Das Motiv der zwei Welten
Seite I
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Phantastik 1
2.1 Gattungsmerkmale 1
2.2 Popularität der Phantastik 4
3 Wege in die „Anderswelt“ 7
4 Die Funktion der Sekundärwelt 8
4.1 Der Protagonist in der realistischen Ebene 8
4.2 Der Protagonist in der imaginären Ebene 9
4.3 Gesellschafts- und Sozialkritik 13
5 Zusammenfassung 14
6 Literaturverzeichnis 15
6.1 Primärliteratur 15
6.2 Sekundärliteratur 15
1 Einleitung
In Büchern über „Computer und virtuelle Realität als Gegenstand der Kinder und Jugendliteratur“ stößt man häufig auf eine Sekundärwelt im Handlungsstrang. Dieses Phänomen ist jedoch auch schon aus früheren Werken bekannt, noch lange bevor Computer den Weg in die Literatur gefunden haben. Auch in der Erwachsenenliteratur ist dieses Zwei-Welten-Motiv anzutreffen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll aber auf der Kinder- und Jugendliteratur liegen. Da sowohl die Grenzen zwischen Kinder- und Jugendliteratur, als auch die zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur häufig verschwimmen, sollen jedoch auch wenigstens ansatzweise Aspekte aus der Erwachsenenliteratur Erwähnung finden.
Woher solche Sekundärwelten stammen, wie sie realisiert und umgesetzt werden und welche Funktionen sie in den jeweiligen Texte erfüllen, soll im ersten Teil dieser Arbeit ergründet werden.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird auf eine Unterscheidung der Geschlechter verzichtet. Wenn die Rede von „dem Leser“ oder von „dem Protagonisten“ ist, so ist in gleicher Weise „die Leserin“ oder „die Protagonistin“ gemeint, wobei dem keine Wertung beigemessen sein soll.
2 Phantastik
2.1 Gattungsmerkmale
Vor der genaueren Betrachtung des „Zwei-Welten-Motivs“ scheint es sinnvoll, sich zunächst die Gattung der phantastischen Literatur näher zu anzuschauen, aus dem dieses Motiv hervorgeht.
Da Gattungsdefinitionen niemals eindeutig sind und sich vor allem kaum ein Werk genau in ein Schema einer bestimmten Gattung einpassen lässt, kommt es unweigerlich zu Uneinigkeiten zwischen Literaturwissenschaftlern, welche Texte einer bestimmten
Gattung angehören und welche nicht. Nicht anders verhält es sich bei der Phantastik, was schon an den unterschiedlichen Definitionen zu erkennen ist. So schließt Wolfgang Meißner beispielsweise Lewis Carrolls Alice im Wunderland, das häufig als das phantastische Kinderbuch bezeichnet wird, aus der Gattung der phantastischen Literatur aus, da sich am Ende die phantastischen Elemente als Täuschung herausstellen 1 . Da in dieser Arbeit das Zwei-Welten-Motiv im Vordergrund stehen soll, halte ich Abstand von genaueren Differenzierungen der Gattungszugehörigkeit und ordne auch solche Werke unter den Oberbegriff der phantastischen Literatur ein, die eindeutig phantastische Elemente enthalten.
Die Gemeinsamkeit der meisten Definitionen der Phantastik liegt schließlich im „unerklärlichen Einbruch des Übernatürlichen in die Natur“ 2 . Hierin unterscheidet sich die Phantastik vom Märchen oder auch von der Fantasy. In dieses Genres verläuft die gesamte Handlung in einer Welt, „die außerhalb der Wirklichkeit liegt“ 3 . So wundert sich beispielsweise Rotkäppchen nicht darüber, dass Wölfe sprechen können und in Tolkiens Herr der Ringe nehmen es die Hobbits selbstverständlich hin, dass Gandalf ein Zauberer ist.
„Das Phantastische hingegen schildert den Einbruch des Wunderbaren in die Wirklichkeit.“ 4 Für die Handlungsfiguren tut sich eine befremdliche Welt auf, sie „staunen über nicht rational erklärbare Vorgänge“ 5 .
