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Konzeptentwicklung für eine biographische Gruppenarbeit mit dementen Bewohnern in der
station ären Altenhilfe
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 4
2. Rahmenbedingungen: Das Alten- und Pflegeheim als totale
Institution ? 7
3. Biographische Gruppenarbeit mit Dementen. 11
3.1 Definitionen. 11
3.1.1 Demenz. 11
3.1.2 Grundbegriffe der Gruppenarbeit. 13
3.1.3 Biographisches Arbeiten. 15
3.2 Theoretischer Hintergrund biographischen Arbeitens. 19
3.2.1 Die Reminiszenz-Therapie nach Robert N. Butler. 19
3.2.1.1 Entwicklung. 19
3.2.1.2 Klassifizierung von Unterformen. 24
3.2.1.3 Konzeptuelle Basis. 25
3.3. Positive Wirkfaktoren der biographischen Gruppenarbeit. 31
3.3.1 Auswertung der Studien. 31
3.3.1.1 Affektive Wirkfaktoren. 32
3.3.1.2 Kognitive Wirkfaktoren. 35
3.3.1.3 Soziale Wirkfaktoren. 36
3.3.1.4. Zusammenfassung. 39
3.4 Aspekte der Kommunikations- und Beziehungsgestaltung. 41
3.4.1 Führungsstile. 41
3.4.2 Gruppenpädagogische Grundsätze 43
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3.4.3 Die Kommunikation. 47
3.4.3.1 Grundlagen. 47
3.4.3.2 Klientenzentrierte Gesprächsführung nach C. Rogers. 51
3.4.3.3 Integrative Validation nach N. Richard. 54
3.4.3.4 Basale Stimulation nach A. Fröhlich. 57
4. Konzeptentwicklung für eine biographische Gruppenarbeit
mit Dementen. 61
4.1 Zielsetzungen. 61
4.2 Kriterien für die Aufnahme in die Gruppe. 66
4.3 Zusammensetzung der Gruppe. 70
4.3.1 Nach dem Krankheitsbild Demenz. 70
4.3.2 Nach Geschlecht, Alter und Milieu. 72
4.4 Rahmenbedingungen ( Setting ) 74
4.4.1 Gruppengröße. 74
4.4.2 Organisationsform. 75
4.4.3 Zeitplanung. 76
4.4.4 Raumplanung. 77
4.4.5 Personalausstattung. 78
4.5 Struktur einer Gruppenstunde. 81
4.5.1 Vorbereitung. 81
4.5.2 Durchführung. 82
4.5.2.1 Arbeitsplatzvorbereitung. 82
4.5.2.2 Sitzordnung. 83
4.5.2.3 Programmablauf. 83
4.5.2.4 Nachbereitung. 89
4.5.2.5 Reflexion und Auswertung 89
3 Konzeptentwicklung für eine biographische Gruppenarbeit mit dementen Bewohnern in der
stationären Altenhilfe__________________________________________________________
5. Schlussbetrachtung.......................................................................................90
6. Literaturverzeichnis.......................................................................................92
7. Anhang..........................................................................................................100
A. Biographischer Erhebungsbogen.....................................................................100
B. Beispiele für Anregungsmaterial.......................................................................103
Hinweis:
Für einen leichteren Lesefluss wird überwiegend nur die kürzere männliche
Form der dritten Person gewählt. Bei der Bezeichnung von
Personengruppen, Gesundheitsberufen und anderen Kollektiven sind
selbstverständlich Frauen und Männer gemeint.
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stationären Altenhilfe__________________________________________________________
1. Einleitung
In der Altenarbeit bzw. Altenpflege, in der ( professionellen ) Begegnung mit alten Menschen, springt der Verlust von Geschichte häufig ins Auge. In Einrichtungen der Altenhilfe besteht stets die Gefahr, dass alte demente Menschen nicht nur ihr Hab und Gut auf ein Minimum reduzieren müssen, sondern auch Symbole ihres Lebens, vertraute Orientierungen und nach außen wirkende Repräsentanzen ihrer Biographie und ihrer Persönlichkeit verlieren.
Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Biographiearbeit als Arbeit mit der Vergangenheit in der Betreuung Demenzkranker deutlich. Bei der biographischen Arbeit wird der alte demente Mensch nicht losgelöst von persönlichen Lebensereignissen betrachtet, sondern als Individuum mit eigenen Erfahrungen, Handlungsmustern, Werten und Normen begriffen, die sich im Laufe des Lebens entwickelt haben - und immer noch entwickeln.
Denn auch beim dementen alten Menschen ist sein exklusives Erinnerungswissen noch lange lebendig, während der Bezug zur Gegenwart durch Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses schon früh verloren geht. Die Arbeit mit Erinnerungen unterstützt durch die Aktivierung des Langzeitgedächtnisses nicht nur vorhandene Fähigkeiten, sondern will dem Dementen neue Möglichkeiten eröffnen, sein Leben trotz Krankheit und Behinderung lebenswert zu gestalten.
Auf diese Weise kann sich nicht nur um ein vertieftes Verständnis der Situation von demenzerkrankten alten Menschen unter Einbeziehung ihrer Biographie, Lebenserfahrung und Zukunftserwartungen bemüht werden, sondern auch neue Möglichkeiten in der Begegnung und Alltagsgestaltung entdeckt werden.
