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Kriterien zum Übersetzen von Schlüsselbegriffen in der Bibel

Subtitle: am Beispiel von ṣaddik (gerecht) in Habakuk 2,4

Diploma Thesis, 2009, 120 Pages
Author: Mag. Priscille Regez
Subject: Interpreting / Translating

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2009
Pages: 120
Grade: Sehr gut
Language: German
Archive No.: V127902
ISBN (E-book): 978-3-640-33006-5
ISBN (Book): 978-3-640-33185-7
Notes :
Soli Deo Gloria!


Abstract

Unter biblischen Schlüsselbegriffen versteht man häufig auftretende Begriffe in der Bibel. Das können Begriffe sein, die wichtige theologische Bedeutungen tragen, zum Beispiel Sünde, Gnade, Erlösung usw. Auch Bezeichnungen für biblische Wesen wie Engel, Geist, Sohn Gottes oder andere gehören dazu. Begriffe, die viele kulturelle Komponenten aus der Zeit der Verfassung der Bibel enthalten und deshalb in der Zielsprache unbekannt sind oder keine genaue Entsprechung haben, zählen ebenfalls als Schlüsselbegriffe, zum Beispiel Tempel, Altar, Prophet usw. Das Ziel dieser Arbeit ist, anhand einer theoretischen Grundlage und Methodologie herauszufinden, inwiefern die dabei erarbeiteten Kriterien bei der Wahl passender Schlüsselbegriffe in den als Beispiel herangezogenen Bibelübersetzungen Anwendung gefunden haben. Um die Botschaft der Bibel adäquat und effektiv zu kommunizieren, sind richtige und verständliche Schlüsselbegriffe von größter Bedeutung. Über sie darf in der Bibelübersetzung nicht leichtfertig hinweggegangen werden. Dies hätte weit reichende Auswirkungen, die von möglichen Missverständnissen bis zur Ablehnung einer gesamten Übersetzung reichen. Zur Wahl angemessener Schlüsselbegriffe ist ein großes Maß an Hintergrundwissen über den Text selbst, die Ausgangs- und Zielsprache, die Ausgangs- und Zielkultur, die involvierten Religionen sowie an sprach- und übersetzungswissenschaftlichen Grundlagen nötig, sodass es mir sinnvoll erschien, eine Arbeit zu diesem Thema zu verfassen.


Fulltext (computer-generated)

KRITERIEN ZUM ÜBERSETZEN

VON SCHLÜSSELBEGRIFFEN IN DER BIBEL

am Beispiel von

addik (gerecht)

in Habakuk 2,4

Diplomarbeit

zur Erlangung des Magistergrades

an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät

der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

vorgelegt von

REGEZ, PRISCILLE

am Institut für Translationswissenschaft

Innsbruck, im April 2009


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis VI

Tabellenverzeichnis VII

Abkürzungen VIII

1.

Vorwort 1

1.1. Wichtige Vorbemerkungen 2

1.2. Zielpublikum 2

1.3. Ziel 3

2.

Grober Umriss der Sprache und Sprachmittlung in der Bibel 4

2.1. Die erste Erwähnung der Sprache 4

2.1.1.

Das erste sprechende Wesen 4

2.1.2.

Erste menschliche Kommunikation 4

2.1.3.

Erste Schwierigkeiten durch Kommunikation 4

2.2. Die Entstehung der verschiedenen Sprachen 5

2.2.1.

Der biblische Bericht 5

2.2.2.

Die Zuverlässigkeit des biblischen Berichts 6

2.3. Erste Hinweise auf Sprachmittlung in der Bibel 7

2.4. Bedeutung dieses Kapitels für die vorliegende Arbeit 8

3.

Die Geschichte der Bibelübersetzung 9

3.1. Allgemeines 9

3.2. Die Anfänge 9

3.3. Hieronymus 11

3.4. Das Mittelalter 12

3.5. Erste deutsche Übersetzungen 13

3.5.1.

Martin Luther 13

3.6. Erste englische Übersetzungen 15

3.6.1.

John Wycliff 15

3.6.2.

William Tyndale 15

3.6.3.

Die King-James-Bibel 16

3.7. 16. bis 20. Jahrhundert 16

3.8. Türkische Übersetzungen 18

II


Inhaltsverzeichnis

3.8.1.

Die erste Übersetzung 18

3.8.2.

Kutsal Kitap ­ Yeni Çeviri 19

3.8.3.

Andere Übersetzungen 21

3.9. Ausblick ins 21. Jahrhundert 21

3.10.

Die untersuchten Grundtexte und Übersetzungen 22

3.10.1.

Hebräisches AT - WLC 22

3.10.2.

Deutsche Bibel ­ LUT 23

3.10.3.

Deutsche Bibel ­ GNB 24

3.10.4.

Türkische Bibel ­ KK 26

Theoretische Grundlagen 28

4.

Semantik 28

4.1. Das sprachliche Zeichen 28

4.1.1.

Das Zeichenmodell von Saussure 28

4.1.2.

Das Zeichenmodell von Ogden und Richards 29

4.1.3.

Das Zeichenmodell von Bühler (Organon-Modell) 30

4.2. Die Bedeutung des sprachlichen Zeichens 31

4.2.1.

Bedeutung als bezeichnetes Objekt 32

4.2.2.

Bedeutung als innersprachliches Beziehungsgeflecht 32

4.2.3.

Bedeutung als beobachtbare Verhaltensweise 32

4.2.4.

Bedeutung als Gebrauch 33

4.2.5.

Bedeutung als Zugehörigkeit zu einer Kategorie 33

5.

Semantische Ansätze in der Übersetzungstheorie 34

5.1. Strukturelle Ansätze 34

5.1.1.

Wortfeldtheorie 34

5.1.2.

Merkmalanalyse 35

5.2. Kognitive Ansätze 43

5.2.1.

Prototypensemantik 44

5.2.2.

Scenes-and-frames-Semantik 46

5.2.3.

Relevanztheorie 48

5.3. Pragmatische Ansätze 49

5.3.1.

Diskursanalyse 49

III


Inhaltsverzeichnis

6.

Kultur in der Übersetzungstheorie 52

6.1. Kontextualisierung 52

6.1.1.

Kontextualisierung im Islam 54

6.2. Relevanz 55

7.

Kombinieren der Ansätze 57

8.

Meine Methodologie 58

8.1. Grober Umriss 58

8.2. Konkrete Vorgehensweise 59

8.2.1.

Entsprechungen 59

8.2.2.

Das Wortfeld 60

8.2.3.

Merkmalanalysen 61

8.2.4.

Prototyp 61

8.2.5.

Scenes and frames 62

8.2.6.

Diskursanalyse 62

Praktischer Teil 63

9.

Habakuk 2,4b 63

9.1. Warum Habakuk 2,4b? 63

9.2. Einführung ins Buch Habakuk 64

9.3. Daten 65

9.4. addik 66

9.4.1.

Entsprechungen 66

9.4.2.

Das Wortfeld 68

9.4.3.

Merkmalanalysen 71

9.4.4.

Prototyp 75

9.4.5.

Scenes and frames 77

9.4.6.

Diskursanalyse 90

10.

Schlussbemerkung 96

11.

Anhang 97

11.1.

Bibliographie 97

11.2.

Internetquellen 102

11.3.

Korrespondenz 107

IV


Inhaltsverzeichnis

11.4.

Transliteration des Hebräischen 108

11.5.

Wortliste türkisch ­ deutsch 110

V


Abbildungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung A 29

Abbildung B 30

Abbildung C 30

Abbildung D 75

Abbildung E 76

VI


Tabellenverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle A 39

Tabelle B 39

Tabelle C 66

Tabelle D 69

Tabelle E 69

Tabelle F 70

Tabelle G 71

Tabelle H 72

Tabelle I 73

Tabelle J 74

VII


Abkürzungen

Abkürzungen

AT

Altes

Testament

B.C.

before Christ, vor Christus

bzw. beziehungsweise

ca. circa

d.h.

das

heißt

e.g.

example given, zum Beispiel

f / ff

folgende

GNB

die Gute Nachricht Bibel

(- Die Bibel in heutigem Deutsch)

Hrsg. Herausgeber

KK

die türkische Bibelübersetzung

Kutsal Kitap ­ Yeni Çeviri

LUT

die Übersetzung der Bibel nach Martin Luther

in der revidierten Fassung von 1984

LXX

Septuaginta, die erste Übersetzung des

hebräischen AT ins Griechische

n. Chr.

nach Christus

NT

Neues

Testament

S. Seite

Sp. Spalte

u.a. unter

anderem

UBS

United Bible Societies,

Weltbund der Bibelgesellschaften

usw.

und so weiter

v. Chr. vor

Christus

vgl. vergleiche

Vol. Volume,

Band

z.B. zum

Beispiel

zit. n.

zitiert nach

VIII


Abkürzungen

Abkürzungen der biblischen Bücher nach den

"

Loccumer

Richtlinien"

Gen

Genesis / 1. Buch Mose

2 Sam

2. Buch Samuel

Neh

Buch Nehemia

Est

Buch Ester

Hi

Buch Hiob / Ijob

Ps

Buch der Psalmen

Jes

Buch Jesaja

Ez

Buch Ezechiel / Hesekiel

Hab

Buch Habakuk

Mt

Evangelium nach Matthäus

Lk

Evangelium nach Lukas

Joh

Evangelium nach Johannes

Apg

Apostelgeschichte des Lukas

Röm

Brief des Paulus an die Römer

1 Kor

1. Brief des Paulus an die Korinther

Gal

Brief des Paulus an die Galater

Phil

Brief des Paulus an die Philipper

Kol

Brief des Paulus an die Kolosser

2 Tim

2. Brief des Paulus an Timotheus

Hebr

Brief an die Hebräer

2 Petr

2. Brief des Petrus

1 Joh

1. Brief des Johannes

Offb

Offenbarung des Johannes

IX


1. Vorwort

Ein Gebiet aus dem Bereich der Bibelübersetzung zum Thema dieser Arbeit zu

machen, ist deshalb sehr lohnenswert, weil die Bibel seit ihren Anfängen bis

heute in jeder Hinsicht ein einmaliges Buch ist, das mit keinem anderen

verglichen werden kann. Kein anderer Bereich im weiten Feld der Übersetzung

hat eine solch lange Geschichte, hat mit so vielen verschiedenen Sprachen

(Stand am 31. Dezember 2008: 2479 Sprachen1) und verschiedenartigen

Textsorten zu tun und hat auf so viele unterschiedliche Kulturen dieser Erde

einen entscheidenden Einfluss gehabt wie die Bibelübersetzung. (vgl. Nida

1964:ix)

"Of all the various types of translating, [...] one can safely say that

none surpasses Bible translating in: (1) the range of subject matter

(e.g. poetry, law, proverbs, narration, exposition, conversation); (2)

linguistic variety (directly or indirectly from Greek and Hebrew into

more than 1,200 other languages and dialects); (3) historical depth

(from the third century B.C. to the present); (4) cultural diversity (there

is no cultural area in the world which is not represented by Bible

translating); (5) volume of manuscript evidence; (6) number of

translators involved; (7) conflicting viewpoints; and (8) accumulation

of data on principles and procedures employed." (Nida 1964:4)

Es hat mich sehr interessiert, mich tiefer in dieses Buch der Superlative und die

Übersetzungsarbeit in diesem Bereich einzulesen und einzuarbeiten. Wie man

weltweit seit Jahrhunderten und bis heute beobachten kann, haben religiöse

Texte enorme Sprengkraft. Wer als Verfasser gesehen wird, wer das Recht hat,

den Text zu lesen und auszulegen, und ganz besonders die Art, wie der Text

von bestimmten Menschen und sozialen Gruppen ausgelegt wird ­ die

Antworten auf diese Fragen beeinflussen die Weltgeschichte, die Politik und

das alltägliche Leben von Milliarden von Menschen auf der Erde. Umso mehr

lohnt es sich, unter die Oberfläche dieser Texte zu blicken und sich intensiv

damit zu beschäftigen, was mit dem Gesagten wirklich gemeint wird. Wie die

Bibel selbst über sich sagt und wie ich und Millionen andere Menschen es

1 vgl. Deutsche Bibelgesellschaft:

Bibeltexte in 2479 Sprachen weltweit

(Punkt 11.2.)

1


selbst bezeugen können: Die Worte in diesem Buch "sind Geist und sind

Leben" (Joh 6,63).

1.1. Wichtige Vorbemerkungen

Vorausgeschickt werden muss, dass die vorliegende Arbeit auf der

Überzeugung basiert, dass die Bibel ein Buch ist, dessen Schreiber von Gott

selbst inspiriert wurden (2 Tim 3,16; 2 Petr 1,21) ­ daher die Bezeichnung

"Gottes Wort" ­, ein Buch, das absolute Wahrheit enthält (2 Sam 7,28; Ps

119,160; Joh 17,17) und in den Aussagen seiner Urtexte unfehlbar ist (Hi 24,25;

1 Joh 2,18ff). Für das Verständnis der Arbeit ist weiters wichtig zu wissen, dass

die Aussagen der Bibel als ewig gültig verstanden werden. Das heißt, sie gelten

heute genauso und haben dieselbe Relevanz wie vor 5000, 2000 oder 100

Jahren (Ps 105,8; Jes 40,8; Lk 21,33), und zwar für alle Menschen aller

Kulturen. Darauf baut wiederum die Ansicht, dass dieses Buch für jeden

Menschen ein entscheidender Faktor ist, um Gott persönlich kennen zu lernen.

Aus diesem Grund soll mit vereinten Kräften daran gearbeitet werden, um es für

jeden Menschen auf der Erde in verständlicher Form zugänglich zu machen.

Schließlich soll auch erwähnt werden, dass die Bibel und die Tätigkeit der

Bibelübersetzung für mich als Verfasserin dieser Arbeit ein Indikator der Phase

ist, in der sich die Weltgeschichte befindet. Die sichtbare Wiederkunft Christi,

auf die die Christen weltweit warten, ist den Aussagen der Bibel zufolge eng an

die Verbreitung der Botschaft der Bibel auf der ganzen Erde geknüpft (Mt

24,14). Gestützt werden die vorangehenden Punkte sowohl von den

verschiedenen Autoren der Bibel selbst als auch von außerbiblischen

Ereignissen und von den persönlichen Erfahrungen vieler Menschen. Diese

grundlegenden Feststellungen müssen zum Verständnis der nachfolgenden

Arbeit vorangestellt werden.

1.2. Zielpublikum

Mein Wunsch ist, dass das Modell zur adäquaten Übersetzung von

Schlüsselbegriffen in der Bibel, das ich in der vorliegenden Arbeit vorstelle und

anwende, für Bibelübersetzer, die sich mit dieser Thematik beschäftigen und

sich in ihrem Beruf immer wieder diesem Problem gegenüber sehen, eine

Hilfestellung sein kann. Ich sehe die Arbeit auch für mich persönlich als

Vorbereitung auf meine späteren Tätigkeitsbereiche, bei denen es immer um

2


das Wort Gottes gehen wird, um die Frage, was es bedeutet und wie man es

richtig verstehen kann, und um die aus dem richtigen Verständnis folgende

praktische Anwendung des Inhalts dieses Buches. Mit meiner Ausarbeitung des

in der Bibel so zentralen Schlüsselbegriffs

gerecht

möchte ich Übersetzern

ebenfalls einen Dienst erweisen, aber nicht nur ihnen, sondern auch

denjenigen, die in einer Kirche arbeiten, sowie Laien, Bibelkennern und ­

interessierten und jedem, der diese Arbeit in Händen halten wird. Mögen sie ­

so wie es auch mir ergangen ist ­ über den wissenschaftlichen und

theoretischen Teil hinaus besonders durch den Inhalt und die Botschaft, die

dieser biblische Begriff vermittelt, persönlich angesprochen werden!

1.3. Ziel

Unter biblischen Schlüsselbegriffen versteht man häufig auftretende Begriffe in

der Bibel. Das können Begriffe sein, die wichtige theologische Bedeutungen

tragen, zum Beispiel Sünde, Gnade, Erlösung usw. Auch Bezeichnungen für

biblische Wesen wie Engel, Geist, Sohn Gottes oder andere gehören dazu.

Begriffe, die viele kulturelle Komponenten aus der Zeit der Verfassung der Bibel

enthalten und deshalb in der Zielsprache unbekannt sind oder keine genaue

Entsprechung haben, zählen ebenfalls als Schlüsselbegriffe, zum Beispiel

Tempel, Altar, Prophet usw.

Das Ziel dieser Arbeit ist, anhand einer theoretischen Grundlage und

Methodologie herauszufinden, inwiefern die dabei erarbeiteten Kriterien bei der

Wahl passender Schlüsselbegriffe in den als Beispiel herangezogenen

Bibelübersetzungen Anwendung gefunden haben.

Um die Botschaft der Bibel adäquat und effektiv zu kommunizieren, sind richtige

und verständliche Schlüsselbegriffe von größter Bedeutung. Über sie darf in der

Bibelübersetzung nicht leichtfertig hinweggegangen werden. Dies hätte weit

reichende Auswirkungen, die von möglichen Missverständnissen bis zur

Ablehnung einer gesamten Übersetzung reichen. Zur Wahl angemessener

Schlüsselbegriffe ist ein großes Maß an Hintergrundwissen über den Text

selbst, die Ausgangs- und Zielsprache, die Ausgangs- und Zielkultur, die

involvierten Religionen sowie an sprach- und übersetzungswissenschaftlichen

Grundlagen nötig, sodass es mir sinnvoll erschien, eine Arbeit zu diesem

Thema zu verfassen.

3


2.

Grober Umriss der Sprache und Sprachmittlung in

der Bibel

2.1. Die erste Erwähnung der Sprache

2.1.1. Das erste sprechende Wesen

Im biblischen Buch der Anfänge, der Genesis, wird über die Entstehung der

menschlichen Sprache(n) berichtet. Gott ist der erste, der als sprechendes

Wesen in Erscheinung tritt. Er schafft laut Schöpfungsbericht in Genesis 1

durch seine Worte die Erde und am sechsten Tag den Menschen "zu seinem

Bilde" (Gen 1,27), d.h. ebenfalls als sprechendes Wesen.

2.1.2. Erste menschliche Kommunikation

Die erste aufgezeichnete Kommunikation zwischen Gott und Menschen findet

statt, als Gott die Menschen segnet und ihnen den Auftrag gibt, fruchtbar zu

sein, sich zu mehren, die Erde zu füllen, sie sich untertan zu machen und über

alle Lebewesen zu herrschen (Gen 1,28). Daraus ist zu folgern, dass Gott den

Menschen bereits mit der Sprache, d.h. der Sprechfähigkeit und dem

Sprachverständnis geschaffen hat. Andernfalls wäre keine Kommunikation

zwischen Gott und Menschen, ebenso keine zwischenmenschliche

Kommunikation möglich gewesen.

In Gen 2,20 findet ein wichtiges Ereignis statt: Nachdem Gott alle Tiere

gemacht hat, bringt er sie zum Menschen, um sie durch ihn benennen zu

lassen. Dies ist aus linguistischer Sicht ein interessanter Vorgang. Zum ersten

Mal erfindet der Mensch Wörter, um seine Umwelt zu organisieren, einzuordnen

und Kommunikation zu ermöglichen. Schon im nächsten Kapitel gäbe es

ansonsten Probleme bei der Kommunikation, als nämlich Eva Gott erklärt, dass

die

Schlange

sie betrogen habe und sie deshalb von der verbotenen Frucht

gegessen habe (Gen 3,13).

2.1.3. Erste Schwierigkeiten durch Kommunikation

Der Bericht in Gen 3 über die Verführung zur Missachtung von Gottes Gebot

zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt der Sprache auf: Sprache oder Worte

und was dadurch ausgedrückt werden kann, haben enorme Macht und können

4


letztendlich durch ihre Konsequenzen und die menschlichen Reaktionen darauf

über Leben und Tod entscheiden.

So wird in Gen 2,15-17 berichtet, dass Gott den Menschen an den Ort führt, wo

er leben wird. Gott spricht zum Menschen und erlaubt ihm, alles zu tun, mit

einer Ausnahme: Es gibt einen Baum, von dem der Mensch nicht essen darf, da

dies zum Tod führt. Ohne Sprache bzw. Kommunikation wäre dieses Verbot,

von dem Baum zu essen, nicht möglich. Es gibt keinen objektiven Grund, den

Baum zu meiden. Der Baum unterscheidet sich äußerlich nicht von anderen

Bäumen, sondern nur durch das Verbot, das ihn betreffend ausgesprochen

worden ist. In Gen 3 wird der Mensch wiederum durch bloße Worte, die in

schlechter Absicht ausgesprochen werden, dazu verleitet, sich über das Verbot

Gottes hinwegzusetzen. Als er diesen Worten Glauben schenkt und dies tut,

nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Mit Worten stellt Gott ihn zur Rede, mit

Worten versucht der Mensch, sich zu rechtfertigen und aus der Affäre zu ziehen

und schließlich bestraft Gott den Ungehorsam mit Urteilsworten, die genau so

eintreffen.

2.2. Die Entstehung der verschiedenen Sprachen

2.2.1. Der biblische Bericht

Dass die ersten Menschen alle dieselbe Sprache hatten, ist nahe liegend und

logisch, da alle von Adam und Eva abstammten und sich großteils nicht über

ein bestimmtes Gebiet hinaus verbreiteten. Wie entstanden dann die

verschiedenen Sprachen, die wir heute kennen? Auch darüber berichtet die

Bibel in Gen 11 mit dem bekannten Bericht über den Turmbau zu Babel.

Ausgangspunkt ist, dass ,,alle Welt einerlei Zunge und Sprache" hatte (Gen

11,1). Wir erfahren, dass die Nachkommen Noahs sich nach der Sintflut nicht in

alle Himmelsrichtungen verbreiteten und die Erde bevölkerten, wie es eigentlich

dem Auftrag Gottes entsprochen hätte (Gen 1,28; 9,1), sondern ­ ganz im

Gegenteil ­ gemeinsam nach Osten zogen und sich dort im Land Schinar

(Babylon) niederließen. Sie beschließen, sich an ein gemeinsames Projekt zu

machen, nämlich ,,eine Stadt und einen Turm [zu] bauen, dessen Spitze bis an

den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst

zerstreut in alle Länder." (Gen 11,4) Weil dieses Unternehmen aufgrund seines

Hintergedankens Gott missfällt, erklärt er: ,,Lasst uns herniederfahren und dort

5


ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!" (Gen 11,7)

Diese Anordnung wird umgesetzt, die verschiedenen menschlichen Sprachen

entstehen, weshalb das nunmehr unmöglich gewordene Projekt abgebrochen

werden muss. Die Menschen werden in die ganze Welt zerstreut (Gen 11,8).

2.2.2. Die Zuverlässigkeit des biblischen Berichts

Skeptiker bezweifeln, dass dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat und

sehen es bestenfalls als eine symbolische Erzählung über das Entstehen der

verschiedenen Sprachen oder eine ,,unsinnige" Legende (Allen 1990:43f). Fakt

ist allerdings, dass es keinen gültigen Grund gibt, die Zuverlässigkeit der

biblischen Angaben anzuzweifeln. Sowohl philologische, historische als auch

archäologische Nachforschungen zeigen, dass es äußerst stichhaltige

Argumente für die Glaubwürdigkeit der biblischen Darstellung gibt. So hat z.B.

die Sprachforschung viele Wissenschaftler zum Schluss kommen lassen, dass

die verschiedenen menschlichen Sprachen auf eine gemeinsame Quelle

zurückgeführt werden können. Sir William Jones, ein Sanskrit-Experte, schreibt

etwa:

The Sanskrit language, whatever may be its antiquity, is of wonderful

structure; more perfect than Greek, more copious than Latin, and

more exquisitely refined than either; yet bearing to both of them a

stronger affinity, both in the roots of verbs and the forms of grammar,

than could have been produced by accident; so strong that no

philologer could examine all three without believing them to have

sprung from some common source which no longer exists.

(Robertson 1919:10, zit. n. Jackson 1999)

Auch aus historischer Sicht gibt es starke Hinweise auf die Zuverlässigkeit der

biblischen Angaben. So berichten mehrere Historiker aus verschiedenen

Kulturen von einem Ereignis, bei dem in Babylon ein großer Turm zerstört

wurde, und dass ab diesem Zeitpunkt verschiedene Sprachen gesprochen

wurden, u.a. Abydenus, ein griechischer Historiker des vierten vorchristlichen

Jahrhunderts, Plato oder Josephus, ein jüdischer Historiker. Zudem werden im

biblischen Bericht präzise Angaben zum Ort, zum Baumaterial und zum

6


Gebäude gemacht, die sich mit den dortigen Kulturgebräuchen und

Gegebenheiten decken. (vgl. Jackson 1999)

2.3. Erste Hinweise auf Sprachmittlung in der Bibel

Der erste Hinweis auf Sprachmittlung findet sich bereits in der Genesis. Als die

Brüder Josefs nach Ägypten kamen, um dort während der Hungersnot Getreide

zu kaufen, ,,redete [Josef] mit ihnen durch einen Dolmetscher" (Gen 42,23), da

er sich ihnen nicht zu erkennen geben wollte. Dies legt die Vermutung nahe,

dass es in großen Reichen wie dem ägyptischen bereits fix angestellte Berufs-

Dolmetscher gab, die die Kommunikation mit fremdsprachigen Ausländern

sicherstellen sollten.

Im Buch Ester findet sich im achten Kapitel ein Bericht, der einen kleinen

Einblick in die Tätigkeit damaliger Übersetzer gibt. Dort wird erwähnt, dass die

Schreiber des persischen Königs Xerxes I. (519-465 v. Chr.) beauftragt wurden,

ein Gebot ,,an die Juden und an die Fürsten, Statthalter und Obersten in den

Ländern vom Indus bis zum Nil, hundertundsiebenundzwanzig Ländern, einem

jeden Lande in seiner Schrift, einem jeden Volk in seiner Sprache und auch den

Juden in ihrer Schrift und Sprache" (Est 8,9) zu schreiben (Nida 1964:11).

Etwas später, zur Zeit Nehemias (um 450 v. Chr.), entwickelte sich bei den in

ihr Land zurückgekehrten Juden eine besondere Form der Übersetzung oder

besser gesagt des Dolmetschens. In Nehemia 7,73b-8,8 findet sich der Bericht,

dass sich das ganze Volk in Jerusalem versammelte, um der Lesung des

Gesetzes zuzuhören. Der Schriftgelehrte Esra ,,las daraus auf dem Platz vor

dem Wassertor vom lichten Morgen an bis zum Mittag vor Männern und Frauen

und wer′s verstehen konnte. [...] Und sie legten das Buch des Gesetzes Gottes

klar und verständlich aus, so dass man verstand, was gelesen worden war."

(Neh 8,3.8) Die Juden, die aus der Gefangenschaft in Mesopotamien

zurückgekehrt waren, verstanden das Hebräische, das in den Heiligen Schriften

verwendet wurde, nicht mehr. Dies bedeutete, dass Dolmetscher (oder

,,Ausleger") den Inhalt auf Aramäisch, der sich schnell ausbreitenden

semitischen Handelssprache des östlichen Mittelmeerraums, erklären mussten,

damit das Volk es verstehen konnte (vgl. Nida 1964:11).

7


2.4. Bedeutung dieses Kapitels für die vorliegende Arbeit

Wir haben gesehen, dass Gott ein sprechendes Wesen ist und dass er den

Menschen auch so geschaffen hat, weil er ein Gegenüber haben möchte, mit

dem er in Kontakt treten und kommunizieren kann. Dies tut er primär durch die

Worte, die er zu den Menschen gesprochen hat. Diese stehen in Form der Bibel

grundsätzlich jedem Menschen zur Verfügung. Dass es verschiedene Sprachen

gibt und die Bibel bislang nicht für jedes Volk in seiner eigenen Sprache

verfügbar ist, haben wir Menschen laut dem biblischen Bericht selbst

verantwortet, und nun geht es darum, aus dieser Tatsache das Beste zu

machen und darauf hinzuarbeiten, dass jeder Mensch in einer für ihn

verständlichen Form Zugang zu diesen wichtigen Worten Gottes bekommt.

Bibelübersetzung existiert deshalb, weil diese Notwendigkeit erkannt wurde.

