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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 21 Pages
Author: Florian Unzicker
Subject: History - Early and Ancient History
Details
Institution/College: University of Göttingen (Althistorisches Seminar Uni Göttingen)
Tags: Domitian, Chattenkrieg, Römisches Reich, Germanien, Römer in Germanien, Römisches Germanien, Martial, Tacitus, Frontin, Germania Superior, Limes, Vespasian, Antike, Chatten, Hessen, Obergermanien, Germania Vincitur, Principat, Hohe Kaiserzeit, Kriegführung
Year: 2008
Pages: 21
Grade: 1
Bibliography: ~ 22 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-26269-4
ISBN (Book): 978-3-640-26274-8
Darstellung des Chattenkrieges des Domitian 83/85 n. Chr.
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Abstract
Mit dem angesprochenen, in der Literatur üblicherweise als erster Chattenkrieg bezeichneten Feldzug Domitians möchte sich diese Arbeit befassen. Dabei sollen die Fragen der Datierung, des Verlaufes und der geographischen Verortung dieser Kampagne ebenso Behandlung erfahren, wie die hinter dem militärischen Engagement stehenden Motive des Princeps und die bereits angesprochene Bewertung durch die antike Geschichtsschreibung und Literatur. Die besondere Relevanz des gewählten Themas ergibt sich daraus, dass Domitians Feldzug gegen die Chatten nicht nur für die Beziehungen der Römer und dieses Stammes zueinander, sondern auch für die römische Germanienpolitik im Allgemeinen „von zentraler Bedeutung“ ist, sind hier doch Lösungen für seit langem offene Fragen gefunden und eine Strategie für die weitere Entwicklung in der Rheinregion begründet worden.
Excerpt (computer-generated)
Georg-August-Universität Göttingen
Hauptstudiumsarbeit im WS 2007 / 08
"Quae datur ex Chattis laurea."
Domitians erster Chattenkrieg (83-85 n. Chr.)
1
1. Einleitung
,,Frater Idumaeos meruit cum patre triumphos, quae datur ex Chattis
laurea, tota tua est." 1
Mit diesen Zeilen lobt der Dichter Martial den Feldzug des flavischen Princeps
Domitian gegen den germanischen Stamm der Chatten. Sein Epigramm will
damit eine Analogie herstellen zwischen dem Chattenkrieg Domitians und dem
für Vespasian so wichtigen Sieg über die Aufständischen in Judäa, mit dem das
Herrscherhaus recht früh seine Leistungsfähigkeit hatte demonstrieren können.2
In den Augen des Hofdichters sei der im Chattenland erworbene Siegeslorbeer
in seiner Wertigkeit sogar noch über dem strahlenden Triumph des Titus
einzuordnen, da Domitian ihn alleine errungen habe und so weder dem Vater
noch dem illustren Bruder als Heerführer nachstehe. Diese Bewertung durch
den zur schmeichelnden Hofpoesie zu zählenden Dichter Martial stellt eine
bemerkenswerte Ausnahme dar, ist doch dem letzten Herrscher der flavischen
Dynastie gegenüber ,,die antike Überlieferung [...] fast ohne Ausnahme
feindlich eingestellt."3
Mit dem angesprochenen, in der Literatur üblicherweise als erster Chattenkrieg
bezeichneten Feldzug Domitians möchte sich diese Arbeit befassen. Dabei
sollen die Fragen der Datierung, des Verlaufes und der geographischen
Verortung dieser Kampagne ebenso Behandlung erfahren, wie die hinter dem
militärischen Engagement stehenden Motive des Princeps und die bereits
angesprochene Bewertung durch die antike Geschichtsschreibung und
Literatur. Die besondere Relevanz des gewählten Themas ergibt sich daraus,
dass Domitians Feldzug gegen die Chatten nicht nur für die Beziehungen der
Römer und dieses Stammes zueinander, sondern auch für die römische
Germanienpolitik im Allgemeinen ,,von zentraler Bedeutung" ist, sind hier
doch Lösungen für seit langem offene Fragen gefunden und eine Strategie für
die weitere Entwicklung in der Rheinregion begründet worden.4
1 Martial, Epigr. II 2,5f.
2 Die Wichtigkeit des Triumphes in Judäa betont u.a. Peter Kneißl, Die Siegestitulatur der römischen Kaiser.
Untersuchungen zu den Siegerbeinamen des 1. und 2. Jahrhunderts, Göttingen 1969, S. 42.
3 Hermann Bengtson, Die Flavier. Geschichte eines römischen Kaiserhauses, München 1979, S. 179.
4 Armin Becker, Rom und die Chatten, Darmstadt [u.a.] 1992, S. 265.
2
2. Zur Quellenlage
Einführend scheint es sinnvoll, in der gebotenen Kürze jene Autoren
einzuführen, die in ihren Werken Information über das gewählte Thema liefern.
