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Intelligibilitäten und Unsichtbarkeiten - Diskursanalyse über die Konstruktion von Geschlecht durch NGOs

Diploma Thesis, 2003, 94 Pages
Author: Wiebke Bötefür
Subject: Sociology - Gender Studies

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2003
Pages: 94
Grade: 1,75
Language: German
Archive No.: V19711
ISBN (E-book): 978-3-638-23766-6

File size: 588 KB
Notes :
Die Arbeit umfasst die Themenfelder NGOs, gender, Geschlechtkonstruktionen, und wurde als kritische Diskursanalyse angelegt.



Excerpt (computer-generated)

Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik

Diplomarbeit
zur Erlangung des Titels
der Sozialökonomin

-Intelligibilitäten und Unsichtbarkeiten-
Diskursanalyse über die Konstruktion von Geschlecht durch NGOs

vorgelegt von

Wiebke Bötefür

Abgabe: April 2003

Inhalt

1.Einleitung ... 4

2. Historischer Abriss der Geschlechterkonstruktionen ... 7
2.1 Antike ... 8
2.1.1 Die Eingeschlechtkonstruktion ... 10
2.2 Aufklärung Die duale Geschlechterkonstruktion ... 12
2.2.1 Das ′Dritte Geschlecht′ ... 13
2.2.2 Entstehung der Gleichheits/ Differenzdebatte; oder zu Zeiten Marx und Freuds ... 14
2.3. Feministische Konstrukte ... 16
2.3.1 Frau als Opfer ... 16
2.3.2 Gleichheits/ Differenzdebatte ... 18
2.3.3 sex und gender ... 19
2.3.4 doing gender ... 21
2.3.5 Postmoderne/ Diskurs ... 21
2.3.6 Dekonstruktion ... 22
2.3.7 Queer-Theorie oder die Pluralität der Geschlechter ... 24
2.3.8 Transgendering ... 26
2.4 Zusammenfassung ... 28
2.5 Exkurs neoliberaler Transformationsprozess ... 29

3. Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) - Feldbeschreibung eines Containerbegriffs ... 34
3.1 Was sind NGOs? ... 34
3.2 Phänomen NGO ... 36
3.3 Die Legitimationsfrage und Macht von NGOs ... 38
3.4 NGOs als öffentliche Meinungsbildner ... 39
3.5 NGO als Verschiebungsmodel von Hegemonien? ... 41
3.6 Zusammenfassung ... 44

4. Methode der Diskursanalyse ... 45
4. 1 Materialkorpus ... 49
4.2. Kriterien der Analyse ... 51

5. Analyse der Web Auftritte ... 53
5.1 AG Lesben und Asyl ... 53
5.1.1 Arbeitsziel der AG. ... 55
5.1.2 Frauen/Lesben als Konzept der Nicht-Intelligibilität ... 55
5.1.3 Unsichtbare Frauen/Lesben in Familien ... 58
5.1.4 Diskriminierungen und Menschenrechtverletzungen an Frauen/Lesben ... 59
5.1.5 Mit NGOs zur Intelligibilität ... 62
5.1.6 Zusammenfassung ... 63
5.2 The International Lesbian and Gay Association (ILGA) ... 64
5.2.1 Gestaltungsmacht ... 65
5.2.2 Geschlechterkonstruktion ... 67
5.2.3 Diskriminierung ... 68
5.2.4 Zusammenfassung ... 73
5.3. TransMann ... 74
5.3.1 Geschlechterkonstruktion ... 75
5.3.2 Medizinischer Diskurs ... 76
5.3.3 Rechtlicher Diskurs an Hand des Transsexuellen-Gesetzes (TSG) ... 77
5.3.4 Politisch-sozialer Diskurs ... 78
5.3.5 Emanzipation ... 79
5.3.6 Integration/ Unsichtbarkeit ... 80
5.3.7 Zusammenfassung ... 82
5.4 Fazit ... 83

6. Schlussbetrachtung ... 84

Literatur ... 89
Nachschlagewerke ... 93

Webseiten ... 94

 

1.Einleitung


„Die Sprache spricht je ohnmächtiger die Sprechenden, umso mächtiger doch aus ihnen“ 1

Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) gelten seit Ende der 80iger Jahre als Hoffnungsträger für eine Demokratisierung der Weltpolitik. Die Zustimmung, die sie erfahren, beruht auf dem Engagement für eine gerechte Welt. Im Gegensatz zu den häufig als tönern und machtlos empfundenen Staaten gewannen sie ihre Leuchtkraft durch Flexibilisierung und Innovation. Sie sind eingebettet in neoliberale Umwandlungsprozesse, die sie nicht zuletzt selber gestalten. Die stetig wachsende Beteiligung an Regulierungskonferenzen wird jedoch kritisiert und hinzugefügt, dass nur gewisse NGOs politische Gestaltungsmacht besitzen.