Das Übersetzen der Bibel ist auch eine Form, wie dem Auftrag Gottes, sich die

Erde untertan zu machen, Folge geleistet wird. Denn dadurch werden Brücken

zwischen Menschen, Sprachen und Kulturen geschlagen und Gottes Anleitung

für einen erfolgreichen Umgang mit dem Leben weitergegeben. Man könnte

Bibelübersetzung sogar als Weiterführung von Adams Benennung der Tiere

sehen: Durch die Übersetzung der Bibel in eine Sprache, in der sie noch nicht

existiert, wird für die Sprecher dieser Sprache ein Teil ihrer Welt neu organisiert

und geordnet und teilweise eine ganz neue Art der Kommunikation mit Gott und

Menschen ermöglicht.

Weiters gilt heute noch genauso, was in dem Bericht über das Verbot, von

einem bestimmten Baum zu essen, zum Ausdruck kommt: Worte und der

Umgang damit können letztendlich über Leben und Tod entscheiden. Es ist von

großer Wichtigkeit, dass die Menschen

gute

Worte kennen und verstehen

lernen, welche Macht haben, Leben zu schenken. Und schlussendlich ist es

heute noch unsere Aufgabe, wie zu Nehemias Zeiten Gottes Wort auszulegen

und für diejenigen in adäquater Form zugänglich zu machen, die die

Originalsprache nicht verstehen, dass jeder versteht, was er liest (vgl. Neh 8,8).

Darum geht es in der vorliegenden Arbeit.

8


3.

Die Geschichte der Bibelübersetzung

3.1. Allgemeines

Oft bezeichnet man das Übersetzen als eine der ältesten Tätigkeiten der

Menschheit, und dennoch beschäftigt man sich noch nicht so lange mit der

Geschichte der Übersetzung als Forschungsrichtung. Erst relativ spät hat sich

dazu ein systematischer Erforschungsansatz entwickelt. Fakt ist, dass

Übersetzer zu allen Zeiten wesentlich an der Entfaltung des Geisteslebens

beteiligt waren. So konnten z.B. Hochkulturen dank der Übersetzung das

kulturelle Erbe anderer Kulturen antreten, und der Wissenstransfer zwischen

Zivilisationen geschah großteils mit Hilfe von Übersetzern.

Im 20. Jahrhundert hat das Übersetzen allgemein einen großen Aufschwung

erlebt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Kommunikationstechnologien

trugen dazu bei, dass der Bedarf an qualifizierten Übersetzern in jedem Bereich

stieg. Dieses Jahrhundert war auch von einer Verstärkung der internationalen

Beziehungen sowie von zunehmender theoretischer Reflexion in der

Wissenschaft geprägt. Dadurch entwickelte sich die Translation zu einer

hochspezialisierten Tätigkeit, zu einem gut organisierten Berufsstand und

international zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin. (vgl. Woodsworth

21999:39ff)

3.2. Die

Anfänge

Was die Bibel betrifft, so gehen die ersten Übersetzungen nicht auf die

christliche Kirche zurück. Es gab schon Jahrhunderte vor Christus

Bemühungen, die hebräischen Schriften zu übersetzen. Wie in Punkt 2.3.

erwähnt, findet sich im biblischen Buch Nehemia ein Bericht darüber, dass die

Torah ­ das Gesetz Mose ­ bereits im 5. Jahrhundert vor Christus mündlich

übersetzt wurde.

Auch erste schriftliche Übersetzungen ins Griechische und Aramäische

entstanden schon lange vor Christi Geburt. So wurde das hebräische Alte

Testament im 3. Jahrhundert v. Chr. auf der Insel Pharos in Ägypten ins

Griechische übersetzt. Dort existierte zu dieser Zeit eine große jüdische

9


Gemeinde, die nur noch griechisch sprach und deshalb auf eine griechische

Übersetzung ihrer heiligen Schriften angewiesen war. Eine Legende besagt,

dass eine Gruppe von 72 Männern aus den 12 Stämmen Israels jeweils in

Zweierteams in kompletter Isolation das gesamte Alte Testament mit solch

göttlicher Inspiration übersetzte, dass die daraus resultierenden 36 Entwürfe in

jeder Hinsicht völlig ident waren. Wissenschaftliche Untersuchung ergaben

allerdings, dass die Übersetzungen der einzelnen Bücher des Alten Testaments

in Stil und Genauigkeit stark voneinander abweichen und man deshalb

annehmen muss, dass die einzelnen Teile unabhängig voneinander

entstanden. Vermutlich wurde jeweils ein Buch von einem Übersetzer

bearbeitet. Diese erste griechische Übersetzung wird als Septuaginta oder auch

LXX bezeichnet. (vgl. Nida 1964:26)

Das Übersetzen hatte zu jener Zeit in der griechisch-römisch geprägten Welt

schon eine längere Tradition und man beschäftigte sich bereits mit

verschiedenen Übersetzungsmethoden. Cicero etwa vertrat als erster die

Ansicht, dass ein Übersetzer dafür sorgen müsse, dass das fremde Werk in der

eigenen Literatur heimisch und somit dem lateinischen Sprachgebrauch

angepasst wird. Er wehrte sich gegen rein wörtliches Übersetzen, doch leider

muss gesagt werden, dass sich dies in der Bibelübersetzung noch nicht

niederschlug. Aus heutiger Sicht wurde in diesem Bereich noch viel mehr "dem

Buchstaben als dem Geist" Beachtung geschenkt, und dementsprechend

sahen die Ergebnisse oft aus. (vgl. Hohn 21999:91; Nida 1964:12)

Bei der Entstehung der christlichen Gemeinde am ersten Pfingsttag war klar,

dass die christliche Botschaft "allen Völkern unter dem Himmel" (Apg 2,5) galt

und deshalb verbreitet gehörte. Anders als etwa im Islam (vgl. Koran: Sure

12,2) hatte es anfangs im jüdisch-christlichen Glauben nie ein

Übersetzungsverbot gegeben. Im Gegenteil: die heiligen Schriften ­ sogar die

Worte Gottes und Jesu Christi ­ durften und sollten sogar übersetzt werden,

und zwar nicht nur für eine Elite von Akademikern, sondern für das

größtmögliche Publikum. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten wurden Berichte

über das Leben und Wirken Jesu in Form der Evangelien auf Griechisch, der

Lingua Franca des Mittelmeerraums, übersetzt und verbreitet. Die christliche

Gemeinde rechnete und rechnet fest damit, dass eines Tages "eine große

10


Schar, die niemand zählen [kann], aus allen Nationen und Stämmen und

Völkern und Sprachen" (Offb 7,9) gemeinsam in Gottes Reich leben wird, und

die Übersetzung der heiligen Schriften wurde und wird als ein Weg gesehen,

um dieses Ziel zu erreichen. Vom 2.-4. Jahrhundert n. Chr. wurde das Neue

Testament in andere wichtige Sprachen übersetzt. So gab es bald lateinische,

syrische, armenische und verschiedene koptische Übersetzungen, die aufgrund

der raschen Ausbreitung des Christentums weite Verbreitung fanden. Seit

dieser Zeit ließen die Übersetzungsbemühungen der Christen nie nach. (vgl.

Kirk 2002:12)

3.3. Hieronymus

Hieronymus lebte von ca. 347 bis 420 n. Chr. und war eine der herausragenden

Persönlichkeiten des Altertums. Er wurde in Stridon im heutigen Kroatien

geboren, studierte zunächst in Rom, wo er Kenntnisse in klassischer Literatur,

orientalischer Philosophie und Recht erlangte, und beschäftigte sich nach

Abbruch seiner Beamtenkarriere später in Antiochia und Syrien mit dem

Studium der griechischen und hebräischen Sprache. Er wurde Priester und

erhielt in Rom eine Anstellung als Sekretär, Dolmetscher und theologischer

Berater für Papst Damasus I. Aufgrund seines guten Rufs als dreisprachiger

Gelehrter mit ausgezeichneten Hebräisch-, Griechisch und Lateinkenntnissen

wurde er im Jahr 384 vom Papst mit der Übersetzung und Überarbeitung der

Bibel beauftragt. Er begann mit der Übersetzung des Neuen Testaments auf

Grundlage von anerkannten griechischen Texten. Als nächstes übersetzte er

das Alte Testament aus dem Griechischen, nur um es dann nochmals neu aus

dem Hebräischen zu übersetzen. Damit war er der erste, der das Alte

Testament nicht mit der Septuaginta als Ausgangsmaterial, sondern direkt aus

dem Hebräischen übersetzte. Diese Übersetzung, die lateinische

Vulgata

, ist

die als authentisch anerkannte lateinische Bibel und wurde jahrhundertelang

von der römisch-katholischen Kirche verwendet. (vgl. Woodsworth 21999: 39f)

Hieronymus′ Übersetzungsansatz war wahrscheinlich einer der

systematischsten und diszipliniertesten aller Übersetzer der Antike. In seiner

Arbeit befolgte er ganz genaue Prinzipien, denen er treu blieb, auch wenn es

2 Punkt 11.2.

11


ihm Kritik einbrachte und er auf Unverständnis stieß. Schon ganz am Anfang

schrieb er, und sollte damit Recht behalten:

Who is there, whether learned or unlearned, who, when he takes up

the volume in his hands and discovers that what he reads therein

does not agree with what he is accustomed to, will not break out at

once in a loud voice and call me a sacrilegious forger, for daring to

add something to the ancient books, to make changes and

corrections in them? (zit. n. Grant 1961:36)

Da er bei der Bibelübersetzung solch radikal neue Prinzipien anwandte,

erreichte jedoch vor allem seine Übersetzung des Alten Testaments eine viel

größere Wirkung als vorhergehende Übersetzungen.

Schon in frühchristlicher Zeit war man langsam zu der Erkenntnis gekommen,

dass eine gute Bibelübersetzung keine wörtliche Übersetzung sein konnte.

Hieronymus war allerdings der erste, der einen Mittelweg zwischen Wörtlichkeit

und unkontrollierter Freiheit einschlug. Er bestand darauf, dass der Sinn

wichtiger sei als die Form. In seinem

Brief an Pammachius

beschreibt er eines

seiner wichtigsten Prinzipien: "Ich gebe es nicht nur zu, sondern bekenne es frei

heraus, dass ich bei der Übersetzung griechischer Texte [...] nicht ein Wort

durch das andere, sondern einen Sinn durch den anderen ausdrücke" (Störig

1963:1), "non verbum e verbo, sed sensum exprimere de sensu". (vgl. Kirk

2002:2; Hohn 21999:91f)

3.4. Das

Mittelalter

Nach Hieronymus und während des gesamten Mittelalters wurde die

Bibelübersetzung nicht besonders intensiv vorangetrieben. Um 1500 existierten

erst in etwa 35 verschiedenen Sprachen Teile der Bibel. Stattdessen wurden

große Pergament-Kodizes geschrieben (z.B. Codex Vaticanus, Sinaiticus) und

viele prunkvolle Bibelhandschriften mit Miniaturmalereien angefertigt. Es war

auch eine Zeit, in der man sich mehr auf Überarbeitungen und Revisionen

bestehender Übersetzungen konzentrierte. Vom 7.-10. Jahrhundert etwa

arbeiteten die Masoreten in Tiberias und Babylonien am hebräischen Text des

Alten Testaments, und um 800 wurde die lateinische Bibel auf Veranlassung

12


Karls des Großen durch Alkuin revidiert. (vgl. Kirk 2002:1; Die Bibel

1985:Anhang 57)

3.5. Erste deutsche Übersetzungen

Der erste bekannte Bibelteil, der in die deutsche Sprache übersetzt wurde,

stammt aus der Zeit um 800. Im Benediktinerkloster Mondsee in Oberösterreich

wurde das Matthäus-Evangelium aus dem Lateinischen ins Deutsche bzw.

genauer gesagt ins Altbairische übersetzt. Im 11. Jahrhundert machte sich der

Benediktinermönch Notker Labeo, der als Schöpfer einer deutschen

Literatursprache gilt, an eine kommentierende Übersetzung der Psalmen. Vom

11. bis zum 15. Jahrhundert entstanden zahlreiche Übersetzungen biblischer

Schriften und sogar der ganzen Bibel ins Deutsche. (vgl. Die Bibel

1985:Anhang 57)

Mit der Renaissancebewegung, die sich ab dem 14. Jahrhundert über Europa

ausbreitete, begann eine Zeit mit neuen Entdeckungen, neuen Ideen, aber auch

mit einer Rückbesinnung auf die Antike und damit verbunden einer Blütezeit der

Übersetzung. Die zwei wichtigsten Strömungen in diesen Jahrhunderten waren

der Humanismus mit seinem großen Interesse an den klassischen Sprachen

sowie die Reformationsbewegung, die sich ebenfalls auf die Ursprünge, d.h. vor

allem die Bibel in ihrer ursprünglich hebräischen und griechischen Fassung,

besann.

3.5.1. Martin Luther

Dies ist die Zeit Martin Luthers, der von 1483 bis 1546 lebte und als Begründer

der Reformation gilt. Er war promovierter Theologe und widmete sich sein

ganzes Leben intensiv dem Studium der Bibel. Als er aufgrund seines

Widerstands gegen zahlreiche Lehren und Praktiken der römisch-katholischen

Kirche exkommuniziert wurde, zog er sich auf die Wartburg zurück und

arbeitete von 1521 bis 1534 an der Übersetzung der gesamten Bibel aus den

Originalsprachen ins Deutsche. Die Lutherbibel war die erste direkte

Übersetzung aus dem Hebräischen und Griechischen in eine moderne

Sprache, wobei man die lateinische

Vulgata

nicht unberücksichtigt ließ. Luther

arbeitete mit einer ganzen Gruppe von Gelehrten zusammen. Er beriet sich mit

13


Experten der Originalsprachen sowie Vertretern von Berufsgruppen, die ihm mit

dem Wortschatz spezifischer Tätigkeiten weiterhelfen konnten.

Mit dieser Bibelübersetzung schuf Luther ein Werk, dessen weit reichende

Auswirkungen sowohl auf die institutionalisierte Religion als auch im

Besonderen auf Sprache und Übersetzung erst im Nachhinein deutlich wurden,

etwa in verschiedenen deutschen Grammatiken bis zum 19. Jahrhundert. Seine

Übersetzung der Bibel dient noch heute aufgrund ihrer Klarheit,

Verständlichkeit, Einfachheit und Lebendigkeit als Beispiel für guten

Sprachgebrauch. Die Lutherbibel ­ die mittlerweile zum dritten Mal umfassend

revidiert wurde (1921-1984) ­ bleibt bis heute eine der beliebtesten

Bibelübersetzungen. (vgl. Woodsworth 21999:41f; Die Bibel 1985:Anhang 57f)

Ähnlich wie Hieronymus stellte auch Luther Prinzipien auf, die seiner Meinung

nach für eine gute Übersetzung notwendig waren. Man begann zu seiner Zeit

langsam von der mittelalterlichen Vorstellung, dass eine gute Übersetzung von

einer genauen Wort-für-Wort-Wiedergabe des Originals gekennzeichnet wäre,

abzurücken. Nun legte man mehr Wert auf die Verständlichkeit und die richtige

Wiedergabe des Sinns.

Luther hielt seine Überlegungen zum Übersetzen in zwei Schriften fest, im

Sendbrief vom Dolmetschen

und in den

Summarien über die Psalmen und

Ursachen des Dolmetschen

. Er stellte zum Beispiel Prinzipien zur Satzstellung,

zu Verbindungsworten, Metaphern usw. auf und erkannte das Primat völliger

Verständlichkeit, wie man es vorher nicht gekannt hatte. In seinem

Sendbrief

erklärte er, man müsse "nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache

fragen, wie man soll Deutsch reden, [...] sondern die Mutter im Hause, die

Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen, und

denselbigen auf das Maul schauen, wie sie reden und darnach dolmetschen"

(Störig 1963:21).

Er war sich des Spannungsfeldes zwischen unbedingter Treue und

erforderlicher Freiheit gegenüber dem Original bewusst und gilt deshalb als ein

Wegbereiter für die Übersetzungstheorie in Deutschland. (vgl. Hohn 21999:92;

Kirk 2002:2)

14


3.6. Erste englische Übersetzungen

Ähnlich wie für die deutsche Sprache gab es auch für die englische Sprache

schon früh Bemühungen, die Bibel in die eigene Sprache zu übersetzen. Oft

wird John Wycliff als Verfasser der ersten englischen Bibel genannt, doch viele

Teile der Bibel waren schon mehrere Jahrhunderte zuvor übersetzt worden. So

begann man gegen Ende des 7. Jahrhunderts schon mit Übersetzungen ins

Altenglische, auch Angelsächsische genannt. Als sich die Sprache zu

Mittelenglisch weiterentwickelte, nahm die Zahl der Übersetzungen zu.

3.6.1. John Wycliff

In diese Epoche fällt die einflussreiche Übersetzung der Bibel durch John

Wycliff (auch Wycliffe oder Wyclif geschrieben), der auch als "Morning Star of

the Reformation" gilt und zum Namensgeber der "Wycliff Bibelübersetzer"

(siehe Punkte 3.7./3.9.) wurde. Da er keinen Zugang zu den hebräischen und

griechischen Manuskripten hatte, übersetzte der Theologe und Oxfordprofessor

Wycliff ausgehend von der lateinischen Vulgata die gesamte Bibel auf Englisch.

Die handgeschriebene Arbeit wurde 1383 vollendet und mit Hilfe seiner Jünger

und vielen Schreibern vervielfältigt. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde das

Lesen dieser Bibelübersetzung verboten und Wycliff selbst postum als Ketzer

verurteilt.3

3.6.2. William Tyndale

Der Engländer William Tyndale war eine weitere wichtige Figur der

Reformation. Er musste wie Luther seine Heimat verlassen, weil sein Vorhaben,

die Bibel auf Englisch zu übersetzen, bei der Amtskirche auf Widerstand stieß.

Seine Bibelübersetzung ins Mittelenglische erschien um 1530. Im Unterschied

zu Wycliff hatte er neben der Vulgata die hebräischen und griechischen Urtexte

verwendet.

"Tyndale übersetzte in die gesprochene Sprache des Volkes, nicht in

die Schriftsprache der Gelehrten, und schuf damit eine Sprache für

3 vgl. Wikipedia:

English translations of the Bible

und:

Geschichte der Bibelübersetzung

;

vgl.

Jeffcoat 2002:

English Bible History

(Punkt 11.2.)

15


England, so wie es Luther für Deutschland getan hatte." (Woodsworth

21999:42)

Für seine Arbeit waren ein Zusammentreffen mit Martin Luther sowie dessen

Übersetzungsprinzipien eine große Inspiration. Tyndale wurde schließlich

wegen seiner Übersetzertätigkeit zum Tode verurteilt und bei Brüssel auf dem

Scheiterhaufen verbrannt.

Sein Werk blieb lange unbeachtet, doch als man sich näher mit seiner

Übersetzung beschäftigte, die ihre besondere Qualität unter anderem seinen

logischen und rhetorischen Fähigkeiten sowie seinen Kenntnissen in acht

Sprachen verdankte, wurde Tyndale als "Patriarch der englischen Sprache und

Literatur" anerkannt. (vgl. Woodsworth 21999:42)

3.6.3. Die King-James-Bibel

1604-1611 entstand im Auftrag des Königs James I von England die als

King

James Version

(KJV) oder

Authorized Version

(AV) bekannte englische

Übersetzung der Bibel für die Anglikanische Kirche. Erklärtes Ziel war nicht, "to

make a new translation [...] but to make a good one better" (vgl. Vorwort zur

New King James Version4), indem die ausgezeichneten Arbeiten von William

Tyndale und anderen reformatorischen Übersetzern revidiert und weiter

verbessert wurden. Die fast 50 beteiligten Übersetzer schufen damit ein Werk,

das nicht zuletzt aufgrund seines Stils und Sprachgebrauchs zur

einflussreichsten englischsprachigen Übersetzung wurde.5

3.7. 16. bis 20. Jahrhundert

Mit der Reformationsbewegung und dem Buchdruck nahm die Zahl der

Bibelübersetzungen rapide zu. Um 1800 standen Bibelteile in 68 verschiedenen

Sprachen zur Verfügung. Bis 1900 vervielfachte sich die Zahl auf 522 Sprachen

(Kirk 2002:1).

In dieser Zeit entwickelten sich in mehreren Ländern unterschiedliche

Übersetzungsströmungen. Immer wieder stellte sich die Frage, wie wörtlich eine

Übersetzung sein müsse bzw. wie frei sie sein dürfe. Gerade in der

4 vgl. Marlowe:

New King James Version

(Punkt 11.2.)

5 vgl. Wikipedia:

Early Modern English Bible translations

(Punkt 11.2.)

16


Bibelübersetzung war die Frage nach der übersetzerischen Treue schon immer

von besonderer Brisanz gewesen. Es wurden Theorien und Prinzipien

formuliert, die mehr oder weniger starken Einfluss hatten.

Eine große Wende ereignete sich im 20. Jahrhundert. Durch ein neues

Bewusstsein für Kommunikation und viele neuartige

Kommunikationstechnologien wurde einerseits die Welt kleiner und

andererseits bestanden Semantiker und Psychologen darauf, dass eine

Botschaft, die nicht richtig kommuniziert werden könne, nutzlos sei. Mit der Zeit

erkannten auch Werbefachleute und Politiker, wie wichtig die Verständlichkeit

einer Botschaft ist.

Im Zusammenhang damit war einer der revolutionärsten Einflüsse auf die

Übersetzung die Entwicklung der strukturellen Linguistik durch den Schweizer

Indogermanisten Ferdinand de Saussure zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er

gilt als Vater der modernen Linguistik und Begründer der Wende zur

Synchronie. Seine Theorie verbreitete sich in verschiedenen Schulen in Europa

und Amerika, und die von ihm entwickelten Methoden wurden in der Folge auch

auf die Bibelübersetzung angewandt. Vorreiter dabei waren die Wycliff

Bibelübersetzer, auch als SIL bekannt, die 1935 ins Leben gerufen wurden.

Diese Organisation ist in der Bibelübersetzung tätig, legt aber auch einen

Schwerpunkt auf wissenschaftliche Publikationen über Sprachen, linguistische

Strukturen und Übersetzungstheorien. Neben den Wycliff Bibelübersetzern hat

auch der Weltbund der Bibelgesellschaften (United Bible Societies, UBS) im 20.

Jahrhundert einen wesentlichen Beitrag zur Übersetzung der Bibel in viele

Sprachen der Welt geleistet. Sie wurde 1947 anlässlich einer internationalen

Übersetzerkonferenz in den Niederlanden gegründet und gibt seit 1950 die

vierteljährliche Zeitschrift

The Bible Translator

heraus. (vgl. Nida 1964:21)

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der christlichen Gemeinde ihr

internationaler Charakter neu bewusst und das Augenmerk richtete sich

verstärkt weg von Europa und Amerika hin auf andere Teile der Welt.

Bibelübersetzer erkannten, dass der Kern der biblischen Botschaft stets

erhalten bleiben muss, doch die Art und Weise, wie diese Botschaft vermittelt

wird, muss sprachlich und kulturell angemessen sein. Seit Hieronymus und

17


Luther waren die besten Bibelübersetzungen dort entstanden, wo man diesem

Prinzip Rechnung getragen hatte (vgl. Kirk 2002:12).

Ein Beispiel für Bemühungen in diese Richtung ist "Ethnomusicology", ein

Forschungs- und Arbeitsbereich, dem bei den Wycliff Bibelübersetzern in den

letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die

Beschäftigung mit diesem Bereich begann, als man sich bewusst wurde, dass

Musik nicht einfach die universale Sprache ist, sondern dass man Menschen in

einer anderen Kultur viel besser und effektiver erreichen kann, wenn man sich

die Worte von Paulus aus 1 Kor 9,19-22 zu Herzen nimmt, in denen er sagt:

"19 [Ich habe] doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht,

damit ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude

geworden, damit ich die Juden gewinne. [...] 22 Den Schwachen bin

ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich

bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette."

In der Vergangenheit war es oft der Fall gewesen, dass Bibelübersetzer ihre

eigene Musik in Bezug auf Instrumentierung, Tonsysteme, Harmonie,

Rhythmus usw. "importiert" hatten und dadurch dazu beigetragen hatten, dass

der christliche Glaube als eine "fremde Religion" angesehen worden war.

Aktuell wird das Augenmerk darauf gelegt, dass man die lokalen musikalischen

Traditionen wertschätzt und für die Verbreitung der biblischen Botschaft

einsetzt.

3.8. Türkische

Übersetzungen

3.8.1. Die erste Übersetzung

Einen sehr guten Überblick über die Geschichte der Bibelübersetzung ins

Türkische bietet das freie evangelische Missionswerk

Orientdienst

auf seiner

Internetseite6.

Um 1660 herum beauftragte der türkische Sultan Mehmet IV. seinen

Chefübersetzer, Ali Bey, die Bibel in die türkische (osmanische) Sprache zu

6 vgl. Orientdienst (Punkt 11.2.)

18


übersetzen. Ali Bey hieß mit richtigem Namen Albertus Bobowsky. In Polen

aufgewachsen, war er als Kind von den Tartaren entführt worden. Er wurde als

Sklave nach Konstantinopel verkauft und kam an den Hof des Sultans.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen sprachlichen Fähigkeiten stieg er zum

Hofübersetzer auf.

Die Übersetzung der Bibel dauerte von 1662 bis 1666. Der holländische

Botschafter in Konstantinopel sandte das Manuskript zum Druck nach Holland,

wo es bedauerlicherweise in den Regalen der Leidener Universitätsbibliothek

landete und 150 Jahre lang verschwunden blieb. Nach Gründung der

British

and Foreign Bible Society

wurde das Manuskript dort aufgespürt und mit ihrer

Hilfe gedruckt. 1819 wurden die ersten 5000 Exemplare des Neuen Testaments

in einer der arabischen Schrift sehr ähnlichen Schrift gedruckt, 1827 folgte die

Veröffentlichung der gesamten osmanischen Bibel.

In den nächsten Jahrzehnten wurde die Übersetzung Ali Beys immer wieder

überarbeitet und revidiert. Hauptsächlich durch die zahlreichen, im ganzen

osmanischen Reich zerstreut lebenden christlichen Armenier erfuhr diese Bibel

relativ weite Verbreitung. Doch als die Armenier zu Beginn des 20.

Jahrhunderts verfolgt und großteils vertrieben wurden, kam die Verbreitung fast

zum Stillstand.

Als 1928 unter Atatürk im Zuge einer Reform der Sprache die lateinische Schrift

in der Türkei eingeführt wurde, stellt man auch die türkische Bibel in lateinischer

Schrift her. Die türkische Sprache veränderte sich zu dieser Zeit rasant, da man

versuchte, möglichst viele persische und arabische Lehnwörter zu eliminieren

und durch türkische Formen zu ersetzen. Das machte wiederum verschiedene

Revisionen erforderlich. Die letzte Revision der (jetzt alten) Übersetzung wurde

im Jahr 1941 von der Türkischen Bibelgesellschaft veröffentlicht. (vgl.

Thomi/Henner 2009:7)

3.8.2. Kutsal Kitap ­ Yeni Çeviri

In den darauf folgenden Jahrzehnten stellte sich immer mehr heraus, wie groß

der Bedarf an einer modernen Übersetzung der Bibel ins Türkische war. Als

evangelikale Christen ab den 1960er Jahren die Bibel auch unter der

muslimischen Bevölkerung zu verbreiten begannen, merkten sie bald, dass die

Revision von 1941 zwar theologisch gut war, aber für den Großteil der

19


Bevölkerung kaum verständlich war. Die einheimischen christlichen

Minderheiten ­ Armenier, Aramäer und Griechen ­ hatten sich allerdings an die

alte Sprache gewöhnt und hatten kein Interesse an einer neuen Übersetzung.

