Inhalt
1. Einleitung
„Diplomaten“ als transnational mobile Menschen
1.1 Methoden
1.1.1 Datenerhebung
1.1.2 Datenanalyse
1.2. Färbung aus dem Heute
2. Hauptteil
2.1. Beruf „Diplomat“
2.1.1. Wie wird man „Diplomat“
2.1.2. Arbeit eines „Diplomaten“
2.1.2.1. Konsularische Tätigkeit
2.1.2.2. Protokoll und Konferenzmanagement
2.1.2.3. Verwaltung
2.2 Mobilität
2.2.1 Rotation
2.2.2 Der „verplante“ Diplomat
2.3 Der mitausreisendenEhegatte
2.3.1. Berufstätigkeit
2.3.2. Mit-machen statt selber-machen
2.4 Diplomatenleben jenseits der Arbeit
2.4.1. Soziale Kontakte
2.4.1.1. Kontaktpartner - Elite und Expatriates
2.4.1.2. Kontakte halten
2.4.2. Leben im Empfangsstaat
2.4.2.1. Sich einleben
2.4.2.2. Zeitliche Begrenzung
2.4.2.3. Rolle der Sprache
2.4.2.4. Politisches und gesellschaftliches Umfeld
2.5. Heimat - Anker oder Verlust?
2
3. Zusammenfassung -3.1. Diplomaten als Sub-Typus des Fremden 3.1.1. Diplomat = Fremder im Sinne von G. Simmel? 3.1.2. Diplomat = Kosmopolit? 3.1.3. Diplomat = Sojourner? 3.2. Ausblick 3.2.1. Ausweitung des Samples 3.2.2. Bedeutung des geographischen Raums 3.2.3. Institution Auswärtiges Amt und Organisationssoziologie 3.2.4. „transnationale Kultur“ der Diplomaten
Anlage:
I Literaturverzeichnis II Transkript 1 - Interview mit Clarissa III Transkript 2 - Interview mit Erk
3
1. Einleitung
Schon seit den Anfängen der Soziologie, seit Georg Simmels „Exkurs über den Fremden“ 1 , ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema des „Fremden“, des anderen, des Migranten zu beobachten.
Vor dem Hintergrund dieser soziologischen Tradition beschäftigt sich diese Arbeit mit einer Gruppe von Personen, die als Fremde in anderen Ländern lebt: den „Diplomaten“. Als „Diplomat“ soll hier nicht nur der Botschafter eines Landes, der die Interessen seiner Heimatregierung im Gastland vertritt, betrachtet werden, sondern vielmehr alle Mitarbeiter der auswärtigen Dienste eines Nationalstaates, die sich mit diplomatischer und konsularischer Tätigkeit im weiteren Sinne beschäftigen und sich in diesem Zusammenhang wiederholt außerhalb des Heimatlandes aufhalten.
Ziel dieser Untersuchung soll zunächst sein, einen Einblick in die Lebenswelt der „Diplomaten“ und in ihre Lebensläufe zu finden. Sie soll weiter zum besseren Verständnis der „diplomatischen“ Perspektive auf das Migrantenleben beitragen. Anschließend soll untersucht werden, ob und ggf. in wie weit „Diplomaten“ verschiedenen Typen des „Fremden“, mit denen die Soziologie sich bislang beschäftig hat, entsprechen oder ob sie ggf. einen eigenen Typus bilden.
1.1. Methoden
1.1.1. Datenerhebung
Um Zugang zur Lebenswelt von Diplomaten zu erhalten, kamen hier im Rahmen biographischer Forschung im Sinne von Fuchs-Heinritz 2 Diplomaten zunächst selbst zu Wort. Zu diesem Zweck wurden zwei Interviews nach der von Fritz Schütze vorgeschlagenen narrativen Methode 3 durchgeführt.
Als Interviewpartner wurde ein Ehepaar, hier: Erk und Clarissa, ausgewählt, das in den vergangenen dreißig Jahren für das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland tätig war und inzwischen am Ende der Berufslaufbahn steht.
