Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis I
Tabellenverzeichnis III
Abk ürzungsverzeichnis IV
1 Einleitung 1
1.1 Problemstellung und Zielsetzung. 1
1.2 Abgrenzung. 2
1.3 Aufbau und Vorgehen 3
2 Der indische Freiheitskampf 4
2.1 Historische Wurzeln und Entwicklung. 4
2.1.1 Hintergrund der britischen Herrschaft über Indien - das Raj 4
2.1.2 Das britische Empire zu Beginn des 20. Jahrhunderts 6
2.1.3 Die indische Unabhängigkeitsbewegung - das Ende von britisch Indien. 8
2.2 Mahatma Gandhi und Satyagraha. 16
2.2.1 Satyagraha - die Idee 17
2.2.2 Satyagraha - die Prinzipien. 19
2.3 Zusammenfassung 21
3 Der tibetische Freiheitskampf 23
3.1 Historische Wurzeln und Entwicklung bis 1959 23
3.1.1 Hintergründe der chinesischen Okkupation Tibets 1951 23
3.1.2 Geschichte des tibetischen Freiheitskampfs bis 1959 30
3.2 Der Dalai Lama und der gewaltlose Freiheitskampf ab 1959. 33
3.2.1 S.H. der XIV der Dalai Lama 34
3.2.2 Politik der Exilregierung bis 1987 36
3.2.3 Die Unruhen von 1987 bis 1992 38
3.2.4 Heutiger Stand. 40
3.2.5 China und Tibet zu Beginn des 21. Jahrhunderts 43
3.3 Zusammenfassung 48
3.3.1 Aktuelle Lage der tibetischen Diaspora. 48
3.3.2 Politische Mittel der tibetischen Exilregierung 48
3.3.3 Aktionen in Tibet 49
4 Unterschiede und Gemeinsamkeiten 50
I
Inhaltsverzeichnis
4.1 Vergleich der Besetzungsmächte: Grossbritannien und China 50
4.1.1 Das politische System 50
4.1.2 Die Kolonialisierung. 50
4.1.3 Strategische Bedeutung der besetzten Gebiete. 51
4.1.4 Ökonomische Interessen am besetzten Gebiet 51
4.2 Vergleich der Akteure: Mahatma Gandhi und Dalai Lama 52
4.3 Vergleich der Methoden: Satyagraha und „mitterer Weg“ 52
5 Fazit: Perspektiven des tibetischen gewaltlosen Freheitskampfs 54
5.1 Weiterführung der bisherigen Strategie 54
5.2 Satyagraha in Tibet. 55
5.3 Abschliessende Beurteilung. 56
Anhang: Interview mit C.R. Chhoekyapa vom 13. 8. 2004 in Genf V
Literaturverzeichnis VII
Artikelverzeichnis. X
Internetverzeichnis............................................................................................................................ XI
II
Tabellenverzeichnis
TABELLENVERZEICHNIS
Tabelle 1: Kennziffern zum Lebensstandard der Bevölkerung ...........................................................44 Tabelle 2: Tibetische und Chinesische Bevölkerung in der TAR ........................................................47 Tabelle 3: Prozentualer Anteil der Tibeter an der Gesamtbevölkerung in der TAR............................48
III
Einleitung / Problemstellung und Zielsetzung
1 EINLEITUNG
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
„The Central government's channel for contacting with Dalai Lama is unimpeded. Its policy is clear. Dalai must truly give up the advocacy of "Tibet independence", stop splittist activities and openly acknowledge that Tibet and Taiwan are integral parts of the Chinese terri-tory. This is the important principled foundation for dialog between the Chinese government and Dalai Lama.” 1
Diese Aussage der Sprecherin des chinesischen Aussenministeriums Zhang Qiyue an einer Pressekonferenz am 13. Juli 2004 ist seit jeher die offizielle und einzige Position der Volksrepublik China (VRC) zu Verhandlungen mit dem Dalai Lama über die Tibetfrage.
Seit über 40 Jahren versuchen S.H. der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung durch gewaltlose Mittel die VRC an den Verhandlungstisch über die Zukunft Tibets zu bringen. Obwohl der gewaltlose Freiheitskampf der Tibeter und insbesondere die Person S.H. des Dalai Lamas weltweit immense Popularität geniessen und Be-wunderung und Zustimmung finden, bleibt der Erfolg auf politischer Ebene sehr bescheiden.
