Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung
2. Wirtschaftliche Entwicklung Indiens nach
der Unabhängigkeit 9
2.1 Das koloniale Erbe 9
2.2 Die Ideologie der Mixed Economy 11
2.3 Die indische Wirtschaftspolitik bis 1985 14
2.4 Einleitung erster Wirtschaftsreformen unter 19
Rajiv Gandhi
2.5 Indiens „New Industrial Policy“ seit 1991 23
2.6 Indiens Erfolg in der “Information Technology 27
3. Indiens Gesellschaft und ihre sozialen Strukturen 30
3.1 Der Hinduismus und das Kastensystem 30
3.2 Der Einfluss des Kastensystems auf die 37
technologische Modernisierung
3.3 Der Konflikt zwischen Muslimen und Hindus 44
3.4 Das Problem der Sprachen 51
3.5 Indiens Bildungssystem 55
3.6 Frauen in der indischen Gesellschaft 59
4. Das politische System Indiens 63
4.1 Die indische Verfassung 64
4.2 Föderalismus 70
4.3 Politik Und Parteien 73
4.4 Kasten und Politik 78
4.5 Der indische Staat als Faktor der 81
technologischen Modernisierung
5. Fazit 86
6. Literaturverzeichnis 94
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 2
Abkürzungsverzeichnis:
AIML
BJP
bspw.
bzw.
ca.
ff.
ggfs.
Hrsg.
IAS
Ibid. Ebenda
IT
ITT
IWF
Jhd.
Mio. Millionen
Mrd. Milliarden
NIP
OBC
o.V.
PRGF
RSS
S.
SC
sog.
ST
u.a. unter anderem
USA United States of America
Vgl.
z. Bsp.
z. T.
zit. zitiert
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 3
Abstract
Indien ist entfesselt. Der Subkontinent wird als ein Gewinner der
Globalisierung angesehen, denn er hat sich reformiert und den
kapitalistischen Spielregeln angepasst. Er hat seine Märkte geöffnet,
Zölle gesenkt, Handelsbarrieren niedergerissen und gleichzeitig seine
stark reglementierte Industrie dereguliert und liberalisiert. Indien
durchlebt einen Prozess der technologischen Modernisierung und des
wirtschaftlichen Aufschwungs. Es stellt sich die Frage, ob gleichzeitig
auch eine gesellschaftliche Entfesselung im Gange ist. Verliert bspw.
das hierarchische Sozialsystem des Hinduismus aufgrund der
kapitalistischen Durchdringung der Gesellschaft an Bedeutung?
Zum einen werden in dieser Arbeit sozioökonomische Faktoren
aufgezeigt, die den wirtschaftlichen Aufschwung Indiens unterstützen
und fördern. Zum anderen wird das gesellschaftliche Konfliktpotential
Indiens analysiert, welches die politische Stabilität des Landes
bedroht und dadurch einen wirtschaftlichen Aufstieg Indiens in die
Gruppe der größten Industrienationen verhindern könnte.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 4
1. Einleitung
Im vergangenen halben Jahrhundert wurde ein unvergleichlicher Reichtum geschaffen, in Asien, Lateinamerika und in den Ländern des Nordens - ein Reichtum, der eng mit der Zerschlagung staatlicher Strukturen und bürokratischer Unternehmungsverwaltungen zusammenhing.
„Es wäre unvernünftig die Ansicht zu vertreten, diese wirtschaftliche Explosion hätte niemals stattfinden dürfen.“ 2 Dennoch fordert ein solches Wachstum einen hohen Preis, und zwar eine wachsende ökonomische Ungleichheit und zunehmende soziale Instabilität. Derzeit scheint der Kapitalismus mit dieser instabilen Energie völlig aufgeladen zu sein - und zwar wegen der globalen Ausbreitung der Produktion, der Märkte und der Finanzdienste. Zu dieser Instabilität gesellt sich die Ungleichheit, die der amerikanische Soziologe Richard Sennett unlängst als „Achillesverse der modernen Ökonomie“ bezeichnete. 3 Das kapitalistische Prinzip „the winner takes it all“ erzeugt extreme materielle Ungleichheit, die wiederum einer wachsenden sozialen Ungleichheit entspricht.
