Inhaltsverzeichnis
- I -
1 Einleitung. -1-
1.1 Motivation. -1-
1.2 Methodik und Gang der Arbeit. -3-
2 Theoretische Grundlagen. -6-
2.1 Was ist systemisch an der systemischen Betrachtungsweise. -6-
2.2 Die Grundelemente von sozialen Systemen. -8-
2.3 Einführung des Organisationsbegriffs. -11-
2.3.1 Warum das klassische Verständnis gescheitert ist. -12-
2.3.2 Die Organisation als System. -16-
2.3.3 Organisationen und Entscheidungen. -17-
2.3.4 Die Umwelt der Organisation. -19-
2.4 Exkurs 1: Die Frage nach dem Sinn. -21-
2.5 Management. -22-
2.5.1 Management und Umwelt. -25-
2.5.2 Organisationen und Hierarchie. -27-
2.6 Wissen. -29-
2.6.1 Wissen und System. -29-
2.6.2 Implizites und Explizites Wissen. -31-
2.6.3 Organisationales Wissen. -33-
2.7 Exkurs 2: Zum Begriff der Kultur. -35-
2.7.1 Was die Kultur für das Management leisten kann............... -36-
Inhaltsverzeichnis
- II -
2.7.2 Was Management für die Kultur leisten kann. -36-
3 Wissensmanagement. -38-
3.1 Das klassische Verständnis von Wissensmanagement. -39-
3.1.1 Wissen als Ressource - der technologieorientierte Ansatz. -41-
3.1.2 Anreizprobleme? -43-
3.1.3 Praxisbeispiel Siemens: Das System ShareNet. -46-
3.1.4 Problematisierung ShareNet. -49-
3.2 Die Lernende Organisation. -50-
3.2.1 Lernen als Gefahr. -53-
3.2.2 Praxisbeispiel 3M: Die evolutionäre Organisation. -55-
3.2.3 Problematisierung 3M. -58-
4 Fazit und Ausblick. -61-
4.1 Organisationale Voraussetzungen. -63-
4.1.1 Wider der Kultur, mit der Kultur. -63-
4.1.2 Vergessen ermöglichen. -64-
4.1.3 Hierarchien und Komplexität. -64-
4.2 Ausblick: Der Umgang mit Wissen als Strategie. -65-
5 Literaturverzeichnis.............................................................-67-
Abbildungsverzeichnis
-
Abbildung 1: Siemens vor der Einführung von ShareNet.
Abbildung 2: Siemens mit ShareNet.
Abbildung 3: Unternehmensebenen bei 3M
Enno Dreier Kapitel 1 - 1 -
1Einleitung
1.1 Motivation
„Wissensmanagement ist eine durch Kommunikation über selektive Befunde geschaffene Notwendigkeit, der sich Unternehmen schon allein deshalb nicht entziehen können, weil ihre Bezugssysteme (Konkurrenten, Kunden, Lieferanten, staatliche Vergabestellen und so weiter) ebenfalls auf diese Notwendigkeit reagieren und sie dadurch mit-konstruieren.“ 2 Das ist natürlich eine Möglichkeit, die Motivation zu erklären, sich in einer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema Wissensmanagement auseinanderzusetzen. Allerdings gibt es außer der Begründung, dass alle es machen, noch vielfältige weitere Gründe, die es nahe legen, Wissensmanagement in der Theorie zu untersuchen, und hierbei mit anderen Beobachtungsinstrumenten zu arbeiten, als dies in vielen klassischen Arbeiten zum Thema getan wird. Grundsätzlich ist hier jedoch festzuhalten, dass Wissensmanagement oder organisationales Lernen nicht als Selbstzweck betrachtet werden soll. Alle folgenden Bemühungen, Wissensmanagement und seine organisationalen Voraussetzungen erklärbarer zu machen, sind daher immer geprägt von dem Ziel, die Organisation oder das Unternehmen langfristig überlebensfähig zu gestalten. Dies steht gleichsam als Metaziel hinter allen folgenden Überlegungen. Wissensmanagement ist in aller Munde. Kaum ein Thema hat die Managementliteratur so beschäftigt wie die Möglichkeiten, die
Schneider (2000a), S. 82. 2
Enno Dreier Kapitel 1.1 - 2 -