Aus diesem Grund können auch die sogenannten „Wirklichkeitsmärchen“ von E.T.A. Hoffmann oder Ludwig Tieck zur phantastischen Literatur gezählt werden, da sie eben nicht in einer Märchenwelt spielen, sondern „ein phantastisches Geschehen mitten in der zeitgenössischen Alltagswirklichkeit situieren und mit den Übergängen von Alltäglichem und Wunderbarem, Natürlichem und Über-Natürlichem ein raffiniertes Spiel treiben“ 6 .
1 Vgl. Meißner, Wolfgang: Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Würzburg 1989, S. 71 2 Vax, Louis: Die Phantastik. In: Zondergeld, R. A. (Hrsg.): Phaïcon 1. Almanach der phantastischen Literatur Frankfurt 1974, S. 12 3 Seeßlen, Georg; Weil, Claudius: Kino des Phantastischen. Geschichte und Mythologie des Horror-Films. Reinbek 1980, S. 37 4 Ebd.
5 Kaulen Heinrich: Wunder und Wirklichkeit. In: JuLit. Arbeitskreis für Jugendliteratur. Information 1/04, S. 13 6 Ebd. S. 16
So sprechen viele Definitionen auch von einer „Zweidimensionalität der dargestellten Wirklichkeit“ 7 , einer „Literatur der zwei Handlungskreise“ 8 oder „der Gegenüberstellung zweier verschiedener 'Welten' [als] das entscheidende Merkmal des Phantastischen“ 9 . Diese zwei Welten unterscheiden sich vor allem dadurch, dass die eine Welt meist auf einer „mit den Gesetzmäßigkeiten des logisch-empirischen Denkens übereinstimmenden Wirklichkeit“ 10 aufbaut, dem Leser also möglichst realistisch und alltagsnah erscheint. In diese Primärwelt bricht nun eine Sekundär- beziehungsweise Anderswelt oder ein zweiter Handlungskreis ein, der „im Widerspruch zu der empirisch-rationalen, naturwissenschaftlich geprägten Welterfahrung“ 11 steht. Nach Peter Cersowsky kann es sich „in der Tat [um] Manifestationen einer 'zweiten', unabhängig vom Betrachter bestehenden übernatürlichen Welt“ 12 handeln oder aber um „Traumgebilde, Vorspiegelungen des Wahnsinns oder andere Formen halluzinatorischer Spiegelungen des Bewußtseins, eben [um] bloße Phantasiegebilde“ 13 .
In der Kinder- und Jugendliteratur ist das Zusammentreffen der zwei Welten meist problemloser gestaltet und erscheint weniger als Bruch oder als unbegreiflich als in der Erwachsenenliteratur 14 .
Außerdem kann unterschieden werden, wie sich diese zwei Welten begegnen, beziehungsweise wie sich der Wechsel von der einen zur anderen Handlungsebene vollzieht. Besonders in phantastischen Kinderbüchern beschränkt sich diese Begegnung meist darauf, dass Figuren oder Requisiten aus einer Sekundärwelt in der primären Handlungsebene auftauchen 15 , wie beispielsweise in Paul Maars Eine Woche voller Samstage. Einen Grund hierfür sieht Meißner darin, „daß sich die Struktur des Phantastischen analog zur kindlichen Entwicklung herausbildet“ 16 . Erst mit zunehmender An-
7Ebd. S. 14
8 Marzin, Florian F.: Die phantastische Literatur. Eine Gattungsstudie. Frankfurt/Bern 1982, S. 116 9 Meißner, S. 14 10 Ebd. S. 64 11 Marzin S. 127 12 Cersowsky, Peter: Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts: Untersuchungen
zum Strukturwandel des Genres, seinen geistesgeschichtlichen Vorraussetzungen und zur Tradition
der „schwarzen Romantik“. 2. unveränd. Aufl. München 1989, S. 18 13 Ebd.
14 Vgl. Meißner, S. 106 15 Ebd.
16 Ebd. S. 65
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Jochen Haug, 2004, Das Motiv der zwei Welten - unter besonderer Berücksichtigung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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