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Hauptseminararbeit, 2007, 25 Seiten
Autor: Magister Artium Philipp Zöllner
Fach: Skandinavistik
Details
Tags: Unmöglichkeit, Gegenwart, Knut, Hamsuns
Jahr: 2007
Seiten: 25
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-30023-5
ISBN (Buch): 978-3-640-30506-3
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Zusammenfassung / Abstract
Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, den komplexen narrativen Mechanismen von Pan, sowie dessen bisheriger wissenschaftlicher Verhandlung kritisch zu begegnen. Dabei halte ich mich an die formale Aufeinanderfolge beider Romanteile. Im ersten Teil 1.1 soll zunächst die Funktion des Untertitels untersucht werden. Anschließend soll unter 1.2 eine Analyse der Erzähltechniken im Zusammenhang mit Glahns Autorschaft diskutiert werden. Punkt 1.3 dreht sich um die zentrale Frage nach der Bewältigung von Vergangenheit und Gegenwart. Besonders aufschlußreich ist hierbei ein näherer Blick auf die Zeitstrukturen. Im letzten Unterpunkt zum ersten Teil (1.4) soll es um Glahns Verhältnis zu Natur und Gesellschaft aus forschungskritischer Perspektive gehen. Der zweite Teil beschäftigt sich erstens (2.1) mit der strittigen Frage der Autorschaft und zweitens (2.2) mit möglichen Funktionen des Epilogs. Abschließend sollen die wichtigsten Erkenntnisse resümiert und relativiert werden. Erinnerung und Schreiben „Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer“ ist eine homodiegetische fiktionale Erzählung. Sie ist „the subject product of a damaged, imbalanced, and highly idiosyncratic person – the narrative is fundamentally unreliable.“1 Zu dem Schluss, dass wir Glahn als einem unzuverlässigen Erzähler begegnen, kommt auch Sehmsdorf: „If we step back from the narrative and seek to give a rational account of Glahn's experience, we are forced to the negative conclusion that he is irresponsible, dangerously unstable, even mad.“2 Doch jeder Interpretationsansatz muss dennoch von einem bestimmten Wahrheitsgehalt in Glahns Erzählung ausgehen. Alle Aussagen Glahns als Lüge aufzufassen würde gleichermaßen heißen, dass alles wahr sein könnte, denn die Lüge kommt ohne die Wahrheit nicht aus. Was wir glauben (und damit auch nicht glauben) bildet die Basis des Textzugangs. [...]
Textauszug (computergeneriert)
Die Unmöglichkeit von Gegenwart
in Knut Hamsuns Pan
1
Inhalt
Einführung
3
1. Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer
3
1.1 Der verschwundene Untertitel
3
1.2 Erinnerung und Schreiben
5
1.3 Der maskierte Intellektuelle
10
1.4 Die Zeit steht still
13
2. Glahns Død - Ett papir fra 1861
19
2.1 Die Frage der Autorschaft
19
2.2 Funktionen des Epilogs
21
Conclusio
23
Literturverzeichnis
24
Anhang: Zeit-und Erzählstrukturen im Überblick
2
Einführung
Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, den komplexen narrativen Mechanismen von
Pan
, sowie
dessen bisheriger wissenschaftlicher Verhandlung kritisch zu begegnen. Dabei halte ich mich an die
formale Aufeinanderfolge beider Romanteile. Im ersten Teil 1.1 soll zunächst die Funktion des
Untertitels untersucht werden. Anschließend soll unter 1.2 eine Analyse der Erzähltechniken im
Zusammenhang mit Glahns Autorschaft diskutiert werden. Punkt 1.3 dreht sich um die zentrale
Frage nach der Bewältigung von Vergangenheit und Gegenwart. Besonders aufschlußreich ist
hierbei ein näherer Blick auf die Zeitstrukturen. Im letzten Unterpunkt zum ersten Teil (1.4) soll es
um Glahns Verhältnis zu Natur und Gesellschaft aus forschungskritischer Perspektive gehen. Der
zweite Teil beschäftigt sich erstens (2.1) mit der strittigen Frage der Autorschaft und zweitens (2.2)
mit möglichen Funktionen des Epilogs. Abschließend sollen die wichtigsten Erkenntnisse resümiert
und relativiert werden.
1. Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer
1.1 Der verschwundene Untertitel
Die Erstausgabe von
Pan
ist mit ,,Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer" untertitelt. In späteren
Ausgaben sowie den meisten deutschen Übersetzungen fehlt dieser Untertitel1, der für die
Interpretation von immenser Bedeutung ist.2 Zunächst suggeriert er das Vorhandensein eines
größeren Opus3, aus welchem uns ein Ausschnitt in Form von 38 Kapiteln vorliegt. Was vielleicht
noch in diesen Papieren steht wissen wir nicht und fällt damit in den Bereich der extratextuellen
Spekulation. Doch was wir erfahren ist, dass es sich bei dem Protagonisten um eine sozialisierte
und alphabetisierte Person handelt, die einen biblischen Vornamen4 trägt und deren
gesellschaftlicher Status durch den militärischen Grad markiert ist. Woher kommt aber der
1 So auch in den beiden verwendeten Ausgaben (siehe Literaturverzeichnis)
2 Vgl. Humpál, Martin (1998): ,,Editing and Interpreting Two Editions of Hamsun′s Pan and the Question of the
Fictional Authorship of ,Glahns død′" in: Edda 1:98, S. 20-29
3 Vgl. Rønhede, Nikolaj (2001): ,,Pan. Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer Uden for genre" in: Edda 3:01, S. 315-323
4 Thomas: aramäischer Ursprung mit der Bedeutung ′Zwilling′, Jünger Jesu im Neuen Testament. Der Name kann als
Metapher seiner Zwiespältigkeit und Zweigeteiltheit interpretiert werden. In der Forschung wird immer wieder auf
diese Dichotomie zwischen Natur-Kultur (Linneberg, Vige) bzw. Privat-Öffentlich (Humpál) referiert.
3
Untertitel? Ist er das Werk eines unbekannten Editors, welcher im Besitz von Glahns
Aufzeichnungen ist und gerade jenen Teil auswählt und heraus gibt? Auf diese müßige Frage und
die damit verbundenen Spekulationen kann man verzichten, wenn man Glahn selbst als Titelgeber
annimmt, was nicht unwahrscheinlich ist, schließlich versucht Glahn sich im Laufe seiner
Erzählung bewusst als Autor zu etablieren. Von sich in der dritten Person zu sprechen es heißt ja
nicht ,,av
mina
papirer" - kommt dem Versuch gleich, eine objektivierende Instanz zu
simulieren
,
die seine Erzählung editorisch verortet. Damit würde Glahn, der von Hamsun als fiktionaler
Herausgeber inszeniert wird, seinerseits eine eigene Herausgeberfiktion innerhalb der fiktionalen
Welt kreieren, nämlich die des ,,unbekannten Editors". Hamsun als Erfinder Glahns ist
selbstverständlich auch der Erfinder des ,,unbekannten Editors", doch innerhalb der Fiktion existiert
Hamsun nicht und die Autorschaft des Titels geht auf Glahn über. Dass dieser Titel wiederum nur
Untertitel des ersten Teils von
Pan
ist, kann Glahn nicht wissen, da er nicht Teil der realen Welt ist.
Der Untertitel stellt gewissermaßen den Nexus zwischen realer und fiktionaler Leserwelt dar. Seine
Autoren sind gleichzeitig Hamsun und Glahn, je nachdem welchen Standpunkt wir als Leser
einnehmen. Pan-Ausgaben, welche entgegen Hamsuns ausdrücklicher Forderung den Untertitel
unterschlagen, berauben also auch Glahn seiner Herausgeberfiktion und synkopieren damit einen
wichtigen Moment modernistischen Schreibens. Zudem fehlt die formale Parallele zum Titel des
zweiten Teils ,,Glahns Død Ett papir fra 1861". Es entsteht der Eindruck, als wäre der erste Teil
ohne Titel bzw. mit "Pan" betitelt, welcher jedoch der Buchtitel ist unter dem
beide
Teile
subsummiert werden.5 Ohne den Untertitel fehlt dem Buch weit mehr als eine Zeile, nämlich
(mindestens) eine ganze analytische Ebene. Dies zeigt deutlich, wie unreflektierte redaktionelle
Entscheidungen maßgeblich zu einem veränderten Textverständnis beitragen können.
5 Vgl. Anhang
4
1.2 Erinnerung und Schreiben
,,Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer"
ist eine homodiegetische fiktionale Erzählung. Sie ist ,,the
subject product of a damaged, imbalanced, and highly idiosyncratic person the narrative is
fundamentally unreliable."6 Zu dem Schluss, dass wir Glahn als einem unzuverlässigen Erzähler
begegnen, kommt auch Sehmsdorf: ,,If we step back from the narrative and seek to give a rational
account of Glahn′s experience, we are forced to the negative conclusion that he is irresponsible,
dangerously unstable, even mad."7 Doch jeder Interpretationsansatz muss dennoch von einem
bestimmten Wahrheitsgehalt in Glahns Erzählung ausgehen.