45 Jahre nach der Flucht des Dalai Lama und 53 Jahre nach dem Einmarsch chinesischer Truppen in die Hauptstadt Lhasa bzw. der Unterzeichnung des sog. 17-Punkte-Abkommens ist Tibet noch immer ein von China widerrechtlich besetztes Land bzw. ein integraler Bestandteil der Volksrepublik China. Ich erwähne an dieser Stelle bewusst beide Sichtweisen des Status quo in der Tibetfrage, sowohl die der tibetischen Exilregierung, der meisten Nichtregierungsorganisationen und der Mehrheit der Völkerrechtsexperten 2 , als auch diejenige der Volksrepublik China. Der Grund liegt darin, dass es mir in der vorliegenden Arbeit weder um den völkerrechtlichen Status Tibets noch um eine allgemeine Legitimation des Anspruchs auf einen unabhängigen Staat bzw. eine ‚echte‘ Autonomie („genuine autonomy“) geht. Vielmehr ist es das Ziel dieser Arbeit eine Bilanz zu ziehen über den nun über 40 Jahre dauernden gewaltlosen Freiheitskampf der Tibeter. Der gewaltlose Weg wird von S.H. dem Dalai Lama und der CTA seit jeher als einziger möglicher Weg bezeichnet. Die Gründe dafür sind vielfältig. In erster Linie sind das religiöse bzw. moralische Prinzipien, welche jegliche Form von Gewalt ablehnen. Aber auch realpolitisch gesehen glaubt S.H. der Dalai Lama nicht, dass durch gewalttätigen Widerstand ein Sieg erreicht werden könnte. Vielmehr würde es das Leid der Tibeter noch vergrössern. 3
Der wahrscheinlich berühmteste und auf jeden Fall erfolgreichste Vertreter des gewaltlosen Widerstands ist wohl Mohandas Karamchand Gandhi. Bis heute steht
1 Ministry of Foreign Affairs of the People’s Republic of China (2004), Online im Internet.
2 Vgl. International Commission of Jurists (1960), S. 5, 139-165; Vgl. International Commission of Jurists (1997), S. 63.
3 Vgl. Dalai Lama (1992), 97, 98, 146, 160, 233; Vgl. Dalai Lama (1990b), S. 116; Vgl. The official website of the Central Tibetan Administration (2002), Online im Internet; Vgl. Dalai Lama (2000), S. 19.
1
Einleitung / Abgrenzung
sein Name für die Befreiung von Fremdherrschaft durch gewaltlosen Widerstand. Mahatma („die grosse Seele“) Gandhi wird auch von S.H. dem Dalai Lama, obwohl sie sich nie persönlich getroffen haben, als sein Mentor bezeichnet. 4 Doch ist der Erfolg Gandhis wirklich (nur) auf die Wahl seiner Mittel zurückzuführen? Waren die geopolitische Konstellation, die historischen Umstände und die Eigenschaften der konkreten Akteure (Indien und Grossbritannien) nicht zumindest genauso ausschlaggebend für den Erfolg? Wenn ja, inwieweit kann dann der gewaltlose Widerstand der Tibeter noch durch einen Verweis auf den Erfolg des indischen gerechtfertigt werden?
1. Das Ziel dieser Arbeit ist es daher folgende Fragen zu behandeln: 2. Was waren die primären Ursachen für den Erfolg des gewaltlosen indischen Freiheitskampfs?
3. Wie stellt sich die aktuelle Lage der tibetischen Diaspora dar? Welche Wege beschreitet die tibetische Exilregierung, um ihre Ziele zu erreichen? 4. Worin liegen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der heutigen Lage Tibets und derjenigen Indiens zu Beginn des 20. Jh.? 5. Was für Perspektiven bzw. Erfolgsaussichten hat der gewaltlose Freiheitskampf der Tibeter?
