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Diploma Thesis, 2002, 129 Pages
Author: Sarah Reuter
Subject: Interpreting / Translating
Details
Tags: Textsortenmodell, Mounin, Werlich, Reiss, Neubert, Texttyp, Textsorte, Übersetzungsstrategie
Year: 2002
Pages: 129
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-18703-9
File size: 1318 KB
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Excerpt (computer-generated)
Texttypologie und Übersetzungsstrategie
Eine linguistisch-translatorische Studie
Diplomarbeit
im Studiengang „Übersetzen/Dolmetschen“
angefertigt an der Fachhochschule Köln,
Fachbereich Sprachen
vorgelegt von
Sarah Reuter
Datum der Abgabe: 15.02.2002
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung ... 1
1 Abgrenzung des Themas ... 4
2 Kriterien zur übersetzungsbezogenen Analyse von Textsortenmodellen ... 8
2.1 Vorbemerkungen ... 8
2.2 Mindestanforderungen an Modelle im allgemeinen ... 8
2.3 Mindestanforderungen an wissenschaftliche Modelle ... 14
2.4 Der Übersetzer ... 15
2.5 Mindestanforderungen an übersetzungsbezogene Textsortenmodelle ... 20
3 Textsortenmodelle und übersetzungsbezogene Analyse ... 21
3.1 Das Modell von Katharina Reiss ... 21
3.1.0 Grundlagen zum Verständnis des Reiss’schen Modells: Das Kommunikationsmodell von Karl Bühler ... 21
3.1.1 Vorbemerkungen ... 25
3.1.2 Sprachwissenschaftlicher Zugang ... 25
3.1.3 Kommunikationstheoretischer Zugang ... 28
3.1.4 Die übersetzungsrelevante Texttypologie ... 33
3.1.5 Texttyp und Übersetzungsmethode ... 34
3.1.6 Übersetzungsbezogene Analyse des Reiss’schen Modells ... 36
3.2 Das Modell von Egon Werlich ... 41
3.2.1 Texte ... 42
3.2.2 Textgruppen ... 43
3.2.3 Texttypen ... 44
3.2.4 Textformen ... 48
3.2.5 Textformvarianten und Kompositionsmuster ... 55
3.2.6 Textexemplare ... 57
3.2.7 Übersetzungsbezogene Analyse des Werlichschen Modells ... 57
3.3 Das Modell von Georges Mounin ... 65
3.3.1 Die religiöse Übersetzung ... 65
3.3.2 Die literarische Übersetzung ... 66
3.3.3 Die lyrische Übersetzung ... 68
3.3.4 Die Kinderbuch-Übersetzung ... 70
3.3.5 Die Bühnenübersetzung ... 71
3.3.6 Die Filmübersetzung ... 73
3.3.7 Die technische Übersetzung ... 74
3.3.8 Übersetzungsbezogene Analyse des Mouninschen Modells ... 76
3.4 Das Modell von Albrecht Neubert ... 80
3.4.1 Komponenten der sprachlichen Kommunikation ... 80
3.4.2 Beziehungen zwischen den einzelnen Komponenten ... 82
3.4.3 Pragmatik und Übersetzung ... 84
3.4.4 Übersetzungstypen ... 86
3.4.5 Übersetzbarkeit ... 87
3.4.6 Übersetzungsbezogene Analyse des Neubertschen Modells ... 87
4 Abgrenzung der Erklärungskraft der einzelnen Ansätze ... 92
4.1 Eindimensionalität von Typologien ... 92
4.2 Kontext und Zweck der Übersetzung ... 95
5 Übersetzungsstrategische Ansätze als Alternative zur Orientierung an Texttypologien ... 96
Anhang ... 100
Literaturverzeichnis ... 121
0 Einleitung
Wo eine Ansammlung von Dingen vorhanden ist, ergibt sich oft auch das Bedürfnis, diese Dinge zu klassifizieren, das heißt Gruppen mit jeweils bestimmten gemeinsamen Eigenschaften zu bilden. Bei der Feststellung von Gemeinsamkeiten treten zugleich auch Unterschiede zwischen einzelnen Elementen einer Gruppe deutlicher hervor. Es kann also die Verallgemeinerung bzw. das Zusammenfügen von einzelnen Elementen zu einer Serie durchaus Mittel zur Bewußtmachung der Vielfalt sein.