Alle
Aussagen Glahns als Lüge
aufzufassen würde gleichermaßen heißen, dass alles
wahr
sein könnte, denn die Lüge kommt ohne
die Wahrheit nicht aus. Was wir glauben (und damit auch nicht glauben) bildet die Basis des
Textzugangs. Zunächst gilt es unseren eigenen Wahrheitsbegriff zu überprüfen, mit dem wir Glahns
Aussagen bewerten. In einem Widerspruch muss nicht zwangsweise eine Unwahrheit liegen,
vielleicht nur eine
andere
Wahrheit. Schließlich dürfen wir auch nicht vergessen, dass Glahn diese
Widersprüche durch das, was er aufschreibt, selbst erzeugt. Durch diese Widersprüchlichkeit
entzieht er sich immer wieder dem ,,analytischen Griff" des Lesers. Das Erklärungsmodell, das dem
Leser offeriert wird, sei, so Linneberg, die ,,unergründbare und mysteriöse Natur des Menschen."8
Die Erklärung läge also gewissermaßen in der Nichterklärbarkeit, was zunächst unbefriedigend
erscheint und dennoch mit Hamsuns Auffassung korreliert, dass es die Aufgabe des Autors sei ,,to
express the secret and evanescent flow of thoughts, sensations and feelings involved in the
experience of self and of the world."9 Das Flüchtige offenbart sich nur im Moment und lässt den
Charakter geheimnisvoll, unkalkulierbar erscheinen. Darin liegt die psychologische Wahrhaftigkeit
von Hamsuns ,,Helden", jenseits traditionell ausgearbeiteter literarischer Stereotypen.
Stuhler behauptet, Hamsuns Romane seien ,,systematische Anleitungen zum Falschlesen"10, was
impliziert, dass es eine oder mehrere ,,richtige" Lesart(en) gibt. Lien hält im Falle von
Pan
dagegen
6 Humpál 1998
The roots of modernist narrative,
S. 108
7 Sehmsdorf 1974, S. 385
8 Linneberg 1976, S. 193
9 Sehmsdorf 1974, S. 357
10 Stuhler 2005, S. 177
5
und meint: ,,Fortelleren beregner leserens korreksjon."11 Diese These lässt sich auf zwei Ebenen
applizieren: Einerseits auf den realen Autor Hamsun, welcher uns als realen Leser zum Korrektiv
werden lässt, andererseits auf den impliziten Erzähler Glahn, welcher womöglich den impliziten
Leser zur Selbstkorrektur aufruft. Im ersten Fall kommuniziert der Autor Hamsun über den Kopf
des Ich-Erzählers hinweg, indem er dessen Unzuverlässigkeit (Bagatellisierungen) offensichtlich
macht ohne dabei jedoch selbst das Wort zu ergreifen. Er lässt seinen Protagonisten sich selbst
bloßstellen. Sollte aber tatsächlich Glahn das Entlarven seiner eigenen Unzuverlässigkeit indendiert
haben, was wir ihm unterstellen aber nicht beweisen können, so hätte dies die vollständige Eklipse
seines Schöpfers zur Folge.12 In beiden Fällen gibt es keine textliche Instanz, die Glahns Aussagen
relativiert. Alles wird durch seine Wahrnehmung gefiltert, was auch die o.g. Kommunikation
zwischen Hamsun und dem realen Leser verunmöglicht. Negativ betrachtet ist der Leser dem
internen Autor Glahn ausgeliefert. Er ist und bleibt der Erzähler und sei er noch so unzuverlässig.
Lien formuliert das Autor-Leser Verhältnis in einem positiven Sinne: ,,Men i siste instans er det jo
teksten selv som de-monterer fortellerens manipulerande skriveprosjekt."13
Der Brief, indem Edvarda Glahn die beiden Vogelfedern zurückgeschickt, ist ganz offensichtlich
der Auslöser für seine Niederschrift.14 Immerhin sind Sie sind das einzige Geschenk15, von dem
Glahn den Leser wissen lässt, dass er ihr es gemacht hat. Es sollte Edvarda zur Erinnerung an ihn
dienen. Die zurückgesandten Vogelfedern rufen nun gleichsam Glahns Erinnerung an
sie
wach16
und werden sprichwörtlich zu seiner ,,Schreibfeder". Leitmotivisch verbinden sie Rahmen- und
Binnengeschichte miteinander. Bevor er die Ereignisse in Sirilund schriftlich Revue passieren lässt,
11 Lien 1993, S. 136
12 Vgl. Barthes, Roland ,,Der Tod des Autors" in: Jannidis, Fotis (Hg.):
Texte zur Theorie der Autorschaft
, Stuttgart
2000, S. 185-193.
13 Lien 1993, S. 136
14Vielleicht war der Brief Edvardas Auslöser einer unwillkürlichen Erinnerung (mémoire involuntaire), vergleichbar
mit der Madeleine-Szene in Prousts
Recherche
. Die schließliche Bearbeitung seiner Erinnerungen ist jedoch unter
literarischen Prämissen gelenkt.
15 Das Übersenden von Äsops Leichnam an Edvarda ist wohl eher als gezielte Geste der Demütigung und
Machtdemonstration, denn als echtes Geschenk zu bewerten.
16 Nettum vergleicht Glahns Erinnerung an Edvarda und Eva und kommt zu dem Schluss: ,,Diejenige die er nicht
bekommt, ist in seinen Gedanken lebendiger, als die die er bekommt..." Nettum 1970, S.294
6
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