S. Iulius Frontinus (um 40 bis 103) gehörte dem Senatorenstand an und nahm
wahrscheinlich als Kommandeur des niedergermanischen Heeres am
Chattenkrieg teil. In seinen
Strategemata
, die wohl kurz nach dem Abschluss
des Feldzuges und damit noch zu Lebzeiten Domitians erschienen, schildert er,
thematisch gegliedert, die Kriegleistungen großer Feldherren der griechischen
und römischen Geschichte. Seine Berichte sind im wesentlichen ohne
persönliches Werturteil formuliert.5 Ereignisse des Chattenkrieges finden in den
Strategemata an vier Stellen Erwähnung, die Chatten selbst jedoch nur in I,
3,23.6
Ein Zeitgenosse Frontins war der Dichter M. Valerius Martialis (um 40 bis
104), der von Titus in den Ritterstand erhoben worden war. Die Bewertungen
Martials differieren: Während manche ihn als ,,geradezu widerwärtigen
Adulator" beschreiben, rühmen andere seine kritische Sichtweise, mit der er
durch Doppeldeutigkeiten indirekte Kritik übte.7 Der Chattenkrieg findet bei
ihm Erwähnung in dem in der Einleitung angeführten Epigramm aus dem Jahre
86, eine weitere Erwähnung der Chatten bei Martial lässt auf bestehende
Handelskontakte mit den Römern schließen.8
P. Cornelius Tacitus (um 55 bis nach 116) erlebte nicht nur die gesamte
Herrschaftszeit des flavischen Hauses, sondern überlebte die Dynastie um rund
zwanzig Jahre. Er war Mitglied des
ordo senatorius
und bekleidete auch unter
Domitian, den er in seinen Werken stark ablehnt und von dem er ein einheitlich
negatives Bild vermittelt, hohe Ämter in der kaiserlichen Verwaltung. Durch
seine Werke ist Tacitus ,,ein Stern allererster Ordnung am Himmel der
römischen Historiker"; in Bezug auf die Chatten muss er als der bedeutendste
der erhaltenen antiken Autoren gesehen werden.9 Das biographisches Werk
über seinen Schwiegervater
Agricola
ist gefärbt von einer starken subjektiv
empfundenen Zurücksetzung durch Domitian. Leider sind die Teile seiner
Historiae
, in denen die Herrschaft der Flavier behandelt wird, nicht erhalten.
Sie brechen inmitten der Beschreibung des Bataveraufstandes im Jahre 70 ab.
5 Becker (wie Anm. 4), S. 26f.
6 Frontin, Strat. I, 1,8; I, 3,10; I, 3, 23; II, 11,7.
7 Bengtson (wie Anm. 3), S. 146.
8 Martial, Epigr. XIV, 26f; vgl. Becker (wie Anm. 4), S. 28.
9 Bengtson (wie Anm. 3), S. 276.
3
Für die Betrachtung des gewählten Themas ist weiterhin die 98 erschienene
ethnographische Studie
Germania
von Bedeutung.10
C. Plinius Caecilius Secundus (61/62 bis 113/115) war der Neffe des Älteren
Plinius. Der Beginn der Herrschaft Domitians 81 fiel ungefähr mit dem Beginn
seiner Ämterlaufbahn zusammen. Insgesamt profitierte der jüngere Plinius von
der Protektion durch den Princeps, was er aber in den nach dessen Tode
veröffentlichten Werken stillschweigend übergeht. In Plinius Darstellung
erscheint Domitian als der Tyrann schlechthin, positive Aspekte pflegt er
geflissentlich zu unterschlagen. Sein
Panegyricus
aus dem Jahre 100, das den
neuen Princeps Trajan in starker Kontrastierung zu Domitian als Lichtgestalt
feiert, enthält auch Aussagen über mit dem Chattenkrieg verbundene
Ereignisse.11
C. Suetonius Tranquillus (um 70 bis 130-140) war ebenfalls ein Zeitgenosse
der Flavier, erlebte aber wohl nur die Herrschaft Domitians bewusst. Seine fast
vollständig erhaltene
Vita
Caesarum
hat er in zeitlicher Distanz zu dieser
geschrieben, wobei er nach seiner Entlassung aus kaiserlichen Diensten für die
späteren Berichte nicht mehr auf Archive zugreifen konnte und somit
weitgehend auf mündliche Überlieferungen angewiesen war. Wenn Sueton
auch ,,die tausend Kleinigkeiten, die Intimitäten des täglichen Lebens, die
Bonmots, die Anekdoten und das Hofgeflüster [...] in reicher Fülle"
thematisiert und darüber die politische Dimension vernachlässigt, misst ihm die
heutige Forschung einen hohen Stellenwert als Quelle bei.12
Als wichtigste spätere Quelle sei noch L. Claudius Cassius Dio Cocceianus
(155-160 bis nach 235) genannt. Cassius Dio gehörte ebenfalls dem
Senatorenstand an. Um das Jahr 200 nahm er die rund 22 Jahre dauernde Arbeit
an seiner Römischen Geschichte auf, er schrieb also mit einer zeitlichen
Distanz von rund 100 Jahren zur Herrschaft Domitians. Man kann davon
ausgehen, dass er die einschlägige Literatur kannte und sie als Quelle
verwandte, woher er sein einseitig negatives Bild über den letzten Flavier
bezieht, ist hingegen nicht geklärt.13
10 ,,Nachwort. Leben und Werk des Tacitus", in: Tacitus, Germania. Übers. u. erl. von Manfred Fuhrmann,
Stuttgart 1971, S. 59ff. Für diese Arbeit wurde folgender Sammelband der taciteischen Werke verwandt: Tacitus.
