DIE BEDEUTUNG
DER GESUNDHEITSFÖRDERNDEN
BERATUNG
UNTER
BEZUGNAHME
DER
SELBSTPFLEGE-
UND
SELBSTPFLEGEDEFIZIT THEO-
FACHHOCHSCHULEJENA
FACHBEREICH Sozialwissenschaften
Hausarbeit
im Diplomstudiengang Pflege / Pflegemanagement
über das Thema von
PETER ULLMANN FERNSTUDIENGANG PFLEGE / PFLEGEMANAGEMENT 2005 2
DIE BEDEUTUNG DER GESUNDHEITSFÖRDERNDEN BERATUNG UNTER BEZUGNAHME DER SELBSTPFLEGE- UND SELBSTPFLEGEDEFIZIT THEO-
RIE VON DOROTHEA OREM
INHALT
1 EINLEITUNG 4
2 METATHEORETISCHER ENTWURF DER GESUNDHEITSFÖRDERNDEN BERATUNG 6
3 WELCHES VERSTÄNDNIS VERBIRGT SICH HINTER DER BEGRIFFLICHKEIT
GESUNDHEIT FÖRDERN / GESUNDHEITSFÖRDERUNG 8
4 BERATUNG - BERATERIN 10
5 DIE PARADIGMEN PATHOGENESE UND SALUTOGENESE. 11
5.1 PATHOGENESE ALS BESTIMMUNGSFAKTOR FÜR WISSENSCHAFTLICHE PARADIGMEN? 11
5.2 SALUTOGENSE MEHR ALS NUR DICHOTOMIE VON GESUNDHEIT UND KRANKHEIT. 14
6 „ICH FÜHL MICH GESUND - BIN ICH DESHALB GESUND? DETERMINANTEN DER
GESUNDHEIT 19
6.1 GESUNDHEITSFÖRDERUNG IN DER NANDA TAXONOMIE II 22
7 GESUNDHEITSFÖRDERUNG AM ANSATZ DER GESUNDHEITSAUFKLÄRUNG 27
7.1 BERATUNG IM KONTEXT DES MODELLS DER STADIEN DER VERÄNDERUNG (STAGES OF MODEL) VON
PROCHASKA UND DICLEMENT 29
8 DIE SELBSTPFLEGEDEFIZIT-THEORIE VON OREM. 34
8.1 THEORIE DER SELBSTPFLEGE. 35
8.1.1 Entwicklungsbedingte Selbstpflegeerfordernisse 42
8.1.2 Allgemeine Selbstpflegeerfordernisse. 43
8.1.3 Gesundheitsbedingte Selbstpflegeerfordernisse 44
9 ZUSAMMENFASSUNG. 46
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1 E Ei in nl le ei it tu un ng g 1
„Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für mich klar, dass ein Grossteil des Flusses sowohl im wörtlichen wie auch im herkömmlichen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluss, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Meine Arbeit ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: 'Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?“ Aaron Antonowsky
Seit fast 13 Jahren arbeite ich im Gesundheitswesen. Nach dem ich die Ausbildung zum Krankenpfleger abgeschlossen hatte, bin ich seit her schwerpunktmäßig in der Akutpsychiatrie tätig. Kein Tag gleicht dem anderen, so wie die Menschen mit ihren Problemen und deren Verhalten und Erleben einzigartig sind. Gibt es zwar die Kategorisierung nach ICD 10 oder DSM, jedoch bedeutet dieses nicht, dass gleiche Erkrankungen mit gleichen Verläufen einhergehen. Im Gegenteil jede psychiatrische Erkrankung, und das ist meine persönliche Erfahrung, ist individuell, ein Unikat. Nicht ohne Grund sind Fallpauschalen in der Psychiatrie bis heute nicht zum Einsatz gekommen. Wie bzw. wer soll die Psyche mit welchem Schema quantifizieren? Gibt es in der Somatik eine bestimmte Methode um beispielsweise eine Fraktur des Unterarmes zu behandeln, sind die Ansätze in Psychiatrie mannigfaltig und kaum mit-einander zu vergleichen. Das soll nun nicht heißen, dass jeder Tag ein Chaos ist und Strukturen nur theoretische Konstrukte darstellen. Im Gegensatz, sie sind die Basis des pflegerischen Alltages. Jedoch sind Pflegemaßnahmen in ihrem Inhalt von einem auf den anderen Menschen nicht übertragbar, auch wenn ähnliche Symptome es erwarten lassen. Ähnlich wie