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Diploma Thesis, 2007, 107 Pages
Author: Dipl.oec/ Dipl. Hdl. Frank Mueller
Subject: Pedagogy - Job Education, Occupational Training, Further Education
Details
Tags: Methodenvariation, Einsatz, Unternehmenssoftware, Herausforderung
Year: 2007
Pages: 107
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 73 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20157-0
ISBN (Book): 978-3-640-20657-5
File size: 753 KB
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Abstract
„Sie wissen wie es geht, können es aber nicht“ (DÖRNER 1989, S. 304). Dieses Zitat ist gefallen in der neueren wirtschaftsdidaktischen Diskussion um das so genannte "träge Wissen". Scheinbar vorhandenes Wissen wird bei anstehenden Problemen oftmals nicht eingesetzt. Jugendlichen fällt es ungemein schwer, das im Unterricht erarbeitete Wissen auf Lebens- und Berufssituationen zu übertragen. In der Literatur wird die Meinung vertreten, die Ursache liege in einer Wissensvermittlung, die sich auf eine didaktische Reduktion von bezugswissenschaftlichen Inhalten konzentriert. Methodisch werden diese Inhalte vor allem durch fragend-entwickelnde Lehrverfahren erarbeitet, deren Aufgabenstellungen sich nicht an aktuellen Problemen aus dem Berufsalltag orientieren (vgl. REETZ 1984a, S. 192). Diese "wenig anwendungsbezogene, abstrakte und künstlich systematisierte Wissensvermittlung" (DEISSIN-GER/RUF 2006, S. 39) führt nach Erkenntnissen der modernen Lernpsychologie zu "trägem Wissen". Die kognitive Lernpsychologie hingegen verweist darauf, dass zwischen Denken und Tun eine Wechselwirkung besteht, die im Prozess des Lernens berücksichtigt werden muss. Als Ursache wird angegeben, dass die Anhäufung rein deklarativer Wissensbestände, ohne Bezug zum "Tun" in der Arbeitswelt von heute nicht ausreiche, um Jugendlichen den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz zu ermöglichen. Lernende finden sich heute in einer Berufswelt wieder, die geprägt ist durch prozessorientierte Handlungsvollzüge. Daraus zieht die handlungsorientierte Position die Konsequenz, dass Jugendliche ein handlungsorientiertes Wissen zu erarbeiten haben, das sich an fachlichen, sozialen und personalen Kriterien orientiert. In einer solchen Lernkultur rückt der Lernende in den Mittelpunkt des Lernprozesses. Unterricht soll so gestaltet werden, dass methodisch nicht mehr lehrerzentriert und fachsystematisch Wissen erarbeitet wird, sondern der Lernende selbstorganisiert und ganzheitlich anhand konkreter Lebens- und Arbeitssituationen lernt. In der Fachterminologie hat sich hierfür der Begriff der handlungsorientierten Didaktik etabliert. Schüler sollen durch den Unterricht zu einer umfassenden Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz geführt werden, die es Ihnen ermöglicht in beruflichen und privaten Handlungssituationen kompetent zu agieren.
Excerpt (computer-generated)
METHODENVARIATION
BEIM EINSATZ INTEGRIERTER UNTERNEHMENS-
SOFTWARE IN DER ÜBUNGSFIRMA
ALS DIDAKTISCHE HERAUSFORDERUNG
Freie wissenschaftliche Arbeit zur
Erlangung des akademischen Grades
Diplom-Handelslehrer
an der Fakultät
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
der Universität Hohenheim
am
Institut für Berufs- und Wirtschaftspädagogik
der
Universität Hohenheim
von
Frank Müller
Wirtschaftspädagogik
Eingereicht 22.10.2007
-I-
INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Abbildungsverzeichnis III
1
Einleitung und Problemstellung 1
2
Die Herausbildung eines Dualismus zwischen bezugswissenschaftlicher
und handlungsorientierter Didaktik mit einem Lösungsversuch über
komplexe Lehr-Lern-Arrangements 7
2.1
Die bezugswissenschaftliche Didaktik 7
2.1.1
Entstehungsgeschichte und didaktische Orientierung 7
2.1.2
Tradiertes methodisches Vorgehen in der Diskussion 9
2.1.3
Schwächen des tradierten Unterrichts 13
2.2
