Inhaltsverzeichnis:
1. Prolog (S. 1)
2. Deutsch-wendische Beziehungenbis1137 (S. 2)
3. Weltlicher Anspruch und geistliche Legitimation (S. 4)
4. Teilnehmer und Zielsetzungen (S. 8)
5. Die praktische Durchführung des Wendenkreuzzuges (S. 10)
6. Schlussbetrachtungen (S. 13)
7. Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 16)
II
1. Prolog
„In dem selben Jahr (1147) war um das Fest des heiligen Petrus auf göttliche Eingebung und Ermahnung des päpstlichen Stuhles und nach Aufforderung vieler Geistlicher eine große Menge christlicher Streiter, welche das Zeichen des lebensspendenden Kreuzes angenommen, gegen die nach Norden zu wohnenden Heiden ausgezogen, um sie entweder dem christlichen
Glauben zu unterwerfen oder mit Gottes Hilfe vollständig zu vertilgen.“ 1 Die Bedeutung der Verbindung zwischen Heidenkrieg und christlich universalen Ideen ist bereits aus zahlreichen Perspektiven problematisiert worden. 2 Auch wenn die von Erdmann vorgenommenen Unterscheidungen von Krieg als Verteidigung, als Befriedung der Kirche, als Vorbereitung der Mission, als ritterlicher Kreuzzug, usw. 3 grundlegend ist für eine genaue Betrachtung der Heidenbekriegung und -missionierung, ist jedoch stets vorauszusetzen, dass sich bei den Auseinandersetzungen an den Ostgrenzen im zwölften Jahrhundert das Religiöse nicht von den weltlichen Motiven, außenpolitischen Notwendigkeiten und der Herrschsucht der Machthaber trennen lässt. In diesem Zusammenhang erweist sich die Militäraktion des sogenannten Wendenkreuzzugs norddeutscher Fürsten gegen die Slawen 1147 bis heute als ein umstrittenes Forschungsproblem. Handelt es sich bei dem Vorstoß in die Gebiete jenseits der Elbe um einen legalen Seitentrieb der Kreuzzugsbewegung oder um ein ideologisch verbrämtes Expansionsstreben machtgieriger Adliger? Dieser Fragestellung soll durch die Sichtung zeitgenössischer Quellenzeugnisse und der kritischen Betrachtung entsprechender Literatur nachgegangen werden. Es wird sich zeigen, dass der konkrete Verlauf und die zahlreichen ineinander verschränkten und komplementären Bedingungen eine konkrete Beantwortung dieser Frage erschweren, ja sogar verbieten.
In einem Kreuzzug kulminieren nicht nur die Spannungen zwischen Christen und Heiden, sondern er ist immer auch Ausdruck der konkurrierenden und sich ergänzenden Zielsetzungen von weltlichen und geistlichen Herrschern in Mitten der christlichen Welt. In wie weit die sich unterscheidenden Ansprüche der klerikalen Obrigkeit und der sächsischen Fürsten den Verlauf und den Ausgang des Wendenkreuzzuges beeinflusst haben, wird sich im Laufe der Untersuchung herausstellen.
Es soll versucht werden, auf der Basis der Arbeiten und Aufsätze von Lotter, Bünding-Naujoks und anderen die Konzeption des Wendenkreuzzuges umfassend zu erhellen, um die
1 Die Jahrbücher von Magdeburg, 1147.
2 Zur genauen Forschungssituation vergleiche: Margret Bünding-Naujoks, Das Imperium Christianum und die deutschen Ostkriege vom zehnten bis zwölften Jahrhundert. In: Historische Studien. Heft 366, S. 7f. [Im Folgenden zitiert als: Naujoks, Imperium Christianum.]
3 Carl Erdmann, Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens. Darmstadt 1980.
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entstehenden Bewertungsschwierigkeiten zu unterstreichen und den Zusammenhang zwischen christlich-imperialen Ideen im Wendenkreuzzug zu konkretisieren. 4
2. Deutsch-wendische Beziehungen bis 1137
Schon früh begannen die weltlichen Herrscher des Abendlandes unter der Schirmherrschaft der klerikalen Obrigkeit in defensiven und offensiven Kriegen gegen die feindlichen Barbaren vorzugehen.
5
Dabei verfolgten sie das Ziel der Befreiung von der als feindlich erkannten, fremden, heidnischen Kultur. Die pax war zum Grundbegriff christlichen Imperialismus ge-worden und sollte durch die erzwungene Überwindung des Gegensatzes zu den „barbarae gentes“
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den Frieden der christlichen und kultivierten Völker sichern. Die kriegerische Erweiterung des Landes präsentierte sich geistigen und weltlichen Herrschern als legitimes Mittel, den Schutz der christlichen Welt zu gewährleisten und die unsicheren Grenzgebiete zu befrieden. Die „pax christiana“
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ging auf diese Weise in einem vertrackten Gewebe kooperierender Interessen auf, in dem Instrumentalisierung und Machtinteresse nicht weniger Platz einnahmen als Christianisierung und gesellschaftliche Kultivierung. Die Überlagerung weltlicher Zielsetzungen mit dem christlichen Missionsauftrag prägte auch die Ostpolitik. Im Jahre 936 begleiteten Aufstände aller Elbslawen den Herrschaftsantritt Otto I. Sein Oberbefehl markierte für die Gebiete zwischen Elbe-Saale-Linie und Oder den Beginn einer neuen Epoche. Nach einer langen Zeit der Unruhe gelang es Otto, in jahrzehntelangen Kämpfen die Grenzgebiete mit strenger Hand zu befrieden.
