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Scholarly Essay, 2007, 12 Pages
Author: Dipl.-Phys. Günter Meserle
Subject: Mathematics - Stochastics
Details
Tags: Bedeutung, Wahrscheinlichkeit, Ereignisses, Zufallsexperiment
Year: 2007
Pages: 12
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-08869-0
File size: 155 KB
Locker und leicht spricht man den verschiedensten Ereignissen eine Wahrscheinlichkeit zu, zumal deren Berechnung in den allermeisten Fällen einsichtig und mathematisch gesichert ist. Des weiteren erweist es sich natürlich als sinnvoll, mathematisch nicht widerlegbaren Zahlenwerten uneingeschränkt zu vertrauen. Jedoch: Wir sollten dabei bedenken, ob wir mathematische Aussagen auch stets so interpretieren, wie sie gemeint sind. In einem speziell vorliegenden Einzelfall d.h. bei der Durchführung eines einzelnen Zufallsexperiments besteht durchaus die Gefahr, der Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines bestimmten Ereignisses allzu viel Bedeutung beizumessen und damit deren Aussagekraft weit zu überschätzen. Der folgende Artikel setzt sich mit diesem Problemkreis auseinander. Dabei wurde die Treffer-Wahrscheinlichkeit der Bernoullikette zur Temperatur des idealen Gases in Beziehung gesetzt. Beide beschreiben in gegenseitig sich entsprechenden Formeln markante Mittelwerte und drängen sich dadurch förmlich zu einer analogen Betrachtung auf.
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Fulltext (computer-generated)
Günter Meserle
Die Bedeutung der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses
bei einem einzelnen Zufallsexperiment
von Günter Meserle
·
Dipl.-Phys.
·
StD i. R.
Locker und leicht spricht man den verschiedensten Ereignissen eine Wahrscheinlichkeit zu, zumal deren Berechnung
in den allermeisten Fällen einsichtig und mathematisch gesichert ist. Des weiteren erweist es sich natürlich als
sinnvoll, mathematisch nicht widerlegbaren Zahlenwerten uneingeschränkt zu vertrauen.
Jedoch:
Wir sollten dabei bedenken, ob wir mathematische Aussagen auch stets so interpretieren, wie sie gemeint sind.
In einem speziell vorliegenden Einzelfall d.h. bei der Durchführung eines einzelnen Zufallsexperiments besteht
durchaus die Gefahr, der Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines bestimmten Ereignisses allzu viel Bedeutung
beizumessen und damit deren Aussagekraft weit zu überschätzen.
Der folgende Artikel setzt sich mit diesem Problemkreis auseinander.
Dabei wurde die ,,Treffer-Wahrscheinlichkeit" der Bernoullikette zur ,,Temperatur" des idealen Gases in Beziehung
gesetzt. Beide beschreiben in gegenseitig sich entsprechenden Formeln markante Mittelwerte und drängen sich
dadurch förmlich zu einer analogen Betrachtung auf.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 2
2. Gastheorie und Bernoulikette gehen sprachlich und inhaltlich völ ig konform 3
3. Gastheorie und Bernoul ikette trennen sich sprachlich bleiben aber inhaltlich konform 7
4. Zusammenfassung 9
5. Verwendete Literatur und Anmerkungen 11
2
1. Einführung
Stel en wir uns folgende Situation vor:
Ein Arzt berichtet einem Patienten, dass der HIV-Test, der eine generel e Sicherheit von 99,9%
verspricht, ein positives Ergebnis erbracht habe. Er führt weiter aus: die ,,Risikogruppe", der er
angehöre, bestünde aus 82 Mio. Deutschen, von denen zur Zeit (nach gesicherter Experten-
schätzung) 50 Tsd. das Virus in sich tragen. Deshalb sei die Wahrscheinlichkeit nur 38%, dass er
unter den vorliegenden Gegebenheiten (Zugehörigkeit zu dieser Gruppe und positives Test-
ergebnis) tatsächlich HIV-infiziert sei. 1*)
Nun, was kann der Patient mit dieser Information auf seinen persönlichen Fall bezogen
eigentlich anfangen? Oder al gemein gefragt:
Welche Aussagekraft hat das Wahrscheinlichkeitsmaß eines Ereignisses in einem speziell
vorliegenden Einzelfall?
Um darauf eine Antwort zu finden, wollen wir die Bernoullikette betrachten, da man bei ihr am
eindrucksvollsten die Veränderungen wesentlicher Größen beim Übergang von der Vielzahl zum
Einzelfall sehr deutlich demonstrieren kann. Ferner wol en wir eine Analogie zwischen der
Temperatur eines idealen, einatomigen Gases aus dem Bereich der Statistischen Physik
(einerseits) und der Trefferwahrscheinlichkeit in einer Bernoullikette (andererseits) aufzeigen.
Diese Betrachtung zeigt deutlich, dass einem Ereignis zwar per definitionem eine Wahr-
scheinlichkeit zugeordnet wird, dass diesem Zahlenwert aber, in einem speziel vorliegenden
Einzelfall, herausgelöst aus der Vielzahl gleichartiger Versuchsdurchführungen, bezüglich seines
Eintretens bzw. Nichteintretens eine sehr geringe Aussagekraft zukommt. Zu diesem Ergebnis
gelangt man natürlich auch aus rein mathematischer Sicht ohne Umweg über die physikalische
Gedankenwelt. Doch bietet der hier aufgezeigte Weg den Vorteil, dass die entscheidende
Schlussfolgerung von der physikalischen Sprache und Denkweise gestützt wird; zumal die
physikalische Ausdrucksweise in diesem Punkt konsequenter und verständlicher als die
mathematische ist und mit der Al tagssprache besser harmoniert als die Sprache der Mathematik.
In der linken Spalte betrachten wir jeweils die Beschreibung der Gastheorie und in der rechten
die analoge Situation der Bernoullikette. Die mit den Zeichen bzw. versehenen (paral el
geführten) Abschnitte zeigen die sich entsprechenden mathematischen Ansätze auf, während die
mit einem Punkt · eingeleiteten (ebenfalls nebeneinander gestel ten) Sätze den einzelnen analo-
gen Deutungen nachgehen.