Pfle-getheorien die in anderen Gesellschaften entwickelt worden sind und nur in angepasster Form von anderen Gesellschaften angewendet werden können, stellt der Betroffene in der Psychiatrie in seiner Persönlichkeit ein Individuum in einen Mikrokosmos dar. Folglich sind nicht die mechanisch-technischen Verrichtungen im Vordergrund, sondern die themenzentrierten und zur Alltagsbewältigung geführten Gespräche, Hauptbestandteil der therapeutischen Intervention. Primäre Ziele von Gesprächen sind demnach die „Begleitung bei seinem / ihrem Erleben oder der Unterstützung bei der Bewältigung seiner / ihrer früheren, aktuellen oder zukünftigen Situation... ...der Patientin zur Unterstützung bei der Erhaltung und Förderung seiner / ihrer Selbstständigkeit und Gesundheit abgegeben werden, abgebildet.“ 1 Es stellt den einen Aspekt der individuellen Bewältigung von Problemen dar. Fraglich bleibt, warum die Menschen häufig erneut in den stationären Aufenthalt zurückkehren. Es ist zu einfach zu meinen, das psychiatrische Erkrankungen phasenhaft Verlaufen und dieses einen von Zeit zu Zeit klinische Intervention unumgänglich machen. Nachdenklich und bedenklich erscheint mir der neue Trend der sich in Deutschland durch den derzeitigen Ausbau von forensischen Abteilungen abzeichnet. Ein Grund könnte, das Scheitern der in den 80iger Jahren begonnen ambulanten psychiatrischen Versorgung. Die herkömmlichen Sozialpsychiatrischen Dienste die unter öffentlicher Hand geleitet werden, stellen nur eine unzureichende Versorgung dar. Nicht nur weil die dort Tätigen zumeist aus anderen sozialen Berufungen kommen und die psychiatrische Pflege kaum vertreten ist, sondern weil die Intervalle für die Betreuung eher grobmaschig erfolgen und daher eine umfassende Unterstützung kaum durchführbar machen. Andererseits ist die Ökonomisierung und Privatisierung ein weiterer Fakt, der die Gefahr der Un-terversorgung in sich birgt. Unverständlich bleibt, warum der Weg mit der einhergehenden Kriminalisierung von Menschen mit Störungen der Psyche auf diese Weise gelöst werden soll oder ist es vielleicht ein Spiegelbild des Stellenwertes der Psychiatrie in der Gesellschaft?
1 LEP Nursing 2.1 - Leistungserfassung in der Pflege, Psychiatrie-Zentrum Hard Embrach, Schweiz, 2001
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Wennes hier um gesundheitsfördernde Beratung geht, soll dieses einen Betrag dazu liefern, die Ressourcen der Betroffenen zu stärken und gleichfalls zu hinterfragen welche Möglichkeiten die Beratung hat, auf das soziale Umfeld einzuwirken. Aber auch für den somatischen Bereich bleibt eine gesundheitsfördernde Beratung gleichbedeutend. Nicht zuletzt wurde bereits in zehn Schritten zur Entwicklung der Ambulantisierung die „Aufnahme des Moduls „Anleitung und Motivation“ im Leistungskatalog des SGB XI“ 2 von der BALK gefordert. Nicht zu vergessen, egal ob somatische oder psychisch/psychiatrische Präpositionen, bleibt zu beachten, dass Gesundheitsförderung die gesamte Bevölkerung als Zielgruppe umfasst und die Veränderung der Lebensweisen zum Ziel hat und im eigentlichem Sinne am Gesundheits-zustand als Interventionszeitpunkt ansetzt.
