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Friedrich Hebbels "Judith" - ein Vergleich mit der biblischen Judith in den Apokryphen des Alten Testaments

Intermediate Examination Paper, 2002, 22 Pages
Author: Marijke Lichte
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Forschungslernseminar
Institution/College: University of Hannover
Tags: Friedrich, Hebbels, Judith, Vergleich, Judith, Apokryphen, Alten, Testaments, Forschungslernseminar
Category: Intermediate Examination Paper
Year: 2002
Pages: 22
Grade: Zwischenprüfung mit "sehr gut"
Language: German
Archive No.: V29047
ISBN (E-book): 978-3-638-30673-7
ISBN (Book): 978-3-638-65008-3
File size: 411 KB
Notes :
Obwohl die Rahmenhandlung in beiden Versionen identisch ist, unterscheiden sie sich doch wesentlich in der Ausgestaltung der einzelnen Charaktere, dem Aufbau der Textkonzeption, der Erzählweise und letztlich in der Gesamtaussage. Dies liegt an den unterschiedlichen Zielsetzungen, welche beide Autoren bei der Niederschrift gehabt haben, und welche im ersten Abschnitt dieser Untersuchung beleuchtet werden sollen. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.


Abstract

In dem biblischen Buch Judith und in Hebbels Tragödie geht es – objektiv betrachtet – um die gleiche Geschichte: Einem Volk droht die Vernichtung durch eine übermächtige feindliche Armee. Angesichts seiner ausweglosen Lage verliert es das Vertrauen in seinen Gott. Eine einzelne Frau zieht in das Lager des Feindes ein und enthauptet dessen Oberbefehlshaber. Dadurch errettet sie ihr Volk vor dem sicheren Tod und stellt seine Glaubensbereitschaft wieder her. Obwohl die Rahmenhandlung in beiden Versionen identisch ist, unterscheiden sie sich doch wesentlich in der Ausgestaltung der einzelnen Charaktere, dem Aufbau der Textkonzeption, der Erzählweise und letztlich in der Gesamtaussage. Dies liegt an den unterschiedlichen Zielsetzungen, welche die Autoren bei der Niederschrift gehabt haben, und welche im ersten Abschnitt dieser Untersuchung beleuchtet wird. In den folgenden sieben Abschnitten wird anhand eines direkten Textvergleichs dargelegt, inwieweit die Handlung der beiden Geschichten variieren. Dabei wird versucht, die Tragödie Hebbels in die biblische Vorlage so zu integrieren, dass eine Chronologie entsteht. Dort wo dies nicht ohne weiteres möglich ist, da in beiden Erzählungen Schauplätze, Personen und zeitlicher Ablauf nicht übereinstimmen, wird explizit darauf hingewiesen. Die Gründe für die jeweiligen Abweichungen werden darüber hinaus, anhand von Zitaten aus sekundärer Literatur, Hebbels Selbstinterpretation und eigener Einschätzung, erläutert.


Excerpt (computer-generated)

Universität Hannover
Seminar für deutsche Literatur und Sprache
Forschungslernseminar: „Die Bibel für Germanisten“
Sommersemester 2002

Friedrich Hebbels Judith

Ein Vergleich mit der biblischen Judith
in den Apokryphen des Alten Testaments

von

Marijke Scholz

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung  3

I. Eine unterschiedliche Zielsetzung  4

II. Die Strafexpedition des Holofernes  6

III. Der Widers tand der Kinder Israel  7

IV. Die Einschließung der Bergfeste Bethulien  8

V. Judiths Eingreifen  10

VI. Judith im Lager der Assyrer  14

VII. Das Gelingen von Judiths Plan  15

VIII. Die Vertreibung der Assyrer  19

Schlussbemerkung  20

Literaturverzeichnis  21

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen  22

 

Einleitung

In dem biblischen Buch Judith und in Hebbels Tragödie geht es – objektiv betrachtet – um die gleiche Geschichte: Einem Volk droht die Vernichtung durch eine übermächtige feindliche Armee. Angesichts seiner ausweglosen Lage verliert es das Vertrauen in seinen Gott. Eine einzelne Frau zieht in das Lager des Feindes ein und enthauptet dessen Oberbefehlshaber. Dadurch errettet sie ihr Volk vor dem sicheren Tod und stellt seine Glaubensbereitschaft wieder her.

