Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Subtitle: am Beispiel von ṣaddik (gerecht) in Habakuk 2,4
Diploma Thesis, 2009, 120 Pages
Author: Mag. Priscille Regez
Subject: Interpreting / Translating
Details
Tags: Bibelübersetzung Schlüsselbegriffe Translation Übersetzen Gerechtigkeit gerecht saddik Kriterien deutsch Luther türkisch Kutsal Kitap hebräisch
Year: 2009
Pages: 120
Grade: Sehr gut
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-33006-5
ISBN (Book): 978-3-640-33185-7
Soli Deo Gloria!
Other users also were interested in the following titles:
Abstract
Unter biblischen Schlüsselbegriffen versteht man häufig auftretende Begriffe in der Bibel. Das können Begriffe sein, die wichtige theologische Bedeutungen tragen, zum Beispiel Sünde, Gnade, Erlösung usw. Auch Bezeichnungen für biblische Wesen wie Engel, Geist, Sohn Gottes oder andere gehören dazu. Begriffe, die viele kulturelle Komponenten aus der Zeit der Verfassung der Bibel enthalten und deshalb in der Zielsprache unbekannt sind oder keine genaue Entsprechung haben, zählen ebenfalls als Schlüsselbegriffe, zum Beispiel Tempel, Altar, Prophet usw. Das Ziel dieser Arbeit ist, anhand einer theoretischen Grundlage und Methodologie herauszufinden, inwiefern die dabei erarbeiteten Kriterien bei der Wahl passender Schlüsselbegriffe in den als Beispiel herangezogenen Bibelübersetzungen Anwendung gefunden haben. Um die Botschaft der Bibel adäquat und effektiv zu kommunizieren, sind richtige und verständliche Schlüsselbegriffe von größter Bedeutung. Über sie darf in der Bibelübersetzung nicht leichtfertig hinweggegangen werden. Dies hätte weit reichende Auswirkungen, die von möglichen Missverständnissen bis zur Ablehnung einer gesamten Übersetzung reichen. Zur Wahl angemessener Schlüsselbegriffe ist ein großes Maß an Hintergrundwissen über den Text selbst, die Ausgangs- und Zielsprache, die Ausgangs- und Zielkultur, die involvierten Religionen sowie an sprach- und übersetzungswissenschaftlichen Grundlagen nötig, sodass es mir sinnvoll erschien, eine Arbeit zu diesem Thema zu verfassen.
Fulltext (computer-generated)
KRITERIEN ZUM ÜBERSETZEN
VON SCHLÜSSELBEGRIFFEN IN DER BIBEL
am Beispiel von
addik (gerecht)
in Habakuk 2,4
Diplomarbeit
zur Erlangung des Magistergrades
an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
vorgelegt von
REGEZ, PRISCILLE
am Institut für Translationswissenschaft
Innsbruck, im April 2009
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis VI
Tabellenverzeichnis VII
Abkürzungen VIII
1.
Vorwort 1
1.1. Wichtige Vorbemerkungen 2
1.2. Zielpublikum 2
1.3. Ziel 3
2.
Grober Umriss der Sprache und Sprachmittlung in der Bibel 4
2.1. Die erste Erwähnung der Sprache 4
2.1.1.
Das erste sprechende Wesen 4
2.1.2.
Erste menschliche Kommunikation 4
2.1.3.
Erste Schwierigkeiten durch Kommunikation 4
2.2. Die Entstehung der verschiedenen Sprachen 5
2.2.1.
Der biblische Bericht 5
2.2.2.
Die Zuverlässigkeit des biblischen Berichts 6
2.3. Erste Hinweise auf Sprachmittlung in der Bibel 7
2.4. Bedeutung dieses Kapitels für die vorliegende Arbeit 8
3.
Die Geschichte der Bibelübersetzung 9
3.1. Allgemeines 9
3.2. Die Anfänge 9
3.3. Hieronymus 11
3.4. Das Mittelalter 12
3.5. Erste deutsche Übersetzungen 13
3.5.1.
Martin Luther 13
3.6. Erste englische Übersetzungen 15
3.6.1.
John Wycliff 15
3.6.2.
William Tyndale 15
3.6.3.
Die King-James-Bibel 16
3.7. 16. bis 20. Jahrhundert 16
3.8. Türkische Übersetzungen 18
II
Inhaltsverzeichnis
3.8.1.
Die erste Übersetzung 18
3.8.2.
Kutsal Kitap Yeni Çeviri 19
3.8.3.
Andere Übersetzungen 21
3.9. Ausblick ins 21. Jahrhundert 21
3.10.
Die untersuchten Grundtexte und Übersetzungen 22
3.10.1.
Hebräisches AT - WLC 22
3.10.2.
Deutsche Bibel LUT 23
3.10.3.
Deutsche Bibel GNB 24
3.10.4.
Türkische Bibel KK 26
Theoretische Grundlagen 28
4.
Semantik 28
4.1. Das sprachliche Zeichen 28
4.1.1.
Das Zeichenmodell von Saussure 28
4.1.2.
Das Zeichenmodell von Ogden und Richards 29
4.1.3.
Das Zeichenmodell von Bühler (Organon-Modell) 30
4.2. Die Bedeutung des sprachlichen Zeichens 31
4.2.1.
Bedeutung als bezeichnetes Objekt 32
4.2.2.
Bedeutung als innersprachliches Beziehungsgeflecht 32
4.2.3.
Bedeutung als beobachtbare Verhaltensweise 32
4.2.4.
Bedeutung als Gebrauch 33
4.2.5.
Bedeutung als Zugehörigkeit zu einer Kategorie 33
5.
Semantische Ansätze in der Übersetzungstheorie 34
5.1. Strukturelle Ansätze 34
5.1.1.
Wortfeldtheorie 34
5.1.2.
Merkmalanalyse 35
5.2. Kognitive Ansätze 43
5.2.1.
Prototypensemantik 44
5.2.2.
Scenes-and-frames-Semantik 46
5.2.3.
Relevanztheorie 48
5.3. Pragmatische Ansätze 49
5.3.1.
Diskursanalyse 49
III
Inhaltsverzeichnis
6.
Kultur in der Übersetzungstheorie 52
6.1. Kontextualisierung 52
6.1.1.
Kontextualisierung im Islam 54
6.2. Relevanz 55
7.
Kombinieren der Ansätze 57
8.
Meine Methodologie 58
8.1. Grober Umriss 58
8.2. Konkrete Vorgehensweise 59
8.2.1.
Entsprechungen 59
8.2.2.
Das Wortfeld 60
8.2.3.
Merkmalanalysen 61
8.2.4.
Prototyp 61
8.2.5.
Scenes and frames 62
8.2.6.
Diskursanalyse 62
Praktischer Teil 63
9.
Habakuk 2,4b 63
9.1. Warum Habakuk 2,4b? 63
9.2. Einführung ins Buch Habakuk 64
9.3. Daten 65
9.4. addik 66
9.4.1.
Entsprechungen 66
9.4.2.
Das Wortfeld 68
9.4.3.
Merkmalanalysen 71
9.4.4.
Prototyp 75
9.4.5.
Scenes and frames 77
9.4.6.
Diskursanalyse 90
10.
Schlussbemerkung 96
11.
Anhang 97
11.1.
Bibliographie 97
11.2.
Internetquellen 102
11.3.
Korrespondenz 107
IV
Inhaltsverzeichnis
11.4.
Transliteration des Hebräischen 108
11.5.
Wortliste türkisch deutsch 110
V
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung A 29
Abbildung B 30
Abbildung C 30
Abbildung D 75
Abbildung E 76
VI
Tabellenverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Tabelle A 39
Tabelle B 39
Tabelle C 66
Tabelle D 69
Tabelle E 69
Tabelle F 70
Tabelle G 71
Tabelle H 72
Tabelle I 73
Tabelle J 74
VII
Abkürzungen
Abkürzungen
AT
Altes
Testament
B.C.
before Christ, vor Christus
bzw. beziehungsweise
ca. circa
d.h.
das
heißt
e.g.
example given, zum Beispiel
f / ff
folgende
GNB
die Gute Nachricht Bibel
(- Die Bibel in heutigem Deutsch)
Hrsg. Herausgeber
KK
die türkische Bibelübersetzung
Kutsal Kitap Yeni Çeviri
LUT
die Übersetzung der Bibel nach Martin Luther
in der revidierten Fassung von 1984
LXX
Septuaginta, die erste Übersetzung des
hebräischen AT ins Griechische
n. Chr.
nach Christus
NT
Neues
Testament
S. Seite
Sp. Spalte
u.a. unter
anderem
UBS
United Bible Societies,
Weltbund der Bibelgesellschaften
usw.
und so weiter
v. Chr. vor
Christus
vgl. vergleiche
Vol. Volume,
Band
z.B. zum
Beispiel
zit. n.
zitiert nach
VIII
Abkürzungen
Abkürzungen der biblischen Bücher nach den
"
Loccumer
Richtlinien"
Gen
Genesis / 1. Buch Mose
2 Sam
2. Buch Samuel
Neh
Buch Nehemia
Est
Buch Ester
Hi
Buch Hiob / Ijob
Ps
Buch der Psalmen
Jes
Buch Jesaja
Ez
Buch Ezechiel / Hesekiel
Hab
Buch Habakuk
Mt
Evangelium nach Matthäus
Lk
Evangelium nach Lukas
Joh
Evangelium nach Johannes
Apg
Apostelgeschichte des Lukas
Röm
Brief des Paulus an die Römer
1 Kor
1. Brief des Paulus an die Korinther
Gal
Brief des Paulus an die Galater
Phil
Brief des Paulus an die Philipper
Kol
Brief des Paulus an die Kolosser
2 Tim
2. Brief des Paulus an Timotheus
Hebr
Brief an die Hebräer
2 Petr
2. Brief des Petrus
1 Joh
1. Brief des Johannes
Offb
Offenbarung des Johannes
IX
1. Vorwort
Ein Gebiet aus dem Bereich der Bibelübersetzung zum Thema dieser Arbeit zu
machen, ist deshalb sehr lohnenswert, weil die Bibel seit ihren Anfängen bis
heute in jeder Hinsicht ein einmaliges Buch ist, das mit keinem anderen
verglichen werden kann. Kein anderer Bereich im weiten Feld der Übersetzung
hat eine solch lange Geschichte, hat mit so vielen verschiedenen Sprachen
(Stand am 31. Dezember 2008: 2479 Sprachen1) und verschiedenartigen
Textsorten zu tun und hat auf so viele unterschiedliche Kulturen dieser Erde
einen entscheidenden Einfluss gehabt wie die Bibelübersetzung. (vgl. Nida
1964:ix)
"Of all the various types of translating, [...] one can safely say that
none surpasses Bible translating in: (1) the range of subject matter
(e.g. poetry, law, proverbs, narration, exposition, conversation); (2)
linguistic variety (directly or indirectly from Greek and Hebrew into
more than 1,200 other languages and dialects); (3) historical depth
(from the third century B.C. to the present); (4) cultural diversity (there
is no cultural area in the world which is not represented by Bible
translating); (5) volume of manuscript evidence; (6) number of
translators involved; (7) conflicting viewpoints; and (8) accumulation
of data on principles and procedures employed." (Nida 1964:4)
Es hat mich sehr interessiert, mich tiefer in dieses Buch der Superlative und die
Übersetzungsarbeit in diesem Bereich einzulesen und einzuarbeiten. Wie man
weltweit seit Jahrhunderten und bis heute beobachten kann, haben religiöse
Texte enorme Sprengkraft. Wer als Verfasser gesehen wird, wer das Recht hat,
den Text zu lesen und auszulegen, und ganz besonders die Art, wie der Text
von bestimmten Menschen und sozialen Gruppen ausgelegt wird die
Antworten auf diese Fragen beeinflussen die Weltgeschichte, die Politik und
das alltägliche Leben von Milliarden von Menschen auf der Erde. Umso mehr
lohnt es sich, unter die Oberfläche dieser Texte zu blicken und sich intensiv
damit zu beschäftigen, was mit dem Gesagten wirklich gemeint wird. Wie die
Bibel selbst über sich sagt und wie ich und Millionen andere Menschen es
1 vgl. Deutsche Bibelgesellschaft:
Bibeltexte in 2479 Sprachen weltweit
(Punkt 11.2.)
1
selbst bezeugen können: Die Worte in diesem Buch "sind Geist und sind
Leben" (Joh 6,63).
1.1. Wichtige Vorbemerkungen
Vorausgeschickt werden muss, dass die vorliegende Arbeit auf der
Überzeugung basiert, dass die Bibel ein Buch ist, dessen Schreiber von Gott
selbst inspiriert wurden (2 Tim 3,16; 2 Petr 1,21) daher die Bezeichnung
"Gottes Wort" , ein Buch, das absolute Wahrheit enthält (2 Sam 7,28; Ps
119,160; Joh 17,17) und in den Aussagen seiner Urtexte unfehlbar ist (Hi 24,25;
1 Joh 2,18ff). Für das Verständnis der Arbeit ist weiters wichtig zu wissen, dass
die Aussagen der Bibel als ewig gültig verstanden werden. Das heißt, sie gelten
heute genauso und haben dieselbe Relevanz wie vor 5000, 2000 oder 100
Jahren (Ps 105,8; Jes 40,8; Lk 21,33), und zwar für alle Menschen aller
Kulturen. Darauf baut wiederum die Ansicht, dass dieses Buch für jeden
Menschen ein entscheidender Faktor ist, um Gott persönlich kennen zu lernen.
Aus diesem Grund soll mit vereinten Kräften daran gearbeitet werden, um es für
jeden Menschen auf der Erde in verständlicher Form zugänglich zu machen.
Schließlich soll auch erwähnt werden, dass die Bibel und die Tätigkeit der
Bibelübersetzung für mich als Verfasserin dieser Arbeit ein Indikator der Phase
ist, in der sich die Weltgeschichte befindet. Die sichtbare Wiederkunft Christi,
auf die die Christen weltweit warten, ist den Aussagen der Bibel zufolge eng an
die Verbreitung der Botschaft der Bibel auf der ganzen Erde geknüpft (Mt
24,14). Gestützt werden die vorangehenden Punkte sowohl von den
verschiedenen Autoren der Bibel selbst als auch von außerbiblischen
Ereignissen und von den persönlichen Erfahrungen vieler Menschen. Diese
grundlegenden Feststellungen müssen zum Verständnis der nachfolgenden
Arbeit vorangestellt werden.
1.2. Zielpublikum
Mein Wunsch ist, dass das Modell zur adäquaten Übersetzung von
Schlüsselbegriffen in der Bibel, das ich in der vorliegenden Arbeit vorstelle und
anwende, für Bibelübersetzer, die sich mit dieser Thematik beschäftigen und
sich in ihrem Beruf immer wieder diesem Problem gegenüber sehen, eine
Hilfestellung sein kann. Ich sehe die Arbeit auch für mich persönlich als
Vorbereitung auf meine späteren Tätigkeitsbereiche, bei denen es immer um
2
das Wort Gottes gehen wird, um die Frage, was es bedeutet und wie man es
richtig verstehen kann, und um die aus dem richtigen Verständnis folgende
praktische Anwendung des Inhalts dieses Buches. Mit meiner Ausarbeitung des
in der Bibel so zentralen Schlüsselbegriffs
gerecht
möchte ich Übersetzern
ebenfalls einen Dienst erweisen, aber nicht nur ihnen, sondern auch
denjenigen, die in einer Kirche arbeiten, sowie Laien, Bibelkennern und
interessierten und jedem, der diese Arbeit in Händen halten wird. Mögen sie
so wie es auch mir ergangen ist über den wissenschaftlichen und
theoretischen Teil hinaus besonders durch den Inhalt und die Botschaft, die
dieser biblische Begriff vermittelt, persönlich angesprochen werden!
1.3. Ziel
Unter biblischen Schlüsselbegriffen versteht man häufig auftretende Begriffe in
der Bibel. Das können Begriffe sein, die wichtige theologische Bedeutungen
tragen, zum Beispiel Sünde, Gnade, Erlösung usw. Auch Bezeichnungen für
biblische Wesen wie Engel, Geist, Sohn Gottes oder andere gehören dazu.
Begriffe, die viele kulturelle Komponenten aus der Zeit der Verfassung der Bibel
enthalten und deshalb in der Zielsprache unbekannt sind oder keine genaue
Entsprechung haben, zählen ebenfalls als Schlüsselbegriffe, zum Beispiel
Tempel, Altar, Prophet usw.
Das Ziel dieser Arbeit ist, anhand einer theoretischen Grundlage und
Methodologie herauszufinden, inwiefern die dabei erarbeiteten Kriterien bei der
Wahl passender Schlüsselbegriffe in den als Beispiel herangezogenen
Bibelübersetzungen Anwendung gefunden haben.
Um die Botschaft der Bibel adäquat und effektiv zu kommunizieren, sind richtige
und verständliche Schlüsselbegriffe von größter Bedeutung. Über sie darf in der
Bibelübersetzung nicht leichtfertig hinweggegangen werden. Dies hätte weit
reichende Auswirkungen, die von möglichen Missverständnissen bis zur
Ablehnung einer gesamten Übersetzung reichen. Zur Wahl angemessener
Schlüsselbegriffe ist ein großes Maß an Hintergrundwissen über den Text
selbst, die Ausgangs- und Zielsprache, die Ausgangs- und Zielkultur, die
involvierten Religionen sowie an sprach- und übersetzungswissenschaftlichen
Grundlagen nötig, sodass es mir sinnvoll erschien, eine Arbeit zu diesem
Thema zu verfassen.
3
2.
Grober Umriss der Sprache und Sprachmittlung in
der Bibel
2.1. Die erste Erwähnung der Sprache
2.1.1. Das erste sprechende Wesen
Im biblischen Buch der Anfänge, der Genesis, wird über die Entstehung der
menschlichen Sprache(n) berichtet. Gott ist der erste, der als sprechendes
Wesen in Erscheinung tritt. Er schafft laut Schöpfungsbericht in Genesis 1
durch seine Worte die Erde und am sechsten Tag den Menschen "zu seinem
Bilde" (Gen 1,27), d.h. ebenfalls als sprechendes Wesen.
2.1.2. Erste menschliche Kommunikation
Die erste aufgezeichnete Kommunikation zwischen Gott und Menschen findet
statt, als Gott die Menschen segnet und ihnen den Auftrag gibt, fruchtbar zu
sein, sich zu mehren, die Erde zu füllen, sie sich untertan zu machen und über
alle Lebewesen zu herrschen (Gen 1,28). Daraus ist zu folgern, dass Gott den
Menschen bereits mit der Sprache, d.h. der Sprechfähigkeit und dem
Sprachverständnis geschaffen hat. Andernfalls wäre keine Kommunikation
zwischen Gott und Menschen, ebenso keine zwischenmenschliche
Kommunikation möglich gewesen.
In Gen 2,20 findet ein wichtiges Ereignis statt: Nachdem Gott alle Tiere
gemacht hat, bringt er sie zum Menschen, um sie durch ihn benennen zu
lassen. Dies ist aus linguistischer Sicht ein interessanter Vorgang. Zum ersten
Mal erfindet der Mensch Wörter, um seine Umwelt zu organisieren, einzuordnen
und Kommunikation zu ermöglichen. Schon im nächsten Kapitel gäbe es
ansonsten Probleme bei der Kommunikation, als nämlich Eva Gott erklärt, dass
die
Schlange
sie betrogen habe und sie deshalb von der verbotenen Frucht
gegessen habe (Gen 3,13).
2.1.3. Erste Schwierigkeiten durch Kommunikation
Der Bericht in Gen 3 über die Verführung zur Missachtung von Gottes Gebot
zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt der Sprache auf: Sprache oder Worte
und was dadurch ausgedrückt werden kann, haben enorme Macht und können
4
letztendlich durch ihre Konsequenzen und die menschlichen Reaktionen darauf
über Leben und Tod entscheiden.
So wird in Gen 2,15-17 berichtet, dass Gott den Menschen an den Ort führt, wo
er leben wird. Gott spricht zum Menschen und erlaubt ihm, alles zu tun, mit
einer Ausnahme: Es gibt einen Baum, von dem der Mensch nicht essen darf, da
dies zum Tod führt. Ohne Sprache bzw. Kommunikation wäre dieses Verbot,
von dem Baum zu essen, nicht möglich. Es gibt keinen objektiven Grund, den
Baum zu meiden. Der Baum unterscheidet sich äußerlich nicht von anderen
Bäumen, sondern nur durch das Verbot, das ihn betreffend ausgesprochen
worden ist. In Gen 3 wird der Mensch wiederum durch bloße Worte, die in
schlechter Absicht ausgesprochen werden, dazu verleitet, sich über das Verbot
Gottes hinwegzusetzen. Als er diesen Worten Glauben schenkt und dies tut,
nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Mit Worten stellt Gott ihn zur Rede, mit
Worten versucht der Mensch, sich zu rechtfertigen und aus der Affäre zu ziehen
und schließlich bestraft Gott den Ungehorsam mit Urteilsworten, die genau so
eintreffen.
2.2. Die Entstehung der verschiedenen Sprachen
2.2.1. Der biblische Bericht
Dass die ersten Menschen alle dieselbe Sprache hatten, ist nahe liegend und
logisch, da alle von Adam und Eva abstammten und sich großteils nicht über
ein bestimmtes Gebiet hinaus verbreiteten. Wie entstanden dann die
verschiedenen Sprachen, die wir heute kennen? Auch darüber berichtet die
Bibel in Gen 11 mit dem bekannten Bericht über den Turmbau zu Babel.
Ausgangspunkt ist, dass ,,alle Welt einerlei Zunge und Sprache" hatte (Gen
11,1). Wir erfahren, dass die Nachkommen Noahs sich nach der Sintflut nicht in
alle Himmelsrichtungen verbreiteten und die Erde bevölkerten, wie es eigentlich
dem Auftrag Gottes entsprochen hätte (Gen 1,28; 9,1), sondern ganz im
Gegenteil gemeinsam nach Osten zogen und sich dort im Land Schinar
(Babylon) niederließen. Sie beschließen, sich an ein gemeinsames Projekt zu
machen, nämlich ,,eine Stadt und einen Turm [zu] bauen, dessen Spitze bis an
den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst
zerstreut in alle Länder." (Gen 11,4) Weil dieses Unternehmen aufgrund seines
Hintergedankens Gott missfällt, erklärt er: ,,Lasst uns herniederfahren und dort
5
ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!" (Gen 11,7)
Diese Anordnung wird umgesetzt, die verschiedenen menschlichen Sprachen
entstehen, weshalb das nunmehr unmöglich gewordene Projekt abgebrochen
werden muss. Die Menschen werden in die ganze Welt zerstreut (Gen 11,8).
2.2.2. Die Zuverlässigkeit des biblischen Berichts
Skeptiker bezweifeln, dass dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat und
sehen es bestenfalls als eine symbolische Erzählung über das Entstehen der
verschiedenen Sprachen oder eine ,,unsinnige" Legende (Allen 1990:43f). Fakt
ist allerdings, dass es keinen gültigen Grund gibt, die Zuverlässigkeit der
biblischen Angaben anzuzweifeln. Sowohl philologische, historische als auch
archäologische Nachforschungen zeigen, dass es äußerst stichhaltige
Argumente für die Glaubwürdigkeit der biblischen Darstellung gibt. So hat z.B.
die Sprachforschung viele Wissenschaftler zum Schluss kommen lassen, dass
die verschiedenen menschlichen Sprachen auf eine gemeinsame Quelle
zurückgeführt werden können. Sir William Jones, ein Sanskrit-Experte, schreibt
etwa:
The Sanskrit language, whatever may be its antiquity, is of wonderful
structure; more perfect than Greek, more copious than Latin, and
more exquisitely refined than either; yet bearing to both of them a
stronger affinity, both in the roots of verbs and the forms of grammar,
than could have been produced by accident; so strong that no
philologer could examine all three without believing them to have
sprung from some common source which no longer exists.
(Robertson 1919:10, zit. n. Jackson 1999)
Auch aus historischer Sicht gibt es starke Hinweise auf die Zuverlässigkeit der
biblischen Angaben. So berichten mehrere Historiker aus verschiedenen
Kulturen von einem Ereignis, bei dem in Babylon ein großer Turm zerstört
wurde, und dass ab diesem Zeitpunkt verschiedene Sprachen gesprochen
wurden, u.a. Abydenus, ein griechischer Historiker des vierten vorchristlichen
Jahrhunderts, Plato oder Josephus, ein jüdischer Historiker. Zudem werden im
biblischen Bericht präzise Angaben zum Ort, zum Baumaterial und zum
6
Gebäude gemacht, die sich mit den dortigen Kulturgebräuchen und
Gegebenheiten decken. (vgl. Jackson 1999)
2.3. Erste Hinweise auf Sprachmittlung in der Bibel
Der erste Hinweis auf Sprachmittlung findet sich bereits in der Genesis. Als die
Brüder Josefs nach Ägypten kamen, um dort während der Hungersnot Getreide
zu kaufen, ,,redete [Josef] mit ihnen durch einen Dolmetscher" (Gen 42,23), da
er sich ihnen nicht zu erkennen geben wollte. Dies legt die Vermutung nahe,
dass es in großen Reichen wie dem ägyptischen bereits fix angestellte Berufs-
Dolmetscher gab, die die Kommunikation mit fremdsprachigen Ausländern
sicherstellen sollten.
Im Buch Ester findet sich im achten Kapitel ein Bericht, der einen kleinen
Einblick in die Tätigkeit damaliger Übersetzer gibt. Dort wird erwähnt, dass die
Schreiber des persischen Königs Xerxes I. (519-465 v. Chr.) beauftragt wurden,
ein Gebot ,,an die Juden und an die Fürsten, Statthalter und Obersten in den
Ländern vom Indus bis zum Nil, hundertundsiebenundzwanzig Ländern, einem
jeden Lande in seiner Schrift, einem jeden Volk in seiner Sprache und auch den
Juden in ihrer Schrift und Sprache" (Est 8,9) zu schreiben (Nida 1964:11).
Etwas später, zur Zeit Nehemias (um 450 v. Chr.), entwickelte sich bei den in
ihr Land zurückgekehrten Juden eine besondere Form der Übersetzung oder
besser gesagt des Dolmetschens. In Nehemia 7,73b-8,8 findet sich der Bericht,
dass sich das ganze Volk in Jerusalem versammelte, um der Lesung des
Gesetzes zuzuhören. Der Schriftgelehrte Esra ,,las daraus auf dem Platz vor
dem Wassertor vom lichten Morgen an bis zum Mittag vor Männern und Frauen
und wer′s verstehen konnte. [...] Und sie legten das Buch des Gesetzes Gottes
klar und verständlich aus, so dass man verstand, was gelesen worden war."
(Neh 8,3.8) Die Juden, die aus der Gefangenschaft in Mesopotamien
zurückgekehrt waren, verstanden das Hebräische, das in den Heiligen Schriften
verwendet wurde, nicht mehr. Dies bedeutete, dass Dolmetscher (oder
,,Ausleger") den Inhalt auf Aramäisch, der sich schnell ausbreitenden
semitischen Handelssprache des östlichen Mittelmeerraums, erklären mussten,
damit das Volk es verstehen konnte (vgl. Nida 1964:11).
7
2.4. Bedeutung dieses Kapitels für die vorliegende Arbeit
Wir haben gesehen, dass Gott ein sprechendes Wesen ist und dass er den
Menschen auch so geschaffen hat, weil er ein Gegenüber haben möchte, mit
dem er in Kontakt treten und kommunizieren kann. Dies tut er primär durch die
Worte, die er zu den Menschen gesprochen hat. Diese stehen in Form der Bibel
grundsätzlich jedem Menschen zur Verfügung. Dass es verschiedene Sprachen
gibt und die Bibel bislang nicht für jedes Volk in seiner eigenen Sprache
verfügbar ist, haben wir Menschen laut dem biblischen Bericht selbst
verantwortet, und nun geht es darum, aus dieser Tatsache das Beste zu
machen und darauf hinzuarbeiten, dass jeder Mensch in einer für ihn
verständlichen Form Zugang zu diesen wichtigen Worten Gottes bekommt.
Bibelübersetzung existiert deshalb, weil diese Notwendigkeit erkannt wurde.
Das Übersetzen der Bibel ist auch eine Form, wie dem Auftrag Gottes, sich die
Erde untertan zu machen, Folge geleistet wird. Denn dadurch werden Brücken
zwischen Menschen, Sprachen und Kulturen geschlagen und Gottes Anleitung
für einen erfolgreichen Umgang mit dem Leben weitergegeben. Man könnte
Bibelübersetzung sogar als Weiterführung von Adams Benennung der Tiere
sehen: Durch die Übersetzung der Bibel in eine Sprache, in der sie noch nicht
existiert, wird für die Sprecher dieser Sprache ein Teil ihrer Welt neu organisiert
und geordnet und teilweise eine ganz neue Art der Kommunikation mit Gott und
Menschen ermöglicht.
Weiters gilt heute noch genauso, was in dem Bericht über das Verbot, von
einem bestimmten Baum zu essen, zum Ausdruck kommt: Worte und der
Umgang damit können letztendlich über Leben und Tod entscheiden. Es ist von
großer Wichtigkeit, dass die Menschen
gute
Worte kennen und verstehen
lernen, welche Macht haben, Leben zu schenken. Und schlussendlich ist es
heute noch unsere Aufgabe, wie zu Nehemias Zeiten Gottes Wort auszulegen
und für diejenigen in adäquater Form zugänglich zu machen, die die
Originalsprache nicht verstehen, dass jeder versteht, was er liest (vgl. Neh 8,8).
Darum geht es in der vorliegenden Arbeit.
8
3.
Die Geschichte der Bibelübersetzung
3.1. Allgemeines
Oft bezeichnet man das Übersetzen als eine der ältesten Tätigkeiten der
Menschheit, und dennoch beschäftigt man sich noch nicht so lange mit der
Geschichte der Übersetzung als Forschungsrichtung. Erst relativ spät hat sich
dazu ein systematischer Erforschungsansatz entwickelt. Fakt ist, dass
Übersetzer zu allen Zeiten wesentlich an der Entfaltung des Geisteslebens
beteiligt waren. So konnten z.B. Hochkulturen dank der Übersetzung das
kulturelle Erbe anderer Kulturen antreten, und der Wissenstransfer zwischen
Zivilisationen geschah großteils mit Hilfe von Übersetzern.