Gesammelte Werke, hrsg. von Andreas Schäfer, Essen 1999.
11 Christiana Urner, Kaiser Domitian im Urteil antiker literarischer Quellen und moderner Forschung, Augsburg
1994, S. 40. Vgl. Plinius, Paneg. 16,3.
12 ,,Nachwort. Sueton, Leben und Persönlichkeit", in: Sueton, Leben der Caesaren. Hrsg. u. übers. von André
Lambrecht, 4. Aufl., München 1983, S. 345-354, S. 353.
13 Urner (wie Anm. 11), S. 48ff.
4
Insgesamt muss man die Quellenlage für Zeit der Herrschaft des Domitian als
,,unbefriedigend" bezeichnen, da kein ausführliches zeitgenössisches
historiographisches Werk vorliegt und das epigraphische Material der kurz
nach dem Ableben des Princeps einsetzenden
damnatio memoriae
anheim
gefallen sein wird.14
3. Die Germanienpolitik der Flavier bis Domitian
Im Jahre 69 entstand am Rhein für die Römer eine nicht ungefährliche
Situation: Innerhalb des Imperiums kämpften die Prätendenten der einzelnen
Heeresgruppen um die Nachfolge Neros, der nach für Staatskasse,
Rechtssprechung und Verwaltung katastrophalen Regierungsjahren vom Senat
zum Staatsfeind erklärt worden war und sich der Verantwortung durch
Selbstmord entzogen hatte.15 Durch den eiligen Zug des militärischen
Oberbefehlshabers am Niederrhein mit den besten Truppenteilen nach Rom
blieb die Rheingrenze entblößt zurück. Dies machten sich mehrere
germanische und gallische Stämme unter der Führung des romanisierten
Bataverfürsten Iulius Civilis für einen Aufstand zu Nutze.16 Hatte seit Augustus
,,im Prinzip das Gesetz des Handelns" bei den Römern gelegen, so
demonstrierte dieser Bataveraufstand, dass die Germanenstämme jenseits der
Ströme Rhein und Donau weiterhin ein nicht zu unterschätzendes
Gefahrenpotential für die Herrschaft der Römer in der Region darstellten.17 In
den bürgerkriegsähnlichen Kampfhandlungen meutern reguläre römische
Truppenteile offen und schlossen sich den Aufständischen an, die römische
Rheinlinie brach beinahe vollständig zusammen und auch der Brückenkopf der
Römer gegenüber von Mainz ging verloren.18
Nachdem sich Vespasian bis zum Jahre 70 in Rom als Princeps hatte
durchsetzen können, musste sein außenpolitisches Hauptaugenmerk auf der
Sicherung und Wiederherstellung der Rheinlinie liegen. Eine starke
Heeressäule von insgesamt acht Legionen wurde nach Germanien entsandt, um
den Aufstand niederzuwerfen.19 Lapidar vermerkt Cassius Dio, dass der
14 Ebd., S. 1.
15 Vgl. Jürgen Malitz, Nero, München 1999, ,,Das Ende der Dynastie", S. 103ff.
16 Dietwulf Baatz, ,,Römische Eroberungen unter den flavischen Kaisern, Bau des Limes", in: ders. und Fritz-
Rudolf Hermann (Hrsg.), Die Römer in Hessen, aktual. Aufl., Hamburg 2002, S. 66-83, 66f.
17 Reinhard Wolters, Die Römer in Germanien, 4. aktual. Aufl., München 2004, S. 64.
18 Baatz (wie Anm. 16), S. 68.
19 Bengtson (wie Anm. 3), S. 94
5
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