ein Unternehmen und seine Organisation befähigen, mit Wissen und Lernen so umzugehen, dass es zu einer Steigerung der Überlebensfähigkeit für die Organisationen maßgeblich beiträgt. Die beiden Konzepte Wissensmanagement und lernende Organisation, die in dieser Arbeit als zueinander gehörig betrachtet werden, haben sich zu einem zentralen Mittel herauskristallisiert, das einem Unternehmen einen strategischen Wettbewerbsvorteil verschaffen kann. 3 Im Gegensatz zu vielen Modethemen in der Managementlehre, die nach einigen Jahren wieder von der Agenda von Unternehmen verschwinden (zum Beispiel Business Process Reengineering), hat sich Wissensmanagement langfristig als ein „Must-Have“ für Unternehmen herauskristallisiert, das es umzusetzen gilt, wenn man als wettbewerbsfähig im Organisationsumfeld bestehen möchte.
Warum ist das so? Aufgrund einer kontinuierlichen Steigerung des Ausdifferenzierungsgrades der Gesellschaft und einer daraus resultierenden gesteigerten Komplexität der Umwelt ist es immer schwieriger für Unternehmen geworden, sich gegenüber der Umwelt zu positionieren und so abzugrenzen, dass ihre Anpassungsfähigkeit bestehen bleibt, aber die Routinisierung, die einen entscheidenden Grund für das Vorhandensein von Organisationen darstellt, nicht verloren geht.
Vgl. Schneider (2001), S. 20. 3
Enno Dreier Kapitel 1.1 - 3 -
Weite Teile der Managementliteratur, die sich mit den beiden zum Umgang mit Wissen gehörenden Denkrichtungen lernende Organisation und Wissensmanagement befassen, betrachten Wissen und Lernen vor allen Dingen aus der Perspektive des steue-rungsorientierten Managementbegriffs oder des einzelnen Individuums, welches ja schließlich das Wissen teilen muss und bereit sein muss, dazuzulernen.
Auf der anderen Seite ist in der Praxis häufig zu beobachten, dass Wissensmanagementprojekte ins Leben gerufen werden, die häufig von IT- oder Personalabteilungen ausgehend, wenig oder gar keinen nachhaltigen Erfolg vorzuweisen haben, sodass sie mittelfristig meist nach einiger Frustration wieder eingestellt werden. Die organisationalen Voraussetzungen, die vielleicht vorzuliegen haben, damit eine Organisation zukunftsorientiert mit Wissen umgehen kann, bleiben häufig unerwähnt beziehungsweise werden häufig vernachlässigt. Die vorliegende Arbeit wird sich daher damit auseinandersetzen, welche Voraussetzungen auf Seiten der Organisation vorliegen sollten, wenn man davon spricht, Wissensmanagement einzuführen oder anders ausgedrückt, wie eine Organisation betrachtet werden muss, wenn der Umgang mit Wissen in Organisationen gemanagt werden soll.
1.2 Methodik und Gang der Arbeit
Diese Arbeit bedient sich der systemischen und systemtheoretischen Perspektive, um organisationale Voraussetzungen zu beschreiben und zu klären, mit denen eine Organisation zu tun hat, wenn sie den Umgang mit Lernen, Verlernen, Wissen und
Enno Dreier Kapitel 1.2 - 4 -
Vergessen in routinisierte Bahnen zu lenken versucht, um die Zukunftsfähigkeit und ihr eigenes Überleben wahrscheinlicher zu machen. Da diese aus der wissenschaftlichen Spielart der Soziologie stammende Perspektive nicht unmittelbar und für jeden eingängig ist, soll im ersten Abschnitt der Begriff des Systems (Kapitel 2.1) und der Begriff der Kommunikation als Grundelement von sozialen Systemen hinreichend geklärt werden, um dem weiteren Gang der Arbeit folgen zu können.