In Indien hält der Kapitalismus seit den wirtschaftsliberalen Reformen im Jahre 1991 Einzug und das Wirtschaftswachstum scheint unaufhaltsam zu sein.
Noch ist der Subkontinent jedoch weit entfernt vom Ideal der freien Marktwirtschaft. Nach wie vor gehören die meisten Banken dem Staat, gibt es Höchstpreise für Lebensmittel, dürfen Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten nur mit Sondergenehmigungen und gegen hohe Abfindungen Mitarbeiter entlassen. Unübersehbar aber ist, dass die sukzessive Abkehr von planwirtschaftlichem Gebaren
2 Vgl. Sennett, Richard.: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 2005, S. 7f.
3 Ibid.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 5
erstaunliche Kräfte freilegt. Was immer in den Zeitungen zu lesen ist über Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts von 7,5 Prozent, von schnell ansteigenden Exporten und in die Höhe schießenden Börsenkursen - all dies bleibt dürres Zahlenwerk, gemessen an der Zuversicht und der weit verbreiteten Aufbruchstimmung, die dem Reisenden in Indien entgegenschlägt. 4 Viele Menschen glauben an eine bessere Zukunft. Junge Inder, die in den USA oder Europa hoch bezahlte Positionen bekleidet haben, kehren wieder in ihre Heimat zurück. Selbst jene, die sich bislang mit einem geringen Einkommen zufrieden geben müssen, lassen sich von der Euphorie anstecken. 5 Doch es gibt auch die andere Seite dieser von Gegensätzen geprägten Nation: Ein Drittel aller Inder lebt am Rande des Existenzminimums. Rund 40 Prozent der Bevölkerung können weder lesen noch schreiben. Nicht zu zählende Millionen hausen in den Slums der großen Städte. Gleichwohl stehen die Chancen auf eine deutliche Anhebung des allgemeinen Lebensstandards so gut wie nie zuvor. In wenigen Jahren, so der Tenor von Studien der Boston Consulting Group und von Goldman Sachs, könnte Indien eine bedeutende Rolle im globalen Wirtschaftsgefüge spielen und in den Kreis der entwickelten Länder aufsteigen. 6 Eine faszinierende Vision, die zur gigantischen Herausforderung für die industrialisierte Welt gerät. Es sind ja nicht nur die IT-Firmen in Gurgaon oder Bangalore, die immer mehr Arbeitsplätze aus Amerika und Europa absaugen. Auch indische Pharmaunternehmen, Chemiekonzerne, Textilbetriebe, Autozulieferer, Anlagenbauer und Stahlhersteller drängen auf den globalen Markt. 260 000 Ingenieure verlassen jährlich die indischen Hochschulen. Hinzu kommen hunderttausende Programmierer, Chemiker, Pharmakologen, Ärzte. Sie analysieren medizinische
4 Follath, E.: Ein Moloch erwacht. In: Der Spiegel 21/2005. S. 126.
5 Diana, T.: India fast becoming an economic Super-Power. In: Business Credit, Mai 2005. S.74.
6 Ibid.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 6
Befunde, entwickeln Chips, zeichnen Blaupausen für den Anlagenbau - zu Gehältern, die 80 bis 90 Prozent unter dem Niveau des Westens liegen. Etwa eine Million Inder sind heute in Betrieben beschäftigt, die IT-Dienstleistungen anbieten. In vier Jahren werden es
schätzungsweise vier Millionen sein. Eine kleine Summe, gemessen an dem Arbeitskräftepool von 470 Millionen Menschen, der jährlich um neun Millionen Männer und Frauen wächst.
„Wir stellen jeden Monat 1000 Leute ein und bekommen jedes Jahr weltweit eine Million Bewerbungen.“ 7
Debjit Chauduri 8
Die Bedeutung der prosperierenden IT-Branche liegt jedoch nicht so sehr in den direkten Beschäftigungseffekten. Viel wichtiger ist, dass das IT- Wissen die Aufholjagd von Unternehmen in klassischen Branchen wie Fahrzeugherstellung oder Maschinenbau beschleunigen wird. In den meisten dieser Firmen laufen Automatisierung und Computerisierung jetzt erst an. Sie werden in den nächsten Jahren enorm profitieren vom großen Reservoir IT-erfahrener Fachkräftezum Leidwesen der internationalen Konkurrenz. Die CIA prognostizierte in einem kürzlich veröffentlichten Bericht, dass Indien und China sich bis 2020 zu den weltweit führenden Volkswirtschaften entwickelt haben werden. 9 Von einer „kommenden Superpower des Wissens“ spricht das Magazin „New Scientist“ und verweist darauf, dass Indiens Fachkräfte in allen
Zukunftstechnologien von Raumfahrt über Genforschung bis zur Computermedizin in der Weltspitze zu finden seien.
