Abstract III
Abstract
Um die Leistungsfähigkeit von älteren Arbeitnehmern besser zu nutzen, zu verbessern und zu verlängern, müssen Unternehmen neue, zielgerichtete Personalkonzepte entwickeln. Auch wenn ältere Arbeitskräfte nach allgemeiner Auffassung an Leistungskraft und Innovationsfähigkeit verlieren, sind Betriebe in der näheren Zukunft in besonderem Maße auf diese Beschäftigten angewiesen, denn der Demografische Wandel lässt sich nicht aufhalten: Die Gesellschaft wird immer älter und gleichzeitig werden weniger Kinder geboren. Fachkräfte werden bald knapp und es müssen andere Strategien der Personalpolitik, allen voran der ganzheitlichen Personalentwicklung und betrieblichen Weiterbildung entwickelt werden, um mit diesem Wandel effektiv umzugehen. Hinzu kommt die Auslandsabwanderung deutscher Staatsbürger - meist mitten im erwerbsfähigen Alter - und die Zu-wanderung von Ausländern. Das Ersetzen der fehlenden Arbeitskräfte auf der einen und die Eingliederung der Immigranten in die Arbeitswelt auf der anderen Seite stellt Regierung und Unternehmen vor ei- ne große Herausforderung.
Abstract IV
Doch durch die Alterung der Gesellschaft geraten vor allem ältere Arbeitnehmer ins Blickfeld der Wirtschaft. Denn wegen der immer weiter steigenden Lebenserwartung und der zurückgehenden Geburtenrate sind Unternehmen zukünftig auf die Effizienz und die Leistungsfähigkeit einer alternden Belegschaft angewiesen. Es ist also von großer Bedeutung, dass sie die notwendigen Maßnahmen einleiten, um die Lebensarbeitszeit auf eine verträgliche Art und Weise zu erhöhen. Doch die Produktivität der älteren Mitarbeiter kann nur gesteigert werden, wenn sie in ihrem Tätigkeitsfeld gefordert und gefördert werden und sich die derzeitige Sichtweise über den Wert ihrer Arbeit grundlegend ins Positive verändert. Menschen sind nur dann bis ins hohe Alter produktiv, wenn ihre gesundheitliche und geistige Leistungsfähigkeit unterstützt und somit erhalten oder gar verbessert wird. In diesem Bereich gibt es großen Nachholbedarf. Durch kurzfristiges Denken auf Management-Ebene, aus Kostengründen oder auf Grund mangelnder Information werden oft notwendige Schulungen und Weiterbildungen, aber auch Investitionen in die ergonomische Verbesserung der Arbeitsplätze unterlassen oder reduziert.
Folgende Fragen müssen beantwortet werden:
• Wie können sich Unternehmen auf den Demografischen Wandel einstellen?
• Welche Möglichkeiten bieten sich für die Integration älterer Mitarbeiter in den betrieblichen Leistungserstellungsprozess? • Wie kann künftig das Erfahrungswissen der älteren Mitarbeiter besser mit dem neuesten technischen Wissensstand und dem Unternehmen verknüpft werden?
• Welche Stärken und Schwächen bringen ältere Mitarbeiter für deren künftig wieder stärkere Integration in die Arbeits- und Berufswelt mit?
Abstract V
• Werden sie den Anforderungen an Innovation und Wettbewerb, an lebenslanges Lernen gerecht werden können? • Welche Konsequenzen ergeben sich für die Gestaltung einer neuen Lernkultur?
Bei der Beantwortung dieser Fragen stehen die Konzepte des lebenslangen Lernens, generationsübergreifende Zusammenarbeit, veränderte Arbeitsplatz- und Arbeitszeitmodelle sowie Steigerung der Motivation und geeignete ganzheitliche wie auch handlungskompetente Personalentwicklungsstrategien im Vordergrund.
Inhaltsverzeichnis VI
Inhaltsverzeichnis
Abschnitt
Abstract III
Inhaltsverzeichnis VI
Abbildungsverzeichnis IX
Tabellenverzeichnis XI
Abk ürzungsverzeichnis XII
1 Einleitung - Demografischer Wandel und Unternehmen: Eine
Herausforderung unserer Zeit 1
2 Entstehung und Auswirkungen des Demografischen Wandels 4
2.1 Dimensionen der gesellschaftlichen Veränderung 6
2.2 Bevölkerungsberechnungen für die Zukunft 7
2.3 Darstellung der Bevölkerung mit Hilfe der Alterspyramide 12
2.4 Entwicklung der Weltbevölkerung 16
2.4.1 Historischer Verlauf. 16
2.4.2 Die Trendwende des 20. Jahrhunderts 18
2.4.3 Demografisch-ökonomisches Paradox 20
2.4.4 Exkurs 21
2.5 Zukünftige Veränderungen innerhalb der Gesellschaft 23
2.6 Zukünftige Veränderungen bezogen auf die Erwerbstätigkeit 30
3 Moderne Personalentwicklung und betriebliche Weiterbildung. 32
3.1 Die Personalentwicklung in Unternehmen 34
3.2 Einbettung der Personalentwicklung in die Personalarbeit. 35
3.3 Definitionen und Inhalte der Personalentwicklung 37
3.3.1 Die drei Säulen der Personalentwicklung 39
3.3.2 Inhalte, Ziele und Methoden der Personalentwicklung 42
3.3.3 Strategische Ausrichtung der Personalentwicklung. 49
3.3.4 Moderne Personalentwicklung: Das Feld der Handlungs-
kompetenz 52
3.3.5 Probleme im Rahmen der Personalentwicklung 54
Inhaltsverzeichnis VII
3.3.6 Personalentwicklung kurz und prägnant 55