James Dannenberg (damals unter dem Namen Graham Clarke bekannt)

gehörte zu diesen evangelikalen ausländischen Christen, die die Notwendigkeit

einer neuen Übersetzung der Bibel erkannten. Er erzählte mir persönlich

folgende Begebenheit: Anfang der 1970er Jahre besuchte er öfters ein

Büchergeschäft im europäischen Teil Istanbuls und sprach mit dem Inhaber des

Geschäfts, der ebenfalls aus einer der christlichen Minderheiten in der Türkei

stammte, über die Notwendigkeit einer neuen Übersetzung. Der Inhaber war

nicht davon zu überzeugen. Eines Tages betrat ein Student das Geschäft und

blätterte die Bibel durch. Nach einiger Zeit meldete er sich: "Entschuldigen Sie

bitte, aber ist dieses Buch auf türkisch geschrieben?" Dieses Erlebnis trug

entscheidend dazu bei, dass in den nächsten Jahren mit der Arbeit an einer

neuen Übersetzung begonnen wurde. Dabei ging die Initiative eindeutig von

evangelikalen ausländischen Christen aus, wenn man auch auf eine Mitarbeit

der wenigen aus dem Islam gewonnenen einheimischen Christen achtete.

Ab Mitte der 1970er Jahre wurde parallel an zwei verschiedenen

Übersetzungen des Neuen Testaments gearbeitet, die beide etwa gleichzeitig

fertig gestellt wurden (1988/1989). Für die nachfolgende Neuübersetzung des

Alten Testaments sowie für die Veröffentlichung der ganzen Bibel konnten sich

die beiden Gruppen einigen. Dafür wurden die beiden Neuen Testamente vom

Bibelübersetzer Mahmud Solgun "zusammengelegt", indem das Beste von

beiden Übersetzungen genommen und auf Kompatibilität mit dem Alten

Testament geachtet wurde. Im Oktober 2001, 23 Jahre nach Beginn der Arbeit,

wurde eine Übersetzung der vollständigen Bibel in modernem Türkisch unter

dem Namen

Kutsal Kitap ­ Yeni Çeviri

(Heiliges Buch ­ Neue Übersetzung) der

Öffentlichkeit vorgestellt. Seither wird nur noch diese Einheitsversion gedruckt

und von fast allen christlichen Kirchen im Land verwendet. Für das Jahr 2009

ist die Herausgabe einer türkischen Studienbibel auf Grundlage der

Anmerkungen zur englischen New International Version (NIV) und eines

20


Bibelatlas geplant7. Zudem wird bereits über eine große Revision der Neuen

Übersetzung nachgedacht, die einige unglückliche türkische Ausdrücke

ausbessern soll (persönliche Korrespondenz mit Wiest 2009).

3.8.3. Andere Übersetzungen

Seit 2001 gibt es weitere Übersetzungsbemühungen, etwa eine sehr wörtliche

Übersetzung, eine Übersetzung für die Zielgruppe der Studierenden in

türkischen islamischen Universitäten, der Versuch einer so genannten "Muslim-

friendly" Übersetzung, die alle für Muslime anstößigen Begriffe zu vermeiden

sucht und deshalb vielfach auf Ablehnung von christlicher Seite stößt, eine

Übersetzung für im Ausland lebende türkischsprachige Minderheiten, eine

Übersetzung der Zeugen Jehovas usw.

3.9. Ausblick ins 21. Jahrhundert

Für das 21. Jahrhundert haben die christliche Gemeinde und mit ihr

verschiedene Bibelübersetzungsorganisationen das Ziel, die eine,

unveränderliche Botschaft der Bibel im Kontext der vielen sich verändernden

Sprachen und Kulturen der Welt neu auszudrücken (Kirk 2002:12), wie dies

zum Beispiel dank Erkenntnissen der Ethnomusicology (vgl. Punkt 3.7.) oder

der Anthropologie geschieht.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts und auch in Zukunft wird dabei

besonderes Augenmerk auf die vielen Minderheitssprachen gelegt, von denen

unzählige bis heute keinen Zugang zum Wort Gottes in einer für sie

verständlichen Sprache haben. In diesem Zusammenhang ist die so genannte

Vision 2025

der in Punkt 3.7. erwähnten Wycliff Bibelübersetzer zu erwähnen:

"Bis zum Jahr 2025 soll in jeder Volksgruppe, die eine

Bibelübersetzung benötigt, ein Übersetzungsprojekt im Gange sein."8

Angesichts der Tatsache, dass von den im Jahr 2007 im Ethnologue erfassten

6912 lebenden Sprachen der Welt9 noch über 4000 Sprachen keinen einzigen

7 vgl. Katholisches ­ Magazin für Kirche und Kultur (Punkt 11.2.)

8 vgl. Wycliff ­ die ganze Welt der Schrift:

Vision 2025

(Punkt 11.2.)

9 vgl. Ethnologue:

Statistical Summaries

(Punkt 11.2.)

21


Teil der Bibel in ihrer Sprache zur Verfügung haben, sieht die Erreichung dieses

Ziels aus menschlicher Sicht eher unrealistisch aus. Allerdings darf man auch

nicht außer Acht lassen, wie stark sich das Tempo der Bibelübersetzung in den

letzten Jahren beschleunigt hat. Mit 31. Dezember 2008 existierte die gesamte

Bibel in 451 Sprachen, das Neue Testament in weiteren 1185 Sprachen und

Bibelteile in nochmals 843 Sprachen, was insgesamt 2479 Sprachen

ausmacht10. Für das 21. Jahrhundert kann man ebenfalls weitere

wissenschaftliche und technische Errungenschaften sowie besser

ausgearbeitete Übersetzungsmethoden, die die Übersetzung weiter erleichtern

und beschleunigen werden, in die Kalkulation mit einbeziehen. Es besteht somit

die Erwartung, dass in absehbarer Zeit Menschen aus allen Sprachen der Erde

in einer für sie verständlichen Form Zugang zum Wort Gottes haben werden

und sich damit der Kreis, der bei der babylonischen Sprachenverwirrung

begonnen hat, zum Teil schließen wird. Damit wäre auch der in Punkt 3.2.

erwähnte Ausblick auf eine Zukunft, in der eine Menschenmenge mit Vertretern

aus allen Sprachen zu Gott kommt, theoretisch möglich gemacht. (vgl. Kirk

2002:1f)

3.10. Die untersuchten Grundtexte und Übersetzungen

Als Grundlage für meine Untersuchungen des Schlüsselbegriffs

gerecht

in

Habakuk 2,4 ist natürlich erstens der hebräische Urtext des AT unerlässlich. Als

nächstes untersuche ich die Wahl von Schlüsselbegriffen in zwei deutschen

und einer türkischen Bibelübersetzung. Für das Türkische war die Auswahl

nicht schwierig, da es zurzeit nur eine allgemein verwendete Übersetzung gibt,

nämlich die Yeni Çeviri, die Neue Übersetzung von 2001. Für Deutsch habe ich

zwei Übersetzungen ausgesucht ­ eine der untersuchten Übersetzungen ist

vereinfacht gesagt eher ausgangstextorientiert und die andere zieltextorientiert.

3.10.1.

Hebräisches AT - WLC

Die hebräischen Wörter und Texte in der vorliegenden Arbeit sind einer Online-

Version11 des

Westminster Leningrad Codex

(WLC) entnommen, der vom

10 vgl. Aktion Weltbibelhilfe:

Sprachen der Bibel

(Punkt 11.2.)

11 vgl. Biblos:

Online Bible ­ Westminster Leningrad Codex Version

(Punkt 11.2.)

22


Westminster Hebrew Institute12 herausgegeben wird. Unter

Leningrad Codex

versteht man die älteste vollständige Abschrift der Hebräischen Bibel aus dem

Jahr 1008. Der Leningrad Codex ist ein masoretischer Text. Die Masoreten

hatten den ursprünglich bloß aus Konsonanten bestehenden hebräischen Text

seit etwa 700 n. Chr. mit Vokalzeichen versehen (vgl. Punkt 3.4.). In dieser

Form war der Text weiter überliefert worden. Den meisten Bibelübersetzungen

liegt der Text der Biblia Hebraica Stuttgartensia zugrunde. Sie ist eine

vollständige wissenschaftliche Ausgabe des Leningrad Codex mit allen

wichtigen Textvarianten und Korrekturvorschlägen im textkritischen Apparat. 13

3.10.2.

Deutsche Bibel ­ LUT

14

Zitate aus der Bibel nach der Übersetzung

Martin Luthers

(LUT) sind der

revidierten Fassung von 1984 in ihrer Druckausgabe (vgl. Die Bibel 1985) oder

Online-Version des Bibleservers15 entnommen.

Allgemeines

Die Lutherbibel wurde erstmals 1534 herausgegeben. Seit Ende des 19.

Jahrhunderts, als die Originalsprache Luthers für viele Menschen immer

schwerer verständlich wurde, versuchte die evangelische Kirche in

Deutschland, die Übersetzung schonend dem gewandelten Sprachgebrauch

anzupassen. Dieser Prozess kam 1984 mit der Herausgabe des revidierten

Textes zu einem vorläufigen Abschluss. Die Lutherbibel ist auch heute noch der

"Klassiker" unter den deutschen Bibeln.16

Sprachstil

Der Sprachstil der Lutherbibel ist gehoben und zum Teil etwas altertümlich.

Luther verwendete kräftige, plastische Ausdrücke, die allerdings durch die

Revision stellenweise gemildert wurden. Zum Erfolg seiner Übersetzung trug

sein Prinzip bei, "dem Volk aufs Maul [zu] sehen". Seine Übersetzung hat die

12 vgl. Westminster Hebrew Institute (Punkt 11.2.)

13 vgl. Bibelwissenschaft:

Die Biblia Hebraica Stuttgartensia

(Punkt 11.2.)

14 vgl. Bibelwissenschaft:

Luther 1984

(Punkt 11.2.)

15 vgl. Bibleserver (Punkt 11.2.), entwickelt und betrieben von ERF Online in Kooperation mit

IBS Europe

16 vgl. Bibelwissenschaft:

Über die Lutherbibel

(Punkt 11.2.)

23


deutsche Literatur und Sprache nachhaltig beeinflusst und zum Beispiel mit

Redewendungen zahlreiche Spuren im Sprachgebrauch hinterlassen.

Übersetzungstyp

Die Lutherbibel ist eher ausgangstextorientiert. Sie zählt als philologische

Übersetzung, weist aber auch kommunikative Einschläge auf. Einerseits wird

der Originaltext oft relativ wörtlich übersetzt, andererseits kann an Stellen, die

dies erfordern, der Sinn auch sehr frei wiedergegeben werden. Für die

biblischen Schlüsselbegriffe wurde stark auf Begriffskonkordanz geachtet und

damit die für Luther typische "Schwerpunktbildung" geschaffen:

Reformatorische Grundwörter wie Glaube oder Gnade wurden für eine Vielzahl

von synonymen Begriffen in der Originalsprache eingesetzt. Mit Hilfe dieses

Verfahrens lässt Luther die Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein

aus dem Glauben durch die ganze Heilige Schrift hindurch sichtbar werden.

Zielgruppe

Obwohl man die Lutherbibel nicht mehr zu den leicht zugänglichen

Bibelübersetzungen zählen kann, ist sie noch immer sehr weit verbreitet, und

zwar vor allem unter Lesern, die mit diesem Text aufgewachsen sind, aber auch

unter Lesern mit historischen Interesse und ästhetischem Anspruch. In

Deutschland ist sie der offizielle Text der evangelischen Kirchen für

Gottesdienst und Unterricht.

3.10.3.

Deutsche Bibel ­ GNB

17

Zitate aus der

Gute Nachricht Bibel (- Die Bibel in heutigem Deutsch)

(GNB)

stammen ebenfalls aus der Online-Version des Bibleservers18.

Allgemeines

Die Gute Nachricht Bibel ist eine gemeinsame Bibelübersetzung im Auftrag der

katholischen Bibelwerke und evangelischen Bibelgesellschaften des

deutschsprachigen Raums und damit die erste vollständige ökumenische Bibel.

Den Anstoß dazu hatte die Veröffentlichung des englischen NT unter dem Titel

17 vgl. Bibelwissenschaft:

Über die Gute Nachricht Bibel

und:

Gute Nachricht

(Punkt 11.2.)

18 vgl. Bibleserver (Punkt 11.2.)

24


Good News for Modern Man ­ Today′s English Version

gegeben, das nach

neuen Prinzipien19 in einfaches Englisch übersetzt worden war. Es entstand der

Wunsch, eine solche Übersetzung auch für die deutsche Sprache herzustellen.

Das NT erschien erstmals 1967, nach mehreren Revisionsschritten kam 1982

die ganze Bibel als

Bibel in heutigem Deutsch

heraus, und 1997 wurde diese

von der nochmals stark überarbeiteten

Gute Nachricht Bibel

abgelöst. Diese

Bibelübersetzung fand großen Anklang und weite Verbreitung und ist als

zuverlässigste der kommunikativen deutschen Übersetzungen anerkannt.

Sprachstil

Die GNB möchte kein Text in literarisch gehobener Sprache sein, sondern in

einfachem, modernem Deutsch, einer Art Umgangssprache. Der ehemalige

Generalsekretär der deutschen Bibelgesellschaft Siegfried Meurer (1978:181)

beschreibt dies als eine Sprache, die "von der überwiegenden Mehrheit der

Bevölkerung verstanden wird". Sie vermeidet Wörter, die "von der unteren

sozialen Schicht einer Bevölkerung schwer verstanden" werden, aber auch

einen Stil, den die obere soziologische und literarisch gebildete

Bevölkerungsschicht ablehnen könnte. Der Wortschatz ist begrenzt, die Sätze

sind unkompliziert und es wird so weit wie möglich auf eine biblische

Sondersprache verzichtet. Die Sprache soll leicht verständlich, aber gleichzeitig

auch farbig und aussagekräftig sein. Dichterische Texte, sowie viele Hymnen

und Lieder werden in poetischer Form wiedergegeben. In der GNB wurden

vertraute Schlüsselbegriffe wieder sichtbar gemacht, die in der

Bibel in

heutigem Deutsch

teilweise ersetzt worden waren. Dazu gehören unter

anderem Grundwörter der Theologie des Apostel Paulus wie

Glaube

und

Gerechtigkeit.

Übersetzungstyp

Die GNB ist eher zieltextorientiert. Im Notfall wird die sprachliche Form des

Originaltextes preisgegeben, damit der Inhalt in aktueller Sprache angemessen

und verständlich wiedergegeben werden kann. Man spricht in diesem Fall von

19 Prinzipien von Eugene A. Nida in "

Toward A Science Of Translating",

1964

25


einer

kommunikativen Übersetzung

, die nach funktionaler Gleichwertigkeit

strebt.

Die wichtigsten Verfahren bei der Übersetzung waren:

- Umstrukturierung: Neuformulierung in freier, aber sinntreuer Weise,

teilweise auch über den Einzelvers hinaus

- Explikation: Explizieren impliziter Information, ohne Einfügen textfremder

Erklärungen oder Anpassungen an den Zeitgeschmack

- Kontextorientierung: Beachtung der im Kontext jeweils im Vordergrund

stehenden Bedeutungsmerkmale

Aufgrund dieser Verfahren eignet sich die Übersetzung besonders für das

Lesen im Zusammenhang. Wo sich die Wiedergabe sehr weit von einer

wörtlichen Übersetzung entfernen muss, wird die wörtliche Übersetzung in einer

Fußnote angeführt. Es wird auch auf frauengerechte Sprache geachtet.

Zielgruppe

Der englische Vorläufer der GNB war "für biblische Analphabeten unter den

Zeitgenossen" (Haug 21994:20) gedacht gewesen, und so kann man auch von

der GNB sagen, dass es eine Übersetzung der Heiligen Schrift für Menschen

ist, die mit der traditionellen Kirchensprache und den biblischen Texten noch

nicht oder nicht mehr vertraut sind. Grundsätzlich richtet sie sich an alle

Menschen, die lesen und schreiben können, wird aber auch hohen Ansprüchen

gerecht. Für das Verständnis sind keine besonderen Vorkenntnisse erforderlich.

3.10.4.

Türkische Bibel ­ KK

Zitate aus der türkischen

Kutsal Kitap ­ Yeni Çeviri

(KK) sind der Druckausgabe

(vgl. Kutsal Kitap ­ Yeni Çeviri 2002) oder der Online-Version des

Bibleservers20 entnommen.

Allgemeines

Wie in Punkt 3.8.2. ausgeführt, gingen die Bemühungen um eine neue türkische

Bibelübersetzung in moderner Sprache vorwiegend von evangelikalen

ausländischen Christen aus. Nach 23 Jahre langer Arbeit wurde 2001 die

Übersetzung der vollständigen türkischen Bibel der Öffentlichkeit vorgestellt.

20 vgl. Bibleserver (Punkt 11.2.)

26


Diese Übersetzung wird nun vom Großteil der christlichen Kirchen in der Türkei

verwendet.

Übersetzungstyp

Die KK ist eher ausgangstextorientiert, zeichnet sich aber gleichzeitig durch

gute Leserlichkeit aus. Man könnte sie am besten mit der deutschen

Einheitsübersetzung oder der englischen New International Version (NIV)

vergleichen, die auch hauptsächlich als Textbasis für die Übersetzung diente

(persönliche Korrespondenz mit Wiest 2009). Obwohl das NT nicht direkt aus

dem Griechischen übersetzt wurde, waren mehrere Mitarbeiter involviert, die

gute Griechisch-Kenntnisse hatten. Bei der Übersetzung des AT ging man vom

hebräischen Urtext aus und ließ sie von mehreren Hebräisch-Experten

überprüfen (persönliche Korrespondenz mit Lawrence 2009). Zu erwähnen ist

noch die Besonderheit, dass die neue Übersetzung im Gegensatz zur alten

Übersetzung von 1941 nicht die Gottesbezeichnung "Allah", sondern "Tanri"

verwendet, und sich damit bewusst vom Islam absetzt. "Tanri" ist hauptsächlich

bei der gebildeten und liberalen Schicht der Türken üblich.

Zielgruppe

Mit der neuen Übersetzung sollte eine Bibel geschaffen werden, die von der

Mehrheit der türkischen Christen akzeptiert werden würde. Da es für das

türkische bei weitem nicht so viele Bibelübersetzungen wie etwa im Deutschen

oder Englischen gibt, war es wichtig, mit dieser Übersetzung alle Schichten

abzudecken. Gesagt werden muss auch, dass die Übersetzung eher für liberale

und gebildete Leser geeignet ist, und es etwa für konservative Muslime

aufgrund der Form, aufgrund des Stils und aufgrund verschiedener Begriffe

entscheidend schwieriger ist, den Zugang zu finden.

27


Theoretische Grundlagen

Nicht alle in diesem Kapitel erwähnten Theorien der Semantik und

Übersetzungstheorien werden für diese Arbeit relevant sein und auf das

untersuchte Gebiet der Übersetzung von biblischen Schlüsselbegriffen

angewendet, aber sie werden dennoch erwähnt, weil die Kriterien zum

Übersetzen von Schlüsselbegriffen vor dem Hintergrund dieser Theorien

geschieht.

4. Semantik

Beim Übersetzen geht es immer und überall um die Frage, was Wörter, Sätze

und Texte bedeuten (Kußmaul 21999:49f). Deshalb ist es für jeden Übersetzer

wichtig, sich mit der Semantik, der Lehre der Bedeutung, auseinanderzusetzen.

Die linguistische Semantik ist eine Interdisziplin innerhalb der Linguistik, und

obwohl man sich schon seit der Antike damit beschäftigt, hat sie zu viele

Aspekte, um jemals vollständig definiert werden zu können (Goerling 1995:33).

Eine gute Definition der Bedeutung scheint mir aber die von Nida (1975:14) zu

sein:

"The meaning of verbal symbols has traditionally been regarded as

some kind of attribute or inherent property belonging to words [...] But

meaning is not a possession; it is a set of relations for which a verbal

symbol is a sign" (zit. n. Goerling 1995:33)

4.1. Das sprachliche Zeichen

Die menschliche Sprache als Kommunikationsinstrument ist ein System von

Zeichen. Ein Zeichen ist etwas Materielles und Wahrnehmbares. Es ist

analysierbar, sein Inhalt kann in Merkmale zerlegt werden. Arbitrarität und

soziale Konventionalität sind weitere Merkmale eines Zeichens. Hier sollen kurz

drei der wichtigsten Zeichenmodelle erwähnt werden (vgl. Pelz 1990:43ff;

Stolze 32001:42ff).

4.1.1. Das Zeichenmodell von Saussure

Ferdinand de Saussure (vgl. Punkt 3.2.) entwickelte 1916 in seinem

Cours de

linguistique générale

ein Zeichenmodell, das in alle späteren Zeichenmodelle

28


mit einging. Demnach besteht ein Zeichen aus Ausdruck und Inhalt. Die

Ausdrucksseite hat beim sprachlichen Zeichen die Form einer Lautkette oder

eines graphischen Zeichenkörpers, die Inhaltsseite ist das begriffliche Konzept.

Ausdruck und Inhalt sind durch Assoziationen so unlösbar miteinander

verbunden wie Vorder- und Rückseite eines Blattes Papier. Es besteht eine

reziproke Evokation zwischen diesen beiden Seiten eines Zeichens. Das heißt,

wenn man z.B. die Lautkette /tu:l/ hört, stellt man sich sofort und unwillkürlich

ein solches Möbelstück zum Sitzen, mit Beinen, mit Lehne, für eine Person

usw. vor. Und umgekehrt identifiziert man dieses Objekt sofort als ein durch die

Lautkette /tu:l/ bezeichnetes, sobald man es sieht. Saussures Zeichenmodell

sieht folgendermaßen aus:

Abbildung A

(Sonnenhauser 200821)

Dieses Zeichenmodell ist rein psychischer Natur: Das sprachliche Zeichen

verbindet nicht eine Sache und einen Namen miteinander, sondern eine

kognitive Vorstellung von einer Sache bzw. einen Begriff (

concept

) und ein

Lautbild (

image acoustique

). Saussure wählte für beide Seiten des signe

linguistique schließlich die Bezeichnungen

signifié

und

signifiant

.

4.1.2. Das Zeichenmodell von Ogden und Richards

Ogden und Richards (1923) erweiterten Saussures zweiseitiges Modell um eine

zusätzliche Komponente zum so genannten "Semiotischen Dreieck". Sie fügten

zu Saussures statischem Modell die "Sache", den Umweltreferenten, die

außersprachliche Wirklichkeit, hinzu. Dadurch ist ihr Modell dynamisch: Wörter

bedeuten nicht "an sich" etwas, sondern nur, wenn sie von Menschen

21 Punkt 11.2.

29


gebraucht werden, um damit auf einen Gegenstand der außersprachlichen

Wirklichkeit hinzuweisen.

Abbildung B

(Sonnenhauser 2008)

4.1.3. Das Zeichenmodell von Bühler (Organon-Modell)

Ein drittes Zeichenmodell, das Organon-Modell, stammt von Bühler (1934).

Dieses Modell ist zugleich schon ein Kommunikationsmodell, da sich für ihn

Sprache gar nicht ohne Berücksichtigung ihrer Funktion, hier: ihrer

Kommunikationsfunktion, betrachten lässt.

Abbildung C

(Sonnenhauser 2008)

In dieser Abbildung stellt der Kreis den materiellen Zeichenträger dar, das

"Schallphänomen", das dem

signifiant

in Saussures Modell entspricht. Das

Dreieck repräsentiert die Zeichenfunktion dieses Schallphänomens. Die drei

Seiten stehen dabei für das dreifache Verhältnis des Zeichens zu seiner

Umgebung: Ausdruck, Darstellung und Appell. Die gestrichelten Linien

zwischen Zeichen und Gegenstand sollen auch hier den auf Arbitrarität und

Konventionalität beruhenden Charakter des Zeichens zum Ausdruck bringen.

30


4.2. Die Bedeutung des sprachlichen Zeichens

Die Schwierigkeit beim Herausfinden der Bedeutung liegt in der Natur des

Untersuchungsgegenstandes. Die Bedeutung ist nämlich die nicht-materielle

Seite der Sprache. Sie ist nicht direkt, sondern nur über das materielle,

wahrnehmbare Zeichen zugänglich.

Wir haben gesehen, dass dieses sprachliche Zeichen laut Saussure ein

Lautbild und einen Begriff miteinander verbindet (vgl. Punkt 4.1.1.). Der Begriff

ist nicht einzelsprachlich, sondern kognitiv und kann universelle Inhaltsaspekte

haben. Er ist eine Ansammlung von Merkmalen. Diese Merkmale werden einem

Wort zugeordnet, wodurch der Begriff zur Bedeutung wird.

Nida betont (1975:14, zit. n. Goerling 1995:33), dass ein sprachliches Zeichen

keine Bedeutung "besitzt", vielmehr besteht es aus einer Gruppe von

Beziehungen. Um die Bedeutung eines Wortes herauszufinden, genügt es

nicht, es isoliert zu betrachten. Erst mit Hilfe semantischer, syntaktischer,

thematischer, kotextueller und kontextueller Faktoren lässt sich die Bedeutung

des Wortes bestimmen. (vgl. Goerling 1995:34)

In der modernen Linguistik unterscheidet man grob zwischen drei Richtungen

mit eigenen Theorien, die die Bedeutung von Wörtern jeweils unterschiedlich

definieren. In der Referenztheorie (siehe Punkt 4.2.1.) und der strukturellen

Semantik (siehe Punkt 4.2.2.) etwa spielt die Beziehung zwischen dem

sprachlichen Zeichen und seinem Referenten in der außersprachlichen Welt die

Hauptrolle. Deshalb bezeichnet man diese Ansätze als

referentielle

Theorien.

Die behavioristische Semantik (siehe Punkt 4.2.3.) und die Gebrauchstheorie

der Bedeutung (siehe Punkt 4.2.4.) sind

pragmatische

Ansätze, weil sie den

Schwerpunkt auf die Bedeutung einer sprachlichen Form in einem bestimmten

situativen Kontext legen. Die dritte Richtung mit der Theorie der

Prototypensemantik (siehe Punkt 4.2.5.) beruht auf einem

kognitiven

Ansatz,

der sich mit der Beziehung zwischen Sprache und Denken beschäftigt. 22

22 vgl. Wikipedia:

Semantik

(Punkt 11.2.)

31


4.2.1. Bedeutung als bezeichnetes Objekt

Die Referenztheorie geht davon aus, dass das sprachliche Zeichen immer für

ein Objekt der außersprachlichen Wirklichkeit steht. In dieser Theorie sind

Wörter Namen für Objekte (Sasse 200823). Die Beziehung eines Wortes zu dem

Objekt, das es beschreibt, ist meist arbiträr24. Einzuwenden ist bei dieser

Theorie, dass Wörter auch ganze Klassen von Objekten bezeichnen können

und nicht unbedingt nur ein Objekt alleine. Es kann auch vorkommen, dass

zwei Wörter denselben Referenten, aber eine unterschiedliche Bedeutung

haben, z.B. "Barack Obama" und "der Präsident von Amerika". Zudem könnte

beispielsweise der Satz "Ich sah niemanden" mit der Referenztheorie nicht

erklärt werden, da "niemand" keinen Referenten in der außersprachlichen

Wirklichkeit hat. (vgl. Sasse 2008:1; Lycan 2004 25)

4.2.2. Bedeutung als innersprachliches Beziehungsgeflecht

Die strukturelle Semantik besagt, dass die Sprache aus abstrakten Strukturen

besteht. Die Bedeutung sprachlicher Zeichen ergibt sich aus ihren Beziehungen

zu anderen sprachlichen Zeichen im Sprachsystem. Zur Bestimmung der

Bedeutung verwendet die strukturelle Semantik die Merkmalanalyse (siehe

Punkt 5.1.2.). (vgl. Sasse 2008:2)

4.2.3. Bedeutung als beobachtbare Verhaltensweise

Im Behaviorismus wird Bedeutung als beobachtbares Verhalten definiert. Die

Vorstellung von einem mentalen Bild wird abgelehnt. Sprache ist nichts anderes

als Verhalten, das öffentlich beobachtbar ist und die Bedeutung von Wörtern ist

nur aus ihrem Gebrauch erkennbar. Bloomfield gibt folgende Definition:

,,We have defined the meaning of a linguistic form as the situation in

which the speaker utters it and the response which it calls forth in the

hearer." (Bloomfield 1933:139)

23 Punkt 11.2.

24 willkürlich, beliebig, nicht natur-notwendig oder abbildend

25 Punkt 11.2.

32


Er fügt hinzu, dass für eine genaue Definition der Bedeutung eines Wortes die

gesamte Welt des Sprechers wissenschaftlich genau erklärt sein müsste. (vgl.