Zusammengefasste Gegenüberstellung der verwendeten analogen Begriffe:
gesamtes Gas gesamte Bernoullikette
einzelnes Teilchen (Atom) einzelnes Bernoul iexperiment
N Teilchenzahl des Gases n Länge der Bernoul ikette
T0 Gastemperatur p0 Trefferwahrscheinlichkeit
U Zufal sgröße: Innere Energie des Gases Z Zufal sgröße: Trefferanzahl der Bernoullikette
E(U) ... Erwartungswert oder Mittelwert von U E(Z) Erwartungswert von Z
EKin, .. kinetische Energie des
Ereignis des
-ten Teilchens X
-ten Bernoulliexperiments
U Ergebnis der
Ergebnis der
-ten Messung von U Z
-ten Messung von Z
<U> Mittelwert aus m Messergebnissen von U <Z> Mittelwert aus m Messungen von Z
<U>... mittlere Quadratische Abweichung Standardabweichung (Streuung)
<EKin>.. mittlere kinetische Energie pro Teilchen <E(Z):n> mittlere Trefferzahl pro Bernoul iexperiment
<TAtom> mittlere Temperatur pro Teilchen (
wurde
<peinzel> mittlere Trefferwahrscheinlichkeit pro Ber-
nicht
definiert
) noul iexperiment (
wurde
nicht definiert
)
3
2. Gastheorie und Bernoullikette gehen sprachlich und inhaltlich völlig konform
Gastheorie
Bernoullikette
Die Zufal sgröße U beschreibt die innere
Die Zufallsgröße Z beschreibt die Anzahl der
Energie (in Joule) eines einatomigen, idealen Ga-
Treffer einer Bernoul ikette mit der Trefferwahr-
ses mit der Temperatur T0.
scheinlichkeit p0.
· Die Teilchenzahl ist N.
· Die Kettenlänge ist n.
· Die Zufal sgröße U ist eine stetige2*) Funktion mit
· Die Zufal sgröße Z ist eine diskrete5*) Funktion mit
der Wertemenge
W
der Wertemenge
. Sie lässt sich mittels der
U
R+
. Sie lässt sich mittels
WZ
N0
der
Wahrscheinlichkeits-Dichtefunktion 3*) f und
D
Wahrscheinlichkeits-Funktion 6*) g und
=
f
=
Dg
R
be-
R
beschreiben.
schreiben.
· Die Theorie4*) der Statistischen Physik ist mathe-
· Der mathematische Hintergrund der Stochastik
matisch wegen der sehr großen Zahl der Gasatome
(bzw. der Wahrscheinlichkeitsrechnung) ist durch die
etwas aufwändig (aber faszinierend trickreich in ih-
Binomialverteilung7*) gegeben und ist somit relativ
ren Abschätzungen).
einfach.
Für den Erwartungswert E(U) gilt:
Für den Erwartungswert E(Z) gilt:
E(U) = cGas N T0
E(Z) = cKette n p0
Im SI-Einheitensystem und unter Verwendung der
Der Proportionalitätsfaktor ist: cKette = (1).
Boltzmannkonstante k ist: cGas = (3/2 k).
Den Faktor (1) verwenden wir ausdrücklich, um die
Analogie zwischen ,,links" und ,,rechts" deutlich
E(U) = (3/2 k)
N
T
herauszustel en. Siehe auch (weiter unten) einen
0
dazu passenden, interessanten Gedanken von Ri-
In der Physik schreibt man dafür:
chard Feynman. Damit ergibt sich:
·
<U> = (3/2 k)
N
T
·
E(Z) = (1)
n
p
(G2)
0
(G1)
0
Ein Wort zur Anwendung der Fachbegriffe:
In der Wahrscheinlichkeitsrechnung sind die Bezeichnungen
,,Erwartungswert E(...) "
8*) und
,,Standardab-
weichung
(oder
Streuung
)
"
9*) üblich. In der Physik verwendet man für denselben Sachverhalt die Aus-
drücke
,,Mittelwert <...> "
10*) und
,,mittlere quadratische Abweichung <
...> "
11*). Ferner benützt die Physik
anstelle des Begriffs ,,Varianz von ..." den Ausdruck ,,Schwankungsquadrat von ..." 12*).
Nach Gleichung (G1) wächst der
Mittelwert
Nach Gleichung (G2) wächst der
Erwar-
<U>
direkt proportional zur Teilchenzahl N an. Die
tungswert E(Z)
direkt proportional zur Kettenlänge n
mittlere
quadratische Abweichung <
U>
hinge-
an. Die
Standardabweichung (Streuung)
gen ist lediglich proportional zur Quadratwurzel aus
hingegen ist lediglich proportional zur Quadratwurzel
N. 13*)
aus n. 16*)
·
Somit ergibt sich für den
prozentualen Mess-
· Somit ergibt sich für den
prozentualen Mess-
fehler
(also für die relative Abweichung) aufgrund
fehler
(also für die relative Abweichung) aufgrund
der
großen Zahl N
1024 :
der
kleinen Zahl n
102 :
· <U>/<U> 1/ N = 10-12 = 10-10% (G3) 14*)
·
<Z>/E(Z) 1/ n = 10-1 = 10% (G4)
· Die
Dichtefunktion f
besitzt somit beim
Mit-
· Die
Wahrscheinlichkeitsfunktion g
besitzt somit
telwert <U>
ein
absolutes Maximum
,15*) das (wie
in unmittelbarer Nähe des
Erwartungswertes E(Z)
die Abschätzung (G3) zeigt) eine
sehr,
sehr kleine
ein
absolutes Maximum
,17*) das (wie die Ab-
,,relative Schwankungsbreite" aufweist.
schätzung (G4) zeigt) eine
beachtliche
,,relative
Schwankungsbreite" aufweist.
4
· Angenommen, U1, U2, U3, ..., Um seien die Er-
· Angenommen, Z1, Z2, Z3, ..., Zm seien die Er-
gebnisse von
m wiederholten Messungen
der
gebnisse von
m wiederholten Messungen
der
inneren Energie ein und desselben Gases, so stellt
Anzahl der Treffer bei ein und derselben Bernoul i-
die Gleichung (G3) sicher, dass alle Messwerte
kette, so lässt die Gleichung (G4) zu, dass die ein-
(innerhalb der Messgenauigkeit) nahezu identisch
zelnen Messwerte beträchtlich voneinander abwei-
sind.
chen können.