3.4 Betriebliche Weiterbildung als Teil der Personalentwicklung 57
3.4.1 Entwicklung der Erwachsenenbildung hin zur Weiterbildung 57
3.4.2 Betriebliche Weiterbildung als Teil der beruflichen Weiterbil-
dung 60
4 Altern in unserer Gesellschaft. 70
4.1 Die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens 70
4.2 Altersforschung und Lebensphasen 75
4.2.1 Chronologisches vs. differentielles Altern. 77
4.2.2 Lebensphasen damals und heute. 79
4.3 Das Defizitmodell - heute noch aktuell? 85
4.4 Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer in Unternehmen 87
4.4.1 Körperliche Veränderungen im Alter 89
4.4.2 Kognitive Veränderungen im Alter 90
4.4.3 Lernen im Alter 92
4.4.4 Neues Bild des älteren Arbeitnehmers. 93
5 Ältere Arbeitnehmer und die Herausforderung für
Personalentwicklung und betriebliche Weiterbildung 100
5.1 Beschäftigungssituation älterer Arbeitnehmer. 101
5.2 Aufklärungsbedarf in Unternehmen. 105
5.3 Betriebliche Ansatzpunkte 110
5.3.1 Wertschätzung Älterer als Basis 113
5.3.2 Work-Life-Balance 114
5.3.3 Kombination der Maßnahmen 116
5.3.4 Exkurs 117
5.4 Konkrete Umsetzung der Personalentwicklung. 119
5.4.1 Personalbildung 120
5.4.2 Personalförderung. 125
5.4.3 Arbeitsstruktur 129
5.4.4 Die Vereinigung der drei Säulen: Ganzheitliche Personalent-
wicklung 133
6 Beispiele ganzheitlichen Personalentwicklung aus der Praxis 139
6.1 Beispiel Age Management in Europa 139
Inhaltsverzeichnis VIII
6.2 Beispiel Lufthansa 140
6.3 Beispiel ING-DiBa AG. 142
6.4 Beispiel Gemeinschaftsinitiative EQUAL 142
6.5 Beispiel Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) 143
Res ümee. 145
Literaturverzeichnis. 148
Internetquellen 156
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 2 Auch eine Möglichkeit Veränderungen zu begegnen.
Abbildung 3 Alterspyramide heute
Abbildung 4 Alterspyramide 1910
Abbildung 5 Alterspyramide Deutschland im Zeitverlauf.
Abbildung 6 Wachstum der Weltbevölkerung 1750 - 2000.
Abbildung 7 Ergebnisse zur Umfrage: Gewünschte Kinderzahl
Abbildung 8 Meistgenannte Gründe gegen Kinder
Abbildung 9 Verlauf des Medianalters bis 2050
Abbildung 10 Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland bis
Abbildung 11 Die sechs zentralen Bereiche eines Unternehmens
Abbildung 12 Die drei Säulen der Personalentwicklung
Abbildung 13 Verschiedene Zugänge zur Personalentwicklung
Abbildung 14 Personalentwicklung in der Unternehmensstrategie.
Abbildung 15 Weiterbildung
Abbildung 16 Bildungssystem in Deutschland
Abbildung 17 Weiterbildungsziele
Abbildung 18 Betriebliche Weiterbildung im engeren und weiteren
Sinn
Abbildung 19 Vier Kompetenzen der Handlungskompetenz.
Abbildung 20 Lebensphasen nach Lewinson
Abbildung 21 Forderungen an die Personalentwicklung
Abbildung 22 Arbeitslosenzahlen 2003
Abbildung 23 Kompetenzen älterer Mitarbeiter
Abbildung 24 Vier Säulen der Work-Life-Balance
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 25 Drei Basisinstrumentarien Eingliederung älterer
Arbeitnehmer
Abbildung 26 Weiterbildungsteilnahme älterer Mitarbeiter
Abbildung 27 Gründe gegen Weiterbildungsteilnahme
Abbildung 28 Die drei Säulen des ergonomischen Arbeitens
Abbildung 29 und Abbildung 30 Personalentwicklungsmodelle im
Wandel 136,
Abbildung 31 Erfahrung ist Zukunft
Tabellenverzeichnis XI
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1 Vier Lebensphasen..................................................... 81
Tabelle 2 Leistungspotentiale jüngerer und älterer Mitarbeiter im
Vergleich ............................................................................... 95
Tabelle 3 Zu- und Abnahme der physischen und psychischen
Fähigkeiten älterer Mitarbeiter .................................................. 98
Tabelle 4 Drei Möglichkeiten zur Veränderung der Arbeitsinhalte...126
Abkürzungsverzeichnis XII
Abkürzungsverzeichnis
bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise d. h. das heißt et al. et alii ebd. ebenda ggf. gegebenenfalls Hrsg. Herausgeber i. d. R. in der Regel o. ä. oder ähnliche(s) o. g. oben genannte(n) o. J. ohne Jahresangabe S. Seite(n) sog. sogenannte(n) u. a. unter anderem u. U. unter Umständen z. B. zum Beispiel
1 Einleitung - Demografischer Wandel und Unternehmen: Eine Herausforderung unserer Zeit
Mit Schlagworten wie „demografische Zeitbombe“ oder „Vergreisung der Gesellschaft“ wird in den Medien wirksam dramatisiert, vor welchen tief greifenden Herausforderungen nicht nur Deutschland, sondern auch alle Industrienationen der heutigen Zeit stehen. Denn die absehbaren demografischen Verschiebungen nicht nur innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft sind mittlerweile in aller Munde. Stimmen aus Politik und Gesellschaft, wie auch Meinungen von Experten aus der Wirtschaft prägen den öffentlichen Diskurs.
