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Die Bedeutung des Geschmacks in Pierre Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit

Scholary Paper (Seminar), 2007, 15 Pages
Author: Thomas Neumann
Subject: Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2007
Pages: 15
Grade: 1.0
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V77802
ISBN (E-book): 978-3-638-82786-7
ISBN (Book): 978-3-638-83183-3
File size: 118 KB

Abstract

Über Geschmack streitet man bekanntlich nicht. So häufig dieser Allgemeinplatz in Alltagsgesprächen verwendet wird, wenn sich zwei Menschen bei der Bewertung eines Musikstückes, eines Gemäldes oder auch nur einer Gaumenfreude uneins sind, so vehement wird seine Richtigkeit von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu bestritten. Sich nicht über Geschmack streiten – das heißt auch anerkennen, dass Geschmack lediglich individuelle Vorlieben ausdrückt und keine gesellschaftliche Relevanz besitzt. Entgegen dieser landläufigen Meinung betont Bourdieu den sozialen Charakter des ästhetischen Urteils: Geschmack wird zum Klassengeschmack, zum Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich zeigen, dass dem Geschmack eine wesentliche Rolle in Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit zukommt. Gleichwohl soll die Darstellung sich nicht auf diesen einzelnen Aspekt beschränken, sondern die Dimension Geschmack in den größeren Rahmen von Bourdieus Theorie stellen, da mir ein Verständnis der Thesen Bourdieus nicht ohne die Klärung einiger Grundlagen seiner Theorie möglich erscheint. In einem ersten Teil sollen daher die Begriffe Sozialer Raum und Feld und die unterschiedlichen Kapitalformen erklärt werden. Mit diesen Begriffen wird das Bourdieusche Klassenmodell erläutert. Der Begriff des Habitus wird dazu dienen, die Konstruktion von Klassen anhand objektiver Merkmale im Raum der sozialen Positionen mit den unterschiedlichen Geschmacksvarianten im Raum der Lebensstile zusammenzuführen. In einem zweiten Teil wird dann der eigentliche Zusammenhang zwischen Geschmack und sozialer Ungleichheit aufgezeigt. Bourdieus Programm einer antikantianischen Ästhetik wird entwickelt und kurz auf seine Theorie der Kunstwahrnehmung eingegangen. Weiterhin wird dargestellt, wie die Kantische Ästhetik in der Ideologie der herrschenden Klasse fortwirkt. Anschließend werden überblicksartig die von Bourdieu unterschiedenen Geschmacksvarianten von herrschendem, mittlerem und populären Geschmack beschrieben und gezeigt, wie sie zur Reproduktion der Gesellschaftsstruktur beitragen. Schließlich werden die wichtigsten Thesen noch einmal kurz zusammengefasst.


Excerpt (computer-generated)

Die Bedeutung des Geschmacks in Pierre Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit

von Thomas Neumann

Proseminar: Einführung in die Soziologie der sozialen Ungleichheit (WS 2006/07)

 



Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Grundlagen von Bourdieus Theorie sozialer Ungleichheit 3
2.1. Sozialer Raum und Feldtheorie 3
2.2. Kapitalformen 3
2.3. Der Raum der sozialen Positionen 5
2.4. Habitus 6
2.5. Der Raum der Lebensstile 6

3. Geschmack und soziale Ungleichheit 7
3.1. Bourdieus antikantianische Ästhetik 7
3.2. Ästhetik als Legitimationsgrundlage sozialer Ungleichheit 9
3.3. Herrschender, mittlerer und populärer Geschmack 10

4. Zusammenfassung 13

5. Literaturverzeichnis 14
5.1. Quellen 14
5.2. Sekundärliteratur 14

 


1. Einleitung

Über Geschmack streitet man bekanntlich nicht. So häufig dieser Allgemeinplatz in Alltagsgesprächen verwendet wird, wenn sich zwei Menschen bei der Bewertung eines Musikstückes, eines Gemäldes oder auch nur einer Gaumenfreude uneins sind, so vehement wird seine Richtigkeit von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu bestritten. Sich nicht über Geschmack streiten – das heißt auch anerkennen, dass Geschmack lediglich individuelle Vorlieben ausdrückt und keine gesellschaftliche Relevanz besitzt. Entgegen dieser landläufigen Meinung betont Bourdieu den sozialen Charakter des ästhetischen Urteils: Geschmack wird zum Klassengeschmack, zum Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich zeigen, dass dem Geschmack eine wesentliche Rolle in Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit zukommt. Gleichwohl soll die Darstellung sich nicht auf diesen einzelnen Aspekt beschränken, sondern die Dimension Geschmack in den größeren Rahmen von Bourdieus Theorie stellen, da mir ein Verständnis der Thesen Bourdieus nicht ohne die Klärung einiger Grundlagen seiner Theorie möglich erscheint.

