1. Einleitung
Die Aufgabe eines Gesprächs-Psychotherapeuten besteht darin, seinen Klienten, die mit unterschiedlichen Problemen und Schwierigkeiten zu ihm kommen, zu helfen. Doch wie erreicht er Klienten, die mutlos sind und ihre Problem nicht mehr selbst bewältigen können? Wie kann er ihnen helfen, sich seelisch mehr zu entfalten und sich weiter zu entwickeln?
In der Gesprächspsychotherapie wurden Grundhaltungen entwickelt, die zu einer erfolgreichen Therapie führen sollen.
Diese Grundhaltungen und ihrer Begründungen sind Thema dieser Arbeit.
2. Krankheitstheorie der Gesprächspsychotherapie
In der Gesprächspsychotherapie spielt der Begriff „Inkongruenz“ eine zentrale Rolle. Inkongruenz bezeichnet die Widersprüchlichkeit und Unvereinbarkeit zwischen Erlebten und dem Selbstkonzept. Das Selbstkonzept umfasst das Selbstbild und Selbstideal. Bei der Inkongruenz besteht somit ein Konflikt zwischen dem individuellen Selbst, das nach Autonomie strebt, und dem „Rollen-Selbst“, das durch Normen- und Rollenzuschreibungen entsteht. Dieser Konflikt führt zu innerpsychischen Spannungen, die das Individuum z.B. durch „Wahrnehmungsverweigerung“ zu bewältigen versucht. Kann diese Wahrnehmungsblockade nicht mehr voll aufrecht erhalten werden, wird das Selbstkonzept bedroht. Es entsteht ein quälender Leidensdruck, der mit Angst, Depressionen und Desorganisation einhergehen kann. 1
3. Ziel der Gesprächspsychotherapie
Auf dem Hintergrund der Krankheitstheorie lässt sich das Ziel der Gesprächspsychotherapie benennen. Es geht in erster Linie nicht um die Beseitigung der Symptomatik, die für den Klienten oft Anlass ist, eine Behandlung aufzusuchen. Die Gesprächspsychotherapie strebt vielmehr eine Entwicklung der Persönlichkeit an. 2 Vorrangiges Therapieziel ist die
1 vgl. Finke, 1994, S. 105ff
2 vgl. Finke, 1994, S. 8f
2
Aufhebung der Inkongruenz und der damit verbundenen innerpsychischen Spannungen. Im Therapieprozess werden die verschütteten Selbstheilungs- und Selbstaktualisierungskräfte freigelegt. Der Klient entwickelt durch die Freisetzung dieser Kräfte mehr Autonomie, Selbstakzeptanz und Selbstachtung, Bewusstheit gegenüber seinem Erlebten, Flexibilität und mutige Kreativität. 3
4. Entwicklung der Grundhaltungen
Die Gesprächspsychotherapie wurde zunächst unter der Bezeichnung „nicht-direktive Beratung“ gegründet. Das bedeutet, dass sich der Therapeut jeder direkten Lenkung des Klienten enthalten sollte. So sollte er beispielsweise keine Ratschläge erteilen. Auch j ede indirekte Beeinflussung durch z.B. wertende Kommentare sollte nicht stattfinden. Statt dessen sollte sich der Therapeut in die innere Welt des Klienten einfühlen und ihn verstehen. Man ging von der Grundannahme aus, jeder Mensch habe die Tendenz zur Selbstentfaltung und zur konstruktiven Autonomie, die durch eine akzeptierende, bejahende, verständnisvolle und einfühlsame Grundhaltung des Therapeuten nur angeregt werden müsse. 4
In den 50er Jahren gab es dann heftige Diskussionen über die „nicht-direktive Beratung“. Daraus entstand die „klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie“, in dessen Zentrum die Auseinandersetzung des Klienten mit seiner eigenen Gefühlswelt stand. Der Therapeut sollte dem Klienten zu einer höheren Selbstwahrnehmung und Reflexion seiner Gefühlswelt verhelfen. 5 Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die drei Basisvariablen von Carl Rogers, Kongruenz, Akzeptanz und Empathie als notwendige Grundhaltung des Therapeuten als notwendige und hinreichende Bedingung angesehen. 6
Ab den 60er Jahren entwickelten sich aus den Grundhaltungen und Basisvariablen der Schwerpunkt der therapeutischen Intervention auf den intensiven Kontakt zwischen Therapeut und Klient, aber auch insbesondere den Kontakt des Klienten zu sich selbst. Das heißt, dass der Therapeut den Klient in seinem Erleben, seinen Gefühlen und Wahrnehmungen fördern sollte. 7
3 vgl. Kriz, 1994, S. 207f
4 vgl. Finke, 1994, S. 1
5 vgl. Kriz, 1994, S. 199
6 Pallasch, 1993, S. 20
7 vgl. Kriz, 1994, S. 199
3
5. Grundhaltungen des Gesprächs-Psychotherapeuten
Carl Ransom Rogers (1902 - 1987), der als Begründer der Gesprächspsychotherapie gilt, konnte durch seine Forschungen belegen, dass der Erfolg einer Therapie nicht ausschließlich darauf beruht, welche Methode angewandt wurde. Er stellte die Wichtigkeit der Art der Verbindung zwischen Klient und Therapeut in den Vordergrund. Diese Verbindung sollte von Echtheit (Kongr uenz), Akzeptanz (bedingungsfreie Wertschätzung) und Empathie (einfühlendes Verstehen) geprägt sein. 8