Die handlungsorientierte Didaktik 15
2.2.1
Entstehung der handlungsorientierten Didaktik aus theoretischer
und berufspraktischer Perspektive 15
2.2.2
Handlungskompetenz als Ergebnis 18
2.2.3
Grundsätze handlungsorientierter Unterrichtsgestaltung im
Kontext der Methodenwahl 21
2.2.4
Handlungsorientierung und die Herausbildung eines "trägen
prozessbezogenen Wissens" 25
2.3
Komplexe Lehr-Lern-Arrangements zur Lösung des entstandenen
Dualismus 27
3
Die Übungsfirma als komplexes Lehr-Lern-Arrangement und der
Einfluss integrierter Unternehmenssoftware 31
3.1
Historische Entwicklung der Übungsfirma im Kontext des Dualismus 31
3.2
Beitrag der Übungsfirma zum Ausgleich des Dualismus 35
3.2.1
Merkmale der Übungsfirma 35
3.2.2
Die Übungsfirma als "übende Anwendung" im Kontext
bisheriger Erkenntnisse 37
3.2.3
Die Übungsfirma als "Praxisersatz" im Kontext bisheriger
Erkenntnisse 38
3.2.4
Die Übungsfirma als "Lernort eigener Prägung" - ein komplexes
Lehr-Lern-Arrangement zum Ausgleich des Dualismus 39
3.3
Die Übungsfirma am Berufskolleg in Baden-Württemberg 42
3.3.1
Konzeption und Lehrplan des Berufskollegs mit Übungsfirma 42
3.3.2
Der Einfluss integrierter Unternehmenssoftware auf den
Unterricht in der Übungsfirma 46
3.3.2.1
Berufspraktische Relevanz 46
3.3.2.2
Didaktischer Anspruch und Wirklichkeit des Einsatzes
integrierter Unternehmenssoftware im Unterricht der
Übungsfirma 47
4
Entscheidungsmodell zur Anregung von Variation der Lehr-Lern-
Formen im Unterricht nach DUBS 52
4.1
Unterrichtsgeschehen aus der Perspektive von DUBS 52
4.2
Begriffsdefinitionen zum Verständnis des Modells 54
4.2.1
Unterrichtsverfahren 54
I
4.2.2
Lehrmethoden und Lernformen 55
4.2.3
Unterrichtsverhalten 56
4.3
Das Entscheidungsmodell 58
5
Entwicklung eines Phasenmodells mit Methodenvariation für den
Unterricht in der Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware
zum Ausgleich des Dualismus 63
5.1
Vorgehensweise zur Entwicklung und Beurteilung des Modells 63
5.2
Phase 1: Erarbeitung von Grundlagenwissen für die Arbeit in der
Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware 64
5.3
Phase 2: Anwendung von Wissen und Können in der Übungsfirma mit
integrierter Unternehmenssoftware 66
5.4
Phase 3: Eigenkonstruktion von Wissen und Können in der
Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware 68
5.5
Anknüpfungspunkte innerhalb der Phasen zu Merkmalen der
bezugswissenschaftlichen und handlungsorientierten Didaktik 69
6
Schlussbetrachtung 72
Literaturverzeichnis 75
Anhang 85
II
-II- ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildung 1: Methoden der bezugswissenschaftlichen Didaktik 9
Abbildung 2: Ausgewählte Methoden der handlungsorientierten Didaktik 24
Abbildung 3: Lernen im Modell und Lernen am Modell 30
Abbildung 4: Unterscheidung Lernbüro, Übungsfirma und Juniorenfirma 32
Abbildung 5: Physischer Aufbau einer Übungsfirma 43
Abbildung 6: Unterrichtsverfahren 54
Abbildung 7: Formen des Frontalunterrichts 55
Abbildung 8: Lernformen 56
Abbildung 9: Direktes und indirektes Unterrichtsverhalten 57
Abbildung 10: Variation von direktem und indirektem Unterrichtsverhalten 58
Abbildung 11: Modell zur Anregung von Variation im Unterricht 60
Abbildung 12: Vorgehensweise zur Entwicklung und Beurteilung des Phasen-
modells 63
III
1
Einleitung und Problemstellung
,,Sie wissen wie es geht, können es aber nicht" (DÖRNER 1989, S. 304). Dieses Zi-
tat ist gefallen in der neueren wirtschaftsdidaktischen Diskussion um das so genannte
"träge Wissen". Scheinbar vorhandenes Wissen wird bei anstehenden Problemen
oftmals nicht eingesetzt. Jugendlichen fällt es ungemein schwer, das im Unterricht
erarbeitete Wissen auf Lebens- und Berufssituationen zu übertragen. In der Literatur
wird die Meinung vertreten, die Ursache liege in einer Wissensvermittlung, die sich
auf eine didaktische Reduktion von bezugswissenschaftlichen Inhalten konzentriert.