Sasse 2008:2)

4.2.4. Bedeutung als Gebrauch

Die Gebrauchstheorie, die eng mit dem Namen des Wiener Philosophen

Ludwig Wittgenstein (1889-1951) verbunden ist, bestimmt die Bedeutung von

Wörtern anhand ihrer Verwendung. Deshalb werden bei diesem Ansatz vor

allem Regeln für den Sprachgebrauch in Form von Kollokationen ­ also

charakteristischen, häufig auftretenden Wortverbindungen ­ untersucht.

Natürlich sind für die wissenschaftliche Fundiertheit solcher Analysen

umfangreiche Materialien notwendig. (vgl. Sasse 2008:3)

Keller sagt dazu:

"Wenn du weißt, wie ein Wort verwendet wird, wenn du die Regel

seines Gebrauchs in der Sprache [...] kennst, weißt du alles, was es

zu wissen gibt. Wenn du jemandem die Bedeutung eines Wortes

beibringen willst, so bringe ihm bei, wie dieses Wort in der Sprache

verwendet wird." (Keller 1995:65)

4.2.5. Bedeutung als Zugehörigkeit zu einer Kategorie

Die Wortbedeutung kann auf Grundlage von so genannten Prototypen

erschlossen werden. Sasse fasst es so zusammen (2008:5f): Ein Prototyp ist

die mentale Repräsentation eines typischen Mitglieds einer Kategorie. Die

Mitglieder von Kategorien lassen sich auf einem Kontinuum der

Kategorienzugehörigkeit anordnen. Das heißt, verschiedene Mitglieder sind

unterschiedlich repräsentativ und typisch für eine Kategorie. Der ideale

Repräsentant ist der Prototyp.

Das Modell der Prototypensemantik beruht auf folgenden Annahmen: Es gibt

gute und schlechte Vertreter einer Kategorie. Die Grenzen zwischen Begriffen

sind unscharf. Die Zugehörigkeit eines Begriffs zu einer Kategorie entscheidet

sich nicht auf Grundlage seiner Eigenschaften, sondern seiner

Familienähnlichkeit.

33


5.

Semantische Ansätze in der Übersetzungstheorie

Die Übersetzungswissenschaft war schon immer eng mit der Linguistik

verknüpft. So soll in diesem Punkt beschrieben werden, wie sich die

vorhergehenden Erkenntnisse über sprachliche Zeichen und ihre Bedeutung in

der Diskussion darüber, wie übersetzt werden soll ­ also wie sprachliche

Zeichen und ihre Bedeutung aus einer Sprache in eine andere Sprache

übermittelt werden sollen ­ niedergeschlagen hat. Stolze (32001:41) fasst es so

zusammen:

"Das Übersetzen ist im Modell eine Koordination

ausgangssprachlicher und zielsprachlicher Zeichen zu demselben

Gemeinten."

Erwähnt werden nun hier drei unterschiedliche Zugänge zur Semantik in der

Übersetzungswissenschaft. Alle drei leisten einen einzigartigen Beitrag und

müssen einander ergänzen.

5.1. Strukturelle

Ansätze

5.1.1. Wortfeldtheorie

Die Theorie, dass Wortbedeutungen in semantischen Feldern angeordnet sind,

beginnt mit dem Werk Saussures und baut auf der Sicht von Sprache als

System auf. Die Bedeutungen von Wörtern sind in unserem mentalen Lexikon

nicht isoliert abgelegt, sondern stehen in vielfältigen Beziehungen zu den

Bedeutungen anderer Wörter. Viele Wörter lassen sich aufgrund dieser

Beziehungen in semantischen Einheiten ­ den Wortfeldern oder semantischen

Feldern ­ zusammenfassen. Ein solches Feld besteht aus Wörtern, die

gemeinsam einen Bedeutungsbereich abdecken und deren Bedeutungen sich

in diesem Bereich auch gegenseitig abgrenzen. Sie besitzen gemeinsame

semantische Merkmale, haben einen gemeinsamen Referenzbereich und

gehören meist der gleichen Wortklasse an, das heißt, sie stehen in

paradigmatischer Relation zueinander. Diese Relation kann mit Hilfe der

Merkmalanalyse (siehe Punkt 5.1.2.) erschlossen werden, indem ähnliche

Wörter einander gegenüber gestellt werden. Allerdings sind diese semantischen

34


Felder nicht immer ganz präzise eingeteilt und umrissen. Manchmal gibt es

Lücken und manchmal sind die Grenzen zwischen den Wörtern unscharf,

weshalb es hilfreich sein kann, die Theorie mit der Prototypensemantik zu

ergänzen. Ein Beispiel für ein Wortfeld sind Farbwörter. (vgl. Schwarz/Chur

1993:60; Goerling 1995:129,133)

Mit der Wortfeldtheorie kann eine einzelne Sprache analysiert werden, aber sie

ermöglicht es auch, die Sprachsysteme verschiedener Sprachen miteinander zu

vergleichen. Im Zusammenhang mit der Wortfeldtheorie gab es einerseits die

Suche nach sprachlichen Universalien und die Verknüpfung mit der

Universalgrammatik, einer Theorie, die besagt, dass alle Sprachen

gemeinsamen Prinzipien folgen, die allen Menschen angeboren sind.

Andererseits vertrat etwa Benjamin Lee Whorf die sprachliche

Relativitätstheorie, laut der jede Sprache ihre eigene Welt aufbaut und die

Welterfahrung somit von den Strukturen der eigenen Sprache geprägt wird. Zu

dieser Ansicht passt die Tatsache, dass einige Bereiche des Wortschatzes

stark strukturiert und kulturspezifisch sind ­ Bereiche wie etwa

Verwandtschaftsbezeichnungen. Natürlich können solche Bereiche einfacher

definiert und beschrieben werden als weniger konkrete und eindeutige

semantische Felder wie zum Beispiel biblische Schlüsselbegriffe. (vgl.

Schwarz/Chur 1993:64; Bolin 2005:1026)

5.1.2. Merkmalanalyse

Die Merkmalanalyse (componential analysis) ist eine und wahrscheinlich die

bedeutendste von mehreren Methoden, um ein semantisches Feld zu

bestimmen und zu organisieren. Die beispielgebende Methodologie für die

Merkmalanalyse war die strukturalistische Phonologie, die jedes einzelne

Phonem als Bündelung von Plus-Minus-Merkmalen beschrieb. In der modernen

Linguistik wurde diese analytische Vorgehensweise auf die Untersuchung von

Merkmalen bei Wörtern übertragen. Genau so wie die Lautstruktur der

natürlichen Sprachen anhand eines universalen Inventars phonologischer

Merkmale beschrieben werden könne, so sollte das semantische Grundinventar

einer Sprache unter Verwendung semantischer Merkmale aus einem

26 Punkt 11.2.

35


Universalinventar beschreibbar sein. Man nahm an, dass Menschen auf Wörter

so reagieren, als ob sie Bündelungen semantischer Merkmale wären (Larson

1984:55-65), und dass jeder Begriff, der ja ein Bündel semantischer Merkmale

ist, durch die Aufsplittung in seine kleinsten semantischen Einheiten (die

semantischen Merkmale) genau definiert werden kann. (vgl. Goerling 1995:153;

Stolze 32001:49f)

Die Merkmalanalyse bei Nida

Nida (1964:82ff) beschreibt die Merkmalanalyse als eine Methode zur Analyse

der Bedeutung von Wörtern, die miteinander in Beziehung stehen. Wichtig ist,

dass diese Wörter bestimmte gemeinsame sowie distinktive Merkmale

aufweisen. Dazu legt er fünf Schritte fest:

(1) Bestimmung einer begrenzten Menge von Begriffen, die gemeinsame und

distinktive Merkmale aufweisen und in mehrdimensionalen Beziehungen

stehen

(2) möglichst genaue Definition der Begriffe in Bezug auf die bezeichnete

außersprachliche Wirklichkeit

(3) Bestimmung der distinktiven Merkmale

(4) Definition jedes Begriffs mittels seiner distinktiven Merkmale

(5) Erstellung einer Übersicht über die Beziehungen zwischen den Begriffen

anhand ihrer distinktiven Merkmale ­ z.B. durch ein Diagramm

Nida verwendet zur Veranschaulichung der Methode

Verwandtschaftsbezeichnungen: Nehmen wir ein Verwandtschaftssystem mit

ego

als der zentralen Person.

Vater

und

Mutter

teilen sich das gemeinsame

Merkmal, dass sie zu einer älteren Generation als

ego

gehören, unterscheiden

sich aber im Geschlecht. Somit dienen die beiden Merkmale Generation und

Geschlecht zur Definition der Beziehung von

ego

zu

Vater

und

Mutter

. Nun

können die Verwandtschaftsbezeichnungen auch auf

Großmutter, Großvater,

Enkel, Enkelin, Sohn, Tochter, Onkel, Tante, Neffe, Nichte, Cousin, Cousine

usw. ausgeweitet werden, was wiederum weitere Merkmale ins Spiel bringt.

Durch die Anwendung der oben erwähnten fünf Schritte auf eine begrenzte

Anzahl von Verwandtschaftsbezeichnungen innerhalb einer Gruppe von

36


biologisch verwandten Personen kann sehr deutlich gemacht werden, wie eine

Merkmalanalyse genau aussieht:

(1) Die gewählten Begriffe sind

Großvater, Großmutter, Vater, Mutter, Bruder,

Schwester, Sohn, Tochter, Enkel, Enkelin, Onkel, Tante, Cousin, Cousine,

Neffe

und

Nichte.

(2) Diese Begriffe werden anhand der untereinander bestehenden Beziehungen

definiert.

Großvater:

VaVa, VaMu

Va

= Vater

Großmutter:

MuVa, MuMu

Mu = Mutter

Vater:

Va

Br

= Bruder

Mutter:

Mu

Sc

= Schwester

Bruder:

Br

So

= Sohn

Schwester:

Sc

To

= Tochter

Sohn:

So

VaVa = Vater des Vaters usw.

Tochter:

To

Enkel:

SoSo,

SoTo

Enkelin:

ToSo,

ToTo

Onkel:

BrVa, BrMu

Tante:

ScVa,

ScMu

Cousin:

SoBrVa, SoBrMu, SoScVa, SoScMu

Cousine:

ToBrVa, ToBrMu, ToScVa, ToScMu

Neffe:

SoBr, SoSc

Nichte:

ToBr,

ToSc

(3) Um die distinktiven Merkmale dieser Begriffe zu bestimmen, untersucht

man, welche Bedeutungsmerkmale einige Begriffe gemeinsam haben und

andere voneinander unterscheiden. So unterscheiden sich beispielsweise

alle Begriffe durch ihr Geschlecht, einige durch die Generation.

Großvater,

Vater, Sohn

und

Enkel

weisen etwa alle dasselbe Geschlecht auf,

unterscheiden sich aber dadurch grundlegend, dass sie einer anderen

Generation angehören.

Man erhält drei Klassen von distinktiven Merkmalen:

a) Geschlecht (GT): männlich (gt1) und weiblich (gt2)

37


b) Generation (GN): zwei Generationen vor ego (gn1), eine Generation vor

ego (gn2), die Generation von ego (gn3), eine Generation nach ego

(gn4), zwei Generationen nach ego (gn5)

c) Grad der Verwandtschaft (GD): Bei gd1 sind die betreffenden Personen

direkte Vorfahren oder Nachkommen von ego, bei gd2 und gd3 ist der

Verwandtschaftsgrad jeweils um eine Stufe indirekter.

(4)

Definiert man die Bedeutung der Verwandtschaftsbezeichnungen auf

Grundlage dieser Merkmalsklassen (Geschlecht, Generation und

Verwandtschaftsgrad) neu, erhält man folgende Beschreibung:

Großvater:

gt1gn1gd1

Großmutter:

gt2gn1gd1

Vater:

gt1gn2gd1

Mutter:

gt2gn2gd1

Bruder:

gt1gn3gd2

Schwester:

gt2gn3gd2

Sohn:

gt1gn4gd1

Tochter:

gt2gn4gd1

Enkel:

gt1gn5gd1

Enkelin:

gt2gn5gd1

Onkel:

gt1gn2gd2

Tante:

gt2gn2gd2

Cousin:

gt1gn3gd3

Cousine:

gt2gn3gd3

Neffe:

gt1gn4gd2

Nichte:

gt2gn4gd2

(5) Die Beziehungen zwischen diesen Begriffen können nun auch graphisch

dargestellt werden, natürlich in verschiedener Form:

38


Tabelle A

r

r

r

r

r

r

r

Großvate

Großmutte

Vate

Mutte

Brude

Schweste

Sohn

Tochte

Enkel

Enkelin

Onkel

Tante

Cousin

Cousine

Neffe

Nichte

gn1 + +

gn2

+ +

+ +

Generation gn3

+ +

+ +

gn4

+ +

+ +

gn5

+ +

Geschlecht gt1 + + + + + + + +

gt2 + + + + + + + +

gd1 + + + +

+ + + +

Grad gd2

+ +

+ +

+ +

gd3

+ +

Tabelle

B

gd1

gd2

gd3

gt1 gt2 gt1 gt2 gt1

gt2

gn1

Großvater Großmutter Onkel Tante

gn2

Vater Mutter

gn3

ego Bruder

Schweste

Cousin C

r ousine

gn4

Sohn Tochter Neffe Nichte

gn5

Enkel Enkelin

Nida weist darauf hin, dass die Merkmalanalyse nicht nur auf begrenzte

Begriffsmengen angewandt werden kann, sondern dass damit auch die

gemeinsamen Merkmale eines Bedeutungsfeldes bestimmt werden können.

Er zeigt dies anhand der hebräischen Wortwurzel

kbd.

Einige Bedeutungen des

Begriffs gelten in der Kultur als wünschenswert, andere als nicht

wünschenswert. Der Begriff kann mit physischem Gewicht zu tun haben, und

einige Bedeutungen drücken verschiedene Grade einer bestimmten Qualität

aus. Da sich einige Bedeutungen verschiedene Bedeutungsmerkmale teilen

und andere nicht, können die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffs

39


mithilfe einer Merkmalanalyse untersucht werden, um die Beziehungen

untereinander deutlicher aufzuzeigen.

Im Gegensatz zu der Merkmalanalyse bei einer begrenzten Begriffsmenge hat

diese Art der Merkmalanalyse nicht den Anspruch, alle distinktiven Merkmale

zwischen den verschiedenen Bedeutungen eines Begriffs zu bestimmen. Es ist

lediglich eine Methode, um eine Übersicht über eine bestimmte Anzahl

miteinander in Beziehung stehender Bedeutungen zu bekommen. (vgl. Nida

1964:90)

Die Merkmalanalyse hat mehrere Vorteile. Einerseits werden die distinktiven

Merkmale der Begriffe hervorgehoben und dadurch viele zusätzliche und

nebensächliche Merkmale, die für das Funktionieren des Systems nicht

entscheidend sind, von vornherein weggelassen. Es ist auch gar nicht die

Aufgabe der Merkmalanalyse, die Bedeutung eines Begriffs erschöpfend

darzustellen. Wird die Methode andererseits systematisch und gründlich

angewandt, treten oft Merkmale oder Gegensätze in Erscheinung, derer man

sich vorher gar nicht bewusst war. Außerdem ist die Merkmalanalyse eine

Methode, um das Funktionieren eines Systems auf einfache Weise sichtbar zu

machen.

Allerdings müssen auch die Grenzen der Merkmalanalyse erwähnt werden.

Diese Methode kann nur auf begrenzte, homogene Mengen von Begriffen

angewandt werden, die bestimmte gemeinsame und distinktive Merkmale

aufweisen. Weil der Fokus auf wenigen distinktiven Merkmalen liegt, bleiben

viele zusätzliche und konnotative Bedeutungselemente völlig unbeachtet. Die

Methode neigt dazu, sich mehr darauf zu konzentrieren, was der Begriff nicht

bedeutet als darauf, was er tatsächlich bedeutet und wie der Begriff mit

Bedeutung "gefüllt" werden kann.

40


Die Merkmalanalyse in der Übersetzungswissenschaft und -praxis

Für die Übersetzungswissenschaft war die strukturelle Semantik insofern von

Bedeutung, als dass sie darauf hinwies, dass die lexikalischen Systeme in zwei

verschiedenen Sprachen großteils nicht identisch sind, sondern dass es

vielfach Bedeutungsüberlappungen mit Konvergenzen und Divergenzen gibt.

Daraus folgend fand die Merkmalanalyse Eingang in die

Übersetzungswissenschaft. Es sollten nicht Wörter übersetzt werden, sondern

eben die Bündelungen semantischer Merkmale, aus denen die Wörter

bestehen. Mit Hilfe der Merkmalanalyse löst man sich von der Wortform in der

Ausgangssprache und kann im nächsten Schritt die Merkmale neu in eine

zielsprachliche Wortform füllen (Kußmaul 21999:49). Newmark definiert das

Übersetzen als "an ordered rearrangement of sense components" (1988:115)

und stellt damit die Bedeutung der Merkmalanalyse für die Ermittlung dieser

components

(Merkmale) klar heraus. Ihr Zweck ist, die semantischen Merkmale

eines ausgangssprachlichen Wortes mit einem zielsprachlichen Wort zu

vergleichen und sie einander gegenüberzustellen.

Beim Anwenden der klassischen Merkmalanalyse in der Übersetzungspraxis

muss man sich wiederum ihrer Grenzen bewusst sein. Oft reicht der binäre

Ansatz mit seinen Plus-Minus-Merkmalen nicht aus. Es gibt beispielsweise

keine einfachen Lösungen für Synonymie, Polysemie und Metaphern. Im

Bereich der Bibelübersetzung gilt dies für die Frage nach einer adäquaten

Übersetzung von biblischen Schlüsselbegriffen: Auch hier genügt es nicht, sich

auf die gemeinsamen und distinktiven Merkmale zwischen ausgangs- und

zielsprachlichen Wörtern zu beschränken. Es kommen noch viele weitere

Faktoren ins Spiel.

Zudem könnte man sagen, dass die Merkmalanalyse eine Art "blinden Fleck"

für kulturbedingte Faktoren hat. Sie kann nie

alles

sichtbar machen, was Wörter

für einen Sprecher bedeuten können. Oft bleiben konnotative

Bedeutungselemente unbeachtet. Deshalb unterscheidet man bei der

Merkmalanalyse zwischen analytischer und psychologischer Gültigkeit. Die

Ergebnisse einer Merkmalanalyse müssen immer auch mit den Definitionen,

Kategorisierungen und Beschreibungen, sowie dem sprachlichen und

außersprachlichen Verhalten von Sprechern der Zielsprache verglichen werden.

41


Psychologische Gültigkeit kann durch das Miteinbeziehen anderer Ansätze eher

erreicht werden, zum Beispiel indem man die Merkmalanalyse in die kognitive

Semantik (siehe Punkt 5.2.) einbindet. (vgl. Goerling 1995:152)

Doch auch hier sind die Vorteile der Methode zu erwähnen: Dass die

Merkmalanalyse sehr hilfreich ist, um die Bedeutung sowohl innerhalb einer

Sprache als auch zwischen verschiedenen Sprachen zu bestimmen, ist heute

allgemein anerkannt. Sie birgt ein großes Potenzial für die praktischen

Erfordernisse des Bedeutungstransfers, und zwar besonders da, wo sich die

Suche nach einem zielsprachlichen Äquivalent schwierig gestaltet. Und man

muss auch nicht mehr von der Merkmalanalyse erwarten als sie verspricht.

In der Bibelübersetzung geht es zum Beispiel oft nur darum, die Kernmerkmale

eines Begriffs in einem bestimmten Kontext zu erfassen. Dafür ist die

Merkmalanalyse sehr gut geeignet. Es geht beim Übersetzen nicht darum, die

gewonnenen Erkenntnisse dazu zu verwenden, einen langen Satz zu

konstruieren, der alle semantischen Merkmale des Ausgangstextes wiedergibt,

und diesen Satz dann in jedem Kontext zu verwenden. Vielmehr dient die

Methode dazu, das vorherrschende Merkmal oder die vorherrschenden

Merkmale im Kontext des Ausgangstextes zu ermitteln, um sie dann adäquat in

die Zielsprache übertragen zu können.

Die Merkmalanalyse spielt beim Übersetzen von Schlüsselbegriffen in der Bibel

eine wichtige Rolle. Meist hat ein ausgangssprachliches Wort keine ganz

genaue Entsprechung in der Zielsprache. Es hat einige gemeinsame

Bedeutungsmerkmale mit dem zielsprachlichen Wort, unterscheidet sich

vielleicht durch einige Merkmale vom zielsprachlichen Wort oder überschneidet

sich mit dem zielsprachlichen Wort. Ganz genaue Entsprechungen gibt es

kaum. Mit Hilfe der Merkmalanalyse kann der Übersetzer richtige

Entscheidungen treffen, indem er nicht Bedeutungen, sondern

Bedeutungskomponenten überträgt.

Die Merkmalanalyse kann weiters dabei helfen, ein ausgangssprachliches Wort

durch zwei oder mehrere zielsprachliche Wörter oder durch eine Paraphrase zu

übersetzen, sie ermöglicht die Unterscheidung der Bedeutung zweier

Synonyme in der Ausgangssprache und sie kann Lücken im zielsprachlichen

Lexikon aufdecken und füllen.

42


Wenn die Merkmalanalyse nicht als alleinige Methode zur

Bedeutungsbestimmung verwendet wird, sondern mit anderen Ansätzen

kombiniert und in ein realistischeres Bedeutungsmodell eingebettet wird, kann

sie einen sehr wertvollen Beitrag leisten. (vgl. Goerling 1995:134f, 164ff)

Ergänzungsbedarf bei der Merkmalanalyse

Zweifellos sind Bedeutungsmerkmale für das Funktionieren eines Systems

wichtig, aber im Bewusstsein des Sprechers stehen sie nicht im Vordergrund.

Er wäre ganz sicher mit den ermittelten Merkmalen einverstanden, doch viel

eher denkt er in Form von Wortfeldern und Begriffskategorien als in Form von

distinktiven Merkmalen, die auf der klassischen aristotelischen Logik beruhen

(Nida 1964:87). Als sich herausstellte, dass mit der Merkmalssemantik die

Bedeutung nicht erschöpfend beschrieben werden kann und sie besonders für

schlecht definierte, sehr komplexe Bereiche und für unscharfe

Wortbedeutungen unzulänglich ist, wurden andere Theorien wie etwa die

Prototypensemantik entwickelt.

5.2. Kognitive

Ansätze

Die kognitive Semantik ist eine Forschungsrichtung der Linguistik, die den

mentalen Charakter semantischer Phänomene in den Mittelpunkt ihrer

Untersuchungen stellt (Schwarz 1994:10). Sie beschäftigt sich mit der Frage,

wie sich unser Denken in unserer Sprache niederschlägt. Bedeutungen werden

als kognitive Einheiten aufgefasst und mit den Mitteln der

Kognitionswissenschaft untersucht.

Für die praktische Übersetzungstätigkeit ist ein grundlegendes Verständnis für

kognitive Zusammenhänge und die inneren Prozesse, die beim Übersetzen

ablaufen, unerlässlich. Hanna Risku (21999,119f) führt einige Fragen an, auf

welche die Kognitionswissenschaft Antworten sucht: Was geschieht im Kopf der

Übersetzer? Warum fällt ihnen das eine leicht und das andere schwer? In

welchem Sinne können Zielsituationen und Ausgangstexte

verstanden

werden?

Wie können Texte

verständlich

gestaltet werden? Gibt es im Denken etwas

Universelles, interkulturell Gleichbleibendes?

43


Auf Basis der Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung entwickelten sich unter

anderem die Prototypensemantik und die Scenes-and-frames-Semantik, die

einen wichtigen Beitrag für die Übersetzungstheorie- und praxis geleistet haben

und hier erwähnt werden sollen:

5.2.1. Prototypensemantik

Von Aristoteles bis Wittgenstein waren stets monothetische Kategorisierungen

zur Bestimmung der Bedeutung verwendet worden, d.h. eine Kategorie wurde

durch eine Anzahl von Merkmalen bestimmt. Kategorien wurden als abstrakte

Behälter gesehen und Dinge wurden nur derselben Kategorie zugeordnet, wenn

sie bestimmte Merkmale teilten. Doch arbeitet das menschliche Gehirn wirklich

so, dass es immer in genau definierten Kategorien denkt, indem es bei

sprachlichen Verstehens- und Produktionsprozessen quasi eine Liste von

logisch bestimmbaren Merkmalen abhakt?

Ab den 1970er Jahren erlebte die Linguistik einen kognitiven

Paradigmenwechsel, als man begann, das Augenmerk verstärkt auf die Rolle

der menschlichen Kognition bei der Sprachproduktion zu richten.

Ausgangspunkt dafür war die Prototypentheorie von Eleanor Rosch. Die

Prototypensemantik distanziert sich von der Theorie, dass Kategorien klar

definierte, durch gemeinsame Merkmale bestimmte Grenzen haben und weist

darauf hin, dass unser sprachliches kategoriales Denken sehr stark von

unseren Erfahrungen und Emotionen bestimmt wird. Die Kategorien, in denen

wir denken, haben einen Kern und unscharfe Ränder (

fuzzy edges

). Ein

Prototyp ist der typischste, repräsentativste oder zentralste Vertreter innerhalb

einer Kategorie.

Eleanor Rosch führte Beispiele an, die inzwischen klassisch geworden sind:

Befragungen unter Sprechern der englischen Sprache zur Kategorie "Vogel"

ergeben, dass etwa Rotkehlchen oder Spatzen für diese Kategorie typischer

sind als Pinguine oder Strauße. Ein Pinguin ist kein Prototyp eines Vogels,

sondern gehört eher zum Randbereich der Kategorie. Würde man jedoch

beispielsweise die gleiche Befragung bei Steppenbewohnern in Afrika

durchführen, könnte es sehr gut sein, dass Strauße für die Menschen ganz

alltäglich sind und somit zum Kern der Kategorie gehören. Das zeigt, dass die

Kultur bestimmt, was als Prototyp gilt.

44


Charakteristisch für die Prototypensemantik ist Polysemie als Kategorisierung.

Das heißt, dass verwandte Wortbedeutungen Kategorien bilden und

Familienähnlichkeit aufweisen. Ein weiterer wichtiger Beitrag der

Prototypensemantik ist der Begriff des Prototypikalitätsgrades. Die

Prototypikalität ist ein graduelles Konzept, mit dem beschrieben wird, wie

repräsentativ, wie wahr, wie stark usw. ein Vertreter innerhalb einer Kategorie

ist.

Als hilfreicher Ansatz dafür erwies sich die der aristotelischen Logik

entgegengesetzte Fuzzy-Logik. Hier wird die Wirklichkeit auf unscharfe Fuzzy-

Mengen abgebildet. Genau so wie ein distinktives Merkmal bestimmen kann, ob

ein Begriff in eine Kategorie gehört (entweder/oder oder wahr/falsch), kann

auch eine quantitative Variable den Grad der Zugehörigkeit zu einer Kategorie

beschreiben ("weniger wahr", "eher wahr", großteils wahr"). Dies entspricht dem

normalen menschlichen Denken mehr. Die menschliche Sprache ist eher vage

und unexakt, und das muss sich auch in der Semantik widerspiegeln.

Für die interkulturelle Kommunikation ­ und im Fall der vorliegenden Arbeit für

den Bereich der Bibelübersetzung ­ sind die Erkenntnisse der

Prototypensemantik sehr hilfreich, weil sie deutlich machen, dass

unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Kategorien bilden oder die

Prototypikalität anders bewerten. Das Konzept der Fuzziness oder Unschärfe

von Kategorien ist in nicht-westlichen Kulturen und Glaubenssystemen im

Denken viel stärker ausgeprägt als im Westen, wo die traditionelle dichotome

Logik vorherrscht.

