Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Metatheoretische Perspektive 4
II.1 Der Missbrauch der Wissenschaft 4
II.2 Popper und der kritische Rationalismus 5
II.2.1 Das Induktionsproblem 5
II.2.2 Die Kritische Prüfung 5
II.2.2.1 Der Entdeckungs- und Begründungszusammenhang 5
II.2.2.2 Das Abgrenzungskriterium 6
II.2.2.3 Anforderungen an die Sprache 7
II.3 Die Differenzierung der Satzsysteme 7
II.4 Zusammenfassende Abgrenzungsfolie 11
II.5 Die Überprüfung, Abgrenzung und Einordnung der Morphologie des 12
Lernens
III. Interne Perspektive 15
III.1 Aus der Sicht des Lernenden 15
III.1.1 Die Stufen des Lernprozesses 15
III.2 Prinzipien, die den Lerner vor einer dogmatischen Fixierung 16
bewahren
III.2.1 Die prinzipielle Offenheit 16
III.2.2 Das Erlernen und Anwenden von wissenschaftlichen Verfahren 16
III.2.3 Die Bedeutung der gebildeten Geselligkeit 16
III.3 Aus der Perspektive des Lehrenden 18
III.3.1 Die mentalen Aktivitäten von Lernen Denken und Erkennen als Modi 18
der Aneignung
III.3.1.1 Lehrinitiiertes Lernen: lernend machen 18
III.3.1.2 Lehrinitiiertes Erkennen: erkennend machen 18
III.3.1.3 Lehrinitiiertes Denken denkend machen 19
III.3.2 Die Bewahrung der Lehre vor Ideologie und Dogmatismus 20
III.3.2.1 Die Unverfügbarkeit des Individuums/ Schutz der Autonomie 20
III.3.2.2 Überwindung von Traditionsgehorsam und Egozentrismus durch 21
Paradigmentransformation
IV. Fazit 23
V. Literaturverzeichnis 26
1
I. Einleitung
Historisch betrachtet, lassen sich viele Beispiele benennen, welche die katastrophalen Folgen, die von ideologischen und dogmatischen Systemen ausgehen können, aufzeigen. Der Begriff Ideologie hat in der Vergangenheit eine Vielzahl von Interpretationen erfahren, so dass ich bewusst auf eine präzise Definition verzichte und meine Darstellung dieses Begriffs auf die in dieser Arbeit vertretene Auffassung beschränke. 1 Der Begriff Ideologie wird hier als eine Weltanschauung aufgefasst, die interessengeleitete Werturteile, Glaubenssätze, Wesensbestimmungen und Normen enthält. Sie wird von dem Interesse geleitet, ihren Fortbestand zu sichern. In der Regel haben ideologische Aussagen einen dogmatischen Charakter. Dennoch sind nicht alle dogmatischen Aussagen einer Ideologie zuzuordnen. Die Begriffe können nicht synonym verwendet werden. Wie jedoch schon aus dem Titel dieser Arbeit ersichtlich ist, stellen diese beiden Begriffe eine gemeinsame Abgrenzungskategorie dar. Diese gemeinsame Kategorie erschließt sich aus der, den beiden Aussagesystemen gemeinsame Behauptung, dass sie Aussagen über die Wahrheit bzw. über die Wirklichkeit machen. Sie erheben den Anschein gesicherte Erkenntnisse zu liefern. Da es sich jedoch bei der Gewinnung von Erkenntnissen über die Wirklichkeit um die ureigenste Aufgabe der Wissenschaft handelt, geben sie sich gleichsam als eine solche aus. In dieser Vermengung bzw. Verwechslung von Wissenschaft und pseudowissenschaftlichen ideologischen und dogmatischen Satzsystemen kumuliert die Gefahr des Missbrauchs. Dies wird von totalitären politischen Systemen und fundamentalistischen Gruppierungen immer wieder bewiesen. Da diese Systeme nach Fortbestand und Erweiterung streben, ist eine Abgrenzung besonders zur Erziehungswissenschaft unerlässlich.
Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Abgrenzung der >Morphologie des Lernens< von Horst Dräger zu Ideologie und Dogmatismus. In dem ersten Teil der Arbeit wird eine metatheoretische Perspektive eingenommen. Orientiert an den Werken von Karl Raimund Popper, Rudolf Lochner und Wolfgang Brezinka
1 Über den „Unsinn“ von Definitionen: siehe auch: Magee, B.: Karl Popper, J.C.B. Mohr,
Tübingen, 1973, S. 51f
2
wird eine Folie herausgearbeitet, die als Abgrenzungsgrundlage zwischen wissenschaftlichen und nicht- wissenschaftlichen Systemen dient.
