OLHGHUXQJ
(LQOHLWXQJ
DQGOXQJVWKHRULHDOV UXQGODJHGHU6R LDOZLVVHQVFKDIWHQ
2.1. Handlungstheorie ein geschichtlicher Abriß 2
2.2. Handlungstheorien im Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft 5
3KlQRPHQRORJLH
3.1. Erläuterungen zum Begriff der Phänomenologie 7
3.2. Phänomenologische Analyse 8
DQGHOQDOV:LUNOLFKNHLWVYHUlQGHUXQJXQGDOV HZX WVHLQVOHLVWXQJ
4.1. Erleiden und Tun 9
4.2. Die Konstitution von Sinn im Handeln 10
HU6LQQJHEXQJVSUR H LP(UOHLGHQ7 S
HU6LQQJHEXQJVSUR H LP7XQ7 S
4.3. Sinn als Relation 12
DV9HUVWHKHQYRQ DQGOXQJHQ
5.1. Elementare Axiome 13
5.2. Deutungsschema für das Handeln anderer 14
5.3. Handeln und Verhalten 15
DQGHOQLQGHU:HOWXQG DQGHOQLQGLH:HOW
LH HLWXQG6LQQVWUXNWXUYRQ DQGHOQ
7.1. Die Zeitperspektive des Entwurfs 18
7.2. Die Zeitperspektive des Handlungsvollzugs 19
7.3. Die Sinnstruktur des Handlungsvollzugs 20
7.4. Der Zeit und Sinnzusammenhang von Entwürfen 21
HU DQGOXQJVHQWZXUI
8.1. Entwurf als praktische Utopie 22
8.2. Entwurf als Denkakt aus Bausteinen 23
8.3. Entwerfen nach dem Baukastenprinzip 25
8.4. Die Wahl zwischen Entwürfen 27
(LQOHLWXQJ
Der Alltag eines Menschen ist geprägt von einer Fülle unterschiedlicher Handlungen. Es gibt kleine routinisierte Handlungen, wie Wecker stellen, Zähne putzen oder Kaffee kochen und große bedeutungsvolle Handlungen, wie eine Hochzeit, eine Bergbesteigung oder die Fertig- stellung einer wissenschaftlichen Arbeit. Auch wenn nicht alles im menschlichen Leben Han- deln ist, so besteht doch das elementare Grundgerüst jeden Tages im Prinzip aus einer Anei- nanderreihung von Handlungen. Diese Verkettung, mit welcher sich der Mensch tagtäglich konfrontiert sieht, wird oft in ihrer Bedeutung nicht bewußt wahrgenommen: im Zusammen- leben von Mitgliedern einer Gesellschaft PX der Mensch zum Überleben handeln. Ein Leben mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit ist denkbar, ein Tag gänzlich ohne Handlungen da- gegen bleibt allein der Phantasie vorbehalten. Wir leben mit anderen Menschen, handeln für oder gegen andere. Die menschliche Gesellschaft kann aus diesem Blickwinkel auch als kon- kreter Handlungszusammenhang von Mitmenschen betrachtet werden und ist bereits - entste- hungsgeschichtlich gesehen - das Ergebnis einer langen Handlungsfolge.
Es ist schwierig, die Komplexität menschlichen Handelns zu beschreiben und in Worte zu fassen. Diese Arbeit möchte trotzdem den Versuch wagen, das soziale Handeln als eine alltäg- liche Leistung in ihren Grundzügen zu umreißen. Im ersten Teil sollen die wichtigsten Grund- lagen einer Beschäftigung mit menschlichem Handeln benannt werden - im Vordergrund ste- hen hierbei v.a. Aussagen zur Begrifflichkeit und ein kurzer geschichtlicher Abriß der Hand- lungstheorie.
Der Schwerpunkt der Arbeit befaßt sich mit der Theorie des sozialen Handelns von Luck- mann - hier soll ein möglichst differenziertes Bild der Handlungsstruktur sowie des Hand- lungsvollzugs in seinen Grundzügen entwickelt werden.
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Ã+DQGHOQPDFKWQLFKWLPPHU*HVFKLFKWHDEHUHVPDFKW*HVHOOVFKDIWµ (Luckmann 1992). Menschliche Gesellschaften haben eine Geschichte und stehen jeweils an der Spitze eines langen Entwicklungsprozesses. Zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den komple- xen Zusammenhängen von gesellschaftlichem Handeln ist viel an Rüstzeug aus unterschiedli-
chen Disziplinen notwendig: u.a. beispielsweise Wissen aus der Anthropologie zur Einschät- zung von instinkthaften Elementen menschlichen Lebens oder auch historische Fakten zur Vielfalt gesellschaftlicher Entwicklungen.