Methodisch werden diese Inhalte vor allem durch fragend-entwickelnde Lehrverfah-
ren erarbeitet, deren Aufgabenstellungen sich nicht an aktuellen Problemen aus dem
Berufsalltag orientieren (vgl. REETZ 1984a, S. 192). Diese "wenig anwendungsbe-
zogene, abstrakte und künstlich systematisierte Wissensvermittlung" (DEISSIN-
GER/RUF 2006, S. 39) führt nach Erkenntnissen der modernen Lernpsychologie zu
"trägem Wissen".
Die kognitive Lernpsychologie hingegen verweist darauf, dass zwischen Denken und
Tun eine Wechselwirkung besteht, die im Prozess des Lernens berücksichtigt werden
muss. Als Ursache wird angegeben, dass die Anhäufung rein deklarativer Wissens-
bestände, ohne Bezug zum "Tun" in der Arbeitswelt von heute nicht ausreiche, um
Jugendlichen den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz zu ermöglichen. Lernen-
de finden sich heute in einer Berufswelt wieder, die geprägt ist durch prozessorien-
tierte Handlungsvollzüge. Daraus zieht die handlungsorientierte Position die Konse-
quenz, dass Jugendliche ein handlungsorientiertes Wissen zu erarbeiten haben, das
sich an fachlichen, sozialen und personalen Kriterien orientiert. In einer solchen
Lernkultur rückt der Lernende in den Mittelpunkt des Lernprozesses. Unterricht soll
so gestaltet werden, dass methodisch nicht mehr lehrerzentriert und fachsystematisch
Wissen erarbeitet wird, sondern der Lernende selbstorganisiert und ganzheitlich an-
hand konkreter Lebens- und Arbeitssituationen lernt. In der Fachterminologie hat
sich hierfür der Begriff der handlungsorientierten Didaktik etabliert. Schüler sollen
durch den Unterricht zu einer umfassenden Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz ge-
führt werden, die es Ihnen ermöglicht in beruflichen und privaten Handlungssituatio-
nen kompetent zu agieren.
1
Doch auch an dieser Position gibt es inzwischen Kritik. Eine einseitige Ausrichtung
des Unterrichts am handlungsorientierten Konzept hat nach dieser zur Folge, dass der
Erwerb von strukturierten und fachlich grundlegenden Wissensbeständen vernachläs-
sigt wird. Jugendliche zeigen Schwierigkeiten aus der Bearbeitung anwendungsbe-
zogener Problemstellungen heraus, ein Wissen aufzubauen, das eine sinnvolle Struk-
tur aufweist und Zusammenhänge erschließt. Die Ursache wird von den Kritikern der
Handlungsorientierung in einer einseitigen Behandlung von lebens- und berufsnahen
Problemstellungen gesehen, deren kognitiver Gehalt bescheiden bleibe und damit
kaum Voraussetzungen für künftige Anwendungsmöglichkeiten schaffe. Wenn Ler-
nen von vornherein an einen prozessbezogenen Anwendungszweck gebunden sei,
würden Handlungsmuster erworben, die sich an der vorgefundenen Lernsituation
orientierten. Jugendliche kommen dann in Schwierigkeiten, wenn sie im Berufsalltag
offenen Situationen begegnen, die strukturell nicht der bereits im Unterricht durch-
gearbeiteten Lernsituation entsprechen. Lernenden hilft dabei ein fachsystematisch
geordnetes Wissen, um die komplexe Situation erklären und verstehen zu können
(vgl. ZABECK 2005, S. 270). Stattdessen werde aber durch handlungsorientierten
Unterricht ein träges prozessbezogenes Wissen erworben. "Damit wiederholt man
spiegelbildlich einen Fehler bestimmter wissenschaftsbestimmter Ansätze. Bestand
bisher der mit dem Programm der Wissenschaftsorientierung von Unterricht, wie es
der Deutsche Bildungsrat 1974 verkündete, verbundene Irrtum darin, die Beschäfti-
gung mit Wissenschaftswissen führe selbstverständlich auch zu Handlungskompe-
tenzen, reflektierter Wertebildung usw., so wird nun umgekehrt einer speziellen kog-
nitiven Struktur, die einen Sonderfall von Handlungen reguliert, das Erlernen von
wissenschaftsstrukturierten Informationen aufgebürdet und die Aufgabe zugewiesen,
Bildung anzuregen, Zusammenhänge erkennen zu lassen, einen kritisch reflektierten
Blick auf die Welt zu entwickeln usw." (GERDSMEIER 1999, S. 292).