Es gilt also im Al gemeinen:
Es gilt also im Allgemeinen:
U1 U2 U3 ... Um
Z1 Z2 Z3 ... Zm
· Somit verzichtet man auf die
,,Mittelwertberech-
· Somit kann man auf das
,,arithmetische Mittel"
nung"
und erhält dennoch einen recht zuverläs-
nicht
verzichten
, um einen einigermaßen zuver-
sigen Näherungswert für <U>, denn:
lässigen Näherungswert für E(Z) zu erhalten:
· <U> = (U1+U2+...+Um) / m U , {1, .., m}
· <Z> = (Z1+Z2+...+Zm) / m E(Z) 21*)
F. Reif kommentiert dies so:
,,Das bedeutet, dass
Das sogenannte
,,
n
-Gesetz"
22*) begünstigt diese
fast stets der Mittelwert (...) beobachtet wird."
18*)
Vorgehensweise durch Verkleinerung von .
· Man kann also den Mittelwert <U> in der Glei-
· Man kann also den Erwartungswert E(Z) in der
chung (G1) mit ausreichender Genauigkeit durch
Gleichung (G2)
nicht
mit ausreichender Genauigkeit
den praktisch bei jeder Messung realisierbaren
durch einen einmaligen
Messwert
Z ersetzen
.
Wert
U ersetzen
.
Die Formulierung der Gleichung (G2) bleibt damit
Dies führt zur üblichen Formulierung von (G1):
notgedrungen unverändert:
·
U = (3/2 k)
N
T
·
E(Z) = (1)
n
p
0
(G5) 19*)
0
(G2) 23*)
Ferner gilt für die innere Energie U:
Ferner gilt für die Anzahl der Treffer Z:
U = E
Z = X
kin,1 + Ekin,2 + ... + Ekin,N
(G7)
1 + X2 + ... + Xn
(G8) 24*)
E
X kennzeichnet die Ergebnisse des -ten Bernoul-
kin, steht für die kinetische Energie des -ten
Atoms.
liexperiments, mit x
{0;1} und 1:= ,Treffer′, 0:=
,Niete′.
·
Dabei lässt sich
trotz der genauen Kenntnis
· Dabei lässt sich
trotz der genauen Kenntnis
der Gastemperatur T
der Trefferwahrscheinlichkeit p
0
keine gesicherte Prog-
0
keine gesi-
nose folgender Art abgeben: ,,Das speziel e 70008-
cherte Prognose folgender Art abgeben: ,,Beim 78-
te Gasatom wird zu einem bestimmten Zeitpunkt
sten Experiment der Bernoul ikette wird das Ereignis
die kinetische Energie E
X
kin,70008 = 2,11021 Joule
78 = 1 eintreten."
besitzen."
Denn die einzelnen Atome haben
gemäß der
Denn die einzelnen Bernoul iexperimente sind nun
Maxwell-Verteilung20*)
Geschwindigkeitsbeträge
mal echte
Zufallsexperimente
25*) mit zwei unter-
von Nul bis zu überdurchschnittlich großen Werten
schiedlichen, möglichen Ergebnissen.
und sind somit mit den unterschiedlichsten Ener-
gien E
Kin, ausgestattet.
·
Andererseits kann man aber auch von der mo-
· Andererseits kann man aber auch von dem
mentanen Energie des einen 70008-ten Atoms
eingetretenen Ereignis des 78-sten Experiments der
nicht auf die Gastemperatur T
Bernoullikette
0 schließen
, da
nicht
auf
die
Trefferwahr-
diese speziel e Energie von z.B. 2,11021 Joule
scheinlichkeit p0 schließen
, da dieses eine spe-
ebenso gut zu jeder beliebig anderen Gastempe-
zielle Ereignis z.B. X78 = 1 genauso gut zu jeder
ratur T und der zugehörigen Maxwel -Verteilung
beliebig anderen Wahrscheinlichkeit p und der zu-
passen würde.
gehörigen Binomial-Verteilung passen würde.
· Durch Zusammenstöße übertragen die Teil-
· Der Treffer des einzelnen Bernoulliexperiments
chen ständig gegenseitig ihre kinetischen Energien
wird praktisch durch den gleichbleibenden Mecha-
(teilweise bzw. vol ständig), sodass der Bewe-
nismus der Bernoulliexperimente erzwungen, so wie
gungszustand des einzelnen Teilchens praktisch
die Ereignisse der anderen Bernoulliexperimente
von den anderen erzwungen wird.
derselben Kette auch.
.
5
· Al ein die Vielzahl der Teilchen und Stöße, sowie
·
Allein die
Unkenntnis
über das Vorhandensein
die
Unkenntnis
über die Randbedingungen (beim
sowie über die Auswirkungen der störenden Ein-
Lösungsversuch der unzähligen Differentialglei-
flüsse (bei der Durchführung der Bernoulliexperi-
chungen) überfordert die Möglichkeit einer
kausa-
mente) verhindert eine
kausale
Beschreibung.
len
Beschreibung. Und zusammen mit der Ununter-
Und zusammen mit der Ununterscheidbarkeit der
scheidbarkeit der Teilchen ist dies die Grundlage
Bernoulliexperimente ist dies die Grundlage für die
für die Annahme:
Annahme:
Die Energiewerte der einzelnen Teilchen sind quasi
Die Ereignisse der einzelnen Bernoulliexperimente
voneinander
unabhängig
.
sind voneinander
stochastisch unabhängig
.27*)
·
Man kann also an der kinetischen Energie des
·
Man kann also am Eintreten des Ereignisses des
einzelnen Atoms
jeweils für sich allein betrach-
einzelnen Bernoul iexperiments
jeweils für sich
tet
nicht erkennen, zu welcher speziel en Gas-
allein betrachtet
nicht erkennen, zu welcher
temperatur T sie im Zusammenwirken mit al en an-
speziellen Stabilisierung der relativen Häufigkeit
deren Energiebeträgen der einzelnen Atome bei-
(sprich: ,,Wahrscheinlichkeit p") es im Zusam-
trägt.
menwirken mit allen anderen Realisierungen der
Die stabile Gesamttemperatur T geht Hand in Hand
Treffer der einzelnen Bernoul iexperimente beiträgt.
mit der zugehörigen, gleichbleibenden, speziellen
Diese Stabilisierung geht Hand in Hand mit dem
Maxwell-Verteilung
.
