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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 38 Pages
Author: Davina Ruthmann
Subject: German Studies - Linguistics
Details
Institution/College: University of Wuppertal
Tags: Entwicklung, Wortschatzes, Mittelhochdeutschen, Gegenwartsdeutsch, Hauptseminar, Etymologie
Year: 2005
Pages: 38
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 9 Literaturquellen Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-69019-5
File size: 247 KB
Die Arbeit umfasst Änderungen im deutschen Wortschatz sowohl in Erbgut wie auch in Lehngut. Wortbildung/Komposition, Ableitung/Derivation,Lehnprägung, Bedeutungswandel, Wortersatz; Wortentlehnung, Lehnwortbildung, Sprachpurismus; Vereinheitlichung des deutschen Wortschatzes.
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Abstract
Dass der Wortschatz natürlicher Sprachen - im Vergleich zum geschlossenen Laut- und Schreibsystem, zur Morphologie und zur Syntax - einem schnellen Wandel unterliegt, gehört zum Alltagswissen der Sprachteilhaber und zu den Selbstverständlichkeiten sprach- und wortgeschichtlicher Darstellungen. Welches sind aber die Gründe für diesen Wortschatzwandel, für seine Vermehrung, seine Veränderungen und seine Verluste?
Excerpt (computer-generated)
Bergische Universität Wuppertal, Hauptseminar “Etymologie“
Sommersemester 2005, 6. Fachsemester
Entwicklung des Wortschatzes vom Mittelhochdeutschen bis zum Gegenwartsdeutsch
von
Davina Ruthmann
Inhalt
Einleitung 3
1 Erbgut 3
1.1 Wortbildung 3
1.2 Wortbildung durch Zusammensetzung 3
1.2.1 Im Mittelhochdeutschen 3
1.2.2 Im Frühneuhochdeutschen 4
1.2.3 Im Neuhochdeutschen 5
1.3 Wortbildung durch Ableitung 6
1.3.1 Wortableitung durch Präfigierung 6
1.3.2 Wortableitung durch Suffigierung 7
1.4 Nominale Umschreibungen 8
Lehnprägung oder der innere Lehneinfluss 10
2 Lehnbildung 10
2.1.1 Lehnübersetzung 10
2.1.2 Lehnübertragung 11
2.1.3 Lehnschöpfung 12
2.2 Lehnbedeutung 12
3 Bedeutungswandel 13
3.1 Bedeutungsverengung und -ausweitung 13
3.2 Bedeutungsübertragung 15
3.3 Bedeutungswandel infolge von Sachwandel 16
3.4 Worttausch 16
3.5 Semantische Verschiebungen im Variantenabbau 17
3.6 Inhaltliche Auf- und Abwertung 18
4 Wortersatz und Wortschwund 20
4.1 Im Mittelhochdeutschen 20
4.2 Im Frühneuhochdeutschen 21
4.3 Im Neuhochdeutschen 22
5 Wiederbelebung untergegangener Wörter 23
6 Wortentlehnung 24
6.1 Im Mittelhochdeutschen 24
6.2 Im Frühneuhochdeutschen 25
6.3 Im Neuhochdeutschen 28
7 Lehnwortbildung 31
8 Sprachreinigungsbewegung 33
Vereinheitlichung des deutschen Wortschatzes 35
9 Die mittelhochdeutsche Dichtersprache 35
10 Entstehung eines frühneuhochdeutschen Standardwortschatzes 35
11 Ausbildung der neuhochdeutschen Einheitssprache 36
Literaturverzeichnis 38
Einleitung
Dass der Wortschatz natürlicher Sprachen - im Vergleich zum geschlossenen Laut- und Schreibsystem, zur Morphologie und zur Syntax - einem schnellen Wandel unterliegt, gehört zum Alltagswissen der Sprachteilhaber und zu den Selbstverständlichkeiten sprach- und wortgeschichtlicher Darstellungen. Welches sind aber die Gründe für diesen Wortschatzwandel, für seine Vermehrung, seine Veränderungen und seine Verluste? Im Folgenden werde ich versuchen, diese Fragen weitgehend in einem diachronen Verfahren zu beantworten, wobei ich im Rahmen dieser Arbeit allerdings auf viele interessante Einzelheiten verzichten muss. Den Bereich der Onomastik werde ich ebenfalls außer Acht lassen, da es sich auf diesem Gebiet größtenteils nicht um sprachliche Zeichen, sondern lediglich um Namen mit Markierungsfunktion handelt.
