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Essay, 2003, 7 Pages
Author: Hans-Joachim Frölich
Subject: History - Non-German
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Geschichtswissenschaften)
Tags: Unterschichtengewalt, Russland, Hauptseminar, Gewalt, Terror, Sowjetunion
Year: 2003
Pages: 7
Grade: Sehr gut (1,0)
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-29374-7
File size: 154 KB
Einer von drei Essays aus einem Hauptseminar zu "Gewalt und Terror in der frühen Sowjetunion 1917-1953".
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Abstract
Die Tradition von Gewalt, die Normalität von Gewalt in den Unterschichten Russlands und besonders auf den Dörfern, hat bis vor einem guten Jahrzehnt eine nur geringe Rolle in den Darstellungen des spätzaristischen Russland und der Revolution von 1917 gespielt. Dafür gibt es vor allem zwei Ursachen, und beide haben mit den historischen Quellen zu tun. Zum einen mag der Blick westlicher Historiker häufig durch die weltfremde Brille der russischen Oberschicht gefallen sein, und was dieser Blick zeigte, ließ sich nur als plötzliche Eruption nie da gewesener Gewalt deuten. Zum anderen hatten diejenigen, die im Wortsinn an (und auf) den Quellen saßen, also die Historiker der Sowjetunion, kein Interesse daran, die Wurzeln einer Gewalt zu untersuchen, die nach offizieller marxistischer Sicht in der Oktoberrevolution als Revolution klassenbewusster Arbeiter allenfalls ein unangenehmes Randphänomen gewesen sein durfte. Doch Gewalt und Terror kamen weder 1905 noch 1917 noch danach aus dem Nichts. Wer sich, wo Unkenntnis der zaristischen Oberschicht den Blick verstellte und Ideologie die sowjetischen Historiker blind machte, auf die Suche nach den Wurzeln der Gewalt begibt, wird sie besser verstehen.
Excerpt (computer-generated)
Über Unterschichtengewalt im spätzaristischen Russland
von: Hans-Joachim Frölich
Essay
„Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben,
kein Bildermalen oder Deckchensticken;
sie kann nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend,
so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend
und großzügig durchgeführt werden.”
Mao Zedong, 1927
Die russische Revolution von 1905 erlebte der amerikanische Konsul W. H. Stuart in der Stadt Batumi an der Ostküste des Schwarzen Meeres. Am 13. Oktober berichtet er: „The whole country is simply permeated with sedition and reeking with revolution, racial hatred and warfare, murder, incendiarism, brigandage, robbery and crime of every kind (...). As far as can be seen we are on the high road to complete anarchy and social chaos.” Und weiter: „One of the worst signs is that the public under this long reign of anarchy and crime is growing callous and the news of the murder of an acquaintance or friend is, by the bulk of the population, received with indifference whilst cases of brigandage are looked upon as being quite in the ordinary course of events.”1 Gewalt und Chaos und eine gleichgültige Bevölkerung - diesen Eindruck gewann nicht nur der ausländische Beobachter. Zwar sind es häufig Besucher aus dem Ausland, die entsetzt über den brutalisierten Alltag des spätzaristischen Rußland schreiben.2 Doch weite Teile der zahlenmäßig kleinen russischen Intelligenz und der Mittelschicht empfanden die selbe Abscheu gegenüber der Gewalt der Straße. „Die Revolution gebiert wahre Barbaren”, schreibt Maxim Gorki im Juli 1905.3 Diese Revolution, die alles andere als eine geordnete Aktion mit dem Ziel einer Änderung der Staatsform war, erschütterte die russische Oberschicht. Das Volk, die Bauern und Arbeiter, von denen viele in Adel und Intelligenz eine idealisierte Vorstellung hatten, erwiesen sich als rabiat und destruktiv. Was Menschen wie Gorki in den Jahren zuvor den „einfachen Leuten” noch an Mitgefühl, Wohlwollen und Hilfsbereitschaft entgegengebracht hatten, schlug 1905 und in den Jahren danach unter dem Eindruck von Gewalt, von ganz gewöhnlicher Kriminalität, von dem Haß, der alle „deutsch”, also gut Gekleideten traf, oft in Angst und Feindseligkeit um.4
Daß die Reaktionen von Ausländern und Russen der Oberschicht auf die nun sichtbare Gewalt sich so sehr ähnelten, ist kein Zufall. Diese beiden Gruppen hatten mehr miteinander gemein als die reichen Russen aus den großen Städten im Westen des Landes mit ihren Landsleuten in den Fabriken und Bauernhütten. Europäisch gebildet, am Vorbild des Europa westlich von Njemen oder Weichsel orientiert und bezeichnenderweise in einer Hauptstadt versammelt, die ganz im Westen und am Meer liegt, mag sich mancher russische Adlige besser in Baden-Baden ausgekannt haben als in jedem Dorf östlich von St. Petersburg, ja als in den Arbeiterquartieren der Hauptstadt selbst.5 Weltgewandt auf Französisch sich unterhaltend, feierten die Reichen Dinnerpartys unter dem Union Jack6 - ging es aber um das eigene Land, die Bevölkerung des Zaren-Staates, erwiesen sie sich als reichlich weltfremd.
[...]
1 Zit. nach Abraham Ascher, The Revolution of 1905, Bd. 1: Russia in Disarray, Stanford 1988.
2 Charters Wynn, Workers, Strikes, and Pogroms. The Donbass-Dnepr Bend in Late Imperial Russia 1870-1905, Princeton 1992, 87 f.
3 Zit. nach Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, München 2001 (engl. London 1996), 226.
4 Joan Neuberger, Hooliganism. Crime, Culture, and Power in St. Petersburg, 1900-1914, Berkeley/Los Angeles/London 1993, 277 f
5 Allerdings lebten gerade in St. Petersburg die Arbeiter auch im Stadtzentrum - in Moskau etwa war die räumliche Trennung viel deutlicher.
6 Siehe das Foto 44 bei Figes, nach S. 432.
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