Obwohl die Rahmenhandlung in beiden Versionen identisch ist, unterscheiden sie sich doch wesentlich in der Ausgestaltung der einzelnen Charaktere, dem Aufbau der Textkonzeption, der Erzählweise und letztlich in der Gesamtaussage. Dies liegt an den unterschiedlichen Zielsetzungen, welche beide Autoren bei der Niederschrift gehabt haben, und welche im ersten Abschnitt dieser Untersuchung beleuchtet werden sollen.
In den folgenden sieben Abschnitten soll anhand eines direkten Textvergleichs dargelegt werden, inwieweit die Handlung der beiden Geschichten variieren. Dabei werde ich versuchen, die Tragödie Hebbels in die biblische Vorlage so zu integrieren, dass eine Chronologie entsteht. Dort wo dies nicht ohne weiteres möglich ist, da in beiden Erzählungen Schauplätze, Personen und zeitlicher Ablauf nicht übereinstimmen, weise ich explizit darauf hin. Die Gründe für die jeweiligen Abweichungen sollen darüber hinaus, anhand von Zitaten aus sekundärer Literatur, Hebbels Selbstinterpretation und eigener Einschätzung, erläutert werden.

Da in der Primärliteratur Orte und Personen teilweise abweichende Namen aufweisen, habe ich sie der Vereinfachung halber vereinheitlicht:
Die Bergfeste, welche von den Assyrern belagert wird, heißt in meiner Bibelausgabe Betulia, Judit schreibt sich dort ohne „h“ und der Assyrerkönig mit doppeltem Zett. Im Fließtext benutze ich dafür Hebbels Bezeichnungen Bethulien, Judith und Nebukadnezar. Des weiteren heißen die Vertreter des Ältestenrates in der Lampater zugrundeliegenden Bibelausgabe Ozias, Chabris und Charmis. Da ich mich aber, um Lampaters Argumentation nachzuvollziehen, auf meine Gute Nachricht Bibel stützen muss, verwende ich die Bezeichnungen Usija, Kabri und Karmi. Schließlich nenne ich die Volksgruppe, welche Hebbel als Ebräer bezeichnet, bei dem uns geläufigeren Namen Hebräer.
Wenn ich allerdings wörtlich aus der genannten Primär- und Sekundärliteratur zitiere, belasse ich die Eigennahmen in ihrer ursprünglichen Schreibweise.

