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Scholary Paper (Seminar), 1995, 42 Pages
Author: Jochen Müller
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Technical University of Darmstadt (Sprach- und Literaturwissenschaft)
Tags: Elektra, Heldin, Eine, Untersuchung, Elektra-Gestalt, Hugo, Hofmannsthal, Literatur
Year: 1995
Pages: 42
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 22 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-33750-2
File size: 414 KB
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Excerpt (computer-generated)
Elektra als hysterische Heldin? Eine Untersuchung zur
Elektra-Gestalt bei Hugo von Hofmannsthal
von: Jochen Müller
2. Fachsemester/Studiensemester
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eingrenzung und Symptomatik der Besessenheit Elektras
3. Die Forschung zur Elektra-Figur
3.1 Die idealistische Interpretationsrichtung
3.1.1 William H. Rey - "Elektra" als Weltversöhnung
3.1.2 Nehring - Die Tatproblematik
3.1.3 Wittmann - Wort und Tat
3.2 Die psychoanalytische Interpretationsrichtung
3.2.1 M. Worbs - Die Geburt der "Elektra" aus dem Geist der Psychopathologie
4. Elektra - Ästhetik und Faszination der Besessenheit
4.1 Die Erotik der Gewalt und die Lust am Irrsinn - mit Foucault gegen Freud
4.2 Elektra und die schwarze Romantik - eine motivgeschichtliche Betrachtung
4.2.1 Elektra und das Motiv der Medusa
4.2.2 Elektra und das Motiv der "femme fatale"
4.3 Elektra als Zeitphänomen
5. Verzeichnis der Quellen und Materialien
1. Einleitung
Als Hugo von Hofmannsthals Einakter "Elektra" 1903 uraufgeführt wurde, war die Ablehnung der Kritiker nahezu einhellig: das Stück, das Richard Strauß als Libretto für seine Oper verwendete und dessen Wirkung durch eine am Rande der Tonalität schwebende Vertonung noch steigerte, sei ein greuliches Gemisch von viehischer Sinnlichkeit, Perversität, Verrücktheit und Rachedurst, so die einen; für die anderen, wie Paul Goldmann1, war es nur "die Verirrung eines Talents". Hofmannsthal habe "die griechische Tragödie nicht nur total verändert, sondern auch alle poetischen Schönheiten aus ihr entfernt, ohne eine neue Poesie an Stelle der alten zu setzen"2; für ihn war das Stück hybrid, ein literarisches Unding, das das Herz eigentümlich kalt lasse und, statt das Gemüt der Zuschauer zu bewegen, schockiere und abstoße3: Hofmannsthal schildert den Mord, ohne erst viel mit den Gründen des Mordes sich abzugeben. Gewiß, es wird gesagt, daß Elektra ihre Mutter haßt. Aber das alles wird nur kurz angedeutet; man hört es kaum in dem Lärm, der das Drama erfüllt. Vom Augenblick an, da das Stück anfängt, beginnt Elektra zu schreien, und sie schreit unentwegt bis zum Schluß. Elektra, deren Klagen bei Sophokles mit dem Sange der Nachtigall verglichen werden, ist bei Hofmannsthal ein keifendes Weib geworden. Und ihre Wut berührt um so abstoßender, als man gar nicht recht begreift, warum sie eigentlich gar so wütend ist. So wird in diesem Drama gehaßt um des Hasses, gemordet um des Mordes willen. Elektra schreit nach Blut, und sie schreit nicht allein aus Haß, sie scheint nach Blut zu schreien, weil sie das Blut liebt. An die Stelle der Psychologie tritt die Perversität. [...] Und diese Kollektion widerlicher Ausartungen, diese Orgie des Sadismus nennt sich eine Nachdichtung nach Sophokles!