Bemerkenswerterweise sind in diesen Tagen (28. September 2001 bis 6. Januar 2002) die Effekte der Serie Thema einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Sie trägt den Titel „Monets Vermächtnis. Serie – Ordnung und Obsession“. Der Impressionist Monet wandte das Prinzip der Serie bei vielen seiner Werke an. Unter anderem schuf er eine Reihe von Bildern mit Heuschobern, zu denen beispielsweise die Gemälde Heuschober bei Sonnenuntergang, Heuschober, Sommerende am Morgen und Heuschober, Sommerende am Abend gehören. Dargestellt wird jeweils ein ähnliches Motiv, das durch veränderte Lichtverhältnisse vollkommen unterschiedlich wirkt. Durch die Einheitlichkeit des Motivs wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte feine Unterschiede gelenkt. Diese Art der Darstellung ermöglicht eine neue Sichtweise des vermeintlich Bekannten. Ungeachtet der Verschiedenheiten ordnet jedoch der Betrachter die wahrgenommenen Objekte einer einheitlichen Klasse zu. Eine solche Klassifizierung dient – gebunden an die ihr zugrundeliegende Interpretation der Wirklichkeit – zugleich auch als Verständnishilfe für das Erkennen von Zusammenhängen innerhalb einer gegebenen Menge von Elementen.
Auch in der Textlinguistik spielt das Prinzip der Serie eine tragende Rolle. Angesichts der unendlich großen Menge von Texten, die im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden sind, gab es zahlreiche Klassifizierungsversuche, die zu unterschiedlichen Zwecken aufgestellt und aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven angewendet wurden. Jede wissenschaftliche Disziplin erhebt – ihrem spezifischen Interesse und ihrer Zielsetzung entsprechend – eigene Forderungen an ein Textklassifikationsmodell. Wird beispielsweise im Deutschunterricht das Verfassen eines Gedichts angestrebt, so muß vorab definitorisch geklärt sein, um welche Textsorte es sich hierbei handelt. (In einschlägigen Enzyklopädien und Lexika werden etwa „Rhythmus“, „Reim“, „Sprachklang“ und „bildhafter Ausdruck“ als grundlegende Stilelemente des Gedichts genannt.) Darüber hinaus muß eine Abgrenzung gegenüber anderen Textsorten erfolgt sein. So muß klar sein, ob man sich mit dem Gedicht im weiteren Sinne befassen möchte, also die epische und die dramatische Dichtung einbezieht, oder ob man eine Beschränkung auf die lyrische Versdichtung in concreto bevorzugt. Mit Blick auf die Notwendigkeit einer solchen Abgrenzung wäre eine Texttypologie unbrauchbar, welche die Textsorte „Gedicht“ nicht einschließt.
Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit konzentriert sich auf den Zusammenhang zwischen Übersetzungswissenschaft und Texttypologie. In der Übersetzungswissenschaft steht im allgemeinen ein aposteriorisches empirisches Interesse an Texten1 im Vordergrund (vgl. Wilss 1977:137 f.), das heißt Phänomene2 werden aus der translatorischen3 Erfahrung heraus registriert und analysiert. Dieses Erkenntnisinteresse ist hauptsächlich auf relevante Ergebnisse der Translationsforschung und linguistische Modelle4 gerichtet. Die aus dieser Feststellung resultierenden übersetzungswissenschaftlichen Beiträge bewegen sich bis dato jedoch kaum auf praxisbezogenem Terrain. Der Auffassung, wonach die Textlinguistik, insbesondere die Texttypologie5, als organon (gr. für „Werkzeug“) des Überse tzers6 zu verstehen ist, wurde bisher wenig Beachtung geschenkt (vgl. hierzu auch Diller/Kornelius 1978, Vorwort). Daher sollen in der vorliegenden Studie nicht rein linguistische Gesichtspunkte, sondern reale Arbeitsbedingungen im Vordergrund stehen, welche hier als wesentlicher Einflußfaktor beim Übersetzungsprozeß betrachtet werden. Eine Wissenschaft sollte schließlich über ihre intern orientierte Forschung hinaus immer auch Praxisrelevanz besitzen, verlöre sie doch andernfalls ihren Bezug zur außersprachlichen Realität und somit ihre Daseinsgrundlage. Siegfried J. Schmidt formuliert in einer Diskussion von Linguisten anläßlich des sogenannten Rhedaer Textsorten-Colloquiums 1972 treffend:
Die Frage, ob eine linguistische Theorie diesen Mindestbedingungen [Anm.: Intersubjektivität, Explizitheit, Nachprüfbarkeit und Ökonomie] gerecht wird, wird jedoch erst relevant im Zusammenhang mit der sehr selten überlegten Frage, wozu man eigentlich Linguistik macht. (zitiert in: Gülich/Raible 1975:21)
In der vorliegenden Arbeit steht, wie zuvor angedeutet, die Texttypologie in bezug auf die übersetzerische Praxis im Vordergrund. Dabei geht es nicht um die grundsätzliche Frage danach, ob es Textsorten überhaupt gibt. Hier sei im Sinne der Sapir-Whorf-Hypothese7 angenommen, daß all das existiert, was sprachlich erfaßt ist. Wenn also im Deutschunterricht der „Aufsatz“ besprochen wird oder jemand sich über die Bedienungsanleitung des neuen Videorekorders ärgert, ist in diesem Sinne durchaus von verschiedenen Textsorten die Rede, wie sie in einem bestimmten Moment in unserer Wirklichkeitswahrnehmung existieren (vgl. hierzu Dimter 1981:3 f.). Ebensowenig geht es um die Frage, wie die Menge aller existierenden Texte zu kategorisieren sei, gibt es doch bereits unzählige Textsortenmodelle, die diese Frage zu beantworten suchen. Für dieses Problem kann ohnehin keine universelle Lösung existieren, weil die Adäquatheit einer Kategorisierungsmethode, wie am Beispiel des Gedichts gezeigt wurde, von ihrem Verwendungszweck abhängt. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird eine Auswahl bestehender Textsortenmodelle auf einen bestimmten Verwendungszweck hin analysiert, nämlich auf ihre Anwendbarkeit im Übersetzungsprozeß hin. Im einzelnen wird dabei wie folgt verfahren.
