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Die Romanze „A mis soledades voy“ ist nicht nur das vielleicht bekannteste poetische Werk Lope de Vegas, nach der Ansicht zahlreicher Philologen gehört sie auch zum engsten Kreis seiner besten Gedichte. 1 Für ihre Qualität spricht auch die bis heute anhaltende Popularität der Romanze. 2 Sie findet sich im 1. Akt des Lesedramas /D'RURWHD, jenem Werk, das Edward
Morby als „las [sic!] más rica y meditada de sus [Lopes] obras, la más compleja (...)“ 3 bezeichnet. Fernando, Lopes DOWHUHJR singt sie bei seinem ersten Auftritt für seinen Kameraden
Julio, nachdem er sie mit den Worten „Oye un romance de Lope“ 4 angekündigt hat. Das genaue Entstehungsdatum des Gedichtes ist nicht bekannt, lässt sich aber auf den Zeitraum von 1628 bis zum erscheinen der 'RURWHD1632 eingrenzen. 5
Viele der besten Kenner des spanischen Barocks haben während der letzten 70 Jahre Deutungen des Gedichtes verfasst. Und großen Unterscheide zwischen diesen Deutungen sprechen nicht etwas für die Ignoranz einiger Interpreten, sondern vor allem für die literarische Qualität des Werkes. Die Interpretationen reichen von Vossler und Spitzer, die einen mystischen Charakter in dem Gedicht sehen, über Fichter und Sánchez y Escribano, die dieser Interpretation entschieden widersprechen, bis in die heutige Zeit: Antonio Carreño hat vielleicht die sorgfältigste Arbeit über die Semantische Struktur des Gedichtes vorgelegt. Ähnlich wie A.S. Trueblood betont er die Gegensatzstruktur und die Spannungen in der Romanze, die den Zwiespalt zwischen KRPRVRFLXV und KRPRVROXV ausdrücken. Francisco Ávila fügte einen
neuen Aspekt hinzu, indem er einen Teil des Gedichtes als Angriff auf den Lope Kritiker Pellicer darstellt. Erst 1998 wurden von G. Serés zum ersten Mal die philosophischen, neostoischen Hintergründe ausführlich beleuchtet. Alle erwähnten Autoren sind sich der früheren Studien bewusst. Mit der Ausnahme von Fichter verstehen sie ihre Deutung jeweils als Ergänzung der vorhandenen Arbeiten. So ist ein sehr vielfältiges Spektrum von Deutungen ent-standen, die nur in ihrer Gesamtheit dem Gedicht gerecht werden können. Allerdings stehen diese Interpretationen unverbunden nebeneinander, es gibt keinen Versuch einer umfassenden Interpretation der Romanze. Diese Arbeit wird versuchen, eine solche Deutung vorzunehmen. Mit der Bezeichnung „umfassend“ soll hier kein endgültiger Vollständigkeitsanspruch erho- 1 Vgl.für viele andere Guillermo Serés, „ ’A mis soledades voy...’. Fuentes Remotas y Motivos Principales“ , in: Anuario Lope de Vega IV (1998), S. 327-337, S. 327.
2 So findet es sich z.B. auf vielen privaten Webseiten, wie z.B. www.rjgeib.com/thoughts/vega/vega.html oder members.tripod.com/Heron5/anto/amisole.htm .
3 Edwin S. Morby, „ Introducción“ , in: Lope Felix de Vega Carpio, /D'RURWHD,Edición, introducción y notas de Edwin S. Morby, Madrid 1980, S. 9.
4 Lope de Vega, La Dorotea, S. 87.
5 In V. 55-56 nimmt Lope Bezug auf die Abwertung des Kupfergeldes im August 1628, vgl. die Anmerkung in:
Lope Felix de Vega Carpio, 5LPDV+XPDQDV\2WURV9HUVRVEdición y estudio preliminar de A. Carreño, Barce-
lona 1998. Alle Zitate und Versangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe von $PLVVROHGDGHVYR\
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ben werden. Unter „ umfassend“ soll vielmehr verstanden werden, dass alle dem Autor bekannten bis heute erschienen Interpretationsansätze einbezogen werden. Dieses Vorhaben bringt zahlreiche Schwierigkeiten mit sich, trotzdem erscheint es aus zwei Gründen als lohenswert. Zum einen hilft es Widersprüche zwischen den verschiedenen Deutungen aufzudecken, zum anderen finden sich die verschiedenen Themen ja nicht völlig getrennt voneinander in dem Gedicht. Die umfassende Interpretation erlaubt es, auch die Auswahl der Themen und ihre Verknüpfung in die Deutung mit einzubeziehen und so zu einem eigenständigen, z.T. neuen Verständnis des Werkes zu gelangen.