Anhand dieser Folie wird überprüft, ob es sich bei der Morphologie des Lernens um eine Erziehungswissenschaftliche Arbeit handelt.
Handelt es sich bei der Morphologie des Lernens um eine Erziehungswissenschaftliche Arbeit, so ist automatisch eine Abgrenzung zu ideologischen und dogmatischen Satzsystemen gelungen.
Im folgenden Kapitel ändert sich der Blickwinkel von der metatheoretischen auf die inhaltliche Ebene, die >Interne Perspektive<.
Es wird der Frage nachgegangen, ob Dräger Prinzipien und Methoden beschreibt, die den Lerner vor einer dogmatischen und ideologischen Fixierung bzw. Manipulierung seines Gedankenkreises bewahren.
Um die aufgezeigten Prinzipien für den Leser in einem schlüssigen Argumentationsgeflecht zur Darstellung zu bringen, werden grundlegende Aussagen aus der Morphologie des Lernens kurz rezipiert. Zunächst werden die Stufen des Lernprozesses aus der Perspektive des Lernenden dargestellt. Im Anschluss werden die hier gefundenen Prinzipien, die den Lerner vor dogmatischen und ideologischen Aussagen schützen, herausgestellt. Wichtig ist es darauf hinzuweisen, dass sich diese Prinzipien nicht nur auf den Lernakt des Autodidakten beziehen, sondern auch für das lehrüberformte Lernen Gültigkeit beanspruchen. Eine Erweiterung erfährt die Palette dieser Prinzipien mit dem Blick auf die Lehre.
Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit.
3
II. Metatheoretische Perspektive
II.1 Der Missbrauch der Wissenschaft
"Das Wichtigste ist, allen jenen großen Propheten zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben…“ 2
In diesem Misstrauen gegen Patentlösungen, sprich gegen dogmatische Sätze, wurzelt der Rationalismus. Popper trifft für sich die moralische Entscheidung sich an die Vernunft zu binden, um sich so vom Irrationalismus zu distanzieren. Der Irrationalismus findet Ausdruck in romantischer Hysterie und im Radikalismus. Popper zeigt dies in seinem Doppelband: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ zunächst an Platon, anschließend in Band II an Hegel, Marx und, wenn auch nicht namentlich erwähnt, an Hitler und deren Konsequenzen auf. Hier wird das Individuum zum Werkzeug von Ideologien instrumentalisiert.
„Im Gegensatz zur intellektuellen Unverantwortlichkeit eines Mystizismus, der sich in Träume flüchtet, und im Gegensatz zu einer orakelnden Philosophie, die im Wortschwall ihr Heil sucht, zwingt die moderne Wissenschaft unserem Geiste die Disziplin praktischer Prüfung auf.“ 3 Poppers Waffe gegen die „falschen Propheten“ ist folglich die rationale Kritik. Sowohl Popper, sowie später auch Brezinka, sprechen den Ideologien nicht deren Wert für die Wissenschaft ab. „Die Wissenschaft muß mit Mythen beginnen und mit der Kritik an Mythen.“ 4 Wichtig ist jedoch, eindeutig zwischen ideologischen bzw. dogmatischen Aussagen und wissenschaftlichen Theorien zu unterscheiden.
2 Popper- Interview mit Klaus Podak, 1974, zitiert in SZ, 27.7.2002, S. III, gesendet auf 3Sat am
9.02.04, 23.10Uhr, http://www.3sat.de/specials/37137/index.html (auf Aktualität überprüft am
07.02.06)
3 Popper, K. R.: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen- Die offene Gesellschaft und
ihre Feinde, Band II, 3. Aufl., Francke Verlag, Bern, München, 1973, S.: 300
4 Popper zitiert von Brezinka, W. in: Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft - Eine
Einführung in die Metatheorie der Erziehung, Weinheim, 1971, S.: 12
4
II.2. Popper und der kritische Rationalismus
II.2.1 Das Induktionsproblem
Der führende Kritiker der neopositivistischen Theorie des „Wiener Kreises“ Karl Raimund Popper gilt als Begründer des Kritischen Rationalismus. In seinem Werk „Logik der Forschung“ widerspricht er der Vorstellung, dass sich allgemeine Gesetzesaussagen induktiv aus Sinneswahrnehmungen schließen lassen. Das Induktionsprinzip bzw. die Verifikation von Theorien sieht er als eine Instrumentalisierung der Erfahrung zur „Begründung“ einer pseudowissenschaftlichen Theorie. „Eine geschickte Anwendung gewisser Bedingungen wird fast jede Hypothese mit den Erscheinungen übereinstimmend machen: dies ist der Einbildungskraft angenehm, aber vergrößert unsere Kenntnisse nicht.“ 5
Der Wahrheitsanspruch einer Theorie ist für Popper nur in den allertrivialsten Fällen durch Sinneswahrnehmungen prüfbar (z. B.: Heute regnet es in Trier.). Wissenschaftliche Theorien müssen jedoch widerlegbare Hypothesen sein. Es mag zwar eine absolute Wahrheit geben, diese ist jedoch niemals endgültig fassbar bzw. beweisbar. Diese Aussage kann als Richtlinie des kritischen Rationalismus gewertet werden, der sich der Wahrheit niemals sicher ist, sondern sich um eine denkbar gute Annäherung an diese bemüht.
