Frauen in der beruflichen Bildung: eine vernachlässigte Gruppe? II
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung 1
1.1 Vorbemerkung. 1
1.2 Ziel und Gang der Arbeit. 1
1.3 Begriffsklärungen 2
2. Frauenberufe und Männerberufe - traditionelle Rollenverteilung oder
geschlechterspezifische Spezialisierung 6
2.1 Charakteristik von Frauenberufen 6
2.2 Geschlechterspezifische Berufswahl 7
3. Statistische Daten und empirische Fakten 10
3.1 Anteil der Frauen allgemein 10
3.2 Anteil von Frauen in Berufsgruppen und einzelnen Berufen. 13
3.3 Ausbildungsvergütungen. 15
3.4 Zwischenfazit 17
4. Maßnahmen zur Gleichstellung der Frauen in der beruflichen Bildung 19
4.1 Förderperspektiven- typische Förderansätze für Mädchen und Frauen 19
4.2 Chancengleichheit für Mädchen bei der Berufswahl: Girls' Day. 21
4.3 Förderung von Mädchen in IT- und Medienberufen: idee-it. 22
5. Zusammenfassendes Fazit 24
6. Quellenangaben 26
6.1 Literaturverzeichnis. 26
6.2 Sonstige Quellen 27
Frauen in der beruflichen Bildung: eine vernachlässigte Gruppe? 1
1. Problemstellung
1.1 Vorbemerkung
Glück in der Liebe und Erfolg im Beruf. Das Erlernen eines Berufes ist für Mädchen und junge Frauen heutzutage in Deutschland eine Selbstverständlichkeit geworden, ihre Erwerbsbeteiligung nimmt ständig zu. Eine qualifizierte Berufsausbildung nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein und wird als Grundlage für Selbstständigkeit und eigene Lebensplanung angesehen. Die gesetzliche Gleichheit und Gleichberechtigtheit der Geschlechter sowie eine freie Wahl von Beruf und Ausbildungsstätte sind in unserer demokratischen Verfassung fest verankert.
Gleichzeitig treffen die Gleichheitserwartungen und -bestrebungen junger Mädchen und Frauen aber auch scheinbar zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer auf gegenläufige und geschlechterspezifisch segmentierte Entwicklungen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt. 1 Mädchen und Frauen sind von der Enge des derzeitigen Ausbildungsstellenmarktes besonders betroffen. Sie finden noch weniger und schwerer einen betrieblichen Ausbildungsplatz, obwohl sie oft bessere Schulabschlüsse haben und besser vorqualifiziert sind als die Männer. Haben weibliche Jugendliche und Erwachsene darüber hinaus einen Migrationshintergrund, dann verschlechtern sich ihre beruflichen Startchancen nochmals.
1.2 Ziel und Gang der Arbeit
In dieser Arbeit soll geklärt werden, ob und wenn ja, warum, in heutiger Zeit (noch immer) von einer Vernachlässigung und Benachteilung junger Frauen in der beruflichen Bildung gesprochen werden muss. Dazu soll nach einer einleitenden Begriffsklärung und einigen Eingrenzungen im Anfangsteil zunächst auf die Fragen eingegangen werden, ob Berufe geschlechterorientiert segmentiert werden können und wie es zu einer geschlechterspezifischen Berufswahl von Jugendlichen kommen kann. Im Mittelteil der Arbeit soll mit Hilfe statistischer Daten festgestellt werden, ob und in welchem Maße sich die Situation für Mädchen und junge Frauen in der beruflichen Bildung verbessert oder verschlechtert hat. Bevor die Arbeit mit einem zusammenfassenden Fazit
1 Vgl. Kunert-Zier (2005), S. 11; auch Hagge; Muth; Schröder (1991), S. 7
Frauen in der beruflichen Bildung: eine vernachlässigte Gruppe? 2
geschlossen wird, werden Maßnahmen vorgestellt, die eine Ungleichbehandlung von Mädchen und jungen Frauen in der beruflichen Bildung verhindern sollen.
1.3 Begriffsklärungen
Im Vorfeld werden wichtige Begriffe und Zusammenhänge zum besseren Verständnis dargestellt und einige Eingrenzungen vorgenommen.
Ich setze dabei im Folgenden der Arbeit den Begriff Vernachlässigung (wenn auch vielleicht nicht ganz sauber getrennt) dem Begriff Benachteiligung gleich, der sich m. E. aus ersterem induzieren lässt. Körperliche oder psychische Vernachlässigung ist die mangelhafte Umsorgung, die Nicht-Betreuung und das Vergessen, auch das Vorenthalten von Hilfe für einen anderen Menschen, wobei vor allem Kranke, Behinderte und Randgruppen betroffen sind. Das eine Vernachlässigung somit immer mit einer Benachteiligung einhergeht, liegt auf der Hand. Im Umkehrschluss ist jedoch eine Benachteiligung nicht immer mit einer Vernachlässigung verbunden, wie noch zu zeigen ist.