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Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, ein theoretisches Konzept des biographischen Arbeiten für Demente zu entwickeln, das im Rahmen der stationären Altenhilfe in Form einer Gruppenarbeit verwirklicht werden kann. Herangezogen wurde bei der Konzeptentwicklung ein deduktiver Ansatz 1 , der auf systematischen Textanalysen beruht. 2
Dabei soll das hier vorgestellte Konzept vor allem folgenden Fragestellungen nachgehen:
§ Welche konkreten Ziele verfolgt die biographische Gruppenarbeit mit Dementen ?
§ Welche Teilnehmer werden in die Gruppe aufgenommen und wie setzt diese sich zusammen ?
§ Wie sehen die Rahmenbedingungen aus ( z.B. die Raumplanung, Personalausstattung ) ?
§ Wie gestaltet sich die Struktur einer Gruppenstunde ?
Zuerst soll jedoch das Alten- und Pflegeheim als institutioneller Kontext biographischen Arbeitens beleuchtet werden. Es soll geklärt werden, ob das moderne Heim noch als Typ totaler Institution 3 bezeichnet werden darf ( Kapitel 2 ).
In Kapitel 3 werden anfangs theoretische Zusammenhänge in bezug auf das biographische Arbeiten mit Dementen skizziert. Nach grundlegenden Definitionen u.a. zum Krankheitsbild Demenz wird die Reminiszenz-Therapie von ROBERT N. BUTLER, auf dessen Arbeiten viele der heute veröffentlichen Beiträge zum Thema „Erinnern“ beruhen, vorgestellt. Nach einer kurzen Schilderung der Entwicklung seiner Reminiszenz-Therapie und einer möglichen Klassifizierungsform wird auf deren theoretischen Ursprünge näher eingegangen.
1 Vgl. LoBiondo-Wood et al. 1996, S. 48
2 Texte aus Büchern und Zeitschriften der Medizin, Soziologie, Psychologie, Pädagogik sowie der Sozial-
und Pflegewissenschaft
3 n. Goffmann ( 1973 )
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Anschließend erfolgt die Auswertung der empirischen Studien zum Thema biographischen Arbeitens, wobei einige der Studien sich auch auf BUTLER´s theoretische Annahmen beziehen. Insgesamt sollen vor allem affektive, kognitive und soziale Effekte der Erinnerungsarbeit näher untersucht werden.
Zum Abschluss dieses Kapitels wird noch auf wesentliche theoretische Aspekte der Kommunikations- und Beziehungsgestaltung - auch unter Bezugnahme zu den Studienergebnissen- in der Arbeit mit Dementen eingegangen. Die Betreuung und Begleitung von verwirrten Menschen gehört zu den anspruchsvollsten und auch schwierigsten Aufgaben in der Altenhilfe. Hier soll geklärt werden, welche konkreten Umgangsweisen mit Demenzerkrankten kommunikations- und beziehungsfördernd wirken. Dabei wird einerseits auf einen geeigneten Führungsstil und auf allgemeine gruppenpädagogische Grundsätze hingewiesen, andererseits werden Grundlagen der Kommunikation sowie spezielle Techniken der Gesprächsführung vorgestellt, die als klientenzentriert ( C. ROGERS ) oder validierend ( N. RICHARD ) charakterisiert werden können. Auf die Basale Stimulation als elementare Form der Kontaktaufnahme zum dementen Menschen wird anschließend eingegangen.
In Kapitel 4 beginnt die Vorstellung eines Konzeptes für eine biographische Gruppenarbeit mit Dementen. Dieses kann in der Praxis als verbindliche Basis für eine adäquate, professionelle und menschenwürdige Betreuung des dementiell Erkrankten dienen und dem Wunsch der Betreuenden nach mehr Verhaltenssicherheit im Umgang mit Demenzerkrankten nachkommen.
Kapitel 5 endet mit der Schlussbetrachtung. Da das Konzept ein theoretisches Konstrukt darstellt, kann dessen Implementation im Rahmen dieser Arbeit nicht evaluiert werden.
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2. Rahmenbedingungen: Das Alten- und Pflegeheim als
totale Institution ?
Das weitverbreitete Heimziel einer rationellen, kostengünstigen Versorgung der Bewohner, die wenig individuelles Eingehen und wenig mitmenschliche Zuwendung für die Bewohner seitens des Personals zulässt, führte zu dem Begriff der „totalen Institution“, die durch ein stabiles Organisationsmuster mit festgefügten, unflexiblen Rollen, einer straffen hierarchischen Strukturierung mit entsprechendem Machtgefälle und einer totalen Reglementierung der Insassen charakterisiert ist. 4
Das Konzept der totalen Institution ist ein Begriff, der von ERVING GOFFMANN für ganz verschiedene Institutionen mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen geprägt wurde, etwa für Psychiatrien, Gefängnisse, Klöster, Kasernen, Schiffe und Heime. Als Gemeinsamkeit weisen diese Institutionen jedoch auf, dass der soziale Verkehr zur Außenwelt eingeschränkt ist. In der modernen Gesellschaft besteht eine grundlegende soziale Ordnung, nach der der einzelne an verschiedenen Orten wohnt, arbeitet und seine Freizeit verbringt - „[...] und dies mit wechselnden Partnern, unter verschiedenen Autoritäten und ohne einen umfassenden rationalen Plan“. 5 Der Arbeitgeber bzw. Vorgesetzte beispielsweise hat zwar direkten Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen, nicht aber auf die Wohnsituation oder das Freizeitverhalten des Arbeitnehmers.