Im 20. Jahrhundert hat das Übersetzen allgemein einen großen Aufschwung
erlebt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Kommunikationstechnologien
trugen dazu bei, dass der Bedarf an qualifizierten Übersetzern in jedem Bereich
stieg. Dieses Jahrhundert war auch von einer Verstärkung der internationalen
Beziehungen sowie von zunehmender theoretischer Reflexion in der
Wissenschaft geprägt. Dadurch entwickelte sich die Translation zu einer
hochspezialisierten Tätigkeit, zu einem gut organisierten Berufsstand und
international zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin. (vgl. Woodsworth
21999:39ff)
3.2. Die
Anfänge
Was die Bibel betrifft, so gehen die ersten Übersetzungen nicht auf die
christliche Kirche zurück. Es gab schon Jahrhunderte vor Christus
Bemühungen, die hebräischen Schriften zu übersetzen. Wie in Punkt 2.3.
erwähnt, findet sich im biblischen Buch Nehemia ein Bericht darüber, dass die
Torah das Gesetz Mose bereits im 5. Jahrhundert vor Christus mündlich
übersetzt wurde.
Auch erste schriftliche Übersetzungen ins Griechische und Aramäische
entstanden schon lange vor Christi Geburt. So wurde das hebräische Alte
Testament im 3. Jahrhundert v. Chr. auf der Insel Pharos in Ägypten ins
Griechische übersetzt. Dort existierte zu dieser Zeit eine große jüdische
9
Gemeinde, die nur noch griechisch sprach und deshalb auf eine griechische
Übersetzung ihrer heiligen Schriften angewiesen war. Eine Legende besagt,
dass eine Gruppe von 72 Männern aus den 12 Stämmen Israels jeweils in
Zweierteams in kompletter Isolation das gesamte Alte Testament mit solch
göttlicher Inspiration übersetzte, dass die daraus resultierenden 36 Entwürfe in
jeder Hinsicht völlig ident waren. Wissenschaftliche Untersuchung ergaben
allerdings, dass die Übersetzungen der einzelnen Bücher des Alten Testaments
in Stil und Genauigkeit stark voneinander abweichen und man deshalb
annehmen muss, dass die einzelnen Teile unabhängig voneinander
entstanden. Vermutlich wurde jeweils ein Buch von einem Übersetzer
bearbeitet. Diese erste griechische Übersetzung wird als Septuaginta oder auch
LXX bezeichnet. (vgl. Nida 1964:26)
Das Übersetzen hatte zu jener Zeit in der griechisch-römisch geprägten Welt
schon eine längere Tradition und man beschäftigte sich bereits mit
verschiedenen Übersetzungsmethoden. Cicero etwa vertrat als erster die
Ansicht, dass ein Übersetzer dafür sorgen müsse, dass das fremde Werk in der
eigenen Literatur heimisch und somit dem lateinischen Sprachgebrauch
angepasst wird. Er wehrte sich gegen rein wörtliches Übersetzen, doch leider
muss gesagt werden, dass sich dies in der Bibelübersetzung noch nicht
niederschlug. Aus heutiger Sicht wurde in diesem Bereich noch viel mehr "dem
Buchstaben als dem Geist" Beachtung geschenkt, und dementsprechend
sahen die Ergebnisse oft aus. (vgl. Hohn 21999:91; Nida 1964:12)
Bei der Entstehung der christlichen Gemeinde am ersten Pfingsttag war klar,
dass die christliche Botschaft "allen Völkern unter dem Himmel" (Apg 2,5) galt
und deshalb verbreitet gehörte. Anders als etwa im Islam (vgl. Koran: Sure
12,2) hatte es anfangs im jüdisch-christlichen Glauben nie ein
Übersetzungsverbot gegeben. Im Gegenteil: die heiligen Schriften sogar die
Worte Gottes und Jesu Christi durften und sollten sogar übersetzt werden,
und zwar nicht nur für eine Elite von Akademikern, sondern für das
größtmögliche Publikum. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten wurden Berichte
über das Leben und Wirken Jesu in Form der Evangelien auf Griechisch, der
Lingua Franca des Mittelmeerraums, übersetzt und verbreitet. Die christliche
Gemeinde rechnete und rechnet fest damit, dass eines Tages "eine große
10
Schar, die niemand zählen [kann], aus allen Nationen und Stämmen und
Völkern und Sprachen" (Offb 7,9) gemeinsam in Gottes Reich leben wird, und
die Übersetzung der heiligen Schriften wurde und wird als ein Weg gesehen,
um dieses Ziel zu erreichen. Vom 2.-4. Jahrhundert n. Chr. wurde das Neue
Testament in andere wichtige Sprachen übersetzt. So gab es bald lateinische,
syrische, armenische und verschiedene koptische Übersetzungen, die aufgrund
der raschen Ausbreitung des Christentums weite Verbreitung fanden. Seit
dieser Zeit ließen die Übersetzungsbemühungen der Christen nie nach. (vgl.
Kirk 2002:12)
3.3. Hieronymus
Hieronymus lebte von ca. 347 bis 420 n. Chr. und war eine der herausragenden
Persönlichkeiten des Altertums. Er wurde in Stridon im heutigen Kroatien
geboren, studierte zunächst in Rom, wo er Kenntnisse in klassischer Literatur,
orientalischer Philosophie und Recht erlangte, und beschäftigte sich nach
Abbruch seiner Beamtenkarriere später in Antiochia und Syrien mit dem
Studium der griechischen und hebräischen Sprache. Er wurde Priester und
erhielt in Rom eine Anstellung als Sekretär, Dolmetscher und theologischer
Berater für Papst Damasus I. Aufgrund seines guten Rufs als dreisprachiger
Gelehrter mit ausgezeichneten Hebräisch-, Griechisch und Lateinkenntnissen
wurde er im Jahr 384 vom Papst mit der Übersetzung und Überarbeitung der
Bibel beauftragt. Er begann mit der Übersetzung des Neuen Testaments auf
Grundlage von anerkannten griechischen Texten. Als nächstes übersetzte er
das Alte Testament aus dem Griechischen, nur um es dann nochmals neu aus
dem Hebräischen zu übersetzen. Damit war er der erste, der das Alte
Testament nicht mit der Septuaginta als Ausgangsmaterial, sondern direkt aus
dem Hebräischen übersetzte. Diese Übersetzung, die lateinische
Vulgata
, ist
die als authentisch anerkannte lateinische Bibel und wurde jahrhundertelang
von der römisch-katholischen Kirche verwendet. (vgl. Woodsworth 21999: 39f)
Hieronymus′ Übersetzungsansatz war wahrscheinlich einer der
systematischsten und diszipliniertesten aller Übersetzer der Antike. In seiner
Arbeit befolgte er ganz genaue Prinzipien, denen er treu blieb, auch wenn es
2 Punkt 11.2.
11
ihm Kritik einbrachte und er auf Unverständnis stieß. Schon ganz am Anfang
schrieb er, und sollte damit Recht behalten:
Who is there, whether learned or unlearned, who, when he takes up
the volume in his hands and discovers that what he reads therein
does not agree with what he is accustomed to, will not break out at
once in a loud voice and call me a sacrilegious forger, for daring to
add something to the ancient books, to make changes and
corrections in them? (zit. n. Grant 1961:36)
Da er bei der Bibelübersetzung solch radikal neue Prinzipien anwandte,
erreichte jedoch vor allem seine Übersetzung des Alten Testaments eine viel
größere Wirkung als vorhergehende Übersetzungen.
Schon in frühchristlicher Zeit war man langsam zu der Erkenntnis gekommen,
dass eine gute Bibelübersetzung keine wörtliche Übersetzung sein konnte.
Hieronymus war allerdings der erste, der einen Mittelweg zwischen Wörtlichkeit
und unkontrollierter Freiheit einschlug. Er bestand darauf, dass der Sinn
wichtiger sei als die Form. In seinem
Brief an Pammachius
beschreibt er eines
seiner wichtigsten Prinzipien: "Ich gebe es nicht nur zu, sondern bekenne es frei
heraus, dass ich bei der Übersetzung griechischer Texte [...] nicht ein Wort
durch das andere, sondern einen Sinn durch den anderen ausdrücke" (Störig
1963:1), "non verbum e verbo, sed sensum exprimere de sensu". (vgl. Kirk
2002:2; Hohn 21999:91f)
3.4. Das
Mittelalter
Nach Hieronymus und während des gesamten Mittelalters wurde die
Bibelübersetzung nicht besonders intensiv vorangetrieben. Um 1500 existierten
erst in etwa 35 verschiedenen Sprachen Teile der Bibel. Stattdessen wurden
große Pergament-Kodizes geschrieben (z.B. Codex Vaticanus, Sinaiticus) und
viele prunkvolle Bibelhandschriften mit Miniaturmalereien angefertigt. Es war
auch eine Zeit, in der man sich mehr auf Überarbeitungen und Revisionen
bestehender Übersetzungen konzentrierte. Vom 7.-10. Jahrhundert etwa
arbeiteten die Masoreten in Tiberias und Babylonien am hebräischen Text des
Alten Testaments, und um 800 wurde die lateinische Bibel auf Veranlassung
12
Karls des Großen durch Alkuin revidiert. (vgl. Kirk 2002:1; Die Bibel
1985:Anhang 57)
3.5. Erste deutsche Übersetzungen
Der erste bekannte Bibelteil, der in die deutsche Sprache übersetzt wurde,
stammt aus der Zeit um 800. Im Benediktinerkloster Mondsee in Oberösterreich
wurde das Matthäus-Evangelium aus dem Lateinischen ins Deutsche bzw.
genauer gesagt ins Altbairische übersetzt. Im 11. Jahrhundert machte sich der
Benediktinermönch Notker Labeo, der als Schöpfer einer deutschen
Literatursprache gilt, an eine kommentierende Übersetzung der Psalmen. Vom
11. bis zum 15. Jahrhundert entstanden zahlreiche Übersetzungen biblischer
Schriften und sogar der ganzen Bibel ins Deutsche. (vgl. Die Bibel
1985:Anhang 57)
Mit der Renaissancebewegung, die sich ab dem 14. Jahrhundert über Europa
ausbreitete, begann eine Zeit mit neuen Entdeckungen, neuen Ideen, aber auch
mit einer Rückbesinnung auf die Antike und damit verbunden einer Blütezeit der
Übersetzung. Die zwei wichtigsten Strömungen in diesen Jahrhunderten waren
der Humanismus mit seinem großen Interesse an den klassischen Sprachen
sowie die Reformationsbewegung, die sich ebenfalls auf die Ursprünge, d.h. vor
allem die Bibel in ihrer ursprünglich hebräischen und griechischen Fassung,
besann.
3.5.1. Martin Luther
Dies ist die Zeit Martin Luthers, der von 1483 bis 1546 lebte und als Begründer
der Reformation gilt. Er war promovierter Theologe und widmete sich sein
ganzes Leben intensiv dem Studium der Bibel. Als er aufgrund seines
Widerstands gegen zahlreiche Lehren und Praktiken der römisch-katholischen
Kirche exkommuniziert wurde, zog er sich auf die Wartburg zurück und
arbeitete von 1521 bis 1534 an der Übersetzung der gesamten Bibel aus den
Originalsprachen ins Deutsche. Die Lutherbibel war die erste direkte
Übersetzung aus dem Hebräischen und Griechischen in eine moderne
Sprache, wobei man die lateinische
Vulgata
nicht unberücksichtigt ließ. Luther
arbeitete mit einer ganzen Gruppe von Gelehrten zusammen. Er beriet sich mit
13
Experten der Originalsprachen sowie Vertretern von Berufsgruppen, die ihm mit
dem Wortschatz spezifischer Tätigkeiten weiterhelfen konnten.
Mit dieser Bibelübersetzung schuf Luther ein Werk, dessen weit reichende
Auswirkungen sowohl auf die institutionalisierte Religion als auch im
Besonderen auf Sprache und Übersetzung erst im Nachhinein deutlich wurden,
etwa in verschiedenen deutschen Grammatiken bis zum 19. Jahrhundert. Seine
Übersetzung der Bibel dient noch heute aufgrund ihrer Klarheit,
Verständlichkeit, Einfachheit und Lebendigkeit als Beispiel für guten
Sprachgebrauch. Die Lutherbibel die mittlerweile zum dritten Mal umfassend
revidiert wurde (1921-1984) bleibt bis heute eine der beliebtesten
Bibelübersetzungen. (vgl. Woodsworth 21999:41f; Die Bibel 1985:Anhang 57f)
Ähnlich wie Hieronymus stellte auch Luther Prinzipien auf, die seiner Meinung
nach für eine gute Übersetzung notwendig waren. Man begann zu seiner Zeit
langsam von der mittelalterlichen Vorstellung, dass eine gute Übersetzung von
einer genauen Wort-für-Wort-Wiedergabe des Originals gekennzeichnet wäre,
abzurücken. Nun legte man mehr Wert auf die Verständlichkeit und die richtige
Wiedergabe des Sinns.
Luther hielt seine Überlegungen zum Übersetzen in zwei Schriften fest, im
Sendbrief vom Dolmetschen
und in den
Summarien über die Psalmen und
Ursachen des Dolmetschen
. Er stellte zum Beispiel Prinzipien zur Satzstellung,
zu Verbindungsworten, Metaphern usw. auf und erkannte das Primat völliger
Verständlichkeit, wie man es vorher nicht gekannt hatte. In seinem
Sendbrief
erklärte er, man müsse "nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache
fragen, wie man soll Deutsch reden, [...] sondern die Mutter im Hause, die
Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen, und
denselbigen auf das Maul schauen, wie sie reden und darnach dolmetschen"
(Störig 1963:21).
Er war sich des Spannungsfeldes zwischen unbedingter Treue und
erforderlicher Freiheit gegenüber dem Original bewusst und gilt deshalb als ein
Wegbereiter für die Übersetzungstheorie in Deutschland. (vgl. Hohn 21999:92;
Kirk 2002:2)
14
3.6. Erste englische Übersetzungen
Ähnlich wie für die deutsche Sprache gab es auch für die englische Sprache
schon früh Bemühungen, die Bibel in die eigene Sprache zu übersetzen. Oft
wird John Wycliff als Verfasser der ersten englischen Bibel genannt, doch viele
Teile der Bibel waren schon mehrere Jahrhunderte zuvor übersetzt worden. So
begann man gegen Ende des 7. Jahrhunderts schon mit Übersetzungen ins
Altenglische, auch Angelsächsische genannt. Als sich die Sprache zu
Mittelenglisch weiterentwickelte, nahm die Zahl der Übersetzungen zu.
3.6.1. John Wycliff
In diese Epoche fällt die einflussreiche Übersetzung der Bibel durch John
Wycliff (auch Wycliffe oder Wyclif geschrieben), der auch als "Morning Star of
the Reformation" gilt und zum Namensgeber der "Wycliff Bibelübersetzer"
(siehe Punkte 3.7./3.9.) wurde. Da er keinen Zugang zu den hebräischen und
griechischen Manuskripten hatte, übersetzte der Theologe und Oxfordprofessor
Wycliff ausgehend von der lateinischen Vulgata die gesamte Bibel auf Englisch.
Die handgeschriebene Arbeit wurde 1383 vollendet und mit Hilfe seiner Jünger
und vielen Schreibern vervielfältigt. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde das
Lesen dieser Bibelübersetzung verboten und Wycliff selbst postum als Ketzer
verurteilt.3
3.6.2. William Tyndale
Der Engländer William Tyndale war eine weitere wichtige Figur der
Reformation. Er musste wie Luther seine Heimat verlassen, weil sein Vorhaben,
die Bibel auf Englisch zu übersetzen, bei der Amtskirche auf Widerstand stieß.
Seine Bibelübersetzung ins Mittelenglische erschien um 1530. Im Unterschied
zu Wycliff hatte er neben der Vulgata die hebräischen und griechischen Urtexte
verwendet.
"Tyndale übersetzte in die gesprochene Sprache des Volkes, nicht in
die Schriftsprache der Gelehrten, und schuf damit eine Sprache für
3 vgl. Wikipedia:
English translations of the Bible
und:
Geschichte der Bibelübersetzung
;
vgl.
Jeffcoat 2002:
English Bible History
(Punkt 11.2.)
15
England, so wie es Luther für Deutschland getan hatte." (Woodsworth
21999:42)
Für seine Arbeit waren ein Zusammentreffen mit Martin Luther sowie dessen
Übersetzungsprinzipien eine große Inspiration. Tyndale wurde schließlich
wegen seiner Übersetzertätigkeit zum Tode verurteilt und bei Brüssel auf dem
Scheiterhaufen verbrannt.
Sein Werk blieb lange unbeachtet, doch als man sich näher mit seiner
Übersetzung beschäftigte, die ihre besondere Qualität unter anderem seinen
logischen und rhetorischen Fähigkeiten sowie seinen Kenntnissen in acht
Sprachen verdankte, wurde Tyndale als "Patriarch der englischen Sprache und
Literatur" anerkannt. (vgl. Woodsworth 21999:42)
3.6.3. Die King-James-Bibel
1604-1611 entstand im Auftrag des Königs James I von England die als
King
James Version
(KJV) oder
Authorized Version
(AV) bekannte englische
Übersetzung der Bibel für die Anglikanische Kirche. Erklärtes Ziel war nicht, "to
make a new translation [...] but to make a good one better" (vgl. Vorwort zur
New King James Version4), indem die ausgezeichneten Arbeiten von William
Tyndale und anderen reformatorischen Übersetzern revidiert und weiter
verbessert wurden. Die fast 50 beteiligten Übersetzer schufen damit ein Werk,
das nicht zuletzt aufgrund seines Stils und Sprachgebrauchs zur
einflussreichsten englischsprachigen Übersetzung wurde.5
3.7. 16. bis 20. Jahrhundert
Mit der Reformationsbewegung und dem Buchdruck nahm die Zahl der
Bibelübersetzungen rapide zu. Um 1800 standen Bibelteile in 68 verschiedenen
Sprachen zur Verfügung. Bis 1900 vervielfachte sich die Zahl auf 522 Sprachen
(Kirk 2002:1).
In dieser Zeit entwickelten sich in mehreren Ländern unterschiedliche
Übersetzungsströmungen. Immer wieder stellte sich die Frage, wie wörtlich eine
Übersetzung sein müsse bzw. wie frei sie sein dürfe. Gerade in der
4 vgl. Marlowe:
New King James Version
(Punkt 11.2.)
5 vgl. Wikipedia:
Early Modern English Bible translations
(Punkt 11.2.)
16
Bibelübersetzung war die Frage nach der übersetzerischen Treue schon immer
von besonderer Brisanz gewesen. Es wurden Theorien und Prinzipien
formuliert, die mehr oder weniger starken Einfluss hatten.
Eine große Wende ereignete sich im 20. Jahrhundert. Durch ein neues
Bewusstsein für Kommunikation und viele neuartige
Kommunikationstechnologien wurde einerseits die Welt kleiner und
andererseits bestanden Semantiker und Psychologen darauf, dass eine
Botschaft, die nicht richtig kommuniziert werden könne, nutzlos sei. Mit der Zeit
erkannten auch Werbefachleute und Politiker, wie wichtig die Verständlichkeit
einer Botschaft ist.
Im Zusammenhang damit war einer der revolutionärsten Einflüsse auf die
Übersetzung die Entwicklung der strukturellen Linguistik durch den Schweizer
Indogermanisten Ferdinand de Saussure zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er
gilt als Vater der modernen Linguistik und Begründer der Wende zur
Synchronie. Seine Theorie verbreitete sich in verschiedenen Schulen in Europa
und Amerika, und die von ihm entwickelten Methoden wurden in der Folge auch
auf die Bibelübersetzung angewandt. Vorreiter dabei waren die Wycliff
Bibelübersetzer, auch als SIL bekannt, die 1935 ins Leben gerufen wurden.
Diese Organisation ist in der Bibelübersetzung tätig, legt aber auch einen
Schwerpunkt auf wissenschaftliche Publikationen über Sprachen, linguistische
Strukturen und Übersetzungstheorien. Neben den Wycliff Bibelübersetzern hat
auch der Weltbund der Bibelgesellschaften (United Bible Societies, UBS) im 20.
Jahrhundert einen wesentlichen Beitrag zur Übersetzung der Bibel in viele
Sprachen der Welt geleistet. Sie wurde 1947 anlässlich einer internationalen
Übersetzerkonferenz in den Niederlanden gegründet und gibt seit 1950 die
vierteljährliche Zeitschrift
The Bible Translator
heraus. (vgl. Nida 1964:21)
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der christlichen Gemeinde ihr
internationaler Charakter neu bewusst und das Augenmerk richtete sich
verstärkt weg von Europa und Amerika hin auf andere Teile der Welt.
Bibelübersetzer erkannten, dass der Kern der biblischen Botschaft stets
erhalten bleiben muss, doch die Art und Weise, wie diese Botschaft vermittelt
wird, muss sprachlich und kulturell angemessen sein. Seit Hieronymus und
17
Luther waren die besten Bibelübersetzungen dort entstanden, wo man diesem
Prinzip Rechnung getragen hatte (vgl. Kirk 2002:12).
Ein Beispiel für Bemühungen in diese Richtung ist "Ethnomusicology", ein
Forschungs- und Arbeitsbereich, dem bei den Wycliff Bibelübersetzern in den
letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die
Beschäftigung mit diesem Bereich begann, als man sich bewusst wurde, dass
Musik nicht einfach die universale Sprache ist, sondern dass man Menschen in
einer anderen Kultur viel besser und effektiver erreichen kann, wenn man sich
die Worte von Paulus aus 1 Kor 9,19-22 zu Herzen nimmt, in denen er sagt:
"19 [Ich habe] doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht,
damit ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude
geworden, damit ich die Juden gewinne. [...] 22 Den Schwachen bin
ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich
bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette."
In der Vergangenheit war es oft der Fall gewesen, dass Bibelübersetzer ihre
eigene Musik in Bezug auf Instrumentierung, Tonsysteme, Harmonie,
Rhythmus usw. "importiert" hatten und dadurch dazu beigetragen hatten, dass
der christliche Glaube als eine "fremde Religion" angesehen worden war.
Aktuell wird das Augenmerk darauf gelegt, dass man die lokalen musikalischen
Traditionen wertschätzt und für die Verbreitung der biblischen Botschaft
einsetzt.
3.8. Türkische
Übersetzungen
3.8.1. Die erste Übersetzung
Einen sehr guten Überblick über die Geschichte der Bibelübersetzung ins
Türkische bietet das freie evangelische Missionswerk
Orientdienst
auf seiner
Internetseite6.
Um 1660 herum beauftragte der türkische Sultan Mehmet IV. seinen
Chefübersetzer, Ali Bey, die Bibel in die türkische (osmanische) Sprache zu
6 vgl. Orientdienst (Punkt 11.2.)
18
übersetzen. Ali Bey hieß mit richtigem Namen Albertus Bobowsky. In Polen
aufgewachsen, war er als Kind von den Tartaren entführt worden. Er wurde als
Sklave nach Konstantinopel verkauft und kam an den Hof des Sultans.
Aufgrund seiner außergewöhnlichen sprachlichen Fähigkeiten stieg er zum
Hofübersetzer auf.
Die Übersetzung der Bibel dauerte von 1662 bis 1666. Der holländische
Botschafter in Konstantinopel sandte das Manuskript zum Druck nach Holland,
wo es bedauerlicherweise in den Regalen der Leidener Universitätsbibliothek
landete und 150 Jahre lang verschwunden blieb. Nach Gründung der
British
and Foreign Bible Society
wurde das Manuskript dort aufgespürt und mit ihrer
Hilfe gedruckt. 1819 wurden die ersten 5000 Exemplare des Neuen Testaments
in einer der arabischen Schrift sehr ähnlichen Schrift gedruckt, 1827 folgte die
Veröffentlichung der gesamten osmanischen Bibel.
In den nächsten Jahrzehnten wurde die Übersetzung Ali Beys immer wieder
überarbeitet und revidiert. Hauptsächlich durch die zahlreichen, im ganzen
osmanischen Reich zerstreut lebenden christlichen Armenier erfuhr diese Bibel
relativ weite Verbreitung. Doch als die Armenier zu Beginn des 20.
Jahrhunderts verfolgt und großteils vertrieben wurden, kam die Verbreitung fast
zum Stillstand.
Als 1928 unter Atatürk im Zuge einer Reform der Sprache die lateinische Schrift
in der Türkei eingeführt wurde, stellt man auch die türkische Bibel in lateinischer
Schrift her. Die türkische Sprache veränderte sich zu dieser Zeit rasant, da man
versuchte, möglichst viele persische und arabische Lehnwörter zu eliminieren
und durch türkische Formen zu ersetzen. Das machte wiederum verschiedene
Revisionen erforderlich. Die letzte Revision der (jetzt alten) Übersetzung wurde
im Jahr 1941 von der Türkischen Bibelgesellschaft veröffentlicht. (vgl.
Thomi/Henner 2009:7)
3.8.2. Kutsal Kitap Yeni Çeviri
In den darauf folgenden Jahrzehnten stellte sich immer mehr heraus, wie groß
der Bedarf an einer modernen Übersetzung der Bibel ins Türkische war. Als
evangelikale Christen ab den 1960er Jahren die Bibel auch unter der
muslimischen Bevölkerung zu verbreiten begannen, merkten sie bald, dass die
Revision von 1941 zwar theologisch gut war, aber für den Großteil der
19
Bevölkerung kaum verständlich war. Die einheimischen christlichen
Minderheiten Armenier, Aramäer und Griechen hatten sich allerdings an die
alte Sprache gewöhnt und hatten kein Interesse an einer neuen Übersetzung.
James Dannenberg (damals unter dem Namen Graham Clarke bekannt)
gehörte zu diesen evangelikalen ausländischen Christen, die die Notwendigkeit
einer neuen Übersetzung der Bibel erkannten. Er erzählte mir persönlich
folgende Begebenheit: Anfang der 1970er Jahre besuchte er öfters ein
Büchergeschäft im europäischen Teil Istanbuls und sprach mit dem Inhaber des
Geschäfts, der ebenfalls aus einer der christlichen Minderheiten in der Türkei
stammte, über die Notwendigkeit einer neuen Übersetzung. Der Inhaber war
nicht davon zu überzeugen. Eines Tages betrat ein Student das Geschäft und
blätterte die Bibel durch. Nach einiger Zeit meldete er sich: "Entschuldigen Sie
bitte, aber ist dieses Buch auf türkisch geschrieben?" Dieses Erlebnis trug
entscheidend dazu bei, dass in den nächsten Jahren mit der Arbeit an einer
neuen Übersetzung begonnen wurde. Dabei ging die Initiative eindeutig von
evangelikalen ausländischen Christen aus, wenn man auch auf eine Mitarbeit
der wenigen aus dem Islam gewonnenen einheimischen Christen achtete.
Ab Mitte der 1970er Jahre wurde parallel an zwei verschiedenen
Übersetzungen des Neuen Testaments gearbeitet, die beide etwa gleichzeitig
fertig gestellt wurden (1988/1989). Für die nachfolgende Neuübersetzung des
Alten Testaments sowie für die Veröffentlichung der ganzen Bibel konnten sich
die beiden Gruppen einigen. Dafür wurden die beiden Neuen Testamente vom
Bibelübersetzer Mahmud Solgun "zusammengelegt", indem das Beste von
beiden Übersetzungen genommen und auf Kompatibilität mit dem Alten
Testament geachtet wurde. Im Oktober 2001, 23 Jahre nach Beginn der Arbeit,
wurde eine Übersetzung der vollständigen Bibel in modernem Türkisch unter
dem Namen
Kutsal Kitap Yeni Çeviri
(Heiliges Buch Neue Übersetzung) der
Öffentlichkeit vorgestellt. Seither wird nur noch diese Einheitsversion gedruckt
und von fast allen christlichen Kirchen im Land verwendet. Für das Jahr 2009
ist die Herausgabe einer türkischen Studienbibel auf Grundlage der
Anmerkungen zur englischen New International Version (NIV) und eines
20
Bibelatlas geplant7. Zudem wird bereits über eine große Revision der Neuen
Übersetzung nachgedacht, die einige unglückliche türkische Ausdrücke
ausbessern soll (persönliche Korrespondenz mit Wiest 2009).
3.8.3. Andere Übersetzungen
Seit 2001 gibt es weitere Übersetzungsbemühungen, etwa eine sehr wörtliche
Übersetzung, eine Übersetzung für die Zielgruppe der Studierenden in
türkischen islamischen Universitäten, der Versuch einer so genannten "Muslim-
friendly" Übersetzung, die alle für Muslime anstößigen Begriffe zu vermeiden
sucht und deshalb vielfach auf Ablehnung von christlicher Seite stößt, eine
Übersetzung für im Ausland lebende türkischsprachige Minderheiten, eine
Übersetzung der Zeugen Jehovas usw.
3.9. Ausblick ins 21. Jahrhundert
Für das 21. Jahrhundert haben die christliche Gemeinde und mit ihr
verschiedene Bibelübersetzungsorganisationen das Ziel, die eine,
unveränderliche Botschaft der Bibel im Kontext der vielen sich verändernden
Sprachen und Kulturen der Welt neu auszudrücken (Kirk 2002:12), wie dies
zum Beispiel dank Erkenntnissen der Ethnomusicology (vgl. Punkt 3.7.) oder
der Anthropologie geschieht.
Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts und auch in Zukunft wird dabei
besonderes Augenmerk auf die vielen Minderheitssprachen gelegt, von denen
unzählige bis heute keinen Zugang zum Wort Gottes in einer für sie
verständlichen Sprache haben. In diesem Zusammenhang ist die so genannte
Vision 2025
der in Punkt 3.7. erwähnten Wycliff Bibelübersetzer zu erwähnen:
"Bis zum Jahr 2025 soll in jeder Volksgruppe, die eine
Bibelübersetzung benötigt, ein Übersetzungsprojekt im Gange sein."8
Angesichts der Tatsache, dass von den im Jahr 2007 im Ethnologue erfassten
6912 lebenden Sprachen der Welt9 noch über 4000 Sprachen keinen einzigen
7 vgl. Katholisches Magazin für Kirche und Kultur (Punkt 11.2.)
