On what there is - Zur Rolle der Sprache als erkenntnistheoretischem Funda- ment der Wahrnehmung sozialer Welt in der Theorie Pierre Bourdieus
0. Abstract
In dieser Arbeit soll die von Bourdieu in verschiedenen Werken gegebene Charakterisierung von Sprache als Instrument und Ergebnis der Erzeugung sozialer Distinktion nachgezeichnet und anschließend hinsichtlich ihrer Relevanz für die Grundlagen sozialen Wissens bzw. Wis- sens um die soziale Welt untersucht werden.
Bourdieu zufolge ist festzuhalten, daß sowohl die Art der Eigen- und Fremdwahrnehmung der Akteure im sozialen Raum (d.h. für den Habitus) als auch das, was es in diesem Raum über- haupt gibt (Entitäten im weitesten Sinne verstanden; Strukturen, Probleme etc.) 1 , was von den Akteuren als existent wahrgenommen wird 2 , von zwei Faktoren abhängt, nämlich erstens da- von, welche Akteure aus welchen Feldern die herrschende Klasse im Feld der Macht bilden und damit in der Lage sind, ihre ´Sicht der Dinge` zu artikulieren, und zweitens davon, ob diese Sicht auch von den anderen Akteuren als die richtige und damit legitime anerkannt wird. Erst dann, wenn beiden Faktoren Genüge getan ist, können künftige Benennungsakte erfolg- reich verlaufen.
Diese Deutung der Konstruktion sozialer Welt bedeutet für Bourdieus Ansatz, daß, da es die Sozialwissenschaften immer mit schon Benanntem zu tun haben 3 , für den Fall, daß sie sich dennoch nicht einfach in den herrschenden Diskurs eingliedern und damit das vorgegebene Inventar an sozialen Entitäten wie Klassen, Schichten, Machtstrukturen usw. als schlicht so seienden Arbeitsmittelbestand anerkennen wollen, es ihre vornehmliche Aufgabe sein muß, hinter diese Kennzeichnungen zurück zu gehen und erstens zu ermitteln, welche objektiven Kräfte hie r auf welche Weise ihre legitimierte Weltsicht 4 durchsetzen und zweitens den (zwangsweise) Verstummten, d.h. aufgrund ihres sprachlichen Klassenhabitus aus dem herr- 1 Das heißt besonders: was diskutierbar und diskussionsfähig ist; s. a. Bourdieu, Pierre: Die verborgenen Mecha- nismen der Macht. Schriften zur Politik und Kultur 1. Hamburg 1997, S. 82, im folgenden ´(VM)` 2 Bourdieu würde die Frage, ob es Entitäten in der sozialen Welt gibt, die keinem Akteur bekannt sind, wahr- scheinlich verneinen – es scheint, als zöge er, der phänomenologischen Tradition folgend, zumindest jedoch als Neu-Kantianer, eine ähnliche ontologische Trennlinie zwischen dem, „was es gibt“ und dem, „was ist“. „Es gibt“ dürfte auch nach Bourdieu als zweistelliges Prädikat zu verstehen sein (´Es gibt x für y`, in diesem Falle für die Akteure im sozialen Raum).
3 Bourdieu, Pierre: Was heißt Sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs. Wien 1990, S. 73, im folgen- den ´(WS)` 4 Tatsächlich ist der Begriff der Weltsicht hier gar nicht weit genug zu fassen: Strukturen, Entwicklungen, Machtverhältnisse, kurz alle Formen komplexer sozialer ´Gefüge` und Probleme sind, als abstrakte, den Einze l- fall transzendierende Entitäten, ja gar nicht anders auf sprachliche Weise zu gewahren.