Hier wird sowohl der nicht geringe Wirbel in der Öffentlichkeit nach der Uraufführung greifbar - ein Theaterskandal en miniature - als auch das Rätsel, das das Drama seinen Interpreten bis heute aufgibt. Dabei waren weder Motiv noch Ausarbeitung so neu; Gustave Flauberts "Salammbô", Oscar Wildes "Salome", Swinburnes "Atalanta in Calydon" hatten eine zwielichtige, geheimnisvolle Antike und mit Nietzsches "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" das andere Griechenland dionysischer Lust, des Tanzes und des Wahnsinns entdeckt; Huysmann hatte in "Gegen den Strich" Traum und Realität, Wahnsinn und Alptraum miteinander verwoben, und das Motiv der "femme fatale" oder der "belle dame sans merci" gehörte zum wohlbekannten Repertoire des "Fin de Sièclé" bzw. der "Wiener Moderne".
Unter dem Titel "Elektra" hätte man ja ebenso eine Nachahmung des sophoklesschen Dramas erwarten können, zumal Hofmannsthal die Figuren übernimmt: der Aigisthos Sophokles, König von Argos und Mykenae und zweiter Gemahl der Klytaimnestra, fehlt im Bühnenstück ebenso wie Orest als Bühnenfigur, beide treten allerdings im Libretto auf; Klytaimnestra, seine Gemahlin und Witwe des Agamemmnon und die drei Kinder Agamemmnons und Klytaimnestras, Orest, Elektra und Chrysothemis, werden beibehalten, der antike Chor entfällt ebenfalls. Bei Sophokles kommt Orest nach Mykenae, um den Tod seines Vaters zu rächen, der nach seiner Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg von Klytaimnestra und ihrem Geliebten Aigisthos erschlagen wurde. Elektra wird in Mykenae von den Mördern ihres Vaters wie eine Sklavin behandelt und hofft auf Rache und auf die Rückkehr ihres Bruders Orest. Ihre Schwester Chrysothemis hat sich duldend mit ihrem Geschick abgefunden und warnt Elektra, man werde sie in ein Felsengrab einsperren, wenn sie nicht schweige. Gegenüber Elektra bekennt sich Klytaimnestra reuelos zum Gattenmord, sie habe Agamemmnon aus gerechten Gründen getötet, weil er ihre Tochter Iphigenie geopfert hat, während Elektra ihr vorwirft, sie habe gemordet, um mit ihrem Geliebten schamlos zusammenleben zu können. Im Palast wird das von Orest ausgestreute Gerücht berichtet, er sei ums Leben gekommen, worauf Elektra Chrysothemis zu überreden versucht, Aigisthos gemeinsam zu töten, diese aus Angst vor den Mächtigen in ihrer Unterwerfung und Mäßigung aber ablehnt. Im Palast gibt sich Orest als Fremder aus, der die Asche des Orest überbringt; er gibt sich Elektra zu erkennen, worauf er Klytaimnestra tötet, während Elektra Wache steht. Als Aigisthos kommt, tötet ihn Orest an der gleichen Stelle, an der dieser seinen Vater erschlagen hat. Bei der Adaption des antiken Dramas hat sich Hofmannsthal jede erdenkliche Freiheit genommen, den Chor ebenso fortgelassen wie den Epilog, die Frauengestalten vollständig neu konzipiert und den Text soweit umgeschrieben, daß von der klassischen Tragödie nur mehr das Handlungsgerüst übriggeblieben ist: Elektra, von Entsetzen und Trauer über die bestialische Ermordung ihres Vaters erfüllt, wünscht sich nichts sehnlicher als Rache. Von Haß erfüllt und zugleich unfähig, die Tat selbst auszuführen, harrt sie der Ankunft ihres Bruders Orest. Als Orest erscheint und die Rache vollzieht, verfällt Elektra einem Taumel, sie tanzt und stirbt verzückt im Tanz.