8 vgl. Wycliff die ganze Welt der Schrift:
Vision 2025
(Punkt 11.2.)
9 vgl. Ethnologue:
Statistical Summaries
(Punkt 11.2.)
21
Teil der Bibel in ihrer Sprache zur Verfügung haben, sieht die Erreichung dieses
Ziels aus menschlicher Sicht eher unrealistisch aus. Allerdings darf man auch
nicht außer Acht lassen, wie stark sich das Tempo der Bibelübersetzung in den
letzten Jahren beschleunigt hat. Mit 31. Dezember 2008 existierte die gesamte
Bibel in 451 Sprachen, das Neue Testament in weiteren 1185 Sprachen und
Bibelteile in nochmals 843 Sprachen, was insgesamt 2479 Sprachen
ausmacht10. Für das 21. Jahrhundert kann man ebenfalls weitere
wissenschaftliche und technische Errungenschaften sowie besser
ausgearbeitete Übersetzungsmethoden, die die Übersetzung weiter erleichtern
und beschleunigen werden, in die Kalkulation mit einbeziehen. Es besteht somit
die Erwartung, dass in absehbarer Zeit Menschen aus allen Sprachen der Erde
in einer für sie verständlichen Form Zugang zum Wort Gottes haben werden
und sich damit der Kreis, der bei der babylonischen Sprachenverwirrung
begonnen hat, zum Teil schließen wird. Damit wäre auch der in Punkt 3.2.
erwähnte Ausblick auf eine Zukunft, in der eine Menschenmenge mit Vertretern
aus allen Sprachen zu Gott kommt, theoretisch möglich gemacht. (vgl. Kirk
2002:1f)
3.10. Die untersuchten Grundtexte und Übersetzungen
Als Grundlage für meine Untersuchungen des Schlüsselbegriffs
gerecht
in
Habakuk 2,4 ist natürlich erstens der hebräische Urtext des AT unerlässlich. Als
nächstes untersuche ich die Wahl von Schlüsselbegriffen in zwei deutschen
und einer türkischen Bibelübersetzung. Für das Türkische war die Auswahl
nicht schwierig, da es zurzeit nur eine allgemein verwendete Übersetzung gibt,
nämlich die Yeni Çeviri, die Neue Übersetzung von 2001. Für Deutsch habe ich
zwei Übersetzungen ausgesucht eine der untersuchten Übersetzungen ist
vereinfacht gesagt eher ausgangstextorientiert und die andere zieltextorientiert.
3.10.1.
Hebräisches AT - WLC
Die hebräischen Wörter und Texte in der vorliegenden Arbeit sind einer Online-
Version11 des
Westminster Leningrad Codex
(WLC) entnommen, der vom
10 vgl. Aktion Weltbibelhilfe:
Sprachen der Bibel
(Punkt 11.2.)
11 vgl. Biblos:
Online Bible Westminster Leningrad Codex Version
(Punkt 11.2.)
22
Westminster Hebrew Institute12 herausgegeben wird. Unter
Leningrad Codex
versteht man die älteste vollständige Abschrift der Hebräischen Bibel aus dem
Jahr 1008. Der Leningrad Codex ist ein masoretischer Text. Die Masoreten
hatten den ursprünglich bloß aus Konsonanten bestehenden hebräischen Text
seit etwa 700 n. Chr. mit Vokalzeichen versehen (vgl. Punkt 3.4.). In dieser
Form war der Text weiter überliefert worden. Den meisten Bibelübersetzungen
liegt der Text der Biblia Hebraica Stuttgartensia zugrunde. Sie ist eine
vollständige wissenschaftliche Ausgabe des Leningrad Codex mit allen
wichtigen Textvarianten und Korrekturvorschlägen im textkritischen Apparat. 13
3.10.2.
Deutsche Bibel LUT
14
Zitate aus der Bibel nach der Übersetzung
Martin Luthers
(LUT) sind der
revidierten Fassung von 1984 in ihrer Druckausgabe (vgl. Die Bibel 1985) oder
Online-Version des Bibleservers15 entnommen.
Allgemeines
Die Lutherbibel wurde erstmals 1534 herausgegeben. Seit Ende des 19.
Jahrhunderts, als die Originalsprache Luthers für viele Menschen immer
schwerer verständlich wurde, versuchte die evangelische Kirche in
Deutschland, die Übersetzung schonend dem gewandelten Sprachgebrauch
anzupassen. Dieser Prozess kam 1984 mit der Herausgabe des revidierten
Textes zu einem vorläufigen Abschluss. Die Lutherbibel ist auch heute noch der
"Klassiker" unter den deutschen Bibeln.16
Sprachstil
Der Sprachstil der Lutherbibel ist gehoben und zum Teil etwas altertümlich.
Luther verwendete kräftige, plastische Ausdrücke, die allerdings durch die
Revision stellenweise gemildert wurden. Zum Erfolg seiner Übersetzung trug
sein Prinzip bei, "dem Volk aufs Maul [zu] sehen". Seine Übersetzung hat die
12 vgl. Westminster Hebrew Institute (Punkt 11.2.)
13 vgl. Bibelwissenschaft:
Die Biblia Hebraica Stuttgartensia
(Punkt 11.2.)
14 vgl. Bibelwissenschaft:
Luther 1984
(Punkt 11.2.)
15 vgl. Bibleserver (Punkt 11.2.), entwickelt und betrieben von ERF Online in Kooperation mit
IBS Europe
16 vgl. Bibelwissenschaft:
Über die Lutherbibel
(Punkt 11.2.)
23
deutsche Literatur und Sprache nachhaltig beeinflusst und zum Beispiel mit
Redewendungen zahlreiche Spuren im Sprachgebrauch hinterlassen.
Übersetzungstyp
Die Lutherbibel ist eher ausgangstextorientiert. Sie zählt als philologische
Übersetzung, weist aber auch kommunikative Einschläge auf. Einerseits wird
der Originaltext oft relativ wörtlich übersetzt, andererseits kann an Stellen, die
dies erfordern, der Sinn auch sehr frei wiedergegeben werden. Für die
biblischen Schlüsselbegriffe wurde stark auf Begriffskonkordanz geachtet und
damit die für Luther typische "Schwerpunktbildung" geschaffen:
Reformatorische Grundwörter wie Glaube oder Gnade wurden für eine Vielzahl
von synonymen Begriffen in der Originalsprache eingesetzt. Mit Hilfe dieses
Verfahrens lässt Luther die Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein
aus dem Glauben durch die ganze Heilige Schrift hindurch sichtbar werden.
Zielgruppe
Obwohl man die Lutherbibel nicht mehr zu den leicht zugänglichen
Bibelübersetzungen zählen kann, ist sie noch immer sehr weit verbreitet, und
zwar vor allem unter Lesern, die mit diesem Text aufgewachsen sind, aber auch
unter Lesern mit historischen Interesse und ästhetischem Anspruch. In
Deutschland ist sie der offizielle Text der evangelischen Kirchen für
Gottesdienst und Unterricht.
3.10.3.
Deutsche Bibel GNB
17
Zitate aus der
Gute Nachricht Bibel (- Die Bibel in heutigem Deutsch)
(GNB)
stammen ebenfalls aus der Online-Version des Bibleservers18.
Allgemeines
Die Gute Nachricht Bibel ist eine gemeinsame Bibelübersetzung im Auftrag der
katholischen Bibelwerke und evangelischen Bibelgesellschaften des
deutschsprachigen Raums und damit die erste vollständige ökumenische Bibel.
Den Anstoß dazu hatte die Veröffentlichung des englischen NT unter dem Titel
17 vgl. Bibelwissenschaft:
Über die Gute Nachricht Bibel
und:
Gute Nachricht
(Punkt 11.2.)
18 vgl. Bibleserver (Punkt 11.2.)
24
Good News for Modern Man Today′s English Version
gegeben, das nach
neuen Prinzipien19 in einfaches Englisch übersetzt worden war. Es entstand der
Wunsch, eine solche Übersetzung auch für die deutsche Sprache herzustellen.
Das NT erschien erstmals 1967, nach mehreren Revisionsschritten kam 1982
die ganze Bibel als
Bibel in heutigem Deutsch
heraus, und 1997 wurde diese
von der nochmals stark überarbeiteten
Gute Nachricht Bibel
abgelöst. Diese
Bibelübersetzung fand großen Anklang und weite Verbreitung und ist als
zuverlässigste der kommunikativen deutschen Übersetzungen anerkannt.
Sprachstil
Die GNB möchte kein Text in literarisch gehobener Sprache sein, sondern in
einfachem, modernem Deutsch, einer Art Umgangssprache. Der ehemalige
Generalsekretär der deutschen Bibelgesellschaft Siegfried Meurer (1978:181)
beschreibt dies als eine Sprache, die "von der überwiegenden Mehrheit der
Bevölkerung verstanden wird". Sie vermeidet Wörter, die "von der unteren
sozialen Schicht einer Bevölkerung schwer verstanden" werden, aber auch
einen Stil, den die obere soziologische und literarisch gebildete
Bevölkerungsschicht ablehnen könnte. Der Wortschatz ist begrenzt, die Sätze
sind unkompliziert und es wird so weit wie möglich auf eine biblische
Sondersprache verzichtet. Die Sprache soll leicht verständlich, aber gleichzeitig
auch farbig und aussagekräftig sein. Dichterische Texte, sowie viele Hymnen
und Lieder werden in poetischer Form wiedergegeben. In der GNB wurden
vertraute Schlüsselbegriffe wieder sichtbar gemacht, die in der
Bibel in
heutigem Deutsch
teilweise ersetzt worden waren. Dazu gehören unter
anderem Grundwörter der Theologie des Apostel Paulus wie
Glaube
und
Gerechtigkeit.
Übersetzungstyp
Die GNB ist eher zieltextorientiert. Im Notfall wird die sprachliche Form des
Originaltextes preisgegeben, damit der Inhalt in aktueller Sprache angemessen
und verständlich wiedergegeben werden kann. Man spricht in diesem Fall von
19 Prinzipien von Eugene A. Nida in "
Toward A Science Of Translating",
1964
25
einer
kommunikativen Übersetzung
, die nach funktionaler Gleichwertigkeit
strebt.
Die wichtigsten Verfahren bei der Übersetzung waren:
- Umstrukturierung: Neuformulierung in freier, aber sinntreuer Weise,
teilweise auch über den Einzelvers hinaus
- Explikation: Explizieren impliziter Information, ohne Einfügen textfremder
Erklärungen oder Anpassungen an den Zeitgeschmack
- Kontextorientierung: Beachtung der im Kontext jeweils im Vordergrund
stehenden Bedeutungsmerkmale
Aufgrund dieser Verfahren eignet sich die Übersetzung besonders für das
Lesen im Zusammenhang. Wo sich die Wiedergabe sehr weit von einer
wörtlichen Übersetzung entfernen muss, wird die wörtliche Übersetzung in einer
Fußnote angeführt. Es wird auch auf frauengerechte Sprache geachtet.
Zielgruppe
Der englische Vorläufer der GNB war "für biblische Analphabeten unter den
Zeitgenossen" (Haug 21994:20) gedacht gewesen, und so kann man auch von
der GNB sagen, dass es eine Übersetzung der Heiligen Schrift für Menschen
ist, die mit der traditionellen Kirchensprache und den biblischen Texten noch
nicht oder nicht mehr vertraut sind. Grundsätzlich richtet sie sich an alle
Menschen, die lesen und schreiben können, wird aber auch hohen Ansprüchen
gerecht. Für das Verständnis sind keine besonderen Vorkenntnisse erforderlich.
3.10.4.
Türkische Bibel KK
Zitate aus der türkischen
Kutsal Kitap Yeni Çeviri
(KK) sind der Druckausgabe
(vgl. Kutsal Kitap Yeni Çeviri 2002) oder der Online-Version des
Bibleservers20 entnommen.
Allgemeines
Wie in Punkt 3.8.2. ausgeführt, gingen die Bemühungen um eine neue türkische
Bibelübersetzung in moderner Sprache vorwiegend von evangelikalen
ausländischen Christen aus. Nach 23 Jahre langer Arbeit wurde 2001 die
Übersetzung der vollständigen türkischen Bibel der Öffentlichkeit vorgestellt.
20 vgl. Bibleserver (Punkt 11.2.)
26
Diese Übersetzung wird nun vom Großteil der christlichen Kirchen in der Türkei
verwendet.
Übersetzungstyp
Die KK ist eher ausgangstextorientiert, zeichnet sich aber gleichzeitig durch
gute Leserlichkeit aus. Man könnte sie am besten mit der deutschen
Einheitsübersetzung oder der englischen New International Version (NIV)
vergleichen, die auch hauptsächlich als Textbasis für die Übersetzung diente
(persönliche Korrespondenz mit Wiest 2009). Obwohl das NT nicht direkt aus
dem Griechischen übersetzt wurde, waren mehrere Mitarbeiter involviert, die
gute Griechisch-Kenntnisse hatten. Bei der Übersetzung des AT ging man vom
hebräischen Urtext aus und ließ sie von mehreren Hebräisch-Experten
überprüfen (persönliche Korrespondenz mit Lawrence 2009). Zu erwähnen ist
noch die Besonderheit, dass die neue Übersetzung im Gegensatz zur alten
Übersetzung von 1941 nicht die Gottesbezeichnung "Allah", sondern "Tanri"
verwendet, und sich damit bewusst vom Islam absetzt. "Tanri" ist hauptsächlich
bei der gebildeten und liberalen Schicht der Türken üblich.
Zielgruppe
Mit der neuen Übersetzung sollte eine Bibel geschaffen werden, die von der
Mehrheit der türkischen Christen akzeptiert werden würde. Da es für das
türkische bei weitem nicht so viele Bibelübersetzungen wie etwa im Deutschen
oder Englischen gibt, war es wichtig, mit dieser Übersetzung alle Schichten
abzudecken. Gesagt werden muss auch, dass die Übersetzung eher für liberale
und gebildete Leser geeignet ist, und es etwa für konservative Muslime
aufgrund der Form, aufgrund des Stils und aufgrund verschiedener Begriffe
entscheidend schwieriger ist, den Zugang zu finden.
27
Theoretische Grundlagen
Nicht alle in diesem Kapitel erwähnten Theorien der Semantik und
Übersetzungstheorien werden für diese Arbeit relevant sein und auf das
untersuchte Gebiet der Übersetzung von biblischen Schlüsselbegriffen
angewendet, aber sie werden dennoch erwähnt, weil die Kriterien zum
Übersetzen von Schlüsselbegriffen vor dem Hintergrund dieser Theorien
geschieht.
4. Semantik
Beim Übersetzen geht es immer und überall um die Frage, was Wörter, Sätze
und Texte bedeuten (Kußmaul 21999:49f). Deshalb ist es für jeden Übersetzer
wichtig, sich mit der Semantik, der Lehre der Bedeutung, auseinanderzusetzen.
Die linguistische Semantik ist eine Interdisziplin innerhalb der Linguistik, und
obwohl man sich schon seit der Antike damit beschäftigt, hat sie zu viele
Aspekte, um jemals vollständig definiert werden zu können (Goerling 1995:33).
Eine gute Definition der Bedeutung scheint mir aber die von Nida (1975:14) zu
sein:
"The meaning of verbal symbols has traditionally been regarded as
some kind of attribute or inherent property belonging to words [...] But
meaning is not a possession; it is a set of relations for which a verbal
symbol is a sign" (zit. n. Goerling 1995:33)
4.1. Das sprachliche Zeichen
Die menschliche Sprache als Kommunikationsinstrument ist ein System von
Zeichen. Ein Zeichen ist etwas Materielles und Wahrnehmbares. Es ist
analysierbar, sein Inhalt kann in Merkmale zerlegt werden. Arbitrarität und
soziale Konventionalität sind weitere Merkmale eines Zeichens. Hier sollen kurz
drei der wichtigsten Zeichenmodelle erwähnt werden (vgl. Pelz 1990:43ff;
Stolze 32001:42ff).
4.1.1. Das Zeichenmodell von Saussure
Ferdinand de Saussure (vgl. Punkt 3.2.) entwickelte 1916 in seinem
Cours de
linguistique générale
ein Zeichenmodell, das in alle späteren Zeichenmodelle
28
mit einging. Demnach besteht ein Zeichen aus Ausdruck und Inhalt. Die
Ausdrucksseite hat beim sprachlichen Zeichen die Form einer Lautkette oder
eines graphischen Zeichenkörpers, die Inhaltsseite ist das begriffliche Konzept.
Ausdruck und Inhalt sind durch Assoziationen so unlösbar miteinander
verbunden wie Vorder- und Rückseite eines Blattes Papier. Es besteht eine
reziproke Evokation zwischen diesen beiden Seiten eines Zeichens. Das heißt,
wenn man z.B. die Lautkette /tu:l/ hört, stellt man sich sofort und unwillkürlich
ein solches Möbelstück zum Sitzen, mit Beinen, mit Lehne, für eine Person
usw. vor. Und umgekehrt identifiziert man dieses Objekt sofort als ein durch die
Lautkette /tu:l/ bezeichnetes, sobald man es sieht. Saussures Zeichenmodell
sieht folgendermaßen aus:
Abbildung A
(Sonnenhauser 200821)
Dieses Zeichenmodell ist rein psychischer Natur: Das sprachliche Zeichen
verbindet nicht eine Sache und einen Namen miteinander, sondern eine
kognitive Vorstellung von einer Sache bzw. einen Begriff (
concept
) und ein
Lautbild (
image acoustique
). Saussure wählte für beide Seiten des signe
linguistique schließlich die Bezeichnungen
signifié
und
signifiant
.
4.1.2. Das Zeichenmodell von Ogden und Richards
Ogden und Richards (1923) erweiterten Saussures zweiseitiges Modell um eine
zusätzliche Komponente zum so genannten "Semiotischen Dreieck". Sie fügten
zu Saussures statischem Modell die "Sache", den Umweltreferenten, die
außersprachliche Wirklichkeit, hinzu. Dadurch ist ihr Modell dynamisch: Wörter
bedeuten nicht "an sich" etwas, sondern nur, wenn sie von Menschen
21 Punkt 11.2.
29
gebraucht werden, um damit auf einen Gegenstand der außersprachlichen
Wirklichkeit hinzuweisen.
Abbildung B
(Sonnenhauser 2008)
4.1.3. Das Zeichenmodell von Bühler (Organon-Modell)
Ein drittes Zeichenmodell, das Organon-Modell, stammt von Bühler (1934).
Dieses Modell ist zugleich schon ein Kommunikationsmodell, da sich für ihn
Sprache gar nicht ohne Berücksichtigung ihrer Funktion, hier: ihrer
Kommunikationsfunktion, betrachten lässt.
Abbildung C
(Sonnenhauser 2008)
In dieser Abbildung stellt der Kreis den materiellen Zeichenträger dar, das
"Schallphänomen", das dem
signifiant
in Saussures Modell entspricht. Das
Dreieck repräsentiert die Zeichenfunktion dieses Schallphänomens. Die drei
Seiten stehen dabei für das dreifache Verhältnis des Zeichens zu seiner
Umgebung: Ausdruck, Darstellung und Appell. Die gestrichelten Linien
zwischen Zeichen und Gegenstand sollen auch hier den auf Arbitrarität und
Konventionalität beruhenden Charakter des Zeichens zum Ausdruck bringen.
30
4.2. Die Bedeutung des sprachlichen Zeichens
Die Schwierigkeit beim Herausfinden der Bedeutung liegt in der Natur des
Untersuchungsgegenstandes. Die Bedeutung ist nämlich die nicht-materielle
Seite der Sprache. Sie ist nicht direkt, sondern nur über das materielle,
wahrnehmbare Zeichen zugänglich.
Wir haben gesehen, dass dieses sprachliche Zeichen laut Saussure ein
Lautbild und einen Begriff miteinander verbindet (vgl. Punkt 4.1.1.). Der Begriff
ist nicht einzelsprachlich, sondern kognitiv und kann universelle Inhaltsaspekte
haben. Er ist eine Ansammlung von Merkmalen. Diese Merkmale werden einem
Wort zugeordnet, wodurch der Begriff zur Bedeutung wird.
Nida betont (1975:14, zit. n. Goerling 1995:33), dass ein sprachliches Zeichen
keine Bedeutung "besitzt", vielmehr besteht es aus einer Gruppe von
Beziehungen. Um die Bedeutung eines Wortes herauszufinden, genügt es
nicht, es isoliert zu betrachten. Erst mit Hilfe semantischer, syntaktischer,
thematischer, kotextueller und kontextueller Faktoren lässt sich die Bedeutung
des Wortes bestimmen. (vgl. Goerling 1995:34)
In der modernen Linguistik unterscheidet man grob zwischen drei Richtungen
mit eigenen Theorien, die die Bedeutung von Wörtern jeweils unterschiedlich
definieren. In der Referenztheorie (siehe Punkt 4.2.1.) und der strukturellen
Semantik (siehe Punkt 4.2.2.) etwa spielt die Beziehung zwischen dem
sprachlichen Zeichen und seinem Referenten in der außersprachlichen Welt die
Hauptrolle. Deshalb bezeichnet man diese Ansätze als
referentielle
Theorien.
Die behavioristische Semantik (siehe Punkt 4.2.3.) und die Gebrauchstheorie
der Bedeutung (siehe Punkt 4.2.4.) sind
pragmatische
Ansätze, weil sie den
Schwerpunkt auf die Bedeutung einer sprachlichen Form in einem bestimmten
situativen Kontext legen. Die dritte Richtung mit der Theorie der
Prototypensemantik (siehe Punkt 4.2.5.) beruht auf einem
kognitiven
Ansatz,
der sich mit der Beziehung zwischen Sprache und Denken beschäftigt. 22
22 vgl. Wikipedia:
Semantik
(Punkt 11.2.)
31
4.2.1. Bedeutung als bezeichnetes Objekt
Die Referenztheorie geht davon aus, dass das sprachliche Zeichen immer für
ein Objekt der außersprachlichen Wirklichkeit steht. In dieser Theorie sind
Wörter Namen für Objekte (Sasse 200823). Die Beziehung eines Wortes zu dem
Objekt, das es beschreibt, ist meist arbiträr24. Einzuwenden ist bei dieser
Theorie, dass Wörter auch ganze Klassen von Objekten bezeichnen können
und nicht unbedingt nur ein Objekt alleine. Es kann auch vorkommen, dass
zwei Wörter denselben Referenten, aber eine unterschiedliche Bedeutung
haben, z.B. "Barack Obama" und "der Präsident von Amerika". Zudem könnte
beispielsweise der Satz "Ich sah niemanden" mit der Referenztheorie nicht
erklärt werden, da "niemand" keinen Referenten in der außersprachlichen
Wirklichkeit hat. (vgl. Sasse 2008:1; Lycan 2004 25)
4.2.2. Bedeutung als innersprachliches Beziehungsgeflecht
Die strukturelle Semantik besagt, dass die Sprache aus abstrakten Strukturen
besteht. Die Bedeutung sprachlicher Zeichen ergibt sich aus ihren Beziehungen
zu anderen sprachlichen Zeichen im Sprachsystem. Zur Bestimmung der
Bedeutung verwendet die strukturelle Semantik die Merkmalanalyse (siehe
Punkt 5.1.2.). (vgl. Sasse 2008:2)
4.2.3. Bedeutung als beobachtbare Verhaltensweise
Im Behaviorismus wird Bedeutung als beobachtbares Verhalten definiert. Die
Vorstellung von einem mentalen Bild wird abgelehnt. Sprache ist nichts anderes
als Verhalten, das öffentlich beobachtbar ist und die Bedeutung von Wörtern ist
nur aus ihrem Gebrauch erkennbar. Bloomfield gibt folgende Definition:
,,We have defined the meaning of a linguistic form as the situation in
which the speaker utters it and the response which it calls forth in the
hearer." (Bloomfield 1933:139)
23 Punkt 11.2.
24 willkürlich, beliebig, nicht natur-notwendig oder abbildend
25 Punkt 11.2.
32
Er fügt hinzu, dass für eine genaue Definition der Bedeutung eines Wortes die
gesamte Welt des Sprechers wissenschaftlich genau erklärt sein müsste. (vgl.
Sasse 2008:2)
4.2.4. Bedeutung als Gebrauch
Die Gebrauchstheorie, die eng mit dem Namen des Wiener Philosophen
Ludwig Wittgenstein (1889-1951) verbunden ist, bestimmt die Bedeutung von
Wörtern anhand ihrer Verwendung. Deshalb werden bei diesem Ansatz vor
allem Regeln für den Sprachgebrauch in Form von Kollokationen also
charakteristischen, häufig auftretenden Wortverbindungen untersucht.
Natürlich sind für die wissenschaftliche Fundiertheit solcher Analysen
umfangreiche Materialien notwendig. (vgl. Sasse 2008:3)
Keller sagt dazu:
"Wenn du weißt, wie ein Wort verwendet wird, wenn du die Regel
seines Gebrauchs in der Sprache [...] kennst, weißt du alles, was es
zu wissen gibt. Wenn du jemandem die Bedeutung eines Wortes
beibringen willst, so bringe ihm bei, wie dieses Wort in der Sprache
verwendet wird." (Keller 1995:65)
4.2.5. Bedeutung als Zugehörigkeit zu einer Kategorie
Die Wortbedeutung kann auf Grundlage von so genannten Prototypen
erschlossen werden. Sasse fasst es so zusammen (2008:5f): Ein Prototyp ist
die mentale Repräsentation eines typischen Mitglieds einer Kategorie. Die
Mitglieder von Kategorien lassen sich auf einem Kontinuum der
Kategorienzugehörigkeit anordnen. Das heißt, verschiedene Mitglieder sind
unterschiedlich repräsentativ und typisch für eine Kategorie. Der ideale
Repräsentant ist der Prototyp.
Das Modell der Prototypensemantik beruht auf folgenden Annahmen: Es gibt
gute und schlechte Vertreter einer Kategorie. Die Grenzen zwischen Begriffen
sind unscharf. Die Zugehörigkeit eines Begriffs zu einer Kategorie entscheidet
sich nicht auf Grundlage seiner Eigenschaften, sondern seiner
Familienähnlichkeit.
33
5.
Semantische Ansätze in der Übersetzungstheorie
Die Übersetzungswissenschaft war schon immer eng mit der Linguistik
verknüpft. So soll in diesem Punkt beschrieben werden, wie sich die
vorhergehenden Erkenntnisse über sprachliche Zeichen und ihre Bedeutung in
der Diskussion darüber, wie übersetzt werden soll also wie sprachliche
Zeichen und ihre Bedeutung aus einer Sprache in eine andere Sprache
übermittelt werden sollen niedergeschlagen hat. Stolze (32001:41) fasst es so
zusammen:
"Das Übersetzen ist im Modell eine Koordination
ausgangssprachlicher und zielsprachlicher Zeichen zu demselben
Gemeinten."
Erwähnt werden nun hier drei unterschiedliche Zugänge zur Semantik in der
Übersetzungswissenschaft. Alle drei leisten einen einzigartigen Beitrag und
müssen einander ergänzen.
5.1. Strukturelle
Ansätze
5.1.1. Wortfeldtheorie
Die Theorie, dass Wortbedeutungen in semantischen Feldern angeordnet sind,
beginnt mit dem Werk Saussures und baut auf der Sicht von Sprache als
System auf. Die Bedeutungen von Wörtern sind in unserem mentalen Lexikon
nicht isoliert abgelegt, sondern stehen in vielfältigen Beziehungen zu den
Bedeutungen anderer Wörter. Viele Wörter lassen sich aufgrund dieser
Beziehungen in semantischen Einheiten den Wortfeldern oder semantischen
Feldern zusammenfassen. Ein solches Feld besteht aus Wörtern, die
gemeinsam einen Bedeutungsbereich abdecken und deren Bedeutungen sich
in diesem Bereich auch gegenseitig abgrenzen. Sie besitzen gemeinsame
semantische Merkmale, haben einen gemeinsamen Referenzbereich und
gehören meist der gleichen Wortklasse an, das heißt, sie stehen in
paradigmatischer Relation zueinander. Diese Relation kann mit Hilfe der
Merkmalanalyse (siehe Punkt 5.1.2.) erschlossen werden, indem ähnliche
Wörter einander gegenüber gestellt werden. Allerdings sind diese semantischen
34
Felder nicht immer ganz präzise eingeteilt und umrissen. Manchmal gibt es
Lücken und manchmal sind die Grenzen zwischen den Wörtern unscharf,
weshalb es hilfreich sein kann, die Theorie mit der Prototypensemantik zu
ergänzen. Ein Beispiel für ein Wortfeld sind Farbwörter. (vgl. Schwarz/Chur
1993:60; Goerling 1995:129,133)
Mit der Wortfeldtheorie kann eine einzelne Sprache analysiert werden, aber sie
ermöglicht es auch, die Sprachsysteme verschiedener Sprachen miteinander zu
vergleichen. Im Zusammenhang mit der Wortfeldtheorie gab es einerseits die
Suche nach sprachlichen Universalien und die Verknüpfung mit der
Universalgrammatik, einer Theorie, die besagt, dass alle Sprachen
gemeinsamen Prinzipien folgen, die allen Menschen angeboren sind.
Andererseits vertrat etwa Benjamin Lee Whorf die sprachliche
Relativitätstheorie, laut der jede Sprache ihre eigene Welt aufbaut und die
Welterfahrung somit von den Strukturen der eigenen Sprache geprägt wird. Zu
dieser Ansicht passt die Tatsache, dass einige Bereiche des Wortschatzes
stark strukturiert und kulturspezifisch sind Bereiche wie etwa
Verwandtschaftsbezeichnungen. Natürlich können solche Bereiche einfacher
definiert und beschrieben werden als weniger konkrete und eindeutige
semantische Felder wie zum Beispiel biblische Schlüsselbegriffe. (vgl.
