Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Die beiden Autoren 3
2.1 Walter Eucken 3
2.1.1 Biographie. 4
2.1.2 Sozialphilosophie 4
2.2 Friedrich August von Hayek. 5
2.2.1 Biographie. 6
2.2.2 Sozialphilosophie 6
2.3 Verhältnis der beiden zueinander. 8
2.4 Vergleich der beiden Sozialphilosophien 9
3 Vergleich. 11
3.1 Grundsätzliches zum Vergleich 11
3.2 Vorstellungen zur Rolle von Wirtschaftspolitik 13
3.2.1 Vorstellungen Euckens. 13
3.2.1.1 Vorstellungen zur Ordnungspolitik 14
3.2.1.2 Vorstellungen zur Wettbewerbspolitik. 17
3.2.1.3 Vorstellungen zur sozialen Frage. 20
3.2.2 Vorstellungen Hayeks 23
3.2.2.1 Vorstellungen zur Ordnungspolitik 23
3.2.2.2 Vorstellungen zur Wettbewerbspolitik. 25
3.2.2.3 Vorstellungen zur sozialen Frage. 27
3.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede 29
3.3.1 Vergleich zur Ordnungspolitik. 29
3.3.2 Vergleich zur Wettbewerbspolitik 35
3.3.3 Vergleich zur sozialen Frage. 37
4 Schlußbemerkungen. 39
5 Literaturverzeichnis 41
1 Einleitung
Die vorliegende Arbeit entstand als Diplomarbeit an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im August und September 2001 für den Lehrstuhl für Allgemeine Wirtschaftspolitik unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Viktor Vanberg.
Friedrich August von Hayek und Walter Eucken wirkten beide an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg und erlangten jeweils internationale Anerkennung auch über ihre Lebens- und Schaffenszeit hinaus. Beiden gemeinsam ist auch die nachhaltige Ausstrahlung ihrer Arbeiten auf Wirtschafts- und andere Sozialwissenschaften sowie auf Wirtschaft und Politik. Die Aktualität ihrer Argumente bei Fragen der anstehenden Globalisierung, der europäischen Integration, bei der Modernisierung volkswirtschaftlicher Ordnungen sowie in der Steuer- und Wettbewerbspolitik im wissenschaftlichen sowie im politischen Diskurs legitimieren auch heute noch eine Auseinandersetzung mit den beid en Persönlichkeiten.
Diese Arbeit stellt keinen Vergleich der Gesamtwerke bzw. der Anschauungen der beiden Wissenschaftler dar, vielmehr soll, ausgehend von einer Untersuchung ihrer allgemeineren Anschauungen die Vorstellungen der beiden Denker zur Rolle von Wirtschaftspolitik verglichen werden.
2 Die beiden Autoren
Einleitend sollen, um dem folgenden Vergleich einen Bezug zu geben, die beiden Autoren einschließlich ihrer Werke kurz vorgestellt werden. Danach folgen ein einige Worte zum persönlichen Verhältnis der beiden zueinander sowie eine Gegenüberstellung der allgemeineren sozialphilosophischen Vorstellungen beider Wissenschaftler, bevor in Abschnitt 3 zu einem Vergleich übergegangen wird.
2.1 Walter Eucken
Walter Eucken übte durch seine Ideen von der Ordnung der Wirtschaft starken Einfluß auf maßgebliche Gestalter Nachkriegsdeutschlands aus. Die Ideen der Sozialen Marktwirschaft werden der von ihm beeinflußten Freiburger Schule 1 zugerechnet, als deren theoretischer Kopf er angesehen werden kann. Dieses Konzept wurde durch deren Anhänger, wie z. B. dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, Alfred Müller-Armack aufgegriffen und teilweise verwirklicht 2 , die Arbeit Euckens wird darüber hinaus durch das von ihm zusammen mit Franz Böhm begründeten 'ORDO - Jahrbuch für Wirtschaft und Gesellschaft' weitergeführt.