Das Fundament einer allgemeinen Gesellschaftstheorie bilden jedoch die soziologische Insti- tutionenlehre und Handlungstheorie, die sich in einem Spannungsverhältnis zueinander befin- den. Ã'LHVHEHLGHQ (FNSIHLOHUVLQGPLWWKHRUHWLVFKHU1RWZHQGLJNHLWDXIHLQDQGHUEH]RJHQ,Q VWLWXWLRQHQHQWVWHKHQLP+DQGHOQXQGHLQPDOHQWVWDQGHQVWHXHUQVLH+DQGHOQLKUHUVHLWVYHU PLWWHOVYHULQQHUOLFKWHU1RUPHQXQGlXHUHU=ZlQJHµ(Luckmann 1992). Handlungsvorgänge - in ihrer Bedeutung als Grundlage des gesellschaftlichen Daseins begrif- fen - befinden sich demzufolge in jeder sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung im Fo- kus der Aufmerksamkeit. Das gesamte Handlungsspektrum zwischen alltäglichen Gewohn- heitshandlungen und bedeutungsvollem einmaligem Handeln scheint hierbei von besonderem Interesse zu sein.
Wissenschaften, die soziales Handeln in Gesellschaften interpretieren, müssen bei der De- skription alltäglicher Wirklichkeit ansetzen. Sie bildet das soziale Fundament, auf welchem menschliches Handeln stattfindet. Um Erklärungen für das Entstehen von Gesellschaft als Lebenszusammenhang zu finden, ist demnach eine Beschreibung von Handeln als alltägliche Leistung notwendig. Das heißt konkret: Will man gesellschaftliche Entstehungszusammen- hänge klären, muß man sich in einem ersten Schritt mit den grundsätzlichen Prinzipien und Bestandteilen von Handlungen beschäftigen.
+DQGOXQJVWKHRULHHLQJHVFKLFKWOLFKHU$EUL
Als Handlungstheorie läßt sich eine Ã*UXSSH VR]LR
ORJLVFKHU7KHRULHQEH]HLFKQHQGLHLKUJHPHLQVDPHV 0HUNPDO GDULQ ILQGHQ GD VLH JHVHOOVFKDIWOLFKH 6\VWHPH DXI VR]LDOHV +DQGHOQ LQ VR]LDOHQ 6LWXDWLR QHQ ]XUFNIKUHQ (vgl.Abbildung 1) XQGGDEHL 2U JDQLVDWLRQHQ ,QVWLWXWLRQHQ XQG VR]LDOH 6WUXNWXUHQ DXV GHU 3HUVSHNWLYH VR]LDOHU $NWHXUH ]X HUVFKOLHHQ YHUVXFKHQ‘ (vgl. Abbildung 2, Fachlexi- kon der sozialen Arbeit 1986).
Blickt man zurück in die Geschichte der Handlungstheorie, lassen sich verschiedene Hauptent- wicklungslinien der systematischen Beschäftigung mit den oben genannten Grundfragen des menschlichen Handelns herauskristallisieren (vgl. Abbildung 3). In der Entdeckung der Person als Grund des Handelns durch den griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) wird die Geburtsstunde der Handlungstheorie vermutet. Die Hauptaspekte seiner Nikomachischen Ethik beziehen sich zum einen auf die Erkenntnis der Wahlfreiheit der Person zur Entscheidung von Zwecken und Mitteln einer Handlung. Weiterhin proklamiert er die Zurechnungsfähigkeit einer Person, die er als zureichenden Grund des Handelns ansieht.
Diese kritische Auseinandersetzung mit der Verantwortungszuschreibung einer Handlung ließ bald darauf den Gedanken aufkommen,
wie sich denn diese Ã:DKOIUHLKHLW GHV KDQGHOQGHQ 0HQVFKHQ PLW GHU $QQDKPH HLQHU GXUFKJHKHQGHQ %HVWLPPWKHLW GHV :HOWJHVFKHKHQVµ (Luckmann 1992) ver- tragen würde. Dieser Gedanke bewegte vor allem die frühe und später die mit- telalterliche christliche Theologie und streute seine Ausläufer (mit der zent-
ralen Frage: ‚:LHNDQQGHU6FK|SIHU *RWWGDV%|VH]XODVVHQ"‘) sogar bis in die Neuzeit hin zu Luther, Calvin und der katholischen Theologie und Religionsphilosophie.
Im 16. Jahrhundert findet eine ‚moder-
individuelle Mensch, der in einem weltlichen Staat, einer Gesellschaft, handelt. Schlüsselfigur dieser neuen Perspektive, d.h. Begründer einer handlungstheoretisch ausgerichteten Sozial- wissenschaft, ist Nicolo Machiavelli (1469 - 1527). In seinen systematischen Analysen von Macht und Herrschaft kommt er zur Kernaussage seiner Forschungsarbeit. Überzeugt, daß (v.a. politisches) Handeln von unterschiedlichen (v.a. religiösen) Motiven geleitet wird, arbei- tet er in seinem Hauptwerk ‚Il Principe‘ (1513) Strategien zu einem ‚HUIROJUHLFKHQSROLWLVFKHQ +DQGHOQRKQH%HUFNVLFKWLJXQJPRUDOLVFKHU3ULQ]LSLHQ‘ (Luckmann 1992) heraus.