„Indien springt nicht nur nach vorne, es überspringt:
Fortschrittshemmende Kastenschranken verschwinden im Cyber-
7 Zit. bei: Borst, S. et al. Das nächste China. In: Focus-Magazin 16/2005, S. 148ff.
8 Debjit Chaudhuri ist Deutschland - Chef der indischen Software Firma Infosys, deren Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr um 50 Prozent zulegte.
9 Diana, S.74.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 7
Raum, Daten-Highways lassen den Mangel an realen Autobahnen verblassen.“ 10
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Frage nach der Verlässlichkeit einer solchen Wachstumsprognose. Kann sich die technologische Modernisierung in einem Staat wie Indien tatsächlich über gesellschaftliche Schranken, wie sie potentiell im Kastenwesen, dem religiösen Pluralismus oder in der segmentierten Bevölkerung bestehen, hinwegsetzen? Sind die Kastengegensätze unter der hinduistischen Volksmehrheit endlich zum nur noch lästigen Relikt geschrumpft, zu einem sozialen und ökonomischen Hemmnis minderen Ranges?
Um diese Fragen beantworten zu können ist eine interdisziplinäre Vorgehensweise unabdingbar. Dabei liegt der besondere Reiz darin, ökonomische, soziologische, historische und politische Denkansätze miteinander zu verknüpfen, um eine möglichst genaue Darstellung der technologischen Modernisierung Indiens gewährleisten zu können.
Die vorliegende Arbeit ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste Abschnitt zeigt die wirtschaftliche Entwicklung Indiens seit der Unabhängigkeit 1947 auf und verdeutlicht den Wandlungsprozess, den die junge Republik Indien seit über 50 Jahren durchlebt. Es wird dabei erkennbar, wie sich die ehemalige britische Kolonie - nach einem kurzen Umweg über ein sozialistisches Wirtschaftssystemseit Beginn der 1990er Jahre zu einer liberalen Wirtschaftsmacht entwickelt.
Im Mittelpunkt des zweiten Abschnitts steht die indische Gesellschaft und ihre sozialen Strukturen. Dabei kommt hinsichtlich des Modernisierungsprozesses dem hinduistischen Kastensystem eine
10 Follath, S. 126.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 8
besondere Bedeutung zu. Es wird u.a. herausgestellt, wie sich dieses streng hierarchische Gesellschaftssystem mit modernen
Unternehmensstrukturen, wie sie z.B. in der boomenden IT-Branche vorherrschen, vereinen lässt und welche Bedeutung es nach wie vor im indischen Alltagsleben hat. Auch wird auf das Konfliktpotential des religiösen Pluralismus eingegangen, welches sich immer wieder in gewalttätigen Ausschreitungen entlädt und somit einen Risikofaktor für politische Stabilität darstellt.
Im dritten und letzten Abschnitt dieser Arbeit wird nun auf das politische System Indiens eingegangen. Das Land ist seit der Unabhängigkeit eine lebendige Demokratie. Es hat sich in Indien immer wieder gezeigt, dass vom Wachstum benachteiligte Bevölkerungsgruppen einen Regierungswechsel herbeiführen
konnten. Dies hat allerdings auch nachteilige Konsequenzen im Hinblick auf die erforderliche Kontinuität der für den technologischen Modernisierungsprozess notwendigen Reformen. Und Reformen braucht das Land dringend, um die verkrusteten bürokratischen Strukturen innerhalb des politischen Systems zu zerschlagen.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 9
2. Wirtschaftliche Entwicklung Indiens nach der
Unabhängigkeit
2.1 Das koloniale Erbe
In der kritischen Auseinandersetzung mit der sozio-ökonomischen Entwicklung in Indien wird häufig das „koloniale Erbe“ als eines der Entwicklungshemmnisse in den Vordergrund gestellt. 11 In diesem Zusammenhang ist unbestreitbar, dass die 200jährige britische Kolonialherrschaft zur nachhaltigen Zerstörung und Deformierung des indischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems geführt hat und dadurch auch der kontinuierliche Verlauf des ökonomischen Strukturwandels erheblich gehemmt wurde. Außerdem wurden politische und administrative Instrumente geschaffen, die damals ausschließlich auf die Interessen der Kolonialmacht zugeschnitten waren.