I. Eine unterschiedliche Zielsetzung

Das apokryphe Buch Judith, eine später ( nicht so bei Luther) der Bibel hinzugefügte, aber nicht anerkannte Schrift im Alten Testament, entstand vermutlich in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts vor Christus. Helmut Lampater zufolge1 stützt sich diese Vermutung „auf die Beobachtung, dass es den Geist der Makkabäerzeit wiederspiegelt. Jerusalem wird vom Hohepriester und Hohen Rat regiert“ (vgl. H.L.; S.137). Die Erzählung ist offenbar an das Siegeslied der Debora angelehnt, einem der ältesten poetischen Texte des A.T. (12. Jahrh. v.Chr.). Dort ist die Rede von dem Sieg der Kinder Israel über die Kananäer und ihren Feldhauptmann Sisera, welcher – schon angekündigt durch das prophetisches Wort der Debora – von Gott „in die Hand einer Frau“ gegeben wird (G.N.B.; Richt. 4,9)2. Deboras Vorhersage erfüllt sich insofern, als dass Jaël, die Frau des Keniters Heber, das Gastrecht verletzt und den gefürchteten Feind im Schlaf überwältigt (vgl. H.L.; S.137).
Der Verfasser des Buches Judith geht allerdings mit den geschichtlichen Tatsachen sehr freizügig um, obgleich er die Geschehenisse so darstellt, als ob von einer geschichtlichen Begebenheit berichtet würde (vgl. ebd.; S.138). Zwar gibt es gewisse „Erinnerungen an Feldzüge des persischen Königs Artaxerxes III. (359-338 v.Chr.), der einen Feldherrn mit Namen Holofernes und einen Eunuchen mit Namen Bagoas gehabt haben soll“ (ebd.; S.138), aber die Geschichte der Judith, in der Nebukadnezar Großkönig in Ninive ist, der Hauptstadt der Assyrer, spielt zu einem Zeitpunkt, zu dem diese Stadt bereits etwa 388 Jahre zuvor von den Babyloniern erobert und zerstört worden war (vgl. ebd.; S.138). Daher kann hier von einem geschichtlichen Tatsachenbericht kaum die Rede sein. Dazu würde auch der Stil des Erzählers nicht so recht passen, denn dieser „verrät seine Freude an phantasievoller Ausschmückung“, wobei er „die Rede der Hauptpersonen in epischer Breite“ wiedergibt und sich „durchaus auf die Kunst spannender Erzählung“ versteht (ebd.; S.138).
Es ist daher anzunehmen, dass das Buch Judith vielmehr dazu gedacht ist, den Glaubensmut der Zeitgenossen des Verfassers zu stärken. Aufgrund der historischen Ungereimtheiten darin heißt Lampater es gut, dass diese Geschichte nicht unter die kanonischen Bücher des Alten Testaments aufgenommen wurde (vgl. ebd.; S.139). Warum Luther sie aus seiner Übersetzung ganz herausgelassen hat und unter welchen Gesichtspunkten dieser sie überhaupt betrachtet hat, soll folgendes Lutherzitat verdeutlichen:

„Etliche wollen, es sei keine Geschichte, sondern ein geistlich schön Gedicht eines heiligen geistreichen Mannes, der darin hab wollen malen und fürbilden des ganzen jüdischen Volkes Glück und Sieg wider alle ihre Feinde, gleichwie Salomo in seinem Hohelied auch von seiner Braut dichtet und singet, und doch damit das ganze Volk Israel meinet; und wie St. Johannes in der Apokalypse und Daniel viel Bilder und Tiere malen, damit sie doch nicht solche Personen, sondern die ganzen christlichen Kirchen und Königreiche meinen ... Solche Meinung gefället mir fast wohl, und denke, dass der Dichter wissentlich und mit Fleiß den Irrtum der Gezeiten und Namen drein gesetzt hat, den Leser zu vermahnen, daß ers für ein solch geistlich heilig Gedicht halten und verstehen sollte ... Und mag sein, daß sie solch Gedicht gespielet haben, wie man bei uns die Passion spielet und anderer heiligen Geschichte, damit sie das Volk und die Jugend lehreten ... Darum ist es ein fein, gut, heilig, nützlich Buch, uns Christen wohl zu lesen. Denn die Worte soll man verstehen, als rede sie ein geistlicher heiliger Poet oder Prophet“ (H.L.; S.139).

[....]


1 Lampater, Helmut: Das Buch Judith, in: ders.: Die Apokryphen II. Weisheit Salomos, Tobias, Judith, Baruch, S. 135 – 183; Stuttgart 1972

2 Gute Nachricht Bibel; Revidierte Fassung 1997 der „Bibel im heutigen Deutsch“; Deutsche Bibelgesellschaft; Stuttgart 2000


Comments

heinznulleins
23.11.2004 21:13:06
Frage
Ich habe einige Fragen diesem Thema. Kann mir jemand helfen ?? danke
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