Was an Hofmannsthals "Elektra" bei erster Lektüre auffällt, ist ein eigentümlicher Mangel an fortschreitender Handlung und traditioneller dramatischer Spannung; statt Anagnorisis, Peripetie und Höhepunkt steht die Darstellung der wesentlichen Frauengestalten, Elektra und Klytaimnestra, im Vordergrund, so daß es den Anschein hat, die Handlung sei nur eine Folie, um insbesondere Elektra in neuer Interpretation in ausschweifenden Monologen zum Sprechen zu bringen. Aus dem Handlungsdrama ist ein Personendrama geworden, dem es darum geht, den abgründigen Haß Elektras und die anrüchige Atmosphäre Klytaimnestras in Szene zu setzen. Schon die szenischen Vorschriften setzt Hofmannsthal ab gegen die bildungsbürgerlich tradierten "antikisierenden Banalitäten, welche mehr geeignet sind, zu ernüchtern, als suggestiv zu wirken. Der Charakter des Bühnenbildes ist Enge, Unentfliehbarkeit, Abgeschlossenheit"4. Die Bühne wird zu einem Traumbild, wo "alles [...] bei zunehmender Dunkelheit [spielt]" und "die Dauer des Stückes [...] die [...] einer langsamen Dämmerung [ist]"5 - genau genommen zu einem Alptraum aus Brutalität, Wollust, Unnatürlichkeit mit einer maßlosen Überschreitung aller Normen und Werte. Besonders nachhaltig ist die Drastik der Sprache, in der sich Elektra ausdrückt:
Nichts kann so verflucht sein, nichts, als Kinder, die wir hündisch auf der Treppe im Blute glitschernd, hier in diesem Hause empfangen und geboren haben.6 Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab! So wie aus umgeworfnen Krügen wird′s aus den gebundnen Mördern fließen, und in einem Schwall, in einem geschwollnen Bach wird ihres Lebens Leben aus ihnen stürzen [...] wenn alles dies vollbracht und Purpurgezelte aufgerichtet sind, vom Dunst des Blutes, den die Sonne nach sich zieht, dann tanzen wir [...]: und über Leichen hin werd′ ich das Knie hochheben Schritt für Schritt ....7
Ich habe Finsternis gesät, und ernte Lust über Lust. Ich war ein schwarzer Leichnam unter Lebenden, und diese Stunde bin ich das Feuer des Lebens [...] Wenn einer auf mich sieht, muß er den Tod empfangen oder muß vergehen vor Lust8 Elektras Sprache spiegelt die Aufsprengung aller zivilisatorischen Hüllen und Hemmungen wieder, die Reduktion des Lebens auf das Animalische ("[Szenenanweisung] Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel [...] Giftig, wie eine wilde Katze"9; "[Szenenanweisung] Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Knie, sie reckt die Arme aus, es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach vorwärts schreitet."10; das "Blutige" und das "Hündische" sind immer wiederkehrende Metaphern für ihr Dasein; ihr immer und immer wieder beschworener Haß, die Wiederkehr des Immergleichen in ihren Beschwörungen läßt sie in jeder Hinsicht aus der Rolle fallen; ihr Agieren scheint nicht mehr vernünftigen Erwägungen zu unterliegen, sondern einem undurchsichtigen Zwang:
[...]
1 Goldmann, Paul: "′Elektra′. Von Hugo von Hofmannsthal". In: Hofmannsthal im Urteil seiner Kritiker. Hrsg. Von Gotthart Wunberg. Frankfurt am Main: Athenäum, 1972, S. 117.
2 Ebd., S. 114
3 Ebd., S. 116
4 Hofmannsthal, Hugo von: Elektra. Tragödie in einem Aufzug von Hugo von Hofmannsthal. Musik von Richard Strauß. Frankfurt am Main: Fischer, 1994, S. 59
5 ebd., S. 61
6 ebd., S. 14
7 ebd., S. 17
8 ebd., S. 55
9 ebd., S. 11
10 ebd., S. 55
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