GOFFMANN sieht es als ein zentrales Merkmal totaler Institutionen an, dass die Schranken, die diese drei Lebensbereiche normalerweise voneinander trennen, aufgehoben sind:
„1. Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität statt.
2. Die Mitglieder der Institutionen führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus,
4 Vgl. Sachweh 2000, S. 18; Vgl. Stöckler/Widensky 1990, S. 30; Vgl. Steffen 1986, S. 25
5 Goffmann 1973, S. 17
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wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleichen Tätigkeiten gemeinsam verrichten müssen.
3. Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.
4. Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen“ ( 1973, S. 17 ).
Die Institution weist nach GOFFMANN einen fest umrissenen Mitarbeiterkreis auf, bestehend aus Leitung, Personal und Insassen. 6 Leitung und Personal verrichten in der Institution ihre Arbeit, während sie außerhalb ihrer Arbeitszeit in die Außenwelt integriert sind. Die Insassen sind formell gesehen auch nur aufgrund einer spezifischen Eigenschaft in der Organisation, etwa wegen Versorgungs- und Pflegebedürftigkeit. Tatsächlich sind sie aber als volle Personen Organisationsmitglieder, deren ganzes Leben von der Institution beeinflusst wird. Sie haben Gehorsamspflicht gegenüber der Leitung, die Entscheidungs- und Anordnungskompetenzen mit einem System abgestufter Sanktionen durchsetzen kann 7 und stehen aufgrund fehlender Sanktionsmacht dem institutionellem Druck machtlos gegenüber. Obwohl das Personal in der Hierarchie zwischen Leitung und Insassen steht, vermag „[...] jedes Mitglied der Personal-Klasse [...] jedes Mitglied der Insassen-Klasse zu disziplinieren.“ 8 Das Personal steht dabei im Widerspruch zwischen den offiziellen Zielen der Institution und den tatsächlichen alltäglichen Handlungen, welche die Institutionen als bloße „Aufbewahrungslager für die Insassen“ 9 entlarven.
Folgen des Aufenthaltes in totalen Institutionen stellen sich für die Insassen vor allen Dingen als Verlernprozess ( „Diskulturation“ 10 ) dar, der es den Betroffenen unmöglich macht, sich in der Außenwelt zurechtzufinden, sollte er jemals dorthin zurückkehren. Innerhalb der Einrichtung erlebt der Insasse eine Reihe von
6 Vgl. Goffmann 1973, S. 24 ff.
7 Vgl. Goffmann 1973, S. 45
8 Goffmann 1973, S. 48
9 ebd., S. 78
10 ebd., S. 24
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Demütigungen und Erniedrigungen des Ichs. Diese werden vor dem Hintergrund begründet, dass die totale Institution als wesentliches Merkmal die bürokratische Organisation einer Vielzahl menschlicher Bedürfnisse aufweist und solche Demütigungen des Selbst sehr häufig als bloße Rationalisierungen gesehen werden, „[...] die dazu dienen, den Tagesablauf einer großen Zahl von Menschen auf beschränktem Raum und mit geringem Aufwand von Mitteln zu überwachen.“ 11 Beispiele erniedrigender Prozesse sind u.a. Verluste von Rollen und Lebensgeschichte 12 aufgrund der ständigen Trennung von der Außenwelt, entwürdigende Aufnahmeprozeduren wie z.B. Baden, Verlust des Namens, Wegnahme des Eigentums, verbale und gestische Entwürdigungen, Aufzwängen eines entindividualisierten Tagesablaufes, Erfassung persönlicher Daten und Erstellung eines nur dem Personal zugänglichen Dossiers, erzwungene Medikamenten- und Essenseinnahme und Verletzung der Privatsphäre. Reglementierungen z.B. durch die institutionstypische Haus- bzw. Heimordnung 13 verletzen die Autonomie des Handelns und verhindern die Befriedigung von Bedürfnissen nach persönlichen Wünschen. 14
WITTERSTÄTTER ( 1999 ) erklärt, dass solche Lebensbedingungen äußerst nachteilige Auswirkungen auf die Bewohner haben. Er stellt hierzu drei Thesen auf, die er wie folgt beschreibt:
Bewohner werden völlig passiv, teilnahms- und interessenlos, wobei sie das Gefühl haben, dass dieser Rückzug im Alter selbstverständlich sei ( These von der anormalen Passivität ).
Die Bewohner erleben, dass Heimleitung und Personal alles im Haus bestimmen und fühlen sich selber hilf- und machtlos. Sie haben Angst vor den Maßnahmen des Personals. Die daraus resultierende depressive Stimmungslage kann sogar zu einem frühen biologischem Tod führen ( These von der erlernten Hilflosigkeit ).
11 Goffmann 1973, S. 53
12 Vgl. Henschenmacher 1997, S. 394
13 Bei einer Analyse von Heimordnungen bestätigte die Verbraucherzentrale Hamburg die Tendenz früherer
Untersuchungen ( nach GRABER-DÜNOW 1994 ), indem sie feststellen musste, dass das Zusammenleben
im Heim mehr reglementiert wird, als dies für einen neutralen Beobachter notwendig erscheint.