Zunächst wird in Kapitel 1 eine Abgrenzung des Themas vorgenommen, indem dessen einzelne begriffliche Bestandteile definitorisch untersucht werden. So wird für die in der vorliegenden Studie vorgenommenen Untersuchungen ein klarer Bezugsrahmen festgesetzt. Dieses Vorgehen darf keinesfalls mit der Absicht gleichgesetzt werden, die Existenz von nicht einbezogenen Faktoren oder Untersuchungskriterien zu leugnen oder diese in ihrer Relevanz herabzusetzen. Auch wird durch die Klärung der Begriffe keine grundsätzlich geltende Definition angestrebt. Vielmehr liegt ihr die Notwendigkeit zugrunde, den im Gesamtkontext der vorliegenden Arbeit verwendeten Benennungen eindeutige, in allein dieser speziellen Situation relevante Begriffe zuzuordnen, um Diskordanzen auszuschließen.
Bevor zur Beschreibung und Untersuchung verschiedener exemplarischer Textsortenmodelle übergegangen werden kann, gilt es Kriterien festzulegen, nach denen eine Untersuchung solcher Modelle auf sinnvolle Weise erfolgen kann. Dies geschieht in Kapitel 2. Nach einigen allgemeinen Vorbemerkungen wird zunächst in Abschnitt 2.2 der Begriff „Modell“ aus genereller Sicht erörtert, indem die gemeinhin an ein Modell gestellten Anforderungen pointiert werden. Unter Punkt 2.3 folgt eine fokussierte Betrachtung desselben Begriffs, im Rahmen derer der Aspekt der Wissenschaftlichkeit als Prämisse für eine fundierte Untersuchung angenommen wird und eben jene Kriterien in den Betrachtungsmittelpunkt rücken, die durch den Charakter der Wissenschaftlichkeit erforderlich werden. Aus der übersetzungspraktischen Orientierung der Thematik ergibt sich darüber hinaus die Notwendigkeit, auf einzelne Konstituenten der Ausbildung eines Übersetzers sowie mögliche Probleme während des Übersetzungsprozesses näher einzugehen. Dies geschieht in Abschnitt 2.4. Die Vervollständigung der Liste erfolgt schließlich unter Punkt 2.5 durch jene Kriterien, die sich auf Grund der Eigenschaft der Übersetzungsbezogenheit einer Theorie ergeben.
[...]
1 Die Definition eines allgemeingültigen Textbegriffs ist in der Linguistik ein unerschöpfliches Diskussionsthema. Der Einfachheit halber wird hier von einem weitgefaßten Textbegriff ausgegangen: Als „Text“ gilt alles mit Hilfe von Sprache Produzierte.
2 Unter einem „Phänomen“ wird hier nicht etwa das Ungewöhnliche verstanden, sondern schlichtweg „der sich der Erkenntnis darbietende Bewusstseinsinhalt [sic]“ (Duden [2001]: Das Fremdwörterbuch. Mannheim, S. 757, Stichwort „Phänomen“, Unterpunk t 2).
3 Der Begriff „translatorisch“ wird in Kapitel 1, S. 7, erläutert.
4 Eine ausführliche Erörterung der Begriffe „linguistisch“ und „Modell“ erfolgt in Kapitel 1, S. 7, bzw. in Kapitel 2, Abschnitt 2.2.
5 Das Problemfeld „Texttypologie“ wird in Kapitel 1, S. 4 f., eingehend erörtert.
6 Der Übersetzer überträgt, im Gegensatz zum Dolmetscher, der sich mit gesprochener Sprache befaßt, schriftliche Texte von der Ausgangs- in die Zielsprache. Als Oberbegriff für „Übersetzer“ und „Dolmetscher“ werden, im allgemeinen und auch in der vorliegenden Arbeit, die Termini „Translator“ und „Sprachmittler“ verwendet.
7 Die Sapir-Whorf-Hypothese stützt sich auf die Erkenntnisse Humboldts und besagt, daß Sprache nicht eine allgemein und intersubjektiv wahrnehmbare Realität beschreibt, sondern daß die Art und Weise der Wahrnehmung durch das Sprachsystem fest vorgegeben ist (vgl. Whorf 1963:12).
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