Schwarz/Chur 1993:64; Bolin 2005:1026)
5.1.2. Merkmalanalyse
Die Merkmalanalyse (componential analysis) ist eine und wahrscheinlich die
bedeutendste von mehreren Methoden, um ein semantisches Feld zu
bestimmen und zu organisieren. Die beispielgebende Methodologie für die
Merkmalanalyse war die strukturalistische Phonologie, die jedes einzelne
Phonem als Bündelung von Plus-Minus-Merkmalen beschrieb. In der modernen
Linguistik wurde diese analytische Vorgehensweise auf die Untersuchung von
Merkmalen bei Wörtern übertragen. Genau so wie die Lautstruktur der
natürlichen Sprachen anhand eines universalen Inventars phonologischer
Merkmale beschrieben werden könne, so sollte das semantische Grundinventar
einer Sprache unter Verwendung semantischer Merkmale aus einem
26 Punkt 11.2.
35
Universalinventar beschreibbar sein. Man nahm an, dass Menschen auf Wörter
so reagieren, als ob sie Bündelungen semantischer Merkmale wären (Larson
1984:55-65), und dass jeder Begriff, der ja ein Bündel semantischer Merkmale
ist, durch die Aufsplittung in seine kleinsten semantischen Einheiten (die
semantischen Merkmale) genau definiert werden kann. (vgl. Goerling 1995:153;
Stolze 32001:49f)
Die Merkmalanalyse bei Nida
Nida (1964:82ff) beschreibt die Merkmalanalyse als eine Methode zur Analyse
der Bedeutung von Wörtern, die miteinander in Beziehung stehen. Wichtig ist,
dass diese Wörter bestimmte gemeinsame sowie distinktive Merkmale
aufweisen. Dazu legt er fünf Schritte fest:
(1) Bestimmung einer begrenzten Menge von Begriffen, die gemeinsame und
distinktive Merkmale aufweisen und in mehrdimensionalen Beziehungen
stehen
(2) möglichst genaue Definition der Begriffe in Bezug auf die bezeichnete
außersprachliche Wirklichkeit
(3) Bestimmung der distinktiven Merkmale
(4) Definition jedes Begriffs mittels seiner distinktiven Merkmale
(5) Erstellung einer Übersicht über die Beziehungen zwischen den Begriffen
anhand ihrer distinktiven Merkmale z.B. durch ein Diagramm
Nida verwendet zur Veranschaulichung der Methode
Verwandtschaftsbezeichnungen: Nehmen wir ein Verwandtschaftssystem mit
ego
als der zentralen Person.
Vater
und
Mutter
teilen sich das gemeinsame
Merkmal, dass sie zu einer älteren Generation als
ego
gehören, unterscheiden
sich aber im Geschlecht. Somit dienen die beiden Merkmale Generation und
Geschlecht zur Definition der Beziehung von
ego
zu
Vater
und
Mutter
. Nun
können die Verwandtschaftsbezeichnungen auch auf
Großmutter, Großvater,
Enkel, Enkelin, Sohn, Tochter, Onkel, Tante, Neffe, Nichte, Cousin, Cousine
usw. ausgeweitet werden, was wiederum weitere Merkmale ins Spiel bringt.
Durch die Anwendung der oben erwähnten fünf Schritte auf eine begrenzte
Anzahl von Verwandtschaftsbezeichnungen innerhalb einer Gruppe von
36
biologisch verwandten Personen kann sehr deutlich gemacht werden, wie eine
Merkmalanalyse genau aussieht:
(1) Die gewählten Begriffe sind
Großvater, Großmutter, Vater, Mutter, Bruder,
Schwester, Sohn, Tochter, Enkel, Enkelin, Onkel, Tante, Cousin, Cousine,
Neffe
und
Nichte.
(2) Diese Begriffe werden anhand der untereinander bestehenden Beziehungen
definiert.
Großvater:
VaVa, VaMu
Va
= Vater
Großmutter:
MuVa, MuMu
Mu = Mutter
Vater:
Va
Br
= Bruder
Mutter:
Mu
Sc
= Schwester
Bruder:
Br
So
= Sohn
Schwester:
Sc
To
= Tochter
Sohn:
So
VaVa = Vater des Vaters usw.
Tochter:
To
Enkel:
SoSo,
SoTo
Enkelin:
ToSo,
ToTo
Onkel:
BrVa, BrMu
Tante:
ScVa,
ScMu
Cousin:
SoBrVa, SoBrMu, SoScVa, SoScMu
Cousine:
ToBrVa, ToBrMu, ToScVa, ToScMu
Neffe:
SoBr, SoSc
Nichte:
ToBr,
ToSc
(3) Um die distinktiven Merkmale dieser Begriffe zu bestimmen, untersucht
man, welche Bedeutungsmerkmale einige Begriffe gemeinsam haben und
andere voneinander unterscheiden. So unterscheiden sich beispielsweise
alle Begriffe durch ihr Geschlecht, einige durch die Generation.
Großvater,
Vater, Sohn
und
Enkel
weisen etwa alle dasselbe Geschlecht auf,
unterscheiden sich aber dadurch grundlegend, dass sie einer anderen
Generation angehören.
Man erhält drei Klassen von distinktiven Merkmalen:
a) Geschlecht (GT): männlich (gt1) und weiblich (gt2)
37
b) Generation (GN): zwei Generationen vor ego (gn1), eine Generation vor
ego (gn2), die Generation von ego (gn3), eine Generation nach ego
(gn4), zwei Generationen nach ego (gn5)
c) Grad der Verwandtschaft (GD): Bei gd1 sind die betreffenden Personen
direkte Vorfahren oder Nachkommen von ego, bei gd2 und gd3 ist der
Verwandtschaftsgrad jeweils um eine Stufe indirekter.
(4)
Definiert man die Bedeutung der Verwandtschaftsbezeichnungen auf
Grundlage dieser Merkmalsklassen (Geschlecht, Generation und
Verwandtschaftsgrad) neu, erhält man folgende Beschreibung:
Großvater:
gt1gn1gd1
Großmutter:
gt2gn1gd1
Vater:
gt1gn2gd1
Mutter:
gt2gn2gd1
Bruder:
gt1gn3gd2
Schwester:
gt2gn3gd2
Sohn:
gt1gn4gd1
Tochter:
gt2gn4gd1
Enkel:
gt1gn5gd1
Enkelin:
gt2gn5gd1
Onkel:
gt1gn2gd2
Tante:
gt2gn2gd2
Cousin:
gt1gn3gd3
Cousine:
gt2gn3gd3
Neffe:
gt1gn4gd2
Nichte:
gt2gn4gd2
(5) Die Beziehungen zwischen diesen Begriffen können nun auch graphisch
dargestellt werden, natürlich in verschiedener Form:
38
Tabelle A
r
r
r
r
r
r
r
Großvate
Großmutte
Vate
Mutte
Brude
Schweste
Sohn
Tochte
Enkel
Enkelin
Onkel
Tante
Cousin
Cousine
Neffe
Nichte
gn1 + +
gn2
+ +
+ +
Generation gn3
+ +
+ +
gn4
+ +
+ +
gn5
+ +
Geschlecht gt1 + + + + + + + +
gt2 + + + + + + + +
gd1 + + + +
+ + + +
Grad gd2
+ +
+ +
+ +
gd3
+ +
Tabelle
B
gd1
gd2
gd3
gt1 gt2 gt1 gt2 gt1
gt2
gn1
Großvater Großmutter Onkel Tante
gn2
Vater Mutter
gn3
ego Bruder
Schweste
Cousin C
r ousine
gn4
Sohn Tochter Neffe Nichte
gn5
Enkel Enkelin
Nida weist darauf hin, dass die Merkmalanalyse nicht nur auf begrenzte
Begriffsmengen angewandt werden kann, sondern dass damit auch die
gemeinsamen Merkmale eines Bedeutungsfeldes bestimmt werden können.
Er zeigt dies anhand der hebräischen Wortwurzel
kbd.
Einige Bedeutungen des
Begriffs gelten in der Kultur als wünschenswert, andere als nicht
wünschenswert. Der Begriff kann mit physischem Gewicht zu tun haben, und
einige Bedeutungen drücken verschiedene Grade einer bestimmten Qualität
aus. Da sich einige Bedeutungen verschiedene Bedeutungsmerkmale teilen
und andere nicht, können die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffs
39
mithilfe einer Merkmalanalyse untersucht werden, um die Beziehungen
untereinander deutlicher aufzuzeigen.
Im Gegensatz zu der Merkmalanalyse bei einer begrenzten Begriffsmenge hat
diese Art der Merkmalanalyse nicht den Anspruch, alle distinktiven Merkmale
zwischen den verschiedenen Bedeutungen eines Begriffs zu bestimmen. Es ist
lediglich eine Methode, um eine Übersicht über eine bestimmte Anzahl
miteinander in Beziehung stehender Bedeutungen zu bekommen. (vgl. Nida
1964:90)
Die Merkmalanalyse hat mehrere Vorteile. Einerseits werden die distinktiven
Merkmale der Begriffe hervorgehoben und dadurch viele zusätzliche und
nebensächliche Merkmale, die für das Funktionieren des Systems nicht
entscheidend sind, von vornherein weggelassen. Es ist auch gar nicht die
Aufgabe der Merkmalanalyse, die Bedeutung eines Begriffs erschöpfend
darzustellen. Wird die Methode andererseits systematisch und gründlich
angewandt, treten oft Merkmale oder Gegensätze in Erscheinung, derer man
sich vorher gar nicht bewusst war. Außerdem ist die Merkmalanalyse eine
Methode, um das Funktionieren eines Systems auf einfache Weise sichtbar zu
machen.
Allerdings müssen auch die Grenzen der Merkmalanalyse erwähnt werden.
Diese Methode kann nur auf begrenzte, homogene Mengen von Begriffen
angewandt werden, die bestimmte gemeinsame und distinktive Merkmale
aufweisen. Weil der Fokus auf wenigen distinktiven Merkmalen liegt, bleiben
viele zusätzliche und konnotative Bedeutungselemente völlig unbeachtet. Die
Methode neigt dazu, sich mehr darauf zu konzentrieren, was der Begriff nicht
bedeutet als darauf, was er tatsächlich bedeutet und wie der Begriff mit
Bedeutung "gefüllt" werden kann.
40
Die Merkmalanalyse in der Übersetzungswissenschaft und -praxis
Für die Übersetzungswissenschaft war die strukturelle Semantik insofern von
Bedeutung, als dass sie darauf hinwies, dass die lexikalischen Systeme in zwei
verschiedenen Sprachen großteils nicht identisch sind, sondern dass es
vielfach Bedeutungsüberlappungen mit Konvergenzen und Divergenzen gibt.
Daraus folgend fand die Merkmalanalyse Eingang in die
Übersetzungswissenschaft. Es sollten nicht Wörter übersetzt werden, sondern
eben die Bündelungen semantischer Merkmale, aus denen die Wörter
bestehen. Mit Hilfe der Merkmalanalyse löst man sich von der Wortform in der
Ausgangssprache und kann im nächsten Schritt die Merkmale neu in eine
zielsprachliche Wortform füllen (Kußmaul 21999:49). Newmark definiert das
Übersetzen als "an ordered rearrangement of sense components" (1988:115)
und stellt damit die Bedeutung der Merkmalanalyse für die Ermittlung dieser
components
(Merkmale) klar heraus. Ihr Zweck ist, die semantischen Merkmale
eines ausgangssprachlichen Wortes mit einem zielsprachlichen Wort zu
vergleichen und sie einander gegenüberzustellen.
Beim Anwenden der klassischen Merkmalanalyse in der Übersetzungspraxis
muss man sich wiederum ihrer Grenzen bewusst sein. Oft reicht der binäre
Ansatz mit seinen Plus-Minus-Merkmalen nicht aus. Es gibt beispielsweise
keine einfachen Lösungen für Synonymie, Polysemie und Metaphern. Im
Bereich der Bibelübersetzung gilt dies für die Frage nach einer adäquaten
Übersetzung von biblischen Schlüsselbegriffen: Auch hier genügt es nicht, sich
auf die gemeinsamen und distinktiven Merkmale zwischen ausgangs- und
zielsprachlichen Wörtern zu beschränken. Es kommen noch viele weitere
Faktoren ins Spiel.
Zudem könnte man sagen, dass die Merkmalanalyse eine Art "blinden Fleck"
für kulturbedingte Faktoren hat. Sie kann nie
alles
sichtbar machen, was Wörter
für einen Sprecher bedeuten können. Oft bleiben konnotative
Bedeutungselemente unbeachtet. Deshalb unterscheidet man bei der
Merkmalanalyse zwischen analytischer und psychologischer Gültigkeit. Die
Ergebnisse einer Merkmalanalyse müssen immer auch mit den Definitionen,
Kategorisierungen und Beschreibungen, sowie dem sprachlichen und
außersprachlichen Verhalten von Sprechern der Zielsprache verglichen werden.
41
Psychologische Gültigkeit kann durch das Miteinbeziehen anderer Ansätze eher
erreicht werden, zum Beispiel indem man die Merkmalanalyse in die kognitive
Semantik (siehe Punkt 5.2.) einbindet. (vgl. Goerling 1995:152)
Doch auch hier sind die Vorteile der Methode zu erwähnen: Dass die
Merkmalanalyse sehr hilfreich ist, um die Bedeutung sowohl innerhalb einer
Sprache als auch zwischen verschiedenen Sprachen zu bestimmen, ist heute
allgemein anerkannt. Sie birgt ein großes Potenzial für die praktischen
Erfordernisse des Bedeutungstransfers, und zwar besonders da, wo sich die
Suche nach einem zielsprachlichen Äquivalent schwierig gestaltet. Und man
muss auch nicht mehr von der Merkmalanalyse erwarten als sie verspricht.
In der Bibelübersetzung geht es zum Beispiel oft nur darum, die Kernmerkmale
eines Begriffs in einem bestimmten Kontext zu erfassen. Dafür ist die
Merkmalanalyse sehr gut geeignet. Es geht beim Übersetzen nicht darum, die
gewonnenen Erkenntnisse dazu zu verwenden, einen langen Satz zu
konstruieren, der alle semantischen Merkmale des Ausgangstextes wiedergibt,
und diesen Satz dann in jedem Kontext zu verwenden. Vielmehr dient die
Methode dazu, das vorherrschende Merkmal oder die vorherrschenden
Merkmale im Kontext des Ausgangstextes zu ermitteln, um sie dann adäquat in
die Zielsprache übertragen zu können.
Die Merkmalanalyse spielt beim Übersetzen von Schlüsselbegriffen in der Bibel
eine wichtige Rolle. Meist hat ein ausgangssprachliches Wort keine ganz
genaue Entsprechung in der Zielsprache. Es hat einige gemeinsame
Bedeutungsmerkmale mit dem zielsprachlichen Wort, unterscheidet sich
vielleicht durch einige Merkmale vom zielsprachlichen Wort oder überschneidet
sich mit dem zielsprachlichen Wort. Ganz genaue Entsprechungen gibt es
kaum. Mit Hilfe der Merkmalanalyse kann der Übersetzer richtige
Entscheidungen treffen, indem er nicht Bedeutungen, sondern
Bedeutungskomponenten überträgt.
Die Merkmalanalyse kann weiters dabei helfen, ein ausgangssprachliches Wort
durch zwei oder mehrere zielsprachliche Wörter oder durch eine Paraphrase zu
übersetzen, sie ermöglicht die Unterscheidung der Bedeutung zweier
Synonyme in der Ausgangssprache und sie kann Lücken im zielsprachlichen
Lexikon aufdecken und füllen.
42
Wenn die Merkmalanalyse nicht als alleinige Methode zur
Bedeutungsbestimmung verwendet wird, sondern mit anderen Ansätzen
kombiniert und in ein realistischeres Bedeutungsmodell eingebettet wird, kann
sie einen sehr wertvollen Beitrag leisten. (vgl. Goerling 1995:134f, 164ff)
Ergänzungsbedarf bei der Merkmalanalyse
Zweifellos sind Bedeutungsmerkmale für das Funktionieren eines Systems
wichtig, aber im Bewusstsein des Sprechers stehen sie nicht im Vordergrund.
Er wäre ganz sicher mit den ermittelten Merkmalen einverstanden, doch viel
eher denkt er in Form von Wortfeldern und Begriffskategorien als in Form von
distinktiven Merkmalen, die auf der klassischen aristotelischen Logik beruhen
(Nida 1964:87). Als sich herausstellte, dass mit der Merkmalssemantik die
Bedeutung nicht erschöpfend beschrieben werden kann und sie besonders für
schlecht definierte, sehr komplexe Bereiche und für unscharfe
Wortbedeutungen unzulänglich ist, wurden andere Theorien wie etwa die
Prototypensemantik entwickelt.
5.2. Kognitive
Ansätze
Die kognitive Semantik ist eine Forschungsrichtung der Linguistik, die den
mentalen Charakter semantischer Phänomene in den Mittelpunkt ihrer
Untersuchungen stellt (Schwarz 1994:10). Sie beschäftigt sich mit der Frage,
wie sich unser Denken in unserer Sprache niederschlägt. Bedeutungen werden
als kognitive Einheiten aufgefasst und mit den Mitteln der
Kognitionswissenschaft untersucht.
Für die praktische Übersetzungstätigkeit ist ein grundlegendes Verständnis für
kognitive Zusammenhänge und die inneren Prozesse, die beim Übersetzen
ablaufen, unerlässlich. Hanna Risku (21999,119f) führt einige Fragen an, auf
welche die Kognitionswissenschaft Antworten sucht: Was geschieht im Kopf der
Übersetzer? Warum fällt ihnen das eine leicht und das andere schwer? In
welchem Sinne können Zielsituationen und Ausgangstexte
verstanden
werden?
Wie können Texte
verständlich
gestaltet werden? Gibt es im Denken etwas
Universelles, interkulturell Gleichbleibendes?
43
Auf Basis der Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung entwickelten sich unter
anderem die Prototypensemantik und die Scenes-and-frames-Semantik, die
einen wichtigen Beitrag für die Übersetzungstheorie- und praxis geleistet haben
und hier erwähnt werden sollen:
5.2.1. Prototypensemantik
Von Aristoteles bis Wittgenstein waren stets monothetische Kategorisierungen
zur Bestimmung der Bedeutung verwendet worden, d.h. eine Kategorie wurde
durch eine Anzahl von Merkmalen bestimmt. Kategorien wurden als abstrakte
Behälter gesehen und Dinge wurden nur derselben Kategorie zugeordnet, wenn
sie bestimmte Merkmale teilten. Doch arbeitet das menschliche Gehirn wirklich
so, dass es immer in genau definierten Kategorien denkt, indem es bei
sprachlichen Verstehens- und Produktionsprozessen quasi eine Liste von
logisch bestimmbaren Merkmalen abhakt?
Ab den 1970er Jahren erlebte die Linguistik einen kognitiven
Paradigmenwechsel, als man begann, das Augenmerk verstärkt auf die Rolle
der menschlichen Kognition bei der Sprachproduktion zu richten.
Ausgangspunkt dafür war die Prototypentheorie von Eleanor Rosch. Die
Prototypensemantik distanziert sich von der Theorie, dass Kategorien klar
definierte, durch gemeinsame Merkmale bestimmte Grenzen haben und weist
darauf hin, dass unser sprachliches kategoriales Denken sehr stark von
unseren Erfahrungen und Emotionen bestimmt wird. Die Kategorien, in denen
wir denken, haben einen Kern und unscharfe Ränder (
fuzzy edges
). Ein
Prototyp ist der typischste, repräsentativste oder zentralste Vertreter innerhalb
einer Kategorie.
Eleanor Rosch führte Beispiele an, die inzwischen klassisch geworden sind:
Befragungen unter Sprechern der englischen Sprache zur Kategorie "Vogel"
ergeben, dass etwa Rotkehlchen oder Spatzen für diese Kategorie typischer
sind als Pinguine oder Strauße. Ein Pinguin ist kein Prototyp eines Vogels,
sondern gehört eher zum Randbereich der Kategorie. Würde man jedoch
beispielsweise die gleiche Befragung bei Steppenbewohnern in Afrika
durchführen, könnte es sehr gut sein, dass Strauße für die Menschen ganz
alltäglich sind und somit zum Kern der Kategorie gehören. Das zeigt, dass die
Kultur bestimmt, was als Prototyp gilt.
44
Charakteristisch für die Prototypensemantik ist Polysemie als Kategorisierung.
Das heißt, dass verwandte Wortbedeutungen Kategorien bilden und
Familienähnlichkeit aufweisen. Ein weiterer wichtiger Beitrag der
Prototypensemantik ist der Begriff des Prototypikalitätsgrades. Die
Prototypikalität ist ein graduelles Konzept, mit dem beschrieben wird, wie
repräsentativ, wie wahr, wie stark usw. ein Vertreter innerhalb einer Kategorie
ist.
Als hilfreicher Ansatz dafür erwies sich die der aristotelischen Logik
entgegengesetzte Fuzzy-Logik. Hier wird die Wirklichkeit auf unscharfe Fuzzy-
Mengen abgebildet. Genau so wie ein distinktives Merkmal bestimmen kann, ob
ein Begriff in eine Kategorie gehört (entweder/oder oder wahr/falsch), kann
auch eine quantitative Variable den Grad der Zugehörigkeit zu einer Kategorie
beschreiben ("weniger wahr", "eher wahr", großteils wahr"). Dies entspricht dem
normalen menschlichen Denken mehr. Die menschliche Sprache ist eher vage
und unexakt, und das muss sich auch in der Semantik widerspiegeln.
Für die interkulturelle Kommunikation und im Fall der vorliegenden Arbeit für
den Bereich der Bibelübersetzung sind die Erkenntnisse der
Prototypensemantik sehr hilfreich, weil sie deutlich machen, dass
unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Kategorien bilden oder die
Prototypikalität anders bewerten. Das Konzept der Fuzziness oder Unschärfe
von Kategorien ist in nicht-westlichen Kulturen und Glaubenssystemen im
Denken viel stärker ausgeprägt als im Westen, wo die traditionelle dichotome
Logik vorherrscht.
Die Prototypensemantik ist auch wichtig für das Verständnis von Unterschieden
und Gemeinsamkeiten zwischen von der Kultur oder der Religion geprägten
abstrakten Begriffen, wozu biblische Schlüsselbegriffe gehören. Solche Begriffe
haben in einer anderen Sprache oft potentielle Äquivalente mit dem gleichen
Kern aber unterschiedlichen Rändern. Je nach dem, welche Bereiche von den
Bedeutungsrändern in einem spezifischen Kontext aktualisiert werden, und je
nach Funktion des Begriffs im Text, muss unterschiedlich übersetzt werden,
manchmal nur der Kern, manchmal der Kern und die Ränder und manchmal nur
die Ränder. (vgl. Kußmaul 21999:50; Goerling 1995:44-50)
45
5.2.2. Scenes-and-frames-Semantik
Im Jahre 1977 veröffentlichte Charles J. Fillmore einen Aufsatz mit dem Titel
Scenes-and-frames semantics
. Diese Theorie besagt, dass die Menschen über
ein Inventar an Schemata verfügen, das sie zur Deutung von Erfahrungen
heranziehen und jeweils auf den Einzelfall anwenden. Wie sich ein Sprecher die
Bedeutung eines Wortes vorstellt, hängt von seinen bisherigen Erfahrungen ab
und wird von der Kommunikationssituation und dem Kontext beeinflusst.
Fillmore schreibt:
On this view, the process of using a word in a novel situation involves
comparing current experiences with past experiences and judging
whether they are similar enough to call for the same linguistic coding.
(Fillmore 1977:57)
Scenes
und
frames
aktivieren einander gegenseitig.
Scenes
sind in dieser
Theorie kognitive Strukturen "Bilder von Welt" im Kopf eines Menschen und
sind begrenzt durch die
frames
,
die sprachlichen Formen für diese Bilder.
Denken, Verstehen, Lernen und Kommunikation laufen so ab, dass wir
zunächst zu den
frames
einen Zugang finden, der auf unserem durch die
persönliche Erfahrung entstandenen Weltwissen beruht. In die
frames
fallen
Wörter, die zu einer bestimmten komplexen Situation oder
scene
gehören.
Wenn Kommunikation stattfindet, kann ein Sprecher üblicherweise annehmen,
dass der Hörer bei der Kenntnis eines Wortes auch die dazugehörige
scene
vor
Augen hat, sie muss nicht vollständig erklärt werden. Meist reicht es, eine
Komponente zu aktivieren, damit der Hörer dann die anderen notwendigen
Komponenten selbständig im Kopf hinzufügen kann. Wie in der
Prototypensemantik können
scenes
auch unscharfe Ränder haben.
Dieser Ansatz Fillmores mit
scenes
und
frames
wurde in der
Übersetzungswissenschaft sehr begrüßt, da er als Erklärungshypothese für die
Prozesse beim Übersetzen gut geeignet zu sein scheint. Der Übersetzer
arbeitet so, dass er zunächst die im Text-
frame
vorhandene Information
verarbeitet und in Verbindung mit seinen Erfahrungen daraus seine persönliche
scene
entwickelt. Im Übersetzungsprozess geht es dann darum, die
scenes
der
Textvorlage so weit wie möglich zu erhalten und sicherzustellen, dass die
46
gewählten
frames
in der Zielsprache adäquat sind für die
scenes
, die sie dort
beim Leser aktivieren sollen. Es geht nicht um einzelne Wörter, sondern darum,
ganze
scenes
zu schaffen.
Reichen die prototypischen
scenes
beim Übersetzer nicht aus, um eine
Übersetzung mit entsprechenden
frames
und folglich auch
scenes
in der
Zielsprache zu liefern, muss er wissen, mit welchen Hilfsmitteln er dies
erreichen kann. Sigrid Kupsch-Losereit (21999:65) zeigt anhand eines Beispiels,
wie diese Anforderung an den Übersetzer in der Praxis aussehen kann:
"In einem Text zu den Mai-Ereignissen 1968 spricht Sartre von les
matraques de la rue Gay-Lussac (Le Nouvel Observateur, 4.
November 1968). Der deutsche Leser kann die Szene nur verstehen,
wenn außersprachliches Wissen inferiert wird, also etwa durch eine
Übersetzung wie: "Das Einprügeln auf die Studenten in der Rue Gay-
Lussac" oder: "Das harte Zuschlagen der kasernierten Polizei am 10.
Mai 1968 im Quartier Latin". Die Leistung des Translators beruht
darauf, dass er eine aktuell-spontane Beziehung herstellt zwischen
dem AT [= Ausgangstext] und dessen kommunikativer und sozialer
Funktion, seinem Wissen und seinen Erwartungen, den für ihn
relevanten Handlungszusammenhängen sowie den translatorischen
Zielsetzungen."
Ein idealer Übersetzungsprozess findet statt, wenn der Übersetzer den
Ausgangstext bereits in Bezug auf die kommunikative und soziale Funktion des
Zieltextes versteht, wenn er die Bewusstseins- und Handlungsdimension seiner
Leser beachtet, sich an ihrem Weltwissen orientiert und ihre Erwartungen,
Verstehensbedingungen und -möglichkeiten einberechnet. Lässt er das
kulturspezifische Vorwissen, die sprachlichen und kulturellen Kenntnisse sowie
die Emotionen und Erwartungen des zielsprachlichen Lesers außer Acht, kann
dieser die Information aus der fremden Sprache und Kultur nicht in die eigenen
Wissens- und Handlungsstrukturen integrieren und das Verständnis wird
scheitern (vgl. Stolze 32001:181ff; Kußmaul 21999:50f; Risku 21999:121;
Kupsch-Losereit 21999:65).
47
Die Scenes-and-frames-Semantik ist für das Thema dieser Diplomarbeit
relevant, da das Konzept der
scenes
bei biblischen Schlüsselbegriffen sehr
stark zum Tragen kommt. Diese Schlüsselbegriffe können je nach Erfahrungen,
Hintergrund und Überzeugungen beim Autor des Textes, beim Übersetzer
sowie beim zielsprachlichen Leser sehr unterschiedliche
scenes
aktiviert haben
oder aktivieren. Dementsprechend wichtig ist es für den Übersetzer angesichts
der Tatsache, dass viele dieser Schlüsselbegriffe für das Gesamtverständnis
des Bibeltextes von entscheidender Bedeutung sind, Nachforschungen über die
beim Autor vorhandenen
scenes
zu unternehmen und in der Zielsprache
frames
zu wählen, die dort adäquate
scenes
auslösen. Übersetzer können im Sinne
dieser Theorie nie
re
produzieren, sie können nur Möglichkeiten für immer neue
Bedeutungskonstruktion bieten (Risku 21999:121).
Als Beispiel soll hier erwähnt werden, von welchen Faktoren die
scenes
in der
vorliegenden Arbeit bestimmt werden. Ein Faktor ist etwa die Bibel und ihre
Rolle in der Geschichte des Christentums. In Kapitel 3 wurde der historische
Rahmen der biblischen Texte und ihrer Übersetzung umrissen. Die
scenes
werden beeinflusst von der Politik, den Werten und Völkern der antiken
griechisch-römisch geprägten Welt sowie vom Sprach- und Kulturkontakt, der
zwischen verschiedenen Völkern stattgefunden hat (Griechisch-Latein,
Arabisch-Türkisch). Eine andere Rolle spielen die Texte, die in den Kanon des
Alten und Neuen Testaments aufgenommen wurden, wichtige Autoren wie
Paulus und die Überlieferung der Bibel. Diese Faktoren hatten einen Einfluss
auf die Urtexte, doch auch spätere Geschehnisse hinterlassen Spuren in den
scenes
, wie etwa die Zeit der Renaissance und die Reformation mit der
Entstehung der deutschen Lutherbibel und ihren wiederum sehr komplexen
politischen und religiösen Gegebenheiten. So ließen sich noch unzählige
andere Punkte nennen, die alle in die
scenes
der Schlüsselbegriffe in dieser
Arbeit fallen und derer man sich bewusst sein muss, um adäquate
Entscheidungen bei der Übersetzung von Schlüsselbegriffen zu fällen. (vgl.
Bolin 2005:22f)
5.2.3. Relevanztheorie
Die Relevanztheorie geht davon aus, dass die Menschen aus dem Verhalten
eines Gegenübers Schlüsse ziehen und verstehen können, was er meint.