,,empirischen Gesetz der großen Zahlen"
, wel-
ches folgendermaßen lautet:
,,Es gibt Ereignisse, deren relative Häufigkeit nach
einer hinreichend großen Zahl von Versuchen unge-
fähr gleich einem festen Zahlenwert ist."
(G9) 28*)
Es lässt sich, ausgehend von (G5), der Quoti-
Es lässt sich auf analoge Weise ausgehend
ent
U:N
bestimmen und sein Wert als
,,mittlere ki-
von (G2), der Quotient
E(Z):n
bestimmen und sein
netische Energie <E
Wert als
kin> pro Atom"
deuten. Diese
,,mittlere Trefferzahl <X> pro Bernoulli-
Energie spielt in der Physik für viele Berechnungen
experiment"
deuten. Dies ist eine durchaus übliche
eine zentrale Rolle.
Betrachtungsweise.
Folglich gilt:
<E
Also:
<X> = (1)
p
kin> = (3/2 k)
T0
(G10) 26*)
0
(G11)
NB: Zum gleichen Ergebnis gelangt man auch auf
direktem Weg, da für al e {1, 2, ...,n} gilt:
E(X ) = p
= p 1
( - p ) ist. 29*)
0 (=
<X>)
, wobei
0
0
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch folgende Äußerung von Richard P. Feynman theoreti-
scher Physiker, Nobelpreisträger und von Prof. H. Pietschmann charakterisiert als
,,einer der bedeutendsten
exakten Denker unseres Jahrhunderts ein Mensch, der sich niemals auf Vorgedachtes anderer verließ, der
immer alles selbst überprüfte und dabei eigene Wege fand."
30*):
,,(...) Die mittlere Energie eines Moleküls ist also eine Funktion der Temperatur. Aber wer kann uns sagen,
was für eine Skala für die Temperatur zu gebrauchen ist? Wir können die Temperatur willkürlich definieren,
so dass die mittlere Energie linear proportional zur Temperatur ist. Am einfachsten würde es sein, die mit-
tlere Energie selbst ,,die Temperatur" zu nennen. Das würde die einfachste mögliche Funktion sein. Leider
ist die Temperaturskala anders gewählt worden, so dass wir, statt direkt Temperatur zu sagen, einen kon-
stanten Umrechnungsfaktor zwischen der Energie eines Moleküls und einem Grad der absoluten Tempera-
tur, als Grad Kelvin bezeichnet, benutzen. ( ... ) Wenn also T die absolute Temperatur ist, besagt unsere
Definition, dass die mittlere kinetische Energie des Moleküls 3/2 kT beträgt. (Der Faktor 3/2 wurde aus
Bequemlichkeit eingefügt, um ihn an anderer Stelle wieder loszuwerden.)"
31*)
Würden sich al e Physiker Feynman′s ,,Empfehlung" anschließen, ließe sich der Mittelwert der inneren Energie
mit
<U>
=
(1)
N
T
gleichsetzen und die mittlere kinetische Energie pro Atom mit
. Damit wä-
0
<Ekin>
=
(1)
T0
re die Analogie zu
E(Z) = (1)
n
p
(G11) der Bernoullikette
0
(G2) und zu
<X> = (1)
p0
absolut
perfekt
.
6
Man kann nun noch einen Schritt weiter ge-
Man kann nun noch einen Schritt weiter gehen
hen und die ,,mittlere kinetische Energie <Ekin> pro
und die ,,mittlere Trefferzahl <X> pro Bernoulliexperi-
Atom" (G10) durch den restlichen Term (3/2 k) divi-
ment" (G8) durch den restlichen Term (1) dividieren.
dieren. Den Quotienten
kann man
formal entspre-
Den Quotienten
kann man
formal entsprechend
chend
als
,,mittlere Temperatur <T
als
Atom> des
,,mittlere Trefferwahrscheinlichkeit <peinzel>
einzelnen Atoms"
bezeichnen.
des einzelnen
Bernoulliexperiments"
bezeichnen.
Also:
<T
Also:
Atom> = <Ekin> : (3/2 k) = T0
(G12)
<peinzel> = <X> : (1) = p0
(G13)
·
Im Prinzip ist es kein Problem
, von beliebigen
·
Im Prinzip ist es kein Problem
, einem einzelnen
physikalischen Größen derselben Art einen Durch-
Ereignis eine Durchschnitts-Wahrscheinlichkeit zu-
schnittswert zu bilden; denn dieser ist stets nur eine
zuordnen; denn ein Durchschnittswert ist stets nur
rein fiktive, theoretische Angelegenheit. Nichts-
eine rein fiktive, theoretische Angelegenheit. Ein
destoweniger ist er auch in der Praxis sehr nützlich,
bisschen eigenartig wirkt hier die Bezeichnung ,,mitt-
um sich dadurch ein grobes Orientierungsmaß
lere Trefferwahrscheinlichkeit" natürlich schon, da
einer physikalischen Größe zu verschaffen.
der Divisor nur aus dem Wert (1) besteht. Lassen wir
Würde man sich Richard Feynman´s Gedankenfüh-
aber trotzdem der Analogie wegen diesen
rung anschließen (s.o.), so wäre gleichzeitig mit der
Formalismus zu, zumal ja der Dividend <X>
bereits
von allen Physikern benützten ,,mittleren Teil-
einen ,,Mittelwert" darstellt.
chenenergie" praktisch auch die ,,durchschnittli-
che Temperatur eines Teilchens" (mit-)definiert.
· Es ist also durchaus sinnvol , da unmissver-
· Es ist auch hier durchaus sinnvol , da un-
ständlich, die
,,mittlere Temperatur des einzelnen
missverständlich, die
,,mittlere Wahrscheinlichkeit
Atoms"
zu definieren; denn allein durch das
eines Ereignisses"
zu definieren; denn al ein durch
Adjektiv
,,mittlere ..."
kommt klar zum Ausdruck,
das Adjektiv
,,mittlere ..."
kommt klar zum Aus-
dass sich das einzelne Teilchen
die ,,Freiheit"
druck, dass sich das einzelne Bernoulliexperiment
herausnehmen darf
, sich geradezu wil kürlich zu
die ,,Freiheit" herausnehmen darf
, sich geradezu
verhalten; d.h. es braucht sich offensichtlich nach
wil kürlich zu verhalten; d.h. es braucht sich offen-
keiner erkennbar festen Temperatur T (und der
sichtlich nach keiner erkennbar festen Wahrschein-
damit verbundenen Geschwindigkeitsverteilung) zu
lichkeit p (und der damit verbundenen Binomial-
richten;
es steht lediglich unter dem Zwang
, im
verteilung) zu richten;
es steht lediglich unter
Zusammenwirken mit allen anderen Einzelteilchen,
dem Zwang
, im Zusammenwirken mit allen anderen
insgesamt
genau
diejenige Maxwel ´sche Ge-
Einzel-Experimenten,
insgesamt genau
diejenige
schwindigkeitsverteilung anzusteuern und zu ge-
Binomialverteilung anzusteuern und zu gewährlei-
währleisten, die zur stabilen
Gastemperatur T
des
sten, die zum stabilen
0
Wahrscheinlichkeitsmaß
p0
gesamten Gases passt.
der gesamten Kette passt.