1 Erbgut
1.1 Wortbildung
„Die Fähigkeit [zur Wortbildung] war schon in der indogermanischen Grundsprache vorhanden, und sie hat sich durch alle Zeiten hindurch bis in die Gegenwart hinein erhalten.“1 Diese Fähigkeit, so Hirt, sei so groß, dass Tag für Tag neue Zusammensetzungen gebildet würden. Manche von ihnen blieben bestehen, andere, und zwar die meisten, vergingen wieder.
1.2 Wortbildung durch Zusammensetzung
1.2.1 Im Mittelhochdeutschen
Eigentliche Komposition, die Kopplung eines selbständigen Nomens ohne Flexionsendung als Erstglied mit einem ebensolchen Zweitglied, das die vom Satzzusammenhang her erforderliche Kasusendung aufweist, sind im Althochdeutschen noch wenig zahlreich. In mittelhochdeutscher Zeit weitet sich diese Art der Wortbildung stetig aus: âbent-stern, wirbel-wint, turtel-tûbe, bû-man, frî-wîp, hant-werc, îsen-smit, schrîb-wîse, heide-krût.
An einigen Stellen werden bereits Simplizia durch neue Zusammensetzungen verdrängt, z.B. hand-tuch statt ahd. dwahila, mhd. twehele; sprich-wort statt ahd./mhd. bîspel; schafherde statt ahd. ewit; apfel-boum statt affoltra. Ein ursprünglich als einheitlich erfahrener Sinneseindruck, so Tschirch, werde nun als komplex erkannt und sprachlich in zwei Komponenten geteilt, er werde demnach „assoziativ mit zwei anderen Aussageinhalten in Beziehung gesetzt, während das einfache Wort ohne solche Stütze für sich allein stand“2. Die uneigentliche Komposition ist entstanden aus der syntaktischen Verbindung eines Substantivs mit einem davon abhängigen und im Mhd. regelmäßig vorangestellten Genitiv. In einem langwierigen Prozess wuchs nun diese Ausgangsverbindung zu einer uneigentlichen Komposition zusammen, wie beispielsweise in mînes vater hûs>das Vaterhaus, sîner muoter lîbe>die Mutterliebe. Beide Formen existierten lange Zeit parallel. Weitere Beispiele dieser Kategorie sind êrencrône, hurengeld, kleiderkamer oder tôdisnôt.
Dass der Bereich der Komposition während des Hoch- und Spätmittelalters mächtig in Bewegung geriet, erweist sich auch daran, dass bereits hie und da dreigliedrige Komposita auftauchten, wie kar-frî-tac, âbent-sunnen-schîn, mit-tages-zît oder sunn-âbendes-tac.
1.2.2 Im Frühneuhochdeutschen
„Das im Zeitalter der Entdeckungen als Folge der Erweiterung des äußeren wie des inneren
Weltbildes mächtig zunehmende Bedürfnis nach entsprechender Erweiterung des Wortschatzes
wird, wie schon im Mittelalter, in vorderster Reihe durch Zusammensetzung von Simplizia befriedigt“3.
Die eigentlichen Komposita sind noch äußerst produktiv: Geburttag, Jahrzeit, Blutfreund, Amtknecht; Weynacht-liedt, Hochzeitlied, doch aufs Ganze gesehen wird ihre Zahl jetzt durch die uneigentlichen Komposita immer stärker in den Schatten gestellt. Titel einiger Bücher aus dem 16. Jh. zeigen noch immer die ursprünglich syntaktische Form mit vorangestelltem Genitiv: Der Schelmen Zunft oder Der jungen Knaben Spiegel. In anderen Titeln etwa zur gleichen Zeit liegen bereits zweigliedrige Komposita vor: Das Narrenschiff4. Indem Luther selbst seine Wendung an der stadt thor seit der zweiten Ausgabe des NT von 1526 in an das stadt thor modernisiert, gibt er ein weiteres Beispiel für diesen Übergang. Beispiele wie der standes person oder der sonnen schein lassen erkennen, dass -(e)s bzw. -(e)n als Endung des Genitivs in der Kompositionsfuge auf ihren Charakter als ursprüngliche Zusammenrückungen hinweisen. Im Sprachbewusstsein der Sprecher ist dieser spezifische Charakter allerdings verloren gegangen und hat sich zur lautlichen Füllung umfunktionalisiert, so beispielsweise bei Augenlicht, Drachenblut, Frauenhaar, Gottesdienst, Ratsherr, Tageszeit etc.