1.2 Abgrenzung
Um die Fragestellungen dieser Arbeit wirklich beantworten zu können, ist es notwendig eine Reihe von Themen näher zu betrachten. Das britische Empire, der indische Freiheitskampf, Mahatma Gandhi, China im 21. Jh. und der tibetische Freiheitskampf sind die Hauptthemen dieser Arbeit. Jedes dieser Themen schliesst ein gewaltiges Gebiet ein und könnte ohne weiteres alleine in einer Diplomarbeit oder gar einer Dissertation behandelt werden. Ich werde die genannten Themen daher ausschliesslich bezüglich ihrer Relevanz für die vorliegende Arbeit erörtern. Wie bereits erwähnt geht es in dieser Arbeit nicht darum, ob der Freiheitskampf der Tibeter überhaupt eine Legitimation besitzt. Historisch gesehen war Legitimation nie ein Garant und auch keine Bedingung für den Erfolg eines Freiheitskampfs. Zudem gibt es zu diesem Thema bereits eine Fülle an Literatur und fast ebenso viele kontroverse Meinungen. Dabei werden völkerrechtliche, historische, politische und selbst moralische Argumente eingebracht.
Es soll auch nicht in erster Linie das konkrete Ziel des Freiheitskampfs untersucht werden. Dabei werden vor allem drei Möglichkeiten in der Literatur und innerhalb der tibetischen Exilgemeinschaft diskutiert: (1) die völlige Unabhängigkeit, (2) eine sogenannte ‚echte‘ Autonomie („genuine autonomy“) gemäss dem Strassburger Vorschlag von 1988 und 1996 5 S.H. des Dalai Lama oder (3) ein Referendum in Tibet selbst über dessen zukünftigen Status. Zwar hängen die Erfolgsaussichten
4 Vgl. Dalai Lama (1990), S. 21; Vgl. Dalai Lama (1990a), S. 129, S. 131; Vgl. Dalai Lama (1990b), S. 116.
5 Vgl. The Department of Information and International Relations (1994), S. 41-46; Vgl. The Government of Tibet in Exile (1996), Online im Internet.
2
Einleitung / Aufbau und Vorgehen
bzw. die Perspektiven immer vom konkreten Ziel ab. Da aber eine Realisierung jedes dieser drei Ziele einen immensen Erfolg für die tibetische Exilregierung bedeuten würde, ist die Frage welches Ziel erreicht wird von sekundärer Bedeutung für diese Arbeit.
Obwohl die mittlerweile unzähligen tibetischen Nichtregierungsorganisationen eine immer bedeutendere Rolle spielen, werden ihre Aktivitäten in dieser Arbeit nicht untersucht. Es geht in dieser Arbeit in erster Linie um die offizielle Politik der Exilregierung unter der Führung des Dalai Lamas. Zudem existiert keine koordinierende Stelle, welche die Aktionen der verschiedenen NGOs steuert und somit ist auch keine kohärente Strategie ersichtlich, welche hier untersucht werden könnte. Dies soll den Beitrag den diese Organisationen für die Sache Tibets auf keinen Fall schmälern.
1.3 Aufbau und Vorgehen
Der Aufbau dieser Arbeit folgt den in der Zielsetzung formulierten Fragen. Da es das Ziel dieser Arbeit ist die Perspektiven des gewaltlosen tibetischen Freiheitskampfs in einem Vergleich mit dem indischen darzustellen, soll in einem ersten Teil der indische Freiheitskampf unter Mohandas K. Gandhi untersucht werden. Den Fokus möchte ich dabei auf die beiden Akteure richten. Auf der einen Seite steht Grossbritannien zu Beginn des 20. Jh. als eine (untergehende) Grossmacht. Auf der anderen Seite Indien bzw. der indische Nationalkongress unter Führung Mohandas K. Gandhis. In diesem Teil sollen vor allem die Ursachen des Erfolgs des indischen gewaltlosen Freiheitskampfs untersucht werden. In einem zweiten Teil werde ich mich dann dem gewaltlosen tibetischen Freiheitskampf widmen. Wiederum werden die beiden Akteure unter die Lupe genommen. Die Volksrepublik China zu Beginn des 21. Jh. und die tibetische Exilregierung unter der Führung S.H. des XIV Dalai Lama. Die Analyse des gewaltlosen Freiheitskampfs der Tibeter, konzentriert sich auf die angewendeten Mittel und die bisherigen Erfolge.
Im dritten Teil werde ich dann versuchen die Erkenntnisse aus den ersten beiden Teilen miteinander zu vergleichen, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu ermitteln. Dabei soll eine erste Beurteilung der Vergleichbarkeit der beiden Konflikte abgegeben werden.
Im letzen Teil soll eine Prognose gewagt werden durch Darstellung der Perspektive(n) bzw. Erfolgsaussichten für die Tibeter bei einer Fortführung des gewaltlosen Widerstands unter zwei Gesichtspunkten.