Nun gibt es in der neueren Wirtschaftsdidaktik einen Zugang der behauptet diesen
Dualismus gelöst zu haben. Mit der Einführung komplexer Lehr-Lern-Arrangements
soll ein Ausgleich zwischen inhaltlicher Kompetenz und beruflicher Handlungskom-
petenz ermöglicht werden. Breiter Konsens besteht heute darüber, dass mit der me-
thodischen Vorgabe komplexer Lernumgebungen auch die Kompetenzen entwickelt
werden können, die für den beruflichen Alltag der Schüler bedeutsam sind (vgl.
KLAUSER 1998, S. 249). In der Wirtschaftspädagogik wird von mehrdimensionalen
2
Lehr-Lern-Arrangements gesprochen. Wissen muss nach dieser Position durch prob-
lembezogene Aufgabenstellungen aus dem beruflichen und privaten Lebensraum der
Schüler selbständig erschlossen werden. Daneben habe der Schüler, herausgelöst aus
dem Kontext der Problemstellung, ein Wissen zu erwerben, das den Aufbau eines
strukturierten Orientierungs- und Grundlagenwissens bewirke. Für diese Herauslö-
sung von fachlich strukturierten Wissensbeständen aus dem problembezogenen Auf-
gabenkontext wird in der Wirtschaftsdidaktik der Begriff der Dekontextualisierung
gebraucht (vgl. ACHTENHAGEN/JOHN 1992a, S. 5f.). Die didaktische Idee hinter
diesem methodischen Zugang ist die Verhinderung der Entstehung jenes "trägen
Wissens", das in der aktuellen Diskussion im Vordergrund steht.
In der Literatur wird darauf verwiesen, dass Lernende in komplexen Lehr-Lern-
Arrangements praxisbezogene Problemstellungen weitgehend selbständig zu bearbei-
ten haben. Durch eine Aufgabenstellung, die sich an der Lebens- und Berufswelt der
Schüler orientiert, werde ein zielgerichtetes und motiviertes Verhalten der Lernenden
gefördert. Sie können dadurch ihre eigenen Erfahrungen und ihr Vorwissen in die
Problembearbeitung mit einbringen. Ein solches Lernhandeln würde nach Ansicht
wissenschaftlicher Autoren neue authentische Erfahrungen der Lernenden erzeugen.
Der Zugang zur Aufgabenstellung habe möglichst aus differenzierten Perspektiven
zu geschehen. Unterschiedliche Herangehensweisen an das Problem sind zu überprü-
fen, um so Wissen aus unterschiedlichen Kontexten zu erarbeiten. Der soziale Aspekt
wird als wichtiges Merkmal komplexer Lehr-Lern-Arrangements angeführt, deshalb
finden solche Lernumgebungen oft in der Sozialform der Gruppenarbeit oder Part-
nerarbeit statt. Es werde danach ein individuelleres, differenziertes Lernen möglich,
das die Förderung der Kooperation unter den Schülern verbessere (vgl. KLAUSER
1998, S. 250). Die Umsetzung dieser Ziele wurde in der Literatur an einer Vielzahl
von Entwicklungen mehrdimensionaler Lehr-Lern-Arrangements diskutiert. Plan-
spiele, Fallstudien und Lernbüros/Übungsfirmen gelten als Paradebeispiele komple-
xer Lernumgebungen (vgl. ACHTENHAGEN 1992, S. 6). Im Konzept der Übungs-
firma wurde versucht, neben den angesprochenen didaktischen Zielen auch die Nut-
zung neuer Informations- und Kommunikationstechniken zu integrieren (ebenda, S.
3). Dadurch wird deutlich, dass mehrdimensionale Lehr-Lern-Arrangements auch
einen technologischen Ansatz darstellen, der die Notwendigkeit einer hohen metho-
3
dischen Kompetenz der Lehrkräfte unterstreicht, um die gewünschten positiven pä-
dagogischen Effekte zu erreichen.
