
2.2 Symbiotische Mechanismen
2.3 Selbstreferenz
2.4 Doppelte Kontingenz
2.1 Initialisierung und Selbstreferenz
2.2 Epochenbegriff und Ausdifferenzierung
2.3 Der Begriff der "Passion"
III Epochenbeschreibungen
3.1 1600 BIS 1660
3.2 1700 BIS 1760
3.3 1760 BIS 1800
3.4 1800 BIS 1850
3.5 MODERNE
IV Kritik
4.1 Allgemeine Kritik
4.2 Kritik: Liebessemantik in der Moderne?
V Quellenverzeichnis
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1 EINLEITUNG
1 In seinem 1982 erschienen Werk „Liebe als Passion: zur Codierung von Intimität“ geht es Niklas Luhmann um die Beschreibung einer Kommunikationstheorie, die auf seine Theorie selbstreferentieller autopoietischer Systeme zurückgreift und vieles von dem voraussetzt, was Luhmann später in seinem Hauptwerk „Soziale Systeme: 2 bündelt. Im Mittelpunkt dieser Kommunikations-Grundriß einer allgemeinen Theorie“
theorie steht der Begriff der Liebe, vielmehr der Code in Intimbeziehungen, der erfolgreiches Kommunizieren und damit „Liebe“ überhaupt erst ermöglicht. Ausgangspunkt der weiteren Theorieentwicklung ist, daß sich Ideengut/Semantik und Veränderungen der gesellschaftlichen Realität wechselseitig beeinflussen. Dementsprechend wird Liebe nicht als Gefühl untersucht, „sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann. Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden.“ (Luhmann, 9). Die entscheidende Prämisse ist, daß Ideengut tiefgreifende Veränderungen in Sozialstrukturen vorbereiten kann; die Gesellschaftstransformation bedeutet eine Transformation der Semantik und umgekehrt. Der Anspruch der eigenen Theorie ist dabei, „Unwahrscheinliches“ als wahrscheinlich erklären zu können und zwar mit einer abstrakten Theorie, die soziologisches Material erhellt. Als Quelle dient die Romanliteratur und die Maximen- und Traktatliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts, da „der Roman selbst zum Lern- und Orientierungsfaktor in Liebesangelegenheiten wird“ (Luhmann, 12). Gerade in der Fixierung auf literarische Vorlagen kann aber ein noch darzulegender Kritikpunkt der Luhmannschen Theoreme liegen. Im weiteren soll kurz auf die systemtheoretischen Grundlagen eingegangen und die epochale Beschreibung Luhmanns chronologisch geordnet referiert werden. Daran schließt sich eine Auseinandersetzung mit den Thesen Luhmanns und ihre Gegenüberstellung mit 3 an. der Theorie des sexuellen Diskurses nach Michel Foucault
1 Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. 2. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1982.
2 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1984. 3 Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt a. M.: Suhr- kamp, 1981.
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II THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1 GRUNDLAGEN, PRÄMISSEN UND POSITIONEN
In Antithese zur marxistischen Gesellschaftstheorie weist Luhmann in der weiteren Folge die Konzentration auf die unpersönlichen Aspekte der modernen Gesellschaft zurück; nur wer die Gesellschaft einseitig als Wirtschaftssystem betrachte, könne die Vorherrschaft unpersönlicher Beziehungen in den Vordergrund rücken; der marxistischen Entfremdungs-These widerspricht er insofern, als er nicht nur die Steigerung unpersönlicher, sondern auch die intensiverer persönlicher Beziehungen miteinbezieht. Die Intensivierung von Rollenmerkmalen ermöglicht unpersönliche Kommunikation und schafft Sicherheit; in erstaunlicher Nähe zum textlinguistischen Konzept von „frames“ und „scripts“ tendiert Luhmann im weiteren dazu, „Liebe“ als spielbare Rolle zu beschreiben. In punkto „Entfremdungs-These“ nähert er sich Simmel an, der, wie z. B. in seinem Werk „Philosophie des Geldes“, mit der Arbeitsteilung zunehmende Freiheit auch in persönlichen Beziehungen verbindet. Ferner gehört es zu den Grund-voraussetzungen der Systemtheorie, keine anthropologischen Konstanten oder Not- 1 ,die ja einer Selbstgenerierung des Systems, und sei es wendigkeiten anzunehmen
das kommunikative der Liebe, widersprechen müßte. Indem Individualität nicht anth- 2 , ropologisch, sondern als Produkt sozialstruktureller Bedingungen verstanden wird kommt das Luhmannsche Konzept der „Doppelten Kontingenz“ ins Spiel. Der Begriff des Individuums sei in der modernen Welt schon dadurch revidierbar geworden, so Luhmann, daß das Individuum als sozial ortlos vorausgesetzt werden muß, d. h. daß es schwierig ist, die Einzelperson im Schichtungssystem zu definieren und überhaupt zu orten. Differenz wird vor allen Dingen als persönliche Differenz erfahren, d. h. als „Differenzierung von personalen und sozialen Systemen“; die Differenz der Person zur Umwelt wird folglich auf die eigene Person zurückinterpretiert. Selbstidentifikation
1 Luhmann dazu (S. 15): „Nach allem, was wir soziologisch über die soziale Genese persönlicher Individualität wissen und vermuten, kann man nicht davon ausgehen, daß der Bedarf für persönliche Individualität und die Möglichkeit, sich selbst und andere als einzigartig zu stilisieren, durch anthropologisch Konstanten erklärt werden können; vielmehr korrespondieren dieser Bedarf und seine Möglichkeit, in kommunikativen Beziehungen Ausdruck und Anerkennung zu finden, mit sozialstrukturellen Bedingungen, vor allem mit der Komplexität und Differenzierungstypik des Gesellschaftssystems.“
