Universität Trier, Fachbereich III / Alte Geschichte
Hauptseminar: „Julian Apostata: Reichs-, Religions- und
Gesellschaftspolitik in der Mitte des 4. Jahrhunderts“
7. Fachsemester, Wintersemester 2004/2005
Julians Perserfeldzug
von: Christian Rollinger
Inhalt
1. Einleitung
2. Quellenlage
3. Rom und Persien – Zwischen „Reich ohne Grenzen“ und ‚Realpolitik’
4. Julian und der Osten – Ziele des Feldzuges
5. Vorbereitungen
6. Von Antiocheia bis Ktesiphon – Der Feldzug
7. „Remeans victor“ – Der Rückzug
8. Die Katastrophe – Der Tod Julians
9. Schlussbetrachtung
10. Literaturverzeichnis
Anhang - Karte des Feldzuges
1. Einleitung
Wenige der vielen römischen Kaiser haben die Gemüter von Zeitgenossen und Nachwelt so beschäftigt wie Flavius Claudius Iulianus, besser bekannt unter seinem wenig schmeichelhaften Beinamen Julian Apostata. Natürlich haben vor allem seine erfolglosen religiösen Restaurationsversuche die Phantasie der Menschen beflügelt – aber auch sein früher Tod in den fernen Gegenden Persiens verleiht ihm eine romantische Aura, die Vergleiche mit Alexander dem Großen geradezu herausfordert.
In Wirklichkeit war Julian alles andere als ein Alexander: er war im Gegenteil ein tüchtiger und äußerst fleißiger Herrscher, der seine ganze Energie aufwand, um das Römische Reich nach seinen Vorstellungen umzugestalten und in seiner Position zu festigen. Aus diesem Grund zog er auch in seinen unheilvollen Perserkrieg: nicht um wie Alexander ferne Länder zu erobern, sondern um das ihm anvertraute Reich wieder zu alter Größe zu führen. Auf diesen Perserfeldzug hat man im Laufe der Jahrhunderte viel Zeit und viel Tinte verwandt und die Meinungen gehen hier mindestens ebenso weit auseinander wie bei anderen Bereichen seiner kurzen Regierungszeit. Historiker können allerdings nur in Ausnahmefällen über die Verhältnisse ihrer eigenen Zeit hinaus sehen und so erstaunt es nicht, dass die Perserpolitik Julians, je nachdem in welchem Zeitalter die Urteile gefasst wurden, äußerst unterschiedlich bewertet wurde. Es ist jedoch ein Fehler, Julian als alleinstehendes Phänomen zu sehen: seine Persönlichkeit erklärt sich aus der Epoche, in der er aufgewachsen ist, die ihn geprägt hat und auch seinen Perserfeldzug muss man im Kontext seiner Zeit sehen. Wie genau Julians Perserpolitik aussah, was die Ziele und Hintergründe seines berühmtberüchtigten Kriegszuges sind, woran dieser scheiterte und vor allem auch inwiefern sich dieses Scheitern aus den Bedingungen seiner Zeit erklären lässt und erklärt werden muss, soll im Folgenden deutlich werden.
2. Die Quellenlage
Im Falle des julianischen Perserfeldzuges haben wir das außerordentliche Glück, dass gleich zwei Augenzeugenberichte auf uns gekommen sind. Das Breviarium des Eutropius kann bei den meisten Fragen wegen seiner extremen Kürze nur von geringer Hilfe sein. Ungleich wertvoller sind die uns überlieferten Bücher der Res gestae des Ammianus Marcellinus. Ammian, der ebenso wie Eutrop, Julian auf seinem Feldzug begleitete und ihn überlebte, ist eine unschätzbare Quelle, sowohl für Verlauf der militärischen Handlungen, als auch für Hintergründigeres. Die Zuverlässigkeit Ammians ist im Allgemeinen über jeden Zweifel erhaben: dennoch findet sich manche Ungereimtheit, die sich nur durch ein eigenes Programm des Soldaten und Historikers erklären lässt. Im Allgemeinen zeichnet Ammian ein sehr vorteilhaftes Bild von Julian, ist sich aber durchaus über Schwächen und Fehler seines Idols bewusst und scheut auch nicht davor zurück, diese zu kritisieren.1
Weniger Skrupel hat da die neben Ammian bedeutendste Quelle für die Regierungsjahre Julians: Libanios von Antiocheia war nicht nur ein Zeitgenosse des Kaisers, sondern gleichzeitig auch ein enger Vertrauter und Mentor. Die für den Perserfeldzug relevante Quelle Libanios’ trägt auch eindeutig panegyrische Züge: Es ist die Leichenrede, die Libanios seinem Freund nach dessen Tod hielt. Der tote Kaiser wird dabei in den schillerndsten Farben gerühmt – ein kritisches Auge für Übertreibungen und Erfindungen ist unerlässlich. Eine weitere ausführliche Beschreibung des Feldzuges finden wir bei Zosimos, der sein Werk jedoch in beträchtlichem zeitlichen Abstand, zu Beginn des 6. Jahrhunderts, verfasst hat. Dieser Abstand wird jedoch zumindest teilweise dadurch überbrückt, dass seiner „Neuen Geschichte“ wahrscheinlich das verloren gegangene Geschichtswerk des Eunapios von Sardeis zugrunde liegt. Eunapios selbst basierte sein Werk auf den Memoiren des Oreibasios von Pergamon, eines engen Vertrauten des Kaisers, der außerdem sein Leibarzt war und ihn auf dem Perserfeldzug begleitete. Kleinere, zumeist äußerst komprimierte Berichte über den Feldzug finden wir weiterhin noch bei den Kirchenhistorikern Socrates Scholasticus und Theodoret, die beide aus einer späteren Zeit stammen und Julian äußerst feindlich gesinnt waren und bei Gregor von Nazianz, einem weiteren Zeitgenossen Julians, der mit dem Kaiser zusammen die Rhetorenschule besuchte und Vorträge hörte. Auch er war Julian nicht eben zugeneigt.