·
Diese hier angesprochene
,,Freiheit"
ist inso-
· Diese hier angesprochene
,,Freiheit"
ist insofern
fern
real
vorhanden
, als wir wie schon gesagt
real
vorhanden
, als wir wie schon gesagt
wissen
, dass dem Einzelteilchen des Gases selbst
wissen
, dass dem Einzel-Ereignis einer Bernoulli-
bei einer stabilen Gastemperatur T0 eine sehr um-
kette selbst bei einer stabilen Gesamtwahrschein-
fangreiche Palette erlaubter Geschwindigkeitsbe-
lichkeit p0 jeweils eine ganze Palette unterschied-
träge (im Rahmen der Maxwel -Verteilung) zur Ver-
lichster Bedingungen zur Verfügung steht.
fügung steht.
Dazu nur zwei Beispiele:
a) Beim ,,Werfen eines Würfels mit = {sechs,
nichtsechs}" sind dies jeweils eine Vielzahl mög-
licher spezieller Lagen des Würfels im Wurfbecher,
spezieller Wurfhöhen, spezieller Luftwiderstände
beim Fal en, speziel er Rotationszustände während
des Fal ens, spezielle Beschaffenheit der Aufschlag-
stel e am Boden und ..., und ..., und ...
b) Beim ,,HIV-Test mit = {richtig, falsch}" sind dies
jeweils eine Vielzahl graduel er Unterschiede in den
Laborfehlern, in den verschiedensten Patientenver-
fassungen, und ..., und ..., und ...
7
3. Gastheorie und Bernoullikette trennen sich sprachlich bleiben aber inhaltlich konform
· Dadurch, dass die ,,mittlere kinetische Energie
· Dadurch, dass die Unkenntnis über all diese un-
<Ekin> pro Atom" schon definiert ist, wird über den
terschiedlichen Versuchsbedingungen letztlich die
durchschnittlichen Energiezustand des Atoms be-
Voraussetzung für ein sogenanntes ,,Zufallsexperi-
reits alles Notwendige ausgesagt. So ist es schlicht
ment" bildet,
sind sich die Mathematiker einig
,
und einfach überflüssig, über
denselben
Sachver-
dass es nicht nötig sei, dem Einzelereignis einer
halt
noch eine weitere Definition vorzunehmen und
Bernoullikette eine ,,
mittlere
Wahrscheinlichkeit
die ,,mittlere Temperatur <TAtom> pro Atom" zu ver-
<peinzel>" als rein theoretischen Durchschnittswert
einbaren. Als eigenständige Definition würde sie le-
zuordnen zu müssen; einen Wert, den man am ge-
diglich den Inhalt der ,,mittleren kinetische Energie
gebenen Einzelfall nicht festmachen d.h. nicht ein-
pro Teilchen" mit etwas anderen Worten wiederho-
deutig erkennen kann,
obwohl eine derartige Defi-
len. Dies zeigt das Zitat (S. 5) von R. Feynman
nition durchaus zum besseren Verständnis und
sehr deutlich.
zur sinnvollen Interpretation der Einzelfall-Situa-
tion beitragen würde.
Die Mathematik liebt es vielmehr,
Begriffe der
Alltagssprache in ihr Vokabular aufzunehmen
und diese ohne Rücksicht auf deren übliche Sinnbe-
deutung nach ihren eigenen Gesichtspunkten
umzu-
definieren
. Sie achtet lediglich darauf, ihr Vorhaben
eineindeutig und dies
in äußerster Kurzfassung
zum Ausdruck zu bringen.
Bei mathematischen Definitionen ist daher nicht nur
von Bedeutung ,,was gesagt wird", sondern vor al em
auch ,,was nicht gesagt wird". Es wirkt sich meist
verheerend aus, aufgrund der Al tags-Wortbedeu-
tung so nach Art des ,,gesunden Menschenverstan-
des", die in der Mathematik festgelegten Begriffe mit
zusätzlichem Deutungen zu versehen und diese da-
durch zwar unbeabsichtigt, aber dennoch zu verfäl-
schen.
So sprechen wir also seit 1933 Andrei N. Kolmo-
gorow nach, dem die axiomatische Grundlegung der
Wahrscheinlichkeitsrechnung gelang:
,,Eine Funktion P, die jedem Ereignis aus dem Ereig-
nisraum
P
(
) eine reelle Zahl zuordnet, heißt ein
Wahrscheinlichkeitsmaß, wenn sie folgende Eigen-
schaften besitzt:
Axiom I: P(A)
0
Axiom II: P(
) = 1
Axiom III: A
B =
P(A
B) = P(A) + P(B)."
34*)
· Nach der Theorie der Statistischen Physik gilt
· Auf der Grundlage dieses Axiomensystems lässt
folgende Definition:
sich mit Hilfe der Tschebyschew-Ungleichung35*) das
,,Bernoullische Gesetz der großen Zahlen"
im
k
( ln )
E
( )
Handumdrehen
beweisen. Es besagt:
1 :
=
(G14) 32*)
T
E
Für jedes >0 gilt:
(E) gibt die Gesamtanzahl der dem betrachteten
System zugänglichen Zustände an, dessen Energie
Z
lim P
- p < = 1 (G15) 36*)
im festen Interval
0
[E; E+
n
n
E] liegt. Man bedenke
jedoch, dass sich dies alles im 2f (= 6N 61024)
dimensionalen Phasenraum abspielt. f ist dabei die
Z / n stel t dabei die relative Häufigkeit des Ereignis-
Anzahl der Freiheitsgrade des Systems. (E) ist
ses ,,Treffer" und p0 die zugehörige Trefferwahr-
also eine ungemein große Zahl. 33*)
scheinlichkeit dar.