2 Insbesondere mit dieser These müßte sich eine Kritik an Luhmann auseinandersetzen.
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erfordert Differenz und zugleich eine Nahwelt, die eben diese Differenz bestätigt. „Zunehmende Individualisierung“ kann schon deswegen kein angemessener Begriff sein, weil die selbstreferentielle Theorie des „Ich“ also des Ego, stets das „Alter Ego“ voraussetzt bzw. erst erzeugt. Luhmann geht es hier um die Begründung, wieso ein Bedarf an Nahwelt überhaupt existiert, wie und warum es überhaupt zu Intimbeziehungen kommt. Das Kommunikationsmedium zwischen Ego und Alter Ego ist dabei das semantische Feld von Freundschaft und Liebe; die gemeinsame Privatwelt ergibt sich insofern, als „daß jeder die Welt des anderen mittragen kann (obwohl er selbst höchst individuell erlebt), weil ihm selber darin eine Sonderstellung zugewiesen ist: weil er in dieser Welt des anderen vorkommt als der, der geliebt wird“ (Luhmann, 18). Luhmann entwickelt sein Theoriegebäude wiederum in Anschluß an Parsons, wie er auch in „Soziale Systeme“ hervorhebt, insbesondere in der Betonung der Anschlußfähigkeit bei der Ausdifferenzierung von semantischen Systemen. Zugleich postuliert er den Zusammenhang zwischen der Ausdifferenzierung symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien und der Regulierung ihrer symbiotischen Mechanismen, man könnte auch sagen, der Zusammenhang zwischen Semantik/Kommunikation und Faktizität. Der Betrachtungsbereich der Untersuchung ist der „Intimbeziehungen“ (Luhmann, 14); dabei greift Luhmann wiederum der in „Soziale Systeme“ dargelegten Sinnanalyse vorweg, indem er behauptet, die Gesamtheit des fremden Sinnsystems könne dem anderen niemals völlig zugänglich sein und ermögliche erst dadurch eine graduelle Steigerung des Zugangs zum fremden Sinnsystem. Anders gesagt: Erst die Verweigerung von Zugang zur „Welt des anderen“ bzw. die prinzipielle Unmöglichkeit, sie in allen Bereichen zu durchdringen, ermöglicht persönliche Nähe/Distanz und Intimität.
Liebe wird daher als „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium begriffen, das zur Ausmerzung von Unwahrscheinlichkeiten und zur Bildung von Systembildungsmöglichkeiten dient. Liebe ist hier kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, mit dessen Hilfe Gefühle ausgedrückt werden können; Medien sind nicht Sach- verhalte, sondern Kommunikationsanweisungen. Liebe ist von daher zugleich ein
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Verhaltensmodell, das gespielt werden kann (Luhmann, 23). Die Funktion der Litera- 1 (Luhmann,24): tur zum Thema Liebe ist dabei fundamental
Die folgenden Überlegungen lassen sich von der These tragen, daß literarische, idealisierende, mythisierende Darstellungen der Liebe ihre Themen und Leitgedanken nicht zufällig wählen, sondern daß sie damit auf ihre jeweilige Gesellschaft und auf deren Veränderungstrends reagieren; daß sie, auch wenn in deskriptiver Form gehalten, nicht unbedingt die Realsachverhalte des Liebens wiedergeben, wohl aber angebbare Probleme lösen, nämlich funktionale Notwendigkeiten des Gesellschaftssystems in eine tradierbare Form bringen. Die jeweilige Semantik der Liebe kann uns daher einen Zugang eröffnen zum Verständnis des Verhältnisses von Kommunikationsmedium und Gesellschaftsstruktur.