Faktoren für Benachteiligung liegen auf individueller und sozialer Ebene. 2 Zu den individuellen Faktoren, die in einer Person selbst begründet sind, zählen u. a. die Lernsozialisation, das Lerninteresse, das Alter und scheinbar auch das Geschlecht. Soziale Faktoren werden beispielsweise durch religiöse und ethnische Herkunft, Nationalität oder soziales Milieu beschrieben. 3 Gleichwohl können auch strukturelle Faktoren und politische Rahmenbedingungen, wie das Bildungssystem selbst, gesetzliche Grundlagen oder gesellschaftspolitische Zielsetzungen, Benachteiligung implizieren. Abbildung 1 zeigt die unterschiedlichen Einflussfaktoren grafisch auf.
2 Vgl. Brüning (2003), S. 3
3 Vgl. Brüning/Kuwan (2002), S. 127 f.
Frauen in der beruflichen Bildung: eine vernachlässigte Gruppe? 3
Abb. 1: Einflussfaktoren auf Benachteiligung (Quelle: nach Brüning (2003), S. 5)
Benachteiligung zeigt sich u. a. durch Abgrenzung, Ausschluss oder/und Zugangsbarrieren. 4 Die Nichtbeteiligung an Bildung bzw. Weiterbildung ruft sehr schnell Benachteiligung hervor, die als erstes berufliche Benachteiligung nach sich zieht und bis zu sozialer Benachteiligung/Ausgrenzung gehen kann. Allerdings ist zu hinterfragen, ob der Begriff Benachteiligung ein angemessener ist. Er wird häufig als Identifizierungskategorie von Institutionen verwendet, um Zuordnungen von Personen z.B. zu Förderprogrammen zu ermöglichen. Selbst das kann schon zu Stigmatisierungen führen. Seit Mitte der 90er Jahre wird häufiger der Begriff Chancengleichheit verwendet. 5
Eine zentrale Frage ist die der Operationalisierung von Benachteiligung in der beruflichen Bildung, d. h. anhand welcher Kriterien wird Benachteiligung qualitativ bestimmt und quantitativ gemessen. Diese Fragestellung scheint komplex und schwierig zu beantworten.
Das Maß der Beteiligung von Mädchen und jungen Frauen an beruflicher Bildung, deren Erfolg bei den Abschlussprüfungen, die Übernahmequoten nach der Ausbildung oder die Höhe der Ausbildungsvergütung im Vergleich zu den männlichen Auszubildenden könnten hierzu neben folgenden Punkten:
4 Vgl. Brüning (2003), S. 3
5 Vgl. Brüning/Kuwan (2002), S. 124
Frauen in der beruflichen Bildung: eine vernachlässigte Gruppe? 4
1. der Anteil der Frauen am Ausbildungssystem (Frauenquoten), 2. der Anteil der Frauen an einzelnen Berufen, 3. Ausbildungsabbrecherquoten oder
4. Einkommen und Aufstiegschancen nach Ausbildungsabschluss.
als Indikatoren für eine Benachteiligung dienen.
Neben den genannten Punkten kann ferner gefragt werden: Gibt es im Ausbildungsbetrieb Gleichstellungsbeauftragte, gibt es Frauenquoten 6 , nimmt der Betrieb an Projekten (wie beispielsweise den unter Punkt 4 beschriebenen) teil, wie hoch ist der Anteil weiblicher Arbeitnehmer und weiblicher Führungskräfte? Diese so genannten ‚weichen‛ Indikatoren könnten zusätzlich zur Betrachtung von Benachteiligung herangezogen werden.
Wenn von Benachteiligung gesprochen wird, muss zunächst geklärt werden, welche Person oder Gruppe von Personen benachteiligt ist und wie sich diese von den Nichtbenachteiligten abgrenzen lässt. Da in dieser Arbeit die Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen in der beruflichen Bildung untersucht werden soll, ist hier also das Geschlecht einer Person das Abgrenzungskriterium. Was ist Geschlecht? Geschlecht ist prinzipiell die Unterscheidung zweier gleichartiger Lebewesen, die sich zum Zweck der Fortpflanzung miteinander vereinen, 7 im Falle des Menschen also Mann und Frau. Das Geschlecht wird in der Soziologie auch als soziale Konstruktion (gender) verstanden, dem bestimmte Verhaltensweisen (Geschlechterrollen) in einem gesellschaftlich definierten System der Zweigeschlechtlichkeit als typisch und/oder akzeptabel zugewiesen wird. 8 Diese Verhaltensweisen bringen die Identität mit dem Geschlecht, die geschlechterspezifische Sozialisation zum Ausdruck. Geschlechtsidentität ist dabei ein lebenslanger Prozess, beeinflusst durch eine Vielzahl von Faktoren, wie soziales Milieu, Kultur, religiöse Herkunft oder Bildungsstand. Traditionelle Rollenzuteilungen sind beispielsweise der Mann als Oberhaupt und Ernährer der Familie und die Frau als abhängige Hausfrau und Mutter: „ … und drinnen waltet
6 Frauenquoten, d. h. die Festlegung eines Zahlenverhältnisses der Geschlechter als sind u. a. in geschlechterbezogenen Quotenregelungen in öffentlichen Berufsausbildungen, manifestiert im Grundgesetz und in den Gleichstellungsgesetzen der einzelnen Bundesländer, zu finden; umfangreich dazu siehe Francke; Sokol; Gurlit (1991)
7 www.wikipedia.de
8 Vgl. Kunert-Zier (2005), S. 15
Frauen in der beruflichen Bildung: eine vernachlässigte Gruppe? 5
die züchtige Hausfrau … der Mann muß hinaus in`s feindliche Leben.“ 9 Geschlechterspezifische Berufswahl spielt dabei eine entscheidende Rolle: Mädchen wollen Verkäuferin oder Friseurin werden, im Büro arbeiten oder irgendwas mit Menschen oder Kindern machen. 10 Weitergehende Ausführungen dazu folgen unter Punkt 2.