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schenden Diskurs Ausgeschlossenen Möglichkeiten des Widerstands gegen diese subtile Form der sprachlichen Enteignung an die Hand zu geben. 5
1. Phänomenologie und Ontologie des sprachlichen Tauschs
Die Sprachtheorie Bourdieus läßt sich hinsichtlich zweier Dimensionen verstehen, die, ob- gleich sowohl ursächlich als auch bezüglich ihrer Wirkmacht eng zusammenhängend, den- noch verschiedene Ebenen der Ausprägung sprachlichen Ausdrucks beschreiben. Dieser Mul- tifunktionalität soll hier durch die separate Untersuchung beider Dimensionen Rechnung ge- tragen werden; so wird auch die gesonderte Behandlung der Phänomene des sprachlichen Austauschs unter werkimmanenter Perspektive verständlich. Hiermit ist der Unterschied ge- meint zwischen der auf der einen Seite eher auf die Analyse der Bedingungen der Möglichkeit der Entstehung einer habituellen, mit der Klassenzugehörigkeit gleichzeitig koinzidierenden und sie beständig reproduzierenden Gesamtverfassung abzielenden Untersuchung in „Die feinen Unterschiede“ 6 , derzufolge die Sprache zunächst nur ein Distinktionsmerkmal unter anderen ist, und der, auf der anderen Seite, auf die Analyse der Produktion, Legitimation und Distinktion von (Lebens-)Welt und Klassenzugehörigkeit von und durch Sprache absteigen- den Erwägungen in „Was heißt Sprechen?“.
Ich werde zunächst schildern, wie sich die Zusammenhänge von Sprache und sozialer Welt an der Oberfläche darstellen, um danach auf die dahinterliegenden Strukturen der Spracherze u- gung und –bewertung einzugehen.
a) Phänomenologie des sprachlichen Tauschs Beim Versuch, die Rolle von Bourdieus Sprachtheorie innerhalb des den sozialen Raum durch das quasi-antinomische Verhältnis von inkorporierter Klassenzugehörigkeit und überindividu- ellem Habitus ausbildenden Rahmens zu positionieren, wird die ausgezeichnete epistemische und, damit eng verknüpft, politische Macht konstituierende Rolle der Sprache offenbar: 7 der habitualisierten Sprache (die sie immer ist, s. Fußnote 10) kommt eine herausragende gesell- schaftliche Differenzierungs- und damit Konstruktionsrolle zu; allerdings ist ihre Wirkung als Distinktionsmittel nur eine notwendige Bedingung für ihre wesentliche und wirkungsträchti- 5 (VM), S. 8. – Genüge getan hat Bourdieu selbst diesem Anspruch sicherlich mit der Schaffung von „Das Elend der Welt“, dessen Ehrgeiz es eben ist, diejenigen, die sonst nicht gehört bzw. deren Aussagen sofort als zu sub- jektiv, zu ungenau, schlicht unqualifizierte abgetan werden, Gehör zu verschaffen. (Bourdieu, Pierre et al. : Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz 1997) 6 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M. 1982, im folgenden ´(FU)` 7 Die prägnantesten Aussagen hierzu finden sich im Abschnitt „Politik, Bildung und Sprache“ und „Die verbor- genen Mechanismen der Macht enthüllen“ in (VM) sowie im ersten Teil und dritten Teil von (FU).
