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Ästhetik oder Kosmetik? Eine kontroverse Debatte um den Film "Cidade de Deus" und seine Rezeption in Deutschland

Diplomarbeit, 2006, 129 Seiten
Autor: Dipl. Übersetzerin Alessandra Gusatto
Fach: Dolmetschen / Übersetzen

Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 129
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 96  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V122529
ISBN (E-Book): 978-3-640-27250-1


Zusammenfassung / Abstract

Cidade de Deus wird zu City of God: „Deutsche“ Titelübersetzung als Ideengeber für die vorliegende Arbeit. Als der Film Cidade de Deus 2003 in Deutschland anlief, war ich sehr überrascht, dass der Film die entsprechende englische Titelübersetzung, City of God, bekommen hat. Dies hat mich sehr beschäftigt und ich sah in der Diplomarbeit die Möglichkeit zur Ausarbeitung des Themas. Ausgangspunkt war eine potenzielle Fehlrezeption. Bereits durch die Titelübernahme unterstützt von mangelden Hintergrundkenntnissen seitens des deutschen Publikums konnte ich nicht verstehen, dass man einen brasilianischen Titel aus dem Englischen übernimmt ohne weitere Erklärungen dafür zu geben. Die kommerziellen Absichten, die damit verbunden sind, waren mir von Anfang an bekannt, jedoch wurde die Gefahr einen deutschen Fehlrezeption vergrößert. Der Film wurde vom Publikum und von der Kritik insgesamt gut aufgenommen und 2003 in Deutschland laut einer Statistik aus der Lumiere-Datenbank von 447.001 Zuschauern gesehen. In Europa war der Film nur in Großbritanien noch erfolgreicher. Als Vergleich kann man Central do Brasil (1998) von Walter Salles heranziehen, auch ein weiterer erfolgreicher Film der brasilianischen retomada, der im Vergleich jedoch nur ca. 293.000 Zuschauer in Deutschland erreichte. Die Arbeit ist in vier Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel bildet einen Überblick über die Entstehung des Films Cidade de Deus und seinen Inhalt. Im zweiten Kapitel wird der brasilianische Film chronologisch dargestellt, um eine Grundlage für das bessere Verständnis des Kapitelschwerpunktes vorzubereiten: Die Auseinandersetzung um den heutigen brasilianischen Film. Die Wiederbelebung und Verstärkung dieser Debatte durch Cidade de Deus verursachte außerdem eine interdisziplinäre Debatte: Von einer Ästhetik zu einer Kosmetik des Hungers. Diese Diskussion hat in Brasilien für enorme Auseinandersetzungen v. a. im Bereich der Medienwissenschaft gesorgt und kennzeichnet sie auch heute noch. Die Wissenschaftlerin Ivana Bentes prägte diese theoretische Welle mit ihrer Kosmetik des Hungers in Anlehnung an der von Glauber Rocha in den 60er Jahren entstandenen revolutionären Theorie der Ästhetik des Hungers. Die Ästhetik des Hungers fungierte als eine Art Manifest für das brasilianische cinema novo und diente als theoretische Grundlage der Bewegung.


Textauszug (computergeneriert)

Diplomarbeit über das Thema:

Ästhetik oder Kosmetik?

Eine kontroverse Debatte um den Film Cidade de

Deus

und seine Rezeption in Deutschland.

Dem Prüfungsamt bei der

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Fachbereich Angewandte Sprach- und

Kulturwissenschaft in Germersheim

Vorgelegt von

Alessandra Gusatto

______________________________________________

Prüfungstermin:

WS 06/07


2

Inhaltverzeichnis

Einleitung

4

1 Entstehung der Cidade de Deus:

Realer und fiktiver Ort

8

2 Filmgeschichte in Brasilien

15

2.1 Entstehung des brasilianischen Films

15

2.2 Realitätsfilm in Brasilien:

Eine Geschichte der Gattung

20

2.2.1 Realität im Film: Ein kurzer Überblick 20

2.2.2 Realität im brasilianischen Film:

Eine Tradition?

23

2.2.3 Allegorie der Realität: Das

Cinema Novo

25

2.2.4 Die letzten Jahrzehnte:

Ein kurzer Überblick

28

2.3

Estética

vs.

