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Subtitle: Eine begriffliche Erläuterung und wissenschaftshistorische Betrachtung theoretischer Grundlagen
Thesis (M.A.), 2009, 88 Pages
Author: Mathias Conrad
Subject: Pedagogy - Science, Theory, Anthropology
Details
Tags: systemisch, Beratung, pädagogisch, paradigma, theorie, methoden, systemische Beratung, Brunner, Königswieser, Mathias Conrad, Luhmann, Theorie sozialer Systeme, soziale Systeme, Systemik, Systemtheorie, Konstruktivismus, radikaler Konstruktivismus, Kybernetik, Kuhn, Foerster, Glasersfeld, Maturana, Varela, wissenschaftshistorisch, Wissenschaft, Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik, Erwachsenenpädagogik, Geschichte, Entwicklung, Rolle, Das, systemischen, Beratungsansatz, Handlungsfelder
Year: 2009
Pages: 88
Grade: 1,6
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-45723-6
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Abstract
In modernen Gesellschaften zeichnet sich als Konsequenz zunehmender Spezialisierung und Komplexität ein stetig steigender Beratungsbedarf ab, der in einer wachsenden Beratungsnachfrage Ausdruck findet. Auf dieses Phänomen versucht die Beratergemeinschaft mit der Entwicklung und Anwendung angemessener Beratungsformen zu reagieren. So existieren mittlerweile für den pädagogischen Aktionsraum vielfältige Beratungsansätze, unter denen der systemische Ansatz eine bedeutende Rolle spielt. Die systemische Beratung befindet sich nicht erst seit der Anerkennung der systemischen Therapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren im Dezember des Jahres 2008 auf dem Vormarsch. Mit dem systemischen Ansatz hat sich eine innovative Vorgehensweise herausgebildet, Beratung in den verschiedensten Bereichen zu konzipieren und zu praktizieren. Aufgrund der hohen Praxisrelevanz für den pädagogischen Bereich und der interessanten, theoriereichen Geschichte systemischer Beratung, richtet die vorliegende Arbeit ihr Augenmerk auf diesen speziellen Beratungsansatz. Zu Beginn wird eine grundlegende Erörterung einiger der für die systemische Beratung relevanten Theorien vorgenommen. Dadurch soll ein theoretisches Fundament geschaffen werden, auf das die weiterführenden Erklärungen bezüglich des systemischen Beratungsansatzes aufbauen können. Das geschichtliche Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem 20. Jahrhundert, im Speziellen auf der allgemeinen Systemtheorie, der Kybernetik 1. und 2. Ordnung, dem Konstruktivismus, Erkenntnis- und Autopoiesisbegriffen und der Theorie sozialer Systeme. Im Anschluss daran wird eine detaillierte Klärung des Beratungsbegriffs vorgenommen, bei der verschiedene Dimensionen von Beratung behandelt werden. Um die Relevanz von Beratung im Rahmen der Pädagogik deutlich zu machen, schließt sich eine Betrachtung des Verhältnisses von Pädagogik und Beratung an. Danach folgt eine Erörterung des Begriffs systemisch, an die sich eine Beschäftigung mit der konzeptionellen und methodischen Besonderheit systemischer Beratung anschließt. Desweiteren wird der Bezug dieser Beratungsform zu den erörterten Theorien und Ansätzen explizit dargelegt. Abschließend wird der Paradigmenbegriff Kuhns vorgestellt, um daran anknüpfend die Frage zu behandeln, wodurch das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes gekennzeichnet ist.
Excerpt (computer-generated)
Friedrich Schiller-Universität Jena
Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften
Institut für Erziehungswissenschaft
Das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes in pädagogischen
Handlungsfeldern eine begriffliche Erläuterung und
wissenschaftshistorische Betrachtung theoretischer Grundlagen.
Magisterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades
MAGISTER ARTIUM (M.A.)
vorgelegt von Mathias Conrad
Dresden, den 18.02.2009
WIDMUNG
Für meinen verstorbenen Großvater Hans Wolf
,,
Bäume sterben aufrecht.
"
[Alejandro Casona]
2
DANKSAGUNG
Besonderer Dank gebührt meiner Mutter Angelika Conrad, meinen Großeltern Hans und
Maria Wolf und Helmut Conrad sowie meinen Geschwistern Thomas und Michael Con-
rad, die mir dieses Studium intellektuell und finanziell ermöglicht haben und mich in
jeder Lebenslage unterstützten.
