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Zum Verständnis 3
Archäologie und Kultur 4
Was ist Kultur? 7
Der Kulturwandel 10
Ethnos und Ethnogenese 12
Zur Begriffsklärung 14
Ethnische Prozesse, ethnische Differenzierung 18
Zum Abstammungstopos der Goten 21
1. Vorkaiserzeitliche Einwanderung? 22
2. Zuwanderung in die gotische Bevölkerung? 25
3. Literatur und Quellen zum Abstammungstopos der Goten 28
Anmerkungen 29
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ZUM VERSTÄNDNIS
Die wissenschaftliche Diskussion des Begriffs „Kulturwandel“ - gleich ob aus archäologischer oder soziologischer Sicht - setzt eine möglichst genaue Definition von „Kultur“ voraus. Es macht keinen Sinn, über einen Kulturwandel zu sprechen, wenn nicht vorher auch Kultur begrifflich erfasst ist.
Gleichsam wird der Begriff des Kulturwandels mit der Erklärung des Kulturbegriffs beleuchtet, so dass die Erklärung des Kulturwandels mit der sorgfältigen Untersuchung und Eingrenzung von Kultur de facto bereits gegeben ist. Anzumerken ist, dass Rahmen und Umfang einer solchen Arbeit nicht geeignet sind, ein wirklich (all-)umfassendes Bild des Themas zu zeichnen: Letztlich müssten hierfür sämtliche archäologischen Forschungsinhalte dargelegt werden, da archäologische Forschungen schließlich „Kultur“ und/oder „Kulturwandel“ besser verständlich und erklärbar machen wollen.
Das Hauptaugenmerk im ersten Teil dieser Arbeit wird also darauf gerichtet sein, eine Definition des Kulturbegriffs ausfindig zu machen. Es werden demnach in der Hauptsache (kultur-) soziologische Aspekte und Thesen herangezogen und für eine sinnvolle Auswertung des Themas (auch) aus archäologischer Sicht beliehen werden.
Im zweiten Teil der Arbeit wird eine Differenzierung der Begriffe „Ethnos“ und „Ethnogenese“ und damit die Klärung weiterer Begriffe, nämlich „Volk“, „Stamm“ und „Nation“, versucht.
Zuletzt sollen anhand des Abstammungstopos der Goten die Ergebnisse überprüft werden und die Definitionsschwierigkeiten illustrieren.
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ARCHÄOLOGIE UND KULTUR
Archäologische Untersuchungen sind gleichsam Untersuchungen von Kultur in irgendeiner Form:
Es sind Forschungen, die sich mit gesellschaftlichen Aspekten befassen. In diesem Zusammenhang wäre es fast überflüssig, überhaupt auf den Kulturbegriff hinzuweisen, da er verwurzelt ist mit dem Selbstverständnis aller historischen Wissenschaften.
Die Archäologie untersucht Architektur, Kunst, Werkzeug, auch organisches Material, mit einem Wort alles das, was im weitesten Sinne Fund bzw. Befund ist. Diese Dinge jedoch sind für den Archäologen in erster Linie ja nicht „aus sich selbst heraus“ interessant, sondern weil er sich von ihnen Informationen über die Vergangenheit erhofft, mit dem Ziel, den und die Menschen dieser Zeit kennen zu lernen. Das wiederum heißt aber, dass jeder archäologische Fund dazu beitragen soll, soziologische, soziale und gesellschaftliche, sogar psychologische Phänomene des Vergangenen zu erklären. Es sei vorläufig unterstellt, dass sich alle diese Faktoren unter dem Sammelbegriff „Kultur“ wiederfinden werden. Dies führt zu einer - sehr vereinfachten - Arbeitsthese, nämlich der Gleichung „Archäologie = Untersuchung von Kultur“.
Insbesondere im Beschäftigungsfeld der klassischen Archäologie hat es sich als sinnvoll erwiesen, die Datierung von Kulturepochen mit den Techniken in der Kunst, vor allem der Großplastik und der Vasenmalerei, zu vernetzen. Hier gibt es Methoden, die es dem klassischen Archäologen ermöglichen, ein Stück mehr oder weniger genau zeitlich einzugrenzen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll noch einmal darauf zurückgekommen werden.