3
Der indische Freiheitskampf / Historische Wurzeln und Entwicklung
2 DER INDISCHE FREIHEITSKAMPF
Die Erfolgsgeschichte des gewaltlosen Freiheitskampfs der Inder unter Mahatma Gandhi ist eindrucksvoll und bewundernswert. Worin liegen aber die wahren Ursachen seines Erfolgs? Welche Rolle spielte es, dass der ‚Gegner‘ eine europäische Grossmacht mit einer demokratischen Regierung war? Inwiefern spielten die historischen Krisen wie zum Beispiel der erste und zweite Weltkrieg eine Rolle? Diese Fragen sollen durch eine Darstellung der historischen Fakten untersucht werden. Danach wird auf Mohandas K. Gandhi und sein Konzept des gewaltlosen Wegs (‚Satyagraha‘) eingegangen. Worauf stützte Gandhi seine Ideen? Welche Mittel setzte er aus welchem Grund ein?
Zur britischen Kolonialherrschaft über Indien, welche als Raj bezeichnet wird, gibt es bereits umfangreiche Literatur. Im Rahmen dieser Arbeit interessieren vor allem die Gründe für die Errichtung der Kolonialherrschaft. Die Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit bedeutet, dass 1947 diese Gründe entweder nicht mehr vorhanden waren oder, dass die Argumente gegen das Festhalten an der Kolonialherrschaft überwogen.
Die britische Ostindienkompanie
Noch vor den Briten hatten die Portugiesen und die Holländer erste Handelsposten an der indischen Küste gegründet. Grossbritannien begann mit der Gründung der britischen Ostindienkompanie 1600 seine Aktivitäten im indischen Ozean und der Einfluss der Briten stieg im Verlauf des 17. Jh. während sie sich zunächst noch als Zwischenträger im innerasiatischen Handel bewährten. Dazu war jedoch kein terri-toriales Engagement nötig. 6 Ausserdem wurde Indien damals von den Mogulen beherrscht, welche die Macht in Indien im 15. Jh. übernahmen. 7 Die Mogul-Herrscher nahmen die europäischen Seemächte nicht als Bedrohung war. Sie waren keine Seemacht und die Europäer waren daher als Händler willkommen. Eine militärische Invasion mussten sie nicht fürchten, solange die Europäer für Nachschub jeder Art auf die kurze Zeit des Monsuns angewiesen waren. 8 Zunächst betätigten sich die Briten vor allem am innerasiatischen Handel, insbesondere die indischen Textilien waren in Asien sehr begehrt. Die Gewinne konnten wiederum eingesetzt werden, um Güter zu kaufen, welche sie dann nach Europa verkauften. Der britische Asienhandel zeigte im 17. und 18. Jh. einen enormen Strukturwandel. Während zuerst Pfeffer und Gewürze die wichtigsten Warenexporte nach Europa darstellten, wurden sie bald von Textilienexporten abgelöst, welche in Europa immer höhere Beliebtheit erfuhren. Im 18. Jh. trat dann der Tee als neue und bald dominante Ware hinzu. Dieser wurde von den Gewinnen aus dem Handel