14 Vgl. Goffmann 1973, S. 25 ff.
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Die Bewohner verlieren zudem immer mehr den Bezug zur Realität, da das Personal ihnen alle Entscheidungen abnimmt. Ihre intellektuellen Kräfte verkümmern zusehends, da diese nicht mehr gefordert und trainiert werden. Die Folgen sind Vergesslichkeit und Desorientierung ( These vom Realitätsverlust ).
GOFFMANN betont abschließend:
„In erster Linie unterbinden oder entwerten totale Institutionen gerade diejenigen Handlungen, die in der bürgerlichen Gesellschaft die Funktion haben, dem Handelnden und seiner Umgebung zu bestätigen, dass er seine Welt einigermaßen unter Kontrolle hat - dass er ein Mensch mit der Selbstbestimmung, Autonomie und Handlungsfreiheit eines „Erwachsenen“ sei. Gelingt es nicht, diese Handlungsfähigkeit des Erwachsenen oder zumindest deren Symbole zu erwerben, so kann dies beim Insassen zu einem erschreckenden Gefühl der völligen Degradierung in der Alters-Rangordnung führen“ ( 1973, S. 50 ).
Es wäre jedoch falsch, unsere heutigen Alten- und Pflegeheime mit den von GOFFMANN beschriebenen totalen Institutionen gleichsetzen zu wollen. Trotzdem können auch moderne Heime die Merkmale von totalen Institutionen mehr oder minder stark aufweisen. 15 In Heimen für alte Menschen besteht also stets die Gefahr des betriebsablaufsorientierten oder institutionszentrierten Umgangsstils. 16
Eine Möglichkeit zur Überwindung der oben genannten Institutionalisierungsfolgen ist der Einsatz von Maßnahmen der Interventionsgerontologie 17 . Eine Technik ist die in dieser Arbeit vorgestellte biographische Gruppenarbeit, die dem einzelnen ( hier: speziell dem Dementen ) über Gruppenerfahrungen Chancen der Selbst-und Weiterentwicklung ( auch unter Heimbedingungen ) eröffnet. Zunächst sollen jedoch einige grundlegende Begrifflichkeiten erörtert werden.
15 Vgl. Koch-Straube 2003, S. 345
16 Vgl. Witterstätter 1999, S. 135
17 Im Kontext gerontologischer Intervention hat LEHR ( 1979, S. 1 ) die Definition von Intervention als dem
„Insgesamt der Bemühungen, ein hohes Lebensalter bei psychophysischem Wohlbefinden zu erreichen“
geprägt. Intervention sieht LEHR ( 1979 ) als Oberbegriff für Optimierung ( Schaffung günstiger
Entwicklungsbedingungen ), Prävention/Geroprophylaxe ( Vorbeugung eines Altersabbaus ),
Rehabilitation/Therapie ( Rückgängigmachen von Störungen ) und Management ( Zurechtkommen mit
irreversiblen Problemsituationen und Sicherung des Erreichten ).
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3. Biographische Gruppenarbeit mit Dementen
3.1 Definitionen
3.1.1 Demenz
Der Begriff „Demenz“ ist hergeleitet aus dem lateinischen „dementia“ und beinhaltet die beiden Komponenten „de“ = weg und „mens“ = Geist, Verstand. Bei einer Demenz handelt es sich um eine Syndromdiagnose d.h. es lassen sich gleichzeitig bestimmte Symptome beobachten, deren Ursache unterschiedlicher Art sein kann. 18
Auf die Beschreibung des Krankheitsbildes soll an dieser Stelle nur knapp eingegangen werden. Eine ausführliche Darstellung findet sich im einzelnen etwa bei FÖRSTL ( 2001 ), FÜSGEN ( 2001 ), GUTZMANN ( 1992 ), MIELKE und KESSLER ( 1994 ), REISBERG ( 1987 ), WÄCHTLER ( 1996 ), WETTSTEIN ( 1991 ) und ZAUDIG ( 2001 ).
Von einer dementiellen Erkrankung spricht man, wenn übergreifend mehrere höhere Hirnfunktionen ( Sprache, Handlungsplanung und -ausführung, logisches und abstraktes Denken, Wahrnehmung ) gestört sind. Das Leitsymptom ist dabei die Gedächtnisstörung. Während anfangs das Kurzzeitgedächtnis massiv in Mitleidenschaft gezogen ist 19 , beginnt später der fortschreitende Abbau des Langzeitgedächtnisses, und zwar in umgekehrter Reihenfolge, wie es im Laufe des Lebens aufgebaut wurde. 20
Die Fähigkeit, seinen Alltag zu meistern, geht nach und nach verloren. Die emotionale Kontrolle ist eingeschränkt. Es liegt keine Bewusstseinseintrübung wie im Delir vor. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO ( 1986 ) ist der Zustand meist irreversibel und progressiv:
18 Vgl. Pschyrembel 1990
19 Als direkte Folgen der verminderten Merkfähigkeit nennt BUIJSSEN ( 1997 ), dass die Kranken eine
Desorientierung in unbekannter Umgebung und hinsichtlich der Zeit und neuer Personen aufweisen, immer
die gleichen Fragen stellen, rasch den Faden verlieren, nichts Neues lernen können, Gegenstände verlieren,
rasch die Stimmung wechseln, nächtlich Umherirren, keine Fragen über jüngste Ereignisse beantworten
können u.a..
20 Zu Beginn werden die letzten erlebten Jahre vergessen, im Spätstadium hat der Erkrankte seine Biographie
bis auf einzelne, emotional bedeutsame Erlebnisse verloren, kann sich aber nach GROND ( 2003 ) noch
deutlich an die Kindheit erinnern.