Beratung ist fast so selbstverständliche, das man sie im alltäglichen Leben kaum wahrnimmt. Erst bei unlösbaren Konflikten oder defizitären Wissensstand 3 begibt sich der Mensch bewusst auf die Suche nach Hilfe. So will ich an dieser Stelle auch die philosophische Frage stellen „Suchen kann nur derjenige, der etwas verloren hat“. Geht man davon aus, das man sich dementsprechend auf die Suche nach etwas verloren begibt, so wäre es wohl das Ziel die Erkenntnis zu finden. Einmal mehr wird dieses in dem Leitsatz „Der Klient hat das Problem (Anmerkung: Wissensdefizit) und besitz die Lösung (Anmerkung: Entscheidungsfähigkeit)“ 4 deutlich. Im Alltag erhält man fast täglich Beratung. Ob am Fahrkartenschalter bei der Frage nach eine Zugverbindung, im Reisebüro nach einem Flug nach Spanien, beim Steuerberater welche Kosten man gegenüber dem Finanzamt gelten machen kann etc. Alle diese Beratungen beruhen darauf, dass im Vorfeld keine negative Situation eingetreten ist, sondern das man beispielsweise eine schöne Reise machen kann, Geld vom Finanzamt wiederbekommt, den richtigen Zug oder einen Flug nach Spanien bekommt. Es wäre wohl auch nicht sinnvoll, nach dem Flug nach Spanien zu fragen wenn man bereits in Moskau gelandet ist. Im Studienbrief 1.Beraterkompetenz, 2.Beratungsstruktur, Beratungsverlauf, Beratungsbeziehung von Klemm und Krczizek 4 wird das Expertenprofil einer Beraterin mit dem beruflichen Selbstverständnis, den Feldkenntnissen über die Zielgruppe, dem Fachwissen zur Erkrankung bzw. Problematik und einem methodischen Know beschrieben.
Beratung steht im nachfolgenden nicht ausschließlich unter dem gesundheitsfördernden Aspekt, sondern gleichzeitig auch als präventive und kurative Möglichkeit, Menschen zu helfen sich in einer immer komplexeren Umwelt und Gesellschaft zurechtzufinden. Das Schwergewicht im folgenden liegt nicht auf der Prävention, da diese „bei der Vermeidung von Krankheiten und Gebrechen ansetzt...“ 5 , sondern setzt bei der „Gesundheitsförderung direkt - sozusagen ohne Umwege über die Krankheitsverhütung - bei den positiven, fordernden Bedingungen für bzw. von Gesundheit an.“(ebd).
Anmerkung
BEI DEN IN DIESER HAUSARBEIT VERWENDETEN PERSONEN- UND BERUFSBEZEICHNUNGEN WERDEN, AUCH WENN SIE NUR IN EINER FORM AUFTRETEN, GLEICHWERTIG BEIDE GESCHLECH- TERANGESPROCHEN.
2 BALK - BUNDESARBEITSGEMEINSCHAFT LEITENDER KRANKENPFLEGEPERSONEN E.V., T. EISENREICH, Handbuch Pflegemanagement, Neuwied, Köln, München, 2003
3 Krankheit allein muss nicht bedeuten, dass eine Person Beratung in Anspruch nimmt. Sie bildet jedoch ein Kriterium wo in einer bestimmten Situation Beratung gesucht werden kann.
4 KLEMM, KRCZIZEK, Studienbrief „1. Beratungskompetenz 2. Beratungsstruktur, Beratungsverlauf, Beratungsbeziehung, Fachhochschule Jena, 2004
5 H. WALLER, Sozialmedizin, Grundlagen und Praxis, Stuttgart, 1985/2002
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2 M Me et ta at th he eo or re et ti is sc ch he er r E En nt tw wu ur rf f d de er r g ge es su un nd dh he ei it ts sf fö ör rd de er rn nd de en n 2
Be er ra at tu un ng g B
Im folgenden ist der Aufbau der Kapitel systematisch. Jeder der Beratung unter gesundheitsfördernden Aspekten durchführt, sollte seine beratende Tätigkeit und den theoretischen und praktischen Einstellungen bewusst sein und ebenso für andere nachvollziehbar machen. Hierzu wird das integrative Supervisionsmodell von Schreyögg 6 als metatheoretisches Bezugsebene favorisiert. Je nach Beraterin ist das Gespräch von verschiedenen psychoanalytischen, gesprächstherapeutischen, soziologischen, verhaltenstherapeutischen, gestalttherapeutischen, kommunikationstheoretischen oder systemtheoretischen Grundlagen geprägt. Die Metaebene setzt sich aus anthropologischen und erkenntnistheoretischen Leitlinien für den Beratungsprozess und den damit verbundenem Handeln zusammen wie beispielsweise Menschenbild, Ethik und moralisches Handeln. In der Folge haben sich alle verwendeten Theorien, Modelle und Methoden einem übergeordneten Menschenbild und ethischen Grundverständnis unterzu-ordnen bzw. sich in dieses einzuordnen.