6 Vgl. Rothermund (1989), S. 65.
7 Vgl. Westphal (1980), S. 62-63; Vgl. Rothermund (1989), S. 57.
8 Vgl. Kulke und Rothermund (1998), S. 273.
4
Der indische Freiheitskampf / Historische Wurzeln und Entwicklung
mit Indien in China gekauft, und von England in alle europäischen Länder und nach Amerika exportiert. Die Briten hatten im 18. Jh. den Portugiesen und Holländern den Rang abgelaufen. Doch noch immer blieb das territoriale Engagement gering. 9
Zerfall des Mogulreichs und Aufstieg zur Kolonialmacht
Erst der Zerfall des Mogulreichs und der gleichzeitig stattfindende Machtkampf zwischen England und Frankreich um die Vormacht über die westliche Welt sollte das britische Engagement in Indien grundlegend verändern. Sowohl in Europa als auch in Amerika und Asien standen sich die beiden europäischen Mächte gegenüber. Durch die Fragmentierung bzw. Regionalisierung der Macht in Indien, ergaben sich daher immer wieder Situationen, wo sich Franzosen und Briten als Partner der streitenden Parteien anboten und so immer tiefer in die inneren Angelegenheiten Indiens hineingezogen wurden. 10 Die französische Indienkompanie („Compagnie des Indes“) hatte aus innenpolitischen Gründen grössere Finanzierungsprobleme als die britische Ostindienkompanie. Als die Überlegenheit allzu deutlich wurde, musste die Kompanie neue Kapitalquellen erschliessen. Dafür boten sich Steuereinnahmen durch Territorialgewinne an. 11 Somit traten zum ersten Mal echte Terri-torialinteressen auf, welche natürlich die entsprechende Wirkung auf die britischen Interessen hatten. Die Niederlage gegen die Briten bei Wandiwash 1760 setzte schliesslich dem französischen Traum von einem „Inde française“ ein Ende. 12 Mit der Übernahme der Macht in Bengalen, der zur damaligen Zeit reichsten Provinz Indiens, wurde das Fundament für die künftige britische Herrschaft über ganz Indien gelegt. In der Folge weiteten sie ihre Macht durch Allianzen mit indischen Fürsten über den ganzen Subkontinent aus 13 , bis sie im Jahre 1849 ganz Indien unter ihre Herrschaft gebracht hatten. 14
Doch bereits gegen Ende des 18. Jh. gab es aus England erste Stimmen von liberalen Parlamentariern, welche mit der imperialen Politik in Indien, unter dem Deckmantel der Ostindienkompanie, nicht einverstanden waren. 15 Trotz verschiedener kritischer Stimmen blieb Indien aber bis zum indischen Aufstand von 1857 bis 1859 unter Verwaltung der Ostindienkompanie. Vor allem das britische Parlament wollte eine direkte Kontrolle der indischen Besitzungen durch die Krone verhindern. Damit hätte der Exekutiven eine unabhängige Einnahmequelle zur Verfügung gestanden, welche keiner parlamentarischen Kontrolle unterstanden hätte. Daher wurde durch regulierende Gesetzgebung versucht eine staatliche Aufsicht zu etablieren. 16 Die britische Territorialherrschaft über ganz Indien war also kein gezielter Plan, sondern vielmehr das Resultat eines Zusammenspiels der Machtverhältnisse in Europa, dem Zusammenbruch des Mogulreichs in Indien und den wirtschaftlichen Interessen der britischen Ostindienkompanie. Zugleich war der Widerspruch einer
9 Vgl. Rothermund (1989), S. 66.
10 Vgl. Kulke und Rothermund (1998), S. 283-284.
11 Vgl. James (1998), S. 17.
12 Vgl. Kulke und Rothemund (1998), S. 289; Rothermund (1989), S.74.
13 Vgl. Westphal (1980), S. 159-174.
14 Vgl. James (1998), S. 118.
15 Vgl. Rothermund (1989), S. 77.
16 Vgl. James (1998), S. 293.
5
Der indische Freiheitskampf / Historische Wurzeln und Entwicklung
liberalen Demokratie und einem expansivem Kolonialismus und Imperialismus schon früh zu erkennen. Eine Erklärung in der Edingburgh Review versuchte diesen Widerspruch zu relativieren bzw. die Kolonialpolitik zu rechtfertigen:
„[it was] the glorious destiny of England to govern, to civilise, to educate and to improve the innumerable tribes and races whom Providence had placed beneath her sceptre“. 17
Natürlich beschränkt sich diese Argumentation nicht auf das britische Empire, sondern wurde sinngemäss von den meisten imperialistischen Nationen als Legitimation angeführt, sowohl damals wie heute.
