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Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von Intensivpatienten

Termpaper, 2008, 35 Pages
Author: Birgit Wallbaum
Subject: Nursing Science

Details

Category: Termpaper
Year: 2008
Pages: 35
Language: German
Archive No.: V129056
ISBN (E-book): 978-3-640-36004-8


Abstract

Durch meine jahrelange Tätigkeit auf einer Intensivstation erlebe ich täglich, dass es in der hochtechnisierten Intensivmedizin zwar weitestgehend möglich ist, den lebensbedrohlichen Gesundheitszustand zu stabilisieren, aber der betroffene Mensch als individuelles, biographisches Wesen vielfach immer mehr in den Hintergrund tritt. Durch die fortschreitende Technologie besteht die Gefahr, dass der Mensch nicht mehr in seiner Ganzheitlichkeit wahrgenommen wird, sondern nur noch seine körperlichen Defizite, die von Monitoren, Displays von Apparaten und Laborparametern abgelesen, interpretiert und behandelt werden. Wie aber erlebt oder nimmt ein Patient seine Situation auf Intensivstation wahr? Viele Patienten erleben auf der Intensivstation einen Zeitraum indem sie aus verschiedensten Gründen nicht bei Bewusstsein sind und haben Schwierigkeiten sich räumlich und zeitlich zu orientieren. Mit dieser Hausarbeit möchte: 1. Die Gründe für die Wahrnehmungsstörungen und den Orientierungsverlust von Intensivpatienten auf der Grundlage der Wahrnehmungs- und Entwicklungspsychologie erörtern. 2. In diesem Zusammenhang aufzeigen, welche Bedeutung das Konzept der Basalen Stimulation zur Förderung der Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation für einen beatmente, desorientierten und somnolenten Patienten hat.


Excerpt (computer-generated)

Fachhochschule Jena

Diplom Fernstudiengang Pflege/Pflegemanagement

Hausarbeit


Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der

gestörten Wahrnehmung von Intensivpatienten


Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von

Intensivpatienten

___________________________________________________________________________

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Wahrnehmung 5

2.1. Was ist Wahrnehmung? 5

2.2. Wahrnehmungsprozess 6

2.3. Entwicklung der Wahrnehmung 7

3. Ich-Bild und Körpergefühl 11

4. Mentale Repräsentation 12

5. Psychologische Grundlagen der Wahrnehmung 14

6. Wahrnehmungsstörungen bei Intensivpatienten 15

6.1. Habituation 15

6.2 Autostimulation 16

6.3. Sensorische Reizdeprivation 16

6.4. Reizüberflutung 17

6.5. Andere mögliche Ursachen von Wahrnehmungsstörungen 18

7. Basale Stimulation® 18

7.1. Zentrale Ziele der Basalen Stimulation® 19

7.2. Schwerpunkte der Basalen Stimulation® 20

7.2.1. Entwicklungsorientierter Ansatz 21

7.2.2. Ganzheitlichkeit 23

7.2.3. Dialogaufbau 24

8. Möglichkeiten zur Förderung der Wahrnehmung bei Intensivpatienten 25

8.1. Somatische Stimulation 26

8.2. Vibratorische Stimulation 27

8.3. Vestibuläre Stimulation 27

8.4. Auditive Stimulation 28

8.5. Orale, gustatorische und olfaktorische Stimulation 28

8.6. Visuel e Stimulation 29

9. Schlussfolgerung 30

10. Abbildungen 32

11. Literaturverzeichnis 33

2


Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von

Intensivpatienten

___________________________________________________________________________

1. Einleitung

Durch meine jahrelange Tätigkeit auf einer Intensivstation erlebe ich täglich, dass es in der

hochtechnisierten Intensivmedizin zwar weitestgehend möglich ist, den lebensbedrohlichen

Gesundheitszustand zu stabilisieren, aber der betroffene Mensch als individuel es,

biographisches Wesen vielfach immer mehr in den Hintergrund tritt. Durch die

fortschreitende Technologie besteht die Gefahr, dass der Mensch nicht mehr in seiner

Ganzheitlichkeit wahrgenommen wird, sondern nur noch seine körperlichen Defizite, die von

Monitoren, Displays von Apparaten und Laborparametern abgelesen, interpretiert und

behandelt werden.