Die Prototypensemantik ist auch wichtig für das Verständnis von Unterschieden

und Gemeinsamkeiten zwischen von der Kultur oder der Religion geprägten

abstrakten Begriffen, wozu biblische Schlüsselbegriffe gehören. Solche Begriffe

haben in einer anderen Sprache oft potentielle Äquivalente mit dem gleichen

Kern aber unterschiedlichen Rändern. Je nach dem, welche Bereiche von den

Bedeutungsrändern in einem spezifischen Kontext aktualisiert werden, und je

nach Funktion des Begriffs im Text, muss unterschiedlich übersetzt werden,

manchmal nur der Kern, manchmal der Kern und die Ränder und manchmal nur

die Ränder. (vgl. Kußmaul 21999:50; Goerling 1995:44-50)

45


5.2.2. Scenes-and-frames-Semantik

Im Jahre 1977 veröffentlichte Charles J. Fillmore einen Aufsatz mit dem Titel

Scenes-and-frames semantics

. Diese Theorie besagt, dass die Menschen über

ein Inventar an Schemata verfügen, das sie zur Deutung von Erfahrungen

heranziehen und jeweils auf den Einzelfall anwenden. Wie sich ein Sprecher die

Bedeutung eines Wortes vorstellt, hängt von seinen bisherigen Erfahrungen ab

und wird von der Kommunikationssituation und dem Kontext beeinflusst.

Fillmore schreibt:

On this view, the process of using a word in a novel situation involves

comparing current experiences with past experiences and judging

whether they are similar enough to call for the same linguistic coding.

(Fillmore 1977:57)

Scenes

und

frames

aktivieren einander gegenseitig.

Scenes

sind in dieser

Theorie kognitive Strukturen ­ "Bilder von Welt" im Kopf eines Menschen ­ und

sind begrenzt durch die

frames

,

die sprachlichen Formen für diese Bilder.

Denken, Verstehen, Lernen und Kommunikation laufen so ab, dass wir

zunächst zu den

frames

einen Zugang finden, der auf unserem durch die

persönliche Erfahrung entstandenen Weltwissen beruht. In die

frames

fallen

Wörter, die zu einer bestimmten komplexen Situation oder

scene

gehören.

Wenn Kommunikation stattfindet, kann ein Sprecher üblicherweise annehmen,

dass der Hörer bei der Kenntnis eines Wortes auch die dazugehörige

scene

vor

Augen hat, sie muss nicht vollständig erklärt werden. Meist reicht es, eine

Komponente zu aktivieren, damit der Hörer dann die anderen notwendigen

Komponenten selbständig im Kopf hinzufügen kann. Wie in der

Prototypensemantik können

scenes

auch unscharfe Ränder haben.

Dieser Ansatz Fillmores mit

scenes

und

frames

wurde in der

Übersetzungswissenschaft sehr begrüßt, da er als Erklärungshypothese für die

Prozesse beim Übersetzen gut geeignet zu sein scheint. Der Übersetzer

arbeitet so, dass er zunächst die im Text-

frame

vorhandene Information

verarbeitet und in Verbindung mit seinen Erfahrungen daraus seine persönliche

scene

entwickelt. Im Übersetzungsprozess geht es dann darum, die

scenes

der

Textvorlage so weit wie möglich zu erhalten und sicherzustellen, dass die

46


gewählten

frames

in der Zielsprache adäquat sind für die

scenes

, die sie dort

beim Leser aktivieren sollen. Es geht nicht um einzelne Wörter, sondern darum,

ganze

scenes

zu schaffen.

Reichen die prototypischen

scenes

beim Übersetzer nicht aus, um eine

Übersetzung mit entsprechenden

frames

und folglich auch

scenes

in der

Zielsprache zu liefern, muss er wissen, mit welchen Hilfsmitteln er dies

erreichen kann. Sigrid Kupsch-Losereit (21999:65) zeigt anhand eines Beispiels,

wie diese Anforderung an den Übersetzer in der Praxis aussehen kann:

"In einem Text zu den Mai-Ereignissen 1968 spricht Sartre von les

matraques de la rue Gay-Lussac (Le Nouvel Observateur, 4.

November 1968). Der deutsche Leser kann die Szene nur verstehen,

wenn außersprachliches Wissen inferiert wird, also etwa durch eine

Übersetzung wie: "Das Einprügeln auf die Studenten in der Rue Gay-

Lussac" oder: "Das harte Zuschlagen der kasernierten Polizei am 10.

Mai 1968 im Quartier Latin". Die Leistung des Translators beruht

darauf, dass er eine aktuell-spontane Beziehung herstellt zwischen

dem AT [= Ausgangstext] und dessen kommunikativer und sozialer

Funktion, seinem Wissen und seinen Erwartungen, den für ihn

relevanten Handlungszusammenhängen sowie den translatorischen

Zielsetzungen."

Ein idealer Übersetzungsprozess findet statt, wenn der Übersetzer den

Ausgangstext bereits in Bezug auf die kommunikative und soziale Funktion des

Zieltextes versteht, wenn er die Bewusstseins- und Handlungsdimension seiner

Leser beachtet, sich an ihrem Weltwissen orientiert und ihre Erwartungen,

Verstehensbedingungen und -möglichkeiten einberechnet. Lässt er das

kulturspezifische Vorwissen, die sprachlichen und kulturellen Kenntnisse sowie

die Emotionen und Erwartungen des zielsprachlichen Lesers außer Acht, kann

dieser die Information aus der fremden Sprache und Kultur nicht in die eigenen

Wissens- und Handlungsstrukturen integrieren und das Verständnis wird

scheitern (vgl. Stolze 32001:181ff; Kußmaul 21999:50f; Risku 21999:121;

Kupsch-Losereit 21999:65).

47


Die Scenes-and-frames-Semantik ist für das Thema dieser Diplomarbeit

relevant, da das Konzept der

scenes

bei biblischen Schlüsselbegriffen sehr

stark zum Tragen kommt. Diese Schlüsselbegriffe können je nach Erfahrungen,

Hintergrund und Überzeugungen beim Autor des Textes, beim Übersetzer

sowie beim zielsprachlichen Leser sehr unterschiedliche

scenes

aktiviert haben

oder aktivieren. Dementsprechend wichtig ist es für den Übersetzer angesichts

der Tatsache, dass viele dieser Schlüsselbegriffe für das Gesamtverständnis

des Bibeltextes von entscheidender Bedeutung sind, Nachforschungen über die

beim Autor vorhandenen

scenes

zu unternehmen und in der Zielsprache

frames

zu wählen, die dort adäquate

scenes

auslösen. Übersetzer können im Sinne

dieser Theorie nie

re

produzieren, sie können nur Möglichkeiten für immer neue

Bedeutungskonstruktion bieten (Risku 21999:121).

Als Beispiel soll hier erwähnt werden, von welchen Faktoren die

scenes

in der

vorliegenden Arbeit bestimmt werden. Ein Faktor ist etwa die Bibel und ihre

Rolle in der Geschichte des Christentums. In Kapitel 3 wurde der historische

Rahmen der biblischen Texte und ihrer Übersetzung umrissen. Die

scenes

werden beeinflusst von der Politik, den Werten und Völkern der antiken

griechisch-römisch geprägten Welt sowie vom Sprach- und Kulturkontakt, der

zwischen verschiedenen Völkern stattgefunden hat (Griechisch-Latein,

Arabisch-Türkisch). Eine andere Rolle spielen die Texte, die in den Kanon des

Alten und Neuen Testaments aufgenommen wurden, wichtige Autoren wie

Paulus und die Überlieferung der Bibel. Diese Faktoren hatten einen Einfluss

auf die Urtexte, doch auch spätere Geschehnisse hinterlassen Spuren in den

scenes

, wie etwa die Zeit der Renaissance und die Reformation mit der

Entstehung der deutschen Lutherbibel und ihren wiederum sehr komplexen

politischen und religiösen Gegebenheiten. So ließen sich noch unzählige

andere Punkte nennen, die alle in die

scenes

der Schlüsselbegriffe in dieser

Arbeit fallen und derer man sich bewusst sein muss, um adäquate

Entscheidungen bei der Übersetzung von Schlüsselbegriffen zu fällen. (vgl.

Bolin 2005:22f)

5.2.3. Relevanztheorie

Die Relevanztheorie geht davon aus, dass die Menschen aus dem Verhalten

eines Gegenübers Schlüsse ziehen und verstehen können, was er meint.

Kommunikation beruht weniger auf der Übermittlung fester Inhalte durch

48


sprachliche Formen als auf dem Erkennen informativer Intentionen durch die

Zielperson. Dementsprechend soll es beim Übersetzen darum gehen, einen

Stimulus zu produzieren, den der zielsprachliche Leser gleich deutet wie der

ausgangssprachliche Leser das Original. Sprachliche Ausdrucksformen gelten

dabei im Sinne eines kognitiven Ansatzes als semantische Repräsentationen

mental gespeicherter Gedanken. Zur Deutung ist der Kontext sehr wichtig,

wobei man in dieser Theorie unter Kontext ein psychologisches Konstrukt

versteht, das eine Subform der Weltannahmen eines Lesers darstellt. Die

Relevanztheorie gründet weiters auf der Annahme, dass das menschliche

Denken auf eine Maximierung der Relevanz von Informationen ausgerichtet ist,

das heißt dass Menschen intuitiv zunächst die naheliegendste Deutung

einbringen. (vgl. Stolze 32001:266; Schulz 200127)

5.3. Pragmatische

Ansätze

5.3.1. Diskursanalyse

Die Diskursanalyse ist ein pragmalinguistischer Ansatz, der das Verhältnis von

Sprache, Individuum und Gesellschaft zu begreifen versucht und aufzeigt, wie

Bedeutungen interaktiv durch Sprache realisiert werden. Wörter funktionieren ja

nicht nur auf der Ebene der Einheit Satz und Absatz, sondern in ganzen

Diskursen, und deshalb müssen sie auf jeder dieser Ebenen untersucht werden

(Goerling 1995:170). Die Diskurstheorie ist nicht einfach eine Subdisziplin der

Linguistik, sondern kombiniert über disziplinäre Grenzen hinweg theoretische

und methodologische Ansätze aus Linguistik, Soziologie, Anthropologie und

Psychologie (Gruber/Kaltenbacher/Muntigl 2007:12).

Vorreiter für eine über die syntaktische Ebene hinaus gehende Betrachtung der

Sprache in der Linguistik war Zellig Harris. Den sich ergebenden weiteren

Bereich, die Beziehung der Sprache zum Kontext, nannte er "Diskurs". Sehr

vereinfacht könnte man Diskurs als den aktuellen Vollzug von Sprache in einer

Gesellschaft definieren. In der Linguistik wird der Diskurs oft als "language-in-

use" beschrieben, da es um die Frage geht, wie Bedeutung anhand von

mündlichen, schriftlichen oder visuellen Texten in spezifischen Kontexten

27 Punkt 11.2.

49


bestimmt werden kann (Macgilchrist 200928). Die Funktion von Wörtern im

Diskurs kann anhand von Fragen wie diesen untersucht werden (Goerling

19965:172f): Wo kommt das Wort vor? Mit welchen Wörtern bildet es

Kollokationen? Warum wird es verwendet? Wie oft kommt es vor? Welche

Funktion hat es im Diskurs? Kommt es nur in einem bestimmten Genre oder bei

einem bestimmten Autor vor? Dabei stehen nicht wie in der Textlinguistik die

Texte im Vordergrund, sondern der Diskurs wird als pragmatisches Phänomen

untersucht ­ mit Hilfe der sprachlichen Struktur des Textes allerdings. In der

Diskursanalyse wird anstelle von erfundenen Beispielen bevorzugt Sprache in

ihrem realen und natürlichen Gebrauch analysiert. 29

Im Rahmen der Diskursanalyse kann Bedeutung auch mit Hilfe eines

diskursgeschichtlichen Ansatzes erforscht werden. Dabei werden die

Konstitution und der Wandel von Bedeutungskonstruktionen in

gesellschaftlichen Diskursen beschrieben. Dieser Ansatz ist wiederum für das

Thema dieser Arbeit interessant. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die

Bedeutung biblischer Schlüsselbegriffe während der Zeit von der Entstehung

der Texte bis heute einem Wandel ausgesetzt war. Anhand einer Sammlung ­

einem so genannten Korpus ­ von meist öffentlichen Texten zu dem

untersuchten Thema lassen sich dann kollektive Denkweisen oder Mentalitäten

einer Zeit bzw. Zeitspanne und deren Wandel rekonstruieren (Meier-Schuegraf

200530).

Im Bereich der Bibelübersetzung fand ab den 1960er Jahren etwas wie eine

Diskursrevolution statt. Wichtig Vertreter dafür waren etwa Kathleen Callow,

Robert E. Longacre und andere. Kenneth L. Pike wies darauf hin, dass die

Linguistik über die Satzebene hinausgehen und sich auch mit der Diskursebene

sowie dem soziologischen Kontext befassen müsse. Von diesem Zeitpunkt an

wurde die Diskursanalyse auch verstärkt in die biblische Interpretation integriert.

(vgl. Goerling 1995:170)

28 Punkt 11.2.

29 vgl. Wikipedia:

Diskursanalyse /

discourse analysis

(Punkt 11.2.)

30 Punkt 11.2.

50


Da Bedeutung kontextabhängig ist und da die Wahl von Schlüsselbegriffen

hauptsächlich durch den Gebrauch bestimmt wird, müssen Bibelübersetzer die

Diskursanalyse auf Ausgangs- und Zielsprache anwenden.

Für die Originalsprachen Hebräisch und Griechisch müssen geschriebene

Texte ausreichen, da es keine lebenden Informanten mehr gibt. Aber zur

Bestimmung der Bedeutung dürfen nicht nur Wörterbücher, Konkordanzen oder

Wortstudien herangezogen werden, sondern die Urtexte müssen in ihrer

Gesamtheit analysiert werden. Denn letztlich lassen sich zuverlässige

Erkenntnisse über die Wortbedeutungen nur unter Einbeziehung des Kontexts

erschließen. Es kann vorkommen, dass sich eine Bedeutung aus einem Text

ergibt, in dem das Wort nicht einmal vorkommt, und manchmal enthalten der

Text selbst oder andere außerbiblische Texte sogar explizite Definitionen des

Wortes.

Für die Zielsprache ist es wichtig, die Analyse semantischer Felder unter

Einbindung des kognitiven Aspekts mit der Diskursanalyse zu kombinieren. Zur

Bestimmung der Bedeutung ist es vorteilhaft, konnotative und emotive

Bedeutungen mit Muttersprachlern zu testen. Mündliche oder schriftliche Texte

können auch hilfreiche "folk definitions" (Bedeutungserklärungen von

Nichtlinguisten) liefern. (vgl. Goerling 1995:171)

51


6.

Kultur in der Übersetzungstheorie

In der Übersetzungswissenschaft allgemein und in der Bibelübersetzung im

Besonderen wurde lange der Schwerpunkt auf die Untersuchung der

Ausgangssprache und der Zielsprache gelegt. Es wurden weder kulturelle

Perspektiven noch anthropologische Prinzipien systematisch und gründlich

angewendet, um Texte und Kontexte in diesen Sprachen zu verstehen. Lange

bestand ein Ungleichgewicht zwischen den linguistischen und den kulturellen

Aspekten in der Übersetzungswissenschaft, was sich ab den 1980er Jahren zu

ändern begann. (vgl. Goerling 1995:80)

Für moderne Bibelübersetzer ist es wichtig, sich bewusst zu sein, welche Fehler

in der Vergangenheit in diesem Bereich geschehen sind. Zu oft geschah

christliche Mission westlicher Missionare im Rahmen eines europäisch-

amerikanischen Denkmusters und kulturellen Hintergrundes. Man importierte

die eigenen Werte und hatte unbewusst ein Gefühl der Überlegenheit der

eigenen Kultur. So wurde der Zielkultur fast vermittelt, das Christentum sei ein

Teil der westlichen Kultur und die "heidnischen" Kulturen müssten sich zu dem

bekehren, was als christliche Kultur verstanden wurde. Nida sagt (1964:29),

dass dem Bibelübersetzer auch klar sein muss, dass für ihn völlige Objektivität

nicht möglich ist, da auch er selbst Teil eines kulturellen Kontexts ist. (vgl.

Sookhdeo 1997; Kraft 1997 31)

6.1. Kontextualisierung

Ein Schlagwort, das in dieser Diskussion und speziell im Bereich der

Bibelübersetzung und der christlichen Mission immer wieder auftaucht, ist

"Kontextualisierung" oder "Inkulturation". Man versteht darunter den Prozess

der "Einheimischwerdung" einer Botschaft im Kontext einer anderen Kultur.

Dies geschieht, indem den Menschen eine Botschaft durch neue Formen und

Darstellungen auf eine ihrer Vorstellungswelt angemessenen Art und Weise

nahe gebracht wird. Als Beispiel oder Modell für erfolgreiche Kontextualisierung

zieht man etwa die Menschwerdung Christi heran: So wie Christus menschliche

Gestalt annahm, soll auch das Evangelium eine Gestalt annehmen, die der

31 Punkt 11.2.

52


jeweiligen Kultur entspricht. Das Evangelium selbst bleibt dabei eine feste,

unveränderliche Größe, die nur einem anderen Kontext angepasst wird

(Schwark 2006:69f). Es geht in der Kontextualisierung weder darum, die

Botschaft des Evangeliums bloß besser verkaufen zu können und beliebter zu

machen, noch heißt es, dass Kulturkritik verboten ist. Kontextualisierung

bedeutet auch nicht, Strukturen oder Lehren einfach zu übertragen oder die

biblische Botschaft selektiv zu verwenden. 1997 wurden in Haslev in Dänemark

bei einem Kongress evangelikaler Missiologen, Theologen und Missionaren als

Endziel aller Kontextualisierungsbemühungen festgehalten:

"The vision of contextualisation is that Jesus Christ and his Kingdom

find fuller expression in the whole life of people in every culture." 32

Diese Zielvorgabe gibt auch Antwort auf die Frage, wie die zentralen Lehren der

Bibel kontextualisiert werden sollen, insbesondere zur Person und dem Werk

Christi. Christus, der Sohn Gottes, wurde als Jude mit dem Namen Jesus von

Nazareth Mensch. Die biblische Heilsgeschichte setzt die Norm für jede

Interpretation biblischer Inhalte und Begriffe fest. Der Geschichte und den

Traditionen anderer Kulturen kann nicht der gleiche Stellenwert beigemessen

werden wie der biblischen Botschaft, die durch einzigartige Offenbarung

entstanden ist, und dennoch müssen für eine Kontextualisierung Punkte

gefunden werden, wo sich die Kulturen treffen oder annähern können.

Andererseits ist wiederum Vorsicht geboten, damit Kontextualisierung nicht zum

Synkretismus wird ­ die christliche Botschaft soll in die Welt gehen und nicht

umgekehrt.

Ernst Wendland (1987:21-27) nennt drei Schritte für erfolgreiche

Kontextualisierung in der Bibelübersetzung: Der erste Schritt ist die genaue

Untersuchung des ausgangssprachlichen Kontexts mit Hilfe einer gründlichen

Exegese unter besonderer Beachtung der biblischen Kulturen. Der zweite

Schritt ist die Untersuchung der Zielkultur, auch anhand von schriftlichen

Studien über die Kultur. Der dritte Schritt ist der Vergleich und die

32 vgl. Haslev 1997 Consultation Statement (Punkt 11.2.)

53


Gegenüberstellung der beiden Kulturen, um in der Übersetzung gegebenenfalls

Anpassungen vornehmen zu können.

6.1.1. Kontextualisierung im Islam

Dieser Abschnitt bezieht sich großteils auf das Kapitel

Contextualisation

in Fritz

Goerlings Dissertation über die Übersetzung von Schlüsselbegriffen in einem

muslimischen geprägten Umfeld (1995:15-32).

Kontextualisierung in einem muslimischen Kontext hängt natürlich sehr stark

davon ab, wie der Islam bewertet wird. Die zwei Fragen, die gestellt werden

müssen, lauten: Inwieweit darf und inwieweit muss die muslimische Kultur

verwendet werden, um die vermittelte biblische Botschaft zu kontextualisieren?

Die Antwort darauf ist in großem Maße von der Sicht der islamischen Kultur

abhängig.

Es gibt drei grundlegende Ansätze, wie der Islam in der christlichen Mission

unter Muslimen bewertet werden kann. Im 19. Jahrhundert gab es einen sehr

polemischen Ansatz, der unter der Vorgabe, "neutral zu sein", gegen den Islam

schrieb, zum Teil sogar seine Zerstörung forderte und anhand selbst

aufgestellter Kriterien zeigte, dass das Christentum die richtige "offenbarte

Religion" sei. Ein zweiter Ansatz stellte theologische Kriterien in den

Mittelpunkt, wobei die biblische Christologie das wichtigste Kriterium darstellte.

Der dritte Ansatz geht von der Bibel aus und erklärt anhand der Schlüsselstelle

Röm 1 und 2, wie Gott selbst Religionen bewertet, nämlich anhand dessen, wie

die Menschen mit dem Wissen umgegangen sind, das sie durch allgemeine

Offenbarung erhalten haben (Röm 1,19f; 2,15f).

Auch in Bezug auf die Frage der Kontextualisierung im Islam gibt es

unterschiedliche Positionen. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich dabei zwei

diametral entgegengesetzte Ansätze entwickelt. Goerling bezeichnet sie als

dialogical model

und als

contextualized approach

. Das Dialogmodell, das etwa

vom Weltkirchenrat vertreten wird, befürwortet freundlichen interreligiösen

Dialog und eine gegenseitige Ergänzung der Religionen untereinander. Man

verzichtet auf Mission und Gemeindebau unter Muslimen. Der kontextualisierte

Ansatz ist eine Synthese aus Bibelübersetzung, Linguistik, Kulturanthropologie

54


und Kommunikationstheorie. Dabei gelten alle Kulturen als gleichwertig für die

Vermittlung der biblischen Botschaft. Dieser vor allem von evangelikaler Seite

getragene Ansatz bemüht sich um eine Transformation ­ eine auf Christus

ausgerichtete Transformation ­ auf der Ebene der Weltanschauung einer

Person oder eines Volkes, die schlussendlich zu einer grundlegenden

Veränderung führt. Muslime sollen dabei für Christus gewonnen, zu Jüngern

gemacht und in Gemeinden integriert werden, die in der muslimischen

Gesellschaft verwurzelt sind.

Bei der Übersetzung der Bibel für Muslime treten besondere

Herausforderungen auf. Man kann sagen, dass Muslime grundsätzlich auf der

ganzen Welt die gleichen arabischen Begriffe für religiöse Konzepte

verwenden. Jeder Bibelübersetzer wird mit der Frage konfrontiert, inwieweit

diese Begriffe verwendet werden können und ob sie in beiden Religionen

dasselbe bedeuten. Was kann der Übersetzer tun, wenn es diesbezüglich

beträchtliche Unterschiede gibt? Die Antworten darauf sind kontextabhängig

und lassen sich auf folgende Gegensätze reduzieren:

1) Einheitlichkeit Erhalten der Unterschiedlichkeit

z.B.: Muslimische Terminologie verwenden und dadurch eine Sprache

"christianisieren"? Im Islam besteht kein Unterschied zwischen Form und

Inhalt, d.h. eine Verwendung von muslimischen Formen durch Christen in

einem muslimischen Kontext kann interpretiert werden als "Muslim sein"33.

2) Kontinuität Diskontinuität

z.B.: gemeinsame "Pfeiler" wie Bezüge auf das AT im Koran nutzen,

Neuinterpretation von Begriffen

3) Arabische Wörter lokale Wörter

z.B.: arabische Wörter ersetzen, wenn sich die Bedeutung gewandelt hat

6.2. Relevanz

In der Bibelübersetzung wurde in den letzen Jahren verstärkt nach der

Relevanz der übersetzten Texte gefragt (Der Begriff Relevanz in diesem Punkt

ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff in Punkt 5.2.3.). Goerling (1995:80ff)

33 vgl. Haslev 1997 Consultation Statement (Punkt 11.2.)

55


verwendet den Begriff Relevanz für das Ziel, dass die biblische Botschaft im

alltäglichen christlichen Leben und Verhalten Anwendung findet und nicht nur

den Verstand, sondern gleichermaßen Seele und Geist prägt.

Man kann es sich schlichtweg nicht leisten, kulturelle Gesichtspunkte und ihren

Einfluss auf die Bibelübersetzung außer Acht zu lassen, wenn man das Ziel

verfolgt, dass die Übersetzungen auch gelesen und verwendet werden. Es

geschah nur allzu oft, dass Übersetzungen produziert wurden, die

schlussendlich nicht verwendet wurden. Dies hing wohl damit zusammen, dass

die Übersetzungen von den kulturellen und / oder theologischen Ansichten der

Übersetzer beeinflusst waren, die dann ihren Weg in die Übersetzung und die

Vorstellungen des Christentums fanden, und so am Ende in der Zielkultur als

kulturell nicht relevant empfunden wurden. (vgl. Goerling 1995:83f)

Um optimale Relevanz zu erreichen, sollen sich die mit dem Ausgangstext

beabsichtigte Bedeutung und die Bedeutung, die aus dem Zieltext erschlossen

wird, so nahe wie möglich kommen. Je näher sie sich kommen, desto

relevanter wird die Botschaft sein und auf desto breitere Akzeptanz wird die

Übersetzung stoßen (Goerling 1995:91)

56


7. Kombinieren

der

Ansätze

Es ist für Übersetzer nicht empfehlenswert oder angebracht, sich einer einzigen

Übersetzungstheorie zu verschreiben und sich in der Übersetzungspraxis

darauf zu stützen ­ davor warnen auch Übersetzungswissenschaftler.

Übersetzer müssen flexibel sein und in ihrer Arbeit verschiedene Ansätze

verbinden.

Übersetzen ist eine Kunst. Aber nicht nur.

Übersetzen ist eine Wissenschaft. Aber nicht nur.

Übersetzen ist beides zugleich,

manchmal eher das eine, manchmal eher das andere.

(vgl. Goerling 1995:63)

57


8. Meine

Methodologie

8.1. Grober

Umriss

Nachdem ich in den Kapiteln 4 bis 6 verschiedene Ansätze vorgestellt habe,

wie die Bedeutung von Wörtern bestimmt und übersetzt werden kann, möchte

ich in diesem Kapitel meine Methodologie präsentieren, die in den nächsten

Kapiteln bei der Analyse des biblischen Schlüsselbegriffs

addik

Anwendung

finden wird.

Zunächst möchte ich nochmals betonen, dass der Inhalt der Bibel für mich

keine bloßen Worte sind, sie ist nicht nur Literatur oder Geschichte oder

religiöses Regelwerk, sondern ihre Worte "sind Geist und sind Leben" (Joh

6,63). Das bedeutet, dass die Botschaft dieses Buches eine einmalige Kraft und

die Macht hat, das Leben eines Menschen zu prägen und zu verändern.

Demgemäß ist es mir ein Anliegen zu erforschen, wie diese Worte adäquat und

wirkungsvoll vermittelt werden können und welche Kriterien hierfür

entscheidend sind.

In Bezug auf die theoretische Grundlage ist mir vor allem wichtig, verschiedene

Ansätze miteinander zu kombinieren und sie nicht gegeneinander auszuspielen.

Jeder Ansatz kann einen einzigartigen Beitrag zur Bedeutungsbestimmung und

zur Übersetzung leisten. In Verbindung mit den Stärken anderer Ansätze

kommt man deshalb viel weiter als mit einem Ansatz allein.

In meiner Analyse des biblischen Schlüsselbegriffs

gerecht

werden zunächst

die semantischen Felder des Begriffs in den verschiedenen Sprachen

festgelegt. Anhand der strukturellen Ansätze der Wortfeldtheorie und der

Merkmalanalyse wird der Schlüsselbegriff im Originaltext mit den

Entsprechungen in der Zielsprache verglichen. Erst wenn es ganz klar ist, was

dieser Schlüsselbegriff mit ähnlichen Begriffen im Wortfeld gemeinsam hat und

worin sie sich unterscheiden, wird eine adäquate Übersetzung des Begriffs

möglich.

58


Als nächstes werden Überlegungen angestellt, die auf den kognitiven Ansätzen

der Prototypensemantik und der Scenes-and-frames-Semantik beruhen. Es

wird untersucht, welcher Prototyp dem Schlüsselbegriff in der Ausgangs- und

der Zielsprache zugrunde liegt und welche Unschärfen vorliegen. Auch eine

Analyse der

scenes

, die in beiden Kontexten vom jeweiligen

frame

ausgelöst

werden, gehört zu dieser Analysestufe.