5.1 Kongruenz
„Kongruenz“ wird mit Eigenschaftsbegriffen wie „Echtheit“, „Offenheit“, „Real -Sein“ und „Ohne-Fassade-Sein“ beschrieben. Der Begriff Kongruenz bezeichnet sowohl einen innerpsychischen Zustand im Sinne einer überdauernden Persönlichkeitseigenschaft, als auch das Verhalten, in welchen sich eine solche Eigenschaft ausdrücken kann. 9 Äußerungen, Verhalten, Maßnahmen, Gestik und Mimik des Gesprächs-Psychotherapeuten stimmen weitgehend mit seinem inneren Erleben, Gefühlen, Einstellungen und Denken überein. Der Therapeut verstellt sich nicht und ist bereit, das zu sein und sich so zu verhalten, wie er wirklich ist. Wenn Äußerungen und Handlungen einer Person mit ihren Gefühlen und Einstellungen übereinstimmen, dann wird sie meist kein professionelles Gehabe und keine Fassade haben. Das bedeutet auch, dass der Gesprächs-Psychotherapeut seinen eigenen Gefühlen gegenüber offen ist und sich mit ihnen auseinandersetzt. Zugleich öffnet er sich gegenüber seinem Klienten in hilfreicher Weise. Er teilt vieles von dem mit, was er innerlich fühlt und denkt, soweit dies für seinen Klienten und ihre Beziehung miteinander bedeutsam ist. Durch diese Offenheit des Therapeuten wird die Kongruenz, das Echtsein, vertieft. 10
Die Kongruenz des Gesprächs-Psychotherapeuten ermöglicht Vertrauen auf Seiten des Klienten, da er transparent wird. Nur ein solches Vertrauen ermöglicht es dem Klienten, sich zu öffnen und sich seiner eigenen Person selbsterforschend zuzuwenden. 11 Der Klient wird durch die Offenheit des Therapeuten angeregt, auch in seinem Verhalten offener und echter
8 vgl. http://www.medizinfo.de/psychotherapie/konflikt/gespraechspsychotherapie.shtml
9 vgl. Alterhoff, 1994, S. 106
10 vgl. Tausch, 1979, S. 86
11 vgl. Kriz, 1994, S. 205
4
Arbeit zitieren:
Diplom-Sozialpädagoge Benjamin Kriwy, 2004, Die Grundhaltung des Gesprächs-Psychotherapeuten und ihre Begründungen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Qualitätsmanagement: Chancen und Risiken für die Professionalisierung ...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 37 Seiten
Wissenschaftstheoretische Untersuchung gegenwärtiger Theorien zur LRS
Magisterarbeit, 149 Seiten
Luhmann - Risiken der Gesellschaft
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 6 Seiten
Was unterscheidet Wissenschaft und Alltag? Die Kriterien von 'Wiss...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 12 Seiten
When can children be said to have a theory of mind?
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Essay, 7 Seiten
Die Persönlichkeitskonstrukttheorie von George Kelly
Theorie, Forschungsmethode, Ve...
Psychologie - Persönlichkeitspsychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Kurzvortrag Humboldt - Die Bildung des Menschen
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Referat (Ausarbeitung), 15 Seiten
Wissenschaftliche Psychologie und Popularpsychologie
Ein Vergleich
Psychologie - Grenzgebiete, Hilfswissenschaften
Hausarbeit, 9 Seiten
Büchners Lenz - Eine vollgütige klinische Pathographie
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Darstellung von Migranten in den Medien
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 18 Seiten
Case Management - Ein neues Berufsfeld im Gesundheitswesen
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Hausarbeit, 26 Seiten
Komplexe Lehr-Lernarrangements
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Seminararbeit, 21 Seiten
Mensch und Gesundheit - Theorien von Gesundheit und Krankheit
Hausarbeit, 14 Seiten
Die Methode der klientenzentrierten Beratung nach Carl R. Rogers
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Benjamin Kriwy hat den Text Die Grundhaltung des Gesprächs-Psychotherapeuten und ihre Begründungen veröffentlicht
Benjamin Kriwy hat einen neuen Text hochgeladen
Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie
Modelle psychischer Störungen
Hans Reinecker
Fallbuch zur Klinischen Psychologie und Psychotherapie
Rolf-Dieter Stieglitz, Urs Baumann, Meinrad Perrez
Klinische Psychologie: Psychische Störungen kompakt
Mit Online-Materialien
Martin Hautzinger, Elisabeth Thies
Klinische Psychologie des Internet
Klinisch-psychologische und ps...
Ralf Ott, Christiane Eichenberg
0 Kommentare