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Säkularisierung und bürgerliche Tugenden in Schulbüchern des späten 18. Jahrhunderts

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 24 Pages
Author: Moritz Deutschmann
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 24
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V54784
ISBN (E-book): 978-3-638-49903-3
ISBN (Book): 978-3-638-66355-7
File size: 167 KB
Notes :
Die Arbeit beschäftigt sich mit Schulbüchern und Katechismen des späten 18. Jahrhunderts, vor allem mit dem ersten deutschsprachigen Grundschullesebuch, Friedrich Eberhard von Rochows "Kinderfreund", und untersucht diese auf Säkularisierungstendenzen und bürgerliche Tugenden. Die Arbeit spricht dabei viele Aspekte der Geschichte des Bürgertums und der Aufklärung an.


Abstract

Als in Gustave Flauberts Roman ”Madame Bovary” die Heldin gestorben ist, kommt es zu einer denkwürdigen Szene: Ein Priester und der lokale Apotheker Homais wachen über Nacht am Bett der Toten. Der Priester betet immer wieder, während der Bürger Homais, der seine Töchter nach Stücken von Voltaire genannt hat, ganz im Geist aufgeklärter Hygiene desinfizierendes Chlor im Haus verbreitet. Hin und wieder entspinnen sich zwischen den beiden heftige Diskussionen um Religion und Kirche. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war also zumindest in Frankreich die Entgegensetzung von Priester und aufgeklärt-rationalem Bürger schon gängig genug, um zur Karikatur zu werden. Die These vom Bürgertum als Säkularisierungsmacht hat sich in Grundzügen bis ins 20. Jahrhundert gehalten. Jedoch wurden die wenigsten Bürger im 18. Jahrhundert einfach Atheisten. Schon Bernhard Groethuysen erkannte, dass die Bürger die Religion nicht einfach aus ihrem Leben verbannten, dass sie aber einen Weg fanden, große Teiles ihres Lebens unabhängig von religiösen Wahrheiten zu organisieren. Diese Entwicklung ist nicht nur im engen Rahmen einer Geschichte des Bürgertums interessant, denn zahlreiche Elemente der bürgerlichen Lebensweise haben sich während des 19. und 20. Jahrhunderts auch in anderen Schichten verbreitet. Die besondere Wertschätzung von Bildung innerhalb des Bürgertums, verbunden mit dem Anspruch, eine für alle Menschen erstrebenswerte Lebensweise entwickelt zu haben, gehören zu den Ursachen dieser “Verbürgerlicherung”. Gerade die Elementarschulen auf dem Land wurden dabei im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zum Ziel einer von bürgerlichen Werten durchdrungenen Aufklärungs- und Bildungsbewegung, die in der Erziehung das entscheidende Mittel zu einer besseren Gesellschaft sah. In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie sich Religion und bürgerliche Werte in den Schulbüchern, die diese Be-wegung hinterlassen hat, zueinander verhalten. Zunächst werde ich dabei auf die historiographische Kategorie des Bürgertums näher eingehen. Dann wird es um das Elementarschulwesen der frühen Neuzeit, um dessen Erneuerung im späten 18. Jahrhundert, sowie um einen der wichtigsten Bildungsreformer dieser Zeit, Friedrich Eberhard von Rochow, gehen. Im zweiten Teil sollen schließlich einige Schulbücher des 18. Jahrhunderts auf ihre Beziehung zu bestimmten Schlüsselbegriffen bürgerlicher Kultur, nämlich “Religion”, “Moral”, “Bildung” und “Arbeit” untersucht werden.