Unter dem Stichwort „Demografischer Wandel“ betrachten Fachleute wie Laien ein Thema, das stetig mehr an Brisanz gewinnt: Der Anteil der jungen Menschen nimmt immer stärker ab, wohingegen die Zahl der Älteren weiter steigt. Der Grund hierfür ist die sinkende Geburtenrate bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung des Einzelnen. Zu diesem Konstrukt zählt auch die Dynamik der Zu- und Abwanderung, vor allem der erwerbstätigen Bevölkerung, in Deutschland. Daraus ergeben sich nicht nur personale Engpässe und mit ihnen Störungen in den betrieblichen Produktionsabläufen. Zum Problem der fehlenden Arbeits- und Fachkräfte gesellt sich zusätzlich die Schwierigkeit der Integration ausländischer Zuwanderer. Politik und Gesellschaft müssen sich also die Frage stellen, wie es ermöglicht werden kann, den entstehenden Defiziten auf dem Arbeitsmarkt und gleichzeitig den Eingliederungsschwierigkeiten der Immigranten sinnvoll zu begegnen und diese schädliche Entwicklung ins Positive umzukehren oder zu-
mindest abzuschwächen. Die Zeit drängt, denn nach vielen Jahren des kollektiven „Wegsehens“ wird nun endlich weitgehend eingesehen, welche Brisanz die zunehmende Alterung und der Rückgang der Geburtenrate für alle Bereiche des Lebens hat. Den Konsequenzen muss vor allem in der Arbeitswelt begegnet werden, denn dort ist der Demografische Wandel bereits besonders stark zu spüren.
Betriebe werden zukünftig vermehrt auf die Beschäftigung der Älteren angewiesen sein, denn dieser Teil der Erwerbsbevölkerung wird in den nächsten Jahren deutlich steigen. In der Regel liegt die Berufsausbildung dieser Personengruppe weit zurück und Weiterbildungsmaßnahmen wurden bisher kaum in Anspruch genommen. Um die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten bzw. wiederzuerlangen, müssen die 50- bis 64-jährigen, bald bis 67-jährigen, glaubt man der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion, aber zunehmend an Personalentwicklungsmaßnahmen teilnehmen. Unternehmen und Betriebe müssen also schnell lernen, mit einer im Durchschnitt älteren Belegschaft zu arbeiten und innovativ zu bleiben. Das funktioniert nur, wenn Unternehmen das Potential der älteren Arbeitnehmer erkennen, es fördern und sie in Tätigkeitsbereichen einsetzen, die für die älteren Mitarbeiter geeignet sind. Hinzu kommt die altersgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes sowie der betrieblichen Weiterbildung und strategischen Personalentwicklung, um Potentiale weiter zu fördern und generationsübergreifende Teamarbeit zu ermöglichen. Damit entstehen neue Aufgaben für das Personalmanagement und die betriebliche Bildung. Überdies sollten Firmen Wege finden, zusätzliche Arbeitskraft-Potentiale zu aktivieren, um auch in Zukunft im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Zwar schätzt man, dass dem Arbeitsmarkt erst in zehn bis zwanzig Jahren qualifizierte Fachkräfte fehlen werden, doch das Phänomen der alternden Belegschaften ist schon jetzt deutlich und der Alterungsprozess wird sich beschleunigen.
Zentrale Fragestellung dieser Arbeit wird also sein, welchen Konsequenzen Unternehmen in der Zukunft in Bezug auf eine alternde Gesellschaft gegenüberstehen und wie sie einen wertschätzenden und effektiven Umgang mit den älteren Mitarbeitern gestalten können, um lange Zeit innovativ und handlungsfähig zu bleiben.
Nach einer Erläuterung der Ursachen und Auswirkungen des Demografischen Wandels, der demografischen Entwicklung und Alterzusammensetzung, sowie der Veränderung der Bevölkerung im historischen Zeitverlauf in Kapitel 2, werden in dieser Arbeit die Ziele und Inhalte der betrieblichen Weiterbildung und Personalentwicklung in Abschnitt 3 näher beleuchtet. Danach soll in Kapitel 4 gezielt auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten älterer Beschäftigter eingegangen werden, die in dieser Arbeit im Fokus stehen. Es werden dann in Abschnitt 5 neue Möglichkeiten vorgestellt, um das Know-how und die Innovationskraft dieser Beschäftigtengruppe noch effizienter zu nutzen und sie mit dem Unternehmen und auch jüngeren Mitarbeitern zu verzahnen. Dabei geht es unter anderem um neue innerbetriebliche Einsatzmöglichkeiten und Beschäftigungsfelder für ältere Arbeitnehmer sowie neue Konzepte und Maßnahmen der betrieblichen Weiterbildung und Personalentwicklung. Neue flexiblere Arbeitszeitmodelle und ergonomische Arbeitsplatzgestaltung sind ebenfalls zentrale Eckpunkte. Durch einschlägige Beispiele in Kapitel 6 aus der Praxis werden die Konzepte zusätzlich ergänzt und diese Arbeit abgerundet.
Zur einfacheren Lesbarkeit und zum leichteren Verständnis wird in dieser Arbeit auf die geschlechterspezifische Formulierung verzichtet und nur die männliche Form verwendet. Es sind jedoch immer beide Geschlechter angesprochen.
2 Entstehung und Auswirkungen des Demografischen Wandels
Unter Demografischem Wandel versteht man vor allem zwei zentrale Aspekte: die Alterung der Gesellschaft durch eine steigende Lebenserwartung und das Schrumpfen der Bevölkerung durch den Abfall der Geburtenraten. Jedoch spielen auch die Zu- und Abwanderung der Bevölkerung hierbei eine wichtige Rolle. Dieser Prozess und seine Auswirkungen sind bereits seit Längerem zu beobachten und er lässt sich nicht mehr aufhalten. Auch wenn die Möglichkeiten zur Abfederung des Demografischen Wandels nur sehr begrenzt sind, so können die Politik und jeder Einzelne doch Weichen stellen, um diesen Verlauf zu steuern und so zu gestalten, dass Probleme zumindest vermindert werden. Der Demografische Wandel ist dabei ein Querschnittsthema, zu dessen Bearbeitung es ganz besonders auf ein koordiniertes Vorgehen von Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik, sowie der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik ankommt, das dabei auch zwischen Landes- und kommunaler Ebene abgestimmt ist. Da Anpassungsstrategien jedoch erst mit erheblicher Verzögerung wirken können, ist es wichtig, möglichst heute noch mit ihrer Umsetzung zu beginnen.
Doch wie in dieser Karikatur,
scheinen Politik und Gesellschaft bisher eher abzuwarten, was die Zukunft bringt, anstatt Handeln die Weiterentwicklung selbst mitzugestalten.