1 Die auch verwendeten Ausdrücke Neoliberalismus und Ordoliberalismus sind nicht genau gleichzusetzen, vgl. z. B. Bönker, F./Wagener, H. (2000), S. 184. 2 Vgl. Oberender, F. (1989).
3
2.1.1 Biographie
Er wurde am 17. Januar 1891 als Sohn des Literaturnobelpreisträgers Rudolf Eucken geboren, studierte in Kiel, Bonn und Jena und promovierte in Bonn. Als Frontoffizier nahm er am ersten Weltkrieg teil und heiratete 1920 Edith Erdsiek. Dann habilitierte er 1921 in Berlin um danach für den Reichsverband der Deutschen Industrie zu arbeiten. Seinen ersten Lehrstuhl nahm er an der Universität Tübingen im Jahre 1925 an, welchen er bis zu seiner Berufung 1927 nach Freiburg innehatte. Hier lehrte er bis zu seinem Tod, der ihn auf einer Vortragsreise nach London am 20. März 1950 ereilte, zu welcher er von Friedrich A. von Hayek eingeladen wurde.
2.1.2 Sozialphilosophie
Walter Eucken orientiert sich schon früh an der intellektuellen Autorität seines Vaters, Rudolf Eucken, welcher aufgrund seiner kulturreformatorischen Schriften im Jahre 1908 den Nobelpreis für Literatur erhielt:
"Wir wissen als Schüler Rudolf Euckens, daß eine geistige Reformation der gesamten Menschheit notwendig ist, kommen muß und wird." [Eucken, W. (1925), S. 16]
Dessen ethische Grundhaltung, die Betonung der Wichtigkeit der Tat prägt schon den jungen Eucken und hebt ihn ab vom verbreiteten Geschichtsdeterminismus bzw. dem historischen Materialismus seiner Zeit. Den Vorwurf der ideologischen Abhängigkeit Euckens von den philosophischen bzw. den christlich-protestantischen Wertevorstellungen seines Vaters oder gar die Interpretation des Ordoliberalismus als "Schulterschluß von Theologie und Nationalökonomie" 3 wird jedoch dem wissenschaftlichen Gesamtwerk Euckens und dessen Auseinandersetzung mit dem Werturteilsfreiheitspostulat Max Webers nicht gerecht. Relevant für den Bezug der normativen Ziele Euckens zu dessen wirtschaftspolitischen Implikationen ist letztlich jedoch dessen Forderung nach Freiheit, in seinem Sinne Freiheit des Menschen dazu, seine besten und fruchtbarsten Eigenschaften zu offenbaren, Freiheit jedes Einzelnen, an der Gesellschaft innerhalb einer Rahmen-ordnung teilzuhaben und diese somit zu unterstützen. Eine Ordnung also, innerhalb derer ein selbstverantwortliches Leben möglich sein soll. 4 Schon in seinem ersten großen Werk, den Grundlagen der Nationalökonomie betont Eucken die Rolle der Wirtschaftsordnung 5 und wendet sich vom Begriffsrationalismus 6 und vom damals populären Historismus ab. In seiner Arbeit stellt er die Beantwortung der Frage
"Wie erfolgt die Lenkung dieses gewaltigen arbeitsteiligen Gesamtzusammenhanges, von dem die Versorgung jedes Menschen mit Gütern, also jedes Menschen Existenz abhängt?" [Eucken, W. (1939), S. 2]