Cosmética da Fome

31

2.3.1

Estética da Fome

31

2.3.2

Cosmética da Fome

37

2.3.2.1 Debatte über den heutigen brasiliani-

schen Film und die

Cosmética da Fome

:

Cidade de Deus

als Vorreiter 43

2.4

Cidade de Deus

: Zwischen Fiktion und Realität 52

2.4.1 Gewalt im brasilianischen Film

53

2.4.2 Gewalt in

Cidade de Deus

59

2.4.3 Realitätseffekt in

Cidade de Deus:

Dokumentarische Fiktion und

fiktive Dokumentation

63

2


3

3 Kosmetik des Hungers durch die

Übersetzung des Films?

71

3.1 Ein kurzer Überblick über die Filmübersetzung 71

3.1.1

Untertitelung

72

3.1.2 Synchronisation

73

3.2

City of God

: Ein mittelalterlich theologischer

Titel oder Die Kirche lässt grüßen

75

3.3 Eigennamen: Eine Sache für sich

78

3.4 Die Synchronisation und Untertitelung

im Film

Cidade

de

Deus

81

3.4.1 Die Synchronisation in

Cidade de Deus

83

3.4.2 Die Untertitelung in

Cidade de Deus

85

3.5 Ausgewählte Beispielszenen für die

Übersetzungsanalyse

87

3.5.1 Szene 1: Die Entstehung der Stadt Gottes

(00:01:59 bis 00:07:52) 87

3.5.2 Szene 2: Der Überfall auf das Motel

(00:10:21 bis 00:11:27)

95

3.5.3 Szene 3: Die

Cocotas

am Strand

(00:32:53 bis 00:34:22)

99

4 Rezeption des Films Cidade de Deus

in Deutschland: Eine Fehlrezeption?

103

Anhang

111

Literaturverzeichnis

113

3


4

Einleitung

Cidade de Deus

wird zu

City of God:

,,Deutsche"

Titelübersetzung als Ideengeber für die vorliegende Arbeit.

Als der Film

Cidade de Deus

2003 in Deutschland anlief,

war ich sehr überrascht, dass der Film die entsprechende

englische Titelübersetzung,

City of God,

bekommen hat.

Dies hat mich sehr beschäftigt und ich sah in der

Diplomarbeit die Möglichkeit zur Ausarbeitung des

Themas. Ausgangspunkt war eine potenzielle

Fehlrezeption. Bereits durch die Titelübernahme

unterstützt von mangelden Hintergrundkenntnissen

seitens des deutschen Publikums konnte ich nicht

verstehen, dass man einen brasilianischen Titel aus dem

Englischen übernimmt ohne weitere Erklärungen dafür zu

geben. Die kommerziellen Absichten, die damit

verbunden sind, waren mir von Anfang an bekannt, jedoch

wurde die Gefahr einen deutschen Fehlrezeption

vergrößert. Der Film wurde vom Publikum und von der

Kritik insgesamt gut aufgenommen und 2003 in

Deutschland laut einer Statistik aus der Lumiere-

Datenbank von 447.001 Zuschauern gesehen. In Europa

war der Film nur in Großbritanien noch erfolgreicher. Als

Vergleich kann man

Central do Brasil

(1998) von Walter

Salles heranziehen, auch ein weiterer erfolgreicher Film

der brasilianischen

retomada

, der im Vergleich jedoch nur

ca. 293.000 Zuschauer in Deutschland erreichte.

4


5

Die Arbeit ist in vier Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel

bildet einen Überblick über die Entstehung des Films

Cidade de Deus

und seinen Inhalt. Im zweiten Kapitel wird

der brasilianische Film chronologisch dargestellt, um eine

Grundlage für das bessere Verständnis des

Kapitelschwerpunktes vorzubereiten: Die Auseinander-

setzung um den heutigen brasilianischen Film.

Die Wiederbelebung und Verstärkung dieser Debatte

durch

Cidade de Deus

verursachte außerdem eine

interdisziplinäre Debatte:

Von einer Ästhetik zu einer

Kosmetik des Hungers

. Diese Diskussion hat in Brasilien

für enorme Auseinandersetzungen v. a. im Bereich der

Medienwissenschaft gesorgt und kennzeichnet sie auch

heute noch. Die Wissenschaftlerin Ivana Bentes prägte

diese theoretische Welle mit ihrer

Kosmetik des Hungers

in Anlehnung an der von Glauber Rocha in den 60er

Jahren entstandenen revolutionären Theorie der

Ästhetik

des Hungers

. Die

Ästhetik des Hungers

fungierte als eine

Art Manifest für das brasilianische

cinema novo

und diente

als theoretische Grundlage der Bewegung. Die heutige

Diskussion gewann an Polemik als Mariza Leão, die für

die Produktion des erfolgreichen Films

Guerra de

Canudos

(1997) verantwortlich war, eine Antwort auf die

Kosmetik des Hungers

über die Zeitung an Bentes

abgegeben hat, um ihren Film und die gesamte

retomada1

zu verteidigen. Weiteres zu dieser Debatte wird im Punkt

2. 3 behandelt.