1 Simmel G. „Exkurs über den Fremden“ (1900) abgedruckt in: Merz-Benz/Wagner (Hrsg.) „Der Fremde als
sozialer Typus“, S. 47-53, Konstanz, 2002
2 Fuchs-Heinritz, W., Biographische Forschung - Eine Einführung in Praxis und Methoden“, S. 9, 3. Aufl., Hagen
2005
3 Schütze F. „Das narrative Interview in Interaktionsfeldstudien I“, Kurs 3757 der FernUniversität Hagen, 1987
4
Erk ist im gehobenen Dienst des Auswärtigen Amtes tätig gewesen, also auf der sich vorwiegend mit Rechts- und Konsularaufgaben und Verwaltung beschäftigenden Ebene unterhalb von Referenten, Botschaftern und Generalkonsuln. Seine Ehefrau Clarissa hat ihn als mitausreisende Ehefrau bei den Auslandsaufenthalten begleitet und war zeitweise ebenfalls beim Auswärtigen Amt, vor allem im Sekretariatsdienst, angestellt.
Als Auswahlkriterium für die Interviewpartner waren die Zugehörigkeit zu einem auswärtigen Dienst und eine langjährige Tätigkeit als Diplomat im Ausland relevant. Da die Interviewerin selbst dem deutschen Auswärtigen Dienst als Mitarbeiterin des gehobenen Dienstes angehört, wurde auf eine möglichst große persönliche Distanz zu und geringes Vorwissen über die Interviewpartner geachtet. Auch die Zugehörigkeit zu einer anderen Altersgruppe sollte die Distanz zwischen Interviewerin und Interviewten sicherstellen.
Die Erzählaufforderung für die narrativen Interviews lehnte sich eng an die von Rosenthal vorgeschlagene Formulierung, wie zitiert bei Fuchs-Heinritz 4 , an. Eingangs wurde den Interviewten der Hinweis gegeben, dass im Mittelpunkt der Untersuchung Menschen stehen, die im Ausland leben. Es wurde bewusst nicht konkret auf den Bereich der auswärtigen Dienste/Diplomaten hingewiesen. Im Anschluss an die Eingangserzählung wurden den Interviewten Nachfragen gestellt. Ziel bei den Nachfragen war, wie schon bei der Eingangsaufforderung, erzählstimulierende Fragen zu stellen und somit die Interviewpartner in einen weiteren Erzählfluss zu bringen und so weitere relevante Bereiche zu erschließen. Die durch das Interview erhaltenen Lebensgeschichten sollen im Rahmen dieser Arbeit dienen „als Ausgangsmaterial für einen Interpretationsschritt, der in ihnen grundlegende Strukturen aufdecken will - Identitätskonstellationen und ihre Wandlungen, basale Orientierungsmuster in der Lebenswelt, Deutungssystem von der Sozialwelt und vom Ich daran, Ablaufstrukturen beruflicher und anderer Karrieren, Entstehung und Veränderung gesellschaftlichen Bewusstseins bei einzelnen Sozialgruppen.“ 5
Das heißt kurz gesagt, durch Auswertung der erhaltenen Interviews soll die Lebenswelt von Diplomaten aufgedeckt werden.
4 Fuchs-Heinritz, W., Biographische Forschung - Eine Einführung in Praxis und Methoden“, S. 267 f, 3. Aufl.,
Hagen 2005
5 Fuchs-Heinritz, W., Biographische Forschung - Eine Einführung in Praxis und Methoden“, S. 146, 3. Aufl., Hagen
2005
5
1.1.2. Datenanalyse
Die Auswertung des erlangten Datenmaterials erfolgte in Anlehnung an die von Fischer/Rosenthal vorgeschlagenen Arbeitsschritte 6 . Zunächst wurde versucht, einen Überblick über die biographischen Daten der Interviewten zur erhalten. Durch intensive Text- und thematische Feldanalyse, welche eine Segmentierung und Sequenzanalyse beinhaltete, wurde untersucht, in welcher Art und Weise die Darstellung der Lebensgeschichte durch die Autobiographen erfolgt. Anschließend wurde die jeweilige Fallgeschichte rekonstruiert und es wurde versucht, die tatsächlich erlebte Lebensgeschichte zu entschlüsseln. Nach einem Überblick über die jeweils gesamte Lebensgeschichte, wurden einzelne Textstellen ausgewählt und einer Feinanalyse unterzogen. Im Hinblick darauf, dass es sich bei den Interviewten um ein Ehepaar handelt, das den Lebensabschnitt innerhalb des auswärtigen Dienstes gemeinsam verbracht hat, wurden die Interviewtexte der beiden Autobiographen dann nebeneinander gestellt. Es wurde untersucht, in wie weit sich die geschilderte Lebensgeschichten decken und ob bzw. wo es Diskrepanzen gibt. Abschließend wurden die erzählten Lebensgeschichten mit den erlebten kontrastiert. Es wurde in diesem Zusammenhang untersucht, welche Funktion etwaige Abweichungen für die Autobiographen haben und warum sie diese Art der Präsentation wählen.