Diese guten Datierungsmöglichkeiten und eine inzwischen relativ dichte und gut belegbare Chronologie etwa in der griechischen Kunst bieten eine gute Ausgangssituation für historisch-soziologische Betrachtungen „eines Volkes“. Leider liegen auch gewisse Gefahren hierin. Wenn der vermeintlich hohe Informationsstand über die „Kultur“ der einzelnen Epochen fast ausschließlich auf Kenntnissen beruht, die aus kunsthistorischen Betrachtungen gewonnen wurden, muss eine Übertragung auf soziale Strukturen ungenaue oder falsche Erkenntnisse zur Folge haben.
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Des weiteren ist darauf zu achten, dass es sich bei modernen Chronologien immer, nicht nur in der klassischen Archäologie, nur um Modelle handelt, die veranschaulichen wollen, dass sich zwischen zwei Zeitstufen „kulturell“ etwas geändert hat. Sie bieten ja nicht etwa zeitgenössische Bezeichnungen für eine aktuell empfundene Zugehörigkeit zu den entsprechenden Perioden. Kein Europäer des 5. vorchristlichen Jahrhunderts wird sich gefragt haben, ob er noch in Tradition der jüngeren Hallstatt-Kultur steht oder sich schon in die junge La Tène - Zeit rechnen kann, beziehungsweise, wenn von einem griechischen Vasenmaler die Rede ist, ob er seine Kunst nun als spätarchaisch oder schon als frühklassisch anpreisen soll.
Dieses etwas zynische Beispiel soll nicht mit einem Schlag alle Periodisierungs-Versuche der historischen Wissenschaften verdammen. Vielmehr soll ihr wahrer Stellenwert beleuchtet werden: Ein solches Zeitstufenmodell kann bestenfalls bestimmte kulturelle Vorgänge, wie zum Beispiel die erstmalige allmähliche Verwendung von Eisen als Wendepunkt zur Eisenzeit, als abstrakte Grenze und vor allem als einigermaßen willkürliches Kriterium zur Unterscheidung zweier Zeitstufen einführen.
Ein ebensolches Modell muss - schon aus Gründen der Übersichtlichkeitvereinfachen und extrahieren, das heißt die einen kulturellen Vorgänge in den Vordergrund stellen, die anderen vernachlässigen. Nur so lassen sich die genannten Grenzen ziehen.
Natürlich ist unbestreitbar, dass sicherlich auch die Menschen in ihrer Zeit ein gewisses Empfinden dafür hatten, eine neue „Stufe“ erreicht zu haben, es blieb ja nicht unbemerkt, wenn am Beispiel der Eisenzeit ein derart hochwertiger neuer Werkstoff entdeckt wurde. Auch neue Kunststile, etwa ikonographische Veränderungen im klassischen Griechenland, wurden, einmal von einem Künstler oder einer Werkstatt eingeführt, gerne übernommen und als neue Maßgabe betrachtet, so dass auch hier mitunter von epochalen Wenden gesprochen wird. Der zeitgenössische Beobachter jedoch mag zwar, wie gesagt, das Novum etwa im Kunststil oder im Werkstoff oder in diversen Herstellungstechniken, vielleicht sogar manchmal in der Kleidermode registriert haben, aber fühlte er sich deshalb notgedrungen als Bestandteil einer neuen Epoche? Wenngleich etwa neue Kunststile wie seinerzeit der rotfigurige Stil um 530 v.Chr. möglicherweise im öffentlichen
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Interesse gestanden haben mögen, so ging doch das restliche (kulturelle) Leben seinen gewohnten Gang.
Problematisch bleibt also, dass eine solche moderne wissenschaftliche Chronologisierung immer nur Teile kulturellen Wirkens betrachtet und durch seinen Modellcharakter nur sehr bedingt einsetzbar ist, „Kultur“ zu beleuchten.
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WAS IST KULTUR?
Kultur - 1. Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Äußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes, 2. Bildung, verfeinerte Lebensart, 3. Bebauung des Bodens 1
Kultur - Das seit dem 17.Jh. bezeugte, aus lat. cultura: „Landbau, Pflege (des Körpers und Geistes)“ entlehnte Substantiv wurde von Anfang an im Sinne von „Felderbau, Bodenbewirtschaftung“ einerseits [...] und „Pflege der geistigen Güter“ andererseits [...] verwendet. 2
Wenn man Wolfgang Lipp glauben darf, dann „findet Kultur allerorten statt“. 3 Dies zu belegen, sei das Anliegen kulturwissenschaftlicher und kultursoziologischer Forschung.