Ungeachtet einer näheren Beschreibung weiterer handlungstheoretischer Entwicklungen in der Geschichte mit all ihren großen Denkern soll im Rahmen dieser Arbeit ein zeitlicher Sprung ins 18. und 19. Jahrhundert vollzogen werden. Hier bestand wissenschaftliches Inte- resse am individuellen Handeln nur in zweiter Linie, das gesellschaftlich Ganze trat als das eigentlich Wirkliche in den Mittelpunkt theoretischer Denkrichtungen. Die kollektivistische Zentrierung der Hauptströmungen auf die gesellschaftliche Gesamtheit läßt individuelles Handeln völlig in den Hintergrund rücken. Als Anhänger dieser Konstruktion von gesell- schaftlicher Ordnung können hier auszugsweise Auguste Comte (1798 - 1857), Charles Dar- win (1809 - 1882), Karl Marx (1818 - 1883) und später im Übergang zum 20. Jahrhundert auch Emile Durkheim (1858 - 1917) und seine Schule genannt werden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß sich in der jahrhundertelangen wissen- schaftlichen Auseinandersetzung mit den Grundfragen gesellschaftlichen Daseins vor allem zwei Hauptströmungen herauskristallisiert haben: eine eher handlungstheoretische Denktradi- tion steht einer vornehmlich kollektivistisch orientierten Theorie gegenüber.
Mit Max Weber‘s (1864 - 1920) YHUVWHKHQGHU6R]LRORJLH gelangt dieses umstrittene Verhältnis zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlicher Ordnung zu einer Art Ausgleich. As- pekte des methodologischen Individualismus und ein grundsätzliches Verständnis der gesell- schaftlichen Folgen individuellen Handelns verband er stimmig mit seinem historischen Inte- resse an der Totalität gesellschaftlicher Ordnung sowie den Rahmenbedingungen sozialen Wandels. Durch die Verschmelzung dieser verschiedenen Perspektiven zu einer homogenen Theorie des sozialen Handelns konnte er der Soziologie eine systematische handlungstheore- tische Grundlage schaffen.
+DQGOXQJVWKHRULHQLP6SDQQXQJVYHUKlOWQLVYRQ,QGLYLGXXPXQG*HVHOOVFKDIW
Die Beschäftigung mit Handeln als sozialer Kategorie findet immer in ei- nem Spannungsverhältnis zwischen zwei Polen statt: dem individuellen Handeln auf der einen Seite steht die gesellschaftliche Ordnung andererseits gegenüber. Je nach theoretischen Grundüberlegungen bezieht sich der Schwerpunkt einer Handlungstheorie demnach entweder auf die Bedeutung des individuellen Handelns innerhalb gesellschaftlicher Strukturen oder auf die Auswirkungen sozialer Rahmenbedingungen auf die Handlungsorientierung der Mitglieder einer Gesellschaft.
In der aktuellen handlungstheoretischen Diskussion innerhalb der Soziologie lassen sich vor allem drei Hauptströmungen benennen, die ihre jeweils eigene Position innerhalb des be- schriebenen Spannungsverhältnisses einnehmen (vgl. Abbildung 4).
Der V\PEROLVFKH,QWHUDNWLRQLVPXV von George Herbert Mead (1863 - 1931) sieht Gesellschaft und ihre Strukturen vor allem als ein Produkt sozialer Akteure, wobei die Frage nach dem objektiven Charakter sozialer Integration, ‚GHPQLFKWLQVXEMHNWLYH,QWHQWLRQHQDXI]XO|VHQGHQ
REMHNWLYHQ *HKDOW VR]LDOHU 6WUXNWXUHQµ (Fachlexikon der sozialen Arbeit 1986), offenbleibt.
Normative Ordnungen versucht Mead als Resultat individuellen (sprachlich und symbolhaft vermittelten) Handelns transparent zu machen. Den Leitsätzen des Symbolischen Interaktio- nismus zufolge wird individuelles soziales Handeln als ein Vorgang verstanden, der Gesell- schaft produziert.
In der soziologischen Theorietradition beschreiten der 6WUXNWXUIXQNWLRQDOLVPXV und die 6\V
WHPWKHRULH mit der Einnahme einer eher gesellschaftlichen Perspektive als Ausgangspunkt den
entgegengesetzten Weg. Der Akzent der Theorie verlagert sich auf die Konzeption normativ strukturierten Handelns und legt damit eher objektivistische Interpretationen nahe, einen Weg, den Talcott Parsons (1902 - 1979) beschritten hat. Parsons versucht, Integration sozialer Ord- nung, ÃDXVJHKHQGYRQGHQ+DQGOXQJVRULHQWLHUXQJHQGHU$NWHXUHEHUGLHQRUPDWLYH'LPHQ
Quote paper:
Ulrike Roppelt, 1998, Theorie des sozialen Handelns (Thomas Luckmann), Munich, GRIN Publishing GmbH
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