Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
1. Luhmanns Theorie Sozialer Systeme. 3
1.1 Luhmanns Theorie Sozialer Systeme, eine Theorieskizze. 3
1.2 Grundbegriffe der Systemtheorie. 5
1.2.1 System / Umwelt. 6
1.2.2 Sinn. 7
1.2.3 Doppelte Kontingenz. 7
1.2.4 Kommunikation. 8
1.2.5 Latenz. 10
2. Die Evolution der Gesellschaft. 12
2.1 Funktionale Differenzierung der Gesellschaft. 12
2.2 Das Erziehungssystem der Gesellschaft. 13
2.2.1 Die Autonomie des Erziehungssystems. 14
2.2.2 Das Medium des Erziehungssystems. 15
2.2.3 Der Code des Erziehungssystems. 16
2.2.4 Die Paradoxien des Erziehungssystems. 17
3. Zur (Ir)relevanz der Systemtheorie für die Pädagogik. 19
3.1 Paradigmenwechsel? 19
3.1.1 Humanontogenese. 19
3.1.2 Postsubjektive Pädagogik 20
3.1.3 Evolutionäre Pädagogik. 21
3.2 Oder widerspruchslose Ablehnung? 22
3.3 Luhmanns Angebot. 22
Literaturverzeichnis 24
Einleitung
„Denn wenn man nicht sagen kann, dass man nicht meint, was man sagt, weil man dann nicht wissen kann, dass andere nicht wissen können, was gemeint ist, wenn man sagt, dass man nicht meint, was man sagt, kann man auch nicht sagen, dass man meint, was man sagt, weil dies dann entweder eine über flüssige und verdächtige Verdopplung ist oder die Negation einer ohnehin in kommunikablen Negation.“ 1
Wenn Niklas Luhmann sich äußerte, ging es ihm im Allgemeinen nicht um leichte Verständlichkeit, sondern darum, das, was sich sagen lässt, so zu sagen, wie es sich sagen lässt. Dabei wurden Missverständnisse auf Seiten des Lesers bewusst einkal kuliert:
„Mein Stil ist ja auch ironisch, um das [die Kontingenz der Theorie] genau zu markieren. Ich will damit sagen, nehmt mich bitte nicht zu ernst oder ver steht mich bitte nicht zu schnell.“ 2
Luhmanns Theorie Sozialer Systeme bereitet deshalb nicht nur soziologischen Lai en und ambitionierten Studierenden, „sondern auch [...] Fachleute[n] erhebliche Verständnisschwierigkeiten“ 3 . Und zumindest darin scheinen sich Luhmanns In terpreten und Exegeten einig: Bei der Expedition in Luhmanns Theorielabyrinth ist mit Hindernissen zu rechnen, deren Überwindung einen größeren Einsatz verlangt, als einem Durchschnittsintellektuellen im Allgemeinen zuzumuten wäre. 4 Es mag daher kaum verwundern, dass sich die Auseinandersetzung mit Luhmanns Theorieangebot, zumindest im Bereich vermeintlich praktischer Erziehungs wissenschaft, der sich in bester Absicht ›Theorieresistenz‹ auf die Fahnen ge schrieben hat, auf bestenfalls polemische Ablehnung, normalerweise aber auf be harrliche Ignoranz beschränkt. Da sich Luhmanns Hinweise auf die zu erwartenden Vorteile einer detaillierten Kenntnis der Systemtheorie auf einem ähnlichen Ab straktionsniveau wie seine Ausführungen zur Theorie bewegen, halten sich auch die mehr theorieorientierten Versuche innerhalb der Pädagogik damit zurück einen klaren Unterschied zwischen traditionellen Beschreibungen des Erziehungs systems und der systemtheoretischen herauszuarbeiten. Die universelle Anschluss fähigkeit der Systemtheorie erweist sich diesbezüglich als Hindernis für einen pä dagogischen Anschluss, der zum Einen den Kontakt zur Tradition, die Luhmann
1 GDG, S. 311. Luhmann zur Nicht-Kommunizierbarkeit von Aufrichtigkeit.
2 DETLEF HORSTER (1997): Niklas Luhmann, S. 46.
3 GABOR KISS (1986): Grundzüge und Entwicklung der Luhmannschen Systemtheorie, S. 1.
4 Ob diese Einschätzung der Realität entspricht oder vor allen Dingen denjenigen geschuldet ist, die
Luhmanns Theorielabyrinth bereits durchschritten haben, soll hier nicht beantwortet werden.