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„Demenz ist eine erworbene, globale Beeinträchtigung der höheren Hirnfunktionen einschließlich des Gedächtnisses, der Fähigkeit, Alltags-Probleme zu lösen, der Ausführung sensomotorischer und sozialer Fertigkeiten, der Sprache und der Kommunikation sowie der Kontrolle emotionaler Reaktionen ohne ausgeprägte Bewusstseinstrübung. Meist ist der Prozess progredient, jedoch nicht notwendigerweise irreversibel“ ( MIELKE/KESSLER 1994, S.4 )
Im Sprachgebrauch ist es wichtig zu betonen, dass es sich bei einer Demenz nicht um natürliche Alterungsprozesse, sondern um eine krankhafte Entwicklung handelt. 21
Das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ ( DSM-III-R ) der American Psychiatric Association ( 1987 ) konkretisiert die kognitiven Einschränkungen, die vorhanden sein müssen, um die Diagnose Demenz zu stellen: 22
„A) Verlust intellektueller Fähigkeiten in einem Ausmaß, das geeignet ist, das Zurechtkommen im sozialen und beruflichen Bereich zu beeinträchtigen. B) Verschlechterung des Gedächtnisses. C) Wenigstens eines der folgenden Kriterien: 1. Beeinträchtigung des abstrakten Denkens, 2. Einschränkung des Urteilsvermögens, 3. andere Störungen höherer kortikaler Funktionen: z.B.
4. Persönlichkeitsveränderungen: z.B. Veränderung oder Akzentuierung
prämorbider Persönlichkeitszüge
D ) Bewusstsein nicht getrübt ( d.h. erfüllt nicht die Kriterien für ein Delir oder eine Intoxikation, obwohl diese noch zusätzlich vorhanden sein können“ ( MÜLLER/ SCHESNY-HARTKORN 1998, S. 7 )
21 Vgl. Müller 1999, S. 10
22 Vgl. Konzeptentwicklung Kap. 4.2 Kriterien für die Aufnahme in die Gruppe
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3.1.2 Grundbegriffe der Gruppenarbeit
Soziale Gruppenarbeit entstand wie Soziale Einzelhilfe in Zusammenarbeit mit der in den USA entwickelten Sozialarbeit seit der Jahrhundertwende. Unter Sozialer Gruppenarbeit versteht GISELA KONOPKA:
„[...] eine Methode der Sozialarbeit, die dem Einzelnen hilft, seine soziale Funktionsfähigkeit durch sinnvolle Gruppenerlebnisse zu erkennen und um persönlichen, Gruppen- oder gesellschaftlichen Problemen besser gewachsen zu sein. Gruppenarbeit umfasst die Arbeit mit Gruppen von Kranken und Gesunden“ ( 2000, S.47 ).
Gruppenarbeit in dieser allgemeinen Form bedarf einer Gemeinsamkeit, die einen für alle Gruppenmitglieder verbindlichen Charakter enthält. Dieser bezieht sich in der Regel auf eine Zielsetzung, die entweder im Vorfeld der Gruppenarbeit festgelegt oder im Verlauf der Gruppenarbeit gemeinsam entwickelt wird. Die spezifische Art der Gruppe und der Inhalt der Gruppenarbeit ist unmittelbar abhängig von dieser Zielsetzung. Man spricht daher von zielorientierter Gruppenarbeit. 23
Zum Begriff der Gruppe gibt es in der sozialpsychologischen Literatur eine Vielzahl von unterschiedlichen Definitionen. In dieser Arbeit soll von der Definition von MC DAVID und HARARY ausgegangen werden:
„Eine sozialpsychologische Gruppe ist ein organisiertes System von zwei oder mehr Individuen, die so miteinander verbunden sind, dass in einem gewissen Grad gemeinsame Funktionen möglich sind, Rollenbeziehungen zwischen den Mitgliedern bestehen und Normen existieren, die das Verhalten der Gruppe und aller ihrer Mitglieder regeln“ ( zit. n. SADER 2002, S. 38 ).
Diese Definition ist um die Merkmale Dauer d.h. der Zeitrahmen, der zur Entfaltung ihrer Beziehungsdynamik und Wirksamkeit benötigt wird und Ziele der Gruppe zu ergänzen. 24 Für die Gruppe konstitutiv ist desweiteren eine bestimmte Anzahl von
23 Vgl. Schmidt-Grunert 2002, S. 58
24 Vgl. Bechtler 1999, S. 26
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Mitgliedern, die nicht größer sein darf, als es das persönliche Kennenlernen ( „face-to-face“-Kontakt ) erlaubt.
Der Zusammenhalt der Mitglieder wird durch die Gruppenkohäsion bestimmt. Für das Entstehen dieses sogenannten Wir-Gefühles ist von Bedeutung, ob sich die Gruppe freiwillig oder aufgrund äußeren Druckes trifft. Die Stärke des Zusammengehörigkeitsgefühls entscheidet auch über Unterscheidung und Abgrenzung der Gruppe nach außen. 25
Gruppennormen als verhaltensregulierende Erwartungen an die Mitglieder bilden sich im Verlauf des Gruppenprozesses heraus. 26 Es kann sich dabei um explizit formulierte Regeln als auch um unausgesprochene, sich aus dem Interaktionszusammenhang implizit ergebende Verhaltenserwartungen handeln. Das sich ausbildende Regelsystem hat eine stabilisierende Funktion und trägt zur Entwicklung einer Gruppenkultur bei d.h. zu bestimmten Traditionen z.B. im Umgang mit besonderen Ereignissen in der Gruppe ( Geburtstage usw. ).
