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Verschwundenes Land - verschwundene Lieder? Die Singebewegung der DDR

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1999, 31 Pages
Author: Antje Krüger
Subject: Politics - International Politics - Region: Other States

Details

Event: Die „sozialistischen Errungenschaften“ der DDR – eine kritische Würdigung
Institution/College: Free University of Berlin (Otto-Suhr-Institut)
Tags: Verschwundenes, Land, Lieder, Singebewegung, Errungenschaften“, Würdigung
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 1999
Pages: 31
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V17173
ISBN (E-book): 978-3-638-21808-5
ISBN (Book): 978-3-638-64506-5
File size: 300 KB
Notes :
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.


Abstract

„Wo die Lieder sterben, da sterb auch ich ...“. Mit der DDR sind auch ihre Lieder untergegangen, die lauten, plakativen genauso wie die leisen, nachdenklichen. Und wo die Lieder sterben, da stirbt ein Stück Mensch, stirbt Verbundenheit, Identität, sterben Ideen und Träume. In der DDR wurde viel gesungen, oft als Pflicht, aber häufig auch aus freien Stücken. Das Lied, vor allem das politische Lied, nahm eine besondere Stellung innerhalb der Kulturpolitik ein. Ihm wurde eine Bedeutung zugemessen, die eine Melodie eigentlich nie haben kann. Aber gerade weil es ernst genommen wurde, konnte es groß werden, Werte mitprägen, animieren, abschrecken oder Gemeinschaft schaffen. Die Schizophrenie dieses Staates, der immer tiefer werdende Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit spiegelt sich gerade auch in den Liedern wider. Sie waren „Wegbegleiter“, ob man es wollte oder nicht. Sie gehörten zum öffentlichen Leben einfach dazu und wurden auch oft ins private mit übernommen. Es gab Lieder, die man hasste ob ihrer leiernden, lustlosen Wiederholung bei allen offiziellen Veranstaltungen. Und es gab Lieder, deren stille Weisheit, deren Liebe heute noch erstaunt. Mit der Singebewegung entstand in der DDR eine sehr eigene Bewegung, die in ihrer Anfangszeit verhältnismäßig viele Jugendliche mit sich reißen konnte und später Grundstein für sich weiterentwickelnde Musikrichtungen und -tendenzen war. Viele Liedermacher, Folkmusiker, Chansonsänger, Kabarettisten, aber auch Rockmusiker gingen aus ihr hervor. Sie war janusköpfig wie alles in der DDR, hatte eine offizielle, massiv gestützte Seite, die Mitläufer, Karrieristen und sogar Denunzianten anzog. Sie war aber auch immer eine Nische, ermöglichte verdeckte und offene Kritik bis hin am Führungsstil des Politbüros und bot Platz zum Nachdenken und sich Ausprobieren, zum Eingreifen (wenn auch nur bedingt) und zum Mitgestalten. Der privaten Initiative einiger weniger ist es zu verdanken, dass viele Tonaufnahmen alter Lieder vor der Plattmachwut der Wendesieger und der Apathie der Verlierer nach 1989 gerettet werden konnten.1 Sie sind Zeugnis eines Stückchen Geschichte, hinter dem nicht einfach so die Tür zugeschlagen werden sollte.


Excerpt (computer-generated)

Verschwundenes Land – verschwundene Lieder?
Die Singebewegung der DDR

 

 


von: Antje Krüger

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG 2

2. DIE GROSSE SCHIZOPHRENIE EINES KLEINEN LANDES 3

3. DIE SINGEBEWEGUNG 4

3.1. Hootenanny – Die Anfänge 4
3.2. Die Singebewegung 5

4. LIEDERMACHER; LIEDTHEATER; FOLKMUSIK UND ROCK 13

4.1. Liedtheater 13
4.2. Folkmusik 14
4.3. Liedermacher 15
4.4. Rockmusik 15

5. FESTIVAL DES POLITISCHEN LIEDES 16

6. KLEINES LIED GANZ GROSS 19

7. SCHLUSSWORT 21

Literaturnachweis 24

 

 



1. EINLEITUNG

„Wo die Lieder sterben, da sterb auch ich ...“. Mit der DDR sind auch ihre Lieder untergegangen, die lauten, plakativen genauso wie die leisen, nachdenklichen. Und wo die Lieder sterben, da stirbt ein Stück Mensch, stirbt Verbundenheit, Identität, sterben Ideen und Träume.