Kommunikation beruht weniger auf der Übermittlung fester Inhalte durch
48
sprachliche Formen als auf dem Erkennen informativer Intentionen durch die
Zielperson. Dementsprechend soll es beim Übersetzen darum gehen, einen
Stimulus zu produzieren, den der zielsprachliche Leser gleich deutet wie der
ausgangssprachliche Leser das Original. Sprachliche Ausdrucksformen gelten
dabei im Sinne eines kognitiven Ansatzes als semantische Repräsentationen
mental gespeicherter Gedanken. Zur Deutung ist der Kontext sehr wichtig,
wobei man in dieser Theorie unter Kontext ein psychologisches Konstrukt
versteht, das eine Subform der Weltannahmen eines Lesers darstellt. Die
Relevanztheorie gründet weiters auf der Annahme, dass das menschliche
Denken auf eine Maximierung der Relevanz von Informationen ausgerichtet ist,
das heißt dass Menschen intuitiv zunächst die naheliegendste Deutung
einbringen. (vgl. Stolze 32001:266; Schulz 200127)
5.3. Pragmatische
Ansätze
5.3.1. Diskursanalyse
Die Diskursanalyse ist ein pragmalinguistischer Ansatz, der das Verhältnis von
Sprache, Individuum und Gesellschaft zu begreifen versucht und aufzeigt, wie
Bedeutungen interaktiv durch Sprache realisiert werden. Wörter funktionieren ja
nicht nur auf der Ebene der Einheit Satz und Absatz, sondern in ganzen
Diskursen, und deshalb müssen sie auf jeder dieser Ebenen untersucht werden
(Goerling 1995:170). Die Diskurstheorie ist nicht einfach eine Subdisziplin der
Linguistik, sondern kombiniert über disziplinäre Grenzen hinweg theoretische
und methodologische Ansätze aus Linguistik, Soziologie, Anthropologie und
Psychologie (Gruber/Kaltenbacher/Muntigl 2007:12).
Vorreiter für eine über die syntaktische Ebene hinaus gehende Betrachtung der
Sprache in der Linguistik war Zellig Harris. Den sich ergebenden weiteren
Bereich, die Beziehung der Sprache zum Kontext, nannte er "Diskurs". Sehr
vereinfacht könnte man Diskurs als den aktuellen Vollzug von Sprache in einer
Gesellschaft definieren. In der Linguistik wird der Diskurs oft als "language-in-
use" beschrieben, da es um die Frage geht, wie Bedeutung anhand von
mündlichen, schriftlichen oder visuellen Texten in spezifischen Kontexten
27 Punkt 11.2.
49
bestimmt werden kann (Macgilchrist 200928). Die Funktion von Wörtern im
Diskurs kann anhand von Fragen wie diesen untersucht werden (Goerling
19965:172f): Wo kommt das Wort vor? Mit welchen Wörtern bildet es
Kollokationen? Warum wird es verwendet? Wie oft kommt es vor? Welche
Funktion hat es im Diskurs? Kommt es nur in einem bestimmten Genre oder bei
einem bestimmten Autor vor? Dabei stehen nicht wie in der Textlinguistik die
Texte im Vordergrund, sondern der Diskurs wird als pragmatisches Phänomen
untersucht mit Hilfe der sprachlichen Struktur des Textes allerdings. In der
Diskursanalyse wird anstelle von erfundenen Beispielen bevorzugt Sprache in
ihrem realen und natürlichen Gebrauch analysiert. 29
Im Rahmen der Diskursanalyse kann Bedeutung auch mit Hilfe eines
diskursgeschichtlichen Ansatzes erforscht werden. Dabei werden die
Konstitution und der Wandel von Bedeutungskonstruktionen in
gesellschaftlichen Diskursen beschrieben. Dieser Ansatz ist wiederum für das
Thema dieser Arbeit interessant. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die
Bedeutung biblischer Schlüsselbegriffe während der Zeit von der Entstehung
der Texte bis heute einem Wandel ausgesetzt war. Anhand einer Sammlung
einem so genannten Korpus von meist öffentlichen Texten zu dem
untersuchten Thema lassen sich dann kollektive Denkweisen oder Mentalitäten
einer Zeit bzw. Zeitspanne und deren Wandel rekonstruieren (Meier-Schuegraf
200530).
Im Bereich der Bibelübersetzung fand ab den 1960er Jahren etwas wie eine
Diskursrevolution statt. Wichtig Vertreter dafür waren etwa Kathleen Callow,
Robert E. Longacre und andere. Kenneth L. Pike wies darauf hin, dass die
Linguistik über die Satzebene hinausgehen und sich auch mit der Diskursebene
sowie dem soziologischen Kontext befassen müsse. Von diesem Zeitpunkt an
wurde die Diskursanalyse auch verstärkt in die biblische Interpretation integriert.
(vgl. Goerling 1995:170)
28 Punkt 11.2.
29 vgl. Wikipedia:
Diskursanalyse /
discourse analysis
(Punkt 11.2.)
30 Punkt 11.2.
50
Da Bedeutung kontextabhängig ist und da die Wahl von Schlüsselbegriffen
hauptsächlich durch den Gebrauch bestimmt wird, müssen Bibelübersetzer die
Diskursanalyse auf Ausgangs- und Zielsprache anwenden.
Für die Originalsprachen Hebräisch und Griechisch müssen geschriebene
Texte ausreichen, da es keine lebenden Informanten mehr gibt. Aber zur
Bestimmung der Bedeutung dürfen nicht nur Wörterbücher, Konkordanzen oder
Wortstudien herangezogen werden, sondern die Urtexte müssen in ihrer
Gesamtheit analysiert werden. Denn letztlich lassen sich zuverlässige
Erkenntnisse über die Wortbedeutungen nur unter Einbeziehung des Kontexts
erschließen. Es kann vorkommen, dass sich eine Bedeutung aus einem Text
ergibt, in dem das Wort nicht einmal vorkommt, und manchmal enthalten der
Text selbst oder andere außerbiblische Texte sogar explizite Definitionen des
Wortes.
Für die Zielsprache ist es wichtig, die Analyse semantischer Felder unter
Einbindung des kognitiven Aspekts mit der Diskursanalyse zu kombinieren. Zur
Bestimmung der Bedeutung ist es vorteilhaft, konnotative und emotive
Bedeutungen mit Muttersprachlern zu testen. Mündliche oder schriftliche Texte
können auch hilfreiche "folk definitions" (Bedeutungserklärungen von
Nichtlinguisten) liefern. (vgl. Goerling 1995:171)
51
6.
Kultur in der Übersetzungstheorie
In der Übersetzungswissenschaft allgemein und in der Bibelübersetzung im
Besonderen wurde lange der Schwerpunkt auf die Untersuchung der
Ausgangssprache und der Zielsprache gelegt. Es wurden weder kulturelle
Perspektiven noch anthropologische Prinzipien systematisch und gründlich
angewendet, um Texte und Kontexte in diesen Sprachen zu verstehen. Lange
bestand ein Ungleichgewicht zwischen den linguistischen und den kulturellen
Aspekten in der Übersetzungswissenschaft, was sich ab den 1980er Jahren zu
ändern begann. (vgl. Goerling 1995:80)
Für moderne Bibelübersetzer ist es wichtig, sich bewusst zu sein, welche Fehler
in der Vergangenheit in diesem Bereich geschehen sind. Zu oft geschah
christliche Mission westlicher Missionare im Rahmen eines europäisch-
amerikanischen Denkmusters und kulturellen Hintergrundes. Man importierte
die eigenen Werte und hatte unbewusst ein Gefühl der Überlegenheit der
eigenen Kultur. So wurde der Zielkultur fast vermittelt, das Christentum sei ein
Teil der westlichen Kultur und die "heidnischen" Kulturen müssten sich zu dem
bekehren, was als christliche Kultur verstanden wurde. Nida sagt (1964:29),
dass dem Bibelübersetzer auch klar sein muss, dass für ihn völlige Objektivität
nicht möglich ist, da auch er selbst Teil eines kulturellen Kontexts ist. (vgl.
Sookhdeo 1997; Kraft 1997 31)
6.1. Kontextualisierung
Ein Schlagwort, das in dieser Diskussion und speziell im Bereich der
Bibelübersetzung und der christlichen Mission immer wieder auftaucht, ist
"Kontextualisierung" oder "Inkulturation". Man versteht darunter den Prozess
der "Einheimischwerdung" einer Botschaft im Kontext einer anderen Kultur.
Dies geschieht, indem den Menschen eine Botschaft durch neue Formen und
Darstellungen auf eine ihrer Vorstellungswelt angemessenen Art und Weise
nahe gebracht wird. Als Beispiel oder Modell für erfolgreiche Kontextualisierung
zieht man etwa die Menschwerdung Christi heran: So wie Christus menschliche
Gestalt annahm, soll auch das Evangelium eine Gestalt annehmen, die der
31 Punkt 11.2.
52
jeweiligen Kultur entspricht. Das Evangelium selbst bleibt dabei eine feste,
unveränderliche Größe, die nur einem anderen Kontext angepasst wird
(Schwark 2006:69f). Es geht in der Kontextualisierung weder darum, die
Botschaft des Evangeliums bloß besser verkaufen zu können und beliebter zu
machen, noch heißt es, dass Kulturkritik verboten ist. Kontextualisierung
bedeutet auch nicht, Strukturen oder Lehren einfach zu übertragen oder die
biblische Botschaft selektiv zu verwenden. 1997 wurden in Haslev in Dänemark
bei einem Kongress evangelikaler Missiologen, Theologen und Missionaren als
Endziel aller Kontextualisierungsbemühungen festgehalten:
"The vision of contextualisation is that Jesus Christ and his Kingdom
find fuller expression in the whole life of people in every culture." 32
Diese Zielvorgabe gibt auch Antwort auf die Frage, wie die zentralen Lehren der
Bibel kontextualisiert werden sollen, insbesondere zur Person und dem Werk
Christi. Christus, der Sohn Gottes, wurde als Jude mit dem Namen Jesus von
Nazareth Mensch. Die biblische Heilsgeschichte setzt die Norm für jede
Interpretation biblischer Inhalte und Begriffe fest. Der Geschichte und den
Traditionen anderer Kulturen kann nicht der gleiche Stellenwert beigemessen
werden wie der biblischen Botschaft, die durch einzigartige Offenbarung
entstanden ist, und dennoch müssen für eine Kontextualisierung Punkte
gefunden werden, wo sich die Kulturen treffen oder annähern können.
Andererseits ist wiederum Vorsicht geboten, damit Kontextualisierung nicht zum
Synkretismus wird die christliche Botschaft soll in die Welt gehen und nicht
umgekehrt.
Ernst Wendland (1987:21-27) nennt drei Schritte für erfolgreiche
Kontextualisierung in der Bibelübersetzung: Der erste Schritt ist die genaue
Untersuchung des ausgangssprachlichen Kontexts mit Hilfe einer gründlichen
Exegese unter besonderer Beachtung der biblischen Kulturen. Der zweite
Schritt ist die Untersuchung der Zielkultur, auch anhand von schriftlichen
Studien über die Kultur. Der dritte Schritt ist der Vergleich und die
32 vgl. Haslev 1997 Consultation Statement (Punkt 11.2.)
53
Gegenüberstellung der beiden Kulturen, um in der Übersetzung gegebenenfalls
Anpassungen vornehmen zu können.
6.1.1. Kontextualisierung im Islam
Dieser Abschnitt bezieht sich großteils auf das Kapitel
Contextualisation
in Fritz
Goerlings Dissertation über die Übersetzung von Schlüsselbegriffen in einem
muslimischen geprägten Umfeld (1995:15-32).
Kontextualisierung in einem muslimischen Kontext hängt natürlich sehr stark
davon ab, wie der Islam bewertet wird. Die zwei Fragen, die gestellt werden
müssen, lauten: Inwieweit darf und inwieweit muss die muslimische Kultur
verwendet werden, um die vermittelte biblische Botschaft zu kontextualisieren?
Die Antwort darauf ist in großem Maße von der Sicht der islamischen Kultur
abhängig.
Es gibt drei grundlegende Ansätze, wie der Islam in der christlichen Mission
unter Muslimen bewertet werden kann. Im 19. Jahrhundert gab es einen sehr
polemischen Ansatz, der unter der Vorgabe, "neutral zu sein", gegen den Islam
schrieb, zum Teil sogar seine Zerstörung forderte und anhand selbst
aufgestellter Kriterien zeigte, dass das Christentum die richtige "offenbarte
Religion" sei. Ein zweiter Ansatz stellte theologische Kriterien in den
Mittelpunkt, wobei die biblische Christologie das wichtigste Kriterium darstellte.
Der dritte Ansatz geht von der Bibel aus und erklärt anhand der Schlüsselstelle
Röm 1 und 2, wie Gott selbst Religionen bewertet, nämlich anhand dessen, wie
die Menschen mit dem Wissen umgegangen sind, das sie durch allgemeine
Offenbarung erhalten haben (Röm 1,19f; 2,15f).
Auch in Bezug auf die Frage der Kontextualisierung im Islam gibt es
unterschiedliche Positionen. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich dabei zwei
diametral entgegengesetzte Ansätze entwickelt. Goerling bezeichnet sie als
dialogical model
und als
contextualized approach
. Das Dialogmodell, das etwa
vom Weltkirchenrat vertreten wird, befürwortet freundlichen interreligiösen
Dialog und eine gegenseitige Ergänzung der Religionen untereinander. Man
verzichtet auf Mission und Gemeindebau unter Muslimen. Der kontextualisierte
Ansatz ist eine Synthese aus Bibelübersetzung, Linguistik, Kulturanthropologie
54
und Kommunikationstheorie. Dabei gelten alle Kulturen als gleichwertig für die
Vermittlung der biblischen Botschaft. Dieser vor allem von evangelikaler Seite
getragene Ansatz bemüht sich um eine Transformation eine auf Christus
ausgerichtete Transformation auf der Ebene der Weltanschauung einer
Person oder eines Volkes, die schlussendlich zu einer grundlegenden
Veränderung führt. Muslime sollen dabei für Christus gewonnen, zu Jüngern
gemacht und in Gemeinden integriert werden, die in der muslimischen
Gesellschaft verwurzelt sind.
Bei der Übersetzung der Bibel für Muslime treten besondere
Herausforderungen auf. Man kann sagen, dass Muslime grundsätzlich auf der
ganzen Welt die gleichen arabischen Begriffe für religiöse Konzepte
verwenden. Jeder Bibelübersetzer wird mit der Frage konfrontiert, inwieweit
diese Begriffe verwendet werden können und ob sie in beiden Religionen
dasselbe bedeuten. Was kann der Übersetzer tun, wenn es diesbezüglich
beträchtliche Unterschiede gibt? Die Antworten darauf sind kontextabhängig
und lassen sich auf folgende Gegensätze reduzieren:
1) Einheitlichkeit Erhalten der Unterschiedlichkeit
z.B.: Muslimische Terminologie verwenden und dadurch eine Sprache
"christianisieren"? Im Islam besteht kein Unterschied zwischen Form und
Inhalt, d.h. eine Verwendung von muslimischen Formen durch Christen in
einem muslimischen Kontext kann interpretiert werden als "Muslim sein"33.
2) Kontinuität Diskontinuität
z.B.: gemeinsame "Pfeiler" wie Bezüge auf das AT im Koran nutzen,
Neuinterpretation von Begriffen
3) Arabische Wörter lokale Wörter
z.B.: arabische Wörter ersetzen, wenn sich die Bedeutung gewandelt hat
6.2. Relevanz
In der Bibelübersetzung wurde in den letzen Jahren verstärkt nach der
Relevanz der übersetzten Texte gefragt (Der Begriff Relevanz in diesem Punkt
ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff in Punkt 5.2.3.). Goerling (1995:80ff)
33 vgl. Haslev 1997 Consultation Statement (Punkt 11.2.)
55
verwendet den Begriff Relevanz für das Ziel, dass die biblische Botschaft im
alltäglichen christlichen Leben und Verhalten Anwendung findet und nicht nur
den Verstand, sondern gleichermaßen Seele und Geist prägt.
Man kann es sich schlichtweg nicht leisten, kulturelle Gesichtspunkte und ihren
Einfluss auf die Bibelübersetzung außer Acht zu lassen, wenn man das Ziel
verfolgt, dass die Übersetzungen auch gelesen und verwendet werden. Es
geschah nur allzu oft, dass Übersetzungen produziert wurden, die
schlussendlich nicht verwendet wurden. Dies hing wohl damit zusammen, dass
die Übersetzungen von den kulturellen und / oder theologischen Ansichten der
Übersetzer beeinflusst waren, die dann ihren Weg in die Übersetzung und die
Vorstellungen des Christentums fanden, und so am Ende in der Zielkultur als
kulturell nicht relevant empfunden wurden. (vgl. Goerling 1995:83f)
Um optimale Relevanz zu erreichen, sollen sich die mit dem Ausgangstext
beabsichtigte Bedeutung und die Bedeutung, die aus dem Zieltext erschlossen
wird, so nahe wie möglich kommen. Je näher sie sich kommen, desto
relevanter wird die Botschaft sein und auf desto breitere Akzeptanz wird die
Übersetzung stoßen (Goerling 1995:91)
56
7. Kombinieren
der
Ansätze
Es ist für Übersetzer nicht empfehlenswert oder angebracht, sich einer einzigen
Übersetzungstheorie zu verschreiben und sich in der Übersetzungspraxis
darauf zu stützen davor warnen auch Übersetzungswissenschaftler.
Übersetzer müssen flexibel sein und in ihrer Arbeit verschiedene Ansätze
verbinden.
Übersetzen ist eine Kunst. Aber nicht nur.
Übersetzen ist eine Wissenschaft. Aber nicht nur.
Übersetzen ist beides zugleich,
manchmal eher das eine, manchmal eher das andere.
(vgl. Goerling 1995:63)
57
8. Meine
Methodologie
8.1. Grober
Umriss
Nachdem ich in den Kapiteln 4 bis 6 verschiedene Ansätze vorgestellt habe,
wie die Bedeutung von Wörtern bestimmt und übersetzt werden kann, möchte
ich in diesem Kapitel meine Methodologie präsentieren, die in den nächsten
Kapiteln bei der Analyse des biblischen Schlüsselbegriffs
addik
Anwendung
finden wird.
Zunächst möchte ich nochmals betonen, dass der Inhalt der Bibel für mich
keine bloßen Worte sind, sie ist nicht nur Literatur oder Geschichte oder
religiöses Regelwerk, sondern ihre Worte "sind Geist und sind Leben" (Joh
6,63). Das bedeutet, dass die Botschaft dieses Buches eine einmalige Kraft und
die Macht hat, das Leben eines Menschen zu prägen und zu verändern.
Demgemäß ist es mir ein Anliegen zu erforschen, wie diese Worte adäquat und
wirkungsvoll vermittelt werden können und welche Kriterien hierfür
entscheidend sind.
In Bezug auf die theoretische Grundlage ist mir vor allem wichtig, verschiedene
Ansätze miteinander zu kombinieren und sie nicht gegeneinander auszuspielen.
Jeder Ansatz kann einen einzigartigen Beitrag zur Bedeutungsbestimmung und
zur Übersetzung leisten. In Verbindung mit den Stärken anderer Ansätze
kommt man deshalb viel weiter als mit einem Ansatz allein.
In meiner Analyse des biblischen Schlüsselbegriffs
gerecht
werden zunächst
die semantischen Felder des Begriffs in den verschiedenen Sprachen
festgelegt. Anhand der strukturellen Ansätze der Wortfeldtheorie und der
Merkmalanalyse wird der Schlüsselbegriff im Originaltext mit den
Entsprechungen in der Zielsprache verglichen. Erst wenn es ganz klar ist, was
dieser Schlüsselbegriff mit ähnlichen Begriffen im Wortfeld gemeinsam hat und
worin sie sich unterscheiden, wird eine adäquate Übersetzung des Begriffs
möglich.
58
Als nächstes werden Überlegungen angestellt, die auf den kognitiven Ansätzen
der Prototypensemantik und der Scenes-and-frames-Semantik beruhen. Es
wird untersucht, welcher Prototyp dem Schlüsselbegriff in der Ausgangs- und
der Zielsprache zugrunde liegt und welche Unschärfen vorliegen. Auch eine
Analyse der
scenes
, die in beiden Kontexten vom jeweiligen
frame
ausgelöst
werden, gehört zu dieser Analysestufe.
Schließlich wird noch der pragmatischere Ansatz der Diskursanalyse
ansatzweise oder so weit wie möglich auf die Analyse des Schlüsselbegriffs
angewandt. Sie ist für die notwendige Kontextbezogenheit verantwortlich und
zeigt, dass die Semantik ohne Pragmatik nicht funktionieren kann. So reicht
etwa eine Merkmalanalyse nie aus so exakt und vollständig sie auch sein
mag , um herauszufinden, welche konnotativen Bedeutungsmerkmale eines
Begriffs in einem bestimmten Kontext übersetzt werden sollen.
Der praktische Teil der vorliegenden Arbeit wird sich auch damit beschäftigen,
wie eine kontextualisierte und relevante Übersetzung des gewählten
Schlüsselbegriffs aussehen kann. Gerade für den muslimischen Kontext spielt
hier eine ganze Reihe von Faktoren eine wichtige Rolle, die bei einer solchen
Analyse gar nicht außer Acht gelassen werden kann, da sonst die gesamte
Diskussion nicht relevant ist.
Das Ziel meiner Betrachtung ist festzulegen, welche Kriterien für theologisch,
linguistisch und kulturell relevante Schlüsselbegriffe entscheidend sind und
inwiefern diese in den analysierten Bibelübersetzungen Anwendung gefunden
haben.
8.2. Konkrete
Vorgehensweise
8.2.1. Entsprechungen
Angefangen wird damit, dass ausgehend vom analysierten Schlüsselbegriff im
Hebräischen hier
addik
eine Tabelle mit allen Entsprechungen für das Wort
in den jeweiligen Übersetzungen (LUT, GNB und KK) erstellt wird. In dieser
Tabelle werden die Entsprechungen nach Häufigkeit untereinander aufgelistet
und nah verwandte oder zum selben Bedeutungsbereich gehörende Begriffe
59
teilweise zusammengefasst. In den Klammern wird angegeben, in welchen
Formen, Phrasen und Kollokationen das Wort am häufigsten vorkommt.
8.2.2. Das Wortfeld
Im nächsten Punkt wird das Wortfeld um
addik
herum aufgebaut und
graphisch sichtbar gemacht. Für die Ermittlung der Begriffe, die zu diesem
semantischen Feld gehören, gibt es verschiedene Wege.
Man kann so vorgehen, dass Bibelstellen des AT, in denen
addik
vorkommt,
mit den gleichen Stellen in anderssprachigen Übersetzungen verglichen
werden. In einer anderen Sprache wird der Begriff meist nicht so konkordant
übersetzt, dass es nur eine Entsprechung für den Begriff im Ausgangstext gibt.
Vielmehr findet man mehrere unterschiedliche Begriffe. Jetzt untersucht man
wieder, welche Entsprechungen es im hebräischen Text für diese
verschiedenen Begriffe gibt, und erweitert damit das Wortfeld.
Für das Hebräische ist der Parallelismus eine interessante Möglichkeit, ein
Wortfeld aufzubauen. Parallelismen werden im Hebräischen häufig als Stilmittel
in poetischen Texten verwendet. Sie entstehen durch parallele Syntax, d.h.
zwei oder mehrere aufeinander folgende gleiche Satzarten haben dieselbe
Abfolge ihrer Satzglieder und manchmal zusätzlich wörtliche Wiederholungen.
Oft wird ein Gedanke auf zwei Arten ausgedrückt, wie etwa in Ps 32,11: "Freuet
euch des Herrn und seid fröhlich, ihr Gerechten, / und jauchzet, alle ihr
Frommen." So treten etwa
addik
und
yasar
in der Bibel oft parallel auf, was
zeigt, dass sie im Denken ähnliche Bedeutung hatten und somit zum gleichen
Wortfeld gehören.
Auch Rückübersetzungen aus einer anderen Sprache helfen beim Aufbau eines
Wortfelds.
Als nächster Schritt werden die ermittelten Begriffe im Wortfeld um
addik
(im
Zentrum und grau schattiert) auf einer Art Kontinuum angeordnet. Wenn die
Bedeutung eines Begriffs der von
addik
sehr nahe kommt, wird er in der Nähe
von
addik
angesiedelt. Je weiter sich die Begriffe von
addik
entfernen, desto
weniger Ähnlichkeiten weisen sie auf. Begriffe, die sehr häufig miteinander
auftreten etwa in Parallelismen und deren Bedeutungen sehr ähnlich sind,
sind untereinander angeordnet. Die gestrichelten Rahmenlinien am rechten und
60
linken Ende des dargestellten Wortfelds sollen deutlich machen, dass das
Wortfeld hier nicht zu Ende ist, sondern in diese Richtungen erweitert werden
könnte.
Dann werden die einzelnen Bibelübersetzungen auf die Entsprechungen für die
Wörter im hebräischen Wortfeld untersucht. Es werden nur die am häufigsten
auftretenden Begriffe angeführt. Um Überlappungen sichtbar zu machen und zu
zeigen, inwiefern sich das Wortfeld in der jeweiligen Übersetzung vom
Hebräischen unterscheidet, werden für mehrmals auftretende Wörter gleiche
Farben verwendet. Das Wortfeld unterscheidet sich in jeder Übersetzung stark.
8.2.3. Merkmalanalysen
Für die Merkmalanalysen werden die Wortfelder wieder reduziert. Es werden
nur der hebräische Schlüsselbegriff
addik
und die wichtigsten Entsprechungen
in der jeweiligen untersuchten Übersetzung untereinander angeordnet. Die
Merkmale werden mithilfe des Projekts "Key Terms in Biblical Hebrew" von SIL
International und von Bibelkommentaren festgelegt. Die Daten aus dem KTBH-
Projekt wurden freundlicherweise von Christopher Samuel zur Verfügung
gestellt (persönliche Korrespondenz mit Samuel 2009). Welche Merkmale ein
Begriff aufweist, wird aus dem Text des AT erschlossen. Die
Gegenwartssprache bleibt hier unberücksichtigt. Die Tabelle für die
Merkmalanalyse wird jeweils kurz kommentiert.
8.2.4. Prototyp
Um den Prototypen zu bestimmen, wird die Frage gestellt: Welche
Beschreibung umschließt alle Begriffe? Welches Merkmal ist allen gemeinsam?
Zum Prototypen gelangt man analytisch und auch durch Intuition.
Nachdem ein Prototyp gefunden ist, werden alle Begriffe aus den
verschiedenen Übersetzungen graphisch auf einem Kontinuum angeordnet
mit dem Prototypen im Zentrum. Je nachdem, wie viele Merkmale sie mit dem
Prototypen teilen, d.h. wie hoch ihr Prototypikalitätsgrad ist, liegen sie näher
beim Prototypen oder weiter entfernt.
In einer zweiten graphischen Darstellung werden die Merkmale der
Merkmalanalyse über den Begriffen angeordnet und mit den Begriffen durch
61
durchgehende Linien oder gestrichelte Linien verbunden. Dies lässt den
Prototypikalitätsgrad noch deutlicher erkennen.
8.2.5. Scenes and frames
Für die Untersuchung der
scenes
wird zunächst der Ausgangstext genau
angesehen und untersucht, welche
scenes
beim Autor des Ausgangstextes
beim
frame
addik
aktiviert wurden. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass
bei den ursprünglichen Lesern des Textes sehr ähnliche
scenes
ausgelöst
wurden.
Anschließend werden die hervorgerufenen
scenes
in den Sprachen der
untersuchten Bibelübersetzungen analysiert. Da dieser Punkt eher umfangreich
ist, wird der Schwerpunkt auf die am häufigsten auftretenden Entsprechungen
für
addik
gelegt.
Eine Besonderheit ist hier, dass für das Türkische auch der Islam und der
Koran als entscheidende Einflussfaktoren auf die
scenes
berücksichtigt werden
müssen.
8.2.6. Diskursanalyse
Im letzten Punkt wird das Blickfeld nochmals vergrößert und auf den noch
weiteren Kontext ausgedehnt. Um die Bedeutung von
addik
zu verstehen,
genügt es nicht, beim AT stehenzubleiben. Vielmehr muss die gesamte Bibel
inklusive des NT in die Analyse miteinbezogen werden.
Für die Diskursanalyse in den Sprachen der untersuchten Bibelübersetzungen
steht noch weit mehr Analysematerial zur Verfügung als für den hebräischen
Ausgangstext. Zunächst kann natürlich auch wieder die gesamte Bibel
herangezogen werden, aber der Korpus kann dann auf alle zugänglichen
mündlichen und schriftlichen Texte der Gegenwartssprache erweitert werden.
Sehr hilfreich erweist sich für diese Analyse etwa die Internet-Suchmaschine
Google, womit man sich rasch einen groben Überblick über die Verwendung
eines Begriffs in der modernen Sprache verschaffen kann. Für die
Diskursanalyse wird zum Beispiel untersucht, mit welchen Begriffen
Kollokationen gebildet werden, wie der Begriff in der modernen Sprache
definiert wird, wie oft ein Begriff im Vergleich mit einem anderen vorkommt usw.
62
Praktischer Teil
9. Habakuk
2,4b
9.1. Warum
Habakuk
2,4b?
Der Ausgangsgedanke für die vorliegende Diplomarbeit war, dass ich mich mit
dem Thema Schlüsselbegriffe in der Bibel auseinandersetzen wollte. Doch
welche Begriffe sollten bei der Fülle an solchen ausgewählt werden? Anlässlich
meiner Recherchearbeiten besuchte ich unter anderem das "Graduate Institute
of Applied Linguistics" in Dallas, Texas in den USA. Ich konnte ein Gespräch
mit Christopher Samuel führen, der vorschlug, die Schlüsselbegriffe aus dem
Vers Genesis 15,6 zu wählen: "Abram
glaubte
dem HERRN und das rechnete
er ihm zur
Gerechtigkeit
." Tags darauf stieß ich "zufällig" auf den Vers in
Habakuk, der die gleichen Schlüsselbegriffe enthält, mir aber noch passender
für eine Ausarbeitung erschien: "der
Gerechte
aber wird durch seinen
Glauben
leben
" (Hab 2,4b).