„Unter britischer Kolonialherrschaft war Indien den Kräften des Weltmarkts unterworfen, freilich zu Bedingungen, die die
Kolonialherren diktierten. Diese huldigten den Prinzipien des Freihandels, solange sie selbst nicht von Konkurrenz bedroht waren, danach gingen sie zu einem Regime von Schutzzöllen über, das durch Zollpräferenzen für britische Güter durchlöchert war.” 12
Jedoch ist Indien eines der wenigen Entwicklungsländer, die bereits vor der Unabhängigkeit ein gewisses Maß an Industrialisierung erreicht hatten. Unter der britischen Herrschaft wurde ein umfangreiches Eisenbahnnetz errichtet, das Bewässerungssystem erweitert und, zur Deckung des Bedarfs an Verwaltungskräften, ein Bildungssystem aufgebaut. Eine industrielle Entwicklung wurde
11 Roy, T.: Economic History and Modern India - Redefining the Link. In: Journal of Economic Perspectives 3/2002. S. 109-130.
12 Rothermund, D.: Die Liberalisierung Indiens. Online im Internet: http://www.uni- heidelberg.de/uni/presse/RuCa3_96/rotherm.htm [Stand: 24. Juli 2005].
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 10
allerdings nur in sehr begrenztem Ausmaß und nur in jenen Bereichen zugelassen, die keine Konkurrenz für die britischen Geschäftsinteressen darstellten. Anders als viele Entwicklungsländer konnte Indien mit Erlangung der Unabhängigkeit auch einen effizienten Beamtenapparat übernehmen, eine professionelle Armee, eine unabhängige Justiz und nicht zuletzt ein repräsentatives Regierungssystem, innerhalb dessen indische Politiker langjährige Erfahrungen hatten sammeln können. 13
Die noch nach der alten Verfassung gewählte Konstituierende Versammlung entwarf die 1950 in Kraft getretene Verfassung der indischen Republik. Sie stand dabei vor unzähligen Problemen und Herausforderungen. Zu diesen gehörte auch die Aufgabe, den indischen Subkontinent in seiner Vielfalt und mit seinen reichen Potentialen - sowohl materiell als auch personell - in wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Hinsicht zu einer nationalen “Einheit“ zu integrieren.
„It is fascinating to reflect on what an array of elements, at that time of independence, pumped up the promise of what the Indian government could and should accomplish in the realm of development, and how quickly. Great expectations were shared by the country´s leaders and bureaucrats themselves, by their public, and to some extent, by outside observers.” 14
Die Integration des feudalen Indiens mit seinen ca. 580 Fürstenstaaten in eine säkulare, demokratische, föderative indische Union war nicht einfach. Die zum Teil sehr großen Bundesstaaten fassten Bevölkerungen unterschiedlicher Muttersprachen und kultureller Identität zusammen. Der erste Premierminister des unabhängigen Indien, Jawaharlal Nehru, glaubte fest an die Demokratie als beste und einzig mögliche Regierungsform, um Indien
13 Ibid.
14 Lewis, J. P.: India´s Political economy. Governance and Reform. Delhi 1995, S. 7.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 11
zusammenhalten zu können und um den erwünschten sozialen Fortschritt zu erzielen. Das effektivste Entwicklungsinstrument war seiner Meinung nach eine „mixed economy“ - ein halbsozialistisches Wirtschaftssystem, das über Fünfjahrespläne gelenkt wurde. 15
2.2 Die Ideologie der Mixed Economy
Schon in den 1930er und 40er Jahren hatten führende indische Unternehmer und Politiker Konzepte zur Wirtschafts- und Industrieentwicklung für die Zeit nach der Unabhängigkeit erarbeitet, wie beispielsweise den 1944 veröffentlichen „Bombay Plan“ 16 . Mit dem Ziel, die indische Industrie vor der Liberalisierung der Märkte zu schützen, billigten sie dem Staat eine tragende Rolle bei der Investition in die Grundstoff- und Schwerindustrie zu. Besonders ins Gewicht fiel damals auch die auf „Nation-Building“ und damit auf nationale Integration ausgerichtete patriotische Einstellung indischer Industrieller, die die Rolle eines starken Staatssektors nicht in Frage stellten.