3. Rom und Persien – Zwischen „Reich ohne Grenzen“ und ‚Realpolitik’
„Imperium sine fine dedi“2 – diese Worte lässt der römische Dichter Vergil den Göttervater Jupiter in Bezug auf Rom und die Römer sagen: ein Reich ohne Grenzen in Zeit und Raum gesteht er ihnen zu. Mit dieser Maxime hat Vergil, der Protegé von Maecenas und Augustus, einen Grundsatz der römischen Politik festgelegt, der mehr als ein Jahrhundert lang uneingeschränkte Gültigkeit genoss. Geschrieben hat er seine Aeneis zu einer Zeit, als der Expansion und absoluten Herrschaft Roms nichts im Wege zu stehen schien. Obwohl Augustus seinem Nachfolger Tiberius anriet, das Reich in den bestehenden Grenzen zu bewahren, war das erste nachchristliche Jahrhundert dennoch eine Zeit stetiger Expansion: das augusteische Bekenntnis zu einer Politik intra terminos imperii3 änderte nichts an der Vorherrschaft des weiterhin propagierten „Reiches ohne Grenzen“. Unter Trajan erreichte es schließlich die größte Ausdehnung seiner Geschichte. Eine einzige für Rom auch nur annähernd gefährliche Großmacht war in der damals bekannten Welt bestehen geblieben: die Parther. Nach allerlei Katastrophen und Fehlschlägen in der Vergangenheit, arrangierte sich Augustus schließlich mit dem östlichen Rivalen – Wenn Rom damit auch keinesfalls seinen Anspruch auf Weltherrschaft aufgab, kam es wohl einer Anerkennung der parthischen Machtstellung gleich, wenn es eine Expansion nach Osten hin aufgab.4 In den folgenden Jahrhunderten sollten die beiden Großmächte dennoch immer wieder aufeinander stoßen: eine schier endlose Zahl von Kriegen und Überfällen durchzieht die römisch-persischen Beziehungen. Die Residenzstadt der parthischen Königsdynastie, Ktesiphon, wurde wiederholt angegriffen und auch erobert: von Trajan (116 n. Chr.), Lucius Verus (165 n. Chr.) und Septimius Severus (198 n. Chr.), der zugleich auch die Provinz Mesopotamia einrichtete.5
[...]
1 Zur Verlässlichkeit von Ammian als Historiker vgl. u.a. Austin, Julian at Ctesiphon, S.301-309; Smith, R.: Telling Tales. Ammianus’ narrative of the Persian expedition of Julian, in: Drijvers, J. W. / Hunt, D.: The Late Roman World and its historians, London, 1999 und Chalmers, W. R.: Julians Perserfeldzug bei Eunapius, Ammianus Marcellinus und Zosimus, in: Klein, R. (Hrsg.): Julian Apostata, Darmstadt, 1978.
2 Vergil, Aeneis, 1, 279.
3 Tacitus, Annales, 1, 11.
4 Goldsworthy (Roman Army, S. 68) beeilt sich allerdings zu sagen: „[...] any campaign against the Parthians required a very large army and massive logistical support to keep these troops in the field [...] The scale of the task, probably more than anything else, prevented the actual conquest of Parthia.“
5 Die von Trajan eroberten Provinzen Armenia, Mesopotamia und Assyria mussten unmittelbar nach ihrer Einrichtung teilweise noch von Trajan selbst aufgegeben werden.
Arbeit zitieren:
Christian Rollinger, 2005, Julians Perserfeldzug, München, GRIN Verlag GmbH
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