Wie schon im Mhd. treten neu gebildete Komposita an die Stelle alter Simplizia: erbermde>Barmherzigkeit, maid>Jungfrau, kone>Ehefrau, hiefe>Hagebutte, wuofen> wehklagen, iterücken>wiederkäuen. Jedes dieser Beispiele macht deutlich, wie gefährdet etymologisch vereinzelte Wörter in ihrem Bestand sind. Aussicht zu überleben hätten sie oft nur, so Tschirch, wenn ihnen der Anschluss an eine lebendige Wortsippe gelinge. So trügen die Komposita Kebsweib, Schalksknecht, Lindwurm, Walfisch, Murmeltier, Maulesel, Windhund, Aulamm, Habergeiß, Schmeißfliege oder Lebkuchen in ihren ersten Bestandteilen längst sinndunkel gewordene Erbwörter versteinert weiter. Luther hat die Möglichkeit der Wortbildung durch Zusammensetzung besonders vielfältig und zukunftsweisend genutzt. Für die weitere Entwicklung sind nicht wenige Komposita bedeutsam geworden, wie Kainszeichen, Sündenbock, Hiobspost, Jubeljahr, Feuertaufe, Gewissensbiss, Dachrinne, Fleischtopf, Machtwort, geistreich, kleingläubig. Auch formelhafte Wendungen wie der Sand am Meer, der Dorn im Auge, der verlorene Sohn oder der barmherzige Samariter haben sich derart tief in die deutsche Sprache eingelebt, dass kaum ein Sprecher von der Herkunft aus Luthers Bibel weiß.
1.2.3 Im Neuhochdeutschen
Aufgrund von Industrialisierung und zunehmender Technisierung erhielten zahlreiche neue Zusammensetzungen Einzug in den neuhochdeutschen Wortschatz: Großindustrie, Arbeitnehmer und -geber, Eisenbahn, Auto(mobil), Flugzeug, Reißver-schluss, Drehbuch, Fahrstuhl, Fernseher, Klassenkampf, Plattenspieler, Dampfheizung, Kassettenrekorder, Kunststoff. Ganze Wortfamilien haben sich z.B. auch um die Wörter Film und Rundfunk, Rakete und Atom gebildet: Kurzfilm, Stumm- und Sprechfilm, Filmindustrie; Rundfunkdeutsch, Funkreportage, Funkindustrie, Rundfunkempfänger; Raketenantrieb, -geschoss, -flugzeug; Atomkern, -kraft, -kraftwerk, -zertrümmerung.
Bereits seit dem 19. Jh. nehmen die dreigliedrigen Komposita stark zu (Oberbürgermeister, Hauptbahnhof), und neuerdings in weitem Umfang vier- oder mehrgliedrige derart (z.B. Vizegeneralstaatsanwalt, Lichtbildaufnahmegerät, Energieversorgungsunternehmen, Lehrerausbildungskommisionsvorsitzender, Hauszinssteuerabzahlungsdarlehen), dass man schon von einem „Wörterbäckerdeutsch“5 spricht. Viele davon sind spontan- oder Ad-hoc- Bildungen, die graphisch oft mit Bindestrich realisiert werden: U-Bahn-Tunnelsystem, Flachdach-Deckenkonstruktion, Über-den-Dingen-Stehen, Komm-ich-heut-nicht-kommich- morgen-Typ.
Eine gegenteilige Tendenz zur Verkürzung lässt sich schon seit dem 18. Jh. beobachten. Damals wurde Bewegungsgrund zu Beweggrund, in neuerer Zeit Klavierspiellehrerin zu Klavierlehrerin verkürzt. Besonders stark greifen nun auch die Abkürzungen um sich, vgl. Kopfwörter wie Ober(kellner), Uni(versität), Schwanzwörter wie (Eisenbahn)Zug, (Atom)Kernspaltung, oder Klammerwörter wie Motel (Motorhotel) oder Eurovision (Europäische Television). Einen besonderen Status haben Initialwörter, die entweder nach dem Lautwert ihrer einzelnen Buchstaben (z.B. LKW, BMW) oder phonetisch gebunden, also orthoepisch (z.B. TÜV, AIDS, NATO) ausgesprochen werden. Diese Tendenz zur Verkürzung betrifft fast ausschließlich häufig gebrauchte Substantive.
1.3 Wortbildung durch Ableitung
[...]
1 Hirt, S. 120
2 Tschirch, S. 73
3 Tschirch, S.144
4 Thomas Murners (1512), Jörg Wickram (1554) und Sebastian Brant (1494)
5 Wolff, S. 238
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