2.1.2 Das britische Empire zu Beginn des 20. Jahrhunderts
„As long as we rule in India, we are the greatest power in the world. If we lose it we shall drop straight away to a third rate power.“ 18
Diese Aussage des Vizekönigs, Lord Curzon, im Jahre 1901, zeigt die enorme Bedeutung Indiens für das britische Empire zu Beginn des 20. Jh. Indien wurde noch wie knapp 50 Jahre zuvor (s. Kapitel 2.1.1) durch einen Vizekönig, als Repräsentant des Königs in Indien und durch einen Staatssekretär im Kabinett vertreten. Zur Jahrhundertwende umfasste das Raj ein Gebiet von 1'802'629 Quadratmeilen und eine Bevölkerung von fast 300 Millionen Menschen. Dies entsprach einem Territorium, dass grösser als das römische Reich war und fast ein Fünffaches der Bevölkerung des gesamten französischen Kolonialreichs zählte. 19 Demgegenüber standen 1929 weniger als 157'000 Europäer in Indien, von denen 45'000 Frauen waren. Von den Männern waren 60'000 Soldaten und 22'000 im Dienst der Regierung. Finanzielle und personelle Grenzen, zwangen die Briten die imperiale Herrschaft zum grossen Teil auf die Inder zu stützen. 20 Die grosse Bedeutung der Kolonien für Grossbritannien zeigt sich vor allem in einem Vergleich mit den beiden zu dieser Zeit aufstrebenden Supermächten USA und Russland bzw. der Sowjetunion. Zu Beginn des 20. Jh. hatte das Vereinigte Königreich eine Bevölkerung von 42 Millionen, während die USA bereits 76 Millionen und Russland 133 Millionen Einwohner zählten. Rechnete man hingegen das britische Empire mit ein, so stieg die Bevölkerung auf über 500 Millionen und umfasste zwischen einem Fünftel und einem Viertel der gesamten Landfläche der Erde. Das Empire bildete für das Vereinigte Königreich eine gewaltige Quelle an materiellen und menschlichen Ressourcen. 21
Dominions, Kronkolonien und Indien
Doch in seiner gewaltigen Grösse lag auch gleichzeitig die Schwäche des Empire. Das britische Empire besass als Basis seiner Machtausübung lediglich ein relativ kleines europäisches Land. Seine Ressourcen waren über ein riesiges nicht zu-
17 James(1998), S. 294.
18 Dilks (1969, S. 170, zit. in Brown und Louis, 1999, S. 5).
19 Vgl. Brown und Louis (1999), S. 5.
20 Vgl. Brown und Louis (1999), S. 423.
21 Vgl. Reynolds (1991), S. 25.
6
Der indische Freiheitskampf / Historische Wurzeln und Entwicklung
sammenhängendes Gebiet verteilt. Nur durch die britische Übermacht zur See konnte dieses gewaltige Territorium erhalten werden. Hinzu kam die Diversität der kolonialen Besitzungen, welche einzeln und unter geringer Kontrolle von London entstanden waren. In vielen Fällen war die britische Kontrolle sehr beschränkt. Die Dominions (Irland, Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika), wie die Kolonien mit weissen Siedlern genannt wurden, waren de facto innenpolitisch unabhängig. Eine weitere Kategorie bildeten die sogenannten Kronkolonien (u.a. Westafrika, Westindien). Diese standen unter direkterer Kontrolle und wurden eher autokratisch durch einen britischen Gouverneur regiert, welcher wiederum der Aufsicht Londons unterstand. 22 Indien stellte eine Art Zwischending dar. In britisch Indien regierten sie direkt durch den sogenannten Indian Civil Service, welcher fast ausschliesslich aus Briten bestand. 23 Ein Drittel des Subkontinents bestand aus ca. 600 Fürstentümer, welche durch indische Fürsten kontrolliert und bis auf Verteidigung und Aussenpolitik autonom waren. Die Briten waren als eine kleine Minderheit in einem Land mit einer Bevölkerung von über einer viertel Milliarde auf Allianzen mit lokalen Führern und westlich orientierten Indern angewiesen. Diese stellten einen grossen Teil der niederen Verwaltung. 24
Stellung als Wirtschaftsmacht
Obwohl das britische Empire zu Beginn des 20. Jh. seine territorial grösste Ausdehnung hatte, hatte sein Abstieg als führende Wirtschaftsmacht bereits begonnen. Dies wurde zunächst vor allem in seiner Rolle als „Werkstatt der Welt“ in den entscheidenden Gebieten der Industrie sichtbar. Während 1850 noch die Hälfte der Weltproduktion an Kohle, Roheisen und Stahl auf England entfiel, waren es 1900 gerade noch 27% bei Kohle, 22% bei Roheisen und weniger als 18% bei Stahl. Die Rolle als Welthandelsmacht sank zwar auch, doch mit einem Anteil von 19% am Welthandel war England 1900 immer noch führend. 25
Veränderte Interessen
Der wirtschaftliche Stellenwert Indiens hatte sich seit dem 18. Und 19. Jh. stark verändert. Während der industriellen Revolution wandelte sich Indien von einem Textilexporteur zum grössten Importeur von britischen Textilien. Zugleich stieg die Bedeutung als Exporteur von Rohprodukten wie Opium und Indigo. Mit der industriellen Revolution wurden in Indien auch in riesige Infrastrukturprojekte investiert. Vor allem Eisenbahnen, Schienen und Brücken wurden gebaut und fast ausschliesslich aus Grossbritannien importiert. Damit war Indien ein Absatzmarkt für Industrieprodukte und eine Quelle für Agrarprodukte geworden. Nach der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren veränderte sich die Situation erneut. Mit der Kaufkraft war in Indien auch die Nachfrage nach Industriegütern gesunken und somit der Stellenwert als Absatzmarkt. Der Zerfall der Rohstoffpreise verminderte den Wert von privilegierten Zugängen zu den Quellen derselben. Indien war nun als Quelle für Gold von Nutzen. Der Goldfluss nach London stützte
