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Details

Veranstaltung: Mediendesign
Institution/Hochschule: Fachhochschule Aachen
Tags: June, Paik, Video, Zwischen, Kritik, Kooperation, Mediendesign
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2007
Seiten: 55
Note: 1.0
Literaturverzeichnis: ~ 15  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 2408 KB
Archivnummer: V68067
ISBN (E-Book): 978-3-638-60633-2
Anmerkungen :


Textauszug (computergeneriert)

FH Aachen

Hausarbeit

Nam June Paik – Video
Zwischen Kritik und Kooperation

Ann-Kristin Weiß

Köln, den 03. November 2006

 

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis 03
Abbildungsverzeichnis 04

1. Einleitung 06

2. Von der elektronischen Musik zum elektronischen Bild 07
2.1 Musikalische Grenzgänge 07
2.2 Aktionsmusik und Fluxus-Performance 08
2.3 Geburtsstunde der Videokunst 11
2.3.1 Exposition of Music – Electronic Television, 1963 12

3. Fernsehen 16
3.1 Entwicklung zum Massenmedium 16
3.2 Fernsehen und (Video)Kunst 17

4. Videoinstallationen 1963-1982 21
4.1 Partizipationsfernsehen 22
4.1.1 Magnet TV, 1965 22
4.1.2 Partizipation TV, 1963-66 22
4.2 Closed-Circuit-Installationen 23
4.2.1 TV-Buddha, 1974 / TV-Rodin, 1978 24
4.2.2 Zenith / TV Looking Glass, 1974 26
4.2.3 TV Chair, 1968 / 1974 26
4.2.4 Real Plant/Live Plant, 1978-82 27
4.2.5 Real Fish/Live Fish, 1982 28
4.2.6 Three Eggs, 1981 28
4.2.7 Resümee 29
4.3 Multi-Monitor-Installationen 29
4.3.1 Moon is the oldest TV, 1965-1976 30
4.3.2 TV Clock, 1963 – 1981 30
4.3.3 TV Cross, 1966/68 und TV Garden, 1974 31
4.3.4 Fish Flies on Sky, 1975 33
4.3.5 Video Laser Environment, 1981 34
4.3.6 V-yramid, 1982 35
4.3.7 Video Gate, 1982 36
4.3.8 Resümee 36
4.4 Videoobjekte für Charlotte Moorman 37
4.4.1 TV Bra for Living Sculpture, 1969 38

5. Videobänder 39
5.1 Sony Portapak – Übergang in ein neues Zeitalter 39
5.2 Paik/Abe Synthesizer, 1970 40
5.3 Global Groove, 1973 42

6. Good Morning, Mr. Orwell, 1984 45

7. Fazit 47

Literaturverzeichnis 50
Verzeichnis der genutzten Internet-Quellen 51

 

1. Einleitung

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan entwarf 1962 die Theorie des „global village“, der weltweiten Kommunikation im globalen Dorf.1 Mit der Entwicklung des Fernsehens zum Massenmedium und spätestens seit der Allgegenwärtigkeit des Internets ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Neben dem technischen Fortschritt, der durch die Industrie vorangetrieben wurde, begannen Künstler in den frühen sechziger Jahren das Fernsehen in ihre Kunst einzubeziehen

Einer dieser frühen Pioniere war der Koreaner Nam June Paik, der zu immer neuen Mitteln griff, um sich mit dem beherrschenden Massenmedium der Zeit auseinander zu setzen. Ab 1965 begann er dann als einer der ersten Künstler mit dem gerade erst verfügbar gewordenen Medium Video zu arbeiten. Im Laufe seines Schaffens entwickelte er eine große Vielfalt von Einsatzmöglichkeiten und zeigte damit schon viele Aspekte der Medienkunst auf, die sich bis heute weiterentfalten.2 Mit seinen Fernsehprojekten, Installationen, Performances, Gemeinschaftsarbeiten und der Entwicklung neuer künstlerischer Werkzeuge setzte Paik Maßstäbe für die Produktion und Wahrnehmung von Videokunst. Heute gilt er als wichtigster Vertreter der Medienkunst und ist weltweit der einzige Künstler, der seit Beginn der sechziger Jahre bis zu seinem Tod im Januar 2006 kontinuierlich mit Fernsehen und Video gearbeitet hat.