Anschließend werden die drei Kernbegriffe Organisation (Kapitel 2.3), Management (Kapitel 2.5) und Wissen (Kapitel 2.6) in ihrer spezifischen systemischen Sichtweise eingeführt. Auch die wichtigen Begriffe Sinn (Kapitel 2.4) und Kultur (Kapitel 2.7), die in ihrer Bedeutung für das Wissen in Organisationen nicht zu unterschätzen sind, werden in zwei Exkursen umschrieben, und ihre Bedeutung für die Möglichkeiten, Wissen zu managen, herausgehoben. Jedes dieser Kapitel würde für sich schon genug Stoff bieten, um eine umfassende wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. An dieser Stelle werden daher die Begriffe nur soweit Hinblick auf ihre Bedeutung für die Fragestellung dieser Arbeit beschrieben, wie es in diesem begrenzten Rahmen möglich ist und für notwendig erachtet wird.
Zum einen kann Wissen in der gängigen Literatur als geronnener Zustand verstanden werden. Bei diesem Verständnis geht es in erster Linie darum, bestehendes Wissen ausfindig zu machen, zur Verfügung zu stellen und die Verwendung dieses Wissens zu gewährleisten. Mit der Frage, wie dies in Theorie und Praxis verstanden und umgesetzt wird, setzt sich das Kapitel 3.1 ausein- ander, das mit einer Problematisierung dieses Ansatzes endet.
Enno Dreier Kapitel 1.2 - 5 -
Zum anderen wird Wissen als Erkenntnisprozess verstanden, bei dem die Erkenntnis von heute als potentieller Irrtum von morgen gesehen wird und der Prozess des Lernens wichtiger ist als der statische Prozess des Wissens. Mit dem Prozess des Lernens geht natürlicherweise der Prozess des Verlernens einher, beides ist entscheidend für die Veränderungsmöglichkeit von Organisationen. Wie Niklas Luhmann aufzeigt, hat sich die Gesellschaft von der Veränderungsfähigkeit von Organisationen abhängig gemacht, so dass Entscheidungen, die die Gesellschaft betreffen, nur noch in Organisationen getroffen werden können. 4 In dem Kapitel 3.3 wird daher gezeigt, wie die Veränderungsfähigkeit von Organisationen in hohen Maße davon abhängig ist, wie Organisationen mit Lernen und Verlernen umgehen. In dem Praxisbeispiel der Minnesota Mining and Manufactoring Company (3M) wird eine Organisation beschrieben, die in der Literatur als Musterbeispiel für eine lernende Organisation gilt. Fragen, die dieses Fallbeispiel aufwirft, werden gestellt und im Schluss der Arbeit wieder aufgegriffen. Im abschließenden Teil der Arbeit werden dann die Fragen, die sich in den vorangegangenen Teilen ergeben haben, wieder aufgegriffen und bearbeitet. Des Weiteren wird in einem Ausblick versucht, die verschiedenen organisationalen Voraussetzungen von Wissensmanagement zu benennen und die systemischen Spezifika dieser Voraussetzungen zu erläutern. Zum Schluss wird beschrieben, warum Wissensmanagement nur in enger Verknüpfung mit der Unternehmensstrategie Sinn macht, da die Erfolgsaussichten in allen anderen Fällen gering wären.