1 Näheres dazu im Kapitel 2.

5


6

Der übersetzungskritische Teil der Arbeit bildet das dritte

Kapitel und stützt sich auf die brasilianische und die

deutsche Version des Films in Form einer DVD. Da kein

vollständiges Drehbuch vorliegt, werden die ausgesuchten

Szenen von mir transkribiert. Der theoretische Hintergrund

für die Übersetzungsanalyse bilden die Artikel von:

Christiane Nord,

Äpfel und Birnen

und

Der Titel ­ Ein

Mittel zum Text

, bei denen Nord die Aspekte der

Titelübersetzung diskutiert, sowie von Angelika Gärtner

und Margarete Schlater,

It could happen to you

, bei dem

das Verfahren zur Titelübersetzung in Brasilien und

Deutschland überprüft wird. Außerdem werden einige

Artikel zum Thema Filmübersetzung und Synchronisation

aus der Bibel der deutschen Übersetzer, dem

Handbuch

Translation

herangezogen. Lucia Nagib, anerkannte

brasilianische Geisteswissenschaftlerin, macht eine

interessante soziolinguistische Analyse der sprachlichen

Mittel im Film in ihrem Artikel

A Língua da Bala

2

und ist

besonders wichtig für die kritischen Überlegungen im

dritten Kapitel. Außerdem wurde das Buch von Guido

Marc Pruys,

Die Rhetorik der Filmsynchronisation - Wie

ausländische Spielfilme in Deutschland zensiert, verändert

und gesehen werden

und das Buch von Thomas Herbst,

Linguistische Aspekte der Synchronisation von

Fernsehserien

in Betrachtung gezogen. Des Weiteren

wurden einige meine Fragen

per E-Mail von der

Übersetzerin des Films, Barbara Winter, freundlicherweise

beantwortet.

2 Nagib, Lúcia (2003):

A Língua da Bala. Realismo e Violência em Cidade de
Deus.

In: Revista Novos Estudos. Nr. 67. S. 181-191. Nachfolgend zitiert als

A Língua da Bala.

und Seitenangabe.

6


7

Ziel der Arbeit ist es, zu überprüfen, ob die deutsche

Synchronfassung und Untertitelung des Films für eine

Fehlrezeption seitens des deutschen Publikums

beigetragen hat und inwiefern die Theorie von Ivana

Bentes in Deutschland durch den interkulturellen Transfer

wahr geworden ist. Insofern werde ich im vierten Kapitel

über die Rezeption in Deutschland und seine Wirkung auf

die Zuschauer samt Kritikern zu sprechen kommen und

abschließend meine Vermutungen über eine mögliche

Fehlrezeption aufstellen.

7


8

1 Entstehung der Cidade de Deus:

Realer und fiktiver Ort

Cidade de Deus

ist erstens eine der vielen brasilianischen

Favelas

.

Favella

(

Jatropha phyllacantha)

ist ursprünglich

der Name eines Busches, der im brasilianischen

Hinterland,

Sertão

, vorkommt. Nach ihm wurde der Ort

Morro da Favela

benannt, aus der die von

Canudos3

nach

Rio de Janeiro zurückgekehrten Soldaten in sehr

schlechten Verhältnisse lebten und auf ihren Sold warten

mussten

.

Vermutlich gab es auch ein

Morro da Favela

in

Canudos

.4 Erst ab den 20.Jahrhundert wird das Wort

Favela

von der Presse als ein eigenständiges Substantiv

benutzt.5

Cidade de Deus

(1997) ist zum Zweiten auch der

Name eines Romans von Paulo Lins über die

gleichnamige

Favela

. Ein Werk, das nach einer

achtjährigen Mitarbeit an einem anthropologischen Projekt

entstanden ist. Letztlich ist

Cidade de Deus

auch ein Film

von Fernando Meirelles, der auf dem gleichnamigen Buch

basiert.

3 Berühmter messianischer Aufstand in einem Ort Namens

Canudos

im

brasilianischen Hinterland am Ende des 19. Jahrhunderts. Auch einer der

blutigsten Aufstände in der Geschichte Brasiliens. Dokumentiert in

Os
Sertões

von Euclides da Cunha, ein Klassiker der brasilianischen Literatur

und Kulturgeschichte.

4 Vgl. Novo Aurélio.

O Dicionário da Língua Portuguesa. 3. Auflage.

5 zit. nach Valladares, Licia (1998):

A Gênese da Favela Carioca. A
produção anterior às ciências sociais.

In: Revista Brasileira de Ciências

Sociais. Vol. 15. S.5-34. Abrufbar im Internet: <http://www.scielo.br> S. 7.

Stand: 30.01.2006. Nachfolgend zitiert als

A Gênese da Favela Carioca

. und

Seitenangabe.

8


9

Was diese scheinbar unterschiedlichen ,,Geschichten"

miteinander verbindet ist die Gewalt, die in ihnen herrscht

und deren starker Bezug zur Realität. Unter den Filmen

der

retomanda

ist

Cidade de Deus

der zweitgrößte Erfolg

und wird nur von dem Film

Carandirú

(2003) von Hector

Bebenco in den Schatten gestellt; interessanterweise eine

weitere Literaturverfilmung, die auf der Realität basiert. Im

Ausland ist

Cidade de Deus

jedoch der Gewinner mit

insgesamt 52 internationalen Auszeichnungen6. Das Buch

war für das Kino durch seine schnelle Erzählweise

prädestiniert. Für Camenietzki ist die Geschichte agil wie

ein Kinofilm: ,,[O poeta] faz e desfaz os movimentos de

seu universo ficcional."7

Der Film ist 128 Minuten lang, heißt in Deutschland

City

of God

und die Schauspieler sind fast alle Laiendarsteller

aus

Favelas

in und um Rio de Janeiro. Das Projekt für den

Film begann bereits im Juli 2000. Am 30.08.2002 wurde er

in den brasilianischen Kinos uraufgeführt und hatte am

08.05.2003 in Deutschland seine Première.

Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Bewohners

der

Cidade de Deus, Buscapé

, in

off

erzählt. In dem Film

lernt man die ersten Tage der neuen ,,Siedlung" Anfang

der 60er Jahren kennen. In einer Zeit, in der der Himmel

noch frei zu sehen war, die Häuser noch alle gleich waren

und die Menschen noch lachen konnten.

6 Lerina, Roger (2004):

Cidade de Deus virou "City of God"

. In: Jornal Zero

Hora. Caderno de Cultura vom 07.02.2004. S. 5.

7 Camenietzki, Eleonora Ziller (2000):

Três propostas para o próximo
milênio : "Cidade de Deus", de Paulo Lins, "A lição de Prático", de Maurício
Luz e "O trono da rainha Jinga", de Alberto Mussa.

In: Revista Tempo

Brasileiro. Bd. 141. S. 104.

9


10

Bald bildeten sich die ersten Banden, die damals noch

relativ naiv wie selbstlose Robin Hoods handelten und

ihre Beute mit der Bevölkerung teilten. Als Beispiel solcher

Banden

steht das

Trio Ternura: Marreco, Cabeleira

und

Alicate

. Später, in den 70er Jahren, beginnt der

Drogenhandel die Situation zu verändern und Gewalt und

Hass prägen die Athmosphäre. Der Himmel ist nicht mehr

zu sehen, die Häuser haben sich verändert und sind sich

bedrückend näher gerückt. Die Menschen leben nun Tag

und Nacht mit Angst. Die Verbrecher werden immer

jünger. Bald wird

Dadinho

, der immer eine wichtige

Person sein wollte, zu

Zé Pequeno

und plötzlich fängt er

an die ganze

Favela

zu kontrollieren. Die 80er Jahre

bringen die Verherrlichung des Terrors mit sich. Es bilden

sich mit der Zeit zwei Banden, die von

Cenoura

und

Mané

Galinha

gegen die von

Zé Pequeno,

die gegeneinander

einen Krieg führen, der sich als sinnlos erweisen wird. Der

Film und die Schlacht enden, als die zwei Hauptfiguren

des Gemetzels,

Mané Galinha

und

Zé Pequeno

getötet

werden und

Buscapé

seinen Traum, Fotograf zu werden,

erfüllt.

Cidade de Deus

offenbart, fast pädagogisch, den

Drogenhandel und findet Platz für eine Geschichte, die

Lehrbücher und ein Teil der Gesellschaft vergessen oder

verdrängt haben. Wie bereits angerissen, ist der Film in

drei Phasen unterteilt (60er, 70er und 80er Jahre). Die

Handlung läuft kreisförmig ab und endet wo sie

angefangen hat.

10



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