„Der Bombay Plan entsprach dem Denken von Unternehmern, die im Korsett der Kriegszwangswirtschaft steckten und befürchteten, dass sie beim bevorstehenden Verschwinden des Korsetts keinen Halt mehr finden würden [...]. Auf diese Weise ergab sich eine Konvergenz ihres Denkens mit dem Nehrus, der aus ganz anderen Gründen eine Planwirtschaft befürwortete.“ 17
15 Anshu S., Chiquan G.: Competing in the global marketplace: The case of India and China. In: Business Horizons 48/2005. S. 135f.
16 Neben dem „Bombay Plan“ wurden auch andere Pläne, wie der „Gandhian Plan“, der „People´s Plan“ und „Sir M. Visvesvaria´s Plan“ vorgelegt, die den Schwerpunkt der Entwicklungstrategie auf agrarnahe, arbeitsintensive Klein- und Heimindustrie legten. Diese fanden jedoch nur eine geringe Resonanz.
17 Vgl. Rothermund, D.: Indien: Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Umwelt. Ein Handbuch. München 1995, S. 490.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 12
Nehrus Zielrichtung sah eine weitgehend staatlich gelenkte Wirtschaft (mixed economy) 18 und eine kasten- und klassenlose sozialistische Gesellschaft vor, in der alle Bürger die gleichen Chancen und Teilnahme an den Errungenschaften des nationalen Wohlfahrtsstaates haben sollten. So gesehen war „Sozialismus“ für Nehru keine Ideologie, sondern vielmehr eine Entwicklungs-, insbesondere eine Industrialisierungsstrategie. 19 Beeindruckt von den sowjetischen Erfolgen bei der Umwandlung des zaristischen Agrarstaates in eine Industrienation, sah er eine maßgebliche Beteiligung und Einflussnahme des Staates in Wirtschaft und Industrie vor. 20 Die in der Verfassung genannten „sozialistischen“ Staatsziele und die gesellschaftspolitische Grundhaltung der Verfassungsväter machten eine rein marktwirtschaftliche Entwicklungsstrategie ohnehin
unmöglich. Nehru glaubte, dass wirtschaftlicher Fortschritt nur mit einer raschen Industrialisierung und insbesondere mit dem Aufbau einer staatlichen Schwerindustrie erzielt werden könnte: 21
„We are trying to catch up, as far as we can, with the Industrial Revolution that occurred long ago in western countries.“ 22
Dabei ist interessant, dass sein zwanzig Jahre älterer Mentor Mahatma Gandhi in diesem Punkt ganz anders dachte. Nach dessen Vorstellungen sollte die Wirtschaft der Armutsbekämpfung dienen und auf die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung ausgerichtet sein. Das Dorf und die Kleinindustrie sollten die Säulen der Entwicklung
18 Die „mixed economy“ war nach dem Selbstverständnis ihrer maßgeblichen Gestalter als ein sozial- und entwicklungspolitisch gezähmter Kapitalismus gedacht. Insofern entspricht sie dem makroökonomischen System einer Geldwirtschaft eher als dem einer Planwirtschaft. Zur ausführlichen Unterscheidung zwischen Geld- und Planwirtschaft siehe bspw. Mankiw, G.: Makroökonomik. Stuttgart 2003, S. 560ff.
19 Gosalia, S.: Indien im südasiatischen Wirtschaftsraum. Chancen der Entwicklung zu einem regionalen Gravitationszentrum. Hamburg 1992, S. 151ff.