Abb. 2: Auch eine Möglichkeit, Veränderungen zu begegnen (online im Internet: www.fonflatter.de/2006/02/17/15 1-veraenderung, zuletzt besucht am 12.07.2007)
Viele Wissenschaftler haben sich schon in der Vergangenheit, wie auch in unserer Gegenwart, mit dem Thema des Demografischen Wandels auseinandergesetzt. Im Folgenden möchte ich näher auf die Ausführungen von Herwig Birg (1987, 2004a, 2004b) eingehen, der sich zentral mit der Entstehung und den Folgen des Demografischen Wandels beschäftigte. Außerdem werde ich die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) (2005) mit ihrem Memorandum zum Wandel und der Beschäftigung einfließen lassen. Diese, seit 2002 existierende Vereinigung von zahlreichen Unternehmen der Wirtschaftswelt und auch verschiedenen Bundesministerien ist in erster Linie angetreten, um die sozialen Interessen der Beschäftigten an gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen mit den wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen zu verbinden. Doch neben diesem Ziel entwickelte sich parallel die Auseinandersetzung mit der Demografischen Alterung, fokussiert auf mögliche Auswirkungen auf die Beschäftigung in Deutschland. Mit den Konsequenzen für die berufliche Bildung und Ausbildung beschäftigt sich auch das Buch des Bundesinstituts für Berufsbildung mit den Ausführungen von Hansjörg Bucher (2003). In der Bündelung verschiedenster Autoren von Georg Fahrenschon (2006) geht es zentral um Globalisierung und Demografischen Wandel, bezogen auf die Arbeitswelt von heute und morgen. Mit diesen Themen beschäftigen sich auch die Internetseite des Statistischen Bundesamtes destatis und deren digitale Veröffentlichungen 1 .
All diese Autoren sind sich in den Grundzügen über die Gründe und auch die Auswirkungen des Demografischen Wandels auf unsere Gesellschaft einig. Ich werde sie im Folgenden bündeln und kritisch hinterfragen.
1 Online im Internet unter www.destatis.de
2.1 Dimensionen der gesellschaftlichen Veränderung
Alles Leben steht unter dem Paradox, daß wenn es beim alten bleiben soll, es nicht beim alten bleiben darf.
Franz von Baader (1765-1841), dt. kath. Theologe u. Philosoph
Dieses Zitat des deutschen Philosophen von Baader bringt sehr schön auf den Punkt, dass auch innerhalb einer gewissen Starrheit eine Art Fluss herrschen muss, ansonsten lässt sich dieser konstante Punkt nicht halten. Auch die alten Griechen wussten schon, dass sich alles im Fluss befindet und interessierten sich auch deshalb für Bevölkerungsentwicklungen, sie gaben ihnen ihren Namen.
„ … ‚Demos’ heißt im Altgriechischen Volk und ‚graphein’ steht für schreiben. Demographie ist also ‚Volkschreibung’ - oder mit den Worten der Wissenschaft ausgedrückt: statistisch fundierte Bevölkerungslehre.“ (INQA 2005, S. 13)
Aus statistischer Perspektive wird also die Entwicklung der Bevölkerung eines Landes oder auch einer Region betrachtet.
„Bevölkerung ist [dabei] mehr als nur eine bloße Ansammlung von Menschen. Sie definiert sich durch die den Individuen gemeinsamen Merkmale, zum Beispiel Wohnsitz und Arbeitsstätte, und darüber hinaus durch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Beziehungen zwischen den Menschen.“ (Birg 2004b, S. 4)
Aber die Bevölkerung eines Landes, einer Region oder einer Stadt bleibt nicht immer gleich, sie ist ständigen Veränderungen und somit einem Wandel unterworfen. Hierbei existieren vier zentrale Variablen:
• die Geburtenrate,
• die Sterberate und die
• Rate der Zu- und Abwanderung.
Bei letzteren unterscheidet man zwischen der Bevölkerungsdynamik gegenüber anderen Gebieten und Regionen innerhalb eines Landes oder dem Ausland.
All diese Faktoren bestimmen nachhaltig unsere Demografie und unseren Fortbestand. Die wichtigste Rolle spielt jedoch die Geburtenrate, ob auf die Gesamtbevölkerung berechnet oder als durchschnittliche Kinderzahl der Frauen im gebärfähigen Alter betrachtet, denn die anderen drei hängen auf elementare Weise von ihr ab. Genauer beziffert bedeutet dies: eine Geburt ist linear an einen Sterbefall ge-bunden und das Leben zieht in der Regel Wohnortwechsel mit sich. Diese werden, meist gemessen in Prozentzahlen, in die Bevölkerungsstatistik des Statistischen Bundesamtes als Zu- bzw. Abwanderungen miteinbezogen. Veränderungen der Demografie verlaufen langfristig und unauffällig über Generationenwechsel hinweg und sind damit unser ständiger Begleiter. Dennoch ist heute etwas anders, denn sinkende Geburtenzahlen bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung sind die Ursache dafür, dass in Deutschland und anderen Industrienationen die Bevölkerung in einigen Jahren zahlenmäßig abnehmen und das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigen wird. (vgl. Birg 2004b)
2.2 Bevölkerungsberechnungen für die Zukunft
Doch woher wissen wir, dass es in absehbarer Zukunft weniger Kinder geben wird und dafür mehr ältere Menschen unsere Bevölkerung ausmachen? Prognosen in diese Richtung sind ein wichtiges Werkzeug, um politische wie auch gesellschaftliche Weichen in die richtige Richtung stellen zu können. Bevölkerungsvorausberechnungen stellen solche Prognosen dar und geben uns Auskunft darüber, wie sich die Bevölkerungszahl und der Altersaufbau einer Gesellschaft unter be- stimmten Annahmen entwickeln werden.
„Da sich demographische Prozesse allmählich vollziehen und auf die Bevölkerungssituation oft erst nach mehreren Jahrzehnten vollständig auswirken, werden für amtliche Bevölkerungsvorausberechnungen häufig längere Zeiträume von 30 bis 50 Jahren gewählt. Somit ist es möglich, noch unsichtbare, jedoch ‚vorprogrammierte’ künftige Veränderungen sichtbar zu machen und wichtige Frühindikatoren für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu liefern.”