Mein Dank gilt Professor Ewald Johannes Brunner, der mir den Weg zum systemischen
Denken bereitet hat. Ich danke Professor Michael Behr, der mir vielfältige Einsichten in
die soziologische Theorie und Praxis ermöglichte. Ebenso möchte ich Professor Wolf-
gang Kienzler danken, der mein Interesse für Wissenschaftsgeschichte geweckt und ge-
fördert hat. Zudem sei meinen Lektoren Maria Ehrenberg, Jens Stölzel und Lars Vogel
für ihr bereitwilliges und hilfreiches Engagement gedankt.
Nicht minder gebührt meinen Freunden Dank, die mich während des Studiums emotio-
nal begleiteten und mir mit produktiver Kraft und Kritik zur Seite standen. Ich möchte
dabei vor allem Benjamin Büttner, Aileen Müller, Jens Stölzel und Ricky Wagner her-
vorheben.
3
GELEITWORT
Die vorliegende Arbeit gründet auf dem langjährigen Interesse an und der Auseinander-
setzung mit systemischer Beratung sowie erkenntnistheoretischen und naturwissen-
schaftlichen Fragestellungen. Das Anliegen, pädagogisches Gedankengut, soziologische
Theorien, psychologische Perspektiven, biologische Erklärungen und wissenschaftsge-
schichtliche Betrachtungen zu verknüpfen, drückt sich im interdisziplinären Charakter
dieser Abschlussarbeit aus, die damit zugleich ein Spiegelbild des Disziplinenreichtums
der Geschichte systemischer Beratung verkörpert. Das Werk entstand aus der Motivati-
on heraus, die inflationäre Verwendung des Begriffs
systemisch
zu thematisieren und
dieser Tendenz durch die Fokussierung einer stärkeren Rückbesinnung der systemi-
schen Beratungspraxis auf ihre theoretischen Wurzeln entgegen zu wirken.
4
INHALT
1. EINLEITUNG 7
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN SYSTEMISCHER BERATUNG 10
2.1 Grundlegendes 10
2.2 Systemtheorie 11
2.3 Kybernetik 1. und 2. Ordnung 14
2.4 Familientherapie 17
2.5 Konstruktivismus 19
2.6 Erkennen und Autopoiesis 23
2.7 Theorie sozialer Systeme 27
3. SYSTEMISCHE BERATUNG IN PÄDAGOGISCHEN HANDLUNGSFELDERN 30
3.1 Dimensionen der Beratung 30
3.1.1 Etymologie und Institutionalisierung 30
3.1.2 Bedeutung des Beratungsbegriffs und Abgrenzung zur Therapie 31
3.1.3 Voraussetzungen und Ziele der Beratung 31
3.1.4 Anspruch an Berater und Beratung 32
3.1.5 Freiwilligkeit versus Zwang 33
3.1.6 Das Verhältnis von Pädagogik und Beratung 34
3.2 Systemisches Denken 38
3.2.1 Der Begriff systemisch Verständnis, Etymologie und Bedeutung 38
3.2.2 Ein Beispiel für einen Ansatz systemischen Vorgehens 42
3.3 Systemische Beratung 43
3.3.1 Voraussetzungen und Prinzipien 43
5
3.3.2 Bestimmung essenzieller Begriffe und Merkmale systemischer Beratung 45
3.3.3 Beratungs-Professionalität 52
3.3.4 Methoden systemischer Beratung 54
3.3.5 Rückbezug systemischer Beratungspraxis auf theoretische Grundlagen 60
3.3.6 Verortung systemischer Beratung in pädagogischen Handlungsfeldern 64
4. DAS PARADIGMA DES SYSTEMISCHEN BERATUNGSANSATZES 66
4. 1 Allgemeiner Paradigmenbegriff 66
4.2 Das systemische Paradigma 68
5. FAZIT UND AUSBLICK 72
6. ANHANG 73
7. BIBLIOGRAPHIE 75
6
1. EINLEITUNG
In modernen Gesellschaften zeichnet sich als Konsequenz zunehmender Spezialisierung
und Komplexität ein stetig steigender Beratungsbedarf ab, der in einer wachsenden Be-
ratungsnachfrage Ausdruck findet. Auf dieses Phänomen versucht die Beratergemein-
schaft mit der Entwicklung und Anwendung angemessener Beratungsformen zu reagie-
ren. So existieren mittlerweile für den pädagogischen Aktionsraum vielfältige Bera-
tungsansätze, unter denen der systemische Ansatz eine bedeutende Rolle spielt. Die
systemische Beratung befindet sich nicht erst seit der Anerkennung der systemischen
Therapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren im Dezember des Jahres 2008
auf dem Vormarsch.1 Mit dem systemischen Ansatz hat sich eine innovative Vorge-
hensweise herausgebildet, Beratung in den verschiedensten Bereichen zu konzipieren
und zu praktizieren. Aufgrund der hohen Praxisrelevanz für den pädagogischen Bereich
und der interessanten, theoriereichen Geschichte systemischer Beratung, richtet die vor-
liegende Arbeit ihr Augenmerk auf diesen speziellen Beratungsansatz.