20 Vgl. Rothermund, S. 490.
21 Vgl. Lewis, S. 9.
22 Zitiert bei: Jha, P.: A note on India´s post-independence economic development and some comments on the associated development discourse. In: Berichte aus dem Weltwirtschaftlichen Colloquium der Universität Bremen, Nr. 70. Bremen 2001, S. 3.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 13
sein. Gandhis wirtschaftspolitisches Konzept erlangte jedoch kaum Bedeutung und wurde nach seinem Tod eher symbolisch betrieben. 23 Auf die Zukunft der indischen Regierung hatte Gandhi dennoch einen nachhaltigen Effekt:
„He made the upper levels of the government unnaturally rigtheous for a time. […] Most leaders in the government of India, in the first 15 years from independence did not share many of Gandhi´s policy goals. But they did try to adopt his motivational mix: there was considerable ascetism; self-seeking was reined in; pursuit of the public interest (although its content was disputed) was the behavioral standard; and, venality at senior levels was not just rare, it was out of fashion.” 24
Wirtschaftspolitisch entwickelte sich Indien nach Nehrus Modell der „mixed economy“. Diese extrem binnenmarktorientierte und staatswirtschaftliche Entwicklungsstrategie bedurfte jedoch mangels genügender Inlandsersparnisse und Exporterlöse schon bald der Unterstützung von außen, die vornehmlich seitens der USA und der Sowjetunion auch gewährt wurde.
Auf der Basis von Fünfjahresplänen floss der größte Teil der indischen Entwicklungsausgaben zunächst in die schwerindustriellen Sektoren und die staatlichen Wirtschaftsbereiche. 25 Die Auswirkungen dieser wirtschaftlichen Strategie werden im folgenden Kapitel dargestellt.
23 Vgl. Stang, F.: Indien. Geographie, Wirtschaft, Geschichte, Politik. Darmstadt 2002, S. 242.
24 Vgl. Lewis, S. 8.
25 Vgl. Rothermund, S. 485ff.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 14
2.3 Die indische Wirtschaftspolitik bis 1985
Der erste Fünfjahresplan war von seinem Umfang her noch relativ bescheiden und wurde teilweise aus den Kriegsschulden
Großbritanniens gegenüber Indien finanziert. Vordergründige Ziele der Wirtschaftspolitik waren zum einen die Überwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die durch den Zweiten Weltkrieg und die Teilung des Subkontinents entstanden waren. Zum anderen bemühte man sich wegen der unzureichenden Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln um eine effizientere landwirtschaftliche Produktion. Allgemein traute man der Landwirtschaft jedoch nur einen geringen Beitrag zur Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktion und zur Schaffung einer ausreichenden Zahl attraktiver Arbeitsplätze zu. 26 Der zweite und die folgenden Fünfjahrespläne bereits wesentlich ehrgeiziger. Der Staat sollte durch investitionsleitende Maßnahmen gegenüber der Privatwirtschaft sicherstellen, dass knappe finanzielle Mittel nicht in Bereiche geringer gesellschaftspolitischer Priorität flössen, wie etwa in den Immobilienhandel. 27 In der „Industrial Policy Resolution“ von 1956 wurden deshalb bestimmte Kernbereiche (Infrastruktur, Schwerindustrie,
Mineralprodukte, Verteidigung und Atomenergie) festgelegt, in denen wirtschaftliche Aktivitäten ausschließlich dem Staat vorbehalten blieben. In einigen speziellen Bereichen (Maschinenbau, Logistik und Bergbau) behielt sich der Staat zwar die Initiative bei der Gründung neuer Unternehmen vor, private Unternehmer hatten jedoch die Möglichkeit sich an diesen Firmen zu beteiligen. Zu allen übrigen Bereichen erhielten private Investoren freien Zugang. 28
26 Vgl. Jha, S. 6f.
27 Vgl. Lewis, S. 21f.
28 Vardag, F: Eine empirische Untersuchung über den Technologietransfer deutscher Unternehmen nach Indien sowie die Darstellung und Beurteilung der indischen Technologiepolitik. Regensburg 1988, S. 46ff.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 15
Weitere Schritte waren, dass der Import von Konsumgütern bis auf wenige Ausnahmen (Nahrungsmittel, pharmazeutische Produkte) völlig untersagt wurde und Investitions- und Zwischengüter nur gegen Erteilung spezifischer Lizenzen eingeführt werden durften, was unweigerlich zu einem rapiden Anstieg bürokratischen Aufwandes führte. Dazu muss jedoch erwähnt werden, dass Binnenmarktorientierung angesichts pessimistischer
Exporterwartungen bei den von den unabhängig gewordenen Entwicklungsländern hauptsächlich angebotenen Rohstoffen und angesichts der als übermächtig eingeschätzten Konkurrenz der Unternehmen aus den Industriestaaten als lebensfähige Strategie galt. 29 Auch galten Staatsunternehmen in schwerindustriellen Bereichen angesichts des Kapitalmangels und der Risikoaversität privater Investoren als unvermeidlich. 30 Jedoch machten enormes Bevölkerungswachstum und Kapitalmangel viele Ziele des zweiten Wirtschaftsplanes gar nicht, oder erst im dritten erreichbar. Schlechte Ernten, hohe Preissteigerungen und Kriege mit den Nachbarn Pakistan und China stürzten das Land in den 1960er in eine Wirtschaftskrise. Die Wirtschaft ächzte unter den Folgekosten der Kriege sowie unter Dürre, die die landwirtschaftliche Produktion erheblich senkte und das Land zu demütigenden Bitten um Nahrungsmittelhilfe zwang. 31
In den erst 1969 verabschiedeten vierten Fünfjahresplan (1969/70 bis 1973/74) fielen weitere Auseinandersetzungen mit Pakistan und die Abtrennung von Bangladesh, die Indien mit großen Flüchtlingsströmen belastete. Streiks führten zu Engpässen besonders im Energie- und Transportbereich sowie bei der Rohmaterialversorgung.
29 Vgl. Rosen, G: Economic Development in Asia. Aldershot 1998, S. 67f.
30 Ibid.
31 Vgl. Rothermund, Dietmar: Epochen der indischen Geschichte. In: Ders. (Hrsg.): Indien: Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Umwelt. Ein Handbuch. München 1995, S. 97ff.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 16
Die fortgesetzte rigide Wirtschaftspolitik Indiens (weitere
Verstaatlichungen, Regulierung marktbeherrschender Unternehmen und Beschränkung ausländischer Investitionen) war gegen die sich anbahnende Wirtschaftskrise allerdings machtlos. Durch die Folgen der Ölpreiserhöhung von 1973/74, einer erneuten Dürre, weiterer Millionen von Immigranten aus Bangladesh, beschleunigter Inflation und nachlassender industriellen Dynamik musste Indien 1974 um einen Beistandskredit des Internationalen Währungsfonds zur Überbrückung der Defizite bitten. 32
„[…] at the end of the 1970s some of the large deficits became clearer, so that the internal politics - mainly the industrial politics - got more and more evaluated and criticized. The central industrial politics´ objectives have not been reachable. [...] the secondary sector grew too slow. Second, the mismanagement and inefficiency of state-owned companies increased and related to that their dependence on subsidies rose.” 33
Bei der Bewertung der indischen Wirtschaftspolitik muss zwischen kurz- und langfristigen Auswirkungen der „mixed economy“ unterschieden werden.
Eines der kurzfristigen Ziele, die Selbstversorgung, wurde mit den wirtschaftspolitischen Maßnahmen weitgehend erreicht. Auch wurde die Grundlage für einen erheblicher Strukturwandel geschaffen.
„The strategy during these two plans (1951-1961) laid the foundation for a well diversified industrial structure within a reasonably short period and this was a major achievement.” 34
Langfristig ließen die unternommen Maßnahmen den Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 59 Prozent (1950/51) auf 37 Prozent (1979/80) fallen, derjenige der Industrie
32 Vgl. Jha, S. 6f.
33 Gutowski, A.: PR China and India - Development after the Asian Economic Crisis in a 21 st Century Global Economy. In: Berichte aus dem Weltwirtschaftlichen Colloquium der Universität Bremen, Nr. 69. Bremen 2001, S. 6.