In einem ersten Teil sollen daher die Begriffe Sozialer Raum und Feld und die unterschiedlichen Kapitalformen erklärt werden. Mit diesen Begriffen wird das Bourdieusche Klassenmodell erläutert. Der Begriff des Habitus wird dazu dienen, die Konstruktion von Klassen anhand objektiver Merkmale im Raum der sozialen Positionen mit den unterschiedlichen Geschmacksvarianten im Raum der Lebensstile zusammenzuführen.

In einem zweiten Teil wird dann der eigentliche Zusammenhang zwischen Geschmack und sozialer Ungleichheit aufgezeigt. Bourdieus Programm einer antikantianischen Ästhetik wird entwickelt und kurz auf seine Theorie der Kunstwahrnehmung eingegangen. Weiterhin wird dargestellt, wie die Kantische Ästhetik in der Ideologie der herrschenden Klasse fortwirkt. Anschließend werden überblicksartig die von Bourdieu unterschiedenen Geschmacksvarianten von herrschendem, mittlerem und populären Geschmack beschrieben und gezeigt, wie sie zur Reproduktion der Gesellschaftsstruktur beitragen. Schließlich werden die wichtigsten Thesen noch einmal kurz zusammengefasst.


2. Grundlagen von Bourdieus Theorie sozialer Ungleichheit

2.1. Sozialer Raum und Feldtheorie

Soziales Handeln findet in einem mehrdimensionalen sozialen Raum statt, der sich in verschiedene soziale Felder ausdifferenziert. Ein Feld gibt die äußeren Rahmenbedingungen für das Handeln der Akteure vor. Es existiert als objektive und von den Akteuren unabhängige Struktur (Schwingel 1995: 77). Felder sind somit Teilräume des sozialen Raums, die eine spezifische Gesetzlichkeit aufweisen und durch je eigene Institutionen gekennzeichnet sind. Innerhalb eines Feldes findet ein beständiger Kampf um Kräfteverhältnisse statt. Der Kampf innerhalb eines Feldes ähnelt einem Spiel, in dem mit verschiedenen Kapitalsorten gespielt wird (Fröhlich 1994: 41). Das soziale ‚Spiel’ unterliegt bestimmten Regeln, die feldspezifisch festlegen, was als Handeln möglich bzw. unmöglich ist. Die Spielregeln sind dabei nicht explizit festgelegt, sondern werden in der Praxis der Akteure befolgt, wobei der Einzelne über verschiedene „Strategien“ verfügen kann. Die Regeln dienen als Zwänge, aber auch als Möglichkeitsbedingungen von Handeln. Die Chancen im sozialen Spiel hängen von der Verfügungsgewalt über verschiedene Ressourcen bzw. Kapitalformen ab. Die Kapitalformen lassen sich dabei als Einsätze im Spiel auffassen (Schwingel 1995: 78-81).

Die Struktur eines Feldes definiert sich durch die Verteilungsstruktur der jeweils gültigen Kapitalsorte. Die sozialen Akteure dienen als Strukturelemente des Feldes. Um kapitalstarke Akteure bilden sich Kraft- und Machtzentren. Dieser statischen Beschreibung kommt durch den Kampf innerhalb eines Feldes eine dynamische Dimension zu, da sich durch den Konflikt zwischen Herrschenden und Beherrschten mit ihren jeweiligen Strategien der Machterhaltung bzw. Machtunterwanderung Verteilungsstruktur und Spielregeln fortwährend wandeln. In jedem Feld herrscht ein spezifisches Interesse vor, das Voraussetzung für jedes Engagement ist und dem sich kein Akteur entziehen kann (ebd.: 90-94).

[...]



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