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"Lebenslanges Lernen" - Bildung in der Risikogesellschaft

Thesis (M.A.), 2007, 86 Pages
Author: Martin Lacher
Subject: Pedagogy - School Pedagogics

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2007
Pages: 86
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 75  Entries
Language: German
Archive No.: V79551
ISBN (E-book): 978-3-638-78470-2
ISBN (Book): 978-3-638-79597-5
File size: 344 KB
Notes :
Zitat aus dem Erstgutachten von PD Dr. Brüsemeister vom 13.07.2007: "Der anspruchsvolle Versuch des Verfassers, die in Kants Aufklärungsprojekt - Habermas´"unvollendetes Projekt" (S.28) - angelegte Frage von Erziehung und Bildung über Becks "Risikogesellschaft" in ein Konzept von "Lebenslangem Lernen" münden zu lassen, muss im Rahmen einer Magisterarbeit als weitgehend überzeugend bezeichnet werden."


Abstract

Der Terminus „Risikogesellschaft“ betitelt eine Gegenwartsanalyse des Soziologen Ulrich Beck, worin er postuliert, dass die in der Folge der Moderne entstandene Industrialisierung am Ende des 20. Jahrhunderts als Auslaufmodell angesehen werden muss. Im Zuge von Digitalisierung und Globalisierung realisiere sich eine Forderung der europäischen Aufklärung: die Freisetzung des Individuums. Diese „Individualisierung“ bedeute einen Zuwachs an Freiheit bei gleichzeitiger Potenzierung der Risiken: In der „Risikogesellschaft“ hat das Individuum durch die Freiheit der Wahl die Pflicht zur Entscheidung. Dabei kann sich der Einzelne jedoch auf immer weniger auf Parameter wie z. B. Werte oder Normen verlassen. Er muss also immer öfter experimentieren, was zu Unsicherheit und Angst führt. Eine Chance, an diesen Entwicklungen zu partizipieren, wird in der Bildung gesehen, immer öfter ist von der Informations- und Wissensgesellschaft die Rede, die uns ständig mit angeblich Wissenswertem füttert will. Doch führt dies automatisch zu Bildung? Wie lässt sich Bildung überhaupt definieren? Die vorliegende Arbeit stellt mit dem „Lebenslangen Lernen“ eine Bildungskonzeption vor, die als mögliche Antwort auf die Herausforderungen des beginnenden 21. Jahrhunderts gesehen werden kann. Dazu wird zunächst Kants Transzendentalphilosophie als grundlegendes Theoriegebäude der Aufklärung vorgestellt, welches den Menschen als frei handelndes Individuum mit der Möglichkeit zur Selbsterziehung sieht. Ob und wie sich dies im Einzelnen realisieren kann, zeigen etwa die empirischen Arbeiten von Piaget zur Denkentwicklung und Kohlbergs zur Moralentwicklung. Die zweite Argumentationslinie verfolgt den von Beck gezeichneten Verlauf hin zur „Risikogesellschaft“ und den Folgen für Ökologie und Gesellschaft. Im Folgenden werden beide Linien mit dem Bildungskonzept „Lebenslanges Lernen“ verknüpft und der Frage nachgegangen, ob diese aus der Sicht der vorgestellten philosophischen, sozialpsychologischen, soziologischen und pädagogischen Ansätze Antworten und Lösungsmöglichkeiten auf die Herausforderungen der Risikogesellschaft bieten können. Abschließend soll geprüft werden, ob sich Bildungskonzeptionen realisieren lassen, die den Herausforderungen gewachsen sind und darüber hinaus jedem Einzelnen die Möglichkeit geben, in einer individualisierten und globalisierten Welt ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen.