Persönliche Kommunikation, so Luhmann, wird mit der Individualisierung des personalen Weltbezugs zunehmend schwierig; je individueller der Standpunkt, desto unwahrscheinlicher der Konsens und das Interesse beim Gegenüber. Wird der Weltbezug mitindividualisiert, so läßt sich dieser egozentrische Weltentwurf nur bestätigen oder ablehnen; nicht „totale Kommunikation“, sondern ständiger Miteinbezug des anderen wird gefordert; nicht von ihrem Thema, sondern von ihrer Codierung ist Liebe daher zu begreifen. Dieser Code, d. h. Kommunikation überhaupt, kommt erst zu-stande, wenn eine Situation vorherrscht, die Luhmann in „Soziale Systeme“ mit dem Begriff der „Doppelten Kontingenz“ umschreibt. In einer anonymen Welt haben alle Informationen ebenso Bedeutung wie in der persönlichen intimen. Liebesbeziehungen ergeben sich erst, wenn Handlungsanschlüsse vorhanden sind, die Reduktionen ermöglichen. Der Liebende muß handeln und die Selektion des anderen bestätigen, sich selbst aber wiederum durch die Reaktionen des Alter bestätigen lassen. Die der „Doppelten Kontingenz“ inhärente Asymmetrie von actio und reaktio bzw. Erleben und Handeln enthält die Chance des Zuvorkommens; erst dadurch wird verständlich, wieso sich Liebe auf Vorwegnahme und Schonverstandenhaben verläßt. Auf diese Weise kann Liebe Kommunikation unter Verzicht auf Kommunikation intensivieren; da der Selektionshorizont des anderen nicht beobachtbar ist, kann dessen Informationsverarbeitung nicht erfaßt werden; erst Liebe als Medium ermöglicht diese Art von „Verstehen“. Das Leitsymbol des Codes der Liebe ist die "Passion", d. h. man erleidet etwas, das man nicht ändern und von dem man keine Rechenschaft ablegen kann.
1 Luhmann übersieht hier allerdings die Eigenständigkeit und Selbständigkeit der literarischen Tradi- tion und liefert damit einen weiteren Kritikpunkt.
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2.2 SYMBIOTISCHE MECHANISMEN
Unter dem Begriff der symbiotischen Mechanismen faßt Luhmann seine Auseinandersetzung mit dem Problem der Sexualität zusammen. Jedes Kommunikationssystem nimmt aber auch Bezug auf die Leiblichkeit des Menschen, „die funktionale Spezialisierung einer Mediensemantik erfordert eine Mitsymbolisierung dieses Körperbezugs“ (Luhmann, 31). Es handelt sich dabei um symbiotische Mechanismen, die erwartungsgemäß vollziehbare organische Prozesse bezeichnen, so z. B. Wahrnehmung, Sexualität, Befriedigung von Bedürfnissen und physische Gewalt. Durch Konzentration auf einen symbiotischen Mechanismus, z. B. Sexualität, kann eine Situation, für nur ein Kommunikationsmedium, hier Liebe, reserviert werden. Luhmann beschreibt die Bedeutung des Miteinbezugs von Sexualität in den Kommunikationsprozeß folgendermaßen: Sie unterstreicht die Bedeutung von Nähe und Zusammensein; sie setzt sich über Rück- sichten auf andere und die Zustimmung anderer hinweg, erfüllt ihren Sinn in sich selbst. Im körperlichen Zusammenspiel begehrt man das Begehren des anderen; die Stärke des eigenen Begehrens wird zum Maßstab dessen, was man zu geben in der Lage ist. Die körperliche Kommunikation bietet zugleich einen Interpretationshorizont für sprachliche Mitteilungen, unterläuft und ergänzt die Sprache zugleich. Da die „Diffusität des sexuellen Kontaktes“ (Luhmann, 33) ein Aufrechnen von Geben und Nehmen unmöglich macht, wird das eigene Erleben zu dem des Partners:
Mit all dem durchbricht die Sexualität den Schematismus von Egoismus/Altruismus ebenso wie die Hierarchisierung menschlicher Beziehungen nach dem Schema Sinnlichkeit/Vernunft. Das zeigt sich nicht zuletzt historisch daran, daß die Ausdifferenzierung von sexuell basierten Intimbeziehungen unter dem Code der Liebe, wie wir im einzelnen nachzeichnen werden, diese beiden Distinktionen der Moral und Anthropologie Alteuropas sprengt. Symbolisierung bedeutet aber auch Negation/negative Selektion, z. B. der Ausschluß von sexuellen Beziehungen in der Liebessemantik.
Arbeit zitieren:
Jochen Müller, 1996, Niklas Luhmann: "Liebe als Passion", München, GRIN Verlag GmbH
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