Was als moderner Zugang bezeichnet wird, muss jedoch nicht per se neu oder besser
sein. Wer einen Blick in die Geschichte der Wirtschaftsdidaktik wirft, stellt fest, dass
schon früher ein Ausgleich zwischen fachwissenschaftlicher Vermittlung und praxis-
bezogenen Anwendungen angestrebt wurde. Damals wurde versucht, einen Aus-
gleich über kaufmännische Großformen zu erreichen. Es wurden Modellsimulationen
diskutiert, die mit der heutigen Übungsfirmenkonzeption verwandt sind, um die
Fachwissenschaften in Bezug zur Anwendung zu stellen (vgl. HOPF 1973, S. 206).
Nicht das träge Wissen war Ursache dieser Diskussion, sondern es wurde die Mei-
nung vertreten, dass übendes Anwendungslernen im Unterricht notwendig sei, um
späteren Berufserfolg zu ermöglichen (vgl. KAISER 1987, S. 12). Damit taucht der
Dualismus als verwandtes Problem schon in der klassischen Übungsfirma auf und
stellt seither ein Gebiet für Forschungsarbeiten dar.
An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass die Lösung des Dualismus bisher, sowohl
über den Ansatz der klassischen Übungsfirma, als auch über den Zugang durch kom-
plexe Lehr-Lern-Arrangements, auf allgemein formulierten Lösungsvorschlägen ba-
siert. So gilt die klassische Übungsfirma als ein Beispiel das Spannungsverhältnis
durch übendes Anwendungslernen zu entschärfen. Komplexe Lehr-Lern-
Arrangements versuchen durch komplexes Lernen den Dualismus zu überwinden.
Nun vertritt der Verfasser die Meinung, dass es interessant wäre zu überprüfen, in-
wiefern eine differenzierte methodische Entscheidungsstruktur hilfreich sein könnte,
um das Spannungsverhältnis zu entschärfen. An Stelle genereller Lösungsvorschläge
würde eine pragmatische Lösung gesucht werden, in der es unbedeutend ist, ob der
Zugang nun komplexes Lernen, übendes Lernen oder handlungsorientiertes Lernen
heißt. Es zeigt sich nämlich, nach Ansicht des Verfassers, dass sich das Spannungs-
verhältnis durch den Einfluss neuer Informations- und Kommunikationstechnologien
in den vergangenen Jahren noch verschärft hat. Die Entwicklung von integrierten,
hoch komplexen Softwareprogrammen und deren verbreiteter Einsatz in der moder-
nen Arbeitswelt beeinflussen die didaktischen Ziele technologisch ausgerichteter
Lehr-Lern-Arrangements. Das Ausmaß dieser Entwicklung konnte nach Ansicht des
Verfassers zur Zeit der Entstehung mehrdimensionaler Lernumwelten noch nicht
4
abgeschätzt werden, stellt sich jedoch heute als zusätzliche didaktische Herausforde-
rung dar.
Im kaufmännischen Unterricht von heute gestaltet sich die Übungsfirma als ein kom-
plexes Lehr-Lern-Arrangement in Verbindung mit einem anspruchsvollen informati-
onstechnischen System (vgl. TRAMM/ACHTENHAGEN 1994, S. 210). Eine Mehr-
heit der wissenschaftlichen Autoren sieht in einer solchen Lernumgebung den engen
Praxisbezug als besonderen Vorteil (vgl. DEISSINGER/RUF 2006, S. 18). Viele
Großunternehmen, als auch Klein- und mittelständische Betriebe sind heute durch
eine starke Prozessorientierung ihrer internen Abläufe gekennzeichnet (vgl. im Fol-
genden RUF 2006, S. 7-9). Die Verarbeitung von betrieblichen Informationen wird
durch unternehmensintegrierte Softwarelösungen begleitet. Daraus resultieren neue
und sehr anspruchsvolle Anforderungen an die kaufmännischen Sachbearbeiter. Ge-
fordert wird ein umfangreiches Arbeitsprozesswissen, das den gekonnten Umgang
mit integrierter Unternehmenssoftware voraussetzt. Schüler der Übungsfirma sollen
in der Lage sein, betriebswirtschaftliche Sachverhalte in einen komplexen Systemzu-
sammenhang einzuordnen und kritisch zu reflektieren. Doch genau hier liegt ein
fachdidaktisches Problem. Oftmals verfügen Schüler noch gar nicht über genügend
betriebswirtschaftliches Basiswissen, um sich ein vollständiges Bild von Systemzu-
sammenhängen machen zu können. Prozesse werden von der Software vordefiniert
und erlauben es den Schülern nicht sich selbständig und aktiv Gedanken zu notwen-
digen Prozessschritten zu machen. Außerdem laufen viele Vorgänge, die für das Pro-
zessverständnis der Jugendlichen wichtig sind, automatisch im Hintergrund der
Software ab. Die Arbeit mit integrierter Unternehmenssoftware bedeutet für viele
Schüler deshalb einen ,,cognitive overload" (RUF 2006, S. 9). Sie fühlen sich über-
fordert.
