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Das Ich und die anderen - Individuum und Gesellschaft im Rahmen der Kommunitarismus-Liberalismus Debatte

Termpaper, 2001, 47 Pages
Author: Robert Albrecht
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

Details

Category: Termpaper
Year: 2001
Pages: 47
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V2316
ISBN (E-book): 978-3-638-11418-9

File size: 276 KB


Excerpt (computer-generated)

Robert Björn Albrecht Hamburg, den 03.10.2001
Stud. Jg.: G′99

Hausarbeit zum Thema:

Das Ich und die Anderen

Individuum und Gesellschaft im Rahmen der
Kommunitarismus-Liberalismus Debatte

Zu Veranstaltung: Einführung in die Ethik - EGTWA (Langfach)

HT 2000 - FT 2001

Gliederung:

1. Worum es geht? - Einführung ... 3

2. John Locke - der Vater des modernen Liberalismus ... 7
2.1 Der Naturzustand ... 8
2.2 Eigentum ... 9
2.3 Die Bildung der Gesellschaft ... 11
2.4 Gewaltenteilung ... 12
2.5 Kontrolle und Revolutionsrecht ... 13

3. Das Individuum in der Krise - die Vorboten der Postmoderne ... 15

4. Moralische Autonomie und Freiheit des Einzelnen - der (post-) moderne Liberalismus ... 19
4.1 John Rawls ... 19
4.2 Ronald Dworkin ... 22
4.3 Robert Nozick ... 23
4.4 James Buchanan ... 27

5. Der Mensch als Teil seiner Gemeinschaft - der Kommunitarismus ... 30
5.1 Michael Sandel ... 30
5.2 Alasdair MacIntyre ... 31
5.3 Michael Walzer ... 32
5.4 Richard Rorty ... 34
5.5 Charles Taylor ... 35
5.6 Axel Honneth ... 37
5.7 Amitai Etzioni ... 37

6. Abschlussdiskussion ... 40
7. Literatur ... 44
8. Erklärung ... 47

 

1. Worum es geht? - Einführung

Der Liberalismus und die Aufklärung haben den Glauben an Autoritäten und mit ihnen die Grundlagen der alten gesellschaftlichen Moral zerstört und waren nicht in der Lage die von ihnen geschlagene Bresche mit etwas gleichwertigem wieder zu füllen. Diejenigen, von denen diese Kritik zumeist geübt wird, sind Kommunitaristen, manchmal auch als Kommunitarier bezeichnet, deren Ziel nicht eine möglichst grenzenlose Freiheit des Einzelnen ist, sondern die Wiederherstellung der Autorität der gesellschaftlichen Moral.
Eine als Einführung gut geeignete Zusammenfassung der Debatte liefert der deutsche Philosoph Wolfgang Kersting in einem 1993 erschienenen Aufsatz.1 Nach Kersting wurde der Grundstein der aktuellen Debatte mit dem Erscheinen der Rawlschen Gerechtigkeitstheorie Anfang 1971 gelegt.2 Von diesem Werk inspiriert versuchten sich danach mehrere namhafte Denker wie Buchanan,3 Nozicks,4 Ackermann, Scanlon und Dworkin5 an einer Erneuerung des Liberalismus unter Berufung auf die Ideen Kants, Hobbes und Lockes, die wesentlich für die Prägung des westlichen Gesellschaftsverständnisses waren.
Der Kommunitarismus entstand in den achtziger Jahren als Gegenströmung zum neubelebten Liberalismus, der die politische Kultur der vorangegangenen zehn Jahre dominiert hatte. Er wendet sich gegen eine kontraktualistische (d.h. auf einem Gesellschaftsvertrag beruhende) Rechtfertigungstheorie von Normen der Liberalen, deren Anspruch auf Universalität der eigenen Konzeption und den ihrer Meinung nach, mit liberalen Gedankengut einhergehenden und im Egoismus übersteigerten Individualismus. Statt als Individuum wird der Mensch als ,,zoon politikon" betrachtet, der nicht außerhalb seiner sozialen Wirklichkeit und der damit verbundenen Gemeinschaftswerte existiert und niemals existiert hat. Dementsprechend propagiert wird eine Rückkehr zur verstärkten sozialen Integration des Individuums und zu einem auf Traditionswelten beruhenden Partikularismus.6
Ihre Vorläufer hatte die Debatte bereits mit der in der Moderne geführten Diskussion zwischen kollektivistischen/ universalistischen und individualistischen Ansätzen oder in der Auseinandersetzung zwischen Kant und Hegel. Gegenstand des heutigen Streites sind die Grundlagen der politischen Ethik und der gesamtgesellschaftlichen Wertorientierung. Es geht um den Versuch der Wiederbelebung der Gemeinschaftswerte, der gleichermaßen von Rechten (der Schwerpunkt auf dem integrativen Ansatz einer ,,Leitkultur") und Linken (ein eher partizipatorischer Ansatz) unternommen wird. Dieser Gegenstand findet sich in nahezu allen Bereichen reflektiert, in denen ,,sich die Selbstzweifeln der Kultur spiegeln."7 Amerikanische Juristen fordern ,,justice without law", d.h. ein über das Gesetz hinausgehendes gemeinschaftliches Gerechtigkeitsverständnis. In der Soziologie und Psychologie ist verstärkt von der identitätsstiftenden Kraft des Milieus die Rede. In der zunehmenden Autonomisierung des Individuums wird die Quelle einer sozialen Entfremdung gesehen und das Ideal der individuellen Selbstverwirklichung wird zunehmend durch jenes von der Sicherheit und Behaglichkeit durch Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ersetzt. Auch von vielen Politologen wird eine verstärkt gemeinschaftsbildende Politik gefordert.8
So einig sich jedoch die Kommunitaristen in der Ablehnung des Liberalismus sind, so wenig uniform sind die verschiedenen kommunitaristischen Positionen untereinander. Am charakteristischsten erscheinen die Positionen Mac Intyres9 und Sandels10 auf der einen und die Rortys11 auf der anderen Seite. Erstere kritisieren den Liberalismus als Rechtfertigungstheorie, die eindeutige gesellschaftliche Mängel durch philosophische Argumente rechtfertigt und somit festigt. Der Zweite erkennt im Liberalismus einen ,,spezifischen Kulturausdruck", dessen Vorstellungen von Wahrheit und Objektivität in der westlichen, aufklärerischen Tradition begründet sind, der aber mit der Unhaltbarkeit dieser Vorstellungen zugleich seine Begründungsautorität verliert. Der Vorwurf den die Kommunitaristen an den Liberalismus richten, geht zusammengefasst dahin, das die Liberalisten zwar sehr wohl den Niedergang des westlichen Werteplateaus erkennen, aber durch die Reduzierung der sozialen Spielregeln auf aus freiwilligen Konsens von Individuen beruhende Normen, diesen Zerfall quasi rechtfertigen. Der Kommunitarismus orientiert sich weniger am Individuum als Grundlage seiner Überlegungen, als an der Ganzheit, der Totalität der Gesellschaft. Von einer Stärkung der Gemeinschaftswerte erhofft er sich eine Verringerung des zwischenmenschlichen Konfliktpotentials und eine auf Zugehörigkeitsgefühl und Handlungsorientierung beruhende Sicherheit für den Einzelnen.
Bildet die These, das des Menschen höchstrangigstes Interesse in der Führung eines guten Lebens und in der Suche nach dem persönlichen Glück besteht noch eine gemeinsame Grundlage zwischen der liberalen und der kommunitaristischen Position, so gehen die Meinungen doch spätestens bei der Frage nach der Umsetzbarkeit dieses Glückes auseinander.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die verschiedenen Antworten zu geben, die liberale und kommunitaristische Philosophen auf diese Frage gegeben haben. Grundlage der meisten liberalen Denker ist das Modell eines Gesellschaftsvertrages, in der Form wie ihn John Locke12 bis in die heutige Zeit prägte. Nach der erfolgten Einführung in das Thema wird daher eine kurze Darstellung der lock′schen Verfassungstheorie den ersten Teil der Arbeit bestreiten. Der zweite Teil beschäftigt sich mit einem spezifischen Aspekt der Wiener Jahrhundertwende. Diese Thematik soll hier berücksichtigt werden, weil das Problem des Identitätsverlustes, die Entwurzelung des Individuums und die Zerrüttung der bis dahin als unzerstörbar geltenden moralischen Grundsätze der Aufklärung die westliche Welt hier zum ersten Mal getroffen hat. Viele jener aktuellen Probleme, welche die Kommunitaristen an unserer heutigen Gesellschaft diagnostizieren und hinter welchen sie den Liberalismus als Ursache wähnen, wurden hier bereits vorweg genommen und von Künstlern und Literaten eindrucksvoll verarbeitet, so daß ein Blick auf die Wiener Moderne auch Aufschluß über unsere eigene Zeit zu geben vermag.