3 Manow, Ph. (2001), S. 5.
4 Eucken, W. (1939), S. 240. 5 Eucken, W. (1939), S. 50.
6 Der Versuch der Begriffsnationalökonomie, durch Begriffsanalysen zum Wesen der Wirtschaft vorzudringen.
4
in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Der klassischen Ökonomie billigte er in diesem Zusammenhang zwar Erklärungseigenschaften 7 zu, sprach ihr jedoch die Fähigkeit ab dieses große Problem lösen zu können, da sie durch die Konzentration auf den Idealfall der Vollkommenen Konkurrenz an der Realität vorbeisehe 8 . Die Hauptaufgabe der Nationalökonomie sieht er darin, "die konkreten Wirtschaftsordnungen in ihrem Gefüge [zu] erkennen" [Eucken, W. (1939), S. 58]. Sie hat sich zu diesem Zwecke dem Verfahren der pointierend-hervorhebenden Abstraktion zu bedienen, ohne diese Erkenntnis könne man nichts sinnvolles über das Zusammenspiel der Wirtschaftssubjekte sagen. In Euckens posthum durch seine Frau veröffentlichten Grundsätzen der Wirtschaftspolitik stellt er sich die Frage nach einer funktionsfähigen und menschenwürdigen 9 Ordnung für eine industrialisierte Gesellschaft 10 und weist der Wissenschaft mit der bewußten Gestaltung der Ordnung 11 eine neue Aufgabe zu, da diese Aufgabe ansonsten anarchische politische und wirtschaftliche Machtgruppen übernehmen würden 12 . Er unterscheidet bei seinen Betrachtungen zwischen zwei Grundformen, der Zentralverwaltungswirtschaft sowie der Verkehrswirtschaft sowie 25 mögliche Kombinationen von Märkten 13 . Er wendet sich ebenso gegen eine Wirtschaftspolitik der Experimente, wie sie in der Weimarer Republik betrieben wurde, wie auch gegen eine Wirtschaft des Laissez-faire, wie sie am Ende des 19. Jahrhunderts praktiziert wurde. Sein Ideal einer Wirtschaftsordnung, die eine wettbewerbliche Ordnung sein soll, will "die Kräfte, die aus dem Eigeninteresse entstehen, in solche Bahnen lenken, daß hierdurch das Gesamtinteresse gefördert wird" [Eucken, W. (1952), S. 360] und so die Einzelinteressen sinnvoll koordinieren. Er stellt die konstituierenden Prinzipien auf, die bei der Gestaltung einen Anhalt geben und darüber hinaus regulierende Prinzipien, welche die Ordnung funktionsfähig erhalten sollen 14 . Notfalls solle der Staat Bedingungen herstellen, als ob Wettbewerb vorliegen würde 15 .
2.2 Friedrich August von Hayek
"Wie können Menschen ihr Zusammenleben in einer für alle Beteiligten möglichst wünschenswerten Weise ordnen, angesichts der unvermeidlichen Begrenztheit des Wissens, auf das sie sich bei ihren diesbezüglichen Bemühungen stützen können?" 16 - so läßt sich die zentrale Problemstellung der 60-jährigen wissenschaftlichen Schaffensperiode Friedrich A. von Hayeks sicher treffend beschreiben. Sein direkter Beitrag zur Lösung dieses Problems ist ebenso wichtig wie die Inspiration, die er auf moderne wissenschaftli-
7 Eucken,W. (1952), S. 245 und Eucken, W. (1939), S. 24 ff.
8 Er bezeichnet diesen Sachverhalt als die Grosse Antinomie. Gleichwohl stellt die Vollkommene Konkurrenz einen Referenzpunkt für seine Vorstellung des Vollständigen Wettbewerbs dar. 9 Eucken, W. (1939), S. 240. 10 Eucken, W. (1952), S. 14. 11 Eucken, W. (1939), S. 240. 12 Eucken, W. (1952), S. 341 ff. 13 Eucken, W. (1952), S. 21 ff. 14 Eucken, W. (1952), S. 253. 15 Eucken, W. (1952), S. 295.
16 Vanberg, V. (2000), S. 11, im Vorwort zu Freiheit, Wettbewerb und Wirtschaftsordnung - Homage zum 100. Geburtstag von Friedrich A. von Hayek.
5
che Disziplinen ausübt. Richtungsweisend waren nicht zuletzt auch seine mahnenden Hinweise bezüglich der Defragmentierung der Sozialwissenschaften 17 .