Im Gegenschluss lässt sich also davon ausgehen, dass Kultur eben nicht beschränkt ist auf bestimmte gesellschaftliche Einzelfunktionen, die sogenannten „schönen Künste“ etwa, sondern weit darüber hinausgeht. Der „klassische Kanon“ (Lipp) reicht lange nicht aus, den Begriff „Kultur“ zu beschreiben oder gar allgemeingültig zu definieren.
Dass heute Theater, Musik, Literatur oder bildende Künste nur einen Teilaspekt von Kultur ausmachen, findet seine Kongruenz in der Geschichte: Die antike Vase, die eisenzeitliche Klinge können kein vollständiges Abbild zeitgenössischer Kultur geben. Kultur wirkt grundsätzlich auf allen sozialfunktionalen Ebenen, zu nennen sind etwa die Bereiche Religion, Wirtschaft, Herrschaft, Familie, Hilfsgemeinschaft und Bürokratie. 4
Wird also Kultur untersucht, wird eine Auseinandersetzung mit Riten, Moden und Lebensstilen erforderlich, mit einem Wort ist ein Blick weit in das alltägliche Dasein notwendig, der sich bis hin etwa zu Trinksitten (Lipp) erstrecken kann.
Ein weiterer Aspekt ist von Bedeutung: Die Verwirklichung, die Aneignung von Kultur muss als offener Prozess verstanden werden. Demgegenüber ist auszuschließen, dass Kultur einem gegebenen kulturellen Lebenszusammenhang entspräche, etwas „Einheitliches, Ganzes sei, das von [...] immer identischen Sinnbezügen reguliert würde“. 5
„Sinn“ und „Sinnverflechtung“ als bedeutende kultursoziologische Kategorien haben dementsprechend entscheidende Bedeutung für die Deutung einer Kulturkomplexität: Lipp sieht Kultur in erster Linie als „Verflechtungszusammenhang“, als
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„ausstrahlende sinnradiative Kraft“ 6 , deren Aufgabe es ist, funktional und sachlich divergierende Teilkomplexe des allgemeinen Lebens zu einer sinnhaften gegenseitigen Überlagerung zu führen. Scheinbar sich ausschließende Elemente, wie Religion und Wirtschaft oder Fremde und Einheimische, gehen so in Reaktion zueinander, werden also „vermittelt“.
Im landläufigen Umgangssprachgebrauch finden sich immer wieder zwei populäre Interpretationen des Kulturbegriffes. Zum einen meint man mit „Kultur“ oder gar „Kulturgut“ die Errungenschaften namentlich der „schönen“ oder „hohen“ Künste eines Volkes, im Einzelnen also Werke beispielsweise populärer Schriftsteller, Komponisten oder Maler.
Eine zweite häufig genannte Assoziation ist der moderne Begriff des „Kulturvolkes“, und hiermit meint man jene Gemeinschaften, die ihr Leben abseits etwa der modernen technischen Entwicklungen nach „althergebrachten Sitten und Gebräuchen“ ausrichten.
Beide Interpretationen implizieren eine Identifizierung von Kultur mit Tradition. Wer cultura mit „Pflege (der geistigen Güter)“ übersetzt, erhält im wesentlichen das gleiche Ergebnis.
Die Kultursoziologie nennt dieses Phänomen „Rekurrenz“. Diese sei laut Lipp nicht nur typisch, sondern konstitutiv. Demnach handelt es sich bei Traditionen mithin in aller Regel nicht um einfache Überbleibsel vergangener kultureller Inhalte. Vielmehr können diese scheinbar veralteten Wertkomplexe sich „geschichtlich regenerieren“, und sich mit gleichen Inhalten dem aktuellen Diskurs anschließen. Die Rekurrenz verbürgt eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. 7
Es lässt sich also sagen, dass Kultur in der Tat auch Traditionspflege bedeutet. Ein Widerspruch zum vorher Gesagten lässt sich hieraus jedoch nicht ableiten, denn auch die Tradition ist nicht im Sinne einer statischen Überlieferung oder eines plumpen Nachahmens zu verstehen.
Es handelt sich vielmehr erneut um eine Verflechtung: Hier werden über den „Mittler“ Kultur die Tradition mit dem Innovativen vermittelt.
Arbeit zitieren:
M.A. Andreas Galk, 2001, Ethnogenese und Kulturwandel - Der Versuch einer Begriffsklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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