Die Aussage dieses Verses ist für die Vermittlung der gesamten biblischen
Botschaft und des christlichen Glaubens von entscheidender Wichtigkeit. Man
kann sogar sagen, dass diese Stelle in äußerst komprimierter Form ausdrückt,
worum es geht. Müsste man die Bibel mit einem Satz zusammenfassen, könnte
man diesen Vers verwenden. Charles L. Feinberg schreibt in seinem
Kommentar über Habakuk, dass der jüdische Talmud an dieser Stelle alle 613
von Gott am Sinai erlassenen Vorschriften zusammengefasst sieht. Dieser Vers
ist der Schlüssel zum gesamten Buch Habakuk und das zentrale Thema der
ganzen Schrift, wodurch er zum "watchword of Christianity" wurde. (vgl.
Feinberg 21977:213f)
Bezeichnend für die Bedeutung von Hab 2,4b ist auch, dass dieser Vers
insgesamt dreimal im Neuen Testament aufgenommen und zitiert wird. Paulus
baut seine gesamte im Römerbrief dargestellte Lehre über Glauben und
Gerechtigkeit darauf auf.
63
Und schließlich verspricht dieser Vers, eine Lösung auf die Frage zu haben,
was der Weg zum
Leben
ist. Was muss man tun, wie soll man sein, um das
richtige, erfüllte Leben zu bekommen? "Der Gerechte aber wird durch seinen
Glauben
leben".
Aufgrund dieser wichtigen Frage, die sich jeder Mensch stellt,
und weil es letztendlich um Leben und Tod geht, lohnt es sich, die Bedeutung
der Schlüsselbegriffe in Hab 2,4b genau zu analysieren und daraus die Antwort
auf diese Frage zu erhalten.
9.2. Einführung ins Buch Habakuk
Das Buch Habakuk macht außer dem Namen weder biographische noch
autobiographische Angaben zum Verfasser. Ziemlich klar ist allerdings aufgrund
der erwähnten Bedrohung durch die wachsende Macht der Chaldäer, dass der
Autor gegen Ende des siebten Jahrhunderts v. Chr. lebte (Hab 1,6). Das Buch
gehört damit zu der Literatur, die das Vordringen der Chaldäer nach Westen als
Gottes Gericht über die Gräueltaten während Manasses Regierungszeit sah.
Habakuk war ein gottesfürchtiger Mann, der seine theologischen Zweifel und
Hoffnungen zunächst privat und dann schriftlich (Hab 2,2) ausdrückte.
Ungewöhnlicherweise beginnt das Buch mit einer leidenschaftlichen Diskussion
zwischen Gott und dem Propheten. Man findet keine öffentliche Ansprache,
Berufungsgeschichte oder spektakuläres Wunder wie zu Beginn vieler anderer
prophetischer Bücher. Habakuk klagt über die Sünden seiner Zeit und darauf
wird ihm von göttlicher Seite versichert, dass der Einfall der Chaldäer auf
Gottes Initiative hin als Gericht über Juda geschieht (Hab 1,5-11). Das Ende
des Buches bildet ein Psalm, in dem Gottes Macht und Herrlichkeit gefeiert
werden.
Das Buch enthält einige wichtige theologische Themen. Eines davon ist
Habakuks Erkenntnis, dass Gott in der Weltgeschichte seine Hände im Spiel
hat. Dies kommt in Hab 3 zum Ausdruck, wo Habakuk sich wie in einigen
Psalmen (z.B. Ps 78) an Gottes große Taten in der Vergangenheit erinnert.
Habakuk lernt inmitten von Zweifeln und Trauer das Beten und indem er Gott
anbetet, wird er von Freude und Vertrauen auf Gottes Kraft und Güte erfüllt.
64
Hab 2,4 ist eine zu Recht berühmte Bibelstelle, die wie in Punkt 9.1. erwähnt
dreimal im Neuen Testament wieder aufgenommen wird: in Röm 1,17, Gal 3,11
und Hebr 10,38. Schon in den vorchristlichen Qumrantexten wird diese Stelle
fast christlich interpretiert:
"this concerns all who keep the law in the house of Judah, who God
will deliver from the House of Judgment because of their suffering
and their faith in the Teacher of Righteousness" (1QpHab, zit.n.
VanGemeren 1997:Vol.4:689ff)
Habakuk spricht in Kapitel 2,4 eigentlich nicht von "Glauben", sondern vielmehr
von "Treue". Auch wenn man in Zeiten lebt, wo Gewalt vorherrscht und wo
grausame Menschen den Sieg davonzutragen scheinen, werden die Gottlosen
letzten Endes vergehen und die Gerechten aufgrund ihrer Treue zu Gott die
Katastrophen überstehen. Das heißt, dass Gottes Gericht nicht einfach
willkürlich jeden treffen kann, sondern vielmehr, dass diejenigen gerettet
werden, die sich ihm gegenüber als treu und loyal erweisen. Diese Einsicht ist
Habakuks wichtigstes Vermächtnis an die Theologie. (vgl. VanGemeren
1997:Vol.4:689ff)
9.3. Daten
In diesem Kapitel werden die Schlüsselbegriffe aus dem Vers Habakuk 2,4b
untersucht und zu diesem Zweck hier in den verschiedenen zu analysierenden
Übersetzungen aufgelistet. Der Vers wird hier nur einmal in der hebräischen
Schrift eingefügt. Für den Rest der Arbeit werden nur noch Transliterationen
nach der deutschen Normen DIN 31636 fürs Hebräische (siehe Anhang 11.4.)
verwendet.
Hebräisches AT WLC:
Habakuk 2,4b:
we-addik be′emunato yiyeh (Transliteration)
Deutsche Bibel LUT:
Habakuk 2,4b:
65
der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.
Deutsche Bibel GNB:
Habakuk 2,4b:
aber wer mir die Treue hält und das Rechte tut, rettet sein Leben.
Türkische Bibel KK:
Habakuk 2,4b:
Ama doru kii sadakatiylea yaayacaktir.
a"Sadakatiyle": Septuaginta "Bana olan imanla"
(Fußnote)
9.4. addik
9.4.1. Entsprechungen
Zunächst wird hier eine Tabelle erstellt, die die Entsprechungen für das Wort
addik
in den zu untersuchenden Bibelübersetzungen anzeigt.
addik
kommt im
hebräischen AT 206 Mal vor. In der Tabelle wird jeweils in Klammern
angegeben, welches Wort in welcher Übersetzung wie oft vorkommt.
Tabelle
C
LUT
gerecht (Gerechter, gerecht, Gerechtigkeit)
179
Recht (im Recht sein, Recht haben, Recht behalten)
11
unschuldig (Unschuldiger, ohne Schuld sein)
4
trauen
1
getreu
1
frommer 1
GNB RECHT
das Rechte tun
23
Rechtschaffene / rechtschaffen
23
Recht (im Recht sein, das Recht lieben, für Recht
19
sorgen, Recht suchen, Recht haben, das Recht achten,
das Recht verdrehen, Rechtsordnung, Gnade vor Recht
ergehen lassen, das Recht blüht)
gerecht (als gerecht bestehen, gerecht sprechen,
12
66
Gerechter, Gerechtigkeit)
unbestechlich
1
TREUE
Treue / treu (die Treuen, treu sein, die Treue halten, treu
34
bleiben, seine Getreuen, die Treue vergessen)
zu seinem Wort stehen
1
Verlass sein
1
auf jemanden verlassen
1
erfüllen, was man versprochen hat
1
GEHORSAM
gehorchen / Gehorsam (Gott gehorchen, deinen
15
Geboten gehorchen, die Gehorsamen)
folgen (dem Herrn gehorsam folgen, Gottes Gebote
4
befolgen, Weisungen treu befolgen)
hören (auf ihn hören)
3
nach Gott fragen
2
an Gottes Ordnungen halten
1
nach den Geboten richten
1
seinen Willen tun
1
mit Gott leben
1
GUT / MORALISCH
gut (guter Mensch)
14
redlich
8
ehrlich
1
ehrbar
1
tüchtig und charakterfest
1
Ehre machen
1
unbescholten
1
vorbildlich leben
1
fromm
1
(UN)SCHULD
Unschuldiger
11
Schuldloser
8
nicht schuldig werden
1
67
keine Schuld treffen
1
für unschuldig halten
1
kein Unrecht tun
1
nichts vorzuwerfen haben
1
ZUGEHÖRIGKEIT
Volk Gottes
1
Vertraute des Herrn
1
keine Entsprechung anders gelöst
6
KK34 doru (doru kii, doru adam, doru insan, dorular)
165
adil 15
hakli 12
suçsuz (suç yok)
8
9.4.2. Das Wortfeld
Das hebräische Wort
addik
ist ein Adjektiv. Es leitet sich von der Wurzel
dk
mit der Grundbedeutung "gerecht sein", "recht sein" ab. Um das Wort herum
wird nun hier ein semantisches Feld mit bedeutungsverwandten Wörtern im
Hebräischen erstellt. Ich versuche, die Beziehungen der Wörter darzustellen,
indem ich sie auf einer Art Kontinuum anordne von "ohne Schuld" bis zu
"gnädig" und "barmherzig", Eigenschaften, die nur noch Gott zugeschrieben
werden.
34 Wortliste siehe Anhang Punkt 11.5.
68
Tabelle D
WLC:
af
addik
emet
anun
unschuldig,
gerecht
treu, richtig
gnädig
rein
tov
tamim
gut
aman
ohne
yasar
zuverlässig,
Tadel
naki
recht-
treu
raum
unschuldig,
schaffen
barmherzig
rein
asid
treu, fromm, gütig
Nun werden die einzelnen Bibelübersetzungen auf die Entsprechungen für die
oben genannten hebräischen Wörter untersucht. Um Überlappungen sichtbar
zu machen und zu zeigen, inwiefern sich das Wortfeld in der jeweiligen
Übersetzung vom Hebräischen unterscheidet, werden für mehrmals auftretende
Wörter gleiche Farben verwendet. Das Wortfeld unterscheidet sich in jeder
Übersetzung stark.
Tabelle
E
LUT:
addik
gerecht,
emet
af
Recht,
anun
wahr, treu,
tov
unschuldig
unschuldig,
gnädig
verlässlich
tamim
gut,
fromm,
gütig,
ohne
getreu
freund-
Tadel,
aman
lich
fromm,
sicher, treu,
yasar
treu
naki
verlässlich,
gerecht,
unschuldig,
gläubig
raum
recht,
ohne Schuld,
barmherzig
fromm,
asid
frei
wohlgefällig
getreu, gnädig,
fromm, heilig
69
Tabelle
F
GNB:
addik
emet
anun
recht-
wahr, sicher,
barmherzig,
af
schaffen,
gerecht, recht,
voll Liebe
gerecht,
treu,
unschuldig
und
tamim
unschuldig,
zuverlässig,
tov
Erbarmen,
redlich,
treu, gut,
verlässlich,
gut,
gütig
recht-
gehorsam
aufrichtig
freundlich
schaffen,
yasar
aman
recht,
redlich,
sicher, treu,
voll-
recht-
zuverlässig
kommen,
naki
schaffen,
Verlass sein,
raum
fehlerfrei,
gerecht,
Wort halten
straffrei,
untadelig,
barmherzig,
recht,
unschuldig,
vorbildlich,
voll Liebe
richtig,
schuldlos,
treu, gütig
und
untadelig,
gut
asid
Erbarmen
treu,
redlich, treu, sein, gütig
zuverlässig,
aufrichtig,
anständig
70
Tabelle
G
KK35:
emet
anun
addik
doru, adil,
af
lütfeden
doru,
adalet, hak,
lütufkar,
temiz
tamim
adil, hakli,
sadik, bali,
iyilik yapan,
doru,
suçsuz
güvenilir, içten,
tov
iyiliksever
dürüst,
gerçek
iyi
temiz,
içten,
aman
yasar
alni ak,
güvenilir
naki
doru,
raum
kusursuz,
suçsuz,
dürüst,
sevecen,
yetkin
masum
temiz,
aciyan
asid
erdemli
sadik, sevecen
9.4.3. Merkmalanalysen
a
ddik
steht in den nachfolgenden Tabellen jeweils für das Wort mit all seinen
grammatischen Formen.
Bei der nachfolgenden Merkmalanalyse für die Lutherübersetzung sind bei
gerecht
die entsprechenden Formen von "Gerechter", "gerecht" und
"Gerechtigkeit" inbegriffen, bei
Recht
"das Recht", "im Recht sein", "Recht
haben", "Recht behalten",
unschuldig
steht ebenfalls für alle vorkommenden
grammatischen Formen von "Unschuldiger" sowie für "ohne Schuld sein".
Fromm
,
getreu
und
trauen
kommen nur einmal im AT vor, und zwar als
"frommer Mann", "getreu sein" und "die auf dich trauen".
35 Wortliste siehe Anhang Punkt 11.5.
71
Tabelle
H
WLC LUT:
Verhalten
Bundestreue
Gott als Agens
Mensch als Agens
Mensch als Patiens
Mensch zu Mensch
statisch juristisch
dynamisch
verhältnisbezogen
addik
+ + + +
+ + + +
gerecht
+ + + + + + + +
Recht
+ + + + + + +
unschuldig + + + + +
fromm
+ + +
getreu
+
+
+ +
trauen
+ + + +
Bei dieser Merkmalanalyse fallen einige Besonderheiten ins Auge: Alle Wörter,
die die Luther-Übersetzung verwendet, beziehen sich auf ein Verhalten, was für
die Annahme eines Prototyps in Punkt 9.4.4. von Bedeutung sein wird.
Fromm
ist das einzige Wort für a
ddik
, das sich nicht notwendigerweise auf die Treue
einem Bund gegenüber bezieht. Noah wird in Gen 6,9 als "frommer Mann"
bezeichnet, obwohl es noch keinen Bund mit den Menschen als Maßstab gibt.
Die nur in Einzelfällen verwendeten Begriffe
unschuldig
,
fromm
,
getreu
und
trauen
unterscheiden sich wesentlich in ihrer semantischen Rolle als Agens
oder Patiens. Das Agens ist die semantische Rolle des Aktanten im Satz, der
aktiv handelt. Das Gegenteil davon ist der Patiens, der von der im Satz
ausgedrückten Handlung betroffen ist und keine Kontrolle darüber hat. In der
Lutherübersetzung wird nur Gott als Agens als
getreu
bezeichnet, nur der
Mensch als Agens
traut
auf jemanden und nur der Mensch kommt in der Rolle
als Patiens als
fromm
oder
unschuldig
vor. Schließlich fällt auch auf, dass
Luther einige Begriffe nur für den statisch juristischen Bereich verwendet, wie
etwa
Recht
oder
unschuldig
, und Begriffe wie
fromm, getreu
und
trauen
dem
Bereich eines dynamischen Verhältnisses vorbehalten bleiben.
72
Bei der nachfolgenden Merkmalanalyse für die Gute Nachricht Bibel wurden nur
die häufigsten der in Punkt 9.4.1. ermittelten Entsprechungen in die Analyse
einbezogen. Nur vereinzelt (d.h. weniger als fünf Mal) auftretende
Entsprechungen wurden im Unterschied zur Merkmalanalyse für die
Lutherübersetzung weggelassen. In der Lutherübersetzung werden die Begriffe
konkordanter verwendet, weshalb in der gesamten Analyse nur sechs
Entsprechungen für a
ddik
zu berücksichtigen waren.
Tabelle
I
WLC GNB:
Verhalten
Bundestreue
Gott als Agens
Mensch als Agens
Mensch als Patiens
Mensch zu Mensch
statisch juristisch
dynamisch
verhältnisbezogen
addik
+ + + +
+ + + +
gerecht
+ (+) + + + + + (+)
Recht
+ + + + + + + (+)
das
Rechte
tun
+ + + + + +
rechtschaffen
+ + + + + +
redlich
+ + + + + +
treu
+ + + + + + +
gehorsam
+ + + + +
gut
+ + + + +
(+)
+
unschuldig
+ + + + + + +
Auch in der GNB beziehen sich alle Begriffe auf ein Verhalten. Wenn Gott als
Agens erwähnt wird, werden nur die Begriffe
gerecht
,
Recht
oder
treu
verwendet damit ist die GNB sehr nahe an der LUT. Für den Menschen als
Agens hat sich das Spektrum im Vergleich zur LUT erheblich erweitert: er kann
zusätzlich zu den Begriffen
gerecht
und
Recht
als
das Rechte tuend
,
rechtschaffen
,
redlich
,
treu
,
gehorsam
,
gut
und
unschuldig
bezeichnet werden.
Für den Menschen in der Rolle als Patiens können dieselben Begriffe
verwendet werden. Ebenso kann ein Mensch einem anderen all diese
73
Eigenschaften zuschreiben, nur
gehorsam
wird nicht in diesem Sinne
verwendet. Für den statisch-juristischen Bereich sind die Begriffe wie in LUT
eingeschränkt nur
gerecht
,
Recht
und
unschuldig
kommen in diesem Sinn vor
und
gut
nur ein einziges Mal als Beschreibung der Gebote und
Rechtsbestimmungen. Hingegen weisen praktisch alle Begriffe das Merkmal
"dynamisch verhältnisbezogen" auf. Merkmale, die in der Analyse der GNB mit
(+) markiert sind, treffen nur in Einzelfällen auf den entsprechenden Begriff zu.
In der türkischen Übersetzung Kutsal Kitap werden für a
ddik
, das im
hebräischen Originaltext 206 Mal vorkommt, insgesamt nur vier
Entsprechungen verwendet.
Tabelle
J
WLC KK36:
Verhalten
Bundestreue
Gott als Agens
Mensch als Agens
Mensch als Patiens
Mensch zu Mensch
statisch juristisch
dynamisch
verhältnisbezogen
addik
+ + + +
+ + + +
doru
+ + + + + + + +
adil
+ + + + +
hakli
+ + + + + + + +
suçsuz
+ + + + + +
Wiederum können sich alle Begriffe auf ein Verhalten und auf die Treue einem
Bund gegenüber beziehen. Gleich wie
unschuldig
im Deutschen kommt auch
suçsuz
nie für Gott als Agens vor, hingegen ist der Begriff
adil
gänzlich Gott
vorbehalten. Für den statisch-juristischen Bereich können alle Begriffe
verwendet werden,
suçsuz
nur für diesen Bereich.
36 Wortliste siehe Anhang Punkt 11.5.
74
9.4.4. Prototyp
Da wie in Punkt 5.1.2. festgestellt die Merkmalssemantik die Bedeutung
niemals erschöpfend beschreiben kann, wurde die Prototypensemantik
entwickelt, die besser mit unscharfen Wortbedeutungen umgehen kann und es
ermöglicht, Bedeutung auf eine Art zu ermitteln, die auch psychologisch gültig
ist. Bekanntlich ist es nicht einfach, einen Prototyp mit dem dazugehörigen
Begriffsbereich graphisch darzustellen, doch ich werde hier versuchen, einen
Prototyp für den polysemen biblischen Begriff a
ddik
festzulegen und andere
Vertreter der Kategorie, die sich nicht immer genau abgrenzen lassen und
deren Bedeutungen sich in einem unscharfen Bereich oft überlappen, auf einem
Kontinuum anzuordnen.
Abbildung D
addik
treu das Rechte tun gehorsam
gerecht
GNB: gut unschuldig Recht
rechtschaffen
gerecht
redlich
LUT: unschuldig Recht
getreu trauen fromm
Prototyp
einem Maßstab
KK: suçsuz
entsprechend adil
verhalten
doru, hakli
Mit Hilfe der analytisch gewonnenen Erkenntnisse in den vorherigen Punkten
und der Intuition lässt sich nun ein Prototyp für den Begriffsbereich von a
ddik
festlegen. Wenn man laut A. Tverskys Definition eines Prototyps (1977, zit. n.
Goerling 1995:211) die gemeinsamen Merkmale maximiert und die distinktiven
minimiert, erhält man als Prototyp "einem Maßstab entsprechend verhalten".
Dieser Prototyp liegt a
ddik
sowie allen Begriffen, die in den untersuchten
Bibelübersetzungen verwendet werden, zugrunde und befindet sich aus diesem
Grund auf dem Kontinuum in Abbildung D in der Mitte. In der türkischen
Bibelübersetzung können die Begriffe
doru
und
hakli
und in den deutschen
Übersetzungen der Begriff
gerecht
als beste Vertreter der Kategorie mit dem
höchsten Prototypikalitätsgrad gelten. Auf sie treffen fast alle
Bedeutungsmerkmale in gleichem Maße zu wie auf a
ddik.
Die anderen
Begriffe aus dem Wortfeld in den jeweiligen Übersetzungen lassen sich im
Randbereich um
addik
herum ansiedeln. Ihr Prototypikalitätsgrad lässt sich
erschließen, indem der Grad der Familienähnlichkeit, d.h. die Anzahl der
75
Merkmale, die sie mit anderen Vertretern der Kategorie teilen, untersucht wird.
Auf der linken Seite des Prototyps wurden die Begriffe angeordnet, die für den
statisch-juristischen Bereich verwendet werden und auf der rechten Seite
befinden sich nahe am Prototyp zunächst die Begriffe, die Gott auszeichnen
und dann die Begriffe, die sich nur noch auf Menschen beziehen und bei denen
"dynamisch verhältnisbezogen" ein wichtiges Bedeutungsmerkmal darstellt. Die
Grenzen zwischen den einzelnen Begriffen sind oft unscharf.
Man kann nun die vorhergehende graphische Darstellung mit dem Prototyp in
der Mitte nochmals erweitern, indem man Ergebnisse aus der Merkmalanalyse
integriert und somit ein noch vollständigeres Bild der Bedeutungen im Feld um
addik
erhält. Um es etwas zu vereinfachen, werden die drei untersuchten
Bibelübersetzungen zusammengefasst. In den Fällen, wo sich ähnliche Begriffe
auf dem Kontinuum in den verschiedenen Übersetzungen unterscheiden oder
wo ein Merkmal nur in Einzelfällen zutrifft, ist dies durch eine gestrichelte Linie
dargestellt.
Abbildung E
Bundestreue Mensch juristisch Gott Mensch dynamisches Verhältnis Bundestreue
gut unschuldig Recht addik / gerecht (ge)treu das Rechte tun gehorsam fromm
suçsuz / doru, hakli adil rechtschaffen trauen
redlich
Prototyp
einem Maßstab
entsprechend
verhalten
Bei dieser Abbildung lässt sich der Prototypikalitätsgrad eines Begriffs gut
ablesen. Je mehr gemeinsame Merkmale ein Begriff mit anderen teilt, desto
prototypischer ist er für die Kategorie. So weisen etwa gerecht,
doru
und
hakli
alle in die Analyse miteinbezogenen Merkmale auf. Je weiter nach links oder
nach rechts man sich von diesen sehr prototypischen Begriffen entfernt, desto
weniger Merkmale teilt ein Begriff mit den Begriffen in der Mitte.
Fromm
ganz
rechts auf dem Kontinuum zum Beispiel teilt mit
gerecht
nur noch den Kern
76
"einem Maßstab entsprechend verhalten" und die Merkmale "Mensch" und
"dynamisches Verhältnis".
9.4.5. Scenes and frames
Die scene in der Ausgangssprache
Zunächst wird nun die
scene
des Wortes
addik
untersucht, die beim Autor des
Originaltextes, dem Propheten Habakuk, aktiviert war und die mit großer
Wahrscheinlichkeit auch bei den Lesern des Originaltextes ausgelöst wurde.
Der biblische Begriff der
Gerechtigkeit
bedeutet einen Zustand geordneter,
lebensfördernder Verhältnisse zwischen Mensch und Gott sowie zwischen
Mensch und Mitmensch (Berg 2001:78). Er orientiert sich nicht an
menschlichen Grundrechten und auch nicht einfach am Begriff der
Verhältnismäßigkeit. Er fasst die gesamte Situation des Menschen, seines
Lebens, Verhaltens und Ergehens viel tiefer. Zugrunde liegt der Gedanke, dass
der Mensch sein Leben von Gott hat. Gott schenkt aus bedingungsloser Liebe
und Gnade die Lebensgerechtigkeit und ermöglicht damit zugleich menschliche
Gerechtigkeit. Darum sind Überlegungen nach Voraussetzungen für
menschliche Gerechtigkeit unnötig. Der Mensch ist einfach in jedem Bereich auf
Gott angewiesen und aus diesem Grund ist das einzig Rechte für den
Menschen, in allem nach Gott zu fragen, seinen Willen zu tun und sein Leben
völlig auf ihn auszurichten. Das ist dann die Gerechtigkeit des Menschen vor
Gott, die sich letztendlich auch in der Gerechtigkeit anderen Menschen
gegenüber auswirkt. Nur zu sagen, dass
gerecht
im biblischen Sinn heißt, die
Gebote einzuhalten, ist zu kurz gegriffen. Das Halten von Gottes Geboten kann
die rechte Beziehung zu ihm nicht herstellen, nur die zuvor geschenkte
Beziehung erhalten. Der Mensch soll dieser Beziehung treu sein und sich
dadurch als gerecht erweisen. Wenn sich die Gerechtigkeit Gottes und des
Menschen begegnen, indem beide Seiten der Gemeinschaft treu sind, entsteht
und besteht der Zustand des Friedens. Auf diese Weise spielen göttliche und
menschliche Gerechtigkeit ineinander, ohne dass dabei das eine Bedingung für
das andere ist. (vgl. Burkhardt/Grünzweig/ Laubach/Maier 1988:Band 2:679f)
77
Wie bereits in der Merkmalanalyse in Punkt 9.4.3. beobachtet, hat das Wort
addik
in der Bibel neben einem statisch-juristischen Aspekt (in Bezug auf eine
absolute Rechtsnorm "recht" oder "richtig") auch einen dynamischen
verhältnisbezogenen Aspekt, der ein angemessenes Verhalten in einer
zweiseitigen Beziehung betrifft ("das Rechte tun", "ein guter Mensch sein").
Welcher Aspekt spielt die wichtigere Rolle der statische oder der
dynamische?
Ein Schlüsseltext dafür ist Genesis 38. In der alttestamentlichen Wissenschaft
gilt er als einer der interessantesten Belege für das Verständnis von
Gerechtigkeit.
Tamar verkleidet sich als Prostituierte und verführt Juda, nachdem er ihr seinen
dritten Sohn vorenthalten hat. Als alles auffliegt und man sie zum Steinigen vor
das Dorf führt, zeigt sie den Leuten die Dinge, die Juda ihr als Pfand gegeben
hat, und Juda sagt: "Sie ist gerechter als ich" (Gen 38,26).
Tamar wusste sich an ein bestehendes Verhältnis und seine Vereinbarungen
gebunden und verhielt sich demgemäß (Rienecker 1988:Sp.463). Durch ihr
Handeln hatte sie ihre Verpflichtungen Juda gegenüber besser erfüllt als er
seine Verpflichtungen ihr gegenüber. Sie hatte sogar seine Verpflichtungen mit
erfüllt, denn der Zweck ihrer Beziehung war, für einen Erben in der
Abstammungslinie von Juda zu sorgen. Anhand dieses Beispiels lässt sich gut
erkennen, welcher Aspekt die wichtigere Rolle spielt es ist der dynamische
verhältnisbezogene Aspekt. Tamar wurde schlussendlich trotz ihrer aus
juristischer Perspektive zu verurteilenden Tat nicht gesteinigt, sondern es wurde
anerkannt, dass sie sich ihren persönlichen Verpflichtungen entsprechend recht
oder richtig verhalten hatte. (vgl. Bascom 2003:95)
Der dynamische verhältnisbezogene Aspekt ist auch für die Anerkennung der
menschlichen Gerechtigkeit vor Gott entscheidend. Im biblischen Sinn gerecht
ist der Mensch, der nach Gott fragt und der sein Antlitz sucht:
"3 Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an
seiner heiligen Stätte? 4 Wer unschuldige Hände hat und reinen
Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche
Eide schwört: 5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und
78
Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles. Das ist das Geschlecht,
das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs." (Ps 24,6)
In anderen biblischen Texten kommt wie in Hab 2,4 eine enge Verbindung
zwischen
addik
und a
yah
, "leben" in Form von Lebensgewährung,
Lebenserhaltung und Lebensordnung, zum Ausdruck. Immer wieder wird darauf
hingewiesen, dass jemand, der durch einen gewissenhaften Lebensstil
dk
bewahrt, sich des Lebens auf der Welt sicher sein kann, weil er Gunst bei Gott
findet. Eine Schlüsselstelle dafür ist Ez 33,10-16, die die gleiche Gedankenwelt
wie Hab 2,4 widerspiegelt: (vgl. VanGemeren 1997:Vol.3:764f)
10 Und nun, du Menschenkind, sage dem Hause Israel: Ihr sprecht:
Unsere Sünden und Missetaten liegen auf uns, dass wir darunter
vergehen; wie können wir denn
leben
? 11 So sprich zu ihnen: So wahr
ich
lebe
, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des
Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege
und
lebe
. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr
sterben, ihr vom Hause Israel? 12 Und du, Menschenkind, sprich zu
deinem Volk: Wenn ein
Gerechter
Böses tut, so wird′s ihm nicht
helfen, dass er
gerecht
gewesen ist; und wenn ein Gottloser von
seiner Gottlosigkeit umkehrt, so soll′s ihm nicht schaden, dass er
gottlos gewesen ist. Auch der
Gerechte
kann nicht am
Leben
bleiben,
wenn er sündigt. 13 Denn wenn ich zu dem
Gerechten
spreche: Du
sollst
leben
!, und er verlässt sich auf seine
Gerechtigkeit
und tut
Böses, so soll aller seiner
Gerechtigkeit
nicht mehr gedacht werden,
sondern er soll sterben um des Bösen willen, das er getan hat. 14 Und
wenn ich zum Gottlosen spreche: Du sollst sterben!, und er bekehrt
sich von seiner Sünde und tut, was
recht
und gut ist, 15 sodass der
Gottlose das Pfand zurückgibt und erstattet, was er geraubt hat, und
nach den Satzungen des
Lebens
wandelt und nichts Böses tut , so
soll er am
Leben
bleiben und nicht sterben, 16 und all seiner Sünden,
die er getan hat, soll nicht mehr gedacht werden, denn er hat nun
getan, was
recht
und gut ist; darum soll er am
Leben
bleiben.