(online im Internet: www.destatis.de, zuletzt besucht am 12.07.2007)
Unter den Begriff der Bevölkerungsvorausberechnung reihen sich außerdem noch etliche Unterbegriffe wie „Bevölkerungsprojektion“, „Bevölkerungsmodellrechnung“ oder auch „Bevölkerungsprognose“. Bei Letzterer ist es zentral, Annahmen mit dem Ziel zu treffen, die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens möglichst hoch und den Prognosefehler möglichst gering zu halten.
Berechnungen des Statistischen Bundesamtes
Die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes beschäftigen sich demgegenüber mit der Bevölkerungsprojektion. Diese wird seit Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts vom Statistischen Bundesamt durchgeführt und betrachtet die „Berechnung eines Prognoseintervalls, bestehend aus einer oberen, mittleren und unteren Variante.“ (Birg 2004b, S. 7) Mit Hilfe der Statistischen Ämter der Länder, die ebenfalls Vorausberechnungen, bezogen auf ihr jeweiliges Bundesland erstellen, veröffentlicht das Bundesamt in den so genannten „koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen" in regelmäßigen Abständen die aktuellen Zahlen. Für Bund und Länder sind die Ergebnisse dieser Vorausberechnungen konsistent. Die aktuellste Bevölkerungsvorausberechnung stammt aus dem Jahre 2003 und ist die zehnte dieser Art. Die Basis für die Feststellung und auch Projektion des Verlaufs der Demografischen Entwicklung für die nächsten Jahrzehnte sind zuverlässige Bevölkerungsdaten. Eine Volkszählung beispielsweise bildet den Grundstock, auf dem alle wei-
teren Berechnungen aufgebaut werden. In Deutschland gibt es seit 1987 keine genauen Informationen mehr über die Zahl und Zusammensetzung der Bevölkerung, denn damals fand die letzte Volkszählung statt. Die Geburten- und Sterbefälle werden hierzulande seither zwar lückenlos erfasst, jedoch nicht die jährliche Zu- und Abwanderung. Durch die so genannte Bevölkerungsfortschreibung kann dieses Defizit ausgeglichen und so die aktuellen Zahlen berechnet werden. (vgl. Birg 2004b) Der Grundstock der Bevölkerung, also der Bestand oder auch die Anzahl der Bevölkerungsindividuen, beruht auf dem Stand vom 31. Dezember 2001. Prognostiziert wird bis ins Jahr 2050 hinein, wobei für jedes Jahr Zwischenergebnisse präsentiert werden, die eine hilfreiche Konstruktion zur Vorausberechnung künftiger Entwicklungen bieten. (vgl. destatis)
Berechnungspraxis
Von der tatsächlichen Bevölkerung ausgehend, wird für jedes einzelne Jahr des Vorausberechnungszeitraums eine Vorausberechnung mit Gliederung nach Alter und Geschlecht durchgeführt.
„Die bereits lebenden Jahrgänge werden hierbei in die nächsthöhere Altersstufe übernommen, indem sie um erwartete Sterbefälle vermindert und um den jeweiligen Wanderungssaldo korrigiert werden. Gleichzeitig werden die Lebendgeborenen hinzugefügt, die die neu hinzukommenden Jahrgänge bilden. Die neuen Jahrgänge werden ebenfalls von Jahr zu Jahr um die erwarteten Sterbefälle und den Wanderungssaldo berichtigt.” (online im Internet: www.destatis.de, zuletzt besucht am 12.07.2007)
Mit der Schätzung der künftigen Fertilität, der Geburtenrate, kalkuliert man also im ersten Schritt eine von drei Variablen, die für eine Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung ausschlaggebend sind. Weitere Annahmen über die Mortalität, die Sterberate und über die Migration, die Wanderungsrate, müssen noch getroffen werden. Dabei wird die Anzahl der Sterbefälle (SF) mit der Zahl der Abwande-
rungen (A) summiert, um sie anschließend von der Summe aus Geburtenrate (GR) und Zuwanderungen (Z) zu subtrahieren.
Der Bezugszeitraum wird meist auf die Dauer eines Jahres festgelegt. Ist der finale Betrag positiv, handelt es sich um ein Bevölkerungswachstum (BW), andernfalls, bei einem negativen Ergebnis, um einen Bevölkerungsrückgang (BR). Ergibt die Summe den Wert Null, stagniert die Bewohnerzahl. Auch Wanderungs- und Sterbebilanz werden auf diese Weise ermittelt und so können die Bevölkerungsbewegungen aus der Bevölkerung selbst und deren bisher beobachtetem und für die Zukunft erwartetem demografischem Verhalten abgeleitet werden. (vgl. INQA 2005)
Wichtigster Punkt hierbei sind jedoch die Überlegungen und Erarbeitung dieser Annahmen. Hilfreich sind Untersuchungen von bisherigen Verläufen der eigenen Bevölkerung oder auch vergleichbarer Staaten, sowie Hypothesen über die aus heutiger Sicht wahrscheinlichen sozialen und politischen Veränderungen in der Zukunft. Dies erfordert vor allem intensive Vergangenheitsanalysen und die genaue Betrachtung der Entwicklung im Zeitverlauf, denn die Qualität der Annahmen hängt sehr stark von deren Ableitungsgrundstoff, den Beobachtungen ab. Birg (2004a, 2004b) geht davon aus, dass wenn ihr Realitätsgehalt hoch ist, auch die mit ihrer Hilfe gewonnenen Folgerungen, die Bevölkerungsvorausberechnungen, nahe an der Realität liegen. Ganz so pauschal und linear lässt sich das meiner Meinung nach nicht an- nehmen, denn Hypothesen sind stets mit Unsicherheiten behaftet.