22 Vgl. Reynolds (1991), S. 27.
23 Vgl. Brown und Louis (1999), S. 7.
24 Vgl. Reynolds (1991), S. 27.
25 Vgl. Röder (1982), S. 117.
7
Der indische Freiheitskampf / Historische Wurzeln und Entwicklung
den Sterling und wurde durch eine deflationäre Währungspolitik in Indien unterstützt.
Im zweiten Weltkrieg war Indien schliesslich die Quelle für die Rekrutierung von zwei Millionen indischen Soldaten und die indische Industrie wurde zur Produktion von Kriegsgütern genutzt. Nach dem Krieg waren auch diese beiden Nutzen Indiens für das Empire verschwunden. Zudem war Indien durch seinen immensen Anteil an den Kriegskosten vom Schuldner zum Gläubiger Grossbritanniens geworden. Dies erleichterte die Entscheidung Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen noch zusätzlich. 26
Somit war die heimische Opposition gegenüber der Unabhängigkeit Indiens 1945 grösstenteils verstummt bzw. nur noch auf den rechten Flügel der Konservativen unter der Führung Churchills begrenzt. Die indische Armee als Bollwerk zur Verteidigung der Interessen des Empires in Südostasien machte angesichts des starken Widerstands indischer Politiker und Militärs keinen Sinn mehr. Denn im August 1945 waren bereits 15‘740 Offiziere der indischen Armee Inder. Deren Loyalität galt mehr Indien als der britischen Krone. Auch gab es keine grosse britische Bevölkerung bzw. Anzahl Siedler wie in Südafrika, welche im britischen Parlament grosse Sympathien gewinnen bzw. Unterstützung hätten sammeln können. 27
2.1.3 Die indische Unabhängigkeitsbewegung - das Ende von britisch Indien
Während ich erst im nächsten Kapitel auf die Gandhi und sein Konzept des gewaltlosen Widerstands näher eintreten werde, möchte ich im Folgenden vor allem auf den historischen Verlauf des indischen Freiheitskampfs eingehen, welcher natürlich im grossen Mass durch Gandhi bestimmt wurde. Eine gewisse Überschneidung ist von daher leider nicht zu vermeiden.
Der Aufstand 1857
Der grosse Aufstand von 1857 wird von einigen Nationalisten als indischer Unabhängigkeitskrieg gefeiert. Für die Briten war es eine Meuterei der indischen Söldner. Auf jeden Fall wurde damit einer ersten Phase des indischen Nationalismus ein Ende gesetzt. 28 Neben den Söldnern beteiligten sich vor allem Grundherren, Bauern und ehemalige Würdenträger, die durch die neuen Herren Rechte und Privilegien verloren hatten oder höhere Steuern zahlen mussten. Zu dieser Zeit herrschte eine allgemeine Unzufriedenheit. Das Fass zum Überlaufen brachte dann die Verteilung neuer Patronen, welche mit tierischem Fett geschmiert waren. Dies verletzte religiöse Reinheitsgebote der Inder. Als ein britischer Oberst 85 Soldaten zu langjährigen Zuchthausstrafen wegen Befehlsverweigerung verurteilte, kam es zum Aufstand. Dieser war nicht ziellos aber schlecht koordiniert und es mangelte an Führungskräften. Trotzdem dauerte es fast zwei Jahre bis der Aufstand niedergeschlagen war. Als Folge hörte die britische Ostindienkompanie nach 256 Jahren auf zu existieren und der viktorianische Staat übernahm die Herrschaft in Indien. 29 Die