Will man den Begriff der systemischen Beratung tiefenscharf begreifen und kommuni-
zierbar machen, so stellt dich dieses Vorhaben als durchaus anspruchsvoll heraus. Je
mehr man sich dem Phänomen nähert, desto schwieriger fassbar erscheint es (vgl. Loth
2006, S. 207). Weidenbach beschrieb die Quintessenz dieser Art des Sachverhalts fol-
gendermaßen:
,,Die Begriffe weisen uns einen Weg zu immer schwereren Rätseln, zu
immer paradoxeren Situationen. Die Geschichte der Wissenschaften ist wie ein einzi-
ges großes Beispiel dafür: Die ,Existenz` flieht vor dem Begriff"
(Weidenbach 1948, S.
92). Ob die sogenannte Existenz vor dem Begriff des Systemischen flieht, ist fragwür-
dig. Es kann jedoch festgestellt werden, dass sich durch den inflationären Gebrauch des
Begriffes eine Form von Pseudoplausibilität eingeschlichen und etabliert hat, die das
Systemische zu einem Teil des unwissenschaftlichen Kulturbetriebes herabsetzt und es
schließlich im schlimmsten Falle der Beliebigkeit preis gibt (vgl. Handler 2007, S. 284;
Barthelmess 2005, S. 11).2 Diese Popularisierungs- und Inflationstendenz ist durchaus
1 Nachzulesen unter http://idw-online.de/pages/de/news295509.
2 Zur Problematik der Konsequenzen von Begriffspopularität sei auf von Glasersfeld 1997, S. 310f.
verwiesen, der im Rahmen des dritten Siegener Gesprächs über Konstruktivismus vor aufkommen-
den Schlagworten und Fehlinterpretationen warnt. Vergleiche hierzu auch den Internetartikel von
Weiss (1996):
Familientherapie zwischen Fundamentalismus und Beliebigkeit. Zum Kongress der
7
bedenklich, da sie die geschichtliche Eigentlichkeit des Systemischen verschleiert, ver-
fälscht und somit unterminiert. Die wissenschaftliche Reaktion auf diese, wie auf jede
derartige Pseudoplausibilitäts-Entwicklung, kann in erster Linie nur eine sein: Problem-
fokussierung, Recherche und Aufklärung. Die Fokussierung der Problematik kann dabei
den Problemhorizont feststellen. Diesen setzt die Arbeit durch die Erläuterungen Hand-
lers, Elbings und Loths, die eine inflationäre Entwicklung des systemischen Beratungs-
begriffes feststellen und begründen, als gegeben voraus (vgl. Handler 2007, S. 284; El-
bing 2000, S. 200f.; Loth 2006, S. 207).3 Die Aufklärung soll im vorliegenden Fall
durch die Rückbesinnung auf, die Recherche von und die Ausführungen über die Ent-
wicklung der theoretischen Wurzeln systemischer Beratung realisiert werden.
Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Entwicklung impliziert per Definition eine
Komponente der Geschichtlichkeit (vgl. Wermke et al. 2001, S. 183, S. 926f.). Will
man also einen Begriff in vollem Umfang von seiner Ursprünglichkeit ausgehend be-
greifen, muss man in seine Entstehungsgeschichte eintauchen. Im anderen Falle kann
dem Betrachter nur das Gewordene des Begriffs zuteil werden, das seine Geschichte
bestenfalls erahnen lässt. So, wie es ohne Mann und Frau keine auf natürlichem Wege
gezeugten Kinder geben kann, könnte es auch die systemische Beratung nicht ohne ihre
"Erzeuger" geben, sie wäre ohne ihre theoretischen Grundlagen in ihrer jetzt existieren-
den Form undenkbar. Um zu einem fundamentalen Verständnis systemischer Beratung
zu gelangen, sind ihre Begriffsklärung als auch die Fokussierung und Hervorhebung
ihrer Entstehungsgeschichte nicht nur angemessen, sondern stellen in der Tat eine Not-
wendigkeit dar.
