Universität Bielefeld
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie Abteilung Geschichtswissenschaft
Wintersemester 2000/01
Fachdidaktisches Seminar A: Geschichte und Öffentlichkeit. Zur Didaktik der Wehrmachtsausstellung in Bielefeld
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Florian Beer
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1. Einleitung 3
2. Wehrmacht und Vernichtungskrieg in Schulbuchdarstellungen der unmittelbaren 5 Nachkriegszeit (1945-1952)
7 3. Die Rücknahme des Erreichten: Darstellungen seit Anfang der fünfziger Jahre bis Mitte der sechziger Jahre
13 4. Die Wehrmacht in Schulgeschichtsbüchern seit 1968 bis Anfang der achtziger Jahre
5. Erste Ansätze vertretbarer Darstellungen des Vernichtungskrieges seit Anfang der 15 achtziger Jahre
19 6. Darstellungen nach der „Wiedervereinigung“ 1990
7. Schlußbemerkung 24
Literaturverzeichnis 26
2
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„[...] 1.) Der Krieg ist nur weiterzuführen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Rußland ernährt wird. 2.) Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird[...].“ 1
Dieses Zitat aus dem Protokoll einer Staatssekretärssitzung vom 21. 5. 1941 stellt eines der unzähligen Beweisstücke dar, mit denen bereits in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen die Verantwortung der Wehrmacht für Völkermord und Kriegsverbrechen eindeutig nachgewiesen werden konnte. „Generalplan Ost“ 2 , „Kommissarbefehl“, beabsichtigtes Massensterben von Kriegsgefangenen, Politik der „verbrannten Erde“, Geiselmorde, Zwangsdeportationen - dass all dies unter eindeutiger Beteiligung, z. T. sogar alleiniger Ver-antwortung der Wehrmacht geschah, war spätestens seit 1949 prinzipiell bekannt. Beinahe ein halbes Jahrhundert später löste die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ eine öffentliche Kontroverse aus, mit der die Ausstellungsmacher in dieser Schärfe nicht gerechnet hatten. 3 Obwohl durch die Fachwissenschaft längst unstrittig das Gegenteil nachgewiesen war, hatte sich der „Mythos von der sauberen Wehrmacht“ anscheinend ungebrochen in weiten Teilen der bundesrepublikanischen Gesellschaft halten können.
Stellt man die Frage nach den Ursachen dieser Diskrepanz zwischen Forschungsstand und öffentlicher Meinung lohnt sich ein Blick auf die Darstellung der Wehrmacht und des Rußlandfeldzuges in bundesrepublikanischen Schulgeschichtsbüchern - und dies nicht nur aufgrund der profanen Erkenntnis, dass Bildungsgeschichte zugleich immer auch Gesellschaftsgeschichte ist (dies konstatierte schon 1884 Friedrich Paulsen in seiner „Geschichte des gelehrten
1 Zitat aus dem Protokoll einer Staatssekretärssitzung vom 21. 5. 1941. Nach: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog, Hamburg 2002, S. 64. Im Folgenden: HIS 2002.
2 Die beabsichtigte Besetzung der Länder Osteuropas mit dem Zweck der Expansion, d. h. Vernichtungs- bzw. Dezimierungskrieg gegen die Bevölkerung der besetzten Gebiete.
3 HIS 2002, S. 687
3
Unterrichts“ 4 ). Der Fokus dieser Untersuchung richtet sich nicht zuletzt deshalb auf Schulbuchdarstellungen, da, um mit Wolfgang Jacobmeyer zu sprechen, „keine einzige der Rezeptionsformen von Geschichte in unseren Gesellschaften an Qualität und Quantität den Geschichtsunterricht und sein Hauptmedium, das Schulgeschichtsbuch erreicht.“ 5 Nicht nur kann dem Schulgeschichtsbuch eine „staunenswerte Nutzungsgröße“ 6 in dem Sinne attestiert werden, als dass jeder, der das öffentliche Schulwesen passiert hat, von ihnen belehrt wurde (zwischen 1860 und 1960 mehr als 170 Millionen Kinder! 7 ). Auch im qualitativen Sinne ist das Schulbuch „an Prägewirkung den ungleich flüchtigeren Massenmedien von Presse, Rundfunk und Fernsehen deutlich überlegen“ 8 , denn schließlich werden die Inhalte von Schulbüchern in besonders bildungsfähigem Alter und unter qualifizierter Kontrolle aufgenommen, ja es wird sogar geprüft, ob das zu vermittelnde Wissen tatsächlich erworben wurde, so dass gilt: „Wo Nationen ein Interesse an historischer Erinnerung haben, ist unwiderlegbar, daß ihre modernen Gesellschaften kein umfangreicheres Medium zur Überlieferung von Geschichte geschaffen haben, als das Schulgeschichtsbuch.“ 9
Der folgende Versuch, die verschiedenen Phasen der Darstellung der Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu skizzieren, stützt sich neben einschlägigen Untersuchungen auch auf eigene Schulbuchanalysen. Herangezogen wurden darüber hinaus nur Werke für die Sekundarstufe I, da der Großteil der SchülerInnen ohnehin nicht die gymnasiale Oberstufe und dort die Geschichtskurse besucht haben wird.