Vgl. Luhmann (1997), S. 826 ff. 4
Enno Dreier Kapitel 2 - 6 -
2Theoretische Grundlagen
2.1 Was ist systemisch an der systemischen Be-
trachtungsweise
„Was wir beobachten, ist nicht die Natur, sondern die Natur, wie wir sie beobachten“ Werner Heisenberg 5
Wie alle Theorien ist auch die Theorie der sozialen Systeme eine, auf bestimmtem Vokabular und eigener Grammatik basierende, Sprache, die bestimmte, beobachtbare Verhältnisse besser erklären möchte als andere Sprachen mit anderem Vokabular und anderer Grammatik. Eine Theorie kommt nicht als Erleuchtung daher. Im Sinne von Thomas S. Kuhn braucht die Revolution eines Paradigmenwechsels in der Wissenschaft in der Regel mehr als eine Generation, bis sie anschlussfähig ist. In Bezug auf die systemische Sichtweise und auf Systemtheorie ist davon auszugehen, dass diese Revolution gerade stattfindet. Ob sie erfolgreich ist und tatsächlich einen umfassenden Paradigmenwechsel einleiten wird, beweist sich in der Zukunft. 6
Gefunden in Schneider (2000a), S. 81. 5
Für den Paradigmenwechsel in der Wissenschaft, vergleiche Kuhn (1976), S. 6
104 ff.
Enno Dreier Kapitel 2.1 - 7 -
Die wissenschaftliche Spielart der systemischen (und systemt-heoretischen) 7 Betrachtungsweise basiert auf Grundannahmen, die in ihrer ursprünglichen Form der Biologie entliehen sind. Ähnlich wie biologische Systeme funktionieren und sich kontinuierlich selbst reproduzieren, sind auch soziale Systeme autopoietisch (von griech. autos = selbst und poiesis = Erschaffung, Herstellung). 8 Biologische (im ursprünglichen Sinne „lebende“) Systeme reproduzieren sich mithilfe von ihnen eigenen biochemischen Prozessen und Interaktionen, deren Ergebnis die Herstellung und Aufrechterhaltung des Systems „Organismus“ ist. Leben und Tod eines biologischen Systems unterscheiden sich dadurch, dass im ersten Fall die Reproduktion dieses Netzwerkes biochemischer Prozesse fortgesetzt wird, und im zweiten Fall nicht. Wenn man einen Organismus auf diese Art und Weise betrachtet, d.h. wenn man die Betrachtung auf die Interaktion der Grundelemente im Zusammenhang des Gesamten fokussiert (im Gegensatz zur isoliertenklassischen - Betrachtung der einzelnen Grundelemente), bezeichnet man ihn als System. 9
Der Unterschied zwischen systemischer und systemtheoretischer Betrachtungs- 7
weise wird hier bewusst gemacht, da Systemtheorie eben nur die theoretisch-de-
skriptive Basis liefert für ein bestimmtes (systemisches) Paradigma, welches in
dieser Arbeit auf das Management von Wissen angewendet werden soll.
Vgl. Maturana (1975 (1985)), S. 141. 8
Vgl. Simon (2004), S. 22. 9
Enno Dreier Kapitel 2.1 - 8 -
Dieses System (Organismus) ist in sich geschlossen, die einzelnen biochemischen Interaktionen interagieren nicht einer monokausalen Konstruktion folgend, und das einzige Ziel dieses Systems ist es, sich selbst am Leben zu erhalten. Das System wird hierbei von seiner Umwelt unterschieden, worauf im konkreten Fall der Organisation näher eingegangen wird. 10
2.2 Die Grundelemente von sozialen Systemen 11
An die Stelle von biochemischen Prozessen tritt bei sozialen Systemen das Grundelement der Kommunikation. In der Theorie sozialer Systeme wird alles, was nicht Kommunikation ist, in die Umwelt des Systems verbannt, also auch psychische Systeme (unser Denken und Fühlen) und physische Systeme (der Organismus: „Körper“). Denkt man dies in seiner Abstraktheit weiter, bedeutet dies auch, dass man sich (zumindest in der Theorie) von der allgemeingültigen Betrachtungsweise verabschieden muss, dass gewöhnlicherweise Menschen miteinander kommunizieren. Wenn wirklich alles außer Kommunikation selbst nicht Teil des Systems ist, so kann es theoretisch nur die Kommunikation sein, die kommuniziert. 12
In Bezug auf die Fragestellung ist dies daher wichtig, da konsequenterweise in Bezug auf Wissen und Lernen beide Vorgänge nur aufgrund ihrer Kommunikation existent sind, und man
Vgl. Maturana (1970 (1985)), S. 35 f. 10
Ebenso wie die Systemtheorie auf soziale Systeme übertragen werden kann, 11
wird das gleiche theoretische Instrumentarium auch auf psychische Systeme
angewandt. Hierauf soll hier nicht weiter eingegangen werden, es soll jedoch ein
Unterschied gemacht werden zwischen dem psychischen und dem sozialen Sys-
tem.