In der Abbildung werden die unterschiedlichen Ebenen verdeutlicht. Die theoretische Ebene bezieht sich auf das Salutogenese Konzept von Antonovsky. Es wird unter den Punkt 5.2 Salutogense mehr als nur Dichotomie von Gesundheit und Krankheit näher erläutert. Die Ge-sundheitsförderung selbst wird im Kapitel 3 Welches Verständnis verbirgt sich hinter der Begrifflichkeit Gesundheit fördern / besprochen.und enthält Aussagen zu den Zielen, welche der Berater mit seinem Handeln verfolgt. Es bildet die beratungstheoretische Ebene. Die praxeologische Ebene der gesundheitsfördernde Beratung beschäftigt sich mit der Selbstpflege- und Selbstpflegedefizittheorie nach Orem - siehe hierzu unter „8. Die Selbstpflegedefizit-Theorie von Orem“. Es ist ein praxisorientiertes Modell, welches sich explizit auf die Pflege bezieht.
6 Schreyögg A., Supervision - ein integratives Modell, Lehrbuch zu Theorie und Praxis, Paderborn, 1991
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Wennes im folgenden also um gesundheitsfördernde Beratung unter der Bezugnahme der oremschen Pflegetheorie geht, dann ist damit die Beratung unter pflegerischen Gesichtspunkten gemeint. Das dazu vorgeschlagene Modell der Stadien der Veränderung, soll als methodologischer Ansatz für die Umsetzung auf der Handlungsebene dienen. Es wird unter 7.1 Beratung im Kontext des Modells der Stadien der Veränderung (Stages of Model) von Prochaska und DiClement behandelt.
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3
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We el lc ch he es s
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Ge es su un nd dh he ei it t f G
Bereits in der Einleitung wurde die Aussage getroffen „Suchen kann nur derjenige, der etwas verloren hat.“ Geht man noch einen Schritt weiter, so kommt man auf die Erkenntnis, „Wenn der jenige etwas verloren hat, dann muss er es bereits besessen haben.“. Demzufolge kann es sich bei Gesundheit fördern auch nur darum handeln, dass bei einem Menschen schon etwas vorhanden ist. Wie bzw. was sonst sollte gefördert werden? In den nächsten Zeilen und Wörtern wird sich der Begriffsbestimmung Gesundheitsförderung genähert. Zuvor sei noch darauf hingewiesen, dass es sich um keine statische und absolute Bestimmung handelt (es gibt zu viele unterschiedliche Meinungen), sondern um eine Auslegung der vorhandenen Fakten.
Der Beginn der Gesundheitsförderung liegt im 19 Jahrhundert. Krankheits- bzw. Infektionsepidemien wie Tuberkulose, Cholera und Typhus verbreiteten sich rasend schnell in den überfüllten Industriestätten. Es wurde dringend notwendig, Massnahmen dagegen zu ergreifen. Da zu dieser Zeit noch keine Erkenntnisse über die Erreger und dessen Immunisierung in Form von Impfungen vorlag, wurden die Ursachen oftmals als schicksalhaft und Strafe einer höheren Macht (Gott gewollt, Buße tun etc.) interpretiert.