Für diese Arbeit ergibt sich daraus folgendes Vorgehen. Zunächst sollen die verschiednen Interpretationen kritisch dargestellt und diskutiert werden. Dabei werden zunächst jene Interpretationen behandelt, die den Gedanken der Selbstreflektion und Gesellschaftskritik besonders stark in den Vordergrund rücken, die Ansätze von Fichter/Sánchez y Escribano (1.1), Trueblood (1.2) und Ávila (1.3). Im zweiten Teil werden die stärker philosophisch orientierten Interpretationen von Carreño (2.1) und Serés (2.2) behandelt. Dabei wird die Verarbeitung des Neostoizismus besonders ausführlich behandelt, da sich hierzu in der Literatur kaum konkrete Bezüge finden. In einem dritten Teil werden die verschiedenen Deutungen miteinander Verbunden. Zunnächst werden die Hauptthemen der Romanze aus den Interpretationen zusammengefasst (3.1). Aus dem Verhältnis der drei Hauptthemen wird eine neue, stark philosophisch geprägte Interpretation gewonnen(3.2). 6HOEVWUHIOHNWLRQXQG*HVHOOVFKDIWVNULWLN'LH,QWHUSUHWDWLRQHQYRQ )LFKWHU6iQFKH]\(VFULEDQR7UXHEORRGXQGÈYLOD
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Fichter und Sánchez y Escribano widersprechen mit ihrer Interpretation einem sieben Jahre älteren Artikel von Leo Spitzer, in dem er die Romanze im Kontext einer mystischbukolischen Tradition betrachtete. 6 Während Spitzer die Wurzeln des Gedichtes in einem Werk von Raimundus Lullus sieht, behaupten Fichter und Sánchez y Escribano eine Kombination aus zwei Gedichten sei Lopes Inspiration gewesen: Zum einen ein altes FDQWDUFLOOR,
beginnend mit den Versen „ A la villa voy, de la villa vengo“ , zum anderen eine Ballade die Lope selbst zugeschrieben wird. In ihr beklagt der Autor die Übel des Madrider Lebens um sich dann, ähnlich wie in „ A mis soledades voy“ , in die Einsamkeit zu flüchten. 7
6 Spitzers Interpretation „ A mis soledades voy“ , in: RFE, XXIII (1936) S. 397-400, heute von den meisten Auto-
ren abgelehnt (so etwa Antonio Carreño, (O5RPDQFHUROtULFRGH/RSHGH9HJDMadrid 1979, FN 51). Aus diesem Grund wird auf eine nähre Darstellung seiner auf der Arbeit von Vossler aufbauenden Ausführungen
verzichtet.
7 Vgl. William Fichter/ F. Sánchez y Escribano, „ The Origin and Character of Lope de Vega’ s $0LV6ROHGDGHV
9R\´in: +LVSDQLF5HYLHZ 1943, S. 304-313, S.304-309.
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Entsprechend sehen Fichter und Sánchez y Escribano das Wort „ VROHGDGHV“ auch nicht
als mystisch sondern betonen: „ it has a strictly lay meaning“ . In aller Deutlichkeit wird formuliert: „ there ist nothing mystic in this poem.“ 8 Die Position der VROHGDG wird zum Aus-
gangspunkt für Gesellschaftskritik. Anders als in seinem früheren Gedicht, wo Lope sich vor einer gescheiterten Liebe in die Einsamkeit flüchtete, erkennen Fichter und Sánchez y Escribano einen gereiften Dichter. Die Romanze begreifen sie in erster Linie im Kontext einer „ sa-tiro-moral current in Spanish poetry“ 9 . Zwar erkennen sie an, dass Lope das bekannte EHDWXV LOOH Motiv Horaz’ verarbeitet (Vgl. V. 93-108), weigern sich aber daraus einen allgemeinen
bukolischen Charakter der Romanze abzulesen. Wichtig erscheint in diesem Kontext die Beobachtung, dass in $PLVVROHGDGHVYR\ eine Trennung zwischen der Sehnsucht nach Einsam-keit und der Gesellschaftskritik vorliegt. 10
Die Interpretation von Fichter und Sánchez y Escribano ist in vielerlei Hinsicht beachtlich. Im Gegensatz zu Spitzers etwas „ schwammigen“ Artikel ist die Analyse präzise und beleuchtet viele der Kernthemen der Romanze. Die Darstellung der Gesellschaftskritik als zentralem Aspekt und die Beschreibung der VROHGDGHV als „ traditional vantage ground
from which to view the shortcomings of society“ sind von besonderer Bedeutung. In der Debatte um die Wurzeln des Gedichtes (ohnehin eine Diskussion von fraglichem Wert) können sie jedoch nicht völlig überzeugen: Auch Spitzers Vorschlag, das Gedicht von Raimundus Lullus, das er in der deutschen Übersetzung zitiert ist erscheint plausibel: Man sagt zu dem Freunde: - Wo gehst Du hin? - Ich komme von meinem Geliebten. - Wo-
her kommst Du? - Ich gehe zu meinem Geliebten. - Wie lange wirst Du bei Deinem Ge-liebten bleiben? - Solange als meine Gedanken bei ihm bleiben werden. 11 Bei aller berechtigten Kritik an Spitzer ist die radikale Ablehnung aller mystischen Interpreta- tionenan einigen Stellen problematisch. Sie führt dazu, dass der philosophisch/religiöse Hin-tergrund der Romanze außen vor bleibt. Schon die geringe Bedeutung die Fichter und Sánchez y Escribano dem EHDWXV LOOH Motiv zumessen fällt auf: „ Lope, (...), may well have thought about it [the EHDWXVLOOHtheme, S.K.] again when writing ‚A mis soledades voy...’ “ 12 .
