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"Denn ohne Stress keine Evolution. Auch nicht im Theater"

Subtitle: Das Phänomen Regietheater erklärt anhand Cole Porters Musical 'Kiss me Kate' in einer Inszenierung von Barrie Kosky

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2009, 23 Pages
Author: Anne-Kathrin Wilde
Subject: Theater Studies

Details

Event: Shakespeare Inszenierungen und Adaptionen
Institution/College: University of Bayreuth
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2009
Pages: 23
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V131006
ISBN (E-book): 978-3-640-37023-8
ISBN (Book): 978-3-640-36985-0

Abstract

„[...] ab wann empfinden wir eine Inszenierung, die vielleicht mit radikalen Kürzungen, Umschreibungen, Fremdtexten und Medienwechseln arbeitet, als Etikettenschwindel – und wann als gelungene, herausfordernde oder gar großartige (Neu-)Entdeckung eines Stückes?“ Dies soll die Ausgangsfrage dieser Arbeit sein. Die Debatte über das Regietheater bringt unvermeidlich eine Auseinandersetzung mit dem Thema Werktreue mit sich. Es scheint als würden diese beiden Begriffe in absoluter Rivalität zu einander stehen und niemals mit einander vereinbar sein. Doch zunächst stellt sich die Frage: was ist eigentlich Regietheater? Und was ist Regie? Bevor diese Fragen beantwortet werden sollen, wird ein kurzer Überblick über die Funktion der Kunst und des Theaters insbesondere in unserer westlichen Gesellschaft gegeben. Danach folgt ein Abriss der Geschichte der Theaterregie, denn der Begriff und die zugehörigen Aufgaben des Regisseurs sind erst wenige Jahrzehnte alt. In der heutigen Theatertradition scheint die Relation von Werk und Inszenierung nicht unproblematisch. Viele Inszenierungen werden als „Ekeltheater“ mit möglichst viel Blut, Gewalt, Fäkalien, Obszönitäten, Sex und Nacktheit auf der Bühne verschrien. Es stellt sich also die Frage wie weit darf eine Inszenierung gehen? Wie nah ist die Inszenierung noch an dem originalen Werk dran und wie sieht es mit dem Urheberrecht aus? Regietheater steht in einem absoluten Spannungsfeld, denn die Meinungen darüber könnten verschiedener nicht sein (siehe Kapitel 4). Regietheater polarisiert, so auch die Inszenierung des Musicals Kiss me Kate von Barrie Kosky an der Komischen Oper, Berlin im Mai 2008. Diese Inszenierung, eine Adaption von Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung (ca. 1593/94), überträgt die Geschichte des Mädchens was sich nicht bändigen lässt jedoch in ein ganz neues Milieu. Anhand einer Analyse der stilistischen Merkmale dieser Inszenierung sollen die Vor- sowie die Nachteile des Regietheaters erläutert werden (siehe Kapitel 5). Abschließend folgt ein Fazit.


Excerpt (computer-generated)

Anne-Kathrin Wilde

Inhaltsverzeichnis

I

Einleitung 2

II

Hauptteil 3

1.

Funktionen des Theaters in der westlichen Gesellschaft 3

2.

Inszenierung ­ Regie - Aufführung 5

2.1

Was ist Regie? Was ist Regietheater? 5

2.2

Geschichte der Theaterregie 7

3.

Relation von Werk und Inszenierung 9

3.1

Regietheater vs. Werktreue und Urheberrecht 9

3.2

Wie weit darf eine Inszenierung gehen? 12

4.

Regietheater im Spannungsfeld 14

5.

Cole Porters Musical

Kiss me Kate

in einer Neuinszenierung 15

5.1

Kiss me Kate als Adaption der Widerspenstigen Zähmung 15

5.2

Beschreibung der Neuinszenierung als Regietheater 17

III

Fazit 19

Literaturverzeichnis 21

1


Anne-Kathrin Wilde

I

Einleitung

,,[...] ab wann empfinden wir eine Inszenierung, die vielleicht mit radikalen Kürzungen,

Umschreibungen, Fremdtexten und Medienwechseln arbeitet, als Etikettenschwindel ­

und wann als gelungene, herausfordernde oder gar großartige (Neu-)Entdeckung eines

Stückes?"

1

Dies soll die Ausgangsfrage dieser Arbeit sein. Die Debatte über das Regietheater bringt

unvermeidlich eine Auseinandersetzung mit dem Thema Werktreue mit sich. Es scheint als

würden diese beiden Begriffe in absoluter Rivalität zu einander stehen und niemals mit

einander vereinbar sein. Es heißt dem Regisseur fehle es an Respekt vor dem literarischen

Text, denn er kürzt ihn, schreibt ihn um und interpretiert ihn auf seine eigene Art und Weise.