Excerpt (computer-generated)

FernUniversität in Hagen
Institut für Bildungswissenschaft und Medienforschung
Arbeitsbereich: Empirische Bildungsforschung

Magisterarbeit

zum Thema

„Lebenslanges Lernen“ - Bildung in der Risikogesellschaft

vorgelegt von

Martin Lacher

vorgelegt am 05.05.2007

 

 

Inhalt

1. Einleitung ... 3

2. Freiheit und Risiko – Perspektiven  ... 5
2.1 Freiheit und Vernunft – Kants „Kopernikanische Wende“  ... 6
2.2 „Erziehung zur Persönlichkeit“ – Kants Pädagogikbegriff  ... 11
2.3 Der Mensch als „black box“? – 19. und 20. Jahrhundert ...  14
2.4 Piaget und Kohlberg „auf den Schultern“ Kants ...  16
2.4.1 Piagets Strukturtheorie des Denkens  ... 17
2.4.2 Kohlbergs Moralstufentheorie  ... 20
2.5 Die Risikogesellschaft – Becks Gegenwartdiagnose  ... 26
2.5.1 Kindheit und Jugend in der Risikogesellschaft ...  35
2.6 Heitmeyers „Desintegrations-Verunsicherungs-Gewalt-Konzept“  ... 42

3. Lebenslang Lernen in der Risikogesellschaft  ... 49
3.1 Bildung und Lebenslanges Lernen  ... 51
3.2 Strategie für Lebenslanges Lernen in der Bundesrepublik Deutschland  ... 56
3.2.1 Entwicklungsschwerpunkte Lebenslangen Lernens  ... 58
3.2.2 Lernen in Lebensphasen ...  64
3.2.2.1 Kindheit  ... 65
3.2.2.2 Jugend  ... 68
3.2.2.3 Junge Erwachsene  ... 70
3.2.2.4 Erwachsene  ... 72
3.2.2.5 Ältere  ... 74
3.2.3 Fazit  ... 76

4. Fazit und Ausblick  ... 79

Literatur  ... 82

 

 

1. Einleitung


 „Wir alle stecken in Alltagsexperimenten, deren Resultate so offen sind wie die des die Menschheit als ganze betreffenden Experiments.“1

So schrieb der Soziologe Anthony Giddens im Jahre 1996, mitten in der Diskussion um die so genannte „Risikogesellschaft“. Dieser Terminus betitelt die Gegenwartsanalyse des Münchner Soziologen Ulrich Beck2, worin er postuliert, dass die in der Folge der Moderne entstandene Industrialisierung am Ende des 20. Jahrhunderts als Auslaufmodell angesehen werden muss. Im Zuge von Digitalisierung und Globalisierung realisiere sich eine Forderung der europäischen Aufklärung: die Freisetzung des Individuums. Diese „Individualisierung“ bedeute einen Zuwachs an Freiheit bei gleichzeitiger Potenzierung der Risiken: In der „Risikogesellschaft“ hat das Individuum durch die Freiheit der Wahl die Pflicht zur Entscheidung. Dabei kann sich der Einzelne jedoch auf immer weniger auf Parameter wie z. B. Werte oder Normen verlassen. Er muss also immer öfter experimentieren, was zu Unsicherheit und Angst führt.

Eine Chance, an diesen Entwicklungen zu partizipieren, wird in der Bildung gesehen, immer öfter ist von der Informations- und Wissensgesellschaft die Rede, die uns ständig mit angeblich Wissenswertem füttert will. Doch führt dies automatisch zu Bildung? Wie lässt sich Bildung überhaupt definieren?

Die vorliegende Arbeit stellt mit dem „Lebenslangen Lernen“ eine Bildungskonzeption vor, die als mögliche Antwort auf die Herausforderungen des Einzelnen und der Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts gesehen werden kann. Dazu wird zunächst Kants Transzendentalphilosophie als grundlegendes Theoriegebäude der Aufklärung vorgestellt, welche den Menschen als frei handelndes Individuum mit der Möglichkeit zur Selbsterziehung – im Sinne Kants: zur „Erziehung zur Persönlichkeit“– hat. Ob und wie sich dies im Einzelnen realisieren kann, zeigen etwa die empirischen Arbeiten von Piaget zur Denkentwicklung und Kohlbergs zur Moralentwicklung.