Die sich im Interaktionsfeld der Gruppe differenzierenden Rollen bestimmen sowohl die Position und den Status eines Mitgliedes als auch seine Rechte und Pflichten, die für das Funktionieren der Gruppe unerlässlich sind. Definiert werden diese Rollen zum einen durch die darin gebündelten Verhaltenserwartungen der Gruppe, zum anderen durch die persönliche Disposition des Rollenträgers ( z.B. Außenseiter, Sündenbock, Sprecher, Clown ). Die Art seiner Rolle steht für das einzelne Mitglied jedoch häufig im Zusammenhang mit früheren Erfahrungen und in anderen Zusammenhängen bereits ausgeübten Rollen. 27
Eine Gruppe ist kein starres Gebilde, das einmal gegründet, immer automatisch und gleichmäßig abläuft, sondern befindet sich stets in Bewegung. Diese Erkenntnis über den Entwicklungsprozess von Gruppen führte zu verschiedenen Phasenmodellen der Gruppenentwicklung. 28 Werden die verschiedenen Phasenmodelle verglichen, zeichnet sich trotz vieler Differenzen folgende
25 Vgl. Sader 2002, S. 102 ff.
26 Vgl. Schneider 1975, S. 20
27 Vgl. Metzinger 1999, S. 10; Vgl. Stracke-Mertes 2003, S. 189 ff.
28 Vgl. Bernstein/Lowy 1971, S. 57; Eisenbach 1977, S. 144; Bechtler 1999, S. 59
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Gemeinsamkeit ab: In der Phase der Orientierung und Unruhe ist die Gruppe durch Unsicherheit, Positionskämpfe und Annäherung der Mitglieder gekennzeichnet, es besteht noch kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Dieses wird erst in der anschließenden Beruhigungsphase ausgebildet, in der auch Normen und Rollen festgelegt werden. In der Stabilisierungsphase entstehen feste Strukturen und es erfolgt die Entwicklung und Verwirklichung von Zielen. Die Abschlussphase beinhaltet die zwangsweise oder freiwillige Auflösung, weil Ziele erreicht worden sind oder keine neuen Ziele entstehen. Die Unruhe, Unsicherheit und Trennung vollzieht sich plötzlich oder langsam fortschreitend, sie kann vorbereitet und begleitet werden. 29 Bei jedem Verlauf der Gruppe sind dabei entwicklungsspezifische Gegebenheiten zu beachten wie z.B. das Alter der Gruppenmitglieder, die Größe der Gruppe, die zeitliche Dauer und die Ziele der Gruppe. 30 Die Kenntnis der Entwicklungsphasen kann zudem bei der Planung wie bei der Begleitung und der Auswertung des Prozesses in der Gruppe 31 hilfreich sein.
3.1.3 Biographisches Arbeiten
In der Literatur finden sich sehr unterschiedliche Definitionen und Unterteilungen von Begriffen, die im Umgang mit persönlichen Lebenserinnerungen gebraucht werden. Besonders der Begriff der „Biographie“ ( griech.: „Lebensbeschreibung“ ) bedarf einer Klärung, da er häufig fälschlicherweise gleichbedeutend mit dem Begriff „Lebenslauf“ ( lat. curriculum vitae ) genutzt wird. Beide Bezeichnungen sollen daher entsprechend der Definition von BEHRENS-COBET/REICHLING verwendet werden:
„Während der Begriff „Lebenslauf“ die äußeren Daten eines gelebten Lebens umfasst, haben wir es bei einer Biographie mit seiner Innenseite zu tun, mit dem, was der oder die Erzählende - sei es schriftlich oder mündlich - subjektiv zu seiner oder ihrer Lebensgeschichte macht“ ( 1997, S. 20 ).
29 Vgl. Langmaack/Braune-Krickau 2000, S. 155
30 Siehe Konzeptentwicklung Kap. 4.1 Zielsetzungen, Kap. 4.3 Zusammensetzung der Gruppe und Kap. 4.4
Rahmenbedingungen
31 Siehe Konzeptentwicklung Kap. 4.5 Struktur einer Gruppenstunde
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Zur Biographie gehört also eine Innenseite, die darüber Auskunft gibt, wie dieser Mensch die verschiedenen Lebensereignisse wahrgenommen hat, wie er sie bewertet und in seinem Leben einordnet. Unter einer „Autobiographie“ ist demzufolge der „persönliche Bericht einer individuellen Lebensgeschichte“ 32 zu verstehen.