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Die durch Tributpflicht und lehnsrechtliche Bindungen untermauerte Abhängigkeit der heidnischen Stämme begünstigte die Christianisierung der Bevölkerung oder zumindest deren Erfassung durch kirchliche Organisationen.
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Erst der große Wendenaufstand im Jahre 983 vermochte die Erfolge Ottos I. in Frage zu stellen.
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Mit seinem Tod zerfiel die zentrale Verwaltung der Grenzgebiete und die Politik wurde von Kleingruppen bestimmt, welche die Gelegenheit zur Durchsetzung ihrer individuellen Interes-
4 Diein der Einleitung nur angedeuteten Werke werden hier nicht mit ausführlichen Literaturangaben angeführt, um den Fußnotenapparat nicht unnötig aufzublähen. Die ausführlichen Angaben werden genannt, sobald hier oder im Hauptteil der Arbeit aus dem jeweiligen Werk im Text zitiert wird oder Inhalte übernommen werden. Ebenso werden Quellenangaben im Fußnotenapparat nicht vollständig angeführt. Es sei auf das Quellen- und Literaturverzeichnis verwiesen, in dem die erwähnten Werke eindeutig identifiziert werden können.
5 Sie taten dies bereits seit dem neunten und zehnten Jahrhundert. Die folgenden Erwägungen über die Verknüpfung weltlicher Ziele und geistlicher Ideologien folgen im Wesentlichen: Naujoks, Imperium Christianum.
6 Ebd. S. 11.
7 Ebd. S. 12.
8 Naujoks, Imperium Christianum. S. 11ff. Zum Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen Elbslawen und Otto I. vergleiche außerdem: Friedrich Lotter, Die Konzeption des Wendenkreuzzuges. Sigmaringen 1977, S. 44f. [Im Folgenden zitiert als: Lotter, Konzeption.]
9 Lotter weist darauf hin, dass die wendischen Stämme zur weitgehenden Erhaltung ihrer Autonomie die Oberherrschaft und Tributzahlungen akzeptierten. Lotter, Konzeption. S. 48.
10 Ebd. S. 50ff.
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sen nutzten und die ganzheitlichen Ziele der Befriedung der Grenzgebiete und der Ausweitung des christlichen Herrschaftsgebietes vernachlässigten. Den Stämmen der Liutizen gelang es in dieser Zeit, sich Zeit vollständig von dem Einfluss der christlichen Welt zu befreien, und auch die Abodriten konnten sich der christlichen Vormundschaft entziehen und zu ihrem ursprünglichen Glauben zurückkehren. 11 Durch die Auseinandersetzung mit Heinrich IV. wurde die Stellung der sächsischen Fürsten zusätzlich geschwächt. Ihre innenpolitische Situation zwang sie, ihre außenpolitischen Bemühungen zu vernachlässigen, und trieb sie gegenüber den heidnischen Nachbarn in die Defensive. Ein Wandel vollzog sich erst, als Gottschalks Sohn Heinrich mit Hilfe sächsischer Truppen im Jahre 1093 Kruto stürzte. 12 Die Territorien der Liutizen standen in der Folge in zunehmendem Maße unter dem Druck und Einfluss ihrer Nachbarstämme. 13 Schließlich gelang es dem Markgrafen der Nordmark und dem Erzbischof von Magdeburg, innerhalb der Gebiete der geschwächten und krisengeschüttelten Liutizen Fuß zu fassen.
1127 kommt es erstmals zum Kontakt mit den späteren Widersachern der sächsischen Christen. Während einer komplizierten Konsolidierungsphase in den Gebieten jenseits der Elbe behaupteten Pribislaw und Niclot, slawische Fürsten, erfolgreich ihren Herrschaftsanspruch im Kern des ehemaligen Abodritenreiches. Trotz ihres heidnischen Herrschaftsanspruches erkannten sie die Oberherrschaft des sächsischen Herzogs an. 14 Zu diesem Zeitpunkt kann man die Beziehungen zwischen den heidnischen Slawen und ihren christlichen Nachbarn als das Bemühen um eine Politik der „friedlichen Koexistenz“ 15 deuten. Die Bestrebungen der fränkischen und ostfränkischen Herrscher um eine Eingliederung der Westslawen in das deutsche Königtum fußten nicht ausschließlich auf Eroberung und Unterdrückung, sondern auch auf der Unterstützung großräumiger Herrschaftsbildung im westslawischen Raum. 16 Die Grenzgebiete waren bis auf unbedeutende Übergriffe vorübergehend nahezu sicher. Der relative Friedenszustand fand jedoch ein jähes Ende als das Kloster von Segeberg 1137 zerstört wurde und es zu neuen verheerenden Einfällen der Abodriten und Haveltämme kam. 17
11 Ebd. S. 52.
12 Ebd. S. 54.
13 Lotter konkretisiert in diesem Zusammenhang die einzelnen Nachbarvölker: im Nordwesten die Abodriten; im Osten die Polen; im Nordosten die Pomoranen; im Norden die Dänen. Lotter, Konzeption. S. 56.
14 Lotter, Konzeption. S. 56
15 Ebd. S. 66.
16 Lotter weist darauf hin, dass die zentralistische Erfassung großräumiger Gebiete sowohl einer systematischen Christianisierung, als auch einer sozial-kulturellen Angleichung an den von den westlichen Völkern bereits erreichten Status zugrunde lag. Lotter, Konzeption. S. 66.
17 Lotter, Konzeption. S. 58.
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Arbeit zitieren:
Reinhard Keßler, 2004, Der Wendenkreuzzug - Legaler Seitentrieb der Kreuzzugsbewegung oder ideologisch verbrämtes Expansionsstreben?, München, GRIN Verlag GmbH
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