Die von Fischer/Rosenthal als Ergebnis der biographischen Forschung angestrebte Typenbildung könnte im Rahmen dieser Hausarbeit im Hinblick auf die geringe Anzahl des Samples von nur zwei Fällen nur unzureichend erreicht werden.
Es wird daher alternativ versucht, den erforschten „Typ des Diplomaten“ mit „klassischen“ Typen des Fremden bzw. des Migranten in der Soziologie - nach Simmel 7 , Siu 8 , Hannerz 9 - in Relation zu setzen.
1.2. Färbung aus dem Heute
Besonders erwähnt werden soll bereits hier der Standpunkt und die Perspektive aus der die Interviewpartner ihre Lebensgeschichte schildern.
Zum Zeitpunkt des Interviews hat Erk seine reguläre Berufslaufbahn bereits abgeschlossen. Er ist seit mehreren Jahren in Pension. Allerdings hat er sich noch nicht ganz zur Ruhe gesetzt.
6 Fischer W. / Rosenthal G: „Narrationsanalyse biographischer Selbstpräsentation“, S. 152 ff, in Hitzler/Honer
(Hrsg.) „Sozialwissenschafltiche Hermeneutik“, UTB, 1997
7 Simmel G. a.a.O.
8 Siu P.. „Der Gastarbeiter“ (1952) abgedruckt in: Merz-Benz/Wagner (Hrsg.) „Der Fremde als sozialer Typus“, S.
111-137, Konstanz, 2002
9 Hannerz U. „Kosmopoliten und Sesshafte in der Weltkultur“ (1990) abgedruckt in: Merz-Benz/Wagner (Hrsg.)
„Der Fremde als sozialer Typus“, S. 139-161, Konstanz, 2002
6
Er stellt sich dem Auswärtigen Amt für Abordnungen von mehreren Wochen oder Monaten zur Verfügung. Clarissa begleitet ihn, wie während des regulären Berufslebens, auf die Einsätze. Das Interview wurde während einer dieser Abordnungen im Ausland geführt. Zum Zeitpunkt des Interviews wissen Erk und Clarissa nicht, ob auf den aktuellen Einsatz noch weitere Aufgaben im auswärtigen Dienst folgen werden. Sie befinden sich quasi in einer Art Moratorium, währenddessen sie den tatsächlichen Ruhestand durch weitere freiwillige Einsätze herauszögern. Angemerkt werden soll hier auch, dass Erk im Rahmen zumindest des Einsatzes zum Zeitpunkt des Interviews weder inhaltlich noch statusmäßig die Tätigkeit ausüben konnte oder die Position innehatte, aus welcher er in Pension gegangen war.
Erk und Clarissa blicken bei der Schilderung ihrer Lebensgeschichte auf ein quasi abgeschlossenes Berufsleben im Auswärtigen Dienst zurück. Ihre Erzählung ist aus dieser Situation in der Gegenwart und des retrospektiven Blickes gefärbt. 10
2. Hauptteil
2.1. Beruf „Diplomat“
Nach Eickelpasch/Rademacher dient in unserer Gesellschaft „der Beruf als Identitätsschablone, mit deren Hilfe wir uns selbst unserer Umwelt präsentieren und andere Menschen bzgl. Einkommen, Ansehen, Sozialkontakten, Interessen, Lebensstil und Geschmack taxieren. Arbeitgenauer Erwerbsarbeit - ist für die Menschen in der Industriegesellschaft zum Rückrat ihrer gesamten Lebensführung geworden.“ 11 1.