Vgl. Baecker (2002), S. 11 ff. 12
Enno Dreier Kapitel 2.2 - 9 -
auf der anderen Seite die kommunikativen Prozesse von den psychischen Prozessen trennen muss. Dort wo in der Literatur, die in der Folge als „klassisch“ (im Gegensatz zu „systemisch“) bezeichnet werden soll, von dem Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter gesprochen werden soll, ist dies in der hier gewählten Betrachtungsweise irrelevant, da lediglich die Kommunikation und die Beobachtung der Kommunikation Indikator für Wissen sein kann. Auch das in der klassischen Literatur häufig auftauchende Problem der Weitergabe von Wissen, welches einen Vorgang des Verstehens beim Empfänger zwingend voraussetzt, erfährt durch diese Art der Betrachtung eine neue Bedeutung. Im Gegensatz zu einer klassischen (rationaltheoretischen oder ontologischen) Sichtweise, bei der davon ausgegangen wird, dass eine Person A einer Person B etwas mitteilt und die daraufhin das Gesagte versteht, so wie von Person A beabsichtigt, hat die soziologische Systemtheorie eine andere Beobachtungsmethode gewählt. Da das psychische System lediglich als Umwelt einer Kommunikation verstanden wird, und das System nur direkten Einfluss auf sich selbst ausüben kann, ist das Verstehen reine Glückssache. 13
Die Auswirkungen, die diese neue Sichtweise der Kommunikation mit sich bringt und die auch in dieser Arbeit auszugsweise vorgestellt werden sollen, sind revolutionär. Das Revolutionäre steckt in der Entdeckung der Kommunikation selbst als die entscheidenden Grundeinheit. Kommunikation wird in dieser Theorie (und vielleicht auch zunehmend in der Praxis) nicht mehr nur als Mittel zum Zweck genommen, sondern zum Mittel ihrer selbst ge- Siehezum Beispiel Luhmann (1984), S. 192 oder Baecker (1996 (1999)), S. 13
39.
Enno Dreier Kapitel 2.2 - 10 -
macht, „zum Zweck höherer Beweglichkeiten, intelligenterer Variation, bereitwilligerer Disposition über vermeintliche Sicherheiten“ 14 . Solange kommuniziert wird, d.h. solange Kommunikation ihren Anschluss findet, bleibt ein System bestehen, wird jedoch nicht mehr kommuniziert, hört das System auf zu bestehen - in der Sprache der Biologen ist es tot. 15 Ähnlich einem biologischen System ist auch ein kommunikatives System autopoietisch. Mithilfe der eigenen Elemente der Kommunikation reproduziert sich das System ständig selbst. Dies geschieht in diesem Falle dadurch, dass auf Kommunikationen wieder Kommunikationen aufbauen und so die Kommunikation ihren Anschluss findet. 16
Fritz Simon wählt eine andere Metapher um den Begriff (bzw. die Metapher) „System“ zu beschreiben: das Spiel. Bei einem Spiel und bei einem System gibt es Regeln, die, teils explizit, teils implizit, die Strukturen des Spiels, beziehungsweise Systems, bestimmen. Ein Spiel und ein System funktionieren nicht ohne Spieler, aber können unabhängig von bestimmten Spielern betrachtet werden. 17
Ähnlich einem Spiel, bei dem man die Regeln nicht kennt, wird man auch bei einem Kommunikationssystem unter Umständen
Baecker (1994 (2003)), S. 21. 14
Wobei als Kommunikation natürlich auch nonverbale Kommunikation zu ver- 15
stehen ist - auch das oft erlebte, so genannte „peinliche Schweigen“ zum Bei-spiel bedeutet Kommunikation.
