Katholische Fachhochschule Mainz
Seminar „Pflegeprozess“
WS 2005/06
Die Bedeutung der Pflegediagnosen für die
Emanzipation der Pflege von der Medizin
von: Melanie Vollmer
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S. 2
2. Die gesellschaftliche Unterordnung der Pflege gegenüber der Medizin S. 3
3. Begriffsdefinition „Pflegediagnose“ S. 4
4. Entstehung der Pflegediagnosen S. 5
4.1 Historische Hintergründe S. 5
4.2 Chronologische Entwicklung S. 6
5. Kontroversen bezüglich der Wahl des Begriffs „Diagnose“ für die Pflegeklassifikation S. 8
6. Medizinische und pflegerische Diagnosen im Vergleich S. 10
6.1 Charakteristik medizinischer Diagnosen S. 10
6.2 Charakteristik pflegerischer Diagnosen S. 11
6.3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten S. 12
7. Pflegediagnosen als Professionalisierungsinstrument S. 14
8. Zusammenfassung / Fazit S. 16
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Seit der Entstehung der beruflichen Krankenpflege im 19. Jahrhundert besteht die Problematik der Eigenständigkeit dieses Berufsbildes. Einst konzipiert als (weiblicher) Hilfsberuf der gesellschaftlich längst etablierten und angesehenen Medizin, kämpft die Pflege auch heute noch um Autonomie und Anerkennung innerhalb des bestehenden Gesundheitssystems mit seinen vielfältigen Berufsgruppen. Einen besonderen Stellenwert nimmt hierbei weiterhin die medizinische Disziplin ein. Die Schwierigkeit in der medizinischpflegerischen Beziehung liegt unter anderem darin begründet, dass Pflegekräfte neben ihren eigenen pflegerischen Tätigkeiten auch ärztliche Anordnungen und somit medizinische Handlungen ausführen. Diese Tatsache wird noch verstärkt durch die Problematik, dass vielfach nicht eindeutig klar ist, was Pflegende eigentlich tun, bzw. was die Tätigkeitsbereiche der Pflege eigentlich genau sind. Die Gesellschaft betrachtet die Pflege häufig weiterhin als Handlanger der Medizin und zollt ihr Anerkennung - wenn überhaupt - in erster Linie für ihren ethisch-moralisch helfenden „Dienst am Menschen“. Mitte des 20. Jahrhunderts haben Pflegekräfte verstärkt damit begonnen, sich selbst als eine eigene fachliche und professionelle Disziplin zu begründen. Durch die Anwendung des wissenschaftlichen Problemlösungsansatzes auf die Pflege entstand schließlich der Pflegeprozessgedanke. Im Zuge der weiteren Pflegeforschung entstanden als wichtiger Bestandteil des Pflegeprozesses schließlich die Pflegediagnosen.
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Frage, inwieweit die Pflegediagnosen zur Emanzipation der Pflege von der Medizin beigetragen haben bzw. weiterhin beitragen können, wobei in erster Linie die NANDA-Diagnosen thematisiert werden. Es werden die Umstände beschrieben, die zum medizinisch-pflegerischen Konflikt geführt haben, sowie die historischen Hintergründe, aus welchen die Pflegediagnosen entstanden sind. Die Problematik des Geschlechterkonfliktes zwischen Männern und Frauen soll hierbei zum besseren Verständnis der vorherrschenden gesellschaftlichen Situation zwar Erwähnung finden, jedoch im Zusammenhang mit dem eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit nicht näher thematisiert werden. Neben der Definition des Begriffs „Pflegediagnose“ werden zudem kontroverse Meinungen bezüglich der Begriffswahl „Diagnose“ für die Pflegeklassifikation dargestellt. Außerdem erfolgt ein Vergleich medizinischer und pflegerischer Diagnosen, wobei die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Im Anschluss daran wird die Bedeutung der Pflegediagnosen für die Professionalisierung der Pflege als eigenständiger Disziplin dargestellt. Die zusammengetragenen Erkenntnisse über die Pflegediagnosen werden abschließend noch einmal betrachtet und im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Emanzipation der Pflege von der Medizin zusammenfassend bewertet.
2. Die gesellschaftliche Unterordnung der Pflege gegenüber der Medizin
Der Mangel an gesellschaftlichem Ansehen der Pflege im Gegensatz zur Medizin ist historisch verwurzelt und liegt nicht zuletzt auch darin begründet, dass Pflege „Frauenarbeit“ war und auch heute (trotz aufkommender Beteiligung der Männer) faktisch noch ist (vgl. Hagemann-White, 1997). Die Medizin gilt als der mächtigste Beruf der modernen Gesellschaft, und der Pflegeberuf wurde primär als ein Hilfsberuf im Dienste und unter der Leitung der Medizin konzipiert. Da Ärzte überwiegend Männer und Pflegende zumeist Frauen waren [Frauen blieb in früheren Jahren der Zugang zum medizinischen Studium verwehrt], hängt die Unterordnung der Pflege gegenüber der Medizin also ebenfalls mit der Unterdrückung der Frauen durch die Männer zusammen (vgl. Powers, 1999: S. 59). Ärzten wurde traditionell die Verantwortung und Autorität in Gesundheitsfragen beigemessen, und sie verteidigten ihren Zuständigkeitsbereich gegenüber anderen Gesundheitsberufen [insbesondere der Pflege] in paternalistischer Weise (vgl. Gordon / Bartholomeyczik, 2001: S. 66). Der Arzt steht in der Gesellschaft für den objektiven (männlichen) Wissenschaftler, die Pflegekraft für die persönliche und vertrauliche Frau (Street, 1992; zitiert nach Powers, 1999: S. 135).
Neben der Tatsache, dass Pflegekräfte weiterhin Handlungen nach ärztlicher Anordnung ausführen, liegt eine weitere Erklärung für eine mangelnde gesellschaftliche Anerkennung der Pflege auch darin begründet, dass in ihren Aufgabenbereich unter anderem solche Tätigkeiten fallen, die keiner Ausbildung bedürfen und die Frauen auch privat innerhalb der Familie leisten, wie beispielsweise das Aufbereiten und Verabreichen von Nahrung, die Unterstützung bei der Körperpflege oder die Beseitigung von Schmutz. Die Pflegetätigkeit beinhaltet die Sorge für die Bedürfnisse anderer, ist also eine „dienende Tätigkeit“. Die Abgrenzung ihrer Leistung ist aufgrund der fließenden Grenzen zu „Allerweltsbesorgungen“ schwierig (vgl. Hagemann-White, 1997). Seit Jahren versuchen Pflegende daher, ihr Betätigungsfeld und die damit verbundenen Aufgaben auf wissenschaftlicher Grundlage zu präzisieren, um sich von anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen (insbesondere der Medizin) zu emanzipieren und somit an Eigenständigkeit zu gewinnen. Die hierbei im Zuge des Pflegeprozesses entstandenen Pflegediagnosen sollen eine Systematisierung und Objektivierung pflegerischen Handelns ermöglichen (vgl. Ulmer in: Höhmann, 1995: S. 49/50).
3. Begriffsdefinition: „Pflegediagnose“
[...]
Arbeit zitieren:
Melanie Vollmer, 2006, Die Bedeutung der Pflegediagnosen für die Emanzipation der Pflege von der Medizin, München, GRIN Verlag GmbH
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