4 Wolfgang Jacobmeyer, Das Schulgeschichtsbuch. Gedächtnis der Gesellschaft oder Autobiographie der Nation? In: GPD 26 (1998), S. 26-35, hier S. 28. Im Folgenden: Jacobmeyer 1998.
5 Ebd., S. 27.
6 Ebd.
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Ebd.
4
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Der Geschichtsunterricht der unmittelbaren Nachkriegszeit war wesentlich durch die auf vollständige Entmilitarisierung Deutschlands abzielende alliierte Besatzungspolitik bestimmt, der allerdings eine deutlich antimilitaristische Grundstimmung als Reflex auf die Katastrophe von 1945 auf deutscher Seite entsprach. 10 Bereits auf der Konferenz von Jalta hatten die alliierten Kriegsparteien ihre entschlossene Absicht erklärt, „den deutschen Militarismus und Nazismus zu zerstören und sicherzustellen, daß Deutschland nie wieder in der Lage sein wird, den Weltfrieden zu stören.“ 11 Durch vollständige Entmilitarisierung und Teilung Deutschlands sollten nicht nur die materiellen Grundlagen des Militarismus beseitigt werden, die alliierte Politik zielte auch auf dessen geistige Eliminierung ab: „German education shall be so controlled as completely to eliminate Nazi and militarist doctrines and to make possible the successful development of democratic ideas“ (Potsdamer Abkommen). 12
Der hier zum Ausdruck gebrachte Wille der Alliierten, das deutsche Erziehungswesen so zu überwachen, „daß nazistische und militaristische Lehren völlig entfernt werden“ manifestierte sich auch im Mißtrauen gegenüber dem Geschichtsunterricht. Als „Gesinnungsfach“ angesehen wurde er in der Regel unmittelbar nach der Übernahme der politischen Verantwortung durch die Alliierten ausgesetzt bzw. verboten, zumal selbst deutsche Kulturverwaltungen ein-gestanden, „daß vor allem der Geschichtsunterricht dazu herhalten mußte, das ganze Volk im nationalsozialistischen Geist umzuerziehen“.
13
Andere bildungspolitische Deklarationen der unmittelbaren Nachkriegszeit, die die Wie-
10 DieterGebhardt, Militär und Krieg im Geschichtsunterricht nach 1945. Eine Skizze zur his-torischen Bildungsforschung. In: GWU 41 (1990), S. 81-100, hier S. 82. Im Folgenden: Gebhardt 1990. Dort auch aufschlußreiche Zitate Carlo Schmids von 1946 („Wir wollen unsere Söhne nie mehr in die Kasernen schicken!“, 1946) und Franz-Josef Straußs von 1949 („Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen!“). Beides S. 82.
11 Ebd., S. 81.
12
Zitiert nach:
13 Richtlinien des bayrischen. Kultusministers vom 28.8.47. Zitiert nach: Gebhardt 1990, S. 84f.
5
deraufnahme des Geschichtsunterrichts begleiteten, waren in ähnlicher Weise von einem „heftige[n] (Anti)-Reflex gegenüber der jüngsten Vergangenheit“ 14 bestimmt und propagierten eine entschiedene Abkehr von klassischer Kriegsgeschichte und die Hinwendung des Geschichtsunterrichts zur historischpolitischen Bildung, die einen praktischen Beitrag für die Erziehung der jungen Generation zu Frieden, Demokratie und Völkerverständigung leisten sollte. 15
Trotz des deutlichen antimilitaristische Konsens der unmittelbaren Nachkriegszeit kann jedoch von einer adäquaten Thematisierung des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht in dieser Zeit nicht gesprochen werden. Die seit 1947 wieder regulär erlassenen Lehrpläne für das Fach Geschichte etwa erwähnen den Nationalsozialismus nicht immer eigens. 16 So nimmt es nicht Wunder, dass auch die Thematisierung des Krieges gegen die Sowjetunion in den Schulbüchern dieser Zeit bis auf einige wenige Ausnahmen als völlig unzureichend zu kennzeichnen ist.