2.2.1 Biographie
F. A. von Hayek wurde am 8. Mai 1899 in Wien geboren. Dort begann er unmittelbar nach seinem Kriegseinsatz als Artillerieoffizier im Jahr 1918 das Studium der Rechtswissenschaft und beendete dieses 1921 mit einer Promotion, woran er noch ein Studium der Staatswissenschaften anschloss. In diesem Fach promovierte er ebenfalls, und zwar bereits im Jahre 1923. Noch während seines Studiums arbeitete Hayek im Österreichischen Abrechnungsamt und lernte dort dessen Direktor, Ludwig von Mises kennen. Mit diesem gründete er, nach einem kürzeren Studienaufenthalt an der Columbia University, im Jahre 1927 das Österreichische Konjunkturforschungsinstitut. Er habilitierte 1929 an der Universität Wien, folgte jedoch 1932 einem Ruf an die London School of Economics als erster Ausländer, um dort 18 Jahre lang zu wirken. Im Jahre 1950, nach seiner überaus erfolgreichen Publikation The road to serfdom, nahm er eine Berufung an die University of Chicago an. Hier arbeitete er u. a. mit Milton Friedman und George Stigler zusammen. Nach zwölf Jahren in Chicago übernahm er dann im Jahre 1962, bis zu seiner Emeritierung sieben Jahre später, den traditionsreichen Lehrstuhl Walter Euckens an der Universität Freiburg, 12 Jahre nach dessen Tod. Ab 1968 arbeitete er als Gastprofessor in seiner Heimat Österreich an der Universität Salzburg, kehrte jedoch 1977 wieder nach Freiburg zurück. Dort starb er am 23. März 1992, nachdem er 1974 den Nobelpreis empfangen hatte.
2.2.2 Sozialphilosophie
Im Zentrum des Hayekschen Gedankengebäudes steht das Wissensproblem, welches sich aus der unvermeidbaren Beschränkung des menschlichen Wissens für die Gesellschaft, insbesondere für die Gestaltung der Gesellschaftsordnung 18 ergibt. Viele seiner Arbeiten kreisen um dieses Problem, dessen tiefere Bedeutung aus seiner sehr theoretischen, kognitionswissenschaftlichen Arbeit The Sensory Order ersichtlich wird. Nicht die Seele in ihrer Tiefe, nicht metaphysische Spekulation, sondern die Reaktionen und das Verhalten, insbesondere seine Anpassung sowie Interaktion innerhalb sozialer Zustände des Systems Mensch stehen bei ihm im Zentrum der Betrachtung. Er nimmt dabei an, daß der Mensch nicht auf objektive Realität, sondern daß er auf die ihm subjektiv vorliegenden Modelle reagiert. Aus dieser Sichtweise heraus entfaltet er seine Sozialphilosophie mit all ihren wirtschafts- und sozialpolitischen Implikationen, den Philosophical Consequences 19 , z. B. die Limits of Explanation 20 .
17 z. B. Hayek, F. A. (1969), S. 17, Hayek, F. A. (1973), S. 4.
18 Beachtlich ist meiner Erachtens die aktuelle Behandlung betriebswirtschaftlicher Probleme unter Verwendung der gleichen epistemologischen Wurzeln unter dem Begriff Wissensmanagement. Vgl. Nonaka, I./Takeuchi, H. (1997): Die Organisation des Wissens unter Bezugnahme auf Polanyi, M. (1966): The Tacit Dimension. 19 Hayek, F. A. (1952), S. 165 ff. 20 Hayek, F. A. (1952), S. 184 ff.
6
Die Wichtigkeit von Regeln sieht Hayek auf individueller Ebene in der Hilfestellung, welche Regeln dem Menschen bei der Orientierung innerhalb komplexer sozialen Phänomene bzw. bei der Lösung darin auftretender Probleme bietet:
"The only manner in which we can in fact give our lives some order is to adopt certain abstract rules or principles for guidance, and then strictly adhere to the rules we have adopted in our dealings with the new situations as they arise" [Hayek, F. A. (1967), zitiert aus Vanberg, V. (1989).]