Auch der Begriff der „Biographiearbeit“ bedarf einer eindeutigen Definition. Im deutschen Sprachraum sind viele verschiedene Veröffentlichungen unter dem Etikett der Biographiearbeit vorzufinden. Ein großer Teil der Veröffentlichungen stammt aus der Praxis der Altenpflege ( zum Beispiel in der Zeitschrift für Altenpflege JENRICH 1996 ). So bezeichnet der Wiener Pfleger ERWIN BÖHM sein Betreuungskonzept zur Reaktivierung alter Menschen als Biographiearbeit ( 1988, 1991, 1993 ). Ebenso erheben die Erfinder von kommunikativen Spielen für ältere Menschen 33 für sich den Anspruch, biographisch vorzugehen. Das biographische Arbeiten in einer Oral-History-Group 34 schildert DELIUS ( 1990 ) sogar als Ausformung des Kompetenzmodells, in der die Möglichkeit besteht „nach Ressourcen zu suchen, die der alte Mensch den jungen lebensgeschichtlich voraus hat“ ( S. 294 ). In vielen Institutionen wird auch von Biographiearbeit gesprochen, so das MINISTERIUM FÜR ARBEIT, GESUNDHEIT UND SOZIALORDNUNG BADEN-WÜRTTEMBERG ( 1993 ), wenn zur Erhebung von persönlichen Daten der Bewohner ausschließlich ein sogenannter Biographiebogen vorliegt.
In der vorliegenden Arbeit werden die Bezeichnungen „Biographiearbeit“, „biographisches Arbeiten“, „Erinnerungsarbeit“, „Erinnerungspflege“ und „Reminiszieren“ synonym verwendet. Unter Biographiearbeit wird nach der Definition von KERKHOFF/HALBACH verstanden:
„Eine spontane oder angeleitete Verarbeitung von Lebenserinnerungen und Lebenserfahrungen, die eine Verbindung der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft [ darstellt ]. Was es nicht ist: ein Bericht nur über die Vergangenheit, nur für ältere Menschen geeignet, eine Therapie“ ( 2002, S. 12 ).
32 Vgl. Kerkhoff/Halbach 2002, S. 11
33 Die Lebensreise, KEB 1993; Vertellekes, Vincentz 1994
34 Siehe auch Seite 18
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Wird eine Biographiearbeit als Gruppenaktivität angeleitet und moderiert, wird dies in der vorliegenden Arbeit als eine „biographischen Gruppenarbeit“ bezeichnet.
STRACKE-MERTES ( 1994 ) beachtet unterschiedliche Perspektiven des biographischen Arbeitens mit älteren Menschen und zwar die psychologische, soziologische und geragogische Perspektive:
Aus psychologischer Sichtweise meint Biographiearbeit, dass das beobachtbare Verhalten unmittelbar verstanden werden kann - als Summe der vergangenen Lebensereignisse.
Aus soziologischer Sicht ist Biographiearbeit die Betrachtung des Menschen innerhalb seiner sozialen und historischen Bezüge ( Herkunftsfamilie, Kindheitsbedingungen, Schulzeit, Jugendzeit, Berufsausbildung und -ausübung, Partnerschaft, Wohn- und Einkommenssituation, Krieg, Vertreibung ). Das heute wahrnehmbare Interaktions- und Bindungsverhalten wird dabei durch die individuelle soziale Geschichte beeinflusst.
Die geragogische Perspektive sieht die biographische Arbeit so, dass Lebenswege, Lebensereignisse und Lebenskrisen begleitet werden, indem die in der Person vorhandenen Fähigkeiten unterstützt werden. Es sollen nicht nur ausgefallene Fähigkeiten und Funktionen kompensiert werden, sondern dem Menschen neue Möglichkeiten eröffnet werden, sein Leben auch unter Bedingungen von Krankheit und Behinderung lebenswert zu gestalten.
Die vorliegende Arbeit - und insbesondere der Praxisteil - befasst sich überwiegend damit, wie ältere Menschen ihre Erinnerungen persönlich erfahren, verarbeiten und weitergeben können. Im Vordergrund steht also nicht die historische, sondern die geragogische Perspektive, die sich besonders als Aktivitätsangebot in Heimen und Institutionen eignet. 35
35 Vgl. Weingandt 2001, S. 15
18 Konzeptentwicklung für eine biographische Gruppenarbeit mit dementen Bewohnern in der
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Trotzdem soll erwähnt werden, dass eine Gruppenarbeit auch von einem historisch orientiertem Standpunkt denkbar ist, etwa in Form einer sogenannten „Oral-History-Group“ ( Geschichtsgruppe ). KERKHOFF und HALBACH verstehen unter Oral History die
„erzählte Geschichte: Angeregt aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive hat sie das Ziel, geschichtlich gesichertes Wissen durch originale, mündliche Historie zu ergänzen“ ( 2002, S. 12 ).
Die Oral History war lange Zeit auf anglo-amerikanische Länder beschränkt und diente der Überlieferung der Alltagsgeschichte aus Bereichen, die wegen ihrer Komplexität oder gesellschaftlichen Abgelegenheit nicht durch Mediatoren transportiert werden konnten. NIETHAMMER ( 1980 ), der deutsche Pionier wissenschaftlicher Praxis der Oral History, versteht darunter im engeren Sinne auch die Geschichte der nichtschreibenden Schichten, die sich bislang nur als Objekte der Geschichte gesehen haben und die nun bewusst als Oral authors einbezogen werden. Subjektivität und sekundäre Überlagerungen werden dabei als Teile der Geschichte akzeptiert.
In der Oral-History-Gruppe kann die Leitung in geschichtswissenschaftlich belegte Daten und Fakten eine Einführung geben und so persönliche Erinnerungen der älteren Menschen in diese Zeit miteinbeziehen 36 . Eventuell ergibt sich die Möglichkeit, Missverständnisse über bestimmte historische Sachverhalte aufzuklären, die durch ein mangelndes Hintergrundwissen entstanden sind. Da die Oral-History-Gruppe als eine altenbildnerische Maßnahme gesehen werden muss, ist solch ein Angebot im Heim durchaus berechtigt. 37
Im folgenden soll nun auf die theoretischen Hintergründe biographischen Arbeitens näher eingegangen werden.