„[Die] Ergebnisse hängen zum einen von der aktuellen Bevölkerungszahl und -struktur und zum anderen von den Annahmen zur Entwicklung der Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und der Wanderungen ab. Da der Verlauf der einzelnen Komponenten mit zunehmendem Abstand vom Basiszeitpunkt immer schwerer vorhersehbar ist, haben langfristige Bevölkerungs-vorausberechnungen einen Modellcharakter.“ (online im Internet: www.destatis.de, zuletzt besucht am 12.07.2007)
Berechnung verschiedener Szenarien
Die Spannbreite möglicher Veränderungen lässt sich erweitern, wenn man mit Hilfe alternativer Annahmen mehrere Szenarien berechnet. Dennoch muss erwähnt werden, dass unvorhersehbare Ereignisse, wie z. B. Naturkatastrophen, Krankheiten oder Kriege, oder aber auch unerwartetes generatives Verhalten der Bevölkerung 2 von einer Be-völkerungsvorausberechnung nur im geringen Maße erfasst werden können. Ziel der Bevölkerungsvorausberechnungen ist allerdings nicht, die künftige Entwicklung exakt vorherzusagen, vielmehr sollen sie zeigen, wie sich Bevölkerungszahl und -struktur unter bestimmten Voraussetzungen verändern könnten. Fehlerquellen ergeben sich immer, u. a. aus der Anzahl der illegalen Einwanderer, wie auch durch die Nichtabmeldung der ins Ausland ziehenden Menschen. So wirken sich mitunter zwei Fehler auf die Bevölkerungszahlen der amtlichen Statistik aus, deren Größe unbekannt ist. Schätzungen zufolge belaufen sich die Zahlen über nicht registrierte Einwohner, laut dem Statistischen Bundesamt, zwischen 500 000 und einer Million. (vgl. online im Internet: www.destatis.de, zuletzt besucht am 12.07.2007)
Demzufolge werden verschiedenste Prognosen bzgl. der Weltbevölkerung getroffen, ausgeweitet und wieder verworfen. Sicher kann man die Zukunft nur schwer voraussagen, und dennoch ist die Vor-
2 beispielsweise gesteigerte Geburtenrate durch die Einführung des Erziehungs- geldes o. ä.
hersage ein wichtiges Element in der sich ständig weiterentwickelnden Welt. Natürlich hängen solche Berechnungen auch von Annahmen über die künftige Entwicklung der Lebenserwartung und der Sterblichkeit ab. Man muss jedoch beachten, dass diese Annahmen einen weitaus geringeren Effekt auf das Ergebnis haben, als die Annahmen zur Geburtenrate, da dieser Wert direkt in die Statistiken einfließt. (vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 1974)
2.3 Darstellung der Bevölkerung mit Hilfe der Alterspyramide
Bevölkerungsvorausberechnungen sind, wie wir bereits erfahren haben, wichtig, um möglichen Entwicklungen der Zukunft frühzeitig gegensteuern zu können. Denn nicht nur Deutschland überaltert in den nächsten Jahrzehnten. Die ganze Europäische Gemeinschaft kämpft schon heute mit dem Einbruch der Alters- oder Bevölkerungspyramide. Diese zeigt grafisch die gegenwärtige Altersverteilung und -struktur einer Bevölkerung in verschiedenen Jahrgängen an, aufge- teilt nach Geschlecht.
Bevölkerung. Die X-Achse beinhaltet die Anzahl oder den Anteil der Menschen eines Jahrgangs (Lebensalter), wohingegen die Y-Achse das Lebensalter widerspiegelt. Durch die Anordnung der Y-Achse an den Nullpunkt der X-Achse werden in die eine Richtung der Achse die Anteile der Frauen und in die andere Richtung die der Männer dargestellt. So entstehen verschiedene grafische Formen, die in ihrer Entstehung und in den sozialen Auswirkungen unterschiedlichste Ursachen und Ergebnisse haben. In der Grafik sind beispielsweise Jahrgänge, die den Weltkriegen zum Opfer fielen, weniger stark vertreten und auch der Geburtenrückgang in den 60er Jahren durch die Einführung der Antibabypille ist gut erkennbar. (vgl. Buttler 1994)
Doch die Grafik sah früher anders aus. Zu Beginn der Erfassung demografischer Daten im Jahre 1871 zeigte sich die klassische Form der Altersverteilung, optisch als Pyramide beschrieben, daher auch der
Name. Damals übertraf die Geburtenrate stets die Sterberate, so dass eine breite Basis an Nachkommen entstand.
„Die hohe Zahl der Kinder und Jugendlichen bildete den breiten Sockel, die wenigen ‚Methusaleme’ die dünne Spitze der Pyramide, und dazwischen lagen die mittleren Jahrgänge.“ (INQA 2005, S. 13)
(online im Internet: www.hirnliga.de/images/demographie.gif, zuletzt besucht am
Lange Zeit galt diese Struktur der Alterspyramide als die beständige Form der Bevölkerungsstruktur. Sie überdauerte nicht nur die Weimarer Republik und auch den Zweiten Weltkrieg, sie reichte weit hinein in die Bonner Demokratie. Doch Anfang der 1970er Jahre setzte der Demografische Wandel ein: die Pyramide verlor ihre klassische Form, drehte sich um 180 Grad und ein Ungleichgewicht entstand. Der Baby-Boom der 50er Jahre mit ihren 2,5 Kindern pro Frau war vorbei, hatte sich auf nur noch 1,4 Geburten eingependelt und blieb bis heute relativ stabil. Die Spitze der Pyramide wurde durch die gestiegene Lebenserwartung und die gute medizinische Versorgung immer mas-
siver und symbolisierte nicht zuletzt den gestiegenen Wohlstand der Nation. Ein Paradox, das in Punkt 2.4.3 noch näher erläutert wird. Diese Entwicklung hält nach wie vor an; die ehemalige Alterspyramide verwandelt sich mehr und mehr in einen „Pilz“. Zahlenmäßig schrumpft unsere Bevölkerung, in der vor allem der Anteil jüngerer Menschen zurückgeht, wohingegen die Zahl der älteren Bevölkerung stetig steigt. (vgl. INQA 2005)
Abb. 5: Alterspyramide Deutschlands im Zeitverlauf (online im Internet:
www.hirnliga.de/images/demographie.gif, zuletzt besucht am 12.07.2007)
Und obwohl die Prognosen der Bevölkerungsentwicklung schon seit weit mehr als 40 Jahren bekannt sind, werden die Auswirkungen in weiten Teilen der Gesellschaft und auch Politik noch nicht als höchst brisant erkannt und somit unterschätzt. Nicht zu ignorieren ist jedoch die Tatsache, dass der Demografische Wandel zu erheblichen Proble- men in fast allen Bereichen von Staat und Gesellschaft führen wird.