Wie aber erlebt oder nimmt ein Patient seine Situation auf Intensivstation wahr?

Viele Patienten erleben auf der Intensivstation einen Zeitraum indem sie aus

verschiedensten Gründen nicht bei Bewusstsein sind und haben Schwierigkeiten sich

räumlich und zeitlich zu orientieren. Hinzu kommt, dass durch die Einlieferung bzw.

Verlegung auf eine Intensivstation der Mensch aus seiner gewohnten Situation

herausgerissen wird und einer ihm vol kommen fremden Umgebung ausgeliefert ist. Häufig

ist es dem Patienten nicht möglich die Situation strukturiert nachzuvol ziehen und in einen

sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Zudem kommen noch diverse Stressfaktoren hinzu,

denn auf einer Intensivstation haben sie keinen normalen Schlaf ­ Wach ­ Rhythmus,

bedingt durch die kontinuierlichen Messungen und Maßnahmen, die an ihnen während ihres

Aufenthaltes durchgeführt werden. Neben dem ständig bestehenden grel en Licht ist der

Patient einer extremen Geräuschkulisse ausgesetzt wie z.B. Maschinenalarme,

Arbeitsgeräusche der Respiratoren, Türgeklapper, fremde Stimmen, Telefonklingel, Radio,

laute Gespräche - ein ziemlich hoher, nicht enden wol ender Lärmpegel, der für den

sedierten Patienten nicht im Einzelnen zu isolieren und zu identifizieren ist.

Durch Medikamente und durch die Verkabelung mit vielen Maschinen und Apparaten ist der

Patient in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Langes Liegen, besonders auf den

Weichlagerungsmatratzen führt schnel zu einem Verlust des Körpergefühls. Durch die

fluktuierende Vigilanz und durch die Auflösung der Körpergrenzen verliert der Patient

vollkommen sein Raum-Zeit-Gefühl.

Dazu kommt, dass den Patienten zunächst sämtliche Kommunikationsmöglichkeiten

genommen sind. Sie können nicht sprechen, nicht schreiben oder sich durch Mimik und

Gestik mitteilen.

3


Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von

Intensivpatienten

___________________________________________________________________________

Dem Patienten fehlen durch die sehr eingeschränkte Kommunikation und der mangelnden

Bewegungsmöglichkeit sensorische Reize, was sich negativ auf seine Wahrnehmung

auswirkt.

Durch diese extrem negativen Einflüsse und Empfindungen, kommt es nicht selten zu

verwirrtem oder aggressiven Verhalten oder gar zu einer ,,Totstel reaktion" des Patienten,

was nicht förderlich für den Genesungsprozess ist.

Diese Darstel ung zeigt, dass es der Intensivmedizin durch eine Vielzahl von technischen

Geräten möglich ist die Funktionen eines gestörten lebenswichtigen Organsystems wieder

herzustel en, aber das Umfeld und die Situation auf einer Intensivstation für den Patienten

auch eine enorme psychische Belastung ist. Eine Möglichkeit den psychischen

Auswirkungen eines Intensivstationsaufenthaltes entgegenzuwirken ist das Konzept der

Basalen

Stimulation®,

auf

dessen

Grundlage

die

Wahrnehmungs-

und

Kommunikationsfähigkeit des Patienten gefördert werden sol .

Mit dieser Hausarbeit möchte ich:

·

die Gründe für die Wahrnehmungsstörungen und den Orientierungsverlust von

Intensivpatienten auf der Grundlage der Wahrnehmungs- und Entwicklungspsychologie

erörtern.

·

In diesem Zusammenhang aufzeigen, welche Bedeutung das Konzept der Basalen

Stimulation® zur Förderung der Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation für einen

beatmeten, desorientierten oder somnolenten Patienten hat.

Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich den Wahrnehmungsprozess und die

Wahrnehmungsentwicklung näher beschreiben. Um den Zusammenhang zur Basalen

Stimulation® aufzeigen zu können, veranschauliche ich nachfolgend die Bedeutung der

Wahrnehmungsverarbeitung, wobei ich mich auf das Körpergefühl und die Mentale

Repräsentation beschränken werde. Auf dieser Grundlage folgt die Darstel ung von

Wahrnehmungsstörungen und ihren Ursachen. Der zweite Teil der Hausarbeit bezieht sich

dann auf das Konzept der Basalen Stimulation®, indem ausschließlich die zentralen Ziele

und die Schwerpunkte des Konzeptes dargelegt werden, damit sich die Bedeutung, der

daraus resultierenden Förderung der Wahrnehmung, erkennen lässt.

4


Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von

Intensivpatienten

___________________________________________________________________________

2. Wahrnehmung

2.1. Was ist Wahrnehmung?

Mit dem Begriff Wahrnehmung haben sich viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen

wie Philosophie, Biologie, Physiologie, Pädagogik, Theologie und Psychologie genauer

auseinandergesetzt und ihn aus ihrer jeweiligen Betrachtungsrichtung definiert. Selbst

innerhalb der Disziplin Psychologie gibt es verschiedene Fachbereiche wie z.B.

Entwicklungspsychologie,

Wahrnehmungspsychologie,

Psychophysik

und

die

Kognitionspsychologie, die sich mit dem Phänomen Wahrnehmung beschäftigen.

Auf Grund der sehr verschiedenen Sichtweisen führe ich drei für das Thema relevante

Definitionen auf:

1.

,,Unter Wahrnehmung wird nicht nur die Aufnahme von äußeren Reizen

verstanden, sondern das subjektive Konstruieren eines eigenen

Weltbildes aufgrund der Sinneseindrücke aus der Umwelt."

1

2.

,,

Die Wahrnehmung ist keine passive Widerspiegelung der Wirklichkeit,

sondern ein aktiver Konstruktions-, Interpretations- und Selektionsprozess,

in dem die Kontexte eine besonders starke Rolle spielen"

2

3.

Prof. Dr. A. D. Fröhlich, Sonderpädagoge und heilpädagogische

Psychologe, bezeichnet es als

,,sinngebende Verarbeitung innerer und

äußerer Reize unter Zuhilfenahme (Ausnutzung) von Erfahrung und

Lernen."3

Prof. Dr. Fröhlich lässt in seiner Definition erkennen, dass Wahrnehmung und Sinnesleistung

nicht identisch sind. Für ihn ist Wahrnehmung ein zentraler Prozess, der das

Informationsmaterial der Sinnesorgane im Gehirn so verarbeitet, dass für den Menschen

Bedeutung entsteht. Diese Bedeutung kann unterschiedlich ausfal en und schließt z.B.

soziale, emotionale und andere Faktoren ein.

,,Wahrnehmung ist also weder von der

organischen Seite, den Sinnesorganen, noch von der sozialen abzulösen, sie ist Teil eines

ganzheitlichen Geschehens und Erlebens"4

1 Vgl. Franken, Swetlana, Verhaltensorientierte Führung: Wahrnehmung, Gabler Verlag, Wiesbaden

2004, S.40.

2 Vgl. Igl, Natalia, Mehrfachwahrnehmung: Was ist Wahrnehmung, 2002 verfügbar unter

http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=intermedialitaet_wahrnehmung ( 22.02.2008)

3 Vgl. Fröhlich, Andreas D., Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung, Edition

Schindele, Heidelberg, 1994, 8. Auflage, S.42.

4 Vgl. Fröhlich, Andreas D., Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung, Edition

Schindele, Heidelberg, 1994, 8. Auflage, S.9.

5


Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von

Intensivpatienten

___________________________________________________________________________

2.2. Wahrnehmungsprozess

Grundlegend ist zu sagen, dass der Wahrnehmende das Ziel hat, Informationen zu

gewinnen, um sich in seiner Umwelt orientieren und möglichst erfolgreich verhalten und

handeln zu können.