Schließlich wird noch der pragmatischere Ansatz der Diskursanalyse

ansatzweise oder so weit wie möglich auf die Analyse des Schlüsselbegriffs

angewandt. Sie ist für die notwendige Kontextbezogenheit verantwortlich und

zeigt, dass die Semantik ohne Pragmatik nicht funktionieren kann. So reicht

etwa eine Merkmalanalyse nie aus ­ so exakt und vollständig sie auch sein

mag ­, um herauszufinden, welche konnotativen Bedeutungsmerkmale eines

Begriffs in einem bestimmten Kontext übersetzt werden sollen.

Der praktische Teil der vorliegenden Arbeit wird sich auch damit beschäftigen,

wie eine kontextualisierte und relevante Übersetzung des gewählten

Schlüsselbegriffs aussehen kann. Gerade für den muslimischen Kontext spielt

hier eine ganze Reihe von Faktoren eine wichtige Rolle, die bei einer solchen

Analyse gar nicht außer Acht gelassen werden kann, da sonst die gesamte

Diskussion nicht relevant ist.

Das Ziel meiner Betrachtung ist festzulegen, welche Kriterien für theologisch,

linguistisch und kulturell relevante Schlüsselbegriffe entscheidend sind und

inwiefern diese in den analysierten Bibelübersetzungen Anwendung gefunden

haben.

8.2. Konkrete

Vorgehensweise

8.2.1. Entsprechungen

Angefangen wird damit, dass ausgehend vom analysierten Schlüsselbegriff im

Hebräischen ­ hier

addik ­

eine Tabelle mit allen Entsprechungen für das Wort

in den jeweiligen Übersetzungen (LUT, GNB und KK) erstellt wird. In dieser

Tabelle werden die Entsprechungen nach Häufigkeit untereinander aufgelistet

und nah verwandte oder zum selben Bedeutungsbereich gehörende Begriffe

59


teilweise zusammengefasst. In den Klammern wird angegeben, in welchen

Formen, Phrasen und Kollokationen das Wort am häufigsten vorkommt.

8.2.2. Das Wortfeld

Im nächsten Punkt wird das Wortfeld um

addik

herum aufgebaut und

graphisch sichtbar gemacht. Für die Ermittlung der Begriffe, die zu diesem

semantischen Feld gehören, gibt es verschiedene Wege.

Man kann so vorgehen, dass Bibelstellen des AT, in denen

addik

vorkommt,

mit den gleichen Stellen in anderssprachigen Übersetzungen verglichen

werden. In einer anderen Sprache wird der Begriff meist nicht so konkordant

übersetzt, dass es nur eine Entsprechung für den Begriff im Ausgangstext gibt.

Vielmehr findet man mehrere unterschiedliche Begriffe. Jetzt untersucht man

wieder, welche Entsprechungen es im hebräischen Text für diese

verschiedenen Begriffe gibt, und erweitert damit das Wortfeld.

Für das Hebräische ist der Parallelismus eine interessante Möglichkeit, ein

Wortfeld aufzubauen. Parallelismen werden im Hebräischen häufig als Stilmittel

in poetischen Texten verwendet. Sie entstehen durch parallele Syntax, d.h.

zwei oder mehrere aufeinander folgende gleiche Satzarten haben dieselbe

Abfolge ihrer Satzglieder und manchmal zusätzlich wörtliche Wiederholungen.

Oft wird ein Gedanke auf zwei Arten ausgedrückt, wie etwa in Ps 32,11: "Freuet

euch des Herrn und seid fröhlich, ihr Gerechten, / und jauchzet, alle ihr

Frommen." So treten etwa

addik

und

yasar

in der Bibel oft parallel auf, was

zeigt, dass sie im Denken ähnliche Bedeutung hatten und somit zum gleichen

Wortfeld gehören.

Auch Rückübersetzungen aus einer anderen Sprache helfen beim Aufbau eines

Wortfelds.

Als nächster Schritt werden die ermittelten Begriffe im Wortfeld um

addik

(im

Zentrum und grau schattiert) auf einer Art Kontinuum angeordnet. Wenn die

Bedeutung eines Begriffs der von

addik

sehr nahe kommt, wird er in der Nähe

von

addik

angesiedelt. Je weiter sich die Begriffe von

addik

entfernen, desto

weniger Ähnlichkeiten weisen sie auf. Begriffe, die sehr häufig miteinander

auftreten ­ etwa in Parallelismen ­ und deren Bedeutungen sehr ähnlich sind,

sind untereinander angeordnet. Die gestrichelten Rahmenlinien am rechten und

60


linken Ende des dargestellten Wortfelds sollen deutlich machen, dass das

Wortfeld hier nicht zu Ende ist, sondern in diese Richtungen erweitert werden

könnte.

Dann werden die einzelnen Bibelübersetzungen auf die Entsprechungen für die

Wörter im hebräischen Wortfeld untersucht. Es werden nur die am häufigsten

auftretenden Begriffe angeführt. Um Überlappungen sichtbar zu machen und zu

zeigen, inwiefern sich das Wortfeld in der jeweiligen Übersetzung vom

Hebräischen unterscheidet, werden für mehrmals auftretende Wörter gleiche

Farben verwendet. Das Wortfeld unterscheidet sich in jeder Übersetzung stark.

8.2.3. Merkmalanalysen

Für die Merkmalanalysen werden die Wortfelder wieder reduziert. Es werden

nur der hebräische Schlüsselbegriff

addik

und die wichtigsten Entsprechungen

in der jeweiligen untersuchten Übersetzung untereinander angeordnet. Die

Merkmale werden mithilfe des Projekts "Key Terms in Biblical Hebrew" von SIL

International und von Bibelkommentaren festgelegt. Die Daten aus dem KTBH-

Projekt wurden freundlicherweise von Christopher Samuel zur Verfügung

gestellt (persönliche Korrespondenz mit Samuel 2009). Welche Merkmale ein

Begriff aufweist, wird aus dem Text des AT erschlossen. Die

Gegenwartssprache bleibt hier unberücksichtigt. Die Tabelle für die

Merkmalanalyse wird jeweils kurz kommentiert.

8.2.4. Prototyp

Um den Prototypen zu bestimmen, wird die Frage gestellt: Welche

Beschreibung umschließt alle Begriffe? Welches Merkmal ist allen gemeinsam?

Zum Prototypen gelangt man analytisch und auch durch Intuition.

Nachdem ein Prototyp gefunden ist, werden alle Begriffe aus den

verschiedenen Übersetzungen graphisch auf einem Kontinuum angeordnet ­

mit dem Prototypen im Zentrum. Je nachdem, wie viele Merkmale sie mit dem

Prototypen teilen, d.h. wie hoch ihr Prototypikalitätsgrad ist, liegen sie näher

beim Prototypen oder weiter entfernt.

In einer zweiten graphischen Darstellung werden die Merkmale der

Merkmalanalyse über den Begriffen angeordnet und mit den Begriffen durch

61


durchgehende Linien oder gestrichelte Linien verbunden. Dies lässt den

Prototypikalitätsgrad noch deutlicher erkennen.

8.2.5. Scenes and frames

Für die Untersuchung der

scenes

wird zunächst der Ausgangstext genau

angesehen und untersucht, welche

scenes

beim Autor des Ausgangstextes

beim

frame

addik

aktiviert wurden. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass

bei den ursprünglichen Lesern des Textes sehr ähnliche

scenes

ausgelöst

wurden.

Anschließend werden die hervorgerufenen

scenes

in den Sprachen der

untersuchten Bibelübersetzungen analysiert. Da dieser Punkt eher umfangreich

ist, wird der Schwerpunkt auf die am häufigsten auftretenden Entsprechungen

für

addik

gelegt.

Eine Besonderheit ist hier, dass für das Türkische auch der Islam und der

Koran als entscheidende Einflussfaktoren auf die

scenes

berücksichtigt werden

müssen.

8.2.6. Diskursanalyse

Im letzten Punkt wird das Blickfeld nochmals vergrößert und auf den noch

weiteren Kontext ausgedehnt. Um die Bedeutung von

addik

zu verstehen,

genügt es nicht, beim AT stehenzubleiben. Vielmehr muss die gesamte Bibel

inklusive des NT in die Analyse miteinbezogen werden.

Für die Diskursanalyse in den Sprachen der untersuchten Bibelübersetzungen

steht noch weit mehr Analysematerial zur Verfügung als für den hebräischen

Ausgangstext. Zunächst kann natürlich auch wieder die gesamte Bibel

herangezogen werden, aber der Korpus kann dann auf alle zugänglichen

mündlichen und schriftlichen Texte der Gegenwartssprache erweitert werden.

Sehr hilfreich erweist sich für diese Analyse etwa die Internet-Suchmaschine

Google, womit man sich rasch einen groben Überblick über die Verwendung

eines Begriffs in der modernen Sprache verschaffen kann. Für die

Diskursanalyse wird zum Beispiel untersucht, mit welchen Begriffen

Kollokationen gebildet werden, wie der Begriff in der modernen Sprache

definiert wird, wie oft ein Begriff im Vergleich mit einem anderen vorkommt usw.

62


Praktischer Teil

9. Habakuk

2,4b

9.1. Warum

Habakuk

2,4b?

Der Ausgangsgedanke für die vorliegende Diplomarbeit war, dass ich mich mit

dem Thema Schlüsselbegriffe in der Bibel auseinandersetzen wollte. Doch

welche Begriffe sollten bei der Fülle an solchen ausgewählt werden? Anlässlich

meiner Recherchearbeiten besuchte ich unter anderem das "Graduate Institute

of Applied Linguistics" in Dallas, Texas in den USA. Ich konnte ein Gespräch

mit Christopher Samuel führen, der vorschlug, die Schlüsselbegriffe aus dem

Vers Genesis 15,6 zu wählen: "Abram

glaubte

dem HERRN und das rechnete

er ihm zur

Gerechtigkeit

." Tags darauf stieß ich "zufällig" auf den Vers in

Habakuk, der die gleichen Schlüsselbegriffe enthält, mir aber noch passender

für eine Ausarbeitung erschien: "der

Gerechte

aber wird durch seinen

Glauben

leben

" (Hab 2,4b).

Die Aussage dieses Verses ist für die Vermittlung der gesamten biblischen

Botschaft und des christlichen Glaubens von entscheidender Wichtigkeit. Man

kann sogar sagen, dass diese Stelle in äußerst komprimierter Form ausdrückt,

worum es geht. Müsste man die Bibel mit einem Satz zusammenfassen, könnte

man diesen Vers verwenden. Charles L. Feinberg schreibt in seinem

Kommentar über Habakuk, dass der jüdische Talmud an dieser Stelle alle 613

von Gott am Sinai erlassenen Vorschriften zusammengefasst sieht. Dieser Vers

ist der Schlüssel zum gesamten Buch Habakuk und das zentrale Thema der

ganzen Schrift, wodurch er zum "watchword of Christianity" wurde. (vgl.

Feinberg 21977:213f)

Bezeichnend für die Bedeutung von Hab 2,4b ist auch, dass dieser Vers

insgesamt dreimal im Neuen Testament aufgenommen und zitiert wird. Paulus

baut seine gesamte im Römerbrief dargestellte Lehre über Glauben und

Gerechtigkeit darauf auf.

63


Und schließlich verspricht dieser Vers, eine Lösung auf die Frage zu haben,

was der Weg zum

Leben

ist. Was muss man tun, wie soll man sein, um das

richtige, erfüllte Leben zu bekommen? "Der Gerechte aber wird durch seinen

Glauben

leben".

Aufgrund dieser wichtigen Frage, die sich jeder Mensch stellt,

und weil es letztendlich um Leben und Tod geht, lohnt es sich, die Bedeutung

der Schlüsselbegriffe in Hab 2,4b genau zu analysieren und daraus die Antwort

auf diese Frage zu erhalten.

9.2. Einführung ins Buch Habakuk

Das Buch Habakuk macht außer dem Namen weder biographische noch

autobiographische Angaben zum Verfasser. Ziemlich klar ist allerdings aufgrund

der erwähnten Bedrohung durch die wachsende Macht der Chaldäer, dass der

Autor gegen Ende des siebten Jahrhunderts v. Chr. lebte (Hab 1,6). Das Buch

gehört damit zu der Literatur, die das Vordringen der Chaldäer nach Westen als

Gottes Gericht über die Gräueltaten während Manasses Regierungszeit sah.

Habakuk war ein gottesfürchtiger Mann, der seine theologischen Zweifel und

Hoffnungen zunächst privat und dann schriftlich (Hab 2,2) ausdrückte.

Ungewöhnlicherweise beginnt das Buch mit einer leidenschaftlichen Diskussion

zwischen Gott und dem Propheten. Man findet keine öffentliche Ansprache,

Berufungsgeschichte oder spektakuläres Wunder wie zu Beginn vieler anderer

prophetischer Bücher. Habakuk klagt über die Sünden seiner Zeit und darauf

wird ihm von göttlicher Seite versichert, dass der Einfall der Chaldäer auf

Gottes Initiative hin als Gericht über Juda geschieht (Hab 1,5-11). Das Ende

des Buches bildet ein Psalm, in dem Gottes Macht und Herrlichkeit gefeiert

werden.

Das Buch enthält einige wichtige theologische Themen. Eines davon ist

Habakuks Erkenntnis, dass Gott in der Weltgeschichte seine Hände im Spiel

hat. Dies kommt in Hab 3 zum Ausdruck, wo Habakuk sich wie in einigen

Psalmen (z.B. Ps 78) an Gottes große Taten in der Vergangenheit erinnert.

Habakuk lernt inmitten von Zweifeln und Trauer das Beten und indem er Gott

anbetet, wird er von Freude und Vertrauen auf Gottes Kraft und Güte erfüllt.

64


Hab 2,4 ist eine zu Recht berühmte Bibelstelle, die wie in Punkt 9.1. erwähnt

dreimal im Neuen Testament wieder aufgenommen wird: in Röm 1,17, Gal 3,11

und Hebr 10,38. Schon in den vorchristlichen Qumrantexten wird diese Stelle

fast christlich interpretiert:

"this concerns all who keep the law in the house of Judah, who God

will deliver from the House of Judgment because of their suffering

and their faith in the Teacher of Righteousness" (1QpHab, zit.n.

VanGemeren 1997:Vol.4:689ff)

Habakuk spricht in Kapitel 2,4 eigentlich nicht von "Glauben", sondern vielmehr

von "Treue". Auch wenn man in Zeiten lebt, wo Gewalt vorherrscht und wo

grausame Menschen den Sieg davonzutragen scheinen, werden die Gottlosen

letzten Endes vergehen und die Gerechten aufgrund ihrer Treue zu Gott die

Katastrophen überstehen. Das heißt, dass Gottes Gericht nicht einfach

willkürlich jeden treffen kann, sondern vielmehr, dass diejenigen gerettet

werden, die sich ihm gegenüber als treu und loyal erweisen. Diese Einsicht ist

Habakuks wichtigstes Vermächtnis an die Theologie. (vgl. VanGemeren

1997:Vol.4:689ff)

9.3. Daten

In diesem Kapitel werden die Schlüsselbegriffe aus dem Vers Habakuk 2,4b

untersucht und zu diesem Zweck hier in den verschiedenen zu analysierenden

Übersetzungen aufgelistet. Der Vers wird hier nur einmal in der hebräischen

Schrift eingefügt. Für den Rest der Arbeit werden nur noch Transliterationen

nach der deutschen Normen DIN 31636 fürs Hebräische (siehe Anhang 11.4.)

verwendet.

Hebräisches AT ­ WLC:

Habakuk 2,4b:

we-addik be′emunato yiyeh (Transliteration)

Deutsche Bibel ­ LUT:

Habakuk 2,4b:

65


der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.

Deutsche Bibel ­ GNB:

Habakuk 2,4b:

aber wer mir die Treue hält und das Rechte tut, rettet sein Leben.

Türkische Bibel ­ KK:

Habakuk 2,4b:

Ama doru kii sadakatiylea yaayacaktir.
a"Sadakatiyle": Septuaginta "Bana olan imanla"

(Fußnote)


9.4. addik

9.4.1. Entsprechungen

Zunächst wird hier eine Tabelle erstellt, die die Entsprechungen für das Wort

addik

in den zu untersuchenden Bibelübersetzungen anzeigt.

addik

kommt im

hebräischen AT 206 Mal vor. In der Tabelle wird jeweils in Klammern

angegeben, welches Wort in welcher Übersetzung wie oft vorkommt.

Tabelle

C

LUT

gerecht (Gerechter, gerecht, Gerechtigkeit)

179

Recht (im Recht sein, Recht haben, Recht behalten)

11

unschuldig (Unschuldiger, ohne Schuld sein)

4

trauen

1

getreu

1

frommer 1

GNB RECHT

das Rechte tun

23

Rechtschaffene / rechtschaffen

23

Recht (im Recht sein, das Recht lieben, für Recht

19

sorgen, Recht suchen, Recht haben, das Recht achten,

das Recht verdrehen, Rechtsordnung, Gnade vor Recht

ergehen lassen, das Recht blüht)

gerecht (als gerecht bestehen, gerecht sprechen,

12

66


Gerechter, Gerechtigkeit)

unbestechlich

1

TREUE

Treue / treu (die Treuen, treu sein, die Treue halten, treu

34

bleiben, seine Getreuen, die Treue vergessen)

zu seinem Wort stehen

1

Verlass sein

1

auf jemanden verlassen

1

erfüllen, was man versprochen hat

1

GEHORSAM

gehorchen / Gehorsam (Gott gehorchen, deinen

15

Geboten gehorchen, die Gehorsamen)

folgen (dem Herrn gehorsam folgen, Gottes Gebote

4

befolgen, Weisungen treu befolgen)

hören (auf ihn hören)

3

nach Gott fragen

2

an Gottes Ordnungen halten

1

nach den Geboten richten

1

seinen Willen tun

1

mit Gott leben

1

GUT / MORALISCH

gut (guter Mensch)

14

redlich

8

ehrlich

1

ehrbar

1

tüchtig und charakterfest

1

Ehre machen

1

unbescholten

1

vorbildlich leben

1

fromm

1

(UN)SCHULD

Unschuldiger

11

Schuldloser

8

nicht schuldig werden

1

67


keine Schuld treffen

1

für unschuldig halten

1

kein Unrecht tun

1

nichts vorzuwerfen haben

1

ZUGEHÖRIGKEIT

Volk Gottes

1

Vertraute des Herrn

1

keine Entsprechung ­ anders gelöst

6

KK34 doru (doru kii, doru adam, doru insan, dorular)

165

adil 15

hakli 12

suçsuz (suç yok)

8

9.4.2. Das Wortfeld

Das hebräische Wort

addik

ist ein Adjektiv. Es leitet sich von der Wurzel

dk

mit der Grundbedeutung "gerecht sein", "recht sein" ab. Um das Wort herum

wird nun hier ein semantisches Feld mit bedeutungsverwandten Wörtern im

Hebräischen erstellt. Ich versuche, die Beziehungen der Wörter darzustellen,

indem ich sie auf einer Art Kontinuum anordne von "ohne Schuld" bis zu

"gnädig" und "barmherzig", Eigenschaften, die nur noch Gott zugeschrieben

werden.

34 Wortliste siehe Anhang Punkt 11.5.

68


Tabelle D

WLC:

af

addik

emet

anun

unschuldig,

gerecht

treu, richtig

gnädig

rein

tov

tamim

gut

aman

ohne

yasar

zuverlässig,

Tadel

naki

recht-

treu

raum

unschuldig,

schaffen

barmherzig

rein

asid

treu, fromm, gütig

Nun werden die einzelnen Bibelübersetzungen auf die Entsprechungen für die

oben genannten hebräischen Wörter untersucht. Um Überlappungen sichtbar

zu machen und zu zeigen, inwiefern sich das Wortfeld in der jeweiligen

Übersetzung vom Hebräischen unterscheidet, werden für mehrmals auftretende

Wörter gleiche Farben verwendet. Das Wortfeld unterscheidet sich in jeder

Übersetzung stark.

Tabelle

E

LUT:

addik

gerecht,

emet

af

Recht,

anun

wahr, treu,

tov

unschuldig

unschuldig,

gnädig

verlässlich

tamim

gut,

fromm,

gütig,

ohne

getreu

freund-

Tadel,

aman

lich

fromm,

sicher, treu,

yasar

treu

naki

verlässlich,

gerecht,

unschuldig,

gläubig

raum

recht,

ohne Schuld,

barmherzig

fromm,

asid

frei

wohlgefällig

getreu, gnädig,

fromm, heilig

69


Tabelle

F

GNB:

addik

emet

anun

recht-

wahr, sicher,

barmherzig,

af

schaffen,

gerecht, recht,

voll Liebe

gerecht,

treu,

unschuldig

und

tamim

unschuldig,

zuverlässig,

tov

Erbarmen,

redlich,

treu, gut,

verlässlich,

gut,

gütig

recht-

gehorsam

aufrichtig

freundlich

schaffen,

yasar

aman

recht,

redlich,

sicher, treu,

voll-

recht-

zuverlässig

kommen,

naki

schaffen,

Verlass sein,

raum

fehlerfrei,

gerecht,

Wort halten

straffrei,

untadelig,

barmherzig,

recht,

unschuldig,

vorbildlich,

voll Liebe

richtig,

schuldlos,

treu, gütig

und

untadelig,

gut

asid

Erbarmen

treu,

redlich, treu, sein, gütig

zuverlässig,

aufrichtig,

anständig

70


Tabelle

G

KK35:

emet

anun

addik

doru, adil,

af

lütfeden

doru,

adalet, hak,

lütufkar,

temiz

tamim

adil, hakli,

sadik, bali,

iyilik yapan,

doru,

suçsuz

güvenilir, içten,

tov

iyiliksever

dürüst,

gerçek

iyi

temiz,

içten,

aman

yasar

alni ak,

güvenilir

naki

doru,

raum

kusursuz,

suçsuz,

dürüst,

sevecen,

yetkin

masum

temiz,

aciyan

asid

erdemli

sadik, sevecen

9.4.3. Merkmalanalysen

a

ddik

steht in den nachfolgenden Tabellen jeweils für das Wort mit all seinen

grammatischen Formen.

Bei der nachfolgenden Merkmalanalyse für die Lutherübersetzung sind bei

gerecht

die entsprechenden Formen von "Gerechter", "gerecht" und

"Gerechtigkeit" inbegriffen, bei

Recht

"das Recht", "im Recht sein", "Recht

haben", "Recht behalten",

unschuldig

steht ebenfalls für alle vorkommenden

grammatischen Formen von "Unschuldiger" sowie für "ohne Schuld sein".

Fromm

,

getreu

und

trauen

kommen nur einmal im AT vor, und zwar als

"frommer Mann", "getreu sein" und "die auf dich trauen".

35 Wortliste siehe Anhang Punkt 11.5.

71


Tabelle

H

WLC ­ LUT:

Verhalten

Bundestreue

Gott als Agens

Mensch als Agens

Mensch als Patiens

Mensch zu Mensch

statisch juristisch

dynamisch

verhältnisbezogen

addik

+ + + +

+ + + +

gerecht

+ + + + + + + +

Recht

+ + + + + + +

unschuldig + + + + +

fromm

+ + +

getreu

+

+

+ +

trauen

+ + + +

Bei dieser Merkmalanalyse fallen einige Besonderheiten ins Auge: Alle Wörter,

die die Luther-Übersetzung verwendet, beziehen sich auf ein Verhalten, was für

die Annahme eines Prototyps in Punkt 9.4.4. von Bedeutung sein wird.

Fromm

ist das einzige Wort für a

ddik

, das sich nicht notwendigerweise auf die Treue

einem Bund gegenüber bezieht. Noah wird in Gen 6,9 als "frommer Mann"

bezeichnet, obwohl es noch keinen Bund mit den Menschen als Maßstab gibt.

Die nur in Einzelfällen verwendeten Begriffe

unschuldig

,

fromm

,

getreu

und

trauen

unterscheiden sich wesentlich in ihrer semantischen Rolle als Agens

oder Patiens. Das Agens ist die semantische Rolle des Aktanten im Satz, der

aktiv handelt. Das Gegenteil davon ist der Patiens, der von der im Satz

ausgedrückten Handlung betroffen ist und keine Kontrolle darüber hat. In der

Lutherübersetzung wird nur Gott als Agens als

getreu

bezeichnet, nur der

Mensch als Agens

traut

auf jemanden und nur der Mensch kommt in der Rolle

als Patiens als

fromm

oder

unschuldig

vor. Schließlich fällt auch auf, dass

Luther einige Begriffe nur für den statisch juristischen Bereich verwendet, wie

etwa

Recht

oder

unschuldig

, und Begriffe wie

fromm, getreu

und

trauen

dem

Bereich eines dynamischen Verhältnisses vorbehalten bleiben.

72


Bei der nachfolgenden Merkmalanalyse für die Gute Nachricht Bibel wurden nur

die häufigsten der in Punkt 9.4.1. ermittelten Entsprechungen in die Analyse

einbezogen. Nur vereinzelt (d.h. weniger als fünf Mal) auftretende

Entsprechungen wurden im Unterschied zur Merkmalanalyse für die

Lutherübersetzung weggelassen. In der Lutherübersetzung werden die Begriffe

konkordanter verwendet, weshalb in der gesamten Analyse nur sechs

Entsprechungen für a

ddik

zu berücksichtigen waren.

Tabelle

I

WLC ­ GNB:

Verhalten

Bundestreue

Gott als Agens

Mensch als Agens

Mensch als Patiens

Mensch zu Mensch

statisch juristisch

dynamisch

verhältnisbezogen

addik

+ + + +

+ + + +

gerecht

+ (+) + + + + + (+)

Recht

+ + + + + + + (+)

das

Rechte

tun

+ + + + + +

rechtschaffen

+ + + + + +

redlich

+ + + + + +

treu

+ + + + + + +

gehorsam

+ + + + +

gut

+ + + + +

(+)

+

unschuldig

+ + + + + + +

Auch in der GNB beziehen sich alle Begriffe auf ein Verhalten. Wenn Gott als

Agens erwähnt wird, werden nur die Begriffe

gerecht

,

Recht

oder

treu

verwendet ­ damit ist die GNB sehr nahe an der LUT. Für den Menschen als

Agens hat sich das Spektrum im Vergleich zur LUT erheblich erweitert: er kann

zusätzlich zu den Begriffen

gerecht

und

Recht

als

das Rechte tuend

,

rechtschaffen

,

redlich

,

treu

,

gehorsam

,

gut

und

unschuldig

bezeichnet werden.

Für den Menschen in der Rolle als Patiens können dieselben Begriffe

verwendet werden. Ebenso kann ein Mensch einem anderen all diese

73


Eigenschaften zuschreiben, nur

gehorsam

wird nicht in diesem Sinne

verwendet. Für den statisch-juristischen Bereich sind die Begriffe wie in LUT

eingeschränkt ­ nur

gerecht

,

Recht

und

unschuldig

kommen in diesem Sinn vor

und

gut

nur ein einziges Mal als Beschreibung der Gebote und

Rechtsbestimmungen. Hingegen weisen praktisch alle Begriffe das Merkmal

"dynamisch verhältnisbezogen" auf. Merkmale, die in der Analyse der GNB mit

(+) markiert sind, treffen nur in Einzelfällen auf den entsprechenden Begriff zu.

In der türkischen Übersetzung Kutsal Kitap werden für a

ddik

, das im

hebräischen Originaltext 206 Mal vorkommt, insgesamt nur vier

Entsprechungen verwendet.

Tabelle

J

WLC ­ KK36:

Verhalten

Bundestreue

Gott als Agens

Mensch als Agens

Mensch als Patiens

Mensch zu Mensch

statisch juristisch

dynamisch

verhältnisbezogen

addik

+ + + +

+ + + +

doru

+ + + + + + + +

adil

+ + + + +

hakli

+ + + + + + + +

suçsuz

+ + + + + +

Wiederum können sich alle Begriffe auf ein Verhalten und auf die Treue einem

Bund gegenüber beziehen. Gleich wie

unschuldig

im Deutschen kommt auch

suçsuz

nie für Gott als Agens vor, hingegen ist der Begriff

adil

gänzlich Gott

vorbehalten. Für den statisch-juristischen Bereich können alle Begriffe

verwendet werden,

suçsuz

nur für diesen Bereich.