34 Vgl. Rosen, S. 9.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 17
stieg von 9,9 auf 16,2 Prozent und der Dienstleistungssektor nahm von 26,6 auf 40 Prozent zu. Bei der Analyse dieser Zahlen drängt sich jedoch leicht ein falsches Bild auf. Es scheint sich um eine sich gut entwickelnde „modernen Wirtschaft“ zu handeln, die den aus andere Industrieländern bekannten Entwicklungspfad rasch nachvollzieht. Wenn man aber berücksichtigt, dass immer noch rund 60 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig sind, dann bemerkt man die krasse Diskrepanz zwischen der bedauernswert niedrigen Produktivität in der Landwirtschaft und der vergleichsweise hohen Produktivität der Industrie. 35
Daher werden die langfristigen Auswirkungen der frühen „mixed economy“ allgemein wesentlich negativer bewertet:
“The Indian experience in the first 30 years after independence was dismal. Even with the growth of heavy industry, poverty did not go down and total employment did not keep pace with population growth.” 36
Insgesamt bewirkte der Staat mit seiner Wirtschaftspolitik eine Verzerrung des Preisgefüges, so dass Produzenten, Konsumenten, Investoren und Sparer laufend „falsche“ Verhaltenssignale erhielten. Es ist leicht, aus heutiger Sicht diese Ordnungspolitik als verfehlt zu bezeichnen, aber man darf dabei nicht außer acht lassen, dass:
„[...] around this time, a strong advocacy for planning, not only for India but in case of any post-colonial backward country, came from the emerging powerful sub- discipline of economics called development economics, and the perceived ´spectacular´ economic achievements of the then USSR only added to this advocacy.” 37
Das indische Experiment entsprach also durchaus dem damaligen Stand der Entwicklungsökonomie. Ebenfalls muss berücksichtigt
35 Vgl. hierzu bspw. Fourastie, J.: Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts. Köln 1969.
36 Vgl. Donlan, T. G.: A new tiger. In: Barron´s 31/2005. S. 39.
37 Vgl. Gutowski, S. 3.
Christian Heinen: Indien in der technologischen Modernisierung 18
werden, dass die damaligen ausländischen Hilfegeber, einschließlich Weltbank, die Fünfjahresplanung als Bedingung für die Gewährung ihrer Entwicklungshilfe vorgaben. 38
Zweifellos gab es auch langfristige Erfolge der Reformen. Von der Regierung geförderte Bildungs- und Erziehungsprogramme steigerten die Lese- und Schreibfähigkeiten der Bevölkerung sowohl in regionalen Sprachen als auch in Englisch und die enthusiastische Förderung der Universitäten zog ein steigendes Angebot an Ingenieuren und Ökonomen nach sich. 39 Als weitere positive Errungenschaft Nehrus und seiner Mitstreiter aus der Zeit des Freiheitskampfes wird gemeinhin anerkannt, dass die junge Republik nach innen und außen eine selbständige Politik betrieb und dass ihr eine Militärdiktatur erspart blieb, wie sie sich im benachbarten Pakistan etablierte.
Nach der Ermordung der Premierministerin Indira Gandhi im Jahre 1984, machte sich ihr Sohn Rajiv Gandhi an die Aufgabe, die bürokratisierte und verkrustete indische Wirtschaftsstruktur
aufzuweichen, indem er erste mutige Schritte zur Liberalisierung der staats- und binnenwirtschaftlich orientierten Industrie einleitete. Seine Reformen stehen im Mittelpunkt des folgenden Kapitels.
38 Vgl. Rieger, H. Chr.: Die Liberalisierung der Wirtschaft. In: Rothermund, Dietmar (Hrsg.): Indien - Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Umwelt. S. 523ff.
39 Jedoch konnte die planwirtschaftliche Wirtschaftspolitik der indischen Regierung das Angebot an qualifizierten Fachkräften nicht absorbieren, so dass viele Absolventen gezwungen waren ihre Chance im Ausland zu suchen. Es kam zum sogenannten „Brain drain“. Das diese Entwicklung langfristig wieder positiv zu bewerten ist zeigt z.B. Hunger, U.: Vom "brain drain" zum "brain gain". Migration, Netzwerkbildung und sozio-ökonomische Entwicklung: das Beispiel der indischen "Software-Migranten". In: IMIS-Beiträge, (2000) 16, S. 7 - 22 (IMIS = Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien).
Arbeit zitieren:
MA Christian Heinen, 2005, Indien in der technologischen Modernisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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