Reformen kamen Mitte des 19 Jahrhundert auf. In Großbritannien wurde beispielsweise 1848 für jede Stadt ein Medizinalbeamter benannt, der die Aufgabe hatte Gesundheitsratschläge zum Schutz vor übertragbaren Krankheiten gab. Bereits hier ist schon die Begrifflichkeit von Beratung erwähnt, nämlich in der Art und Weise, wie es der gesundheitlichen Aufklärung entspricht. In Bezug auf die Pflege ist an dieser Stelle Florence Nightingale zu nennen. Die hygienischen Zustände in der Armee führte dazu, dass zahlreiche Soldaten an Infektionen starben. „Als im März 1854 England und Frankreich Russland den Krieg erklärt, ging sie, nachdem sie von der katastrophalen medizinischen Versorgung der Soldaten hörte, auf Bitten des damaligen englischen Kriegsministers Sidney HERBERT, mit einer von ihr ausgewählten Gruppe von 38 Krankenpflegerinnen nach Scutari in die Türkei. Nach anfänglichen erheblichen Widerständen vonseiten der Offiziere und Ärzte organisierte sie schließlich die Krankenpflege im Lazarett von Scutari. Hier entstand auch der Mythos der „Lady with the lamp“ („der Dame mit der Lampe“): „Wenn Florence Nightingale nachts mit ihrer Lampe durch das Krankenlager geht, küssen wir heimlich ihren Schatten.“ schrieb ein Soldat aus dem Lazarett nach Hause (WOODHAMSMITH 1952, 218).“ 7
Ihre hygienischen Reformen in der Armee bzw. Armeekrankenhäusern und später in der Armen-Krankenpflege beruhten auf der Konzeption Belüftung, Wärme, Licht, Diät, Sauberkeit und Lärm, welche sie als Komponenten der Umwelt bezeichnete. Sie entwickelt 5 Punkte für die Erhaltung der Gesundheit. Diese sind Saubere Luft, sauberes Wasser, funktionierende Kanalisation, Sauberkeit, Licht. Mit der Umsetzung des konzeptionellen Rahmens konnte die Ausbreitung der Infektionen, insbesondere während des Krimkrieges innerhalb der Lazarette, eingedämmt und dezimiert werden.
Ähnlich verlief die stattliche Gesundheitspolitik in Deutschland, die sich ebenfalls auf der Hygieneerziehung berufen fühlte. Man versuchte durch die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung durch Sauberkeit, Gründlichkeit und Ordnung, beispielsweise die
7 Dorschner S., Geschichte der Pflege - Teil I Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, 1999,
2001 by Fernstudienagentur des Fachhochschul-Fernstudienverbundes der Länder (FVL) Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit Sitz an der Fachhochschulefür Technik und Wirtschaft (FHTW) Berlin.
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Säuglingssterblichkeitzu verringern. Die Erfolge lassen sich auf die Untersuchungen von McKeown 8 , im Bezug auf den Rückgang der Tuberkulosesterblichkeit für England und Wales, empirisch Nachweisen. Während 1838 noch eine jährliche Todesrate von 4000 Personen pro Millionen Einwohner belief, halbierte sich die Rate 1880. Zu dieser Zeit wurde der Tuberkulosebazillus identifiziert, jedoch erst in den 50iger Jahren des 20 Jahrhundert die BCG Impfung eingeführt. Die Sterblichkeit war bereits zu diesem Zeitpunkt unter 500 Personen pro Millionen Einwohner gesunken.
In den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckten die Versicherungsgesellschaften Gesundheitserziehung für ihre Zwecke. Sie warben mit Slogans wie „Nimm mindestens einmal wöchentlich ein heißes Bad“ und anderen. In den 60iger und 70iger Jahren fand ein Paradigmenwechsel statt. Die zunehmenden Kosten im klinischen-ambulanten Bereich und die ausbleibenden Verbesserungen im Gesundheitsverhalten als auch die veränderten Morbiditäts- und Mortalitätsstrukturen, führten dazu, dass man den Einzelnen nun für seine Erkrankungen infolge seines Verhaltens verantwortlich machte. Ziel dieser Taktik war, das jeder Mensch mehr Verantwortung für sein Leben übernehmen sollte. Es war der Beginn der Prävention. Aus psychologischer Sicht mag man bestimmte Aspekte durchaus belegen können. Wohl aus soziologischer Sicht bleibt der Ansatz unvollständig, da er wesentliche Faktoren aus der Umwelt 9 , wie soziale Schicht, Arbeitsplatzbedingungen, Zugang zu Gesundheitsdiensten etc. nicht berücksichtigt. Hierzu noch eine Anmerkung aus der heutigen Sicht des Gesundheitswesens und deren stetigen Ökonomisierung. Untersuchungen im Mutterland der Fallpauschalen den USA haben ergeben, dass die Lebenserwartung in einem vollständig ökonomisierten Gesundheitssektor (bezogen beispielsweise auf ein privates Krankenhaus) sinken lässt. Durch solche Veränderungsmassnahmen, wie man später noch sehen wird, verändert sich der Zugang zu den Gesundheitsdiensten, der als Gesundheitsdeterminante beschrieben wird. Folglich bleibt die Frage offen, in welchem Verhältnis stehen die Bestimmungsfaktoren zu-einander?