26 Vgl. Rothermund (1998), S. 34-37.
27 Vgl. James (1998), S. 588-589.
28 Vgl. Rothermund (1989), S. 89.
29 Vgl. Kulke und Rothermund (1998), S. 315-319.
8
Der indische Freiheitskampf / Historische Wurzeln und Entwicklung
Bedenken gegenüber einer zu grossen Macht der Krone, welche noch im 18. Jh. bestanden hatten, waren nicht mehr aktuell, da die Krone inzwischen eine verfassungsmässige Institution war, dessen Funktionen vom Parlament begrenzt wurde. 30
Gründung des indischen Nationalkongress
Nach dem Aufstand herrschte eine Stimmung des Misstrauens zwischen den Briten und den Indern. Auch die Ziele der indischen Bildungsschicht, welche sich zwar vom Aufstand distanziert hatte, wurden für die Briten suspekt. Erst die nächste Generation griff die alten Probleme und Forderungen wieder auf. Dies führte schliesslich zur Gründung des Indischen Nationalkongresses 1885. 31 Das allgemeine Ziel war es zunächst, die Briten an ihr Wort zu halten, dass das Raj zum Wohle der Inder existiere. Unter der Führung des Raj sollte Indien zu einem Staat werden, in dem die Inder ihre Belange selbst regeln konnten. Die Mitglieder des Nationalkongresses sahen sich als britische Staatsbürger, welche dem Empire loyal gegenü-berstanden. Es ging um mehr Mitspracherechte und Beteiligung, nicht aber um Abspaltung vom Empire. 32 Zunächst noch gemässigt, spalteten sich bald darauf aber radikalere Gruppen ab, welche die Fremdherrschaft durch die Briten vollständig ablehnten. 33 Durch kleinere Reformen und Festnahme oder Flucht der wichtigsten Führer der Extremisten schien das Empire vor Beginn des ersten Weltkriegs gesicherter als je zuvor. 34
Der erste Weltkrieg und seine Folgen
Der erste Weltkrieg war für die indischen Nationalisten ein Kampf in dem das britische Empire auf dem Spiel stand. Die Unterstützung war auf breiter Ebene gegeben, da man glaubte, dass man sich der Selbstregierung als würdig erweisen würde, wenn man seinen Teil und mehr am Kriegsaufwand trägt. 35 Fast eineinhalb Millionen Soldaten verliessen Indien um im Krieg zu dienen. Zudem kostete der Krieg Indien über 146 Millionen Pfund und verursachte Inflation und Knappheit an lebenswichtigen Gütern. Damit hatte Indien einen entscheidenden Beitrag zum Sieg des Empires beigetragen, welcher nicht unvergolten bleiben konnte. Ausserdem wurde bereits der erste Weltkrieg auch als eine Verteidigung des Rechts von Nationen geführt. Zusammen mit einem langsamen Erkennen der Briten um die Zerbrechlichkeit des Raj, führte dies 1917 unter anderem zur Deklaration von E. S. Montagu, dem Staatssekretär für Indien. Darin formulierte er, das Ziel des Raj sei ein verantwortliches Regieren Indiens innerhalb des Empires, ein wachsender Anteil der Inder an der Verwaltung und die Entwicklung von Institutionen zur Selbstregierung. Dieses Ziel wurde von den Briten als ein langfristiges angesehen und sie wollten klar die Art und die Geschwindigkeit dieses Wechsels bestimmen. Die Deklaration sollte vielmehr eine Stütze des Empires in einer sich verändernden Welt sein, als ein Schritt in Richtung Ende des Raj. Verantwortliches Regieren bedeute-
30 Zwischen1689 und dem Reform Act 1832 verlor der Souverän konstant an Macht gegenüber dem Parlament. Vgl. Bogdanor (1995), S. 10-19.
31 Vgl. Rothermund (1989), S. 90.
32 Vgl. James (1998), S. 352.
33 Vgl. Kulke und Rothermund (1998), S. 350-352.
34 Vgl. Kulke und Rothermund (1998), S. 328-329.
35 Vgl. James (1998), S. 439.
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Kelnor Panglung, 2004, Perspektiven des gewaltlosen Freiheitskampfs der Tibeter - dargestellt aus einem Vergleich mit dem Beispiel Indiens, München, GRIN Verlag GmbH
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