1
stets als ›alteuropäische‹ qualifizierte, nicht verlieren möchte und die sich zum Anderen schwer vom ›Menschen‹ als theoretische Primärreferenz zu lösen vermag. Gleichzeitig wird die unvoreingenommene Rezeption von Luhmanns neueren Ver öffentlichungen dadurch behindert, dass in seinen ersten Arbeiten zum Erzie hungssystem 5 der Pädagogik vorgeworfen wurde, sie könne ihren Gegenstandsbe reich nur defizitär reflektieren und sei deshalb nicht in der Lage, angemessene Technologien bereitzustellen: Pädagogen seien prinzipiell unfähig, richtig auf Pro bleme im Erziehungssystem zu reagieren.
Trotzdem blieb Luhmanns Theorieofferte im Einzelfall nicht abgelehnt, so dass die Theorie Sozialer System an prominenter Stelle Eingang in die pädagogische Diskussion gefunden hat. 6 Dabei wird das Potential der Systemtheorie bisweilen für so maßgeblich eingeschätzt, dass es angemessen erscheinen konnte einen ›Paradig menwechsel‹ zu prophezeien. 7
Die bisher nur behauptete Kluft in der Rezeption systemtheoretischer Ansätze 8 in nerhalb der Pädagogik soll in dieser Arbeit begründet skizziert werden. Zunächst soll dazu die Theorie Sozialer Systeme anhand einiger exemplarischer Grundbegrif fe kurz rekonstruiert, und daran anschließend die Entwicklung der Gesellschaft als evolutionärer Prozess beschrieben werden (Kapitel 1). Der Nachvollzug der Entwicklung der funktional differenzierten Gesellschaft sollte es ermöglichen das Erziehungssystem als ein Funktionssystem der Gesellschaft darzustellen (Kapitel 2). Abschließend soll die Rezeption der Systemtheorie innerhalb der Pädagogik ge würdigt werden (Kapitel 3).
5 NIKLAS LUHMANN, KARL EBERHARD SCHORR (1988): Reflexionsprobleme im Erziehungssystem.
6 Z.B. bei Jürgen Oelkers, Klaus Prange, Jürgen Diederich, Heinz-Elmar Tenorth, Dieter Lenzen, Alfred
Treml oder Helmut Fend.
7 Vgl. DIETER LENZEN (1997): Lösen die Begriffe Selbstorganisation, Autopoiesis und Emergenz den Bildungsbe
griff ab? und ALFRED TREML (2002): Evolutionäre Pädagogik - Umrisse eines Paradigmenwechsels.
8 So hätte sich zumindest Luhmann auszudrücken gepflegt. Präziser ließe sich sicherlich von dem
systemtheoretischen Ansatz sprechen.
2
1. Luhmanns Theorie Sozialer Systeme
Luhmanns Theorie Sozialer Systeme gleicht „eher einem Labyrinth als einer Schnellstraße zum frohen Ende“ 9 . Das heißt vor allen Dingen, dass der Aufbau der Theorie nicht linear erfolgt. Es gibt kein Basiswissen, aufgrund dessen man sich in höhere Theorieregionen vorarbeiten könnte. Stattdessen wird an zuweilen recht unprominenter Stelle damit begonnen die zentralen Begriffe der Systemtheorie einzuführen und in ihrem verwobenen Zusammenhang auszuarbeiten. Bevor dieses Vorgehen exemplarisch nachvollzogen wird, scheint es geboten einen groben Überblick über die Theorie voranzustellen, um hinsichtlich der Motivation, des Rahmens und der Reichweite eines systemtheoretischen Ansatzes zumindest einen sprachlichen Eindruck zu gewinnen. Dieses Vorgehen mag systematische Probleme mit sich bringen, da inhaltlich damit eigentlich nur auf Späteres verwiesen werden kann. Trotzdem sollte, so ist zumindest die Hoffnung, dadurch der Einstieg in die Theorie erleichtert werden.