8
Wie oben angemerkt könnte man dem einzelnen
F. Heigl und J. Feuerpfeil kommentieren diesen
Atom ohne weiteres eine sogenannte ,,mittlere
Sachverhalt so:
Temperatur" zuordnen.
,,Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die relative Häu-
Dagegen wäre (bzw. ist) es völlig abwegig, mit
figkeit eines bestimmten Ereignisses beliebig wenig
dieser in (G14) getroffenen Temperatur-Definition
von seiner Wahrscheinlichkeit abweicht, strebt ge-
einem einzelnen Atom (mit seinen lediglich drei
gen 1, wenn die Zahl der unabhängigen Wiederho-
Freiheitsgraden) einen festen, absoluten Tempera-
lungen des Experiments gegen
strebt. (...)
tur-Wert zuzuordnen; denn die aufgrund der
[Dies ist ein berühmter Satz],
der die Brücke zwi-
großen Zahl 2f vorgenommenen Abschätzun-
schen Theorie und Wirklichkeit schlägt. (...) Streng
gen,33*) die letztlich zur Formulierung der Definition
mathematisch betrachtet haben wir (...) erst jetzt
(G14) führten, würden augenblicklich ihre Gültigkeit
durch Vergleich des empirischen und des Bernoulli-
und damit ihren Sinn verlieren.
schen Gesetzes der großen Zahlen die Möglichkeit
der Interpretation
[des Wahrscheinlichkeitsmaßes].
Es entspricht also dem Wesen des ,,Temperaturbe-
(...)
griffs", den Zustand einer großen Gesamtheit von
Damit lässt sich auch die Wahrscheinlichkeit eines
Teilchen zu beschreiben und nicht denjenigen ei-
beliebigen Ereignisses als seine relative Häufigkeit
nes einzelnen Atoms.
bei sehr vielen Versuchen interpretieren.
In diesem Sinne lesen wir im Schulbuch von A.
Interpretation
Hammer:
Mathematisches Modell
Wirklichkeit
----------------------------------------------------------------------
,,(...) die einzelnen Moleküle haben keine Tempe-
P(A)
1 A ist praktisch sicher
ratur. Nur bei einem Körper, der aus vielen Mole-
külen besteht, kann man von seiner Temperatur
P(A)
[= p0]
relative Häufigkeit von A in
sprechen. Mit der physikalischen Größe Tempera-
einer langen Versuchsfolge
tur beschreibt man demnach den Gesamtzustand
sehr vieler Teilchen in einem Verband."
37*)
(...) Die Frage nach der Anwendbarkeit der Wahr-
scheinlichkeitstheorie zur Beschreibung der Wirklich-
38*)
Mit anderen Worten, die Physik bleibt nicht nur in
keit ist damit beantwortet. (...)"
ihrer Denkweise sondern auch in ihrer Sprech-
weise dem Charakter des Temperaturbegriffs treu
Es bleibt also bei der leicht missverständlichen
und formuliert unmissverständlich und klar:
und interpretationsbedürftigen Formulierung:
Das einzelne Teilchen
Das einzelne Bernoulliexperiment
hat keine Temperatur.
(G16)
hat die Trefferwahrscheinlichkeit p0.
oder auch:
Ein bestimmtes Ereignis tritt mit der
Wahrscheinlichkeit p
0 ein.
(G17)
Somit wird
jedem Einzel-Ereignis
X = 1 des -ten
Bernouliexperiments
die Wahrscheinlichkeit p0 zu-
geordnet.
Diese einprägsame Sprechweise bietet natürlich we-
gen ihrer Kürze bei der Formulierung von Aufgaben
und deren Lösungen enorme Vorteile. Doch ist man
dabei stets der Gefahr ausgesetzt, diese so einfach
und verständlich klingende Kurzsprache gründlich
misszuverstehen.
9
4. Zusammenfassung
· Die Formulierung (G17) steht der Aussage (G16)
formal
konträr entgegen. In ihrer
inhaltlichen
Bedeu-
tung gehen beide Feststel ungen jedoch vol kommen konform; denn hinter dem Satz (G17) steht ja
unausgesprochen die mathematisch eindeutige Interpretationsvorschrift
: ,, ... bezüglich der relativen
Häufigkeit in einer langen Versuchsfolge. Dies bedeutet, dass praktisch nur das der gesamten
Bernoullikette zugehörige (rein) theoretische Durchschnitts-Experiment (bzw. -Ereignis) bewertet
wird, wobei alle von diesem Durchschnitt abweichenden Einzelexperimente (bzw. -Ereignisse)
herausgemittelt und egalisiert werden, obwohl letztere das Gros der gesamten Kette bilden."
Unter
diesen
Abweichungen
sind die
mathematisch nicht fassbaren
Freiheiten
und in den letzten
Feinheiten unterschiedlichen Versuchsdurchführungen gemeint, die auf Seite 6 (unten) beispielhaft
angeführt wurden und die im Wesentlichen dafür verantwortlich sind, dass aus
,,deterministischen
Experimenten"
schlichte
,,Zufallsexperimente"
werden.
Wir müssen uns also stets darüber im Klaren sein, dass (G17) kein Satz der Al tagssprache ist. Sobald
wir (G17) auf ein spezielles Einzelexperiment (bzw. Einzelereignis) anwenden, worauf sich dieser Satz
dem Wortlaut nach zu beziehen
scheint
, verliert der Wahrscheinlichkeitswert p0 augenblicklich seinen
Sinn. Tun wir es dennoch, so sol ten wir zumindest nicht vorgeben, wir handelten mathematisch korrekt!
Auf privater Ebene steht es uns natürlich völlig frei, mit dem Wahrscheinlichkeitsmaß umzuspringen, wie
es uns beliebt.