Er zeigt nur wenig Verständnis für die eigentlichen Intentionen des Autors und versucht den

ursprünglich historischen Stoff durch zeitgenössische Elemente und eine Neuübersetzung der

Sprache in die Gegenwart zu tradieren und dadurch zu aktualisieren. Dies sind die Vorwürfe,

die man den heutigen Regisseuren des Regietheaters macht, doch was ist eigentlich

Regietheater? Und was ist Regie? (siehe Kapitel 2) Bevor diese Fragen beantwortet werden

sollen, wird ein kurzer Überblick über die Funktion der Kunst und des Theaters insbesondere

in unserer westlichen Gesellschaft gegeben (siehe Kapitel 1). Danach folgt ein Abriss der

Geschichte der Theaterregie, denn der Begriff und die zugehörigen Aufgaben des Regisseurs

sind erst wenige Jahrzehnte alt. In der heutigen Theatertradition scheint die Relation von

Werk und Inszenierung nicht unproblematisch. Viele Inszenierungen werden als

,,Ekeltheater" mit möglichst viel Blut, Gewalt, Fäkalien, Obszönitäten, Sex und Nacktheit auf

der Bühne verschrien.2 Es stellt sich also die Frage wie weit darf eine Inszenierung gehen?

Wie nah ist die Inszenierung noch an dem originalen Werk dran und wie sieht es mit dem

Urheberrecht aus? (siehe Kapitel 3) Regietheater steht in einem absoluten Spannungsfeld,

denn die Meinungen darüber könnten verschiedener nicht sein (siehe Kapitel 4). Regietheater

polarisiert, so auch die Inszenierung des Musicals

Kiss me Kate

von Barrie Kosky an der

Komischen Oper, Berlin im Mai 2008. Diese Inszenierung, eine Adaption von Shakespeares

Der Widerspenstigen Zähmung

(ca. 1593/94),3 überträgt die Geschichte des Mädchens was

sich nicht bändigen lässt jedoch in ein ganz neues Milieu. Anhand einer Analyse der

1 Gutjahr 2008:5

2 Gutjahr 2008:15

3 Suerbaum 2006:91

2


Anne-Kathrin Wilde

stilistischen Merkmale dieser Inszenierung sollen die Vor- sowie die Nachteile des

Regietheaters erläutert werden (siehe Kapitel 5). Abschließend folgt ein Fazit.

II

Hauptteil

1.

Funktionen des Theaters in der westlichen Gesellschaft

Theater, Musik, Kunst und Literatur sind und waren schon immer das Spiegelbild

gesellschaftlicher Sachverhalte. Ihre Inhalte sind stets auf die Wirklichkeit bezogen oder

stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Der eigentliche Kunstbegriff wird durch vier

verschiedene Pole beeinflusst: den Auftraggeber, den Künstler, den Vermittler und das

Publikum.4 Dieser Einfluss der vier Pole war im Laufe der Geschichte nicht immer gleich

stark, sondern hat sich verlagert. Vor allem die empirische Kunstsoziologie setzt sich mit dem

Thema auseinander wie man systematisch soziale Entstehungsbedingungen eines Werkes,

Vermittlungsformen, Aneignungsweisen und Wirkungen untersuchen kann. Dabei wird

insbesondere auf die Produktion, die Distribution, die künstlerische Sozialisation und die

Rezeption eingegangen.5 Die Wechselwirkungen zwischen den sozialen Funktionen von

Kunst, in unserem Falle Theater, gesellschaftlichem Wandel, theatralischer Tätigkeit und den

Veränderungen der theatralen Praxis, die mitunter historisch bedingt sind werden untersucht.

Vorab ist zu sagen, dass sich gerade auf Grund gesellschaftlicher Veränderungen

Vermittlungsformen, Aneignungsweisen und Wirkungen des Theaters weiterentwickeln.

Dieser Aspekt ist eigentlich einleuchtend und besonders wichtig um deutlich zu machen, dass

auch das Regietheater eine angemessene Form der Bühnenpraxis ist, die einfach den

Fortschritt der heutigen Zeit widerspiegelt.

Nun ist das Theater in seiner Kunstform eine besondere Alternative, denn es erprobt das

menschliche Leben und führt es dem Publikum vor Augen. Es präsentiert positive sowie

negative (alltägliche) Ereignisse und Emotionen mit denen sich meist jeder auf eine Art

identifizieren kann.

4 Garaventa 2006:23

5 Garaventa 2006:23

3


Anne-Kathrin Wilde

,,Theater kann Gesellschaft mit sich selbst in Übereinstimmung bringen oder mit einer

anderen Wahrheit konfrontieren."

