Autor: Frank Alibegovic
Was ist die Kritische Erziehungswissenschaft und welchen Standpunkt
vertritt Klaus Mollenhauer in seinem Aufsatz „Pädagogik und
Rationalität“?
A) Einleitung
In dem Seminar „Ausgewählte Kapitel aus der Geschichte der Pädagogik: Gegenwart” von Dr. Waltraud Harth-Peter wurden „Theorien der Erziehungswissenschaft“ 1 an Hand des gleichnamigen Buchs von KÖNIG/ZEDLER vorgestellt und diskutiert. Da der Titel des Buches bei dem Wort „Theorie“ die Mehrzahl verwendet, liegt für den Leser des Buches und den Leser dieser Arbeit die Vermutung nahe, dass es nicht nur „die“ Theorie in der Erziehungswissenschaft gibt. Statt dessen gibt es verschiedene theoretische Grundlagen für die Pädagogik von denen in dem Buch folgende Ansätze dargestellt werden:
• Pädagogik als normative Erziehungswissenschaft
• Pädagogik als empirische Verhaltenswissenschaft 2
• Pädagogik als hermeneutische Disziplin
• Pädagogik als Erziehungswissenschaft auf der Grundlage der Systemtheorie
Was sind jedoch die Unterschiede dieser eigentlich wissenschaftstheoretischen Ansätze? Das kann in dieser Arbeit nicht beantwortet werden, da die Antwort den Rahmen dieses Aufsatzes um ein Vielfaches sprengen würde. Was aber geklärt werden kann sind folgende Fragen: Wo lässt sich die Kritische Erziehungswissenschaft einordnen und wie lässt sie sich von den anderen Ansätzen abgrenzen? Was sind ihre Kernaussagen und Methoden? Was ist sozusagen die Wissenschaftstheorie hinter der Kritischen Erziehungswissenschaft? Welchen Standpunkt vertritt Klaus MOLLENHAUER in diesem Zusammenhang und wie stellt er die Erziehungswissenschaft in seinem Aufsatz „Pädagogik und Emanzipation“ 3 dar? Diese Fragen werden auf den kommenden Seiten beantwortet.
1 Zu der unterschiedlichen Bedeutung und Verwendung der Begriffe „Pädagogik“ und „Erziehungswissenschaft“ gibt es im deutschen Sprachraum schon seit Längerem eine heiße Diskussion. Dieser Umstand wird in diesem Aufsatz jedoch nicht berücksichtigt. Statt dessen werden hier beide Begriffe als gleichbedeutend und gleichwertig verwendet.
2 Oft auch als verhaltenstheoretische Erziehungswissenschaft oder als empirisch-analytische Erziehungswissenschaft bezeichnet.
3 MOLLENHAUER, Klaus: Pädagogik und Rationalität. in: MOLLENHAUER, Klaus: (1970). Erziehung und Emanzipation. Polemische Skizzen. 3. Auflage. München. S. 55 - 74.
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B) Die Kritische Theorie: Grundlage der Kritischen
Erziehungswissenschaft
Die Kritische Erziehungswissenschaft fußt auf einer Denkrichtung, die einen starken Einfluss auf das gesamte Feld der Sozialwissenschaften hatte, der Kritischen Theorie. Deswegen werden hier zunächst einmal die Kernaussagen und -argumente von Vertretern der Kritischen Theorie - oft auch als Frankfurter Schule 4 bezeichnet - wie Max HORKHEIMER, Theodor W. ADORNO und Jürgen HABERMAS beleuchtet. Erst danach wird in diesem Aufsatz die Rezeption der Kritischen Theorie und ihre Übertragung auf die Pädagogik durch Erziehungswissenschaftler wie z. B. Klaus MOLLENHAUER dargestellt. Doch zunächst einmal zur Kritischen Theorie. Was sind ihre Kernaussagen? Die wichtigste Aussage lautet, dass Wissenschaft nicht als losgelöst von der Gesellschaft betrachtet werden kann, sondern dass sie ein Teil von ihr ist. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich hieraus? Verstünde man Wissenschaft als außerhalb von der Gesellschaft stehend, dann gäbe es auch keine Wechselwirkungen. Da sie aber in die Gesellschaft integriert ist, beeinflusst die Gesellschaft das Wirken und Denken der Wissenschaft, genauso wie auch die Wissenschaft die Gesellschaft beeinflussen und verändern kann. Dieser Umstand der gegenseitigen Beeinflussbarkeit muss in der Wissenschaft bei der Erforschung der Gesellschaft und auch bei ihrer sonstigen wissenschaftlichen Tätigkeit natürlich berücksichtigt und mit einbezogen werden.
Ziel der Kritischen Theorie als Wissenschaft ist es, die in der Gesellschaft vorhandenen Ursachen für die gegebenen sozialen Umstände zu entdecken und offen zu legen, damit eine Veränderung überhaupt erst möglich wird. Somit wird auch der Zweck der Kritischen Theorie bereits genannt: Die Veränderung der Gesellschaft. Auch die Richtung der Veränderung legt die Kritische Theorie fest: Die Emanzipation des Menschen aus ihn unterdrückenden, weil „überflüssigen gesellschaftlichen Zwängen“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 119). Es wird also eine bessere Gesellschaft angestrebt, wobei jedoch auf eine eindeutige und klar umrissene Definition dieser „besseren Gesellschaft“ verzichtet wird. Dies geschieht mit dem Argument, dass in dem gegenwärtigen unterdrückten und irrationalen Zustand der Gesellschaft die Vernunft einen vollkommen rationalen, aufgeklärten und emanzipierten Zustand der
4 „Alle Vertreter der Kritischen Theorie gehörten dem Institut (für Sozialforschung in Frankfurt am Main; F.A.) zumindest teilweise an“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 115).