Diese Sichtweise der Regelrationalität, der rules as tools 21 , ergibt sich aus Hayeks kognitionswissenschaftlichen Arbeiten, in welchen er zeigt, wie der Mensch seine Umwelt an-hand von persönlichen oder kollektiven Modellen bzw. Regeln erkennt und seine Interaktion mit ihr daraus ableitet. Die Wahrnehmung wird dabei ebenso wie die resultierenden Handlungen von genetischen, persönlichen oder sozialen Regeln geleitet. Dies ermöglicht den Menschen ihr Wissen und ihre Handlungen effektiver zu koordinieren als bei regelloser, fallweiser Wahrnehmung und Handlung.
Für von Hayek entwickeln sich Gesellschaften 22 historisch innerhalb eines Evolutionsprozesses unter Wettbewerbsbedingungen, wobei die Fähigkeit der Gesellschaft zur Wissensverarbeitung 23 , und damit deren Komplexitätspotential den maßgebliche Selektionsparameter darstellt. Er unterscheidet zur Analyse zwei gesellschaftliche Ordnungsformen 24 : Taxis, welche durch willentliche Anordnung zustandekommt und Kosmos, das Ergebnis spontaner, natürlicher Anordnung. Beiden Ordnungsformen sind hierbei spezifische Arten von Regeln zugeordnet 25 , die Kosmos bedient sich allgemeiner und abstrakter Regeln gerechten Verhaltens, den Nomos - die Taxis hingegen nur auf bestimmte Personen anwendbare Regeln, der Thesis. Die Taxis - also die geplante Ordnung - ist bezüglich ihres Komplexitätsgrades auf die willentlich planende Instanz begrenzt, wohingegen die spontanen Ordnung (Kosmos) beliebige Komplexitätsgrade erreichen kann, da sich hier die einzelnen Individuen unter optimaler Ausnutzung ihres individuellen Wissens und Orientierung an den Nomos ihren spezifischen Platz in der Gesellschaft suchen. Hayek ordnet den sich per Orientierung an den Nomos spontan und dezentral organisierten Gesell-schaftsordnungen aufgrund ihrer höheren Funktionalität in Bezug auf die Nutzung zerstreuten Wissens in der Gesellschaft sowie den Akkumulationsmöglichkeiten intertemporalen Wissens in Form der Nomos einen klaren Selektionsvorteil 26 im Evolutionsprozeß zu. In der Katallaxie 27 fungiert der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren für neues Wis-
21 z.B. Hayek, F. A. (1939), S. 10.
22 Als eine Gesellschaft bezeichnet Hayek eine Gruppe von Menschen, "wenn ihre Handlungen wechselseitig aufeinander abgestimmt sind", vgl. Hayek (1969), S. 32. 23 Vgl. Hayek, F. A. (1969), S. 169.
24 Unter Bezugname auf die griechischen Denker, vgl. Hayek, F. A. (1969), S. 108. 25 Auch hier bedient sich Hayek differenzierteren griechischen Denkart, vgl. Hayek, F. A. (1969), S. 212. 26 Unter Vorteilhaftigkeit versteht Hayek im Übertragenen Sinne das, was der Biologe als fitness bezeichnen mag - ohne damit einen Organismus oder eine Spezies werten zu wollen, also eine Aussage in Relation zu dem nicht umgehbaren Evolut ionsprozeß.
27 "Marktordnung [...] die sich spontan von selbst formt", Hayek (1969), S. 225, abgeleitet vom griechischen Verb katallein - "tauschen", "in die Gemeinde aufnehmen" oder "vom Freund zum Feind werden". Dieser Begriff soll eindeutig abgrenzen von Wirtschaft im Sinne von Taxis, etwa einer Hauswirtschaft.
7
sen, und analog der Wettbewerb zwischen Ordnungen als Entdeckungsverfahren für veränderte Regeln und institutionelle Änderungen auf der Regelebene. Aus diesem Gedanken heraus kommt Hayek zur Theorie der kulturellen Evolution sowie zu Betrachtungen institutionellen Wandels.