36 Wortliste siehe Anhang Punkt 11.5.

74


9.4.4. Prototyp

Da ­ wie in Punkt 5.1.2. festgestellt ­ die Merkmalssemantik die Bedeutung

niemals erschöpfend beschreiben kann, wurde die Prototypensemantik

entwickelt, die besser mit unscharfen Wortbedeutungen umgehen kann und es

ermöglicht, Bedeutung auf eine Art zu ermitteln, die auch psychologisch gültig

ist. Bekanntlich ist es nicht einfach, einen Prototyp mit dem dazugehörigen

Begriffsbereich graphisch darzustellen, doch ich werde hier versuchen, einen

Prototyp für den polysemen biblischen Begriff a

ddik

festzulegen und andere

Vertreter der Kategorie, die sich nicht immer genau abgrenzen lassen und

deren Bedeutungen sich in einem unscharfen Bereich oft überlappen, auf einem

Kontinuum anzuordnen.

Abbildung D

addik

treu das Rechte tun gehorsam

gerecht

GNB: gut unschuldig Recht

rechtschaffen

gerecht

redlich

LUT: unschuldig Recht

getreu trauen fromm

Prototyp

einem Maßstab

KK: suçsuz

entsprechend adil

verhalten

doru, hakli

Mit Hilfe der analytisch gewonnenen Erkenntnisse in den vorherigen Punkten

und der Intuition lässt sich nun ein Prototyp für den Begriffsbereich von a

ddik

festlegen. Wenn man laut A. Tverskys Definition eines Prototyps (1977, zit. n.

Goerling 1995:211) die gemeinsamen Merkmale maximiert und die distinktiven

minimiert, erhält man als Prototyp "einem Maßstab entsprechend verhalten".

Dieser Prototyp liegt a

ddik

sowie allen Begriffen, die in den untersuchten

Bibelübersetzungen verwendet werden, zugrunde und befindet sich aus diesem

Grund auf dem Kontinuum in Abbildung D in der Mitte. In der türkischen

Bibelübersetzung können die Begriffe

doru

und

hakli

und in den deutschen

Übersetzungen der Begriff

gerecht

als beste Vertreter der Kategorie mit dem

höchsten Prototypikalitätsgrad gelten. Auf sie treffen fast alle

Bedeutungsmerkmale in gleichem Maße zu wie auf a

ddik.

Die anderen

Begriffe aus dem Wortfeld in den jeweiligen Übersetzungen lassen sich im

Randbereich um

addik

herum ansiedeln. Ihr Prototypikalitätsgrad lässt sich

erschließen, indem der Grad der Familienähnlichkeit, d.h. die Anzahl der

75


Merkmale, die sie mit anderen Vertretern der Kategorie teilen, untersucht wird.

Auf der linken Seite des Prototyps wurden die Begriffe angeordnet, die für den

statisch-juristischen Bereich verwendet werden und auf der rechten Seite

befinden sich nahe am Prototyp zunächst die Begriffe, die Gott auszeichnen

und dann die Begriffe, die sich nur noch auf Menschen beziehen und bei denen

"dynamisch verhältnisbezogen" ein wichtiges Bedeutungsmerkmal darstellt. Die

Grenzen zwischen den einzelnen Begriffen sind oft unscharf.

Man kann nun die vorhergehende graphische Darstellung mit dem Prototyp in

der Mitte nochmals erweitern, indem man Ergebnisse aus der Merkmalanalyse

integriert und somit ein noch vollständigeres Bild der Bedeutungen im Feld um

addik

erhält. Um es etwas zu vereinfachen, werden die drei untersuchten

Bibelübersetzungen zusammengefasst. In den Fällen, wo sich ähnliche Begriffe

auf dem Kontinuum in den verschiedenen Übersetzungen unterscheiden oder

wo ein Merkmal nur in Einzelfällen zutrifft, ist dies durch eine gestrichelte Linie

dargestellt.

Abbildung E

Bundestreue Mensch juristisch Gott Mensch dynamisches Verhältnis Bundestreue

gut unschuldig Recht addik / gerecht (ge)treu das Rechte tun gehorsam fromm

suçsuz / doru, hakli adil rechtschaffen trauen

redlich

Prototyp

einem Maßstab

entsprechend

verhalten

Bei dieser Abbildung lässt sich der Prototypikalitätsgrad eines Begriffs gut

ablesen. Je mehr gemeinsame Merkmale ein Begriff mit anderen teilt, desto

prototypischer ist er für die Kategorie. So weisen etwa gerecht,

doru

und

hakli

alle in die Analyse miteinbezogenen Merkmale auf. Je weiter nach links oder

nach rechts man sich von diesen sehr prototypischen Begriffen entfernt, desto

weniger Merkmale teilt ein Begriff mit den Begriffen in der Mitte.

Fromm

ganz

rechts auf dem Kontinuum zum Beispiel teilt mit

gerecht

nur noch den Kern

76


"einem Maßstab entsprechend verhalten" und die Merkmale "Mensch" und

"dynamisches Verhältnis".

9.4.5. Scenes and frames

Die scene in der Ausgangssprache

Zunächst wird nun die

scene

des Wortes

addik

untersucht, die beim Autor des

Originaltextes, dem Propheten Habakuk, aktiviert war und die mit großer

Wahrscheinlichkeit auch bei den Lesern des Originaltextes ausgelöst wurde.

Der biblische Begriff der

Gerechtigkeit

bedeutet einen Zustand geordneter,

lebensfördernder Verhältnisse zwischen Mensch und Gott sowie zwischen

Mensch und Mitmensch (Berg 2001:78). Er orientiert sich nicht an

menschlichen Grundrechten und auch nicht einfach am Begriff der

Verhältnismäßigkeit. Er fasst die gesamte Situation des Menschen, seines

Lebens, Verhaltens und Ergehens viel tiefer. Zugrunde liegt der Gedanke, dass

der Mensch sein Leben von Gott hat. Gott schenkt aus bedingungsloser Liebe

und Gnade die Lebensgerechtigkeit und ermöglicht damit zugleich menschliche

Gerechtigkeit. Darum sind Überlegungen nach Voraussetzungen für

menschliche Gerechtigkeit unnötig. Der Mensch ist einfach in jedem Bereich auf

Gott angewiesen und aus diesem Grund ist das einzig Rechte für den

Menschen, in allem nach Gott zu fragen, seinen Willen zu tun und sein Leben

völlig auf ihn auszurichten. Das ist dann die Gerechtigkeit des Menschen vor

Gott, die sich letztendlich auch in der Gerechtigkeit anderen Menschen

gegenüber auswirkt. Nur zu sagen, dass

gerecht

im biblischen Sinn heißt, die

Gebote einzuhalten, ist zu kurz gegriffen. Das Halten von Gottes Geboten kann

die rechte Beziehung zu ihm nicht herstellen, nur die zuvor geschenkte

Beziehung erhalten. Der Mensch soll dieser Beziehung treu sein und sich

dadurch als gerecht erweisen. Wenn sich die Gerechtigkeit Gottes und des

Menschen begegnen, indem beide Seiten der Gemeinschaft treu sind, entsteht

und besteht der Zustand des Friedens. Auf diese Weise spielen göttliche und

menschliche Gerechtigkeit ineinander, ohne dass dabei das eine Bedingung für

das andere ist. (vgl. Burkhardt/Grünzweig/ Laubach/Maier 1988:Band 2:679f)

77


Wie bereits in der Merkmalanalyse in Punkt 9.4.3. beobachtet, hat das Wort

addik

in der Bibel neben einem statisch-juristischen Aspekt (in Bezug auf eine

absolute Rechtsnorm "recht" oder "richtig") auch einen dynamischen

verhältnisbezogenen Aspekt, der ein angemessenes Verhalten in einer

zweiseitigen Beziehung betrifft ("das Rechte tun", "ein guter Mensch sein").

Welcher Aspekt spielt die wichtigere Rolle ­ der statische oder der

dynamische?

Ein Schlüsseltext dafür ist Genesis 38. In der alttestamentlichen Wissenschaft

gilt er als einer der interessantesten Belege für das Verständnis von

Gerechtigkeit.

Tamar verkleidet sich als Prostituierte und verführt Juda, nachdem er ihr seinen

dritten Sohn vorenthalten hat. Als alles auffliegt und man sie zum Steinigen vor

das Dorf führt, zeigt sie den Leuten die Dinge, die Juda ihr als Pfand gegeben

hat, und Juda sagt: "Sie ist gerechter als ich" (Gen 38,26).

Tamar wusste sich an ein bestehendes Verhältnis und seine Vereinbarungen

gebunden und verhielt sich demgemäß (Rienecker 1988:Sp.463). Durch ihr

Handeln hatte sie ihre Verpflichtungen Juda gegenüber besser erfüllt als er

seine Verpflichtungen ihr gegenüber. Sie hatte sogar seine Verpflichtungen mit

erfüllt, denn der Zweck ihrer Beziehung war, für einen Erben in der

Abstammungslinie von Juda zu sorgen. Anhand dieses Beispiels lässt sich gut

erkennen, welcher Aspekt die wichtigere Rolle spielt ­ es ist der dynamische

verhältnisbezogene Aspekt. Tamar wurde schlussendlich trotz ihrer aus

juristischer Perspektive zu verurteilenden Tat nicht gesteinigt, sondern es wurde

anerkannt, dass sie sich ihren persönlichen Verpflichtungen entsprechend recht

oder richtig verhalten hatte. (vgl. Bascom 2003:95)

Der dynamische verhältnisbezogene Aspekt ist auch für die Anerkennung der

menschlichen Gerechtigkeit vor Gott entscheidend. Im biblischen Sinn gerecht

ist der Mensch, der nach Gott fragt und der sein Antlitz sucht:

"3 Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an

seiner heiligen Stätte? 4 Wer unschuldige Hände hat und reinen

Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche

Eide schwört: 5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und

78


Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles. Das ist das Geschlecht,

das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs." (Ps 24,6)

In anderen biblischen Texten kommt wie in Hab 2,4 eine enge Verbindung

zwischen

addik

und a

yah

, "leben" in Form von Lebensgewährung,

Lebenserhaltung und Lebensordnung, zum Ausdruck. Immer wieder wird darauf

hingewiesen, dass jemand, der durch einen gewissenhaften Lebensstil

dk

bewahrt, sich des Lebens auf der Welt sicher sein kann, weil er Gunst bei Gott

findet. Eine Schlüsselstelle dafür ist Ez 33,10-16, die die gleiche Gedankenwelt

wie Hab 2,4 widerspiegelt: (vgl. VanGemeren 1997:Vol.3:764f)

10 Und nun, du Menschenkind, sage dem Hause Israel: Ihr sprecht:

Unsere Sünden und Missetaten liegen auf uns, dass wir darunter

vergehen; wie können wir denn

leben

? 11 So sprich zu ihnen: So wahr

ich

lebe

, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des

Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege

und

lebe

. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr

sterben, ihr vom Hause Israel? 12 Und du, Menschenkind, sprich zu

deinem Volk: Wenn ein

Gerechter

Böses tut, so wird′s ihm nicht

helfen, dass er

gerecht

gewesen ist; und wenn ein Gottloser von

seiner Gottlosigkeit umkehrt, so soll′s ihm nicht schaden, dass er

gottlos gewesen ist. Auch der

Gerechte

kann nicht am

Leben

bleiben,

wenn er sündigt. 13 Denn wenn ich zu dem

Gerechten

spreche: Du

sollst

leben

!, und er verlässt sich auf seine

Gerechtigkeit

und tut

Böses, so soll aller seiner

Gerechtigkeit

nicht mehr gedacht werden,

sondern er soll sterben um des Bösen willen, das er getan hat. 14 Und

wenn ich zum Gottlosen spreche: Du sollst sterben!, und er bekehrt

sich von seiner Sünde und tut, was

recht

und gut ist, 15 ­ sodass der

Gottlose das Pfand zurückgibt und erstattet, was er geraubt hat, und

nach den Satzungen des

Lebens

wandelt und nichts Böses tut ­, so

soll er am

Leben

bleiben und nicht sterben, 16 und all seiner Sünden,

die er getan hat, soll nicht mehr gedacht werden, denn er hat nun

getan, was

recht

und gut ist; darum soll er am

Leben

bleiben.

(Hervorhebungen durch die Verfasserin)

79


Auch zwischen dem Begriff

′mn

(in Hab 2,4

emunah

), "glauben", und

dk

besteht nicht nur in Hab 2,4 eine sehr enge Verbindung. So wird in

Gen 15,6 von Abraham gesagt, dass er dem Herrn

glaubte

"und das rechnete

er ihm zur Gerechtigkeit". Aus dieser Stelle im ersten Buch der Bibel lässt sich

schließen, dass Glaube schon ausreicht, um vor Gott als gerecht zu gelten. Es

werden an dieser Stelle keine anderen Vorbedingungen genannt, um diesen

Status zu erlangen. (vgl. VanGemeren 1997:Vol.3:764f)

Die

scene

in der Ausgangssprache ist weiters dadurch geprägt, dass der

Gegensatz zum Gerechten,

addik

, nicht etwa der Ungerechte ist, sondern

radikaler:

rasa

, "frevelhaft, schuldig sein" ­ eine Wortgruppe, die oft im Sinn von

"Gottlosigkeit" übersetzt wird.

Im Buch Habakuk lässt sich das schon an zwei

Stellen im ersten Kapitel sehen: "[...] denn der Gottlose übervorteilt den

Gerechten" (Hab 1,4b) und "[...] wenn der Gottlose den verschlingt, der

gerechter ist als er?" (Hab 1,13b).

rasa

"ist der Ausdruck für das negative

Verhalten, für üble Gedanken, Worte und Werke, ein gemeinschaftswidriges

Benehmen, das zugleich die innere Disharmonie und Unruhe eines Menschen

verrät" (van Leeuwen 1976:814, zit. n. Burkhardt/Grünzweig/Laubach/Maier

1988:Band 2:679ff), wie es Jes 57,20 ausdrückt: "die Gottlosen sind wie das

ungestüme Meer, das nicht still sein kann und dessen Wellen Schlamm und

Unrat auswerfen". Ein Text, der diesen Gegensatz sehr gut beleuchtet, ist

Psalm 1, überschrieben mit: "Der Weg des Frommen ­ der Weg des Gottlosen":

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen / noch tritt auf

den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, 2 sondern hat

Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und

Nacht! 3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, / der

seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.

Und was er macht, das gerät wohl. 4 Aber so sind die Gottlosen nicht,

sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. 5 Darum bestehen die

Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der

Gerechten. 6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber

der Gottlosen Weg vergeht.

80


Zu diesem Teil der

scene

ist zu erklären, dass das hebräische Volk lange ein

Volk von Nomaden war, das meist auf den gleichen Wegen zu seinen

Weideflächen und Lagerstätten ging. Wenn man diesen Weg verließ, konnte

man sich sehr leicht in der Wildnis verirren. Daher kommt das Bild des "Weges"

des Gerechten und des Gottlosen. Ein gottloser Mensch ist jemand, der sich auf

einem falschen Weg verirrt hat, während ein gerechter Mensch auf dem

geraden, ebenen Weg bleibt.37

Zusammenfassend bestand also die

scene

, die ursprünglich vom

frame

addik

ausgelöst wurde, darin, dass Autor und Leser des Originaltextes in erster Linie

an ein dynamisches Verhältnis dachten.

Gerecht

zu sein bezeichnete nur

sekundär einen juristischen Status, primär hatte dies mit jedem Bereich des

menschlichen Lebens zu tun. Sie wussten, dass sie sich den Status als

gerecht

nicht durch bloßes Halten von Geboten und einen guten Lebensstil verdienen

konnten, sondern dass sie wie Abraham (vgl. Gen 15,6) darauf angewiesen

waren, diesen Status von Gott zugesprochen zu bekommen. Ihr Bild von

Gerechtigkeit sah so aus, dass sie der Beziehung, die Gott bei der Schöpfung

mit den Menschen eingegangen war und im Speziellen dem Bund, den er mit

seinem Volk Israel geschlossen hatte, treu blieben und sich nicht auf einen

anderen Weg, der von Gott weg und in die Irre führt, begaben. Wenn der Begriff

auf zwischenmenschliche Angelegenheiten bezogen war, dachten sie daran,

dass ihr Verhalten anderen Menschen gegenüber genauso ein richtiges

Verhältnis zu Gott widerspiegeln müsse, indem sie Vereinbarungen einhielten

und bestehenden Verhältnissen treu waren, d.h. ehrlich, menschlich und

solidarisch lebten. Sie wussten, dass sie den Status der Gerechtigkeit und

damit ein ruhiges Leben verlieren würden, sobald sie sich von Gott entfernten,

und ihnen war bewusst, dass die letzte Konsequenz dessen der Tod sein

würde.

Die scene im heutigen Deutsch

Als zweiter Punkt wird nun analysiert, welche

scenes

bei deutschsprachigen

Übersetzern und Lesern in der heutigen Zeit vom

frame

gerecht ausgelöst

werden. Zunächst wird die

scene

von

gerecht

besprochen, da dieses Wort mit

37 vgl. Benner (2005)

Word of the Month ­ Righteous (tsadiyq)

(Punkt 11.2.)

81


seinen Ableitungen in der Lutherübersetzung 90% der Entsprechungen für

addik

im Alten Testament ausmacht. Die anderen Entsprechungen ­

Recht

,

unschuldig

,

trauen/getreu

und

fromm

­, die insgesamt nur 9% ausmachen,

bleiben hier unberücksichtigt.

Die

scene

in der deutschen Sprache wird heute gewiss noch teilweise von der

Etymologie des Begriffs

gerecht

beeinflusst. Im Althochdeutschen ist das

Adjektiv "gireht" erstmals im 8. Jahrhundert nachzuweisen, wo es soviel wie

"gerade", "richtig" oder "passend" bedeutete. Im Mittelhochdeutschen kam die

abstraktere Bedeutung "dem Rechtsgefühl entsprechend" hinzu und noch

später stand das Wort auch für "gradlinig", "angemessen" und "gemäß"38.

Die Hauptbereiche, in denen der Begriff Gerechtigkeit heute verwendet wird,

sind menschliche Handlungen und deren Ergebnisse, Urteile über Handlungen,

soziale Regeln, Einstellungen und bestehende Beziehungen zwischen

Personen oder in der Gesellschaft. Für die heutige Sprache ist bezeichnend,

wie das Duden-Bedeutungswörterbuch (32002)

gerecht

definiert. Als erste

Definition wird "dem geltenden Recht entsprechend, gemäß; nach bestehenden

Gesetzen handelnd, urteilend" genannt, als zweite "den allgemeinen

Auffassungen vom Recht, von Gerechtigkeit, Wertmaßstäben entsprechend,

gemäß". Dies zeigt, dass im Denken zunächst eine

scene

mit einem sehr

starken juristischen, regulativen Aspekt aktiviert wird. Im Vordergrund steht die

sogenannte austeilende und ausgleichende Gerechtigkeit (justitia distributiva)

mit dem Grundsatz: "Jedem das Seine". Es geht dabei darum, was in einem

Umfeld von grundsätzlicher Gleichberechtigung für alle angemessen und

verhältnismäßig ist. Man assoziiert einen

gerechten

Richter,

gerechte

Verteilung von Gütern (vgl. Burkhardt/Grünzweig/ Laubach/Maier 1988:Band

2:679). Im nächsten Punkt führt das Wörterbuch noch die Definition

"bestimmten Ansprüchen, Gegebenheiten angepasst, genügend, entsprechend"

an und nennt als Beispiel "den Anforderungen eines Berufes gerecht werden".

Neben diesen Teilen, die in der deutschen Gegenwartssprache eindeutig die

scene

bestimmen, spielen natürlich auch andere Aspekte eine Rolle, wenn

38 vgl. Wikipedia:

Gerecht

(Punkt 11.2.)

82


auch eine eher untergeordnete. Man verbindet den

frame

mit einem idealen

Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es auf Basis bestimmter Normen für

das gesellschaftliche Zusammenleben "einen angemessenen, unparteilichen

und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und

Chancen"39 zwischen den beteiligten Parteien gibt. In Gesetzgebung,

Rechtsprechung, Ethik, Philosophie und Theologie spielt der Begriff eine

wichtige Rolle in Bezug auf die Bewertung sozialer Verhältnisse. Auch die

großen aktuellen Themen wie Globalisierung, weltwirtschaftliche Probleme,

Klimawandel und demographische Entwicklungen füllen im Zusammenhang mit

Gerechtigkeit die

scene

in unseren Köpfen.

Im Alltag wird oft von "Gerechtigkeit" gesprochen: von sozialer Gerechtigkeit,

gerechten Chancen ­ etwa auf Bildung ­, von gerechter Vermögensverteilung,

von gerechten Strafen und gerechten Urteilen, von Gerechtigkeit im Gegensatz

zu Benachteiligung, etwa wenn Frauen noch immer für die gleiche Leistung

weniger Lohn erhalten usw. Wie ein GEO-Artikel zu einer Umfrage mit dem

Titel: "Was ist gerecht?" zeigt, bedeutet "gerecht" für die Deutschen allerdings

nicht, dass jeder das Gleiche bekommt. Eine überwiegende Mehrheit findet: "Es

ist gerecht, dass man das behält, was man sich durch Arbeit verdient hat, auch

wenn das heißt, dass einige reicher sind als andere". Gerecht ist es aber auch,

Menschen nicht verarmen zu lassen. Gerechtigkeit besteht aus der Suche nach

Kompromissen, die von allen Beteiligten als fair oder gerecht empfunden

werden.40

Es ist klar, dass der Inhalt von Begriffen wie Gerechtigkeit immer auch vom

religiösen oder weltanschaulichen Vorverständnis bestimmt wird und sich mit

dem kulturellen Wandel und politisch etablierten Wertvorstellungen in hohem

Maße ändert. Die oben angesprochene Geschichte über Juda und Tamar aus

Gen 38 ist für viele moderne Bibelleser nicht leicht verständlich, da sich Tamars

Verhalten nicht mit ihren Vorstellungen von Gerechtigkeit vereinbaren lässt. Die

Verpflichtungen, die sie zu erfüllen hatte, haben heute keine Bedeutung mehr.

In unserer stark pluralistisch und relativistisch geprägten Gesellschaft existiert

"Gerechtigkeit nur im Plural, nämlich als Abbild der unterschiedlichen

39 vgl. Wikipedia:

Gerecht

(Punkt 11.2.)

40 vgl. Schrenker/Ramge (2007)

GEO-Umfrage: Was ist gerecht?

(Punkt 11.2.)

83


Gerechtigkeitsideale in der Gesellschaft"41, die scenes des Begriffs sind

subjektiver geworden als etwa im alten Israel. Es besteht sogar die Gefahr,

dass aufgrund der Allgegenwart des

frames

Gerechtigkeit in den

verschiedensten Bereichen und weil sich die unterschiedlichsten Interessen den

Mantel der Gerechtigkeit umhängen, schlussendlich nur noch eine Wortfassade

ohne

scene

übrig bleiben wird.

Anders als im Hebräischen der Bibel würde in der heutigen deutschen Sprache

niemals Gottlosigkeit als Gegenteil von Gerechtigkeit angeführt werden,

vielmehr Ungerechtigkeit als eine Verletzung der Gerechtigkeit oder als

Unterlassung einer pflichtgemäßen Handlung. Dies zeigt, dass Gerechtigkeit im

Allgemeinen nicht mehr primär mit Gott und einem Verhalten ihm gegenüber in

Verbindung gebracht wird.

Als Zusammenfassung dieses Punktes möchte ich von mir persönlich

ausgehen. Ich kann feststellen, dass die bei mir aktivierte

scene

von

gerecht

großteils nicht der Bedeutung von

addik

entspricht, sondern stark das

widerspiegelt, was ich in diesem Punkt angesprochen habe. Ich stelle mir zuerst

eine juristische Situation vor und sehe eine Waage mit zwei Waagschalen vor

mir. Dann denke ich an einen ungerechten Lehrer, der den Schülern nicht die

Noten gibt, die sie aufgrund ihrer Leistung eigentlich verdient hätten, und ich

verbinde das Wort zum Beispiel auch mit der ungerechten Verteilung von

Gütern auf der Welt. Es wird ganz deutlich, dass allen Bildern die Vorstellung

von Verhältnismäßigkeit zugrunde liegt, und dass der dynamische

beziehungsbezogene Aspekt, der im Alten Testament eine so entscheidende

Rolle spielt, heute bei einer deutschsprachigen Durchschnittsperson nicht

aktiviert wird.

Für die Gute Nachricht Bibel gibt es andere Analysedaten. Der

frame

addik

wird in dieser Übersetzung viel weniger konkordant übersetzt als in der

Lutherbibel. Der Leitsatz für eine konkordante Übersetzung lautet: ,,Die

Bedeutung eines Begriffs ergibt sich aufgrund seiner Verwendung an allen

41 vgl. Wikipedia:

Gerecht

(Punkt 11.2.)

84


Stellen."42 Dem tritt die GNB entgegen, indem sie viel mehr je nach Kontext

entscheidet, welcher

frame

angemessen ist, um die entsprechende,

wünschenswerte

scene

zu aktivieren. Dies lässt sich gut an den prozentualen

Entsprechungen für das hebräische

addik

erkennen. So macht etwa

gerecht

im Gegensatz zur Lutherbibel (über 90%) in der GNB nur 6% der

Entsprechungen aus,

Recht

9%,

das Rechte tun

11%,

rechtschaffen

11%. Man

sieht, die Wurzel "recht" scheint noch in einem großen Teil der Entsprechungen

auf, insgesamt sind dies nämlich noch 37%. Doch das Wort, mit dem

addik

am

häufigsten übersetzt wurde, ist eindeutig

treu

mit

17%. Weitere Entsprechungen

sind

unschuldig

(9%),

gut

(7%),

gehorsam

(7%) und

redlich

(4%).

Ich möchte noch auf die wichtigsten

frames

und die davon ausgelösten

scenes

in der GNB eingehen. Die verschiedenen

frames

mit der Wurzel "recht" zeigen,

dass bei der Übersetzung versucht wurde, angemessenere Entsprechungen für

gerecht

zu finden. Wie wir oben gesehen haben, aktiviert

gerecht

bei Sprechern

der deutschen Gegenwartssprache nicht das, was im Alten Testament gemeint

war. Bis auf Fälle, wo dezidiert der statisch-juristische Aspekt und die

Verhältnismäßigkeit im Vordergrund stehen, ist dieser

frame

also für heutige

Leser zu eng gegriffen. Dem stehen Begriffe wie

das Rechte tun

oder

rechtschaffen

gegenüber, die andere Aspekte mit einschließen und passendere

scenes

beim Leser auslösen. Auch wenn etwa

das Rechte tun

in der

Alltagssprache kaum verwendet wird, sondern man eher davon spricht, "das

Richtige zu tun", wird beim Leser sofort eine deutliche

scene

ausgelöst. Er

denkt an ein menschliches Verhalten, er stellt sich vor, dass jemand durch eine

Handlung einem Maßstab entspricht und vermutlich stellt er sich auch ein

funktionierendes zwischenmenschliches Verhältnis vor. Der

frame

rechtschaffen

löst wiederum ein etwas statischeres Bild aus, das darin besteht,

Gesetze oder Recht zu achten. Ein rechtschaffener Mensch ist ehrlich,

anständig und verhält sich richtig.

Was die häufigste Entsprechung für

addik

­

treu

­ in der GNB betrifft, so

erscheint mir dies als eine der besten Übersetzungen für den hebräischen

42 vgl. Konkordante Bibelübersetzungen:

Die konkordante Übersetzungsmethode

(Punkt 11.2.)

85


frame

, da dieses Wort eine

scene

auslöst, die der ursprünglichen sehr nahe ist.

Wenn ein Mensch

treu

ist, steht er fest zu einer einmal eingegangenen Bindung

und erfüllt seine Pflichten, koste es, was es wolle. Man denkt an einen treuen

Ehepartner, der keine unangemessenen Beziehungen außerhalb der Ehe

eingeht, und man verbindet damit auch die treue Wiedergabe eines Originals.

All diese Teile der

scene

widerspiegeln maßgebliche Merkmale von

addik

: die

Treue einem Bund gegenüber, einen wesentlichen Charakterzug Gottes, die

Beschreibung eines Verhaltens des Menschen Gott und anderen Menschen

gegenüber sowie den dynamischen verhältnisbezogenen Aspekt. Nur den

statisch-juristischen Aspekt umfasst dieser

frame

im Deutschen nicht, aber

abgesehen davon ist

treu

eine sehr gute Entsprechung für

addik.