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Gesellschaft bzw. des einzelnen Menschen gar nicht vollends feststellen und umschreiben kann. Die hierfür erforderlichen Merkmale würden erst nach der Veränderung und Emanzipierung der Gesellschaft Stück für Stück heraus gearbeitet werden können. Auf welche Weise versucht die Kritische Theorie aber die oben bereits erwähnten Entstehungszusammenhänge zu entdecken und offen zu legen? Sie bezeichnet ihre Methode als „objektives Sinnverstehen“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 119). Was ist damit gemeint? Es geht darum, die Subjekte „vor dem Hintergrund der Regeln und Strukturen, durch die Deutungen und Handlungsweisen hervorgebracht werden“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 120) zu verstehen. Hierzu müssen also die „sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Hintergründe“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 119) der Subjekte berücksichtigt werden, die ihr Denken, Sprechen und Handeln (vgl. KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 119) beeinflussen. Der Ursprung für die Suche nach Erkenntnis und Informationen ist hierbei immer die Emanzipation. HABERMAS beschreibt drei gesellschaftliche Ursprünge für die Suche nach Erkenntnis und Information:
• das gesellschaftliche Interesse an der Erweiterung technischer Verfügungsgewalt
• das gesellschaftliche Interesse an Verständigung
• das gesellschaftliche Interesse an der Befreiung von unnötigen Zwängen Das erste, so genannt technische Interesse entspricht „den nach dem Modell der Naturwissenschaften vorgehenden empirisch-analytischen Sozialwissenschaften“, das zweite, so genannt praktische Interesse entspricht den „hermeneutischen Theorien“ und das dritte, so genannt emanzipatorische Interesse entspricht den „kritisch orientierten Wissenschaften“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 122). Es ist natürlich selbstverständlich, dass HABERMAS die Kritische Theorie dem Dritten der hier aufgeführten Bereiche zuordnet. Wenn nun durch „objektives Sinnverstehen“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 119) die Situation und vor Allem auch die Subjekte verstanden werden, und das Ziel, die Emanzipation, auch klar ist - also der Ist- und der Soll-Zustand geklärt sind - welche Schritte würden die Vertreter der Kritischen Theorie nun unternehmen um die geplante Veränderung zu erreichen? Als das geeignete Mittel wird das offene Gespräch, hier als praktischer Diskurs bezeichnet, vorgeschlagen. Das Ziel des Diskurses ist die Übereinstimmung oder der Konsens aller Beteiligten, der wie folgt erreicht werden soll:
„Werden Begründungen und Rechtfertigungen angezweifelt und problematisiert, kommt es zu einer Prüfung der mit ihnen verknüpften Geltungsansprüche; dies mit dem Ziel zu klären, ob Behauptungen
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wahr, Erklärungen passend, Empfehlungen angemessen, Rechtfertigungen richtig sind. Der Diskurs wird als die Einrichtung verstanden, in der über Geltungsansprüche mit Argumenten befunden wird, um zu einem 'wahren Konsens' zu gelangen“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 123).
HABERMAS beschreibt dies auch so: „im Diskurs versuchen wir, durch Gründe zu einer gemeinsamen Überzeugung zu gelangen“ (HABERMAS zitiert nach: KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 123). Allerdings muss der richtige Diskurs auch einige Voraussetzungen erfüllen, damit er überhaupt zu dem gewünschten Konsens führen kann. Diese Voraussetzungen werden unter dem Begriff „ideale Sprechsituation“ (KÖNIG/ZEDLER 2002, S. 123) zusammengefasst. 5 Wenn die ideale Sprechsituation nicht gegeben ist, kann auch kein objektiver und als gültig anzuerkennender Konsens erreicht werden. Eine Aufklärung über die einschränkenden Bedingungen und die Emanzipation daraus wären somit unmöglich. Bevor dieses Kapitel abgeschlossen wird, sollen an dieser Stelle noch einmal die Kerngedanken der Kritischen Theorie wiederholt werden:
Welchen Einfluss hatten diese Aussagen der Kritischen Theorie aber auf die Erziehungswissenschaft? Wer übernahm Gedanken aus der Kritischen Theorie, die ja der Sozialwissenschaft im Allgemeinen entsprang und übertrug sie auf die Erziehungswissenschaft als einem Teilgebiet der Sozialwissenschaft? Was sind folglich die Kerngedanken der Kritischen Erziehungswissenschaft? Wir werden sehen.
5 Die Charakteristika einer „ideale(n) Sprechsituation“ sind das gegenseitige Aussprechen lassen und akzeptieren der Argumente des Anderen als gleichberechtigt, sowie das jegliche Fehlen von äußeren Umständen, die den Austausch der Argumente einschränken. Nur dann könne letztendlich das bessere Argument, der logischere Gedanke, zum Konsens führen.
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