Die hier vorliegende Diplomarbeit im Rahmen des Projektstudiums „Potentiale internationaler Demokratien anhand von Nichtregierungsorganisationen“ an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP), beschäftigt sich mit der Gestaltungsmacht von NGOs, bezüglich der Konstruktion von Geschlechtern. Diese soll exemplarisch anhand einer Diskursanalyse von Internet-Selbstdarstellungen von NGOs untersucht werden.

Gesellschaften, die in einer heterosexuellen dualen Geschlechterkonstruktion eingelagert sind - wie die Europäischen - werden als Standort der Untersuchung gewählt. In ihnen ist das Bild des vorherrschenden Mannes und der sich im emanzipatorischen Prozess befindenden Frau, die sich in ihrem Begehren aufeinander beziehen, verankert. Andere Geschlechtskonstruktionen (wie Transsexuelle oder eine Pluralität von Geschlechtern) oder andere Begehren (wie Bi- oder Homosexualität) werden zwar gelebt, jedoch nicht in den hegemonialen Diskursen der Gesellschaften als „Normalität“2 anerkannt. Wenn nun die NGOs ihrem Mythos der Innovation und reformerischen Gestaltungsmacht gerecht werden wollen, müssten sie nicht nur Gegenbilder zur heterosexuellen und dualen Matrix aufzeigen. Weiterhin müsste ihr Wirken in der emanzipatorischen Verwirklichung der Subjekte liegen.

Folglich ist der Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit die Frage: Sind NGOs an der Reproduktion der heterosexuellen dualen Geschlechterkonstruktion beteiligt, oder üben sie, und wenn ja, wie, Herrschaftskritik. Und wie verhalten sie sich zur Gleichheits-/ Differenzdebatte? Unterstützen sie das Begehren nach Anerkennung von Differenzen, einer Pluralität von Lebensformen oder versuchen sie, diejenigen die sie unterstützen mit ihren „Unzulänglichkeiten“ in die jetzige Gesellschaft zu assimilieren? Bei dieser Frage wird davon ausgegangen, dass der theoretische gender-Diskurs3 seinen Fokus auf die Annerkennung von Differenzen legt, während die Realpolitik eine Gleichstellung zwischen Mann und Frau (und damit gefangen im heterodualem Bild) verfolgt und damit den Fokus auf die Gleichheitsdebatte legt. Aus diesem Grund ist die Positionierung der NGOs interessant, um zu sehen inwieweit sie theoretische Ansätze in die Realität umgesetzt haben.

In der vorangegangenen Arbeit der Autorin, einer Analyse von Internetauftritten von Menschenrechtsorganisationen (AMNESTY FOR WOMEN) und Frauen-NGOs (EUROPEAN WOMEN LOBBY) bestätigte sich, dass nicht nur das heterosexuelle, duale Geschlechterkonstrukt tief verwurzelt ist, sondern überhaupt nicht zur Disposition steht. Weiterhin wurden in den Selbstdarstellungen der untersuchten NGOs immer wieder Frauen als Opfer und zu unterstützende Individuen gezeichnet. Aus diesem Grund soll der Kernpunkt dieser Arbeit, auf den Geschlechterbildern liegen, die die NGOs zeichnen. Geschlechterbilder sollen als kollektives Symbol gesehen werden, als kulturelle Stereotypen, die gemeinschaftlich in der Gesellschaft, benutzt, abgebildet und tradiert werden.