“So ist die empirische Basis der objektiven Wissenschaft nichts ‚Absolutes’; die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund. Es ist eher ein Sumpfland, über dem sich die kühne Konstruktion ihrer Theorien erhebt; sie ist ein Pfeilerbau, dessen Pfeiler sich von oben her in den Sumpf senken - aber nicht bis zu einem natürlichen ‚gegebenen’ Grund. Denn nicht deshalb hört man auf, die Pfeiler tiefer hineinzutreiben, weil man auf eine feste Schicht gestoßen ist: wenn man hofft, dass sie das Gebäude tragen werden, beschließt man, sich vorläufig mit der Festigkeit der
Pfeiler zu begnügen.” 6
II.2.2 Die kritische Prüfung
II.2.2.1 Der Entdeckungs- und Begründungszusammenhang Popper unterteilt den wissenschaftlichen Prozess in einen
Entdeckungszusammenhang und einen Begründungszusammenhang. Dem
5 J. Black, zitiert von Popper, K.R. in: Logik der Forschung, 7., verb. U. durch 6 Anh. Vermehrte
Aufl., Mohr, Tübingen, 1982, S.: 50
6 Popper, K.R., 1982, S. 75f.
5
Entdeckungszusammenhang wird alle Freiheit zugestanden; hier ist Kreativität gefragt. „…Unsere Auffassung (…), dass es eine logische, rational nachkonstruierbare Methode, etwas Neues zu entdecken, nicht gibt, pflegt man oft dadurch auszudrücken, dass man sagt, jede Entdeckung enthalte ein „irrationales Moment“, sei eine „schöpferische Intention“…“ 7 Die Fruchtbarkeit einer Hypothese/ Theorie erweist sich nicht in der Entdeckungsleistung, sondern in den Konsequenzen. „Im Zentrum des Forschungsprozeß steht somit der Begründungszusammenhang, der der Überprüfung wissenschaftlicher Hypothesen gilt.“ 8
II.2.2.2 Das Abgrenzungskriterium
Der kritische Rationalismus plädiert für die kritische Prüfung von Hypothesen, um sich durch diese Methode der Wahrheit in einem dynamischen Prozess anzunähern. Diese strenge Prüfung an der Realität wird in der Absicht vollzogen, die Hypothesen zu falsifizieren. „Die Widerlegung unserer Irrtümer ist die >positive< Erfahrung, die wir aus der Wirklichkeit gewinnen.“ 9 Gelingt dies nicht, so hat sich die Hypothese vorläufig bewährt. Bedeutsam ist für diese Methode folglich, dass die Hypothese prinzipiell falsifizierbar sein muss. Ist ein Satz nicht widerlegbar, so sagt er auch nichts über die Wirklichkeit aus; er liefert keinen Erkenntnisgewinn. „Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können.“ 10
Das Kriterium der Falsifizierbarkeit dient Popper als Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Pseudo-/ bzw. Nicht- Wissenschaft. Da dieses Kriterium für die Fragestellung dieser Arbeit von großer Bedeutung ist, ist eine nähere Beschreibung erforderlich:
Dies verlangt auf einige Differenzierungen einzugehen, die für Poppers Abgrenzungskriterium bedeutsam sind.
Zunächst unterscheidet Popper Universal- von Individualbegriffen. „Sollen wir eine Definition geben, so müssten wir (…) etwa sagen: Individuale ist ein Begriff, zu dessen Definition Eigennamen- oder äquivalente Zeichen, wie
7 Popper; K.R., 1982, S.: 7
8 Krüger, H.H.: Einführung in Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft, Leske+
Budrich, Opladen, 1997, S.: 43
9 Popper, K.R.: Objektive Erkenntnis, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1973, S.: 389
10 Popper, K.R., 1982, S.: 15
6
Arbeit zitieren:
Michael Roos, 2006, Die Morphologie des Lernens in Abgrenzung zu Ideologie und Dogmatismus, München, GRIN Verlag GmbH
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