1.1 Luhmanns Theorie Sozialer Systeme, eine Theorieskizze
Die Frage, wie Individuen ihre Handlungen aufeinander abstimmen können, wenn beide voraussetzen, dass der andere immer die Möglichkeit hat auch anders zu rea gieren, bildet einen möglichen Ausgangspunkt für Luhmanns Theorie Sozialer Sys teme:
„Jeder müßte, um sein Verhalten selbst bestimmen zu können, wissen, wie der andere entscheidet, kann dies aber nur wissen, wenn er weiß, wie er sich selbst entscheidet.“ 10
So gesehen erscheint gelingende Interaktion als unwahrscheinlich. Trotzdem muss eine Theorie, die „die Genese und die laufende Reproduktion sozialer Systeme zu gleich als unwahrscheinlich und als normal“ 11 behandelt, erklären können, wie Un wahrscheinliches wahrscheinlich wird. 12 Dieser Forderung wird die Systemtheorie dadurch gerecht, dass nicht unwahrscheinliche Lösungen, sondern wesentlich wahrscheinlichere Probleme als basale Elemente von Sozialität in Betracht gezogen werden:
9 SOS, S. 14.
10 SAU, S. 13.
11 A.a.O, S. 15. „
12 „Kommunikation ist unwahrscheinlich. Sie ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie jeden Tag
erleben, praktizieren und ohne sie nicht leben würden.“ NIKLAS LUHMANN (2001): Aufsätze und Reden, S.
78.
3
„Die Autokatalyse sozialer Systeme schafft sich ihren Katalysator, nämlich das Problem der doppelten Kontingenz selbst.“ 13
Hiermit bietet sich eine Alternative zur Theorie kommunikativer Vernunft, in der gerade nicht begründet werden kann ― so zumindest der Vorwurf ―, warum Kommunikation überhaupt noch stattfindet, wenn Kommunikation einer Konsens bildung bedarf, an deren Anschluss keine weitere Notwendigkeit für Kommunikati on mehr besteht. Das Problem der Unterbestimmtheit kommunikativer Interaktion bleibt aus systemtheoretischer Perspektive grundsätzlich bestehen und wird zum eigentlichen Motor der Interaktion:
„Soziale Ordnung kann nur über den Prozeßtyp produziert werden, den sie selbst ermöglicht: über Kommunikation. Denn nur Kommunikation kann Sys teme mit geschlossener zirkulärer Selbstreferenz über sich hinausführen“ 14 Kommunikation kann sich operational nur auf Kommunikation beziehen. Dieses selbstreferenzielle Operieren führt zur Systembildung, da das System nur die Möglichkeit hat, auf eigene Selektionen zurück zu greifen. Selektion heißt: Es findet systemintern eine Unterscheidung statt, die es erlaubt, aus einem Über schuss an Verweisungen ›dies und nicht das‹ auszuwählen. Der Idee, dass Kommunikation im weitesten Sinne einen sprachlichen Austausch zum Zwecke der Verständigung darstellen könnte, steht Luhmanns Ansatz einer ›funktionalen Analyse‹ diametral gegenüber. Funktional aber wird das Phänomen gesellschaftlicher Kommunikation im Rückgriff auf eine vermeintliche Konsens funktion aus Luhmanns Perspektive unangemessen beschrieben. Die ›Lösungen‹, die durch eine Konsens-Teleologie erreicht würden, verhindern geradezu den kom munikativen Gewinn, der durch eine funktionale Analyse erreicht werden könnte: „An ihre [der ›Lösungen‹] Stelle treten Kommunikationsschwierigkeiten. Dies allgemeine Problem gewinnt im Falle von funktionaler Analyse eine spezi fische Ausprägung, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen kann die funktionale Analyse über ›latente‹ Strukturen und Funktionen aufklären [...]. Zum anderen versetzt die funktionale Analyse Bekanntes und Vertrautes also ›manifeste‹ Funktionen (Zwecke) und Strukturen in den Kontext anderer Möglichkeiten.“ 15
Als wesentliche Eckpfeiler der Theorie Sozialer Systeme sollen die Begriffe ›Sys tem/Umwelt‹ (als basale Unterscheidung der Theorie Sozialer Systeme), ›Sinn‹ (als das worauf Kommunikation verweist), ›doppelte Kontingenz‹ (als die Startbe
13
SOS, S. 171. Hervorhebung von M.S.