36 Vgl. Delius 1990, S. 295
37 Vgl. Skiba 1997, S. 111 ff.
19 Konzeptentwicklung für eine biographische Gruppenarbeit mit dementen Bewohnern in der
stationären Altenhilfe__________________________________________________________
3.2 Theoretischer Hintergrund biographischen Arbeitens
3.2.1 Die Reminiszenz-Therapie nach Robert N. Butler
3.2.1.1 Entwicklung
Auf den Ausführungen des Psychiaters ROBERT N. BUTLER, von SKIBA ( 1997 ) als ein Pionier der „Erinnerungstheoretiker“ bezeichnet, beruhen viele der heute veröffentlichten Arbeiten, Theorien und weiterführenden Untersuchenden, die sich dem Thema „Sicherinnern“ annehmen, 38 einschließlich der vorliegenden Arbeit.
Allerdings äußerte sich schon CHARLOTTE BÜHLER im Jahre 1933, dass die Rückschau auf das gelebte Leben zum normalen Alterungsprozess gehört ( nach COLEMAN 1986 ).
BUTLER entwickelte 1958 ein Therapieprogramm für Patienten mit psychiatrischen Störungen, das er 1960 modifizierte, nachdem er erkannte, dass biographische Informationen neben der medizinischen Anamnese von großer Wichtigkeit waren. Zudem bezieht er die Familie von diesem Zeitpunkt an in den therapeutischen Prozess mit ein.
1963 veröffentlichte BUTLER seinen bahnbrechenden Artikel: „The Life Review: An Interpretation of Reminiscence in the Aged“, in dem einige Thesen zum Umgang mit Erinnerungen im Alter, untermauert mit Fallbeispielen aus seiner eigenen psychiatrischen Praxis, dargestellt werden. Dieser Artikel führte zu einer völligen Neubewertung des Reminiszierens von einer negativen zu einer positiven Konnotation. Das „living in the past“ wird nicht mehr als pathologisches Zeichen von Senilität und Regression gewertet, sondern als ein sinnvoller und kreativer Prozess. Den Begriff des Lebensrückblickes ( „life review“ ) definierte BUTLER folgendermaßen:
38 Vgl. Osborn/Schweitzer/Trilling 1997, S. 10; Vgl. Opitz 1998, S. 118
20 Konzeptentwicklung für eine biographische Gruppenarbeit mit dementen Bewohnern in der
stationären Altenhilfe__________________________________________________________
„[ Ich verstehe ] unter Lebensrückblick einen natürlichen, universellen geistigen Vorgang, der durch ein zunehmendes Bewusstwerden vergangener Erfahrungen und insbesondere durch das Wiederhochkommen von ungelösten Konflikten zu kennzeichnen ist; üblicherweise können diese wiedererlebten Erfahrungen und 39 Konflikte überblickt und reintegriert werden“ ( BUTLER 1963, S. 66; übers. V.D. ).
Mit dieser Definition grenzte sich BUTLER deutlich von dem Begriff der Erinnerung ( „reminiscence“ ) ab, die er als „act or process of recalling the past“ ( 1963, S. 66 ) bezeichnete. Er sah diesen Begriff im allgemeinen mit negativen Assoziationen behaftet. Hauptsächlich ältere Leute, so BUTLER, würden ihre Erinnerungen nutzen, um eigene Leerräume auszufüllen und dabei äußerst großzügig mit der eigenen Vergangenheit umgehen. BUTLER wies ausdrücklich darauf hin, dass Erinnerung und Lebensrückblick nicht identisch seien. Vielmehr seien Erinnerungsprozesse im Lebensrückblick enthalten und bildeten zugleich ein konstitutives Merkmal. 40
Den Lebensrückblick-Prozess beschreibt BUTLER als einen Vorgang, der vor allem in elementaren Krisen und im Alter mit einer zunehmend deutlicher werdenden Konfrontation mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit aufkommt. Durch die Prospektion der Unausweichlichkeit des Todes wird geradezu eine Vergewisserung des eigenen Lebens herausgefordert. BUTLER stellte daher die zentrale These auf:
„The explicit hypothesis intended here, however, is that the biological fact of approaching death […] prompts the life review” ( 1963, S. 67 ).
1974 veröffentlicht BUTLER den Artikel „Successful Aging and the Role of the Life Review”, in dem er besonders die Notwendigkeit unterstreicht, ältere Menschen in Richtung positiver Nutzung der Lebensrückschau zu unterstützen. Besonders problematisch sieht er die in der heutigen Industriegesellschaft verankerten stereotypen Vorstellungen ( „Mythen“ ) über das Alter, die einen konstruktiven
39 Originalzitat: „In contrast, I conceive of the life review as a naturally occurring, universal mental process
characterized by the progressive return to consciousness of past experiences, and, particularly, the resurgence
of unresolved conflicts; simultaneously, and normally, these revived experiences and conflicts can be
surveyed and reintegrated.”
40 Vgl. Butler 1963, S. 66
Arbeit zitieren:
Verena Dukar, 2003, Konzeptentwicklung für eine biographische Gruppenarbeit mit dementen Bewohnern in der stationären Altenhilfe, München, GRIN Verlag GmbH
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