· Selbst bei der Interpretation des Gesetzes der großen Zahlen sind so manche Unklarheiten auszuräu-
men. J. Feuerpfeil und F. Heigl mahnen u.a. bei al er Euphorie für dieses Gesetz folgendes zu beden-
ken:
,,Dieses vor fast 300 Jahren vom Basler Mathematiker Jakob Bernoulli aufgestellte, aber erst 1713 ver-
öffentlichte sog. Gesetz der großen Zahlen besagt beispielsweise beim Lotto ,,6 aus 49", dass mit belie-
big wachsender Anzahl der Veranstaltungen die Wahrscheinlichkeit dafür wächst, dass die relative
Häufigkeiten einer Zahl sich beliebig der Wahrscheinlichkeit 6/49 annähern. Das Gesetz besagt jedoch
nicht, dass dieser Zustand der Annäherung stets und unbedingt und tatsächlich eintritt; es macht nur
eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens, es spricht keine Kausalität aus, kein
,,Muss". Es ist durchaus nicht so, dass sich die relativen Häufigkeiten stetig im Laufe der Veranstaltun-
gen der Wahrscheinlichkeit nähern.
Häufig hört man die irrige Ansicht, dass eine Zahl, die lange nicht als Gewinnzahl gezogen worden ist,
wie beispielsweise im Lotto ,,6 aus 49" die Zahl 47, jetzt bald oder sogar häufiger erscheinen müsste,
damit das Gesetz der Großen Zahlen erfüllt sei. Aber dass gelegentlich Unwahrscheinliches eintritt
oder sogar längere Zeit anhält, widerspricht nicht der Konvergenz in Wahrscheinlichkeit. Das Ber-
noullische Gesetz der großen Zahlen, im Zeitalter der Zahlen und Statistiken sehr brauchbar, sagt nur
aus, was wahrscheinlich, was meistens eintreten wird. Was sich tatsächlich zutragen wird, sagt es nicht
aus.
Ganz anders ist es bei analytischer Konvergenz. Hier lässt sich der Wert der Variablen angeben, von
dem an die absolute Abweichung der Funktion vom Grenzwert mit Sicherheit unter einem festgesetzten
Betrag bleibt."
39*)
· Nehmen wir die ganze Angelegenheit also so wie sie sich aus mathematischer Sicht als sinnvol erweist:
Je größer die Anzahl der Experimente, desto aussagekräftiger ist das Wahrscheinlichkeitsmaß bezüglich
der zugehörigen relativen Häufigkeit!
Logischerweise bedeutet dies natürlich auch umgekehrt:
Je kleiner die Versuchsanzahl ist, desto
nichtssagender wird der Wahrscheinlichkeitswert bis er schließlich bei einem einzelnen Fall
(fast) jede Bedeutung verliert
: er kann hier bestenfalls als
theoretischer Mittelwert
dienen (siehe
(G13))40*), was selbstredend für den
realen Einzelfall
kaum etwas bedeutet.
Dies zeigt auch folgende Tatsache:
Führt man siehe dazu auch (G11) die dem -ten Bernoulli-Experiment zugeordnete Zufal sgröße X
ein, so wird aus = (np (1-p
0
0))1/2 mit n = 1 und p0 = 40% bzw. 60% der beachtliche Wert = 0,49; und
zu p0 = 10% bzw. 90% gehört immerhin noch eine Streuung von 0,30. Dabei bedenke man, dass
lediglich die
mittlere
betragliche
Abweichung
(vom Erwartungswert p0) und keineswegs deren obere
Schranke darstellt.
10
· Nun noch einmal zurück zum eingangs angesprochenen Problem:
Bei einem einzeln vorliegenden, positiven ,,HIV-Testergebnis", das einem Patienten ausgehändigt wird, ist
also mit dem Wahrscheinlichkeitsmaß nichts Verlässliches anzufangen. Man muss dies einfach akzep-
tieren
oder
man belügt sich selbst und sein Gegenüber.
Dem einzelnen Betroffenen ist auch nicht all zu viel gedient, wenn ihm der behandelnde Arzt vorrechnet,
dass er ihn (mal kurz für fünf Minuten) als einen unter Mil ionen betrachtet und ihn dementsprechend wie
folgt berät: ,,Aufgrund seiner Risikogruppenzugehörigkeit betrage die bedingte Wahrscheinlichkeit nur
38%, dass er tatsächlich HIV-infiziert sei, obwohl sein persönliches Testergebnis positiv ist." Der Patient
hat aus mathematischer Sicht keinen Anlass, aufgrund einer solchen ,,Fünf-Minuten-Betrachtung"
ruhiger bzw. beunruhigter zu schlafen; denn (wie bereits auf Seite 6 erwähnt) jeder Klient bringt seine
eigenen Voraussetzungen, und jedes Testteam (einschließlich der unterschiedlichen, äußeren Um-
stände) seine eigenen speziellen Qualitäten bzw. Unzulänglichkeiten mit, die entweder zu einem ,,Treffer"
oder zu einer ,,Niete" führen. Mathematisch ist dieses Problem also nicht weiter in den Griff zu
bekommen.
Um dennoch größere Klarheit zu erlangen, hilft im Einzelfal nur eine Testwiederholung weiter.
Wie Dr. R. Bornemann in seinem Artikel ,,
Wie ´sicher´ ist der HIV-Test?"
41*) berichtet, sind in solchen
Fäl en Testwiederholungen übliche Praxis, um ,,falsch positive" Ergebnisse möglichst zu vermeiden. Dies
zeigt, dass sich der Arzt dem einzelnen Patienten gegenüber verpflichtet fühlt und nicht nur irgendeiner
Statistik.
Natürlich sol te der Arzt den Patienten über die Bedeutung der Wahrscheinlichkeit 38% aufklären.
Dazu stel en wir uns vor: man bildet aus der speziel en Risikogruppe dieses Patienten (auf zufällige
Weise) eine Untergruppe von 1000 Personen. Ferner nehme man an, dass jeder einzelne der hieran
beteiligten Personen einen positiven Testbefund erhalten hat. Die Zufallsgröße Z gebe nun die Anzahl
der tatsächlich HIV-infizierten Patienten in dieser 1000-der Gruppe an. Dann gilt:
Die Anzahl Z gehört mit einer Sicherheit
a) von ca. 3% der Menge {380} = { E(Z)} bzw.
b) von ca. 68% der Menge {365, 366, ..., 395} = ] E(Z) - ; E(Z) + [ bzw.
c) von ca. 96% der Menge {350, 351, ..., 410} = ] E(Z) - 2 ; E(Z) + 2 [ an.