14 SAU, S. 18.
15 SOS, S. 89.
4
dingung von Kommunikation), ›Kommunikation‹ (als die Elemente, aus denen die Gesellschaft besteht) sowie der Begriff ›Latenz‹ (als ein manifester kommunika tiver Gewinn, der sich aus einer Problemorientierung ergibt) hinsichtlich ihrer Verwendung innerhalb der Systemtheorie genauer beobachtet werden.
1.2 Grundbegriffe der Systemtheorie
„Die Soziologie steckt in einer Theoriekrise“ 16 . Luhmanns Theorie Sozialer Systeme setzt mit einem Problembefund an und verweigert sich zugleich einer nahe liegenden Lösung.
„Eine im ganzen recht erfolgreiche empirische Forschung hat unser Wissen vermehrt, hat aber nicht zur Bildung einer facheinheitlichen Theorie ge führt.“ 17
Der Mangel, den Theorievergessenheit hervorruft, lässt sich nicht dadurch be heben, dass sich willkürlich der sozialen Wirklichkeit zugewendet wird. Denn egal welche Daten „der Realität abgewonnen“ 18 werden, schlussendlich bedarf es einer Theorie, „wie immer alt oder neu die Schläuche sein mögen, in die man das Ge wonnene abfüllt.“ 19
Die Theorie Sozialer Systeme tritt mit dem Anspruch auf, angemessen auf das konzidierte Defizit zu reagieren. Dazu aber bedarf es eines Theoriedesigns, das der Komplexität der gewonnenen Daten 20 entspricht. Die Theorieinteressen „erzwingen [...] einen Grad an Abstraktion und Komplikation, der in soziologischen Theorie diskussionen bisher nicht üblich war.“ 21 Die Theorie muss gewährleisten, dass eine Vielzahl ungleicher Phänomene vergleichend berücksichtigt werden können. „Im Unterschied zu gängigen Theoriedarstellungen [...], soll im folgenden ver sucht werden, die Zahl der benutzten Begriffe zu erhöhen und sie mit Bezug aufeinander zu bestimmen.“ 22
Der Verzicht auf ein möglichst sparsam eingesetztes begriffliches Fundament nö tigt die Systemtheorie, sich auf die Tragkraft eines sich selbst stabilisierenden Sys tems von theorieinternen Verweisstrukturen zu verlassen.
16 SOS, S. 6.
17 ebd.
18 ebd.
19 ebd.
20 In Luhmanns Fall vorrangig der reiche Datenschatz den die Historie bereithält. Grundsätzlich aber
auch jedes andere Datum quantitativer oder qualitativer Sozialforschung. Vgl. NIKLAS LUHMANN, ›Ich
denke primär historisch‹: Religionssoziologische Perspektiven. Ein Gespräch mit Fragen von Detlev Pollack
(Leipzig).
21 SOS, S. 15.
22 SOS, S. 11f.
5
Arbeit zitieren:
Magister Artium Markus Szczesny, 2006, U4-208 antwortet nicht. Zur (Ir)relevanz der Systemtheorie für die Pädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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