Im Bildungs-, Beschäftigungs- und auch im Rentensystem werden wir in absehbarer Zeit auf massive Defizite stoßen. 3
Um das Verständnis des Demografischen Wandels unserer Zeit zu erhöhen, sollten wir deshalb einmal den historischen Verlauf der Bevölkerungsentwicklung genauer betrachten.
2.4 Entwicklung der Weltbevölkerung
Trotz unvollständiger Datensätze, Volkszählungen und fehlerbehafteter Bevölkerungsstatistiken gibt es gut fundierte Schätzungen über die Entwicklung der Weltbevölkerung der Vergangenheit. Die internationale Forschung mit ihren zahlreichen intensiven Untersuchungen machte diese Datenerhebungen möglich.
2.4.1 Historischer Verlauf
In den ersten 18 Jahrhunderten nach Christi Geburt nahm die Weltbevölkerung nur langsam zu. Die Daten beziffern ein Wachstum von 200-400 Millionen Menschen im Jahre Null auf eine Milliarde Menschen um 1800. Durch eine geringe Lebenserwartung, Krankheiten, aber auch Kriege war kein starkes Wachstum möglich, anders jedoch in den letzten beiden Jahrhunderten. Explosionsartig beschleunigte sich das Wachstum zur Zeit der Industrialisierung. 1926 waren bereits zwei Milliarden Menschen auf der Erde. Keine 35 Jahre später, ca. 1960, wurde die Grenze von drei Milliarden Menschen überschritten. (vgl. Birg 2004b)
„ … und für die vierte, fünfte und sechste in den Jahren 1974, 1987 und 1999 [wurden] nur noch 14, 13 bzw. zwölf Jahre benötigt.“ (Birg 2004b, S. 5)
3 mehr dazu im Gliederungspunkt 2.6.
Folgende Grafik zeigt das noch deutlicher.
Früher galt die Einwohnerzahl eines Staates als untrügliches Zeichen für dessen Wohlstand. Sie war gleichbedeutend mit wirtschaftlicher Kraft und guten politischen Gegebenheiten. Das Land wurde gut regiert und die Staatseinnahmen waren hoch. So wurden z. B. im 18. Jahrhundert in weiten Teilen Europas ganz spezielle Maßnahmen der Bevölkerungspolitik eingeführt. Man versuchte durch die Förderung von Geburten, den Ausbau des medizinischen Versorgungssystems und ein Verbot der Auswanderung die Bewohnerzahlen zu steigern. Dies hatte Erfolg: in den heutigen Industrieländern war im Zeitraum von 1750 bis 1850 die Wachstumsrate zehn- bis zwanzigmal so hoch wie die Wachstumsrate im gleichen Zeitraum in Afrika. Die jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung Europas stieg innerhalb von nur 50
Jahren von 0,44 auf fast das Doppelte, nämlich 0,79 Prozent an, wohingegen die Wachstumsrate im Rest der Welt nur von 0,43 auf 0,54 Prozent kletterte. Die Bevölkerung wurde mehr und so stieg auch die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Die Landwirtschaft musste ausgeweitet werden um die Masse an Menschen ernähren zu können. Außerdem stieg das Einkommen und mit ihm der volkswirtschaftliche Wohlstand. Hinzu kamen Fortschritte in den Bereichen der Hygiene und medizinischen Versorgung, die die Sterblichkeitsrate senkte und die damit verbundene Lebenserwartung erhöhten. In dieser Zeit waren Kinder noch zentraler Bestandteil der Altersversorgung ihrer Eltern. Durch die Bismarckschen Sozialreformen um 1880 in Bezug auf Alters-, Unfall- und Krankenversicherung ging die Bedeutung der Kinder in diesem Kontext allmählich, aber kontinuierlich zurück. (vgl. INQA 2005)
2.4.2 Die Trendwende des 20. Jahrhunderts
Doch der Wendepunkt kam Mitte des 20 Jahrhunderts. Im Zeitraum von 1965 bis 1970 wurde der Scheitelpunkt mit seiner damaligen maximalen Bevölkerungswachstumsrate in Deutschland von 2 Prozent erreicht. Heute liegt sie bei etwa 1,2 Prozent und hat nach wie vor fallende Tendenz. Die Weltwachstumsrate hingegen stieg unaufhörlich weiter, wohingegen die Rate in Europa weniger schnell stieg. Ende der 70er Jahre war Deutschland das Land mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt 4 . Aber es blieb nicht lange allein an der Spitze. Mit 10 bis 20 Jahren „Verspätung“ folgten Deutschland die anderen europäischen Länder. Inzwischen wurde der zweifelhafte Thron von außereuropäischen Staaten wie Japan oder Hongkong übernommen. Aber auch Länder im Süden oder Osten Europas gehören heute zu den Ländern mit sehr niedrigen Geburtenraten. (vgl. INQA 2005)
4 1,4 Geburten pro Frau
In Deutschland werden derzeit pro Frau ca. 1,4 Kinder geboren, wohingegen in Deutschland lebende Frauen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, 1,9 Kinder zur Welt bringen. Mit diesem Ergebnis übertreffen sie sogar den europäischen Durchschnitt von 1,5 Kindern je Frau. Doch betrachtet man den kompletten Globus, zeigt sich, dass selbst diese Rate noch gering ist, denn weltweit liegt die Geburtenrate pro Frau bei 2,7. In den Berechnungen der UN wird diese Zahl bis 2050 auf 2,0 sinken. Grund scheint auch hier das demografische Paradox 5 zu sein. Andere Quellen rechnen mit einem noch dramatischeren Einbruch auf 1,54 Geburten pro Frau. Um die Bevölkerungszahlen konstant zu halten, müsste jede gebärfähige Frau auf der Welt jedoch 2,23 Lebendgeborene entbinden. (vgl. Birg 2004b)
„Dadurch wird die Zahl die Geburtenbilanz und die natürliche Wachstumsrate der Bevölkerung immer kleiner und schließlich negativ.“ (Birg 2004b, S. 18)
Jugendschwund wird durch Geburtendefizite hervorgerufen, so dass die Gesellschaft insgesamt „älter“ wird. Er ist am Alterungsprozess der Bevölkerung mit zwei Dritteln beteiligt.