Im Hinblick auf diese herausragende Bedeutung von Beruf und Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft soll daher zunächst untersucht werden, wie sich der Beruf des „Diplomaten“ darstellt.
2.1.1. Wie wird man Diplomat?
Die Interviewpartner gehen in ihren Erzählungen beide ausdrücklich auf ihre Herkunftsgeschichte und die Bewerbung für die Tätigkeit beim Auswärtigen Amt ein. Dies deutet darauf hin, dass die Berufswahl „Diplomat“ für sie keine Selbstverständlichkeit darstellt. Erk zieht aus seiner ursprünglichen Heimat, einer ostfriesischen Insel, aufgrund mangelnder Berufsaussichten fort. Über seine Tätigkeit während seiner ersten Ausbildung im Bereich des Außenhandels kommt er erstmals mit fernen Ländern in Berührung.
10 Vgl. Fuchs-Heinritz, W., Biographische Forschung - Eine Einführung in Praxis und Methoden“, S. 53, 3. Aufl.,
Hagen 2005
11 Eickelpasch R./Rademacher C. „Identität“, S. 30, Bielefeld 2004
7
Sein Interesse an Auslandsreisen wird geweckt, seine Perspektive erhält eine globale Ausrichtung. Aber nach diesem ersten Interesse am Ausland macht Erk erst noch einen Umweg über die Bundeswehr, bevor er sich beim Auswärtigen Amt bewirbt. Clarissa kommt durch ihren Wohnort bei Bonn am Ende der Schulzeit wohl schon früh mit dem Auswärtigen Amt als potentiellem Arbeitgeber in Berührung. Sie ist aber zunächst bei anderen Arbeitgebern - dem Verteidigungsministerium, der Deutschen Welle, bei der Dynamit AGbeschäftigt.
Der Zugang zum Auswärtigen Dienst wird von beiden als nicht ganz einfach dargestellt: Eingangsprüfungen musste Erk bestehen, einen Auswahlwettbewerb durchlaufen. Erk erinnert sich, dass diese Prüfungen „so eine Woche“ gedauert haben.
Aber auch nach dem Bestehen der Aufnahmeprüfungen ist man noch kein fertiger Diplomat. Clarissa erzählt, Erk habe „nochmal angefangen zu studieren“. Er selbst erwähnt seine Ausbildungszeit in Bonn, die ein „bisschen chaotisch“ gewesen sei und geht näher auf sein Auslandspraktikum, welches Teil der Ausbildung war, ein. Im Rahmen dieses Praktikums hat Erk auch Französisch lernen müssen und hierzu die Universität besucht. Auffällig ist, dass sowohl Erk wie auch Clarissa die Ausbildung im Auswärtigen Amt als Studium bezeichnen und besonders den Besuch der Universität während des Auslandspraktikums hervorheben. Da Erk im gehobenen Dienst des Auswärtigen Amtes tätig ist, war für ihn ein Hochschulstudium weder Einstellungsvoraussetzung noch Teil der Ausbildung. Heute stellt die dreijährige Ausbildung der Mitarbeiter des gehobenen Dienstes des deutschen Auswärtigen Amtes ein Fachhochschulstudium an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Auswärtige Angelegenheiten, dar, das mit einem Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt (FH) endet. 12 Die Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung wurde jedoch erst im Jahr 1979 gegründet. Erst 1976 wurde entschieden, die Ausbildung der Beamten des deutschen gehobenen Dienstes im Rahmen eines Fachhochschulstudiums durchzuführen. 13 Als Erk Anfang der 70’er Jahre beim Auswärtigen Amt seine Ausbildung begann, hatte diese noch nicht den Status eines Fachhochschulstudiums. Erk und Clarissa stellen also die Ausbildung zum „Diplomaten“ bzw. des gehobenen Beamten des deutschen Auswärtigen Amtes auf eine akademisch höhere Ebene, als ihr tatsächlich zukam. Erst nach dieser speziellen Ausbildung innerhalb des Auswärtigen Amtes wird Erk als Diplomat ins Ausland entsandt und nimmt seine Berufslaufbahn auf.
12 http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/AAmt/AusbildungKarriere/AA-
Taetigkeit/GehobenerDienst/Ausbildung.html (13.08.2006)
13 http://www.fhbund.de/nn_15450/DE/04__FH__Bund/65__Geschichte/geschichte__node.html__nnn=true
8
2.1.2. Die Arbeit eines Diplomaten
Von den Inhalten der beruflichen Tätigkeit eines Diplomaten berichtet uns vor allem Erk, der ja der voll berufstätige Partner bei dem hier interviewten Ehepaar ist. Seine Ehefrau Clarissa berichtet weder von den Inhalten ihrer eigenen Tätigkeit noch von den Berufsinhalten ihres Ehemannes Einzelheiten. Sie erwähnt lediglich an einigen Stellen, die bloße Tatsache ihrer eigenen Berufsausübung und sie benennt Posten und Funktionen, die ihr Mann ausgeübt hat.
2.1.2.1. Konsularische Tätigkeit
Erk berichtet uns zunächst über seine Tätigkeit als Konsularbeamter. Er wählt als Beispiele, die er detailliert schildert, die Durchführung von Konsularsprechtagen in der Karibik und die Bearbeitung von Sozialhilfeangelegenheiten in Argentinien. In beiden Fällen handelt es sich also um die bürgernahe Betreuung deutscher Staatsangehöriger, die aus unterschiedlichen Gründen im Ausland leben. Über seine konsularische Tätigkeit in den Visastellen im sozialistischen Ausland erzählt Erk wenig. Er erwähnt diesbezüglich nur die extreme Arbeitsintensität an diesen Posten; man hatte „irrsinnig viele Sichtvermerksbewerber da zu bewältigen“.
2.1.2.2. Protokoll und Konferenzmanagement
Während seines anschließenden 8-jährigen Inlandsaufenthaltes war Erk im Protokoll des Auswärtigen Amtes tätig, wo er mit seinen Kollegen „die Reisen für den Bundespräsidenten, den Bundeskanzler und den Bundesaußenminister im Ausland vorbereiteten und im inneren Bereich äh vom Premierminister äh Staatspräsidenten und Außenminister, die reisten dann durch die Bundesrepublik, ebenfalls betreuten.“
Auch bezüglich seiner Tätigkeiten nach der Pensionierung erzählt Erk von der Mitarbeit im Konferenzmanagement und seiner protokollarischen Mitwirkung bei der Vorbereitung des Besuchs des Bundespräsidenten in Luxemburg.
2.1.2.3. Verwaltungstätigkeit
Zu den beiden letzten Aufgabenbereichen seiner regulären Berufslaufbahn gibt uns Erk keine detaillierten Hinweise auf die Inhalte seiner Tätigkeit. Nur über Clarissa und eine kurze Erwähnung von Erk im Nachfrageteil des Interviews erfahren wir, dass Erk als Kanzler auf diesen Posten (LA1(2) und EU2) tätig war.
9
Er übte also eine herausgehobene Tätigkeit im Verwaltungsbereich der Botschaften aus, die gewöhnlich das Karriereziel für die Beamten des deutschen gehobenen Dienstes im Auswärtigen Amt darstellt. 14 Inhaltlich scheint dieses Karriereziel für Erk uninteressant gewesen zu sein, zumindest gibt es nichts, was er der Interviewerin hierzu mitteilen möchte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Erk detailliert und ausführlich über seine bürgernahen und eher ungewöhnlichen Aufgaben in Lateinamerika sowie über die elitäre Tätigkeit im Protokoll Auskunft gibt. Das arbeitsintensive Visageschäft und die Tätigkeit in der Verwaltung sind für ihn nicht berichtenswert.
2.2. Mobilität
Erk und Clarissa erzählen von ihren Aufenthalten und ihrer Berufstätigkeit an zahlreichen unterschiedlichen Orten. Ihr Leben stellt sich als von Mobilität geprägt dar. Das Umziehen ist ein selbstverständlicher und repetitiver Teil ihres Diplomatenlebens, wie man aus Erks Aussagen erkennen kann: „Und, emh, Umzug wieder eingepackt, alles wieder fertig gemacht, und nach .. [MOE1], nach [MOE-Stadt1].“
Clark beschreibt die Mobilität von Diplomaten in seinem Buch verallgemeinernd wie folgt „Moving, settling for a few years, absorbing a new culture and environment, making new friends, and then moving on again is the constant reality of being a diplomat.” 15 Und Niedner-Kalthoff fasst zusammen: „Jeder einzelne Diplomat wechselt (rotiert) im Laufe seines Berufslebens viele Male von Posten zu Posten, begibt sich an immer neue geographischkulturell definierte Orte und übernimmt immer neue thematisch-strukturell definierte Aufgaben …“ 16
2.2.1. Rotation
Erk und Clarissa rotieren innerhalb ihres Berufslebens im Auswärtigen Amt zwischen verschiedenen Auslandsposten und der Zentrale in Deutschland. Die inhaltlich diversen Aufgaben, die Erk wahrnimmt, wurden schon unter Punkt 2.1.2 näher vorgestellt. In geographischer Hinsicht changieren die Aufenthaltsorte zwischen Lateinamerika und Mittelost-Europa, dazu kommt ein 8-jähriger Aufenthalt in Deutschland.
14 Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/AAmt/AusbildungKarriere/AA-
Taetigkeit/GehobenerDienst/Kernaufgaben.html (13.08.2006)
15 Clarc, Eric, Corps Diplomatique, S. 79, London 1973
16 Niedner Kalthoff a.a.O. S. 29
10
Es handelt sich nicht um eine tatsächlich weltweite Mobilität. Erk erwähnt selbst, dass er nie bis nach Asien gekommen ist: „Aber wir haben das nie … geschafft so .. in den asiatischen Raum. Waren auch gar nicht so dran interessiert in den asiatischen Raum zu gehen.“ Es fragt sich nun, in welchen Abständen der Wechsel der Aufenthaltsorte und Tätigkeitsfelder stattfindet. Das Auswärtige Amt beschreibt in den Bewerberinformationen für den gehobenen Dienst den Mobilitätsrhythmus wie folgt: „Sie werden in der Regel alle vier Jahre Ihren Dienstort und damit auch Ihre Tätigkeit wechseln. Insgesamt werden Sie ca. zwei Drittel Ihres Berufslebens im Ausland verbringen, die restliche Zeit entfällt auf Verwendungen in der Zentrale des Auswärtigen Amts in Berlin.“ 17
Erk und Clarissa erklären diesen Rotationsrhythmus nicht ausdrücklich. Erk scheint ihn jedoch als bekannt vorauszusetzen.
Bei jeder Abweichung von diesem Rhythmus, erläutert Erk ausführlich die Gründe hierfür. Er rechtfertigt sich quasi für die Nichteinhaltung der üblichen Routine. So erzählt er, dass er bereits nach zwei Jahren aus LA2-Stadt abgezogen wurde, da eine Inspektion im Rahmen von Maßnahmen zur Verwaltungsrationalisierung eine Stellenkürzung angeordnet hatte. Oder in Zusammenhang mit seinem Inlandsaufenthalt berichtet er: „Das habe ich dann vier Jahre langnein, stimmt gar nicht, acht Jahre lang gemacht. Man fragte mich schon immer, ob ich irgendwas ausgefressen hätte, dass ich immer noch in Deutschland säße, und ich müsste doch, und nach vier Jahren, da müsste man doch wieder raus und so weiter.“ Die Kollegen im Auswärtigen Amt reagieren anscheinend mit Unverständnis auf seine Verlängerung der Inlandsstandzeit, sein Durchbrechen des 4-jährigen Rotationsrhythmus. Und auch Erk selbst verhaspelt sich zunächst, und geht bei der Schilderung seines Inlandspostens zunächst von einer 4-jährigen Standzeit aus, die er dann korrigiert.
Über die Gründe der beständigen Rotation erfahren wir in den Interviews von Erk und Clarissa nichts. Sie akzeptieren sie anscheinend als Teil des Berufslebens und müssen sie nicht erst erläutern.
Clark erklärt die regelmäßigen Versetzungen von Diplomaten damit, dass „it is accepted that a diplomat’s worth in a country increases for a number of years - and then declines, sometimes sharply. One reason is that the diplomat gets too out of touch with his own country. There is also a tendency after a time for the diplomat to become too emotionally involved with the country in which he works.” 18
17 Information des Auswärtigen Amtes für Bewerber zum gehobenen Dienst unter http://www.auswaertiges-
amt.de/diplo/de/AAmt/AusbildungKarriere/AA-Taetigkeit/GehobenerDienst/Kernaufgaben.html (08.08.2006)
18 Clark, Eric, Corps Diplomatique, S. 85, London 1973
11
2.2.2. Der „verplante“ Diplomat
In der Erzählung von Erk fällt auf, dass er zwischen der Schilderung der jeweiligen Abschnitte seines Berufslebens immer wieder auf den Prozess der Versetzungsentscheidung eingeht. Die Entscheidungsphase für einen neuen Posten scheint für ihn besondere Relevanz zu haben. In diesen Schilderungen kommt zum Ausdruck, dass Erk nicht selbständig über den neuen Posten entscheidet, sondern dass der „Planer“, der zuständige Beamte in der Personalabteilung des Auswärtigen Amtes, über ihn entscheidet.
Bereits bei seinem ersten Posten erfährt Erk, dass für ihn keine Planungssicherheit besteht. Nachdem er eine Vorankündigung für Kuba gehabt hatte, erlebt er folgendes: „Nachdem ich mir das Material oder Unterlagen über Kuba besorgt hatte und wieder zu meinem Planer ging, sachte der, also, sie sind ja jetzt vorgesehen für [LA2]. Und da kam ich, sach, jetzt hab ich mir doch das ganze Material für Kuba besorgt. Meinte er, dass sei nich weiter schlimm, das sei ja die Nachbarinsel, und das ist alles so ähnlich, ich sollte mir mal keine Gedanken machen, und es geht jetzt definitiv nach [LA2].“
Niedner-Kalthoff bestätigt in ihrer Studie diese Erfahrung auch anderer Diplomaten, dass „für den der rotiert, keine Entsendungsentscheidung, kein Zielort gewiss ist, bis er vor Ort angekommen ist“ 19
Im Interview schildert Erk aber auch, dass er sich auf Posten bewerben und Wünsche angeben kann, die dann gegebenenfalls berücksichtigt werden:
„Und nach diesen acht Jahren habe ich mich dann mal beworben nach für Madrid, für[LA1(2)] - und der dritte Ort ist mir abhanden gekommen. Jedenfalls teilte man mir unbürokratisch mit, ich kam gerade von einer Reise nach Bangkog ich sollte mich mal beim Gesundheitsdienst melden. Und der zuständige Arzt sachte dann, sie werden also jetzt nach [LA1(2)] versetzt.“
Während für Erk die Bewerbung für, die Planung des nächsten Postens relevant zu sein scheint, wie man an seinen ausführlichen Schilderungen des Prozederes und seiner Erfahrungen in diesem Zusammenhang sieht, fällt auf, dass Clarissa hierauf nicht eingeht. Sie beginnt ihre Schilderungen jeweils an einem bestimmten Posten. Wie sie dort hinkam und wer die Entscheidung hierüber getroffen hat, wird von ihr nicht dargestellt. Es ist davon auszugehen, dass sie als mitausreisende Ehefrau auf die Auswahl der Posten noch weniger Einfluss hatte, als ihr berufstätiger Ehemann.
19 Niedner-Kalthoff a.a.O. S. 34
12
Arbeit zitieren:
Claudia Hüppmeier, 2006, Untersuchung der Biographischen Erfahrung von Mitarbeitern und Ehegatten im Auswaertigen Dienst am Beispiel eines Ehepaars, München, GRIN Verlag GmbH
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