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität Berlin
Institut für Geschichtswissenschaft
Hauptseminar: Konfessionalisierung und Säkularisierung in der frühen Neuzeit

Säkularisierung und bürgerliche Tugenden
in Schulbüchern des späten 18. Jahrhunderts

eingereicht von:
Moritz Deutschmann

Wintersemester 2005/2006

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 1

Bürgertum als historische Kategorie ... 2
Sozialgeschichtliche Entwicklung ... 2
Bürgerliche Kultur ... 4
Bürgerliche Religiosität ... 5

Schulen und Schulreform im 18. Jahrhundert ... 7
Elementarschulen im 18. Jahrhundert ... 7
Rochows Musterschule und der "Kinderfreund" ... 9

Inhaltliche Aspekte des ”Kinderfreund” und anderer Lesebücher ... 10
Religion und Frömmigkeit ... 10
Moral und Lebensführung ... 12
Wissen und Bildung ... 13
Arbeit ... 15

Fazit ... 17

Literatur ... 20
Quellen ... 20
Sekundärliteratur ... 20

 

Einleitung

Als in Gustave Flauberts Roman ”Madame Bovary” die Heldin gestorben ist, kommt es zu einer denkwürdigen Szene: Ein Priester und der lokale Apotheker Homais wachen über Nacht am Bett der Toten. Der Priester betet immer wieder, während der Bürger Homais, der seine Töchter nach Stücken von Voltaire genannt hat, ganz im Geist aufgeklärter Hygiene desinfizierendes Chlor im Haus verbreitet. Hin und wieder entspinnen sich zwischen den beiden heftige Diskussionen um Religion und Kirche.1 In der Mitte des 19. Jahrhunderts war also zumindest in Frankreich die Entgegensetzung von Priester und aufgeklärt-rationalem Bürger schon gängig genug, um zur Karikatur zu werden. Die These vom Bürgertum als Säkularisierungsmacht hat sich in Grundzügen bis ins 20. Jahrhundert gehalten.2

Jedoch wurden die wenigsten Bürger im 18. Jahrhundert einfach Atheisten. Schon Bernhard Groethuysen erkannte, dass die Bürger die Religion nicht einfach aus ihrem Leben verbannten, dass sie aber einen Weg fanden, große Teiles ihres Lebens unabhängig von religiösen Wahrheiten zu organisieren: ”Das bürgerliche Bewusstsein der Neuzeit hat es verstanden, das Leben gewissermaßen in sich selbst zu verfestigen, es außerhalb aller kosmischen Problemstellungen als ein in sich zentriertes Ganzes zu erfassen, das in sich selbst seine Begründung findet.”3 Diese Entwicklung ist nicht nur im engen Rahmen einer Geschichte des Bürgertums interessant, denn zahlreiche Elemente der bürgerlichen Lebensweise haben sich während des 19. und 20. Jahrhunderts auch in anderen Schichten verbreitet. Die besondere Wertschätzung von Bildung innerhalb des Bürgertums, verbunden mit dem Anspruch, eine für alle Menschen erstrebenswerte Lebensweise entwickelt zu haben, gehören zu den Ursachen dieser “Verbürgerlicherung”.4 Gerade die Elementarschulen auf dem Land wurden dabei im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zum Ziel einer von bürgerlichen Werten durchdrungenen Aufklärungs- und Bildungsbewegung, die in der Erziehung das entscheidende Mittel zu einer besseren Gesellschaft sah. In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie sich Religion und bürgerliche Werte in den Schulbüchern, die diese Bewegung hinterlassen hat, zueinander verhalten.

Zunächst werde ich dabei auf die historiographische Kategorie des Bürgertums näher eingehen. Ohne mich in den komplizierten Details zu verlieren, will ich vor allem zwei Aspekte, einen sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen sowie einen kulturgeschichtlichen behandeln, deren Kombination eine sinnvolle Grundlage für eine historische Annäherung an das Bürgertum bilden. Dannwird es um das Elementarschulwesen der frühen Neuzeit, um dessen Erneuerung im späten 18. Jahrhundert, sowie um einen der wichtigsten Bildungsreformer dieser Zeit, Friedrich Eberhard von Rochow, gehen.