Für die Untersuchung werden in einer Diskursanalyse Internetauftritte von NGOs analysiert, die sich mit gender-Identitäten befassen. Alle zu untersuchenden Organisationen befassen sich mit soziogeschlechtlichen Themen und bewegen sich nicht unmittelbar im heterosexuellen Kontext. Fälschlicherweise könnte nun angenommen werden, dass NGOs, die außerhalb des dualen heterosexuellen Geschlechterkonstruktes angesiedelt sind, einer Untersuchung nicht bedürften, da sie von vornherein aus diesem Konstrukt heraus fallen. Die These der Autorin ist jedoch, dass auch diese NGOs reproduktiv an den hegemonialen Geschlechterdiskursen beteiligt sind. Bezüglich der Abweichungen vom Mainstream des dominanten Diskurses, in dem das hegemoniale Geschlechterbild das ’Normale’ ist, welches Intelligibilitäten4 erzeugt, können die zu untersuchten NGOs darauf hinweisen, dass es sich um einen Gegendiskurs handelt, da sie sich in einem Spezialdiskurs bewegen. Der Frage inwieweit sie an der Implementierung von neoliberalen Strukturen beteiligt sind, soll ebenfalls Beachtung geschenkt werden. Aus diesem Grund ist ein Diskurs über das Theorem Neoliberalismus unumgänglich.

Als erster Schritt der Arbeit sollen Geschlechterkonstruktionen theoretisiert werden. Dieser recht umfassende Komplex ist nicht nur relevant, um einen historischen Abriss der unterschiedlichen Geschlechterkonstruktionen zu zeigen. Ebenfalls soll offen gelegt werden, welche Elemente aus den einzelnen Konstruktionen, in den europäischen Gesellschaften weiterleben und welche Gegenvorschläge vorhanden sind. Nach dem zweiten Schritt, einer Betrachtung über den Containerbegriff NGO und seiner Problemlage, sowie dem Methodenteil, wird in die Diskursanalyse eingestiegen. Ein Anliegen der Autorin ist es dabei eine Verbindung zwischen dekonstruktiven Theorien mit ihrer Auflösung von Kategorien und einer Umsetzung in der Praxis aufzuspüren.

2. Historischer Abriss der Geschlechterkonstruktionen


„Geknechtet Fleisch zeigt nämlich sich am graus`gen Mal,
von Wollust Ketten gären Spuren alter Qual.
Die Narben männlich zügelloser Gier sind unverheilt,
noch immer bluten Wunden blinder Ungerechtigkeit.
Durch lange Zyklen in den wehrlos` Mädchenjahren
war sexuelle Untat ihr als Marter widerfahren.
Doch ständig Wiederholtes will zum Rhythmus werden
und folglich ward, was eh`mals aus Gewalt entstand,
in steter Folge der von Frau`n zu leidenden Beschwerden
als Erbschaft ihrem Menschsein anverwandt.“


(Elizabeth Wolstenholme, 1893 )

Die Konstruktion der Geschlechter in unserer technologisierten postmodernen, Gesellschaft weicht von Konstruktionen der letzten Jahrtausende ab. Mit Konstruktion ist gemeint, wie Geschlecht sozial und biologisch gestaltet und gebildet wurde. Dazu gehört einerseits die Frage, wie viele Geschlechter es gab bzw. gibt und andererseits die Frage, wie sie definiert wurden bzw. werden und womit sie sich identifizieren durften. Nicht nur die Frage „was ist eine Frau?“ oder „was ist ein Mann?“ schwingt mit, sondern ebenfalls Fragen nach Begehren, Sexualität, Identität und damit die Frage nach Intelligibilität.

[...]


1 Killert, Gabrielle; Zeit 2.1.03; S.37.

2 Normalität und Norm werden immer dann in „“ gesetzt, wenn sie bei der Autorin Unbehagen aufruft. Ebenso wenn diese in Frage gestellt wird. Dieser Vorgang soll zur Hinterfragung der hegemonialen Norm anregen.

3 Die Autorin verzichtet auf ein eingedeutschtes großgeschriebenes gender. Um deutlich zu machen, dass es sich um ein Theorie aus der amerikanischen Sprache handelt wird es kursiv gedruckt. Auch sex, als biologisches Geschlecht, bleibt English und damit kleingeschrieben.

4 Intelligibilität leitet sich von intelligibel ab: (Kant) Gegenstände die allein mittels Verstand oder Vernunft vorgestellt werden können, ohne dass je eine sinnliche Anschauung hinzukommen kann. (Philosophielexikon: 320). Damit sind in diesem Fall Konzepte und Konstrukte gemeint, die in der Gesellschaft akzeptiert und dadurch sichtbar und wahrnehmbar werden. Bezogen auf Geschlechter-Intelligibilitäten ist vor allem das hegemoniale heterosexuelle Mann Frau Konstrukt intelligibel. Andere Geschlechter sind nicht vorstellbar, andere Begehren scheinen lediglich nebulös in der Westlichen Gesellschaft vorhanden.


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