"Da die nicht geborenen Kinder zwanzig oder dreißig Jahre später, wenn sie selbst Kinder gehabt hätten, als Eltern fehlen, setzt sich der Prozess der Bevölkerungsschrumpfung automatisch von Generation zu Generation fort.“ (ebd., S. 18)
Zusätzlich wirkt sich also noch diese Trägheit oder auch Eigendynamik auf die Bevölkerungsentwicklung aus, und vor allem auf deren Schrumpfung in den nächsten Jahrzehnten. Dieser Effekt der demografischen Prozesse ist für viele Jahre unumkehrbar. Gleichzeitig sollte auch die steigende Lebenserwartung in die Beobachtung und Messung mit einfließen. Auch wenn ihr Ausmaß geringer und die Konsequenzen für die Bevölkerungszahl nicht so ausschlaggebend sind, wie
5 siehe Punkt 2.4.3
die der Geburtenrate. Dass die Lebenserwartung auf dem gesamten Globus stetig steigt, ist der besseren Hygiene, der Versorgung mit sauberem Wasser und natürlich auch der Medizin zu verdanken.
„ … [Sie] hat sich beispielsweise in Deutschland bei den Frauen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 21. Jahr-hunderts von rund 40 auf 81 Jahre und bei den Männern von rund 35 auf 76 Jahre mehr als verdoppelt.“ (ebd., S. 17)
Diese Zahlen mildern den Bevölkerungsrückgang natürlich ab, stoppen können sie ihn aber nicht.
2.4.3 Demografisch-ökonomisches Paradox
Doch aus welchen Gründen werden immer weniger Kinder auf unserer Welt geboren? Folgendes lässt sich hierzu über die demografische Geburtenentwicklung in der Vergangenheit sagen:
„Je rascher die sozio-ökonomische Entwicklung eines Landes voranschritt und je höher der Lebensstandard stieg, desto niedriger war die Geburtenrate, gemessen durch die Zahl der Le-bendgeborenen pro Frau.“ (Birg 2004b, S. 12)
Dieses Paradox wurde von vielen Wissenschaftlern betrachtet, mit dem Versuch, rationale Erklärungen dafür zu finden. Eine mögliche Begründung ist die Theorie der Opportunitätskosten. Kindern wird dieser zufolge das vorgestellte entgangene Einkommen der Eltern gegenübergestellt und es wird abgewogen, welche Alternative für das Paar tragbar und erstrebenswert erscheint und welche nicht. Laut Birg liegt das zentrale Argument der Opportunitätskostentheorie darin, dass meist die Frau gezwungen ist, sich entweder für einen Beruf und die Karriere oder für Kinder zu entscheiden. Mangelnde Betreuungseinrichtungen spielen dabei eine große Rolle, genauso wie die Höhe des möglichen Einkommens, bzw. dessen Verlust.
Dieser Verlauf der rückläufigen Geburtenraten und der Entwicklung eines Landes ist auf der ganzen Welt zu betrachten. Aber nicht nur
ein gestiegenes Einkommen ist hierfür verantwortlich, auch eine Reihe anderer Faktoren leisten ihren Beitrag dazu. Vor allem
„ … der weltweite Prozess der Verstädterungen, … ein erleichterter Zugang zu Bildung und Ausbildung, Fortschritte bei der rechtlichen und materiellen Gleichstellung der Frau und Zurückdrängung der traditionellen, häufig von der Religion gestützten Geschlechterrollen“ (ebd., S. 13)
leisten hierzu einen großen Beitrag. Diese Kette an Veränderungen hat nun also dazu geführt, dass die Geburtenraten in den Industrieländern im Durchschnitt von 2,7 im Jahre 1960 auf 1,9 in 2000 gesunken ist. In den Entwicklungsländern hat sie sich in dieser Zeitperiode sogar fast halbiert, von 6,0 auf 3,1. Daraus ergibt sich dann in der Weltbetrachtung eine Senkung der Geburtenrate von 5,0 auf 2,8 Lebendgeborene pro Frau. (vgl. Birg 2004b)
2.4.4 Exkurs
Laut einer Umfrage der Zeitschrift Stern, McKinsey, ZDF und AOL im Jahre 2004 ist der tatsächliche Hauptgrund für die Kinderarmut in Deutschland die Furcht vor den durch Kinder verursachten Kosten, sowie die beruflich entstehenden Nachteile. 450 000 Menschen nahmen an der Gesamtumfrage "Perspektive Deutschland" teil. Zu dem Thema „Kinder“ wurden Frauen im Alter zwischen 16 und 44 Jahren befragt. Die ideale erwünschte Kinderzahl war im Schnitt 1,78 pro Frau. Die reale Zahl liegt in Deutschland allerdings bei 1,4.
Abb. 7: Ergebnisse zur Umfrage: Gewünschte Kinderzahl (online im Internet: www.stern.de/politik/perspektivedeutschland/523002.html?p=3&nv=ct_cb&eid=50 1574, zuletzt besucht am 12.07.2007)
Folgende Tabelle zeigt die vorherrschenden Gründe, die für die befragten Frauen subjektiv gegen Nachwuchs sprechen.
Arbeit zitieren:
Stefanie Heimann, 2007, Konsquenzen des Demografischen Wandels für die personalentwicklung und betriebliche Weiterbildung, München, GRIN Verlag GmbH
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