Nam June Paik ist einem internationalen Publikum vor allem durch seine Installationen und Videoskulpturen bekannt. Auch wenn er vorwiegend durch diese Arbeiten Weltruhm erlangt hat, wäre sein Werk ohne die Auseinandersetzung mit der europäischen Musik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht denkbar gewesen. Das folgende Kapitel geht daher knapp auf seine Anfänge als Komponist ein, veranschaulicht seinen Weg von der E-Musik zur Fluxus-Performance bis hin zur ersten TV-Arbeit.3 Den Schwerpunkt bilden seine Videoinstallationen, die zwischen 1963 und 1982 entstanden sind, seine Videobänder und die Satelliten-Sendung Good Morning, Mr. Orwell von 1984. Die aus Paiks kritischer Auseinandersetzung mit dem Fernsehen resultierenden Forderungen nach einem humaneren und kreativeren Umgang mit der Technologie, nach globaler Kommunikation und Demokratisierung der Medien bilden einen zentralen Aspekt dieser Arbeit. Dabei soll das Spannungsfeld zwischen Kritik und Kooperation ausgelotet werden.

2. Von der elektronischen Musik zum elektronischen Bild

2.1 Musikalische Grenzgänge

Nam June Paik wurde am 20. Juli 1932 in Seoul, Korea, als Sohn eines wohlhabenden Textilfabrikanten geboren. Im Alter von vierzehn Jahren erhielt er erstmals Klavier- und Kompositionsunterricht. Bereits mit fünfzehn Jahren zeigte sich der talentierte Klavierschüler nicht nur von den Lehren Karl Marx’, sondern auch von den Kompositionen Arnold Schönbergs fasziniert, die er auf der High School kennen gelernt hatte.4 Kurz vor Ausbruch des Koreakrieges im Jahr 1949 floh Paik mit seiner Familie über Hongkong nach Tokio. Dort studierte er von 1953 bis 1956 Musikgeschichte, Kunstgeschichte und Philosophie und schloss mit einer Arbeit zu den seriellen Kompositionstechniken Arnold Schönbergs ab.5

Sein Interesse an westlicher klassischer und moderner Musik führte Paik 1956 nach Deutschland. Dort studierte er zunächst Musikgeschichte bei Thrasybulos Georgiades an der Universität München, dann an der Hochschule für Musik in Freiburg Komposition bei Wolfgang Fortner.6 Im Sommer 1957 und 1958 nahm Paik an den „Internationalen Ferienkursen für Neue Musik“ in Darmstadt teil, wo er Kurse bei Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono, David Tudor und John Cage belegte – die Begegnung mit John Cage markierte einen Wendepunkt in Paiks künstlerischem Schaffen.7

Schon bald stellte Wolfgang Fortner fest, dass Paiks Interessen außerhalb der traditionellen Musik lagen. Auf Fortners Rat ging Paik nach Köln. Dort lebte er von 1958 bis 1963 und arbeitete zusammen mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen im „Studio für Elektronische Musik“ des Westdeutschen Rundfunks.8 Dabei entstanden seine ersten elektronischen Kompositionen. Die Begegnung mit Stockhausen, den er bereits 1957 in Darmstadt getroffen hatte, prägte ihn ebenso wie die Freundschaft zu John Cage.

Das elektronische Studio des WDR hatte sich in den fünfziger Jahren zu einem wichtigen Zentrum für neuere Musik entwickelt und verfügte über die technischen Voraussetzungen, um mit Tongeneratoren synthetische Klänge herzustellen, die auf Tonbandgerät gespeichert wurden und so das Ausgangsmaterial für die Komponisten bildeten. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Paik allerdings schon nicht mehr ausschließlich nach den Methoden der Seriellen Musik. Eine bereits in Freiburg entstandene Komposition bestand aus einer Tonbandcollage, die basierend auf einem koreanischen Gedicht des neunten Jahrhunderts verschiedene Klangelemente (Wassergeräusche, Babystammeln, Fragmente aus einem Tschaikowsky-Stück) miteinander vereinte. Dieses frühe Prinzip der Collage kann als Grundstruktur für Paiks folgende Kompositionen, aber auch für seine viel späteren Videobänder betrachtet werden.9

2.2 Aktionsmusik und Fluxus-Performance

Die Aufführung von Paiks Hommage à John Cage – Musik für Tonbänder und Klavier – am 13. November 1959 in der Galerie 22 in Düsseldorf bildete den Auftakt seiner eindrucksvollen Darbietungen in den frühen sechziger Jahren, die als Manifestation des Neo-Dada in die Fluxus-Kunst einmündeten.10 Anhand seiner Hommage à John Cage entwickelte Paik 1959 erstmals das Konzept seiner „Aktionsmusik“, bei der Töne und Geräusche den gleichen Stellenwert einnahmen, wie die klassischen Klänge eines Instruments oder Augenblicke der Stille.11 Neben den primär akustischen Ereignissen bezog Paik Aktionen wie das Zerstören von Eiern und Glas oder das Umstürzen eines Klaviers mit in seine Komposition ein. Eine Zeitung berichtete über dieses Ereignis:
„Elektronisches Getöse heult auf, Eier klatschen an die Wand, ein Motorrad rattert los, eine Spieluhr klimpert, das Radio plärrt politische nachrichten, Paik spielt auf dem Flügel Fingerübungen à la Czerny, ein Rosenkranz fliegt mir an den kopf, ein altes Klavier muss seine letzten Töne auf angerissenen Saiten produzieren, dann wird es mit Donnergepolter umgeworfen, plötzliche Stille und völliges Dunkel, zuletzt Paiks einsames, von einem Kerzenstumpf erleuchtetes Gesicht. Die Arbeitsformel heißt: Collage und Montage!“12
Diese grotesken, mitunter kämpferischen Handlungen stellten etwas völlig Neues dar und tauchten weder in der elektronischen Musik des Kölner Studios für Elektronische Musik noch in Cages Arbeiten auf.

