Die Reflexion des Theaters in der Aufführung "Das Käthchen
von Heilbronn" am Deutschen Theater (Nicolas Stemann)
von: Janine Dahlweid
3. Semester
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Schauspielstil 2
2.1 Die Funktion des Schauspielers 3
2.2 Die Mittel des Schauspielers 5
3. Kostüme und Requisiten 7
4. Bühne 8
5. Zuschauer 11
6. Schlussbemerkung 13
1. Einleitung
In der Aufführung „Das Käthchen von Heilbronn“ im Deutschen Theater wird der Zusammenhang zwischen Liebe, Vertrauen und Erfassen der Wahrheit durch Inhalt und Darstellung thematisiert. Es geht um die Erkenntnisfähigkeit mit Hilfe der sinnlichen Wahrnehmung, um die geheimnisvolle Spannung zwischen Traum und Wahrheit, Illusion und Wirklichkeit, Glauben und Wissen. Wie gelangt der Mensch zur Wahrheit? Kann er seinen Sinnen trauen? Wieviel Wahrheit birgt der Traum? Inhaltlich wird der Konflikt zwischen Wirklichkeit und Illusion vor allem an zwei gegensätzlichen Figuren verdeutlicht: Käthchen und Kunigunde.
Käthchen erfährt durch einen Traum, in dem es von einem Cherub geführt wird, dass es Friedrich Wetter heiraten wird. Von der Wahrhaftigkeit dieses Traumes überzeugt, folgt es dem Graf en gegen seinen Willen fortan in völlig er Ergebenheit. Nichts kann Käthchen davon abhalten – nicht, dass der Graf es erniedrigt, es beispielsweise vor ihm knien muss, und auch nicht, dass es von ihm mit Füßen getreten wird oder der Graf ihm Schläge mit der Peitsche androht. Es schreckt nicht davor zurück, für ihn durch das Feuer zu laufen und wird von Engeln gerettet. Lieben, Vertrauen und Glaube n sind hier auf sonderbare Weise miteinander verknüpft, denn diesen gemeinsam scheint die „Vernebelung der Sinne “ zu sein. Die Figur des Käthchens verkörpert eine naive Haltung gegenüber der Wirklichkeit, denn ihre Annahmen über sie sind nicht gesichert, sie hinterfragt nicht und weiß nichts über die trügerische Kraft der sinnlichen Wahrnehmung, weshalb sie an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben kann. Die intrigante Kunigunde hingegen weiß um die leichte Illusionierbarkeit der Sinne und nutzt diese au s. Mit Hilfe ihres künstlichen mosaischen Körpers b ringt sie zuerst den Burggraf, dann den Rheingraf und schließlich Graf Wetter dazu, sich in sie zu verlieben, um sich jeweils mit einem zu verbünden und gegen einen anderen in den Krieg zu ziehen. Die Aufdeckung des Betruges durch den Burggraf, dann durch den Rheingraf bedeutet immer Desillusionierung und Zerstörung von Liebe und Vertrau en, so dass Kunigunde ein Ziel der Rache ihrer ehemaligen betrogenen Liebhaber wird. Auch hier sind Liebe, Vertrauen und Glauben miteinander verbunden.