Eine Konsequenz aus dieser Abhandlung des Wissensproblems ist für Hayek die strikte Einschränkung staatlicher Macht durch den Einsatz abstrakter Regeln, so daß niemand die Macht hat, unter Unwissenheit spezifische Markt- bzw. soziale Ergebnisse zu erzwingen. Hayek war daher ein starker Kritiker des Sozialismus, wobei er seine Kritik nicht an Wertprämissen, sondern an den dargestellten sachlichen Annahmen über soziale Wirkungszusammenhänge, ausgehend von der Wissensproblematik festmacht. 28 Die vergleichende Analyse der Funktionseigenschaften verschiedener Ordnungen sieht Hayek als Aufgabengebiet der Wirtschaftswissenschaften an, und eine solche konstitutionelle Ökonomie könnte dann ein kompetenter Ratgeber für eine sich an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Wirtschaftspolitik sein. 29
2.3 Verhältnis der beiden zueinander
Hayek lernte Eucken schon früh auf Vermittlung von Willhelm Röpke kennen, welcher ebenfalls Vertreter der Freiburger Schule war und den Hayek schon seit 1926 persönlich. Bereits in den 30er Jahren, während seiner Lehrtätigkeit an der London School of Economics besuchte von Hayek Eucken regelmäßig, wenn er von London aus nach Österreich reiste. 30
Vom 1. bis zum 10. April 1947 fand in der Nähe des Genfer Sees in der Ortschaft Mont Pélèrin die erste Zusammenkunft einer Gesellschaft liberaler Wissenschaftler statt, deren Ziel es war, über die Zukunft Nachkriegsdeutschlands zu diskutieren. Teilnehmer waren unter anderem der Vorsitzende und Mitinitiator der Gesellschaft Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, Karl Popper, Milton Friedman, Frank H. Knight, George J. Stigler, Michael Polanyi, und, auch auf die Initiative Hayeks hin und als einziger Teilnehmer aus Deutschland, Walter Eucken. Die Teilnahme Euckens ist sicher als Vertrauensbeweis zu werten und kann darauf zurückzuführen sein, daß dieser sich bereits vorab mit Hayek in Briefen über die Zukunft Deutschlands austauschte und beide bereits relativ lang miteinander bekannt waren. 31
Die beiden Autoren beziehen sich in Ihren größeren Werken nicht explizit aufeina nder, auch ansonsten sind meines Wissens nach lediglich Randbemerkungen zu finden. 32 Jedoch kannten beide Autoren sehr wohl die Schriften des jeweils anderen, so nimmt z. B. Eucken mehrmals in den Grundsätzen der Wirtschaftspolitik bezug auf Hayeks The Road to
28 Vgl. Vanberg, V. (1999a).
29 Vgl. Hayek, F. A. (1973), S. 17. 30 Vgl. Pies, I. (2001), S. 134. 31 Watrin, Ch. (2000b), Hartwell, R. M. (1995).
32 z. B. Eucken, W. (1952), S. 100, S. 128, S. 153, S. 261, S. 273, S. 334, Hayek, F. A. (1962), S. 13, Hayek, F. A. (1953), S. 4.