In der DDR wurde viel gesungen, oft als Pflicht, aber häufig auch aus freien Stücken. Das Lied, vor allem das politische Lied, nahm eine besondere Stellung innerhalb der Kulturpolitik ein. Ihm wurde eine Bedeutung zugemessen, die eine Melodie eigentlich nie haben kann. Aber gerade weil es ernst genommen wurde, konnte es groß werden, Werte mitprägen, animieren, abschrecken oder Gemeinschaft schaffen. Die Schizophrenie dieses Staates, der immer tiefer werdende Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit spiegelt sich gerade auch in den Liedern wider. Sie waren „Wegbegleiter“, ob man es wollte oder nicht. Sie gehörten zum öffentlichen Leben einfach dazu und wurden auch oft ins private mit übernommen. Es gab Lieder, die man haßte ob ihrer leiernden, lustlosen Wiederholung bei allen offiziellen Veranstaltungen. Und es gab Lieder, deren stille Weisheit, deren Liebe heute noch erstaunt. Mit der Singebewegung entstand in der DDR eine sehr eigene Bewegung, die in ihrer Anfangszeit verhältnismäßig viele Jugendliche mit sich reißen konnte und später Grundstein für sich weiterentwickelnde Musikrichtungen und -tendenzen war. Viele Liedermacher, Folkmusiker, Chansonsänger, Kabarettisten, aber auch Rockmusiker gingen aus ihr hervor. Sie war janusköpfig wie alles in der DDR, hatte eine offizielle, massiv gestützte Seite, die Mitläufer, Karrieristen und sogar Denunzianten anzog. Sie war aber auch immer eine Nische, ermöglichte verdeckte und offene Kritik bis hin am Führungsstil des Politbüros und bot Platz zum Nachdenken und sich Ausprobieren, zum Eingreifen (wenn auch nur bedingt) und zum Mitgestalten.

Der privaten Initiative einiger weniger ist es zu verdanken, daß viele Tonaufnahmen alter Lieder vor der Plattmachwut der Wendesieger und der Apathie der Verlierer nach 1989 gerettet werden konnten.1 Sie sind Zeugnis eines Stückchen Geschichte, hinter dem nicht einfach so die Tür zugeschlagen werden sollte. Ihr Reichtum - oft mehr an Quantität, aber auch so manches von guter Qualität - hält uns den Spiegel vor, zeigt die Stummheit und Gleichgültigkeit, mit der heute dieser Gesellschaft begegnet wird und offenbart die Unfähigkeit, im grellen Werbegewimmel leisen, langsameren Tönen zu lauschen. Schwächen, Fehler und Verbrechen in der DDR werden in vielen Arbeiten zuhauf untersucht; oft gilt ihnen der einzige Blick. Sie sollen hier nicht ausgeklammert werden, denn sie zu ignorieren, wäre fatal. Trotzdem konzentriere ich mich auf die positive Seite der Singebewegung, die kreative, trotzige, nachdenkliche. Die, die es wert ist, nicht in Vergessenheit zu geraten. Die, die auch heute eine Alternative bieten könnte, und sei es wieder nur als Nische.

Zwanzig Seiten reichen kaum aus, die Geschichte der Singebewegung zu erfassen. Während der Arbeit zeigte sich, wie vielschichtig diese ist und was von Musikwissenschaftlern, Germanisten, Politikwissenschaftlern und Soziologen geleistet werden müßte, um dieses Thema aufzuarbeiten. Schon alleine mit Liedern und den dazugehörigen Anekdoten, den Streitigkeiten um Textzeilen, ja Worten, ließen sich Bücher füllen.

2. DIE GROSSE SCHIZOPHRENIE EINES KLEINEN LANDES oder „Unsere Widersprüche sind riesig - aber es sind unsere“2

[...]


1 Seit 1991 existiert der Verein „Lied und soziale Bewegung e.V.“, der es sich zur Aufgabe machte, altes Liedmaterial zu sichern, zu archivieren und für die Nachwelt zu erhalten und regelmäßig Foren und Diskussionsveranstaltungen durchführt.
2 Motto des Programms „Made in GDR“ der Gruppe Schicht von 1976


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