Nicolas Stemann gelingt es in seiner Inszenierung des „Käthchens“, den Zuschauer in den Dualismus von Wirklichkeit und Illusion einzubeziehen, indem er das illusionistische Instrumentarium des Theaters zur Schau stellt. Zu Beginn der Aufführung fordert Frank Seppeler respektive Graf Wetter vom Strahl das Publikum auf, ihm die drei Wörter „Ich lieb e dich“ zu sagen. Danach verlangt er Vertraue n von Seiten des Publikum s, da auch er ihm Vertrauen entgegen bringe. Nach und nach treten die anderen Schauspieler Peter Pagel (Gottschalk), Thomas Schmidt (Burggraf) und Michael Schweighöfer (Rheingraf) auf die Bühne und betonen: „Denken Sie daran, was Sie mir versprochen haben!“ und fordern ebenfalls Vertrauen vom Publikum . Alle Schauspieler wiederholen di ese Sätze und sprechen durcheinander. Zum Schluss erscheinen auch Aylin Esener (Kunigunde) und Christine Schorn (Gräfin Helena) auf der Bühne, um Vertrauen einzufordern. Zunächst irritieren diese Sätze, doch im Laufe der Aufführung wird die Bedeutung klar, vor allem bei der Wiederholung dieser Forderungen im letzten Drittel der Aufführung, als ein Teil des Publikum s, der Chor, den Zuschauerraum verlässt. Mit dem Besuch der Theateraufführung lässt der Zuschauer sich auf die Illusionierung durch das Schauspiel ein, er muss sich in gewisser Weise hingeben, den Verstand ausschalten und der Wahrnehmung vertrauen. Dasselbe passiert beim Verlieben: Wer liebt, der vertraut und glaubt dem Partner, ohne seine eigene Wahrnehmung kritisch zu prüfen. Ode r umgekehrt: nur wer vertraut und seinem Gegenüber glaubt, gibt sich der Liebe hin. Die Zuschauer werden aufgefordert, die Schauspieler zu lieben, weil sie ihnen das Schauspiel glauben sollen, ohne es für Theater zu halten. Genau genommen i st es ein Paradox, denn in seiner Inszenierung offenbart Stemann die Theatersituation und der Zuschauer wird zwischen Illusion der Handlung und Erkennen des Theatermachens hin- und hergeworfen. Mit der Erkenntnis, dass die Illusion durch verschiedene Mittel des Theaters herbeigeführt wird, glaubt der Zuschauer dem Spiel nicht mehr, er misstraut ihm. Genau diese Mittel versucht Stemann in der Inszenierung zu reflektier en. Dem Zuschauer soll bewusst werden, welche Techniken angewendet werden, um Illusion zu erzeugen. In dies er Arbeit möchte ich die Selbstreflexion des Theaters in dieser Inszenierung untersuchen, wobei ich zunächst den Schauspielstil auf diese Fr age hin analysiere, dann die Verwendung von Kostümen und Requisiten. Danach ziehe ich di e Reflexion der Bühne auf ihre Wirkungsweise in die Betrachtung hinein und schließlich komme ich auf den Zuschauer zu sprechen.
2. Schauspielstil
Die Schauspieler agieren in einer W eise, dass oft nicht deutlich wird, ob sie als Schauspieler oder als Figur auf der Bühne erscheinen. Ich möchte die Begriffe „Schauspieler“ und „Figur“ an dieser Stelle kurz erläutern: Im zuerst genannten Fall tritt die Theatersituation ins Bewusstsein der Anwesenden, d.h. Schauspieler stellen eine Handlung auf der Bühne für ein Publikum szenisch dar. Dies ist die Realität. Im zweiten Fall herrscht die Illusion, die Ebene der Darstellung sei Wirklichkeit, obwohl Personen, Handlung, Ort und Zeit eigentlich fiktiv sind. Die Zuschauer vergessen für die Zeit de r Aufführung die beschriebene wirkliche Theatersituation – das war da s Konzept des bürgerlichen Illusionstheaters seit dem 18. Jahrhundert, das Nicolas Stemann mit dieser Inszenierung in Frage stellt. Hier vermischen sich Figuren- und Schauspieleridentität. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass Inka Friedrich in der Rolle des Käthchens im Gegensatz zu allen anderen als einzige Schauspielerin konsequent in ihrer Rolle bleibt, so dass zwei konträre Schauspielstile gezeigt werden und sich eine Vergleichsebene eröffnet. Wie reflektieren die Schauspieler ihre Funktion und ihre Mittel, als Figur präsent zu sein?
2.1 Die Funktion des Schauspielers 1
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Janine Dahlweid, 2004, Die Reflexion des Theaters in der Aufführung "Das Käthchen von Heilbronn" am Deutschen Theater unter der Regie von Nicolas Stemann, Munich, GRIN Publishing GmbH
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