Einer der wenigen Neuansätze bei den Lehrmitteln war das Geschichtslehrbuch „Wege der Völker IV“ (Berthold Schulz, Berlin/Hannover 1949), das bereits auf den Nationalsozialismus einging, Massenverbrechen und Judenmord behandelte und als eines der vielversprechendsten Geschichtslehrbücher der unmittelbaren Nachkriegszeit bezeichnet werden kann. 17 Zwar strotzt auch dieses Buch von Entschuldigungstendenzen, die bis hin zu Verfälschungen der historischen Realitäten gehen. Es heißt etwa zur Deportation und Ermordung der deutschen Juden: „Versuche der nichtjüdischen Bevölkerung, Gewaltakte und den Transport zu verhindern, wurden mit brutalen Mitteln im Keim er-
14 Ebd.,S. 85.
15
Wigbert Benz, Das „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Vernichtungskrieg und historischpolitische Bildung. Quelle:
16 Falk Pingel, Nationalsozialismus und Holocaust in westdeutschen Schulbüchern. In: Rolf Steininger (Hg.), Der Umgang mit dem Holocaust. Europa - USA - Israel, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 221-232, hier S. 222. Im Folgenden: Pingel 1994.
17 Pingel 1994, S. 223.
6
stickt.“ 18 Dennoch stellt es hinsichtlich der schonungslosen Darstellung der deutschen Besatzungspraxis im Osten noch für Jahrzehnte eine Ausnahme dar.
Wurde in der Ausgabe von 1949 noch das OKW zitiert („Es besteht kein Zweifel, daß Millionen von Menschen in Rußland den Hungertod sterben [...]“ 19 ) und das Leiden der Kriegsgefangenen angesprochen („[...] erschossen, verhungert, erfroren, so gingen drei Millionen hilflose Gefangene in wenigen Monaten zugrunde [...]“ 20 ), die Mitverantwortung zumindest der Wehmachtsführung für den verbrecherischen Charakter des Rußlandfeldzuges also deutlich herausgestellt, so markiert die Ausgabe des selben Bandes von 1951 den sich seit Anfang der 50er Jahre abzeichnenden Trend zur Zurücknahme der wenigen Neuansätze in Lehrplan- und Schulbuchgestaltung. Die zitierten Passagen fehlen nun. Statt dessen heißt es über die verbrecherische Besatzungs- und Kriegspraxis in den besetzten Gebieten der Sowjetunion: „Dabei ging man teilweise unmenschlich vor; Schuld daran war nicht das Heer, sondern die Parteibürokratie [...]“ 21 .
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Der hier vorgenommene Vergleich der beiden Ausgaben von „Wege der Völker“ steht exemplarisch für den Wandel des gesellschaftspolitischen Klimas im Zuge des beginnenden Kalten Krieges. Angesichts doppelter Staatsgründung und - auf Seiten der BRD - neuerlicher Frontstellung gegen Osten konnte die für die unmittelbare Nachkriegszeit attestierte antimilitaristische Grundhaltung in Gesellschaft und Politik - und damit auch im Geschichtsunterricht - nur Episode bleiben.
18 Zitiert nach: Borries 2000, S. 223.
19 Gebhardt, Dieter, Militär und Krieg im Geschichtsunterricht nach 1945 (1945 bis 1969). Ein Beitrag zur historischen Bildungsforschung, Bielefeld/Rheda-Wiedenbrück (Diss.) 1987, S. 243. Im Folgenden: Gebhardt 1987.
20 Ebd.
21 Ebd.
7
Arbeit zitieren:
Florian Beer, 2002, Die Wehrmacht im Vernichtungskrieg - Darstellungen des "Unternehmens Barbarossa" in bundesrepublikanischen Schulgeschichtsbüchern, München, GRIN Verlag GmbH
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