Es zeigt sich, dass die Verfolgung des Komplexitätsansatzes nicht automatisch zu
effektiven Lernprozessen führt. Möglicherweise wurde durch den Einsatz integrierter
Unternehmenssoftware in der Übungsfirma eine für die Schüler didaktisch angemes-
sene Komplexität der Aufgabenstellung überschritten. Das durchaus sinnvolle Ziel,
ein praxisbezogenes Arbeitsprozesswissen bei den Schülern zu entwickeln, wird zur
didaktischen Herausforderung. Auf der einen Seite benötigt der Schüler ein fachsys-
tematisch notwendiges Orientierungswissen, wie es dem Zielkanon der bezugswis-
5
senschaftlichen Didaktik entsprach. Ein solches betriebswirtschaftliches Grundla-
genwissen bildet die Basis, um auf der anderen Seite überhaupt komplexe Aufgaben-
stellungen im Kontext integrierter Unternehmenssoftware lösen zu können. Durch
die Lösung komplexer Probleme würde im Sinne handlungsorientierter Didaktik pra-
xisrelevante, prozessbezogene Sach-, Selbst- und Sozialkompetenz erworben. In die-
sem Kontext liegt der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Der Verfasser ist der
Meinung es existieren methodische Vorgehensweisen, die für eine systematische und
strukturierte Wissensvermittlung vorteilhaft sind. Auf der anderen Seite gibt es auch
Lehr-Lern-Methoden, die das Erreichen von beruflicher Handlungskompetenz bei
Jugendlichen besonders unterstützen. Ist es nun über eine Variation von Lehr-Lern-
Methoden im modernen Unterricht der Übungsfirma möglich, einen Ausgleich zwi-
schen fachsystematisch strukturiertem Wissenserwerb und prozeduralem Können der
Schüler zu erreichen? Methodische Vielfalt innerhalb des komplexen Lehr-Lern-
Arrangements der ÜFA mit integrierter Unternehmenssoftware könnte so zu einer
Entschärfung des Spannungsverhältnisses beitragen.
Der Aufbau dieser Arbeit orientiert sich inhaltlich an den eingangs erwähnten Aus-
führungen zur Problemstellung. Kapitel 2 befasst sich mit dem Dualismus zwischen
bezugswissenschaftlichen Inhalten und problembezogener Anwendung im Unterricht
und dem Lösungsansatz über komplexe Lehr-Lern-Arrangements. Hierzu werden
zunächst die Konzepte der bezugswissenschaftlichen und handlungsorientierten di-
daktischen Strömungen dargestellt. Eine detaillierte Erörterung der Ansätze würde
den Rahmen dieser Arbeit sprengen, deshalb wird an dieser Stelle darauf verwiesen,
dass vor allem die methodische Umsetzung der didaktischen Ziele dieser Strömun-
gen im Mittelpunkt der Analyse stehen wird. Komplexe Lehr-Lern-Arrangements
werden vor dem Hintergrund erläutert, den entstandenen Dualismus zwischen be-
zugswissenschaftlicher und handlungsorientierter Didaktik zu lösen. In Kapitel 3
wird die Übungsfirma als Paradebeispiel eines mehrdimensionalen Lehr-Lern-
Arrangements vorgestellt und auf die didaktischen Herausforderungen des Einsatzes
integrierter Unternehmenssoftware eingegangen. Hier soll insbesondere eine Ver-
schärfung des Dualismus durch informationstechnologische Entwicklungen aufge-
zeigt werden. Um eine Entschärfung des Spannungsverhältnisses zu erreichen wird
in Kapitel 4 auf ein Modell von DUBS zur Anregung von Variation im Unterricht
zurückgegriffen. In diesem Modell werden Vorschläge gemacht, die je nach kogniti-
6
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