Ein letzter erklärungswürdiger Punkt im Zusammenhang mit dem Thema ist die Frage nach den Institutionen der beruflichen Bildung. Wenn von Benachteiligung in der beruflichen Bildung gesprochen wird, ist auch dieser Begriff einzugrenzen. Zwar hat der Anteil der dualen Berufsausbildung in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren abgenommen, während andere Berufsbildungsangebote und die einer Ausbildung vorgelagerten berufsvorbereitenden bzw. grundbildende Maßnahmen zugenommen haben, trotzdem ist mit über 60 Prozent 11 Anteil aller Jugendlichen eines Altersjahrganges dieses System mit seinen beiden Lernorten Betrieb und Berufsschule immer noch das dominierende in Deutschland. Somit stellt sich die Frage, ob Benachteiligung durch Strukturen und Marktmechanismen der dualen Berufsausbildung mit provoziert wird. Insbesondere der Betrieb als erste Anlaufstelle bei der Berufswahl und der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, quasi als Entscheider über eine Einstellung weiblicher Lehrlinge, muss im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen, zumal die betriebliche Ausbildung ca. 70 Prozent der gesamten Ausbildungszeit abdeckt. Fehlende fachliche, räumliche, hygienische (wie das Beispiel eines zweiten Umkleide- oder WC-Raumes für Frauen) u. a. Voraussetzungen sollen unberücksichtigt bleiben.
9 aus Friedrich Schiller „Die Glocke“
10 Vgl. Kunert-Zier (2005), S. 23
11 Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung unter http://www.bmbf.de/de/550.php
Frauen in der beruflichen Bildung: eine vernachlässigte Gruppe? 6
2. Frauenberufe und Männerberufe - traditionelle Rollenverteilung oder
geschlechterspezifische Spezialisierung
Gibt es typische Frauen- und Männerberufe; haben Berufe also demnach ein Geschlecht?
Noch 1955 hieß es: „Die Schürze ist wohl … das reizvollste Requisit der Berufsbekleidung der Hausfrau.“ 12 und war treffend für ganze Generationen junger Frauen.
2.1 Charakteristik von Frauenberufen
Was kennzeichnet Frauenberufe? Typisch sind die Übereinstimmung mit dem gesellschaftlich herrschenden Bild von Weiblichkeit und ein untergeordneter Rang. 13 Dabei sind folgende Eigenschaften dem Weiblichkeitsbegriff zuzuschreiben:
• Attraktivität, Chic, Ausstrahlung,
• Charme und Jugendlichkeit,
• Freundlichkeit, Toleranz, Geduld und Diplomatie,
• das Zurückstellen eigener und das Eingehen auf Bedürfnisse Anderer. Zusammengefasst kann dies unter ‚Sozialer Kompetenz‛ subsumiert werden. Vielen Frauenberufen ist das Pflegen, Helfen und Bedienen zueigen: „…etwas mit Menschen zu tun haben, gilt als typisches und untrügliches Zeichen dafür, dass es sich hier um einen Frauenberuf handelt…“ 14 Aufgrund des Konzeptes der geistigen Mütterlichkeit und der klassischen Rollenzuweisung von Frauen als Mütter, die Wärme, Emotionalität und Geborgenheit in der Familie verkörperten, entwickelten sich ab etwa Ende des 18. Jahrhunderts erste soziale Frauenberufe. Das Wesen hausmütterlichen Wirkens war die Fürsorge, der helfende Dienst und die tatkräftige Sorgsamkeit. 15 Es entstanden erste Berufe im sozialen Bereich, wie beispielsweise in der Armen-, Waisen- und Krankenpflege. Abbildung 5 lässt erkennen, dass Frauen auch heute noch in Sozial- und Gesundheitsdienstberufen überdurchschnittlich stark repräsentiert sind. Weitere Merkmale von Frauenberufen sind: 16
12 Oheim (1955), S. 419 aus Bonnemann-Böhner, Welpe (1994), S. 1
13 Vgl. Hagge; Muth; Schröder (1991), S. 12
14 Rendtorff (2006), S. 22
15 umfangreich dazu bei Hopf (1997), S. 145 ff.
16 Vgl. Hagge; Muth; Schröder (1991), S. 13
Arbeit zitieren:
Dipl.Volkswirt Stefan Berger, 2007, Frauen in der beruflichen Bildung - eine vernachlässigte Gruppe?, München, GRIN Verlag GmbH
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