Die scene im Türkischen

Was im Türkischen besonders ins Gewicht fällt und was die türkische

Übersetzung von den oben besprochenen deutschen Übersetzungen

unterscheidet, ist, dass der gesamte islamische Hintergrund in die

Überlegungen miteinbezogen werden muss. Die

scenes

sind bei den Lesern

entscheidend vom Islam und von der islamischen Kultur geprägt. Wo sich im

Deutschen die Bedeutung von biblischen Schlüsselbegriffen

insofern gewandelt

hat, dass Gott kein Bedeutungsmerkmal mehr darstellt, spielt die Religion in

islamisch geprägten Sprachen und Kulturen bis heute eine äußerst wichtige

Rolle und damit spielen religiöse Vorstellungen stark in Begriffsbedeutungen

hinein. Dieser Faktor ist nicht zu vernachlässigen.

Dies bedeutet, dass zum Verständnis der

scene

im Türkischen die Konzepte

von Gerechtigkeit im Koran und im Islam betrachtet werden müssen.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass es wesentliche Überschneidungen beim

Konzept im Hebräischen und im Arabischen gibt. Die Entsprechung für die

biblische Wurzel

dk

ist im Koran ebenso

dq.

Die im AT wesentliche

Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel ­ der Bund zwischen beiden

Parteien ­ wurde in den Islam übertragen und macht im Koran ebenfalls die

Essenz der Beziehung zwischen Allah und den Muslimen aus.

dq

und alle

moralischen Werte des Islam haben etwas mit diesem Konzept des Bundes zu

tun. (vgl. Izutsu 2002:88)

86


"Diejenigen, die mit dir den Treueid abschließen, sie schließen ja mit

Allah den Treueid ab, die Hand Allahs ist über ihren Händen

[Anmerkung der Verfasserin: als Zeichen des rituellen

Bundesschlusses], und wer wortbrüchig ist, der ist wortbrüchig gegen

sich selber, und wer hält, was er mit Allah als Abmachung getroffen

hat, so wird Er ihm gewaltige Belohnung geben." (Sure 48:10)

Ursprünglich war die primäre Bedeutung der Wurzel

dq

"die Wahrheit

sprechen", also etwas sagen, was der Realität entspricht, wobei es eine

objektive und eine subjektive Realität gibt. Für den objektiven Aspekt wird eher

der Begriff

aqq

verwendet (vgl. türkisch:

hakli

), während i

dq

sich mehr auf ein

Charaktermerkmal der Person bezieht, die die Wahrheit spricht ­ die

"Wahrhaftigkeit" ­, und damit bereits einen etwas erweiterten

Bedeutungsbereich gewinnt, der auf Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und

Vertrauenswürdigkeit ausgedehnt ist (Izutsu 2002:89). Die Grundlage für

Wahrhaftigkeit in Wort und Tat ist, dass das Herz und die Zunge eines

Menschen zusammenpassen43. Eine Definition, was gerechtes oder frommes

Leben ist, liefert Sure 2:177. Es bedeutet nicht,

"daß ihr eure Gesichter nach dem Osten und dem Westen kehrt,

sondern die Frömmigkeit hat, wer an Allah glaubt und an den Letzten

Tag und die Engel und die Schrift und die Propheten und sein

Vermögensgut aus Liebe zu ihm den Angehörigen gibt und den

Waisen und den Armen und dem "Sohn des Weges" und den Bettlern

und für die Unfreien, und wer das Gebet einrichtet und die Zakat-

Steuer gibt und die ihre Abmachungen halten, wenn sie

Abmachungen getroffen haben, und die geduldig Ausharrenden im

Elend und im Leid und beim Unglück, dieses sind es, die wahrhaft

sind, diese sind es, sie sind die Gottesfürchtigen."

Auch wenn diese Definition viele Parallelen zur

scene

von

addik

im

Hebräischen aufweist, fällt doch auf, dass es sich mehr wie eine Checkliste

liest. Um vor Gott als gerecht zu gelten, muss der Gläubige alle erwähnten

Pflichten peinlich genau erfüllen. Wenn er dem gehorsam ist, kann er

43 vgl. Nooruddin (2002):

Different virtuous deeds

(Punkt 11.2.)

87


schlussendlich als gerecht anerkannt werden. Hier hinein fällt ein

entscheidendes Charakteristikum des Islam: Man denkt im Sinne von "wenn,

dann...".

Wenn

ich meine Steuer zahle, zu den festgesetzten Zeiten bete usw.,

dann

wird Gott mir den verdienten ­ gerechten ­ Lohn geben. Solche

Gedanken sind auch im Judentum und Christentum nicht unbekannt, sind aber

in Anbetracht der biblischen Grundlage nicht haltbar und haben nichts mit der

ursprünglichen Bedeutung von

addik

zu tun. Im Islam hingegen ist genau dies

Teil des Gerechtigkeitsbegriffs, und Allah selbst weist die Gläubigen immer

wieder darauf hin (vgl. Burkhardt/Grünzweig/ Laubach/Maier 1988:Band 2:681).

Auch Allah handelt nach diesem "wenn, dann..."-Prinzip, allerdings gibt es

keine Garantie dafür:

"Dies, weil Allah niemals seine Gnade ändert, mit der Er ein Volk

begnadet hat, bis sie ändern, was bei ihnen selbst ist, und da Allah

hörend, wissend ist." (Sure 8:53)

"Und wer reuig umgekehrt ist und geglaubt und Rechtschaffenes

getan hat, so kann es sein, daß er einer von denen ist, denen es

wohlergeht." (Sure 28:67)

Als entgegengesetztes Bild zu i

dq

wird auf Grundlage des Korans

kadhib

,

"Lüge" oder "Unwahrheit", oder im erweiterten Sinn

kafir

, "niederträchtig",

"treulos", ausgelöst.

adiq

und

kafir

werden am Tag des Jüngsten Gerichts die

zwei Kategorien sein, in die die Menschen eingeteilt werden

.

adiq

sind

Personen, die ihr ganzes Leben lang den Bundesverpflichtungen

nachgekommen sind. So gewinnt

adiq

auch in gewissem Maß die Bedeutung

"treu". (vgl. Izutsu 2002:90)

"als [...] Wir mit ihnen einen unbedingten Vertrag geschlossen haben,

damit Er die [

adiq

]

nach ihrer [

idq

]

fragt, und Er hat für die [

kafir

]

eine schmerzende Strafe vorbereitet." (Sure 33:7-8)

Ein Muslim denkt bei diesem

frame

auch an Menschen, die den Titel

iddiq

erhalten haben, etwa biblische Personen wie Maria oder Abraham oder auch

der Nachfolger und Schwiegervater Mohammeds, Kalif Abu Bakr as-iddiq.

iddiq

ist der höchstmögliche Grad von i

dq,

aber

der Koran definiert nicht, aus

88


welchem Grund diese Personen als

iddiq

bezeichnet werden. Nur im Fall von

Abu Bakr lässt sich dem Text entnehmen, dass es wiederum viel damit zu tun

hat, die Wahrheit zu sprechen oder auch die Wahrheit anzuerkennen. (vgl.

Izutsu 2002:92)

Ein weiteres Wort für

gerecht

im Koran ist

adil.

Bei diesem

frame

spielt

der

juristische Aspekt eine wichtige Rolle und es bedeutet so viel wie "gleich sein,

nicht mehr und nicht weniger" ­ somit passt wieder das Bild der Waage in die

scene

. Zu

adil

gehört, dass der Verdienst des einzelnen unabhängig von

Abstammung, Herkunft, Geschlecht, Vermögen, Erfolg oder Religion, sondern

aufgrund der Gerechtigkeit anerkannt wird. Diese Gerechtigkeit besteht wie

bereits gesagt aus dem richtigem Glauben und gerechtem Handeln (vgl. oben

Sure 2:177). Die von

adil

ausgelöste

scene

beinhaltet auch gerechten Lohn und

gerechte Strafe, wobei gerechte Strafe hier auch bedeuten kann, dass jemand

aufgrund seines geringeren sozialen Status eine geringere Strafe erhält (vgl.

Sure 4:25).44

Im Islam ist jemand

adil

, der unter den Menschen als unbescholten gilt, d.h. der

nicht öffentlich Sünden begeht. Nichtöffentliche Schwächen sind für die

öffentliche Beurteilung im Islam irrelevant. So beantwortet Imam Chamene′i,

das religiöse Oberhaupt der Islamischen Republik Iran, die Frage nach der

Definition von Gerechtigkeit bzw. Wahrhaftigkeit folgendermaßen:

"Es ist der innere Zustand, welcher die unaufhörliche Bindung an die

Frömmigkeit bewirkt, welches das Begehen von religionsgesetzlich

Verbotenem verhindert. Und es genügt zur Feststellung davon das

gute Äußere, welches die Annahme von deren Qualität offen legt."45

Die türkische Übersetzung lässt sich insofern mit der Lutherübersetzung

vergleichen, als dass ebenfalls sehr konkordant übersetzt wurde. Als

Entsprechung für

addik

wird in 80% der Fälle

doru

in verschiedenen

Zusammensetzungen verwendet. Die drei anderen Entsprechungen kommen in

44 vgl. Hassan:

Religious Human Rights in the Qur′an

(Punkt 11.2.)

45 vgl. Islamisches Bildungs- und Kulturzentrum ­ Österreich:

Die Gerechtigkeit Gottes

(Punkt

11.2.)

89


wenigen Fällen vor:

adil

macht 7% aus,

hakli

6% und

suçsuz

4%. Aus diesem

Grund wird hier hauptsächlich der

scene

von

doru

Beachtung geschenkt.

Die

scene

, die bei Lesern der türkischen Bibel von

doru

ausgelöst wird, ist ein

Bild von "richtig" im Gegensatz zu "falsch", oder ein Mensch bzw. eine

Handlung, die als ehrlich, vertrauenswürdig und einem Maßstab entsprechend

angesehen wird. Der Begriff wird in der Alltagssprache äußerst oft in

verschiedenen Bereichen verwendet, wie etwa im Deutschen "stimmen",

"gerade", "wahr", und besonders häufig da, wo auf Deutsch "richtig" eingesetzt

werden könnte: richtiger Name, sich als richtig erweisen, richtig verstehen usw.

Dementsprechend wird auch die

scene

sein, die beim Bibelleser entsteht, wenn

er

doru

liest. Der Begriff greift zu weit und macht es schwierig, beim Leser eine

angemessene

scene

für den hebräischen

frame

addik

auszulösen.

Bezeichnend ist, dass in der neuen türkischen Bibelübersetzung

doru

in

verschiedenen Formen an

ganzen 963 Stellen verwendet wird (664 Mal im AT).

Die hebräische Wurzel

dk

mit all ihren Ableitungen kommt hingegen im AT nur

496 Mal vor und das griechische Wort

dikaios

mit seinen Formen im NT 212

Mal. In der deutschen Lutherbibel, die auch als sehr konkordant übersetzt gilt,

kommt

gerecht

in verschiedenen Formen insgesamt nur 626 Mal vor (im AT 426

Mal). Damit kommt

doru

im Vergleich zu

gerecht

mehr als doppelt so häufig

vor.

Von

hakli

unterscheidet sich

doru

nur ganz minimal. Beide Begriffe

bezeichnen etwas Richtiges oder etwas, das das Recht auf seiner Seite hat

(persönliche Korrespondenz mit Wiest 2009).

9.4.6. Diskursanalyse

Was in diesem Punkt besprochen wird, überschneidet sich teilweise mit dem

vorherigen Punkt über

scenes

und

frames

, da zwischen den Diskursen einer

bestimmten Zeit und den

scenes

in den Köpfen der Menschen ein enger

Zusammenhang besteht.

Diskursanalyse für den Ausgangstext

Für die Diskursanalyse zu

addik

stehen nur geschriebene Texte als Korpus zur

Verfügung. Es können keine Informanten befragt werden, deshalb müssen vor

allem die vorhandenen Bibeltexte zur Bestimmung der Bedeutung ausreichen.

Ergänzend zu allen im vorherigen Punkt erarbeiteten Informationen muss die

90


Analyse nun Daten aus der gesamten Bibel und damit auch aus dem Neuen

Testament einschließen. Welches Bild von Gerechtigkeit ergibt sich, wenn die

Aussage aller biblischen Schriften zusammengefasst wird? Dies wird anhand

von Bibelstellen, die Gerechtigkeit definieren oder Bezug darauf nehmen und

von Informationen über den biblischen Diskurs in seiner Gesamtheit untersucht.

Das griechische Wort für gerecht / Gerechtigkeit kommt im Neuen Testament

insgesamt 212 Mal vor. Die damit verbundenen Vorstellungen schließen sich

eng an das Alte Testament an. Auch hier bleibt der Prototyp gleich: "einem

Maßstab entsprechend verhalten". Der Begriff hat auch die statisch-juristische

Komponente, aber gemeint ist vor allem ein mit Gottes Willen

übereinstimmendes, heiliges und Gott wohlgefälliges Verhalten, das von Liebe

bestimmt wird. Wie im AT wird auch hier die Gerechtigkeit geschenkt. Die Kraft

dafür kommt aus der Gemeinschaft, der engen Verbundenheit mit Gott. Der

Mensch läuft immer wieder Gefahr, den Begriff von der lebenswichtigen inneren

Verbindung mit Gott zu lösen und beginnt, in rein juristischen Kategorien zu

messen. Er möchte die Gerechtigkeit vor Gott durch das Einhalten von

Gesetzen und durch Gehorsam erreichen, was aber immer nur eine relative

Gerechtigkeit darstellen kann. Gal 3,10f zitiert Hab 2,4 und bringt dies gut zum

Ausdruck:

"10 Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem

Fluch. Denn es steht geschrieben (5.Mose 27,26): »Verflucht sei

jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem

Buch des Gesetzes, dass er′s tue!« 11 Dass aber durchs Gesetz

niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn »der Gerechte wird

aus Glauben leben« (Habakuk 2,4)."

Ein gutes Beispiel dafür ist Paulus, der Verfasser zahlreicher

neutestamentlicher Bücher und der eben zitierten Stelle, der in der Erfüllung der

Gesetzesvorschriften als untadelig galt und erwartete, als angemessenen Lohn

die Gerechtigkeit von Gott zugesprochen zu bekommen: "nach der

Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen" (Phil 3,6b). Nach

seinem Erlebnis vor Damaskus, wo ihm Jesus erschein, wusste er, das die

bloße Erfüllung der Gesetze niemanden vor Gott gerecht machen kann: "dass

91


ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die

durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott

dem Glauben zugerechnet wird" (Phil 3,9). Luther übersetzt in Röm 1,17

"Gerechtigkeit Gottes" mit "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" und zitiert als

Referenz Hab 2,4. Das Neue Testament bringt deutlich zum Ausdruck, dass wir

nur vor Gott gerecht werden können, weil Jesus Christus unsere Sünde auf sich

genommen hat. Dieses frei verfügbare Geschenk kann man sich nur durch

Glauben aneignen. Aus diesem Grund nennt Paulus diese Gerechtigkeit des

Menschen vor Gott auch "Gerechtigkeit des Glaubens" (z.B. Röm 4,13).

Oft ist der Vorwurf zu hören, dass dieser Lehre der Gerechtigkeit des Menschen

der moralische Impuls fehle. Aber dieser Impuls kann nicht durch ein Gesetz

hervorgerufen werden, sondern liegt im Glauben selbst. An Christus zu glauben

bedeutet, dass man mit ihm gestorben und auferstanden ist und dass man ein

neuer Mensch ist, in dem der Geist Gottes wohnt. Deshalb kann man nicht

mehr mit aller Selbstverständlichkeit unmoralisch und in Sünde leben, sondern

möchte dem neuen "Chef" ganz zur Verfügung stehen, was sich in der Folge im

alltäglichen Leben und im zwischenmenschlichen Bereich auswirkt. (vgl.

Rienecker 1988:Sp.466)

Jesus selbst rief in diesem Zusammenhang seine Jünger auch energisch zu

einem richtigen Lebensstil auf: "Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht

besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das

Himmelreich kommen" (Mt 5,20). Mit dieser "besseren" Gerechtigkeit ist "nicht

nur eine ­ an der Tora gemessene ­ quantitative Steigerung der

Gesetzeserfüllung, sondern vor allem eine ­ an der Liebe gemessene ­

qualitative Intensivierung des Lebens vor Gott" gemeint (Luz 1985:240).

Und wie im Alten Testament ist auch im Neuen Testament die Gerechtigkeit

eng mit "Leben" verknüpft. Allerdings wird sie im NT durch Christus in einer

Tiefe und Weite geschenkt und ermöglich, wie es das AT nur ansatzweise

erahnen konnte. Es geht nicht mehr nur um irdischen und zeitlichen Frieden,

sondern weit darüber hinaus um ewiges Leben.

92


Eine gute Zusammenfassung der Bedeutung von Gerechtigkeit im NT liefern

Louw und Nida (1992:99):

"[It] is a type of right relation made possible by God on the basis of

faith [...], and as such constitutes both a state and a principle for

conduct."

Diskursanalyse für deutsche Texte

Zunächst werden nun wieder die Entsprechungen für

addik

im Deutschen

betrachtet, diesmal mithilfe der Diskursanalyse. Es wurde bereits erwähnt, dass

in der Lutherübersetzung in mehr als 90% der Fälle

gerecht

die Entsprechung

für das hebräische

addik

ist. Deshalb wird auch hier diesem Wort Vorrang

eingeräumt. Wir haben schon in den vorhergehenden Punkten (z.B. 9.4.3.

Merkmalanalysen) gesehen, welche Bedeutung

gerecht

bei Luther annimmt.

Wenn man den alttestamentlichen Diskurs untersucht, sieht man, dass Gott

häufig als "gerecht" bezeichnet wird, aber auch Menschen gelten als "Gerechte"

und zwar öfters ein Kollektiv von Menschen. Der Begriff wird oft in Parallelismen

mit "wahrhaftig" oder "Wahrheit" als Synonymen verwendet (über 30 Mal) und

fast 20 Mal mit "fromm". In Punkt 9.4.5. wurde bereits die Verbindung mit dem

Weg-Gedanken angesprochen, der auch bei Luther noch oft erscheint.

Wie schneidet der Begriff

gerecht

ab, wenn man den modernen

Sprachgebrauch untersucht? Entspricht die Verwendung der in der Lutherbibel?

Dass Gott

gerecht

ist, wird in öffentlichen Texten nicht oft erwähnt. Im

analysierten Korpus fand sich hingegen der Satz "Gott ist tot" fast 20 Mal

häufiger als "Gott ist gerecht". Die Art, wie Luther Menschen als "der Gerechte"

oder "die Gerechten" bezeichnete, findet sich in der heutigen Alltagssprache

nicht mehr wieder. Im Mittelalter war dies teilweise noch ein Titel für Adlige,

doch heute wird die Bezeichnung bestenfalls noch in der Literatursprache

verwendet.

gerecht

geht im analysierten Textkorpus ganz andere Verbindungen

ein als in der Lutherbibel: Man spricht von "gerecht und unparteiisch", "gerecht

und solidarisch", "gerecht und ausgewogen" oder "gerecht und demokratisch"

und bezieht sich damit großteils auf den juristischen oder verhältnismäßigen

Bereich, der in der Bibel ja nur eine ungeordnete Rolle spielt. Bezeichnend ist

auch, dass das Gegenteil von

gerecht

im modernen Sprachgebrauch

"ungerecht"

ist, im untersuchten Korpus tauchten auch "willkürlich" oder "sozial

93


unverträglich" auf. Bosheit als Ausdruck und Folge von Gottlosigkeit würde

niemandem als Gegensatz zu

Gerechtigkeit

einfallen.

Es ist offensichtlich ­ die Unterschiede zwischen der biblischen Bedeutung und

der Bedeutung und Verwendung in der heutigen Sprache sind enorm. Welche

Begriffe könnten dann verwendet werden, um bei Bibellesern in der heutigen

Zeit ein richtiges Bild zu

gerecht

auszulösen?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, werden nun die Entsprechungen für

addik

in der Gute Nachricht Bibel etwas näher betrachtet. In Punkt 9.4.5.

wurde erwähnt, dass Begriffe mit der Wurzel "recht" auch in dieser Übersetzung

den größten Prozentanteil ausmachen (37%). Das Wort

gerecht

kommt

allerdings in nur 6% der Fälle vor und wird in einem etwas anderen,

eingeschränkteren Sinn als in der Lutherbibel verwendet, aber ­ und das

erstaunt ­ die Verwendung des Begriffs entspricht laut Analyse des Textkorpus

noch immer nicht der deutschen Gegenwartssprache. Man spricht praktisch nur

im religiösen Zusammenhang von einem gerechten Richter oder einem

gerechten Herrscher, auch "als gerecht bestehen" oder "gütig und gerecht"

haben unmittelbar religiöse Konnotationen. Mit rechtschaffen verhält es sich oft

nicht viel anders, wenn sich auch die Bedeutung des Wortes auf andere, nicht-

religiöse Bereiche erweitern lässt.

Der nächste große Begriffsbereich ist

treu

mit seinen Formen. Wenn man die

Diskursanalyse auf diesen Begriff anwendet, ist das Ergebnis wie im

vorhergehenden Punkt, dass er eine gute Entsprechung für das hebräische

addik

ist, da der Aspekt eines angemessenen Verhaltens innerhalb einer

bestehenden Beziehung so deutlich hervortritt. Man spricht am häufigsten im

Zusammenhang mit Freundschaften oder ehelichen Beziehungen von Treue.

Aber auch ein Kunde, ein Begleiter, ein Diener oder Fan wird oft als treu

bezeichnet. Zu Recht stellt

treu

in der Gute Nachricht Bibel die häufigste

Entsprechung für

addik

dar, denn für diejenigen Fälle, wo der juristisch-

statische Aspekt wichtiger ist als der dynamische und verhältnisbezogene,

stehen die meisten anderen Begriffe mit der Wurzel "recht" zur Verfügung.

Diskursanalyse für türkische Texte

Analysiert man die türkische Gegenwartssprache dahingehend, wie oft, wo und

in welchen Kontexten

doru

vorwiegend auftritt, so lässt sich erkennen, dass

94


der Begriff sehr oft Verbindungen mit

gerçek

bildet. Auch gemeinsam mit

yanli

tritt

doru

außerordentlich oft auf. Dies bestätigt, was bereits in Punkt 9.4.5.

angesprochen wurde, nämlich dass

doru

meist im Sinn von "richtig" oder

"wahr" im Gegensatz zu "falsch" verwendet wird. Weitere häufige Verbindungen

gibt es im analysierten Textkorpus mit

dürüst

und

güvenilir.

Bei diesem Punkt kann nicht viel mehr in die Tiefe gegangen werden, da für

eine gründliche Diskursanalyse sehr gute Sprachbeherrschung erforderlich ist.

Doch gelten viele der in Punkt 9.4.5. erwähnten Faktoren wie etwa die Prägung

der Gegenwartssprache durch den Islam auch für diesen Punkt und deshalb

kann hier darauf verwiesen werden.

95


10. Schlussbemerkung

Zum Schluss möchte ich sagen, dass die Beschäftigung mit unterschiedlichen

Übersetzungstheorien und ganz besonders die Analyse des biblischen

Schlüsselbegriffs

addik

mir persönlich sehr viel gebracht hat. Ehrlicherweise

muss ich zugeben, dass mir trotz vielen Jahren des Bibellesens und der

Beschäftigung mit dem christlichen Glauben nie so bewusst war wie jetzt, dass

der biblische Begriff

Gerechtigkeit

viel mehr umfasst und eine andere

Grundlage hat als der Begriff, den ich in der deutschen Gegenwartssprache

kenne und verwende. Für diesen neuen Einblick bin ich dankbar, da ich somit

viele Bibelstellen mit einem neuen Verständnis lesen kann.

Bei meinen Analysen habe ich festgestellt, dass die Lutherbibel, die bis jetzt

auch meine bevorzugte Bibelübersetzung ist, zwar gute Leistungen erbringt,

wenn es darum geht, nahe am Originaltext zu bleiben und Begriffe wo immer

möglich und vertretbar konkordant zu übersetzen. Wenn man aber die

Botschaft der Bibel in einer Sprache lesen möchte, die heute üblich ist und die

Schlüsselbegriffe vielleicht nicht so konkordant, sondern dem Kontext

angepasst und dafür verständlicher wiedergibt, wäre die Gute Nachricht Bibel

viel eher das Richtige.

Ich habe in der vorliegenden Arbeit versucht, Kriterien auszuarbeiten, die es

ermöglichen, bei der Übersetzung biblischer Schlüsselbegriffe richtige

Entscheidungen zu treffen. Dazu wurden unterschiedliche Theorien und

Methoden vorgestellt und auf drei verschiedene Bibelübersetzungen aus zwei

Sprachen angewandt. Um alle drei Schlüsselbegriffe im Vers Hab 2,4b ­

gerecht

,

Glauben

und

leben

­ zu analysieren und somit zur Bedeutung des

gesamten Verses vorzudringen, wäre ein erheblicher Mehraufwand an Arbeit

entstanden, der noch einige Wochen oder Monate in Anspruch genommen

hätte. Somit ist diese Arbeit zu einem Ausgangspunkt und zu einer Grundlage

für weitere Beschäftigungen mit der Frage nach Kriterien zum Übersetzen von

biblischen Schlüsselbegriffen geworden, auf die ich in Zukunft aufbauen

möchte.

96


11. Anhang

11.1. Bibliographie

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Re: Translation thesis on key terms in Turkish.

E-mail:

pjnlawrence@yahoo.co.uk [18.02.2009]

Wiest, Ken (2009)

Re: Translation thesis on key terms in Turkish.

E-mail:

ken.wiest@interman.us [21.02.2009]

Samuel, Christopher J. (2009)

Re: Key terms project.

E-mail:

christopher_samuel@sil.org [06.01.2009]

107


11.4. Transliteration des Hebräischen

Die hier angegebene Transliteration des Hebräischen beruht auf der deutschen

Norm DIN 31636, "Umschrift des hebräischen Alphabets", vom April 198246.

Hebräische Konsonantenzeichen

Transliteration

b,

v

g

d

h

w

z

y

,

k,

k

l

, m

,

n

s

`

,

p,

f

,

k

r

s

t

46 vgl. Haag:

Transliteration des Hebräischen (inkl. Ivrit) und des Jiddischen.

(Punkt 11.2.)

108


Hebräische Vokalzeichen

Transliteration

a

a (offene, betonte Silbe)

o (unbetonte, geschlossene Silbe)

e

e

i

o

u

e

e

i

o

u

sewa, siehe Zusatzbemerkung c)

a

e

o

Zusatzbemerkungen:

a) Am Wortanfang stehendes wird allgemein nicht transliteriert. Dies gilt

auch, wenn der betreffenden Buchstabenfolge ein Bindestrich vorangeht. Im

Wortinnern und wenn nur die drei Konsonanten des Wortstamms

wiedergegeben werden, wird es durch ′ transliteriert.

b) Das dages forte wird durch die Verdoppelung des Konsonanten

ausgedrückt.

c) Das sewa quiescens wird nicht transliteriert, das sewa mobile wird mit e

wiedergegeben.

d) Bei , und wird die explosive Aussprache mit b, k und p, die spirantische

mit v, k und f wiedergegeben.

109


11.5. Wortliste türkisch ­ deutsch

aciyan

barmherzig

adalet

Gerechtigkeit, Recht

adil

gerecht, recht

alni ak

rein, ehrenvoll

bali

treu, getreu, ergeben

doru

gerecht, recht, richtig, aufrichtig, wahr

dürüst

gerecht, redlich, anständig, aufrichtig

erdemli tugendhaft

gerçek

wahr, wirklich

güvenilir

redlich, zuverlässig, verlässlich, treu

hak

Recht, Gerechtigkeit

hakça

mit Recht

hakli

gerecht, im Recht, wahr

içten

aufrichtig

iyi

gut

iyilik yapan

gütig

iyiliksever

wohlwollend

kusursuz

fehlerlos, makellos

lütfeden

gnädig

lütufkar

gütig, wohlwollend, freundlich

masum

rein, unschuldig

sadik

treu, loyal, ehrlich

sevecen

gütig, zärtlich

suçsuz

unschuldig

temiz

rein, unschuldig, anständig

yanli falsch

yetkin

perfekt, vollkommen

110



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