Der dritte Teil wendet sich schließlich der aktuellen Debatte zu und skizziert einige liberale Positionen, von welchen die heutige Debatte ihren Ausgang fand. Gleiches geschieht mit den Positionen der kommunitaristischen Gegenseite im vierten Teil der Arbeit. Im fünften und letzten Teil werden die verschiedenen Aspekte beider Seiten noch einmal in einer Diskussion direkt gegenübergestellt.
Neben dem Aufsatz von Kersting für die Einleitung und den Werken der verschiedenen Philosophen selbst, waren wegen ihrem einführenden und überblicksartigen Charakter vor allem die Dissertation von Kley13 und das Werk von Horster14 von besonderer Bedeutung für diese Arbeit.

[...]

1 Kersting, Wolfgang: Liberalismus und Kommunitarismus. Zu einer aktuellen Debatte: S. 12f. In: Informationen zur Philosophie. Nr. 3/1993, S. 9-19. Im folgenden zitiert als: Kersting.

2 Rawls, John. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main 1975. Im folgenden zitiert als: Rawls.

3 Buchanan, James: Die Grenzen der Freiheit. Zwischen Anarchie und Leviathan. Tübingen 1984. Im folgenden zitiert als: Buchanan.

4 Nozick, Robert: Anarchy, State and Utopia. New York 1974. Im folgenden zitiert als: Nozick.

5 Dworkin, Ronald: Bürgerrechte ernstgenommen. Frankfurt am Main 1984. Im folgenden zitiert als: Dworkin.

6 Kersting: S. 9f.

7 Kersting: S. 11.

8 Kersting: S. 11.

9 MacIntyre, Alasdair: Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Frankfurt am Main 1987. Im folgenden zitiert als: MacIntyre.

10 Sandel, Michael: Liberalism and the Limits of Justice. Cambridge 1982. Im folgenden zitiert als: Sandel.

11 Rorty, Richard: Contingency, Irony and Solidarity. Cambridge 1989; dt.: Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt am Main 1989. Im folgenden zitiert als: Rorty.

12 Auf die Gesellschaftsvertragtheorie wird im folgenden Kapitel ausführlich eingegangen.

13 Kley, Roland: Vertragstheorien der Gerechtigkeit. Eine philosophische Kritik der Theorien von John Rawls, Robert Nozick und James Buchanan (Diss.). Bern, Stuttgart 1989.

14 Horster, Detlef: Postchristliche Moral. Eine sozialphilosophische Begründung. Hamburg 1999.


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