Die Zerstörung von Musikinstrumenten spielte eine bedeutende Rolle in Paiks Performances. Er setzte das Klavier – damals das „Lieblingskind“ im deutschen Wohnzimmer – immer wieder dazu ein, um neue Klänge jenseits der traditionellen Musik zu schaffen und das Publikum durch radikale Bilder zu provozieren. „Das Klavier ist ein Tabu. Es muss zerstört werden.“13

[...]


1 „Global Village“ ist ein Begriff aus der Medientheorie, der 1962 von Marshall McLuhan in seinem Buch The Gutenberg Galaxy geprägt wurde. McLuhan bezieht sich damit auf die moderne Welt, die durch die elektronischen Massenmedien ihre räumliche und zeitlichen Barrieren in der menschlichen Kommunikation verliert, und somit zu einem „Dorf“ zusammenwächst. Heute wird der Begriff zumeist als Metapher für das Internet und das World Wide Web gebraucht. Vgl. McLuhan, 1997, S. 84 ff., 223 ff.

2 Unter dem Oberbegriff „Medienkunst“, die ihre Wurzeln in der Videokunst der sechziger Jahre hat, werden heute eine Reihe von künstlerischen Ansätzen zusammengefasst, die den Verzicht traditioneller Mittel bei der Bildproduktion gemeinsam haben. Medienkunst bezeichnet künstlerisches Arbeiten, das sich der Medien bedient, die hauptsächlich im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert entstanden sind, wie z.B. Film, Video und Internet. Vgl. 3.2 Fernsehen und (Video)Kunst.

3 E-Musik steht für ernst zu nehmende oder kulturell wertvolle Musik, wohingegen U-Musik als Unterhaltungsmusik populäre und kommerzielle Musikrichtungen zusammenfasst.

4 Arnold Schönberg (* 1874 in Wien; † 1951 in Los Angeles) war ein österreichischer Komponist jüdischer Abstammung, Musiktheoretiker und Maler.

5 Serielle Musik ist eine Strömung der Neuen Musik, die sich ab etwa 1948 entwickelte und auf Arnold Schönbergs Zwölftontechnik aufbaut.

6 Thrasybulos Georgiades (* 1902; † 1977) war Universitätsprofessor und Musikwissenschaftler sowie Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Wolfgang Fortner (* 1907 in Leipzig; † 1987 in Heidelberg) war ein deutscher Komponist, Kompositionslehrer und Dirigent.

7 John Cage (* 1912 in Los Angeles; † 12. August 1992 in New York) war ein US-amerikanischer Komponist. Neben Arnold Schönberg gibt es nur wenige Komponisten mit einer ähnlichen Bedeutung für das Komponieren im zwanzigsten Jahrhundert wie John Cage. Kaum ein anderer Komponist hat so viele und so unterschiedliche Schlüsselwerke der Neuen Musik geschaffen. Hinzu kommen musik- und kompositionstheoretische Arbeiten von grundsätzlicher Bedeutung. Außerdem gilt Cage als Schlüsselfigur für die Ende der fünfziger Jahre entstehende Happeningkunst und als wichtiger „Anreger“ für die Fluxusbewegung. Absichtslosigkeit, Bindungslosigkeit und gegenseitige Durchdringung waren die bestimmenden Faktoren seiner musikalischen Arbeit.

8 Karlheinz Stockhausen (* 1928 in Mödrath bei Köln) gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts.

9 Vgl. Decker, 1988, S. 23 f., Hanhardt, 2000, S. 17 ff., sowie Herzogenrath, 1999, S. 18 f.

10 In den fünfziger Jahren glaubten die Alt-Surrealisten, dass ihre schockierenden Aktionen der zwanziger Jahre nicht mehr wiederholt werden könnten, weshalb die Fluxus-Künstler sogleich auch den Beinamen „Neodadaisten“ erhielten. Vgl. Herzogenrath, 1983, S. 16.

11 Paiks Performances wurden ab 1959 als „action music“ bezeichnet.

12 Ernst Thomas: Weltmusik mit „Avantgarde“, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juni 1960. Zit. nach Herzogenrath, 1983, S. 16.

13 Paik 1963. Zit. nach Drechsler in Stooss, 1991, S. 46.

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