8
Serfdom. 33 Daß sich in diesem Werk Hayeks keine Verweise auf Eucken finden, kann auch mit Hayeks eigenem Verweis auf die Rücksichtnahme gegenüber italienischen und deutschen Autoren, vermutlich wegen der dort angespannten politischen Situation, erklärt werden. 34
Hayek bezog sich in seiner Antrittsrede an der Universität Freiburg bei der Begründung, die Stelle anzunehmen, explizit auf Eucken, indem er sich auf seine völlige Übereinstimmung und auf seine Freundschaft mit ihm berief:
"Weitaus am wichtigsten für mich war aber meine langjährige Freundschaft, gegründet auf völlige Übereinstimmung in theoretischen wie in politischen Fragen, mit dem unvergeßlichen Walter Eucken. Während der letzten vier Jahre seines Lebens war aus dieser Freundschaft eine enge Zusammenarbeit entstanden [...]." [Hayek, F. A. (1962), S. 2]
An der Ehrlichkeit dieser Aussage ist, so denke ich, nicht zu zweifeln, allenfalls kann über Höflichkeit gegenüber den Anhängern der Freiburger Schule spekuliert werden. Jedoch sind die Einladung Euckens durch von Hayek an die London School of Economics im Jahre 1950 sowie die spätere Mitarbeit Hayeks im Walter Eucken Institut weitere Anhaltspunkte dafür, daß in diesem Bereich von echter Sympathie auszugehen ist. Auch gibt es einige darauf hindeutende Bemerkungen, so schätzte Hayek an Eucken ausdrücklich dessen bewusste Anwendung des Wettbewerbs als Ordnungsprinzip sowie die Aufgabensetzung für die Wirtschaftspolitik zur wohltätigen und störungsfreien Wettbewerbsgewährleistung als 'wichtige Tat' 35 . An anderer Stelle sagte Hayek von Eucken, dieser sei wahrscheinlich "der ernsteste Denker auf sozialphilosophischem Gebiet, den Deutschland in den letzten hundert Jahren hervorgebracht hat." [Holzwarth, F. (1988), S. 13]. Wie groß jedoch die tatsächliche Übereinstimmung der Werke im theoretischen und noch besonders im politischen Bereich ist, das wird auch Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sein.
2.4 Vergleich der beiden Sozialphilosophien
Eucken geht in seiner Arbeit, geleitet von den Wertvorstellungen seines Vaters und ausgehend von den Bedingungen seiner Zeit, jedoch streng wissenschaftlich, besonders auf die Probleme privater und staatlicher Macht in der Gesellschaft ein und stellt das menschliche Wohlergehen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Hayek geht bei seinen Arbeiten von den Unzulänglichkeiten der menschlichen Wissensverarbeitung aus und konzentriert sich tendenziell eher auf die damit zusammenhängenden Probleme staatlicher Macht. Die Lösungsansätze zu den Problemen beider verweisen dabei übereinstimmend auf eine freiheitliche Gesellschaft, in welcher privatautonome Bürger in wettbewerblichem miteinander zusammenleben.
33 Eucken, W. (1952), S. 128, S. 273, S. 334.
34 Vgl. Pies, I. (2001), S. 134 mit Bezug auf die Bemerkung in der Literaturliste von Hayek, F. A. (1944) auf S. 265: "There are also important German and Italian works of a similar character which, in consideration for their authors, it would be unwise at present to mention by name." 35 Vgl. Hayek, F. A. (1953), S. 4.
9
Arbeit zitieren:
Dr. rer. pol. Christoph Sprich, 2001, F. A. von Hayek und Walter Eucken: Ein Vergleich ihrer Vorstellungen zur Rolle der Wirtschaftspolitik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die neoliberale Theorie Walter Euckens - Entwurf einer Wirtschaftsordn...
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Studienarbeit, 37 Seiten
Staatsaufgabe oder Staats-Aufgabe? Die Aussagen des Neoliberalismus in...
Seminararbeit, 31 Seiten
Die Konzeptionen des Klassischen Liberalismus, der Neoklassik und des ...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 14 Seiten
Die soziale Frage im Ordnungsdenken Walter Euckens
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 19 Seiten
Christoph Sprich's Text F. A. von Hayek und Walter Eucken: Ein Vergleich ihrer Vorstellungen zur Rolle der Wirtschaftspolitik ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christoph Sprich hat den Text F. A. von Hayek und Walter Eucken: Ein Vergleich ihrer Vorstellungen zur Rolle der Wirtschaftspolitik veröffentlicht
Christoph Sprich hat einen neuen Text hochgeladen
Wirtschaft, Politik und Globalisierung. Sozialwissenschaften für die S...
Gymnasium
Harald Podolsky
Familienunternehmen in Recht, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
Festschrift für Brun-Hagen Hen...
Thomas Frohnmayer, Rainer Kirchdörfer, Rainer Kögel, Rainer Lorz, Andreas Wiedemann
Religion - Wirtschaft - Politik
Forschungszugänge zu einem akt...
Antonius Liedhegener, Andreas Tunger-Zanetti, Stephan Wirz
0 Kommentare