Siehe zum Beispiel Luhmann (1984), S. 296 ff. 16
Vgl. Simon (2004), S. 52. 17
Enno Dreier Kapitel 2.2 - 11 -
keinen Sinn erkennen. Die Spieler eines Spiels jedoch, die die Regeln des Spiels kennen, kennen auch seinen Sinn, beziehungsweise sie konstruieren sich den Sinn zum Spiel. 18 Diese sehr abstrakten Beschreibungen zum Wesen eines Systems werden nun konkretisiert, am Beispiel des Systems der Organisation, welches schließlich eine der Hauptfiguren der vorliegenden Arbeit ist.
2.3 Einführung des Organisationsbegriffs
„Organisationen halten Leute beschäftigt, unterhalten sie bisweilen, vermitteln ihnen eine Vielfalt von Erfahrungen, halten sie von den Straßen fern, liefern Vorwände für Geschichtenerzählen und ermöglichen Sozialisation. Sonst haben sie nichts anzubieten.“ 19
Vgl. Simon (2004), S. 67. 18
Weick (1995a), S. 375. 19
Enno Dreier Kapitel 2.3 - 12 -
Mit diesem Zitat von Karl E. Weick soll ein weiterer Bruch verdeutlicht werden, der die systemische Betrachtungsweise von der klassischen Betrachtungsweise von Organisationen unterscheidet. Organisationen werden hier in erster Linie als ein System sozialer Beziehungen und Kommunikationen betrachtet, nicht als Mittel zum Zweck. Im Folgenden wird nun erst beschrieben, warum diese Einführung von neuen Beschreibungsmöglichkeiten sinnvoll ist und was eine Organisation als System konstituiert. Anschließend werden Entscheidungen als zentrales Element der organisationalen Kommunikation in dem Maße beschrieben, wie es für die Fragestellung sinnvoll und notwendig erscheint. Die Einführung des Organisationsbegriffs schließt damit ab, dass die zentrale Unterscheidung zur Umwelt beschrieben wird, welche in hohem Maße das konstituiert, was innerhalb einer Organisation überhaupt als Wissen oder als lernbar wahrgenommen wird.
2.3.1 Warum das klassische Verständnis gescheitert ist
Es muss für sie [die betriebswirtschaftliche Theorie] die Annahme gemacht werden, dass die Organisation der Unternehmung vollkommen funktioniert. 20
Dieses Zitat aus Erich Gutenberg Habilitationsschrift macht deutlich, dass in der klassischen Betriebswirtschaftslehre die Organisation bewußt aus der Theorie herausgehalten wird. Sie wird als funktionierend angenommen, wobei das klassische Verständnis der Organisation von einem Planungs- und Steuerungsansatz geprägt ist, dem die Organisation als Strukturentwurf für den arbeitsteiligen Aufgabenvollzug folgt. 21 Dem Primat der Planung
Gutenberg (1929 (1988)), S. 26. 20
Vgl. Steinmann and Schreyögg (2000), S. 121. 21
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Enno Dreier, 2004, Organisationale Voraussetzungen für Wissensmanagement - Eine systemtheoretische Perspektive, München, GRIN Verlag GmbH
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