6

Theater kann also als moralische, politische oder aber auch als nichtssagende Anstalt

bezeichnet werden. Es hat eine informative, erzieherische und eine unterhaltende Funktion. Es

ist aber auch Massenkommunikationsmittel. Sobald man sich vor ein Publikum stellt und

,,Geschichten" erzählt, verbreitet man diese auch und trägt sie an die Öffentlichkeit. Man kann

also das Theater durchaus als Kommunikationsmedium bzw. als ein Mittel des sozialen

Kampfes nutzen, da es der Formung und Erziehung der Massen aber auch der Umgestaltung

der Gesellschaft dienen kann. Theater sowie Kunst im allgemeinen befriedigen Bedürfnisse,

wecken sie jedoch auch. Es soll Emotionen auslösen und durch das (Wieder-) Erkennen einen

identifikatorischen Prozess bewirken. Zudem erfüllt es die Aufgabe des Unterhaltens. Der

Zuschauer wird je nachdem in fremde Welten versetzt werden und kann durch die theatrale

Ästhetik berührt und glücklich gemacht werden. Garaventa zitiert Silbermann, der sagt:

,,Theater wird erfahren als sozialer Luxus, moralische Anstalt, autonome Erfahrung,

Flucht aus der Wirklichkeit, als geistiger Ort, als formalistische Schönheit, als rein

ästhetischer Vorgang."

7

Es erfüllt also verschiedenste Aufgaben in der Gesellschaft. Der ästhetische Vorgang, wie

Silbermann das Theater unter anderem bezeichnet, ist jedoch abhängig vom jeweiligen

Betrachter. Das Regietheater spielt mit den uns bekannten Seh- und Hörgewohnheiten und

stellt diese auf die Probe. Wie genau das aussehen kann, wird in Kapitel 5 anhand des

Beispiels

Kiss me Kate

in einer Inszenierung von Barrie Kosky ausführlicher behandelt.

Zunächst aber stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Regietheater?

6 Garaventa 2006:43

7 Garaventa 2006:45

4


Anne-Kathrin Wilde

2.

Inszenierung ­ Regie - Aufführung

2.1 Was ist Regie? Was ist Regietheater?

Bereits im Alten Athen wurde zur Einstudierung der Tragödien für die Dionysien eine Person

benötigt, die die Verantwortung für die Aufführungen tragen sollte. Die Vorbereitungen für

diese Festspiele zogen sich über mehrere Monate hin und beinhalteten die Verfassung des

Textes sowie das Einstudieren mit den Chorälen und Schauspielern.

Schon damals gab es also jemanden, der die Regie (frz.

régie

,,verantwortliche Leitung"; lat.

regere

,,regieren")8 führte und für die gesamte Organisation einer Aufführung verantwortlich

war. Im Allgemeinen Theaterlexikon von 1846 werden die Aufgaben eines Regisseurs als das

Ordnen des Personals und Materials zum Ganzen der Darstellung einer dramatischen

Dichtung beschrieben.9 Damals galten diese Aufgaben noch nicht als künstlerische

Tätigkeiten. Heute ist jedoch sicher, dass ein Regisseur nicht nur sein Handwerk kennen und

gewisse Fähigkeiten mitbringen muss, sondern dass er auch spezielle Kenntnisse wie z.B.

über historische Baustile und Kostüme haben sollte. Die Inszenierung an sich entwickelte sich

allmählig als eine eigenständige Kunstform. Dieser Wandel wurde erst durch die Avantgarde-

Bewegungen zwischen 1900-1930 möglich, als das Theater zu einer eigenständigen und von

der Literaturform unabhängigen Kunstform deklariert wurde. Als Gestalter dieses Kunstwerks

galt der Regisseur und dies ist auch heute noch der Fall. Er bestimmt welche theatralischen

Elemente wann, wo und wie lange auf der Bühne vor dem Publikum sichtbar gemacht werden

und wann diese Elemente wieder verschwinden sollen. Hierbei ist wichtig, das man zwischen

Inszenierung und Aufführung unterscheidet, denn erst die Aufführung vor einem Publikum,

dessen Wahrnehmung und die darauf folgenden Reaktionen lassen letztendlich die

Aufführung entstehen. Nicht selten unterscheiden sich die Ereignisse während einer

Aufführung von denen die eine Inszenierung ursprünglich beabsichtigt hat. Ein Regisseur

kann also nur Vorgaben für eine Aufführung liefern; deren tatsächlicher Verlauf ist allerdings

während des Ereignisses weder festleg- oder vorhersagbar, noch ist es möglich sie zu

kontrollieren. Diese Eigenschaften macht sich das Regietheater zu nutze, weiß es doch zu

provozieren und unerwartete Elemente auf die Bühne zu bringen. Der Begriff Regietheater ist

in den 1970er Jahren in der Theaterkritik entstanden und bezeichnet eine Inszenierung bei der

der Regisseur die ursprünglichen Intentionen des Dramatikers (im Musiktheater auch des

Komponisten) ,,verletzt", indem er zu viele eigene Ideen umsetzt. Regietheater soll jedoch

8 http://de.wikipedia.org/wiki/Regie (11.3.2009 11:01h)

9 Fischer-Lichte 2005:147

5



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