Die zweite Argumentationslinie verfolgt den von Beck gezeichneten Verlauf der Industrialisierung als eine ebenfalls aus dem Denken der Aufklärung entstandene ökonomische Entwicklung der Moderne und betrachtet deren Auswirkungen auf Ökologie und Gesellschaft sowie die möglichen Folgen der Risikogesellschaft für Kinder und Jugendliche am Ausgang des 20. Jahrhunderts.

Im Folgenden werden beide Linien mit dem Bildungskonzept „Lebenslanges Lernen“ verknüpft und der Frage nachgegangen, ob diese aus der Sicht der vorgestellten philosophischen, sozialpsychologischen, soziologischen und pädagogischen3 Ansätze Antworten und Lösungsmöglichkeiten auf die Herausforderungen der Risikogesellschaft bieten können. Abschließend soll geprüft werden, ob sich Bildungskonzeptionen realisieren lassen, die den Herausforderungen gewachsen sind und darüber hinaus jedem Einzelnen die Möglichkeit geben, in einer individualisierten und globalisierten Welt ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen.

Der Einfachheit halber wird in der vorliegenden Arbeit zumeist die männliche Variante angewandt, gemeint sind jedoch auch immer Personen weiblichen Geschlechts.

2. Freiheit und Risiko – Perspektiven 

Mit dem Begriff der „Moderne“ verbinden sich, je nach Betrachtungsweise, geistesgeschichtliche, politische oder ökonomische Fixpunkte wie etwa die „Aufklärung“, die „Französische Revolution“ und die „Industrialisierung“, die im 18. und 19. Jahrhundert das Leben der Menschen grundlegend veränderten. 4 Als Basis können Entwicklungen gesehen werden, welche sich bereits im 17. Jahrhundert abzeichneten: einerseits die religiöse Spaltung durch die Reformation und andererseits die bahnbrechenden Entdeckungen in den Naturwissenschaften.

Das mit dem Glauben an die Vernunft entstandene Selbstbewusstsein der Menschen hatte eine Ablösung von der Kirche als geistesgeschichtliche und politische Machtinstitution zur Folge. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften ließen den Glauben an eine innere Logik der Natur zu, die als Vorbild auf andere Bereiche des Lebens und der Gesellschaft übertragbar schien: „... angesichts der Mängel des Glaubens, aber auch der Gesellschaft (drängte sich) an die Stelle der geschichtlichen Offenbarung die durch Vernunft erkennbare Natur als Norm und Wahrheitskriterium, also ein normativer Naturbegriff, der teils wissenschaftlich, teils metaphysisch konzipiert ist und vermutlich gerade wegen der Ambivalenz in neuartiger, emphatischer Weise zur Berufungsinstanz von Argumentationen werden kann.“5 Hierbei ist auch die „Aufklärung“ selbst als ambivalent zu sehen, so unterschiedlich sind die Thesen und Methoden in den verschiedenen Nationen. „Im Grunde ist die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, trotz ihres betonten Kosmopolitismus, de facto national, und der überall als Tugend propagierte Patriotismus verstärkt die Tendenz zur nationalen Selbstisolierung.“6

Dass man bis heute von der Aufklärung und nicht von den Aufklärern spricht, liegt vor allem an der über alle Grenzen hinweg gemeinsamen Grundforderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Denker und Forscher des 18. Jahrhunderts und dem dahinter liegenden „Humanismus der Aufklärung“.

[....]


1 Giddens 1996, S. 118.

2 Beck 1988: Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne.

3 Aus Gründen der Vereinfachung wird in der folgenden Arbeit der Terminus „Pädagogik“ verwendet. Ich beziehe mich hier auf die Ausführungen von Lenzen, der in einem Aufsatz die Entstehung und die programmatischen Unterschiede von „Pädagogik“ und „Erziehungswissenschaft“ aufzeigt und am Ende zu folgenden Ergebnis kommt: „Heute verbindet sich in aller Regel kein programmatischer Unterschied mehr mit den Bezeichnungen.“ Lenzen 2000, S. 15; Hervorhebung wie im Original.

4 Vergl. Zima 2001, S. 26 ff.

5 Schneiders 1997, S. 10.

6 Ebd., S. 17.


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