Zurück zu der Entstehung der Gesundheitsförderung. Nachdem die Prävention, mit der Konzentration auf die Erkrankung und der Vermeidung von Risikofaktoren geboren wurde, ent-standen einige Konzepte daraus. Insbesondere in der Schwangerschafts- und Krebsvorsorge und Kinderuntersuchungen (U-Untersuchungen) wurden gute Ergebnisse erzielt, indem frühzeitig Abweichungen vom Normzustand ermittelt worden.
Ein weiterer Paradigmenwechsel vollzog sich in den 80iger Jahren. Das psychosoziale Konzept entstand und geht davon aus, das durch eine „verbesserte Konfliktfähigkeit und Stärkung der Selbstbestimmung des Individuums, die Menschen am gesundheitsschädigenden Verhalten“ 10 gehindert werden. Es war nicht mehr nur das individuelle Verhalten, das ausschlaggebend auf den Gesundheitszustand ist, sondern dass Umweltfaktoren ebenso einen unmittelbaren Einfluss ausüben. Die Verhütung von Krankheiten und die Aktivierung von Ressourcen charakterisieren nun die Interventionen. Ziel menschlichen Wohlbefindens basierend in bezug auf Gesundheitsförderung, auf die Beeinflussung der Bedingungen und Ursachen von Ge-sundheit und den damit verbundenen grösstmöglichen „Gesundheitsgewinn“. In der Jakarta Erklärung von 1997 (WHO) wird Gesundheitsförderung als ein „Prozess, der Menschen befähigen soll, mehr Kontrolle über ihre Gesundheit zu erlangen und sie zu verbessern durch Beeinflussung der Determinanten“ dargestellt.
Zuletzt noch einen umfassender Beschreibung, die von der 1. Internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung in Ottawa 1986 durch die WHO in der „Ottawa Charta“ verabschiedet wurde: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an
8 McKeown T., Die Bedeutung der Medizin, Frankfurt/M. , 1982
9 Der in Großbritannien 1980 veröffentlichte „Black Report“ spiegelt wieder, das Menschen aus unteren sozialen Schichten ein höheres Risiko tragen füher zu sterebn als Menschen aus oberen Schichten.
10 Thiemes Pflege, Kellnhauser, Schewior-Popp, Sitzmann, Geißner, Gümmer, Ullrich, Stuttgard, New York, 2000
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Selbstbestimmungüber ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Ge-sundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. sie verändern können. In diesem Sinn ist die Gesundheitsförderung als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit ebenso betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für die Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur beim Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden.“
4 B Be er ra at tu un ng g - - B Be er ra at te er ri in n 4
Das Wort Beratung setzt sich aus Be - rat - ung zusammen. Rat steht als Synonym für Lebenshilfe oder und Vorschlag. Da man sich selbst nicht beraten kann, ist die Vorsilbe begleichbedeutend, das diese jemand Anderes übernimmt. Dabei kann Rat in Form von Wissens- bzw. Erfahrungsvermittlung erfolgen. Die Aufgabe kann eine Person oder auch ein Medium beispielsweise Buch, Internet etc. übernehmen. In diesen speziellen Fall übernimmt die Beraterin die Funktion also eine Person. Wie sie diese Aufgabe erfüllen kann, wird im nachfolgenden näher bestimmt. Natürlich hat sie wiederum ihr Wissen und Erfahrungen aus anderen Interaktionsprozessen (z.B. Gespräche, Lesen, Sehen, etc.) gewonnen.
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Arbeit zitieren:
Diplom Pflegewirt FH Peter Ullmann, 2005, Die Bedeutung der gesundheitsfördernden Beratung unter Bezugnahme der Selbstpflege- und Selbstpflegedefizit-Theorie von Dorothea Orem, München, GRIN Verlag GmbH
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