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gere Funktion als Mittel zur Ausübung symbolischer Macht – die wieder nur das Ziel hat,
Distinktion zu schaffen bzw. bestehende Unterschiede zu bekräftigen. 8 Damit ist jedoch nicht
nur die üblicherweise als unvermittelte Machtausübung verstandene, explizit imperativische
Sprachverwendung gemeint 9 ; vielmehr ist jede Äußerung der mächtigen Akteure, getätigt
unter entsprechenden rituellen bzw. ritualisierten Umständen, derjenigen Akteure also, die
über das Recht auf Benennung 10 der sozialen Entitäten durch ihre von den Beherrschten ent-
weder durch Stillschweigen 11 oder durch ausdrückliche Anerkennung empfangene Legitima-
tion verfügen, als imperativisch zu verstehen, und zwar im Sinne eines ontologisch-
epistemischen „Befehls“ 12 der Form „Es sei x“: „Wenn die politische Arbeit im Wesentlichen
eine Arbeit vermittels Worten ist, heißt das, daß die Worte dazu beitragen, die soziale Welt zu
erzeugen. [...] Von Arbeiterklasse sprechen, die Arbeiterklasse zum Sprechen bringen (indem
man für sie spricht), sie repräsentieren, bedeutet, dieser Gruppe, die von den Euphemismen
des gewöhnlichen Unbewußten (die „kleinen Leute“, die „einfachen Menschen“, der „Mann
auf der Straße“, der „Durchschnittsfranzose“ oder bei bestimmten Soziologen „die einfachen
Schichten“) zum Verschwinden gebracht wird, zu einer anderen Existenz für sich selbst und
für die anderen zu verhelfen.“ 13 Wer im Besitz der Bene nnungsmacht ist, schafft das, was es
in der sozialen Welt gibt, und zwar nicht nur die Entitäten, sondern auch die (problemati-
schen) Verhältnisse, in denen diese miteinander stehen. 14 - Dennoch handelt es sich meist
nicht um eine creatio ex nihilo, sondern um eine Verabsolutierung (oder Objektivierung) vor-
handener Unterschiede, die als solche nichts über einen ihnen unabdingbar zukommenden
Modus der Bewertung als „intellektuell“, ja nicht einmal „intelligent“ aussagen – daher
8 (WS), S. 56: „Die zu erwartenden Rezeptionsverhältnisse gehören nämlich mit zu den Produktionsverhältnissen
[...]“ – wie auch auf dem Gütermarkt nur dann Umsätze erwartet (und nicht nur erhofft) werden, wenn die Ab- satzchancen bekannt sind.
9 Der von den Mächtigen realistischerweise zu erwartende Grad des Gehorsams dem direkten politischen Befehl
gegenüber, der Grad seiner Realisierbarkeit, ist vielmehr erst Ergebnis des Ergebnisses des Konflikts um die Macht, soziale Welt durch Sprache zu konstruieren; s. z.B. (VM), S. 83.
10 Der Begriff der Benennungsmacht stammt aus (WS). Zu benennen ist hier durchaus in ontologischen Dimen-
sionen zu verstehen: benennen heißt kreieren („Die Welt ist, was ich vorstelle.“ – S. 72)
11 Das Schweigen derer, die vom Diskurs bzw. Konflikt um die legitime Sprache ausgeschlossen sind, durch den
Diskurs selbst zu verursachen, stellt den Gipfel sprachlicher Macht dar. Hier sei nur kurz darauf hingewiesen, daß dieses Schweigen ein sorgsam reproduziertes ist; „an sich“ verfügt niemand über den ordnungsgemäßen Sprachgebrauch, ebenso wenig wie über „Gossensprache“, den Akzent, den Soziolekt oder ähnliches - sie exis- tieren nicht an sich (z.B. Bourdieus Auseinandersetzung mit der traditionellen Linguistik in (WS), S. 18-21.). Und aufgrund ihrer sozialen Bedingtheit sind all diese Ausdrücke nach Bourdieu auch nicht nur als deskriptive, sondern gleichzeitig im selben Maße als evaluative i.S.v. Erkenntnis über den eigenen Standpunkt im sozialen Raum bildende zu verstehen, welche sich durch den sog. Theorie-Effekt (s. Fußnote 11) zur Selbstverständlich- keit ausprägt.
12 Im Prinzip meint dies dieselbe Wirkung, die Bourdieu mit dem Begriff „Theorie -Effekt“ bezeichnet - u.a.
(WS), S. 112): hier wird sozusagen ein Imperativ in re ausgesprochen.
13 (VM), S. 84
14 Siehe z.B. Bourdieus außerordentlich interessanten Überlegungen zur Kritik der „öffentlichen Meinung“ (in:
Bourdieu, Pierre: Soziologische Fragen. S. 212-224. Frankfurt a.M. 1993, im folgenden (SF))
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Frank Lachmann, 2002, On what there is. Zur Rolle der Sprache als erkenntnistheoretischem Fundament der Wahrnehmung sozialer Welt in der Theorie Pierre Bourdieus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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