In der Abb.1 wird ein einfaches Model der Wahrnehmung dargestel t. Ein wahrnehmender

und handelnder Mensch nimmt über Reizung der Sinnesorgane Informationen aus seiner

Umwelt auf. Sehen, hören, tasten ­ jeder Sinneseindruck wird im Gehirn verarbeitet. Häufig

wird dieser Vorgang auch ,,Empfindung" genannt. Im Gehirn folgt eine Interpretation und

Selektion, wobei die aufgenommenen Informationen in den Kontext von bereits

vorhandenem Vorwissen und erworbenen Erfahrungen gestel t werden. Dieser Vorgang

bringt es mit sich, dass die aufgenommene Information zu einem individuel en Eindruck

aufgearbeitet wird, die dann wiederum zur Steuerung von körperlichen Reaktionen - zu

Handlungen ­ führen. Diese Reaktionen verfolgen den Zweck der Anpassung bzw. der

Veränderung.

Abb. 1

Gegenstands- und Aussagebereich von Wahrnehmung

Quelle: Guski, Rainer, Wahrnehmen ­ ein

Lehrbuch, Theorien und Methoden der

Wahrnehmungspsychologie, Stuttgart, W.

Kohlhammer GmbH, 1996, S. 13

Zimbardo unterteilt den Wahrnehmungsprozess in 3 Stufen5:

1.

Sensorische Empfindung:

Umwandlung physikalischer Energie, wie Licht oder

Schal wellen, in neuronal kodierte Information, die vom Gehirn weiterverarbeitet

werden kann. Es handelt sich um einen rein physiologischen Vorgang

5 Vgl. Zimbardo, Philip G., Psychologie, Springer Verlag, 5. Auflage, Berlin Heidelberg New York,

1992, S.137-138

6


Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von

Intensivpatienten

___________________________________________________________________________

2.

Wahrnehmung im engeren Sinne

: Bildung einer inneren Repräsentation des

äußeren Reizes, indem die Eigenschaften und Bestandteile der Reize in

erkennbare Muster und Formen organisiert und modifiziert werden. Durch

Vorgänge der Schätzung von der Grösse, des Umfanges, der Form, der

Bewegung, der Entfernung und der Lokalisation wird die aktuel e Information der

Sinnesorgane mit dem aus der Vergangenheit erworbenen Wissen

zusammengeführt.

3.

Klassifikation:

Identifizieren und Einordnen von Objekten. In diesem

Klassifizierungsprozess

werden

Gedächtnis,

Erfahrung,

Motivation,

Persönlichkeitseigenschaften und soziale Erfahrung mit herangezogen, wodurch

die Objekte und Ereignisse dann einen Sinn und Bedeutung erhalten.

Diese 3 Stufen des Wahrnehmungsprozesses werden auch als Empfinden, Organisieren und

Einordnen bezeichnen. Erst der letzte Schritt des Einordnens macht eine adäquate Reaktion

auf das Wahrgenommene möglich.6

2.3. Entwicklung der Wahrnehmung

Zu Beginn ist zu sagen, dass die Entwicklung der Wahrnehmung nicht isoliert in der

Ontogenese des Menschen betrachtet werden kann. Die genetische Entwicklung ist von

Beginn an ­ mit der Befruchtung der Eizel e - funktional in eine soziale Ökologie eingebettet.

Die Sinne wie auch das Gehirn differenzieren sich aus dieser Gegenseitigkeit heraus.

Struktur und Funktion bilden eine Einheit.7 Entwicklungspsychologisch wird es von der

hol ändischen Psychologin Sylvia Nossent als probabilistische Epigenese bezeichnet, dem

eine bidirektionale Sichtweise zugrunde liegt, in der man davon ausgeht,

,,dass es

konstruktive wechselseitige Beziehungen zwischen genetischer Aktivität, Reifung und

Funktion gibt."8

In Abb.2 wird die Wechselseitigkeit der genetisch neuralen Verhaltens- und

Umwelteinflüsse im Verlauf der individuel en Entwicklung dargestel t.

6 Vgl http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmungspsychologie (26.3.2008)

7 Vgl. Reiter, Alfons; Pränatale Psychologie

https://online.uni-salzburg.at/plus_online/lv.detail?clvnr=183582 (18.08.2008)

8 Vgl. Nossent, Sylvia; Wie stumme Entenküken dualistisches Denken in Frage stellen, in Krens, Inge/

Krens, Hans, Grundlagen einer vorgeburtlichen Psychologie, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen,

2005, S.24

7



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