Als hätte Thomas Mann diese Zeilen von Aristoteles gleich einem Serres’schen Parasiten abgeschrieben 1 , und nicht nur er. Enthält doch das Zitat Bilder und Analogien, die sich leicht in Heideggers Sein und Zeit 2 und Aristoteles’ Physik fast wortwörtlich wiederfinden lassen.
1 Serres 1987. Vgl. zum Rauschen des Abschreibens S.26 und Eigenschaften eines solchen
parasitären Abschreibers S.389. Eine grafische Darstellung dieses Abschreibeprozesses als
Parasitenkaskade findet sich in: Kloock 2000, 234.
2 Heidegger 1984, 417.
3
Die Schriften von Anaximander über Parmenides bis Aristoteles markieren als Text Überliefertes den sogenannten Beginn unserer abendländischen Philosophie. Mit sogenannt meine ich Hei-deggers Überzeugung in Sein und Zeit, daß wenn ein philosophisches Denken mit dem Spruch des Anaximander begann, so endete dieses Denken schlech-terdings auf dem Höhepunkt, mit den Schriften Aristoteles’, in einer daseins-mäßigen geschicklichen Seinsvergessenheit.
Anaximander:
Woraus aber die Dinge ihre Entstehung haben, darein finde auch ihr Untergang statt, gemäß der Schuldigkeit. Denn sie leisten einander Sühne und Buße für ihre Ungerechtigkeit, gemäß der Verordnung der Zeit. 3
Wenn jedoch diese Schriften entscheidend waren für das Herausbilden philosphisch-wissenschaftlicher Disziplinen überhaupt, getrennt von reiner Geschichtsschreibung, dann läßt sich eine wichtige Veränderung in der Struktur des Denkens beobachten: die oft strapazierte Formel des Übergang des Denkens im µυϑος zum Denken als λόγος in der Blütezeit der Attischen Philosophie als Nachfolge der Schriften der Milesier und Ionier, wobei Toulmin diesen Übergang beschreibt als Theorienbildung in rationalen Mythen. Als signifikant für diesen Übergang scheint mir die in verschiedenen Diskursen beschriebene Urszene des Zeitpunktes der Gewahrwerdung eines Verstandes in einem ersten Gedanken ― im ersten Worte ― als ursprüngliche Einheit von Selbsterkenntnis und Selbstoffenbarung in geworfene Freiheit. Aristoteles beschrieb sie unter anderem in seiner Metaphysik. 4 Und daß dieses Mysterium, diese Urszene, eine der wohl metaphysischsten überhaupt zu denkende darstellt, liegt wohl in der Tatsache, daß wir sie uns schlechterdings nicht vorstellen können. Zum einen können wir Bewußtsein nur denken als Gedanke
3 Moritz 1988, Bd.1, 113.
4 Aristoteles 1907, 173.
4
oder Vorstellung, zum anderen können wir uns keinen Gedanken vorstellen, der nicht schon Wort ist ― ad infinitum. Das Mysterium der ersten bewußten Vorstellung im Denken als Wort blieb, durch alle Paradigmen der abendländischen Philosophie hindurch gleich einem Grabmal bestehen, schweigend anwesend im Sprechen der Sprache.
Die Thora beschreibt diese Urszene als Herausfall aus dem Paradies gleichbedeutend dem Moment der ersten Erfahrung eines Ich aus dem Spiegel, dem Wurf in das Selbst-Bewußtsein als Einheit von Selbsterkenntnis und Selbstoffenbarung. Die gleichzeitige Gewahrwerdung von eigener Lebens-zeit in der Zeit war mithin das erste Trauma des Menschen überhaupt, in dem der Mensch herausfiel aus der Natur, aus der nicht zeitigenden Ewigkeit des Paradieses. Der Tod, die Vergänglichkeit traten in die im Hier und Jetzt geborene Zeit des Menschen 5 . Es entsteht eine Dualität der Fließrichtung der Zeit des zum handelnden Subjekt hin und von ihm weg. Damit wurde das erste Symbol der Menschheit das Grab, das erste Zeichen das Grabmal. Von nun an bedurfte der Mensch zwei Dinge zu überleben, zum ertragen seiner eksistentiellen Geworfenheit: Struktur und Beziehung, und dies vor allem als Zeit und Mythos. Das besprochene Mysterium, die nicht profanisierbare hei-lige Urszene der Metaphysik, wird in den modernen Philosophien, explizit im Strukturalismus und Poststrukturalismus nach Saussure und Derrida, das erste Band zwischen Bedeutung tragenden Signifikaten und der Lautmasse (parole) der Signifikanten genannt. 6
5 Vgl. Dux 1992, 189.
6 Vgl. Derrida 1983, 63 und 70.
5
Die späte Attische Philosophie markiert den Übergang der Schriften des Alten zum Neuen Testament als Entfernen vom Denken ewig kreisend gedachten Zeitzyklen in Mythen und Riten 7 . Als möglichen interpretatorischen Hinweis in den Briefen des heiligen Apostel Paulus, geschrieben 50 bis 64 n.Chr., verließ die Zeit den Kreis und wurde zur geraden Linie. Als ein Abschreiben und Aufschreiben der gehörten und erlebten Geschichten tren-nte er Vergangenheit und Zukunft eben in ein nicht wiederkehrend Vergang-enes und in völlig unwissbare Zukunft, wobei die Sakramente ihren Charak-ter der synchronen Hier-und-Jetzt-Erfahrung des presens in absentia bis heute beibehielten. Als reine Geschichtsschreiber waren allerdings schon Hekataios, Herodot und Diodor unterwegs. Insgesamt läßt sich sagen: Der Beginn unseres christlichen Abendlandes gebar die Idee des Zeitpfeils einer in die Zukunft gerichteten christlich-teleologischen Eschatologie in der Wieder-erwartung Jesu Christi, Gottes Sohn. Handlungslogisch (Dux) existiert dieser Zeitpfeil strukturell anfänglich jedoch schon mit dem oben erwähnten Texten der Thora als Beginn der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte, in der alles Handeln Gottes eine Handlungsabsicht JelóV in Bezug auf das erwählte Volk Jakobs zu denken sei. Dieser Zeitpfeil entspräche jedoch keiner Historie oder Chronologie sondern eben einer Teleologie oder eher Eschatologie!
Wenn mit dem Tod die Zeit der Menschen Schicksal wurde, so ist er das bis heute, der Epoche eines human genom project und eines Craig Venters, der letzte zu besiegende Feind. Als letzten Feind erkannte den Tod schon jener Geschichten schreibende Paulus im seinem ersten Brief an die Korinther 15, 26:
7 Vgl. Dux 1992, 201f.
Arbeit zitieren:
Dr. des. Robert Dennhardt, 2000, Über das ZeitDenken - Aristoteles' Physik der Metaphysik, München, GRIN Verlag GmbH
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