Heidelberger Familientherapeuten. Zweischneidigkeit und Toleranzbegriff.
unter http://www.zeit-
fragen.ch/ARCHIV/ZF_29/T08.HTM. Auch Loth 2006, S. 207 diagnostiziert eine inflationäre Ver-
mehrung des Begriffs systemisch. Interessant erscheinen an dieser Stelle ebenso die Ausführungen
Schindlers (1997), dessen Zukunftsentwurf über die Verwendung des systemischen Beratungsbe-
griffs eine inflationäre Verbreitung desselben prognostiziert. Vgl. dazu http://www.systemische-
therapie-bremen.de/cms/upload/bilder/20jahre.pdf.
3 Handler referiert über die nach außen hin teils unprofessionell erscheinende systemische Bera-
tung, deren Renommee unter der Vielzahl systemischer Ansätze und deren weiterhin wachsenden
Inflation Schaden leidet. Elbing führt die inflationäre Entwicklung verschiedener Beratungsbegriffe
ins Feld und schließt dabei auch systemische Ansätze ein. Loth leitet die Entstehung der Pseudo-
plausibilität des Begriffs systemisch her und beschreibt ihn dabei in seiner Verwendung als
,,modi-
sches Kürzel"
(Loth 2006, S. 207).
8
Im Rahmen dieser Magisterarbeit soll die These geprüft werden, dass verschiedene
Theorien und Ansätze die Konstitution der systemischen Beratung maßgeblich geprägt
haben, wobei die Systemtheorie einen fundamentalen Einfluss ausübte.
Zu Beginn wird eine grundlegende Erörterung einiger der für die systemische Beratung
relevanten Theorien vorgenommen. Dadurch soll ein theoretisches Fundament geschaf-
fen werden, auf das die weiterführenden Erklärungen bezüglich des systemischen Bera-
tungsansatzes aufbauen können. Ziel der Arbeit ist es nicht, die vollständige Entwick-
lung der für die systemische Beratung relevanten wissenschaftlichen Theorien en détail
zu rekonstruieren. Stattdessen konzentriert sich der Autor im ersten Teil der Arbeit dar-
auf, ausgewählte elementare Grundpfeiler der Wissenschaftsgeschichte, die zum heuti-
gen Verständnis von systemischer Beratung essenziell beigetragen haben, in Auszügen
vorzustellen. Das geschichtliche Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem 20. Jahrhundert,
im Speziellen auf der allgemeinen Systemtheorie, der Kybernetik 1. und 2. Ordnung,
dem Konstruktivismus, Erkenntnis- und Autopoiesisbegriffen und der Theorie sozialer
Systeme. Im Anschluss daran wird eine detaillierte Klärung des Beratungsbegriffs vor-
genommen, bei der verschiedene Dimensionen von Beratung behandelt werden. Um die
Relevanz von Beratung im Rahmen der Pädagogik deutlich zu machen, schließt sich
eine Betrachtung des Verhältnisses von Pädagogik und Beratung an. Danach folgt eine
Erörterung des Begriffs systemisch, an die sich eine Beschäftigung mit der konzeptio-
nellen und methodischen Besonderheit systemischer Beratung anschließt. Desweiteren
wird der Bezug dieser Beratungsform zu den erörterten Theorien und Ansätzen explizit
dargelegt. Ein Kapitel zur Beratungs-Professionalität soll den Qualitätsanspruch an pro-
fessionelle Beratungsleistungen verdeutlichen, der auch im Rahmen des systemischen
Beratungsansatzes als Garantiebedingung für Seriosität funktioniert. Abschließend wird
der Paradigmenbegriff Kuhns vorgestellt, um daran anknüpfend die Frage zu behandeln,
wodurch das Paradigma des systemischen Beratungsansatzes gekennzeichnet ist.
Die ausführliche Klärung der Begriffe Beratung, systemisch und Paradigma soll ein
möglichst präzises Bild ihrer jeweiligen Charakteristiken zeichnen, um das Paradigma
systemischer Beratung für den Leser möglichst anschaulich darzustellen.
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