NB: Die Mitte all dieser Zahlenmengen ist der Erwartungswert (oder Durchschnittswert) E(Z) = 380;
für die Streuung gilt: = 15,3. Die Angabe der Streuung ist hier absolut notwendig, da der Erwar-
tungswert al eine keine Aussage über die tatsächlich möglichen Zahlenwerte machen kann, wie
folgendes Zahlenbeispiel zeigt:
Sowohl die fünf Zahlen 0, 1, 2, 797 und 1000 ergeben den Mittelwert 380, als auch die fünf Zahlen
377, 379, 380, 382 und 382. Ich hoffe es fällt auf, was damit gemeint ist. Näheres siehe z.B. bei J.
Feuerpfeil und F. Heigl.42*)
Die Sicherheitswahrscheinlichkeiten wurden mit der
integralen Näherungsformel
von Laplace43*) be-
stimmt. (Zur Veranschaulichung z.B. der angegebenen Wahrscheinlichkeit P(Z=380) = 3% müsste
man natürlich wieder etwa 500 derartige Untergruppen zu je 1000 Personen bilden und die relative
Häufigkeit für das Eintreten des Ereignisses Z=380 untersuchen.)
· In einer völlig anderen Situation befinden sich natürlich Beruf-Statistiker und Versicherungen, die in ihren
Betrachtungen stets auf eine große Anzahl von Einzelfäl en zurückgreifen können. Sie haben das Gesetz
der großen Zahlen auf ihrer Seite und können sich somit auf die Prognosen, die sie mit Hilfe bekannter
Wahrscheinlichkeiten bzw. relativer Häufigkeiten berechnen, ohne all zu großes Risiko verlassen.
11
5. Verwendete Literatur und Anmerkungen
1*) Vgl. Rainer Stadler: Positiv ist nur manchmal negativ, ,,Süddeutsche Zeitung Magazin" Nummer 06,
Verlagsgesellschaft Süddeutsche Zeitung, München, 10.Februar 2006, S. 13
2*) Vgl. Reinhard Strehl: Wahrscheinlichkeitsrechnung, Herder, Freiburg 1974, S. 75 bis 81
3*) Vgl. Frederick Reif: Statistische Physik und Theorie der Wärme, Walter de Gruyter, Berlin 1985, S.31 ff.
und S. 72, Gl. (2.5.1)
4*) Eine Ausführliche Darstellung der Theorie über Statistische Physik findet sich z.B. bei Frederick Reif (s.o.).
5*) Vgl. Reinhard Strehl, S. 70 bis 75
6*) Vgl. BarthMühlbauerNikolWörle: Mathematische Formeln u. Definitionen, Bayerischer Schulbuchverlag,
München 1998, S. 108
7*) Vgl. FeuerpfeilHeigl: Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik, Bayerischer Schulbuchverlag, München
1987, S. 145 bis 188
8*) Vgl. Ebd., S. 111
9*) Vgl. Ebd., S. 118
10*) Vgl. Frederick Reif, S. 14, Gl. (1.3.1) bis (1.3.4)
11*) Vgl. Ebd., S. 19, Gl. (1.4.9) samt Begleittext
12*) Vgl. Ebd., S. 19, Gl. (1.4.9)
13*) Vgl. Ebd., S. 19
14*) Vgl. Ebd., S. 127, Gl. (3.7.14)
15*) Vgl. Ebd., S. 114, Abb. 3.3.3 und S. 126, Gl. (3.7.12)
16*) Vgl. FeuerpfeilHeigl, S. 163
17*) Vgl. Ebd., S. 170 f.
18*) Zitat: Frederick Reif, S. 127
19*) Vgl. Frederick Reif, S. 182, Gl. (5.2.10), NB: Man erhält bei wiederholten Messungen natürlich trotzdem
unterschiedliche Ergebnisse, die jedoch hauptsächlich auf Unzulänglichkeiten der Messgeräte und der
(trotz aller Bemühungen) ungleichen Versuchsdurchführungen zurückzuführen sind.
20*) Vgl. Ebd., S. 315, Abb. 7.10.3
21*) Vgl. FeuerpfeilHeigl, S. 225 f.
22*) Vgl. Ebd., S. 141
23*) Vgl. Ebd., S. 163, NB: Diese Tatsache macht zwar einen quantitativen, aber keinen qualitativen Unterschied
zwischen G(2) und G(5) aus.
24*) Vgl. Ebd., S. 162 Mitte
25*) Vgl. Ebd., S. 7
26*) Vgl. Frederick Reif, S. 295, Gl. (7.6.2)
27*) Vgl. FeuerpfeilHeigl, S. 76 ff.
28*) Zitat: Ebd., S. 29 und vergleiche auch: S.27, Fig. 3.3 samt Begleittext
29*) Vgl. Ebd., S. 162 f.
30*) Zitat: Herbert Pietschmann, Professor für Theoretische Physik an der Universität Wien (1990): Die Wahrheit
liegt nicht in der Mitte, Edition Weitbrecht, Stuttgart 1990, S. 10
31*) Zitat: Feynman/Leighton/Sands: Feynman Band I, Mechanik·Strahlung Wärme·Teil 2, R. Oldenburg,
München 1977, Kap. 39-13
32*) Vgl. Frederick Reif, S. 115, Gl. (3.3.11) und Gl. (3.3.12)
33*) Vgl. Ebd., S. 55, S. 60 f. und S.70 ff.
34*) Zitat: FeuerpfeilHeigl, S. 33
35*) Vgl. Ebd., S. 122
36*) Vgl. Ebd., S. 182
33*) Vgl. Frederick Reif, S. 73 f., Gl.(2.5.4) bis Gl.(2.5.10)
37*) Zitat: HammerKnauthKühnel: Physik 9A, R. Oldenbourg München 1993, S. 72
38*) Zitat: FeuerpfeilHeigl, S. 182 ff.
39*) Zitat: Ebd., S. 182 f.
40*) Vgl. Ebd., auch S. 26 ff., mit Fig3.3 und Fig 3.4 samt Begleittext
41*) Vgl. Reinhard Bornemann: Wie ,,sicher" ist der HIV-Test? http:www.hiv.net/2010/news2003/n0529.htm
42*) Vgl. FeuerpfeilHeigl, S. 116 ff.
43*) Vgl. Ebd., S. 202 bzw. BarthMühlbauerNikolWörle, S. 111, F. Verteilungen, 7.
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