(Hervorhebungen durch die Verfasserin)
79
Auch zwischen dem Begriff
′mn
(in Hab 2,4
emunah
), "glauben", und
dk
besteht nicht nur in Hab 2,4 eine sehr enge Verbindung. So wird in
Gen 15,6 von Abraham gesagt, dass er dem Herrn
glaubte
"und das rechnete
er ihm zur Gerechtigkeit". Aus dieser Stelle im ersten Buch der Bibel lässt sich
schließen, dass Glaube schon ausreicht, um vor Gott als gerecht zu gelten. Es
werden an dieser Stelle keine anderen Vorbedingungen genannt, um diesen
Status zu erlangen. (vgl. VanGemeren 1997:Vol.3:764f)
Die
scene
in der Ausgangssprache ist weiters dadurch geprägt, dass der
Gegensatz zum Gerechten,
addik
, nicht etwa der Ungerechte ist, sondern
radikaler:
rasa
, "frevelhaft, schuldig sein" eine Wortgruppe, die oft im Sinn von
"Gottlosigkeit" übersetzt wird.
Im Buch Habakuk lässt sich das schon an zwei
Stellen im ersten Kapitel sehen: "[...] denn der Gottlose übervorteilt den
Gerechten" (Hab 1,4b) und "[...] wenn der Gottlose den verschlingt, der
gerechter ist als er?" (Hab 1,13b).
rasa
"ist der Ausdruck für das negative
Verhalten, für üble Gedanken, Worte und Werke, ein gemeinschaftswidriges
Benehmen, das zugleich die innere Disharmonie und Unruhe eines Menschen
verrät" (van Leeuwen 1976:814, zit. n. Burkhardt/Grünzweig/Laubach/Maier
1988:Band 2:679ff), wie es Jes 57,20 ausdrückt: "die Gottlosen sind wie das
ungestüme Meer, das nicht still sein kann und dessen Wellen Schlamm und
Unrat auswerfen". Ein Text, der diesen Gegensatz sehr gut beleuchtet, ist
Psalm 1, überschrieben mit: "Der Weg des Frommen der Weg des Gottlosen":
1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen / noch tritt auf
den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, 2 sondern hat
Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und
Nacht! 3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, / der
seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl. 4 Aber so sind die Gottlosen nicht,
sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. 5 Darum bestehen die
Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der
Gerechten. 6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber
der Gottlosen Weg vergeht.
80
Zu diesem Teil der
scene
ist zu erklären, dass das hebräische Volk lange ein
Volk von Nomaden war, das meist auf den gleichen Wegen zu seinen
Weideflächen und Lagerstätten ging. Wenn man diesen Weg verließ, konnte
man sich sehr leicht in der Wildnis verirren. Daher kommt das Bild des "Weges"
des Gerechten und des Gottlosen. Ein gottloser Mensch ist jemand, der sich auf
einem falschen Weg verirrt hat, während ein gerechter Mensch auf dem
geraden, ebenen Weg bleibt.37
Zusammenfassend bestand also die
scene
, die ursprünglich vom
frame
addik
ausgelöst wurde, darin, dass Autor und Leser des Originaltextes in erster Linie
an ein dynamisches Verhältnis dachten.
Gerecht
zu sein bezeichnete nur
sekundär einen juristischen Status, primär hatte dies mit jedem Bereich des
menschlichen Lebens zu tun. Sie wussten, dass sie sich den Status als
gerecht
nicht durch bloßes Halten von Geboten und einen guten Lebensstil verdienen
konnten, sondern dass sie wie Abraham (vgl. Gen 15,6) darauf angewiesen
waren, diesen Status von Gott zugesprochen zu bekommen. Ihr Bild von
Gerechtigkeit sah so aus, dass sie der Beziehung, die Gott bei der Schöpfung
mit den Menschen eingegangen war und im Speziellen dem Bund, den er mit
seinem Volk Israel geschlossen hatte, treu blieben und sich nicht auf einen
anderen Weg, der von Gott weg und in die Irre führt, begaben. Wenn der Begriff
auf zwischenmenschliche Angelegenheiten bezogen war, dachten sie daran,
dass ihr Verhalten anderen Menschen gegenüber genauso ein richtiges
Verhältnis zu Gott widerspiegeln müsse, indem sie Vereinbarungen einhielten
und bestehenden Verhältnissen treu waren, d.h. ehrlich, menschlich und
solidarisch lebten. Sie wussten, dass sie den Status der Gerechtigkeit und
damit ein ruhiges Leben verlieren würden, sobald sie sich von Gott entfernten,
und ihnen war bewusst, dass die letzte Konsequenz dessen der Tod sein
würde.
Die scene im heutigen Deutsch
Als zweiter Punkt wird nun analysiert, welche
scenes
bei deutschsprachigen
Übersetzern und Lesern in der heutigen Zeit vom
frame
gerecht ausgelöst
werden. Zunächst wird die
scene
von
gerecht
besprochen, da dieses Wort mit
37 vgl. Benner (2005)
Word of the Month Righteous (tsadiyq)
(Punkt 11.2.)
81
seinen Ableitungen in der Lutherübersetzung 90% der Entsprechungen für
addik
im Alten Testament ausmacht. Die anderen Entsprechungen
Recht
,
unschuldig
,
trauen/getreu
und
fromm
, die insgesamt nur 9% ausmachen,
bleiben hier unberücksichtigt.
Die
scene
in der deutschen Sprache wird heute gewiss noch teilweise von der
Etymologie des Begriffs
gerecht
beeinflusst. Im Althochdeutschen ist das
Adjektiv "gireht" erstmals im 8. Jahrhundert nachzuweisen, wo es soviel wie
"gerade", "richtig" oder "passend" bedeutete. Im Mittelhochdeutschen kam die
abstraktere Bedeutung "dem Rechtsgefühl entsprechend" hinzu und noch
später stand das Wort auch für "gradlinig", "angemessen" und "gemäß"38.
Die Hauptbereiche, in denen der Begriff Gerechtigkeit heute verwendet wird,
sind menschliche Handlungen und deren Ergebnisse, Urteile über Handlungen,
soziale Regeln, Einstellungen und bestehende Beziehungen zwischen
Personen oder in der Gesellschaft. Für die heutige Sprache ist bezeichnend,
wie das Duden-Bedeutungswörterbuch (32002)
gerecht
definiert. Als erste
Definition wird "dem geltenden Recht entsprechend, gemäß; nach bestehenden
Gesetzen handelnd, urteilend" genannt, als zweite "den allgemeinen
Auffassungen vom Recht, von Gerechtigkeit, Wertmaßstäben entsprechend,
gemäß". Dies zeigt, dass im Denken zunächst eine
scene
mit einem sehr
starken juristischen, regulativen Aspekt aktiviert wird. Im Vordergrund steht die
sogenannte austeilende und ausgleichende Gerechtigkeit (justitia distributiva)
mit dem Grundsatz: "Jedem das Seine". Es geht dabei darum, was in einem
Umfeld von grundsätzlicher Gleichberechtigung für alle angemessen und
verhältnismäßig ist. Man assoziiert einen
gerechten
Richter,
gerechte
Verteilung von Gütern (vgl. Burkhardt/Grünzweig/ Laubach/Maier 1988:Band
2:679). Im nächsten Punkt führt das Wörterbuch noch die Definition
"bestimmten Ansprüchen, Gegebenheiten angepasst, genügend, entsprechend"
an und nennt als Beispiel "den Anforderungen eines Berufes gerecht werden".
Neben diesen Teilen, die in der deutschen Gegenwartssprache eindeutig die
scene
bestimmen, spielen natürlich auch andere Aspekte eine Rolle, wenn
38 vgl. Wikipedia:
Gerecht
(Punkt 11.2.)
82
auch eine eher untergeordnete. Man verbindet den
frame
mit einem idealen
Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es auf Basis bestimmter Normen für
das gesellschaftliche Zusammenleben "einen angemessenen, unparteilichen
und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und
Chancen"39 zwischen den beteiligten Parteien gibt. In Gesetzgebung,
Rechtsprechung, Ethik, Philosophie und Theologie spielt der Begriff eine
wichtige Rolle in Bezug auf die Bewertung sozialer Verhältnisse. Auch die
großen aktuellen Themen wie Globalisierung, weltwirtschaftliche Probleme,
Klimawandel und demographische Entwicklungen füllen im Zusammenhang mit
Gerechtigkeit die
scene
in unseren Köpfen.
Im Alltag wird oft von "Gerechtigkeit" gesprochen: von sozialer Gerechtigkeit,
gerechten Chancen etwa auf Bildung , von gerechter Vermögensverteilung,
von gerechten Strafen und gerechten Urteilen, von Gerechtigkeit im Gegensatz
zu Benachteiligung, etwa wenn Frauen noch immer für die gleiche Leistung
weniger Lohn erhalten usw. Wie ein GEO-Artikel zu einer Umfrage mit dem
Titel: "Was ist gerecht?" zeigt, bedeutet "gerecht" für die Deutschen allerdings
nicht, dass jeder das Gleiche bekommt. Eine überwiegende Mehrheit findet: "Es
ist gerecht, dass man das behält, was man sich durch Arbeit verdient hat, auch
wenn das heißt, dass einige reicher sind als andere". Gerecht ist es aber auch,
Menschen nicht verarmen zu lassen. Gerechtigkeit besteht aus der Suche nach
Kompromissen, die von allen Beteiligten als fair oder gerecht empfunden
werden.40
Es ist klar, dass der Inhalt von Begriffen wie Gerechtigkeit immer auch vom
religiösen oder weltanschaulichen Vorverständnis bestimmt wird und sich mit
dem kulturellen Wandel und politisch etablierten Wertvorstellungen in hohem
Maße ändert. Die oben angesprochene Geschichte über Juda und Tamar aus
Gen 38 ist für viele moderne Bibelleser nicht leicht verständlich, da sich Tamars
Verhalten nicht mit ihren Vorstellungen von Gerechtigkeit vereinbaren lässt. Die
Verpflichtungen, die sie zu erfüllen hatte, haben heute keine Bedeutung mehr.
In unserer stark pluralistisch und relativistisch geprägten Gesellschaft existiert
"Gerechtigkeit nur im Plural, nämlich als Abbild der unterschiedlichen
39 vgl. Wikipedia:
Gerecht
(Punkt 11.2.)
40 vgl. Schrenker/Ramge (2007)
GEO-Umfrage: Was ist gerecht?
(Punkt 11.2.)
83
Gerechtigkeitsideale in der Gesellschaft"41, die scenes des Begriffs sind
subjektiver geworden als etwa im alten Israel. Es besteht sogar die Gefahr,
dass aufgrund der Allgegenwart des
frames
Gerechtigkeit in den
verschiedensten Bereichen und weil sich die unterschiedlichsten Interessen den
Mantel der Gerechtigkeit umhängen, schlussendlich nur noch eine Wortfassade
ohne
scene
übrig bleiben wird.
Anders als im Hebräischen der Bibel würde in der heutigen deutschen Sprache
niemals Gottlosigkeit als Gegenteil von Gerechtigkeit angeführt werden,
vielmehr Ungerechtigkeit als eine Verletzung der Gerechtigkeit oder als
Unterlassung einer pflichtgemäßen Handlung. Dies zeigt, dass Gerechtigkeit im
Allgemeinen nicht mehr primär mit Gott und einem Verhalten ihm gegenüber in
Verbindung gebracht wird.
Als Zusammenfassung dieses Punktes möchte ich von mir persönlich
ausgehen. Ich kann feststellen, dass die bei mir aktivierte
scene
von
gerecht
großteils nicht der Bedeutung von
addik
entspricht, sondern stark das
widerspiegelt, was ich in diesem Punkt angesprochen habe. Ich stelle mir zuerst
eine juristische Situation vor und sehe eine Waage mit zwei Waagschalen vor
mir. Dann denke ich an einen ungerechten Lehrer, der den Schülern nicht die
Noten gibt, die sie aufgrund ihrer Leistung eigentlich verdient hätten, und ich
verbinde das Wort zum Beispiel auch mit der ungerechten Verteilung von
Gütern auf der Welt. Es wird ganz deutlich, dass allen Bildern die Vorstellung
von Verhältnismäßigkeit zugrunde liegt, und dass der dynamische
beziehungsbezogene Aspekt, der im Alten Testament eine so entscheidende
Rolle spielt, heute bei einer deutschsprachigen Durchschnittsperson nicht
aktiviert wird.
Für die Gute Nachricht Bibel gibt es andere Analysedaten. Der
frame
addik
wird in dieser Übersetzung viel weniger konkordant übersetzt als in der
Lutherbibel. Der Leitsatz für eine konkordante Übersetzung lautet: ,,Die
Bedeutung eines Begriffs ergibt sich aufgrund seiner Verwendung an allen
41 vgl. Wikipedia:
Gerecht
(Punkt 11.2.)
84
Stellen."42 Dem tritt die GNB entgegen, indem sie viel mehr je nach Kontext
entscheidet, welcher
frame
angemessen ist, um die entsprechende,
wünschenswerte
scene
zu aktivieren. Dies lässt sich gut an den prozentualen
Entsprechungen für das hebräische
addik
erkennen. So macht etwa
gerecht
im Gegensatz zur Lutherbibel (über 90%) in der GNB nur 6% der
Entsprechungen aus,
Recht
9%,
das Rechte tun
11%,
rechtschaffen
11%. Man
sieht, die Wurzel "recht" scheint noch in einem großen Teil der Entsprechungen
auf, insgesamt sind dies nämlich noch 37%. Doch das Wort, mit dem
addik
am
häufigsten übersetzt wurde, ist eindeutig
treu
mit
17%. Weitere Entsprechungen
sind
unschuldig
(9%),
gut
(7%),
gehorsam
(7%) und
redlich
(4%).
Ich möchte noch auf die wichtigsten
frames
und die davon ausgelösten
scenes
in der GNB eingehen. Die verschiedenen
frames
mit der Wurzel "recht" zeigen,
dass bei der Übersetzung versucht wurde, angemessenere Entsprechungen für
gerecht
zu finden. Wie wir oben gesehen haben, aktiviert
gerecht
bei Sprechern
der deutschen Gegenwartssprache nicht das, was im Alten Testament gemeint
war. Bis auf Fälle, wo dezidiert der statisch-juristische Aspekt und die
Verhältnismäßigkeit im Vordergrund stehen, ist dieser
frame
also für heutige
Leser zu eng gegriffen. Dem stehen Begriffe wie
das Rechte tun
oder
rechtschaffen
gegenüber, die andere Aspekte mit einschließen und passendere
scenes
beim Leser auslösen. Auch wenn etwa
das Rechte tun
in der
Alltagssprache kaum verwendet wird, sondern man eher davon spricht, "das
Richtige zu tun", wird beim Leser sofort eine deutliche
scene
ausgelöst. Er
denkt an ein menschliches Verhalten, er stellt sich vor, dass jemand durch eine
Handlung einem Maßstab entspricht und vermutlich stellt er sich auch ein
funktionierendes zwischenmenschliches Verhältnis vor. Der
frame
rechtschaffen
löst wiederum ein etwas statischeres Bild aus, das darin besteht,
Gesetze oder Recht zu achten. Ein rechtschaffener Mensch ist ehrlich,
anständig und verhält sich richtig.
Was die häufigste Entsprechung für
addik
treu
in der GNB betrifft, so
erscheint mir dies als eine der besten Übersetzungen für den hebräischen
42 vgl. Konkordante Bibelübersetzungen:
Die konkordante Übersetzungsmethode
(Punkt 11.2.)
85
frame
, da dieses Wort eine
scene
auslöst, die der ursprünglichen sehr nahe ist.
Wenn ein Mensch
treu
ist, steht er fest zu einer einmal eingegangenen Bindung
und erfüllt seine Pflichten, koste es, was es wolle. Man denkt an einen treuen
Ehepartner, der keine unangemessenen Beziehungen außerhalb der Ehe
eingeht, und man verbindet damit auch die treue Wiedergabe eines Originals.
All diese Teile der
scene
widerspiegeln maßgebliche Merkmale von
addik
: die
Treue einem Bund gegenüber, einen wesentlichen Charakterzug Gottes, die
Beschreibung eines Verhaltens des Menschen Gott und anderen Menschen
gegenüber sowie den dynamischen verhältnisbezogenen Aspekt. Nur den
statisch-juristischen Aspekt umfasst dieser
frame
im Deutschen nicht, aber
abgesehen davon ist
treu
eine sehr gute Entsprechung für
addik.
Die scene im Türkischen
Was im Türkischen besonders ins Gewicht fällt und was die türkische
Übersetzung von den oben besprochenen deutschen Übersetzungen
unterscheidet, ist, dass der gesamte islamische Hintergrund in die
Überlegungen miteinbezogen werden muss. Die
scenes
sind bei den Lesern
entscheidend vom Islam und von der islamischen Kultur geprägt. Wo sich im
Deutschen die Bedeutung von biblischen Schlüsselbegriffen
insofern gewandelt
hat, dass Gott kein Bedeutungsmerkmal mehr darstellt, spielt die Religion in
islamisch geprägten Sprachen und Kulturen bis heute eine äußerst wichtige
Rolle und damit spielen religiöse Vorstellungen stark in Begriffsbedeutungen
hinein. Dieser Faktor ist nicht zu vernachlässigen.
Dies bedeutet, dass zum Verständnis der
scene
im Türkischen die Konzepte
von Gerechtigkeit im Koran und im Islam betrachtet werden müssen.
Grundsätzlich ist zu sagen, dass es wesentliche Überschneidungen beim
Konzept im Hebräischen und im Arabischen gibt. Die Entsprechung für die
biblische Wurzel
dk
ist im Koran ebenso
dq.
Die im AT wesentliche
Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel der Bund zwischen beiden
Parteien wurde in den Islam übertragen und macht im Koran ebenfalls die
Essenz der Beziehung zwischen Allah und den Muslimen aus.
dq
und alle
moralischen Werte des Islam haben etwas mit diesem Konzept des Bundes zu
tun. (vgl. Izutsu 2002:88)
86
"Diejenigen, die mit dir den Treueid abschließen, sie schließen ja mit
Allah den Treueid ab, die Hand Allahs ist über ihren Händen
[Anmerkung der Verfasserin: als Zeichen des rituellen
Bundesschlusses], und wer wortbrüchig ist, der ist wortbrüchig gegen
sich selber, und wer hält, was er mit Allah als Abmachung getroffen
hat, so wird Er ihm gewaltige Belohnung geben." (Sure 48:10)
Ursprünglich war die primäre Bedeutung der Wurzel
dq
"die Wahrheit
sprechen", also etwas sagen, was der Realität entspricht, wobei es eine
objektive und eine subjektive Realität gibt. Für den objektiven Aspekt wird eher
der Begriff
aqq
verwendet (vgl. türkisch:
hakli
), während i
dq
sich mehr auf ein
Charaktermerkmal der Person bezieht, die die Wahrheit spricht die
"Wahrhaftigkeit" , und damit bereits einen etwas erweiterten
Bedeutungsbereich gewinnt, der auf Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und
Vertrauenswürdigkeit ausgedehnt ist (Izutsu 2002:89). Die Grundlage für
Wahrhaftigkeit in Wort und Tat ist, dass das Herz und die Zunge eines
Menschen zusammenpassen43. Eine Definition, was gerechtes oder frommes
Leben ist, liefert Sure 2:177. Es bedeutet nicht,
"daß ihr eure Gesichter nach dem Osten und dem Westen kehrt,
sondern die Frömmigkeit hat, wer an Allah glaubt und an den Letzten
Tag und die Engel und die Schrift und die Propheten und sein
Vermögensgut aus Liebe zu ihm den Angehörigen gibt und den
Waisen und den Armen und dem "Sohn des Weges" und den Bettlern
und für die Unfreien, und wer das Gebet einrichtet und die Zakat-
Steuer gibt und die ihre Abmachungen halten, wenn sie
Abmachungen getroffen haben, und die geduldig Ausharrenden im
Elend und im Leid und beim Unglück, dieses sind es, die wahrhaft
sind, diese sind es, sie sind die Gottesfürchtigen."
Auch wenn diese Definition viele Parallelen zur
scene
von
addik
im
Hebräischen aufweist, fällt doch auf, dass es sich mehr wie eine Checkliste
liest. Um vor Gott als gerecht zu gelten, muss der Gläubige alle erwähnten
Pflichten peinlich genau erfüllen. Wenn er dem gehorsam ist, kann er
43 vgl. Nooruddin (2002):
Different virtuous deeds
(Punkt 11.2.)
87
schlussendlich als gerecht anerkannt werden. Hier hinein fällt ein
entscheidendes Charakteristikum des Islam: Man denkt im Sinne von "wenn,
dann...".
Wenn
ich meine Steuer zahle, zu den festgesetzten Zeiten bete usw.,
dann
wird Gott mir den verdienten gerechten Lohn geben. Solche
Gedanken sind auch im Judentum und Christentum nicht unbekannt, sind aber
in Anbetracht der biblischen Grundlage nicht haltbar und haben nichts mit der
ursprünglichen Bedeutung von
addik
zu tun. Im Islam hingegen ist genau dies
Teil des Gerechtigkeitsbegriffs, und Allah selbst weist die Gläubigen immer
wieder darauf hin (vgl. Burkhardt/Grünzweig/ Laubach/Maier 1988:Band 2:681).
Auch Allah handelt nach diesem "wenn, dann..."-Prinzip, allerdings gibt es
keine Garantie dafür:
"Dies, weil Allah niemals seine Gnade ändert, mit der Er ein Volk
begnadet hat, bis sie ändern, was bei ihnen selbst ist, und da Allah
hörend, wissend ist." (Sure 8:53)
"Und wer reuig umgekehrt ist und geglaubt und Rechtschaffenes
getan hat, so kann es sein, daß er einer von denen ist, denen es
wohlergeht." (Sure 28:67)
Als entgegengesetztes Bild zu i
dq
wird auf Grundlage des Korans
kadhib
,
"Lüge" oder "Unwahrheit", oder im erweiterten Sinn
kafir
, "niederträchtig",
"treulos", ausgelöst.
adiq
und
kafir
werden am Tag des Jüngsten Gerichts die
zwei Kategorien sein, in die die Menschen eingeteilt werden
.
adiq
sind
Personen, die ihr ganzes Leben lang den Bundesverpflichtungen
nachgekommen sind. So gewinnt
adiq
auch in gewissem Maß die Bedeutung
"treu". (vgl. Izutsu 2002:90)
"als [...] Wir mit ihnen einen unbedingten Vertrag geschlossen haben,
damit Er die [
adiq
]
nach ihrer [
idq
]
fragt, und Er hat für die [
kafir
]
eine schmerzende Strafe vorbereitet." (Sure 33:7-8)
Ein Muslim denkt bei diesem
frame
auch an Menschen, die den Titel
iddiq
erhalten haben, etwa biblische Personen wie Maria oder Abraham oder auch
der Nachfolger und Schwiegervater Mohammeds, Kalif Abu Bakr as-iddiq.
iddiq
ist der höchstmögliche Grad von i
dq,
aber
der Koran definiert nicht, aus
88
welchem Grund diese Personen als
iddiq
bezeichnet werden. Nur im Fall von
Abu Bakr lässt sich dem Text entnehmen, dass es wiederum viel damit zu tun
hat, die Wahrheit zu sprechen oder auch die Wahrheit anzuerkennen. (vgl.
Izutsu 2002:92)
Ein weiteres Wort für
gerecht
im Koran ist
adil.
Bei diesem
frame
spielt
der
juristische Aspekt eine wichtige Rolle und es bedeutet so viel wie "gleich sein,
nicht mehr und nicht weniger" somit passt wieder das Bild der Waage in die
scene
. Zu
adil
gehört, dass der Verdienst des einzelnen unabhängig von
Abstammung, Herkunft, Geschlecht, Vermögen, Erfolg oder Religion, sondern
aufgrund der Gerechtigkeit anerkannt wird. Diese Gerechtigkeit besteht wie
bereits gesagt aus dem richtigem Glauben und gerechtem Handeln (vgl. oben
Sure 2:177). Die von
adil
ausgelöste
scene
beinhaltet auch gerechten Lohn und
gerechte Strafe, wobei gerechte Strafe hier auch bedeuten kann, dass jemand
aufgrund seines geringeren sozialen Status eine geringere Strafe erhält (vgl.
Sure 4:25).44
Im Islam ist jemand
adil
, der unter den Menschen als unbescholten gilt, d.h. der
nicht öffentlich Sünden begeht. Nichtöffentliche Schwächen sind für die
öffentliche Beurteilung im Islam irrelevant. So beantwortet Imam Chamene′i,
das religiöse Oberhaupt der Islamischen Republik Iran, die Frage nach der
Definition von Gerechtigkeit bzw. Wahrhaftigkeit folgendermaßen:
"Es ist der innere Zustand, welcher die unaufhörliche Bindung an die
Frömmigkeit bewirkt, welches das Begehen von religionsgesetzlich
Verbotenem verhindert. Und es genügt zur Feststellung davon das
gute Äußere, welches die Annahme von deren Qualität offen legt."45
Die türkische Übersetzung lässt sich insofern mit der Lutherübersetzung
vergleichen, als dass ebenfalls sehr konkordant übersetzt wurde. Als
Entsprechung für
addik
wird in 80% der Fälle
doru
in verschiedenen
Zusammensetzungen verwendet. Die drei anderen Entsprechungen kommen in
44 vgl. Hassan:
Religious Human Rights in the Qur′an
(Punkt 11.2.)
45 vgl. Islamisches Bildungs- und Kulturzentrum Österreich:
Die Gerechtigkeit Gottes
(Punkt
11.2.)
89
wenigen Fällen vor:
adil
macht 7% aus,
hakli
6% und
suçsuz
4%. Aus diesem
Grund wird hier hauptsächlich der
scene
von
doru
Beachtung geschenkt.
Die
scene
, die bei Lesern der türkischen Bibel von
doru
ausgelöst wird, ist ein
Bild von "richtig" im Gegensatz zu "falsch", oder ein Mensch bzw. eine
Handlung, die als ehrlich, vertrauenswürdig und einem Maßstab entsprechend
angesehen wird. Der Begriff wird in der Alltagssprache äußerst oft in
verschiedenen Bereichen verwendet, wie etwa im Deutschen "stimmen",
"gerade", "wahr", und besonders häufig da, wo auf Deutsch "richtig" eingesetzt
werden könnte: richtiger Name, sich als richtig erweisen, richtig verstehen usw.
Dementsprechend wird auch die
scene
sein, die beim Bibelleser entsteht, wenn
er
doru
liest. Der Begriff greift zu weit und macht es schwierig, beim Leser eine
angemessene
scene
für den hebräischen
frame
addik
auszulösen.
Bezeichnend ist, dass in der neuen türkischen Bibelübersetzung
doru
in
verschiedenen Formen an
ganzen 963 Stellen verwendet wird (664 Mal im AT).
Die hebräische Wurzel
dk
mit all ihren Ableitungen kommt hingegen im AT nur
496 Mal vor und das griechische Wort
dikaios
mit seinen Formen im NT 212
Mal. In der deutschen Lutherbibel, die auch als sehr konkordant übersetzt gilt,
kommt
gerecht
in verschiedenen Formen insgesamt nur 626 Mal vor (im AT 426
Mal). Damit kommt
doru
im Vergleich zu
gerecht
mehr als doppelt so häufig
vor.
Von
hakli
unterscheidet sich
doru
nur ganz minimal. Beide Begriffe
bezeichnen etwas Richtiges oder etwas, das das Recht auf seiner Seite hat
(persönliche Korrespondenz mit Wiest 2009).
9.4.6. Diskursanalyse
Was in diesem Punkt besprochen wird, überschneidet sich teilweise mit dem
vorherigen Punkt über
scenes
und
frames
, da zwischen den Diskursen einer
bestimmten Zeit und den
scenes
in den Köpfen der Menschen ein enger
Zusammenhang besteht.
Diskursanalyse für den Ausgangstext
Für die Diskursanalyse zu
addik
stehen nur geschriebene Texte als Korpus zur
Verfügung. Es können keine Informanten befragt werden, deshalb müssen vor
allem die vorhandenen Bibeltexte zur Bestimmung der Bedeutung ausreichen.
Ergänzend zu allen im vorherigen Punkt erarbeiteten Informationen muss die
90
Analyse nun Daten aus der gesamten Bibel und damit auch aus dem Neuen
Testament einschließen. Welches Bild von Gerechtigkeit ergibt sich, wenn die
Aussage aller biblischen Schriften zusammengefasst wird? Dies wird anhand
von Bibelstellen, die Gerechtigkeit definieren oder Bezug darauf nehmen und
von Informationen über den biblischen Diskurs in seiner Gesamtheit untersucht.
Das griechische Wort für gerecht / Gerechtigkeit kommt im Neuen Testament
insgesamt 212 Mal vor. Die damit verbundenen Vorstellungen schließen sich
eng an das Alte Testament an. Auch hier bleibt der Prototyp gleich: "einem
Maßstab entsprechend verhalten". Der Begriff hat auch die statisch-juristische
Komponente, aber gemeint ist vor allem ein mit Gottes Willen
übereinstimmendes, heiliges und Gott wohlgefälliges Verhalten, das von Liebe
bestimmt wird. Wie im AT wird auch hier die Gerechtigkeit geschenkt. Die Kraft
dafür kommt aus der Gemeinschaft, der engen Verbundenheit mit Gott. Der
Mensch läuft immer wieder Gefahr, den Begriff von der lebenswichtigen inneren
Verbindung mit Gott zu lösen und beginnt, in rein juristischen Kategorien zu
messen. Er möchte die Gerechtigkeit vor Gott durch das Einhalten von
Gesetzen und durch Gehorsam erreichen, was aber immer nur eine relative
Gerechtigkeit darstellen kann. Gal 3,10f zitiert Hab 2,4 und bringt dies gut zum
Ausdruck:
"10 Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem
Fluch. Denn es steht geschrieben (5.Mose 27,26): »Verflucht sei
jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem
Buch des Gesetzes, dass er′s tue!« 11 Dass aber durchs Gesetz
niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn »der Gerechte wird
aus Glauben leben« (Habakuk 2,4)."