Lopes Verweis auf Horaz könnte aber kaum deutlicher sein: Auch bei Horaz spricht der Städter über die Landbevölkerung 13 . So wie Lope die Unabhängigkeit gegenüber Adligen preist,
8 Fichter/Sánchez y Escribano, Origin and Character, S. 311.
9 ebd. S. 313.
10 Vgl. Fichter/Sánchez y Escribano, Origin and Character, S. 313.
11 Spitzer, A mis soledades, S. 398.
12 ebd.
13 haec ubi locutus faenerator Alfius, iam iam futurus rusticus, (Z. 76-77)
Horaz Episode 2. Zitiert nach der Ausgabe auf den Seiten des Horace’ s Villa projects, der UCLA:
www.humnet.ucla.edu/horaces-villa/poetry/Epode2.html
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heißt es auch bei Horaz: „ Forumque vitat et superba civium
potentiorum limina“ 14 . Auch die Form der 16 Zeilen aus $PLVVROHGDGHVYR\ eine Aufzäh-
lung der Vorzüge des ländlichen Lebens,erinnert an die Epode von Horaz. Insgesamt handelt es sich hier wohl eher um ein bewusstes Zitat als um ein zufälliges Erinnern. Wird Horaz noch erwähnt, fehlt im Artikel von Fichter und Sánchez y Escribano jeglicher Verweis auf die stoisch-philosophischen Elemente der Romanze. Wo der philosophische Gehalt des Gedichtet betrachtet werden müsste, greift die Interpretation als satirisch-gesellschaftskritisches Gedicht zu kurz. $67UXHEORRG
In einer Festschrift für William L. Fichter, den Co-Autor der oben diskutierten Interpretation, versuchte A.S. Trueblood 1971 eine Weiterentwicklung früherer Analysen. 15 Trueblood beginnt seinen Aufsatz damit, den Bezug des Gedichtes zur DFFLRQHQSURVD herzustellen. Schon
1932 hatte Spitzer versucht einen solchen Bezug herzustellen. Im Rahmen der „ Literarisierung des Lebens“ deutet er die Romanze als Ausdruck der „ Einsamkeit Fernandos, der vom Scheinhaften des Traumes, Goldes, Weibes überzeugt ist.“ 16 Auch diese Interpretation Spitzers ist kaum haltbar. Wenn doch Fernandos Gefühlslage dargestellt werden soll, warum wird dann (und nur an dieser Stelle) darauf hingewiesen, dass es sich um ein Werk Lopes handelt? 17 Wie vor allem lassen sich mit Spitzers Ansatz die politischen Anspielungen in der Romanze erklären, so zum Beispiel der Hinweis auf die Abwertung der Kupferwährung 1628 „ la de plata los extraños, / y la de cobre los nuestros.“ (V. 55-56) 18 ? Im Gegensatz zu Spitzer versucht Trueblood nicht, Romanze und DFFLyQHQSURVDin Einklang zu bringen. Ausgehend
von dem Wortwechsel zwischen Fernando und Julio nach dem Ende der Romanze stellt er vielmehr fest, dass es nötig ist „ to look elsewhere for Lope’ s intention - to look beyond the protagonist and discern a wish of the author to sound, form the outset for himself, the note of VROHGDG, the VROHGDGof his declining years.“ 19 Den Zusammenhang zwischen Handlung und
Romanze sieht Trueblood vor allem in einer “ community of mood and outlook” die beide teilen. Besondere Bedeutung gewinnt bei ihm die Spannung, die zwischen dem jungen Fer-nando und der seiner Jugend offensichtlich nicht angemessenen Romanze besteht. Er geht dabei von einer Betrachtung der zweiten Strophe aus:
14 Z. 7-8
15 A.S. Trueblood, „ ’ A Mis Soledades Voy’ Reconsidered” in: A.D Kossoff/J. Amor y Vázquez, +RPHQDMHD
:LOOLDP/)LFKWHU(VWXGLRVVREUHHO7HDWUR$QWLJXR+LVSiQLFR\2WURV(QVD\RVMadrid 1971, S. 713-724.
16 Leo Spitzer: 'LH/LWHUDULVLHUXQJGHV/HEHQVLQ/RSH¶V'RURWHD.|OQHU5RPDQLVWLVFKH$UEHLWHQ%G S. 19.
17 Man bedenke die Einleitung des Gedichtes mit den Worten „ oye vn romance de Lope“ .
18 Vgl. FN 5.
19 Trueblood, Reconsidered, S. 714
Arbeit zitieren:
Sebastian Karcher, 2002, Lopes 'A mis soledades voy...' - Versuch einer umfassenden Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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