Im zweiten Teil sollen schließlich einige Schulbücher des 18. Jahrhunderts auf ihre Beziehung zu bestimmten Schlüsselbegriffen bürgerlicher Kultur, nämlich “Religion”, “Moral”, “Bildung” und “Arbeit” untersucht werden. Methodisch gesehen eignen sich Schulbücher und Katechismen dafür besonders gut, weil sie nicht nur individuelle Erzeugnisse einzelner Autoren sind, sondern durch ihre Verbindung zur Institution der Schule auch kollektive Normen und Wertvorstellungen widerspiegeln.

Um die Untersuchung nicht zu sehr auszudehnen, habe ich mich auf wenige Bücher beschränkt. Eine herausgehobene Stellung wird dabei der ”Kinderfreund” Friedrich Eberhard von Rochows einnehmen, das erste deutschsprachige Volksschullesebuch. Aus diesem Grund wird die Untersuchung auch einen gewissen Schwerpunkt auf der Situation in Preußen haben. Um die Bedeutung von Rochows Werk richtig einschätzen zu können, wird es aber immer wieder zu anderen im 18. Jahrhundert eingesetzten Katechismen und Lesebüchern in Beziehung gesetzt werden.

Bürgertum als historiographische Kategorie

Sozialgeschichtliche Entwicklung

 ”Bürgertum” und ”Bürgerlichkeit” sind außerordentlich schillernde Begriffe, die in den letzten Jahrzehnten Gegenstand intensiver Forschungsdiskussionen waren.5 Dabei hat sich ein idealtypisches Entwicklungsmodell des neuzeitlichen Bürgertums ergeben: Demnach lässt sich seit dem Spätmittelalter das Bürgertum in erster Linie vom Adel und vom Klerus abgrenzen. Die Trias Adel-Bürger-Bauern wurde zur "sozialgeschichtlichen Elementarform"6 der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Unter "Bürgern" verstand man normalerweise Stadtbewohner mit einem bestimmten Rechtsstatus, was sich auch in der Begriffsgeschichte widerspiegelt.7 Dieses traditionelle Stadtbürgertum blieb bis weit ins 19. Jahrhundert erhalten.8

 

[...]


1 Flaubert, Gustave: Madame Bovary, Zürich 2001, S. 510ff.

2 Vgl. zum Beispiel: Groethuysen, Bernhard: Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich, 2 Bände, Haale/Saale 1927.

3 Ebd., Bd.1, S. X.

4 So hat auch Groethuysen in seiner Studie den Bürger als Prototyp für den modernen Menschen insgesamt behandelt. Vgl. ebd., Bd. 1, S. XI.

5 Besonders wichtig war hierbei der SFB 177 ”Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums”, der zwischn 1986 und 1997 an der Universität Bielefeld arbeitete. Für einen Überblick über Fragstellung und Ergebnisse des SFB vgl. Lundgreen, Peter: Einführung, in: ders. (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte des Bürgertums, Göttingen 2000, S. 13-39.

6 Maurer, Michael: Die Biographie des Bürgers. Lebensformen und Denkweisen in der formativen Phase des deutschen Bürgertums, Göttingen 1996, S. 36.

7 Zur Begriffsgeschichte vgl. Riedel, Manfred: Art. ”Bürger, Staatsbürger, Bürgertum”, in: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhard Koselleck, Geschichtliche Grundbegriffe, Stuttgart 41992, S. 672-725. Für die Differenzen zwischen ”Bürger”, ”bourgeois / citoyen” und ”middle class” vgl.: Koselleck, Reinhart / Spree, Ulrike / Steinmetz,Willibald.: Drei bürgerliche Welten? in: Hans-Jürgen Puhle (Hrsg.), Bürger in der Gesellschaft der Neuzeit, Göttingen 1991, S. 14-58.

8 Für einen genaueren Überblick über die unterschiedlichen Typen von Stadtbewohnern vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 1 - Vom Feudalismus des Alten Reichs bis zur defensiven Modernisierung der Reformära 1700-1815, München 1987, S. 183.


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