Ein gutes Beispiel dafür ist Paulus, der Verfasser zahlreicher
neutestamentlicher Bücher und der eben zitierten Stelle, der in der Erfüllung der
Gesetzesvorschriften als untadelig galt und erwartete, als angemessenen Lohn
die Gerechtigkeit von Gott zugesprochen zu bekommen: "nach der
Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen" (Phil 3,6b). Nach
seinem Erlebnis vor Damaskus, wo ihm Jesus erschein, wusste er, das die
bloße Erfüllung der Gesetze niemanden vor Gott gerecht machen kann: "dass
91
ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die
durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott
dem Glauben zugerechnet wird" (Phil 3,9). Luther übersetzt in Röm 1,17
"Gerechtigkeit Gottes" mit "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" und zitiert als
Referenz Hab 2,4. Das Neue Testament bringt deutlich zum Ausdruck, dass wir
nur vor Gott gerecht werden können, weil Jesus Christus unsere Sünde auf sich
genommen hat. Dieses frei verfügbare Geschenk kann man sich nur durch
Glauben aneignen. Aus diesem Grund nennt Paulus diese Gerechtigkeit des
Menschen vor Gott auch "Gerechtigkeit des Glaubens" (z.B. Röm 4,13).
Oft ist der Vorwurf zu hören, dass dieser Lehre der Gerechtigkeit des Menschen
der moralische Impuls fehle. Aber dieser Impuls kann nicht durch ein Gesetz
hervorgerufen werden, sondern liegt im Glauben selbst. An Christus zu glauben
bedeutet, dass man mit ihm gestorben und auferstanden ist und dass man ein
neuer Mensch ist, in dem der Geist Gottes wohnt. Deshalb kann man nicht
mehr mit aller Selbstverständlichkeit unmoralisch und in Sünde leben, sondern
möchte dem neuen "Chef" ganz zur Verfügung stehen, was sich in der Folge im
alltäglichen Leben und im zwischenmenschlichen Bereich auswirkt. (vgl.
Rienecker 1988:Sp.466)
Jesus selbst rief in diesem Zusammenhang seine Jünger auch energisch zu
einem richtigen Lebensstil auf: "Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht
besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das
Himmelreich kommen" (Mt 5,20). Mit dieser "besseren" Gerechtigkeit ist "nicht
nur eine an der Tora gemessene quantitative Steigerung der
Gesetzeserfüllung, sondern vor allem eine an der Liebe gemessene
qualitative Intensivierung des Lebens vor Gott" gemeint (Luz 1985:240).
Und wie im Alten Testament ist auch im Neuen Testament die Gerechtigkeit
eng mit "Leben" verknüpft. Allerdings wird sie im NT durch Christus in einer
Tiefe und Weite geschenkt und ermöglich, wie es das AT nur ansatzweise
erahnen konnte. Es geht nicht mehr nur um irdischen und zeitlichen Frieden,
sondern weit darüber hinaus um ewiges Leben.
92
Eine gute Zusammenfassung der Bedeutung von Gerechtigkeit im NT liefern
Louw und Nida (1992:99):
"[It] is a type of right relation made possible by God on the basis of
faith [...], and as such constitutes both a state and a principle for
conduct."
Diskursanalyse für deutsche Texte
Zunächst werden nun wieder die Entsprechungen für
addik
im Deutschen
betrachtet, diesmal mithilfe der Diskursanalyse. Es wurde bereits erwähnt, dass
in der Lutherübersetzung in mehr als 90% der Fälle
gerecht
die Entsprechung
für das hebräische
addik
ist. Deshalb wird auch hier diesem Wort Vorrang
eingeräumt. Wir haben schon in den vorhergehenden Punkten (z.B. 9.4.3.
Merkmalanalysen) gesehen, welche Bedeutung
gerecht
bei Luther annimmt.
Wenn man den alttestamentlichen Diskurs untersucht, sieht man, dass Gott
häufig als "gerecht" bezeichnet wird, aber auch Menschen gelten als "Gerechte"
und zwar öfters ein Kollektiv von Menschen. Der Begriff wird oft in Parallelismen
mit "wahrhaftig" oder "Wahrheit" als Synonymen verwendet (über 30 Mal) und
fast 20 Mal mit "fromm". In Punkt 9.4.5. wurde bereits die Verbindung mit dem
Weg-Gedanken angesprochen, der auch bei Luther noch oft erscheint.
Wie schneidet der Begriff
gerecht
ab, wenn man den modernen
Sprachgebrauch untersucht? Entspricht die Verwendung der in der Lutherbibel?
Dass Gott
gerecht
ist, wird in öffentlichen Texten nicht oft erwähnt. Im
analysierten Korpus fand sich hingegen der Satz "Gott ist tot" fast 20 Mal
häufiger als "Gott ist gerecht". Die Art, wie Luther Menschen als "der Gerechte"
oder "die Gerechten" bezeichnete, findet sich in der heutigen Alltagssprache
nicht mehr wieder. Im Mittelalter war dies teilweise noch ein Titel für Adlige,
doch heute wird die Bezeichnung bestenfalls noch in der Literatursprache
verwendet.
gerecht
geht im analysierten Textkorpus ganz andere Verbindungen
ein als in der Lutherbibel: Man spricht von "gerecht und unparteiisch", "gerecht
und solidarisch", "gerecht und ausgewogen" oder "gerecht und demokratisch"
und bezieht sich damit großteils auf den juristischen oder verhältnismäßigen
Bereich, der in der Bibel ja nur eine ungeordnete Rolle spielt. Bezeichnend ist
auch, dass das Gegenteil von
gerecht
im modernen Sprachgebrauch
"ungerecht"
ist, im untersuchten Korpus tauchten auch "willkürlich" oder "sozial
93
unverträglich" auf. Bosheit als Ausdruck und Folge von Gottlosigkeit würde
niemandem als Gegensatz zu
Gerechtigkeit
einfallen.
Es ist offensichtlich die Unterschiede zwischen der biblischen Bedeutung und
der Bedeutung und Verwendung in der heutigen Sprache sind enorm. Welche
Begriffe könnten dann verwendet werden, um bei Bibellesern in der heutigen
Zeit ein richtiges Bild zu
gerecht
auszulösen?
Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, werden nun die Entsprechungen für
addik
in der Gute Nachricht Bibel etwas näher betrachtet. In Punkt 9.4.5.
wurde erwähnt, dass Begriffe mit der Wurzel "recht" auch in dieser Übersetzung
den größten Prozentanteil ausmachen (37%). Das Wort
gerecht
kommt
allerdings in nur 6% der Fälle vor und wird in einem etwas anderen,
eingeschränkteren Sinn als in der Lutherbibel verwendet, aber und das
erstaunt die Verwendung des Begriffs entspricht laut Analyse des Textkorpus
noch immer nicht der deutschen Gegenwartssprache. Man spricht praktisch nur
im religiösen Zusammenhang von einem gerechten Richter oder einem
gerechten Herrscher, auch "als gerecht bestehen" oder "gütig und gerecht"
haben unmittelbar religiöse Konnotationen. Mit rechtschaffen verhält es sich oft
nicht viel anders, wenn sich auch die Bedeutung des Wortes auf andere, nicht-
religiöse Bereiche erweitern lässt.
Der nächste große Begriffsbereich ist
treu
mit seinen Formen. Wenn man die
Diskursanalyse auf diesen Begriff anwendet, ist das Ergebnis wie im
vorhergehenden Punkt, dass er eine gute Entsprechung für das hebräische
addik
ist, da der Aspekt eines angemessenen Verhaltens innerhalb einer
bestehenden Beziehung so deutlich hervortritt. Man spricht am häufigsten im
Zusammenhang mit Freundschaften oder ehelichen Beziehungen von Treue.
Aber auch ein Kunde, ein Begleiter, ein Diener oder Fan wird oft als treu
bezeichnet. Zu Recht stellt
treu
in der Gute Nachricht Bibel die häufigste
Entsprechung für
addik
dar, denn für diejenigen Fälle, wo der juristisch-
statische Aspekt wichtiger ist als der dynamische und verhältnisbezogene,
stehen die meisten anderen Begriffe mit der Wurzel "recht" zur Verfügung.
Diskursanalyse für türkische Texte
Analysiert man die türkische Gegenwartssprache dahingehend, wie oft, wo und
in welchen Kontexten
doru
vorwiegend auftritt, so lässt sich erkennen, dass
94
der Begriff sehr oft Verbindungen mit
gerçek
bildet. Auch gemeinsam mit
yanli
tritt
doru
außerordentlich oft auf. Dies bestätigt, was bereits in Punkt 9.4.5.
angesprochen wurde, nämlich dass
doru
meist im Sinn von "richtig" oder
"wahr" im Gegensatz zu "falsch" verwendet wird. Weitere häufige Verbindungen
gibt es im analysierten Textkorpus mit
dürüst
und
güvenilir.
Bei diesem Punkt kann nicht viel mehr in die Tiefe gegangen werden, da für
eine gründliche Diskursanalyse sehr gute Sprachbeherrschung erforderlich ist.
Doch gelten viele der in Punkt 9.4.5. erwähnten Faktoren wie etwa die Prägung
der Gegenwartssprache durch den Islam auch für diesen Punkt und deshalb
kann hier darauf verwiesen werden.
95
10. Schlussbemerkung
Zum Schluss möchte ich sagen, dass die Beschäftigung mit unterschiedlichen
Übersetzungstheorien und ganz besonders die Analyse des biblischen
Schlüsselbegriffs
addik
mir persönlich sehr viel gebracht hat. Ehrlicherweise
muss ich zugeben, dass mir trotz vielen Jahren des Bibellesens und der
Beschäftigung mit dem christlichen Glauben nie so bewusst war wie jetzt, dass
der biblische Begriff
Gerechtigkeit
viel mehr umfasst und eine andere
Grundlage hat als der Begriff, den ich in der deutschen Gegenwartssprache
kenne und verwende. Für diesen neuen Einblick bin ich dankbar, da ich somit
viele Bibelstellen mit einem neuen Verständnis lesen kann.
Bei meinen Analysen habe ich festgestellt, dass die Lutherbibel, die bis jetzt
auch meine bevorzugte Bibelübersetzung ist, zwar gute Leistungen erbringt,
wenn es darum geht, nahe am Originaltext zu bleiben und Begriffe wo immer
möglich und vertretbar konkordant zu übersetzen. Wenn man aber die
Botschaft der Bibel in einer Sprache lesen möchte, die heute üblich ist und die
Schlüsselbegriffe vielleicht nicht so konkordant, sondern dem Kontext
angepasst und dafür verständlicher wiedergibt, wäre die Gute Nachricht Bibel
viel eher das Richtige.
Ich habe in der vorliegenden Arbeit versucht, Kriterien auszuarbeiten, die es
ermöglichen, bei der Übersetzung biblischer Schlüsselbegriffe richtige
Entscheidungen zu treffen. Dazu wurden unterschiedliche Theorien und
Methoden vorgestellt und auf drei verschiedene Bibelübersetzungen aus zwei
Sprachen angewandt. Um alle drei Schlüsselbegriffe im Vers Hab 2,4b
gerecht
,
Glauben
und
leben
zu analysieren und somit zur Bedeutung des
gesamten Verses vorzudringen, wäre ein erheblicher Mehraufwand an Arbeit
entstanden, der noch einige Wochen oder Monate in Anspruch genommen
hätte. Somit ist diese Arbeit zu einem Ausgangspunkt und zu einer Grundlage
für weitere Beschäftigungen mit der Frage nach Kriterien zum Übersetzen von
biblischen Schlüsselbegriffen geworden, auf die ich in Zukunft aufbauen
möchte.
96
11. Anhang
11.1. Bibliographie
Alle Bibelstellen wurden, sofern nicht anders angegeben, zitiert aus:
Die Bibel Nach der Übersetzung Martin Luthers. Revidierte Fassung von
1984.
(1985) Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft
Alle Koranstellen wurden, sofern nicht anders angegeben, zitiert aus:
v. Denffer, Ahmad (92003)
Der Koran Die Heilige Schrift des Islam in
deutscher Übertragung.
München: Islamische Gemeinschaft in Deutschland
e.V.
Allen, Steve (1990) Steve Allen on the Bible, Religion, & Morality. Buffalo, NY:
Prometheus
Bascom, Robert (2003)
The Role Of Culture In Translation
. In: Wilt, Timothy
(Hrsg.)
Bible Translation Frames of Reference.
Manchester: St. Jerome
Publishing, S. 81-112
Berg, Horst Klaus (2001)
Vätergeschichten.
In: Lachmann, Rainer / Adam,
Gottfried / Reents, Christine:
Elementare Bibeltexte: Exegetisch systematisch
didaktisch
. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 50-80
Bloomfield, Leonard (1933)
Language.
New York: Holt
Burkhardt, Helmut / Grünzweig, Fritz / Laubach, Fritz / Maier, Gerhard (Hrsg.)
(1988)
Das große Bibellexikon, Band 2: E-H.
Wuppertal: R.Brockhaus Verlag /
Giessen: Brunnen Verlag
97
Burkhardt, Helmut / Grünzweig, Fritz / Laubach, Fritz / Maier, Gerhard (Hrsg.)
(1989)
Das große Bibellexikon, Band 3: I-L.
Wuppertal: R.Brockhaus Verlag /
Giessen: Brunnen Verlag
Dudenredaktion (Hrsg.) (32002)
Duden Das Bedeutungswörterbuch, 10.
Band.
Mannheim: Dudenverlag
Feinberg, Charles Lee (21977)
The Minor Prophets.
Chicago: Moody Press
Fillmore, Charles J. (1977)
Scenes-and-frames-semantics.
In: Zampolli, Antonio
(Hrsg.) (1977)
Linguistic Structures Processing.
Amsterdam: North-Holland, S.
55-81
Goerling, Fritz (1995)
Criteria for the Translation of Key Terms in Jula Bible
Translations.
Dissertation submitted for the degree of Doctor of Philosophy in
Intercultural Studies at the School of World Mission at Fuller Theological
Seminary
Grant, Frederick C. (1961)
Translating the Bible.
Greenwich, Conn.: Seabury
Press
Gruber, Helmut / Kaltenbacher, Martin / Muntigl, Peter (Hrsg.) (2007)
Empirical
Approaches to Discourse Analysis - Empirieorientierte Ansätze in der
Diskursanalyse.
Frankfurt a.M.: Peter Lang Europäischer Verlag der
Wissenschaften
Haug, Hellmut (21994)
Deutsche Bibelübersetzungen: das gegenwärtige
Angebot Information und Bewertung.
Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft
Hohn, Stefanie (21999)
Philologisch-historische Tradition.
In: Snell-
Hornby/Hönig/Kuß-maul/Schmitt, S. 91-95
Izutsu, Toshihiko (2002)
Ethico-Religious Concepts in the Qur′án.
Montreal:
McGill-Queen′s University Press
98
Keller, Rudi (1995)
Zeichentheorie Zu einer Theorie semiotischen Wissens.
Tübingen, Basel: Francke Verlag
Kußmaul, Paul (21999)
Semantik.
In: Snell-Hornby/Hönig/Kußmaul/Schmitt, S.
49-53
Kutsal Kitap Yeni Çeviri.
(2002) stanbul: Kitabi Mukaddes irketi / Yeni
Yaam Yayinlari
Larson, Mildred L. (1984)
Meaning-based Translation.
Lanham: University
Press of America
Louw, Johannes P. / Nida, Eugene A. (1992)
Lexical Semantics of the Greek
New Testament.
Resources for biblical study, Society of Biblical Literature (No.
25)
Luz, Ulrich (1985)
Das Evangelium nach Matthäus
.
Evangelisch-katholischer
Kommentar zum Neuen Testament.
Mt 1-7.
Zürich: Benziger
Meurer, Siegfried (1978)
Die Übersetzungsstrategie des Weltbundes der
Bibelgesellschaften.
In: Meurer, Siegfried (Hrsg.) (1978)
Eine Bibel viele
Übersetzungen.
Stuttgart: Evangelisches Bibelwerk, S. 173-189
Newmark, Peter (1981)
Approaches to translation.
Oxford: Pergamon Press
Ltd.
Newmark, Peter (1988)
A Textbook of Translation.
New York: Prentice Hall
Nida, Eugene A. (1964)
Toward A Science Of Translating With Special
Reference To Principles and Procedures Involved In Bible Translating.
Leiden,
Netherlands: E. J. Brill
99
Nida, Eugene A. (1975)
Exploring Semantic Structures.
München: Wilhelm Fink
Verlag
Pelz, Heidrun (81990)
Linguistik für Anfänger.
Hamburg: Hoffmann und Campe
Verlag (Reihe: Kritische Wissenschaft)
Rienecker, Fritz (Hrsg.) (1988)
Lexikon zur Bibel. Jubiläumsausgabe.
Wuppertal: R. Brockhaus Verlag
Risku, Hanna (21999)
Kognitionswissenschaft.
In: Snell-
Hornby/Hönig/Kußmaul/Schmitt, S. 119-122
Robertson, A. T. (1919)
A Grammar of the Greek New Testament In The Light
of Historical Research
. London: Hodder & Stoughton
Schwark, Christian (2006)
Gottesdienste für Kirchendistanzierte: Konzepte und
Perspektiven.
Wuppertal: R. Brockhaus Verlag (Systematische Monographien,
Band 17)
Schwarz, Monika / Chur, Jeannette (1993)
Semantik ein Arbeitsbuch.
Tübingen: Gunter Narr Verlag
Schwarz, Monika (1994)
Kognitive Semantik / Cognitive Semantics: Ergebnisse,
Probleme, Perspektiven
. Tübingen: Gunter Narr Verlag
Snell-Hornby, Mary / Hönig, Hans G. / Kußmaul, Paul / Schmitt, Peter A. (Hrsg.)
(21999) Handbuch Translation. Tübingen: Stauffenburg-Verlag
Stolze, Radegundis (32001)
Übersetzungstheorien: Eine Einführung.
Tübingen:
Narr
Thomi, Eva / Henner, Jutta (2009)
Konsulat der Christenheit.
In:
Die Bibel
aktuell
(Zeitschrift der Österreichischen Bibelgesellschaft). 54. Jahrgang, Nr.
1/2009 (Februar), Wien: Österreichische Bibelgesellschaft (Hrsg.)
100
VanGemeren, Willem A. (Hrsg.) (1997)
New International Dictionary of Old
Testament Theology and Exegesis,
Volume 3, Volume 4. Grand Rapids,
Michigan: Zondervan
van Leeuwen, C. (1976) In: Jenni, Ernst / Westermann, Claus:
Theologisches
Handwörterbuch zum Alten Testament
(THAT), Band II, München: Kaiser
Wendland, Ernst R. (1987)
The Cultural Factor in Bible Translation.
New York:
UBS (UBS Monograph Series No. 2)
Woodsworth, Judith (21999)
Geschichte des Übersetzens.
Aus dem Englischen
übersetzt von Rolf Geiser. In: Snell-Hornby/Hönig/Kußmaul/Schmitt, S. 39-43
101
11.2. Internetquellen
Aktion Weltbibelhilfe (2009)
Sprachen der Bibel.
Online in Internet: URL:
http://www.weltbibelhilfe.de/index.php?id=117 [Stand 24.03.2009]
Benner, Jeff A. (2005)
Word of the Month Righteous (tsadiyq), Issue #018.
In:
Biblical Hebrew E-Magazine, Ancient Hebrew Research Center, Online in
Internet: URL: http://www.ancient-hebrew.org/emagazine/018.html [Stand:
01.04.2009]
Bibelwissenschaft (2007)
Die Biblia Hebraica Stuttgartensia.
Online in Internet:
URL: http://www.bibelwissenschaft.de/start/wiss-bibelausgaben/biblia-hebraica/
[Stand 12.03.2009]
Bibelwissenschaft (2007)
Über die Gute Nachricht Bibel.
und:
Gute Nachricht.
Online in Internet: URL:
http://www.die-bibel.de/online-bibeln/gute-nachricht-bibel/ueber-die-gute-
nachricht-bibel/,
http://www.die-bibel.de/wissen/bibeluebersetzung/deutsche-
uebersetzungen/gute-nachricht/ [Stand 13.03.2009]
Bibelwissenschaft (2007)
Über die Lutherbibel.
und:
Luther 1984.
Online in
Internet: URL:
http://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/ueber-die-
lutherbibel/,
http://www.die-bibel.de/wissen/bibeluebersetzung/deutsche-
uebersetzungen/luther-1984/ [Stand 13.03.2009]
Bibleserver (2009) Online in Internet: URL: http://www.bibleserver.com [Stand
12.03.2009]
Biblos (2009)
Online Bible - Westminster Leningrad Codex Version
. Online in
Internet: URL: http://wlcv.hebrewtanakh.com/ [Stand 12.03.2009]
102
Bolin, Mary K. (2005)
Grace: a Contrastive Analysis of a Biblical Semantic Field.
Lincoln: University of Nebraska. Online in Internet: URL:
http://digitalcommons.unl.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1005&context=librarys
cience [Stand 23.02.2009]
Deutsche Bibelgesellschaft (2009)
Bibeltexte in 2479 Sprachen weltweit.
Online
in Internet: URL: http://www.dbg.de/navi/aktuelles-und-
presse/detailansicht/article/bibeltexte-in-2479-sprachen-weltweit.html [Stand
12.03.2009]
Ethnologue:
Statistical Summaries
. Online in Internet: URL:
http://www.ethnologue.com/ethno_docs/distribution.asp?by=area [Stand
16.02.2009]
Haag, Hans Jakob:
Anhang IDS G1:
Transliteration des Hebräischen (inkl. Ivrit)
und des Jiddischen.
In: Informationsverbund Deutschschweiz. Online in
Internet: URL:
http://www.informationsverbund.ch/fileadmin/user_upload/dokumente/katalogisi
erung/kids/kids_deutsch/kapg1.pdf [Stand 19.03.2009]
Haslev 1997 Consultation Statement (1997)
Gospel Contextualisation
Revisited.
In: Lausanne Movement
Hassan, Riffat (1996)
Religious Human Rights in the Qur′an.
aus: Emory
International Law Review. Online in Internet: URL: http://muslim-
canada.org/emory.htm [Stand 22.04.2009]
Islamisches Bildungs- und Kulturzentrum Österreich:
Die Gerechtigkeit
Gottes.
Online in Internet: URL:
http://www.ibikuz.net/ibikuz/Gerechtigkeit%20Gottes.html [Stand 22.04.2009]
Jackson, Wayne (1999)
The Tower of Babel--Legend or History?
aus: Christian
Courier. Online in Internet: URL: http://www.christiancourier.com/articles/140-
the-tower-of-babel-legend-or-history [Stand 17.02.2009]
103
Katholisches Magazin für Kirche und Kultur (2008)
Türkische
Bibelgesellschaft: ,,Christentum kein Import aus dem Westen".
Online in
Internet: URL: http://www.katholisches.info/?p=1873 [Stand 10.03.2009]
Kirk, Peter (2002)
Holy Communicative? Current approaches to Bible
translation worldwide.
Online in Internet: URL:
http://web.onetel.net.uk/~peterkirk/Bible%20Translation-
/Holy%20Communicative.doc [Stand 17.02.2009]
Konkordante Bibelübersetzungen:
Die konkordante Übersetzungsmethode.
Online in Internet: URL: http://www.konkordant.de/Methode.html [Stand
02.04.2009]
Kraft, Charles H. (1997)
Contextualisation Theory in Euro-American Missiology.
In: Lausanne Movement
Lausanne Movement, The (1997)
Contextualization Revisited A Consultation
held in Haslev, Denmark in 1997.
Online in Internet: URL:
http://www.lausanne.org/haslev-1997/overview.html [Stand 25.02.2009]
Lycan, William G. (2004)
The Referential Theory.
Online in Internet: URL:
http://www.unc.edu/~ujanel/ReflTh.htm [Stand 20.02.2009]
Macgilchrist, Felicitas (2009)
Discourse analysis. What is it?
Online in Internet:
URL:
http://www.discourse-analysis.de/ [Stand 24.02.2009]
Marlowe, Michael D. (2007)
New King James Version.
Online in Internet: URL:
http://www.bible-researcher.com/nkjv.html [Stand 13.03.2009]
Meier-Schuegraf, Stefan (2005)
Diskursanalyse.
Online in Internet: URL:
104
http://www.tu-
chemnitz.de/phil/medkom/mk/lehre_dl/ss05_ringvorlesung/diskursanalyse.pdf
[Stand 24.02.2009]
Nooruddin, A.H.M. (2002):
Different virtuous deeds Al-Al′amalus saleha Part
11.
Online in Internet: URL:
http://groups.yahoo.com/group/dahuk/message/1048 [Stand 03.04.2009]
Orientdienst:
Geschichte der türkischen Bibel.
Online in Internet: URL:
http://www.orientdienst.de/muslime/tuerkische_bibel.shtml [Stand 10.03.2009]
Sasse, Hans-Jürgen (2008)
Semantik III Bedeutungstheorien.
Unterlagen zur
Vorlesung:
Einführung in die Linguistik.
Online in Internet: URL: http://www.uni-
koeln.de/phil-fak/ifl/asw/studium/material/sasse/Semantik_neu.pdf [Stand
20.02.2009]
Schrenker, Markus / Ramge, Thomas (2007)
GEO-Umfrage: Was ist gerecht?
In: GEO Magazin Nr. 10 / Oktober 2007. Online in Internet:
http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/54795.html [Stand 22.04.2009]
Schulz, Ralph (2001)
Relevance Theory: Leistungen und Grenzen eines
kognitiven Kommunikationsmodells für die Literaturwissenschaft.
Online in
Internet: URL:
http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/106617.html [Stand 24.02.2009]
Sonnenhauser, Barbara (2008)
Einführung in die Sprachwissenschaft.
LMU
München, Institut für slavische Philologie. Online in Internet: URL:
http://www.slavistik.uni-
muenchen.de/basonne/SoSe08/Proseminar/25.4.2008.pdf [Stand 18.02.2009]
Sookhdeo, Patrick (1997)
Issues in Contextualisation.
In: Lausanne Movement
Westminster Hebrew Institute (2009) Online in Internet: URL:
http://whi.wts.edu/WHI [Stand 12.03.2009]
105
Wikipedia:
Diskursanalyse Discourse analysis.
Online in Internet: URL:
http://de.wikipedia.org/wiki/Diskursanalyse,
http://en.wikipedia.org/wiki/Discourse_analysis [Stand 24.02.2009]
Wikipedia:
Early Modern English Bible translations.
Online in Internet: URL:
http://en.wikipedia.org/wiki/Early_Modern_English_Bible_translations [Stand
12.03.2009]
Wikipedia:
English translations of the Bible.
und:
Geschichte der
Bibelübersetzung.
Online in Internet: URL:
http://en.wikipedia.org/wiki/English_translations_of_the_Bible,
http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Bibel%C3%BCbersetzung [Stand
12.03.2009]
Wikipedia:
Gerecht.
Online in Internet: URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Gerecht
[Stand 01.04.2009]
Wikipedia:
Semantik.
Online in Internet: URL:
http://de.wikipedia.org/wiki/Semantik [Stand 23.02.2009]
Wycliff die ganze Welt der Schrift:
Vision 2025.
Online in Internet: URL:
http://www.wycliff.de/content/view/40/58/ [Stand 16.02.2009]
106
11.3. Korrespondenz
Lawrence, Paul (2009)
Re: Translation thesis on key terms in Turkish.
E-mail:
pjnlawrence@yahoo.co.uk [18.02.2009]
Wiest, Ken (2009)
Re: Translation thesis on key terms in Turkish.
E-mail:
ken.wiest@interman.us [21.02.2009]
Samuel, Christopher J. (2009)
Re: Key terms project.
E-mail:
christopher_samuel@sil.org [06.01.2009]
107
11.4. Transliteration des Hebräischen
Die hier angegebene Transliteration des Hebräischen beruht auf der deutschen
Norm DIN 31636, "Umschrift des hebräischen Alphabets", vom April 198246.
Hebräische Konsonantenzeichen
Transliteration
′
b,
v
g
d
h
w
z
y
,
k,
k
l
, m
,
n
s
`
,
p,
f
,
k
r
s
t
46 vgl. Haag:
Transliteration des Hebräischen (inkl. Ivrit) und des Jiddischen.
(Punkt 11.2.)
108
Hebräische Vokalzeichen
Transliteration
a
a (offene, betonte Silbe)
o (unbetonte, geschlossene Silbe)
e
e
i
o
u
e
e
i
o
u
sewa, siehe Zusatzbemerkung c)
a
e
o
Zusatzbemerkungen:
a) Am Wortanfang stehendes wird allgemein nicht transliteriert. Dies gilt
auch, wenn der betreffenden Buchstabenfolge ein Bindestrich vorangeht. Im
Wortinnern und wenn nur die drei Konsonanten des Wortstamms
wiedergegeben werden, wird es durch ′ transliteriert.
b) Das dages forte wird durch die Verdoppelung des Konsonanten
ausgedrückt.
c) Das sewa quiescens wird nicht transliteriert, das sewa mobile wird mit e
wiedergegeben.
d) Bei , und wird die explosive Aussprache mit b, k und p, die spirantische
mit v, k und f wiedergegeben.
109
11.5. Wortliste türkisch deutsch
aciyan
barmherzig
adalet
Gerechtigkeit, Recht
adil
gerecht, recht
alni ak
rein, ehrenvoll
bali
treu, getreu, ergeben
doru
gerecht, recht, richtig, aufrichtig, wahr
dürüst
gerecht, redlich, anständig, aufrichtig
erdemli tugendhaft
gerçek
wahr, wirklich
güvenilir
redlich, zuverlässig, verlässlich, treu
hak
Recht, Gerechtigkeit
hakça
mit Recht
hakli
gerecht, im Recht, wahr
içten
aufrichtig
iyi
gut
iyilik yapan
gütig
iyiliksever
wohlwollend
kusursuz
fehlerlos, makellos
lütfeden
gnädig
lütufkar
gütig, wohlwollend, freundlich
masum
rein, unschuldig
sadik
treu, loyal, ehrlich
sevecen
gütig, zärtlich
suçsuz
unschuldig
temiz
rein, unschuldig, anständig
yanli falsch
yetkin
perfekt, vollkommen
110
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Author: Marco FeindlerPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Author: Zoran ZivkovicPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Author: Claudia NickelPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Author: Maik PhilippPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Author: Mark RichterPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008
This text can be quoted and accessed from this url: