Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die unterschiedlichen Welterfahrungen bei Mensch und Tier. 3
3. Wie das Kind sich die Welt erschließt 6
4. Die Bedeutung der Familie für die frühe Kindheit 7
4.1. Fallbeispiel: aufopfernde Schwester 7
5. Verlust des Hauses Vertrauen der Dinge 9
5.1. Fallbeispiel: abgebrannter Hof 9
6. Hysterie und Hypochondrie 10
6.1. Fallbeispiel: Hysterie. 10
6. 2. Fallbeispiel: Hypochondrie 12
7. Die Macht der Vorbilder - ungewöhnliche Auswirkungen auf die
kindliche Motorik. 13
7. 1. Fallbeispiel: hinkendes Kind. 13
7.2. Fallbeispiel: außergewöhnliches Vorbild. 14
8. Abschließende Gedanken. 16
Literaturverzeichnis. 18
2
1. Einleitung
Als langjähriger Direktor der Universitätsklinik Tübingen, hat Alfred Nitschke eine Reihe von Aufsätzen über Grundphänomene kindlicher Lebenssituationen geschrieben. Basierend auf etlichen, langjährigen, ärztlichen Beobachtungen hat Nitschke auffällige Verhaltensformen seiner zu behandelnden Kinder zum Ausgangspunkt einer anthropologischen Deutung des Kindseins gemacht. Seine Aufsätze sind in den 50er Jahren entstanden und sein Sohn August Nitschke hat diese gesammelt und 1962 in dem Buch „Das verwaiste Kind der Natur“ veröffentlicht. Nitschke wollte aus seinen Krankheitsgeschichten keine allgemeingültigen Maxime ziehen, sondern das Beobachtete wissenschaftlich interpretieren, und auch seine Hörer und Leser dazu animieren, selbst Phänomene wahrzunehmen und durch die anschließende geistige Beschäftigung mit dem Wahrgenommenen auf interessante Gedanken zu stoßen. Entscheidend ist, dass man nicht allein auf Grund von Erfahrung und Beobachtung voreilige Schlüsse zieht.
Bevor ich einige Fallgeschichten aus Nitschkes ärztlichen Beobachtungen erläutern und pädagogisch interpretieren werde, ist es notwendig sich zunächst mit den grundlegenden, menschlichen Eigenarten und natürlichen Verhaltensmustern des Menschen auseinanderzusetzen. Alfred Nitschke beruft sich auf Wissenschaftler und Verhaltensforscher wie Adolf Portmann, Konrad Lorenz, Arnold Gehlen und Helmut Plessner. Der Begriff „das verwaiste Kind der Natur“ stammt ursprünglich von Herder - Nitschke hat diesen Ausdruck wie folgt umschrieben: „Wäre der Mensch auf sich allein gestellt, dann bliebe er, verglichen mit dem Tier, über Jahre hin hilflos und wäre dem Elend preisgegeben“ (Nitschke, S. 18). Erst durch den Vergleich des Menschen mit dem Tier werden seine Einzigartigkeit und seine Sonderstellung in der Welt bewusst, deshalb wird im Folgenden bei der Betrachtung der unterschiedlichen Welterfahrungen auch komparativ vorgegangen.
2. Die unterschiedlichen Welterfahrungen bei Mensch und Tier
Wird ein Mensch geboren, so ist er körperlich weitest gehenst fertig ausgebildet, abgesehen von seinen Sexualfunktionen. „In psychischer Hinsicht hingegen ist das Neugeborene noch ganz undifferenziert. Es ist ihm nicht anzusehen, was aus ihm wird, zu welcher Persönlichkeit es heranreift“ (Nitschke, S. 144).Ein Tier, das auf die Welt kommt - egal ob Nesthocker oder Nestflüchter - ist ebenfalls körperlich größtenteils fertig und lebenstüchtig. Allerdings ist sein Weltbild schon vorbestimmt durch die Gesamtheit seiner Auslöser. Durch bestimmte Reize wird ein bestimmtes Verhalten ausgelöst, das innerhalb einer Tiergattung immer gleich
3
abläuft. Der Mensch handelt nur sehr bedingt nach Instinkten, und er verhält sich auch nur sehr eingeschränkt und hauptsächlich in den ersten Lebensmonaten nach Reiz -Reaktionsmechanismen, siehe z.B. den Greif - oder Saugreflex.Weiterhin ist das Bild des Menschen von der Welt, das er zu Anfang seines Lebens hat keineswegs fertig, man könnte sogar sagen, dass es eigentlich noch gar nicht existent ist. Er muss sich sein Weltbild erst im Laufe seines Lebens selbstständig erwerben. Die Welt setzt sich zusammen aus unzählbar vielen Bedeutungsträgern. Jedes Ding, jeder Gegenstand in der Umwelt eines Menschen, trägt eine bestimmte, individuelle Bedeutung für jeden Einzelnen. Es gibt für den Menschen keine angeborenen Bedeutungsträger. Jeder Bedeutungsträger muss erst zu einem solchen werden; selbst der gleiche Gegenstand kann für jedes Individuum einen anderen Gehalt haben; außerdem ist der Mensch nicht an einen Bedeutungsträger gebunden. Für das Tier gibt es angeborene Bedeutungsträger, die als Auslöser fungieren und es in der entsprechenden Situation „richtig“ handeln lassen.
Nun ist die Frage: Wie wird ein unbekannter Gegenstand für das Kind zu einem Bedeutungsträger? Die Antwort liegt in unseren Sinnen, wobei nicht nur Nitschke vor allem den Tastsinn in den Vordergrund stellt. „ Das Greifen der Dinge ist - [...] - in der Ontogenese Voraussetzung für ihr Begreifen. Nur das Ergriffene lässt sich nach Belieben explorieren, und die Sache wird (in ihrer Form, ihrem Volumen, ihrer Schwere, Härte, Feuchtigkeit, Formbarkeit, Zerbrechlichkeit, usw.) dem Greifenden in einer Evidenz erkenntlich, die durch bloßes Hinsehen niemals erreichbar ist. Alles Erkennen beginnt mit dem, was << mit den Händen zu greifen >> ist“ (Pohlmann, S. 63).
Weiterhin ist der Mensch als einziges Lebewesen dazu in der Lage einer Sache, einem Ding, und auch sich selbst mit einer gewissen Distanz entgegenzutreten. Einzig und allein diese Distanz befähigt ihn auch den Gehalt eines Dings zu erfassen. Nur so kann der Mensch die Welt erfahren und sie sich erschließen. Er weiß, dass er ein Mensch ist, er weiß, dass er lebt und dass er sterben wird, und er weiß auch, dass es immer ein morgen geben wird. All das macht die einzigartige, exzentrische Position des Menschen aus - wie Plessner sie bezeichnet hat - im Gegensatz zur zentrischen Position des Tieres. „ Das Tier steht in einem unvermittelten Wirklichkeitsbezug: es nimmt unter erheblichen perspektivischen Verkürzungen konkret Gegebenes wahr und reagiert instinktiv oder aufgrund von Lernleistungen darauf; dem Menschen hingegen gelingt ein denkendes Erfassen und Bewältigen der Wirklichkeit, was nicht nur Rückblicke, sondern auch planendes Vorausdenken, Fragen, Zweifeln, Begriffsbildung und dgl. beinhaltet“ (Hamann, S. 103).
4
Wir wissen, dass der Mensch auch bedingt nach Trieben handelt, doch hat er im Gegensatz zum Tier die Möglichkeit, Distanz zwischen Antrieb und Handlung einzulegen, z.B. muss er nicht essen, wenn er Hunger hat und ein Steak vor ihm liegt. Eine derartige Verhaltensweise ist dem Tier nicht vorbehalten.
Der Tastsinn wurde vorhin schon als der wichtigste Sinn auf dem Weg zur Welterschließung hervorgehoben. Selbstverständlich tragen die anderen Sinne mit ihren jeweiligen, unersetzbaren Funktionen auch entscheidend zur Erfassung der Welt bei. Doch letztendlich ist der Mensch darauf angewiesen aktiv zu handeln. Denn „ Seine ursprüngliche Natur ist sein handelndes Wesen. Handlung heißt mit einem anderen Wort : Motorik, genauer gesagt : Willkürmotorik. Alles was der erwachsene Mensch schließlich erhalten hat, erworben hat, erhält er über die Motorik“ (Nitschke, S. 109). Die Motorik des Menschen ist zwar nicht so vollkommen wie die eines Tieres, aber dafür ist sie unendlich vielfältig, und hat bei jedem Menschen eine ganz spezifische, individuelle Note. Die einzigartige Motorik eines jeden Menschen drückt auch ein Stück seines individuellen Charakters aus.
Es stellt sich nun die Frage, was dieses treibende Element ist, dass das Kind dazu bewegt über all die Anstrengungen und Unannehmlichkeiten, die unvermeidlich zur Welterschließung dazugehören, hinwegsieht, und Stück für Stück, fast automatisiert, die Welt für sich erobert. Vielleicht liegt es daran, dass es sich nicht des vollen, gewaltigen Umfangs an Dingen, die es noch lernen muss, bewusst ist. Nitschke unterstellt diesem treibenden Element eine Bedingung, nämlich meint er, dass nur wenn die Welt dem Kind freundlich entgegentritt, das Kind das Verlangen hat, diese Welt erschließen zu wollen. Dabei schreibt er der Mutter -Kind - Beziehung eine unheimlich entscheidende Rolle zu (vgl. Nitschke, S. 198). Das nächste Kapitel wird sich noch genauer mit den einzelnen Stufen der Welterschließung beschäftigen.
5
Arbeit zitieren:
Irena Eppler, 2005, Zu: Alfred Nitschke - "Das verwaiste Kind der Natur", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Irena Eppler's Text Zu: Alfred Nitschke - "Das verwaiste Kind der Natur" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Irena Eppler hat den Text Zu: Alfred Nitschke - "Das verwaiste Kind der Natur" veröffentlicht
Irena Eppler hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare