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Das psychobiographische Pflegemodell nach Erwin Böhm

Termpaper, 2005, 33 Pages
Authors: Diplom Pflegewirt Martin Hilgert, Rajko Schallhorn
Subject: Nursing Science

Details

Category: Termpaper
Year: 2005
Pages: 33
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 3  Entries
Language: German
Archive No.: V87447
ISBN (E-book): 978-3-638-03153-0

File size: 123 KB

Abstract

Ein weiteres unbrauchbares Pflegemodell oder vielleicht das Parademodell? Als fortgeschrittene, bereits dem sechsten Semester Pflegeleitung angehörende Studenten, haben wir uns gefragt wie viele Pflegemodelle wir uns noch betrachten dürfen, die erst einmal konsumiert, dann fein säuberlich in ihre Einheiten zerlegt und seziert werden, die auf Sinn- oder Unsinnhaftigkeit überprüft werden, die selbst bei Sinnhaftigkeit in den der Vorlesung anhaftenden Diskussionen widerlegt oder diskutiert werden, oder die und das ist noch schlimmer, das Etikett „unbrauchbar, da nicht finanzierbar“ erhalten haben. Warum in aller Welt sollte das Modell Erwin Böhms hier eine Ausnahme darstellen? Wir müssen zugeben, das unsere Unvoreingenommenheit dieser Materie gegenüber sich in Grenzen hielt und gerade das hat es uns vielleicht letztendlich ermöglicht doch noch zu einem „Aha Erlebnis“ zu gelangen. Das Modell Erwin Böhms ist alles andere als konventionell. Es beruft sich nämlich darauf kein Modell im herkömmlichen Sinne zu sein, da es alles andere ist als statisch, sondern dynamisch, vital wie der Lebensbaum des Lebens. Der Autor distanziert sich von der schulmedizinisch geprägten Sozialisation der Pflegeberufe, die bis zu dem heutigen Tag in den Krankenpflegeschulen zu Hause ist und damit auch in den Köpfen der Pflegenden. Böhm ruft in seinem Modell indirekt zur Emanzipation der Pflegeberufe auf, zur Loslösung von somatisch orientierter Behandlungspflege oder starrer ATL - Bedürfnispflege. Er spricht sich für eine ganzheitliche Sichtweise aus, die eine individuelle Biographie des Klienten mit einschließt und in der die ärztliche Diagnose zur Behandlung der Symptome auf ein Minimum reduziert ist, und stattdessen weitgehend der persönlichen Anamnese weicht. Und dennoch erscheint uns der Autor nicht gänzlich unwissenschaftlich, indem er wichtige Meilensteinträger und Pioniere der großen Disziplinen Psychologie Sigmund Freud und Humanwissenschaftler wie der Soziologe Parson oder die Konstruktivisten mit einschließt, die ihn alle zweifelsfrei beeinflusst haben. Mit dem Wissen und der Erfahrungen dieser Disziplinen arbeitet er auch in seinem insgesamt stimmigen Modell. Erwin Böhms Ausführungen im Buch „Verwirrt nicht die Verwirrten“ glänzen durch detailreiche Schilderungen und Metaphern in der jahrzehntelangen pflegerischen Arbeit mit seinen gerontopsychiatrischen Klienten. Die nicht humorlose, offene, kreative bisweilen volkstümliche Sprache und sein großer Antrieb im Aufbau einer innovativen Übergangspflegestrategie contra Verwahrungsanstalt „Altersheim“ lassen Böhm authentisch erscheinen und laden den Leser ein, ihn in seiner Welt der Erfahrungen mit alten Menschen zu begleiten. Die Entwicklung seines dem Pflegemodellzugehörigen sieben stufigen Parameters zur Diagnose, Standortbestimmung, und Behandlungsmöglichkeiten von dekompensierten, dementiellen Erkrankungen ist eine Folge seiner jahrzehntelangen Arbeit und es erscheint uns als logische Reihe in einem „Reife- und Bewusstwerdungsprozeß“. In folgender schriftlicher Ausarbeitung des Referats wollen wir uns dem Thema ebenso schrittweise nähern.


Excerpt (computer-generated)

Evangelische Fachhochschule für Sozial- und Gesundheitswesen

Prostestant University of Applied Science

Ludwigshafen/Rhein

Wintersemester 2005/2006

6. Semester Studiengang Pflegeleitung

Thema des Referates

Das psychobiographische Pflegemodell von Erwin Böhm

Lehrveranstaltung:

Pflegeprozesse in der ambulanten Pflege und in der Altenpflege

Vorgelegt am: 05.12.2005

Erstellt von: Martin Hilgert und Rajko Schallhorn


Inhaltsverzeichnis


1

Einleitung 3

2

Allgemeine Vorgedanken zum Böhmschen Pflegemodell 4

2.1

Böhms Auffassung von biologisch/psychologischen Altersphänomenen 4

2.2

Böhms Ansatz von biopsychosozialer Pflege 5

2.3

Böhms Ansichten zu Gesundheit und Krankheit 8

2.4

Forderungen und Erwartungen Böhms an Pflegende 9

3

Das Böhmische Pflegemodell 10

3.1

Die persönliche Biographie des Lebens oder 10

der Böhmsche ,,Lebensbaum" 10

3.2

Therapeutisch, pflegerische Intervention bei regressiven Verhaltens 13

4

Das Paradigma der sieben Interaktions-/ Erreichbarkeitsstufen 13

4.1

Interaktionsstufe 1: Sekundäre Sozialisation 14

4.2

Interaktionsstufe 2: Mutterwitz 15

4.3

Erreichbarkeitsstufe 3: Seelische, soziale Grundbedürfnisse 15

4.4

Erreichbarkeitsstufe 4: Prägungen 16

4.5

Erreichbarkeitsstufe 5: Höhere Antriebe 16

4.6

Erreichbarkeitsstufe 6: Intuition 17

4.7

Erreichbarkeitsstufe 7: Urkommunikation 17

5

Pflegeimpulse 18

6

Der Regelkreis pflegewissenschaftlichen Handelns 20

6.1

Schritt 1: ,,Das pflegerische Auge" 20

6.2

Schritt 2: ,,Problemerhebung" 22

6.3

Schritt 3: ,,Fachliches Beobachten und Assoziieren" 22

6.4

Schritt 4: ,,Biographie-Erhebung" 24

6.5

Schritt 5: ,,Die Interpretation als Hypothesenbildung" 25

6.6

Schritt 6: ,,Impulse" 25

6.7

Schritt 7: ,,Neuerliches Sehen (Evaluieren)" 25

7

Die Umsetzungskonzepte des Modells in der Praxis 26

7.1

Die Böhmsche Pflegestation 26

7.2

Fort- und Weiterbildungsangebote für Pflegekräfte nach Böhm 27

7.3

Hindernisse und Probleme bei der Implementierung in die Praxis 28

8

Fazit und Stellungnahme 29

9

Literatur und Quellenverzeichnis 32

2


1 Einleitung

Ein weiteres unbrauchbares Pflegemodell oder vielleicht das Parademodell?

Als fortgeschrittene, bereits dem sechsten Semester Pflegeleitung angehörende

Studenten, haben wir uns gefragt wie viele Pflegemodelle wir uns noch betrachten

dürfen, die erst einmal konsumiert, dann fein säuberlich in ihre Einheiten zerlegt und

seziert werden, die auf Sinn- oder Unsinnhaftigkeit überprüft werden, die selbst bei

Sinnhaftigkeit in den der Vorlesung anhaftenden Diskussionen widerlegt oder

diskutiert werden, oder die und das ist noch schlimmer, das Etikett ,,unbrauchbar, da

nicht finanzierbar" erhalten haben. Warum in aller Welt sollte das Modell Erwin

Böhms hier eine Ausnahme darstellen?

Wir müssen zugeben, das unsere Unvoreingenommenheit dieser Materie gegenüber

sich in Grenzen hielt und gerade das hat es uns vielleicht letztendlich ermöglicht

doch noch zu einem ,,Aha Erlebnis" zu gelangen.

Das Modell Erwin Böhms ist alles andere als konventionell. Es beruft sich nämlich

darauf kein Modell im herkömmlichen Sinne zu sein, da es alles andere ist als

statisch, sondern dynamisch, vital wie der Lebensbaum des Lebens.

Der Autor distanziert sich von der schulmedizinisch geprägten Sozialisation der

Pflegeberufe, die bis zu dem heutigen Tag in den Krankenpflegeschulen zu Hause ist

und damit auch in den Köpfen der Pflegenden. Böhm ruft in seinem Modell indirekt

zur Emanzipation der Pflegeberufe auf, zur Loslösung von somatisch orientierter

Behandlungspflege oder starrer ATL - Bedürfnispflege. Er spricht sich für eine

ganzheitliche Sichtweise aus, die eine individuelle Biographie des Klienten mit

einschließt und in der die ärztliche Diagnose zur Behandlung der Symptome auf ein

Minimum reduziert ist, und stattdessen weitgehend der persönlichen Anamnese

weicht. Und dennoch erscheint uns der Autor nicht gänzlich unwissenschaftlich,

indem er wichtige Meilensteinträger und Pioniere der großen Disziplinen Psychologie

Sigmund Freud und Humanwissenschaftler wie der Soziologe Parson oder die

Konstruktivisten mit einschließt, die ihn alle zweifelsfrei beeinflusst haben. Mit dem

Wissen und der Erfahrungen dieser Disziplinen arbeitet er auch in seinem insgesamt

stimmigen Modell. Erwin Böhms Ausführungen im Buch ,,Verwirrt nicht die

Verwirrten" glänzen durch detailreiche Schilderungen und Metaphern in der

3


jahrzehntelangen pflegerischen Arbeit mit seinen gerontopsychiatrischen Klienten.

Die nicht humorlose, offene, kreative bisweilen volkstümliche Sprache und sein

großer Antrieb im Aufbau einer innovativen Übergangspflegestrategie contra

Verwahrungsanstalt ,,Altersheim" lassen Böhm authentisch erscheinen und laden den

Leser ein, ihn in seiner Welt der Erfahrungen mit alten Menschen zu begleiten. Die

Entwicklung seines dem Pflegemodellzugehörigen sieben stufigen Parameters zur

Diagnose, Standortbestimmung, und Behandlungsmöglichkeiten von

dekompensierten, dementiellen Erkrankungen ist eine Folge seiner jahrzehntelangen

Arbeit und es erscheint uns als logische Reihe in einem ,,Reife- und

Bewusstwerdungsprozeß". In folgender schriftlicher Ausarbeitung des Referats

wollen wir uns dem Thema ebenso schrittweise nähern.

2

Allgemeine Vorgedanken zum Böhmschen
Pflegemodell

2.1 Böhms Auffassung von biologisch/psychologischen

Altersphänomenen

Böhm entwickelte in seiner mehr als dreißigjährigen Berufserfahrung als

Krankenpfleger in der Wiener Psychiatrie die Vorstellung, dass es gewisse

Gesetzmäßigkeiten gibt zwischen psychologischen Symptomen der Kindheit, die

nach lebenslangem latenten Vorhandensein, im Alter durch bestimmte

Auslösungsmechanismen frei gesetzt wieder auftreten. Böhm geht davon aus, dass

sie grundsätzlich reversibel sind. Er bezieht sein Wissen darüber auch aus seit 1968

durchgeführten empirischen Studien der Pflegeforschung.

Psychologische Symptome treten seiner Ansicht nach immer dann auf, wenn ein

alter Mensch keine anderen positiven Kompensationsmechanismen mehr abrufen

kann und will. Dies ist immer dann der Fall wenn es aus unterschiedlichen Gründen

in Folge eines ,,Life events" wie Antonovsky sagen würde zu einer immensen

Spannung kommt, die eine alternde Seele nicht mehr mit ,,Lebensbejahung"

beantworten und abfedern kann. Die Gründe dafür könnten zum Beispiel das

Bewusstwerden der eigenen körperlichen Gebrechlichkeit sein, das Gefühl der

4


Familie damit zur Last zu fallen, der plötzliche Tod des Ehepartners, chronische

Schmerzen als Folge einer Erkrankung oder einfach Einsamkeit.

Böhm sagte in diesem Zusammenhang in dem Buch ,,Verwirrt nicht die Verwirrten"

,,dass die Seele oft lange vor dem Körper stirbt

."1 Ein weiterer von ihm häufig zitierter

Satz lautet. "

Der Mensch wird heute älter als seine Seele verkraftet".2

Beide Beispiele

beschreiben das Phänomen der mentalen Regression, des ,,nicht mehr Wollens",

nach dem Ziehen einer Art eigenen Lebensbilanz. Die Menschen regredieren in eine

frühere infantile Reifestufe und erscheinen ,,verwirrt". In diesem Zusammenhang

möchten wir den Autor noch einmal zitieren, weil es seine Art zu denken

repräsentiert.

"Viele Menschen, die somatisch noch nicht sterben können, sterben

vorher psychisch. Sie wollen nicht mehr erreichbar, nicht ansprechbar sein und

erscheinen verwirrt."3

Die Dekompensation verläuft beim alten Menschen umgekehrt

der Entwicklung eines Kindes zur sozialisierten Person ab, also rückläufig. Diesen

Prozess gilt es laut Böhme therapeutisch zu durchbrechen. ,,

Vor den Beinen muss

die Seele wieder bewegt werden".4

2.2 Böhms Ansatz von biopsychosozialer Pflege

Erwin Böhms Ansatz von biopsychosozialer Pflege, ist die intensive

Auseinandersetzung mit dem älter werdenden pflegebedürftigen, dementierenden

Menschen.

Sein pflegerisches Verständnis basiert auf eine ganzheitliche individuelle Erfassung

des psychischkranken Betroffenen. Ganzheitlichkeit in diesen Zusammenhang

bedeutet für Böhm vor allem die intensive Beschäftigung mit der eigenen und

fremden Seele. ,,Meine Seele und die Seele des anderen verstehen zu lernen"5 ist

nach Böhm von elementarer Bedeutung. Böhm verweißt darauf, dass derartige

Inhalte und Schwerpunkte in der Krankenpflegeausbildung bislang wenig bzw. gar

keine Berücksichtigung fanden. Pflegekräfte wurden in der Vergangenheit

überwiegend somatisch bzw. grundpflegerisch in Ihrer Ausbildung ausgerichtet. Er

1 Böhm 2001a S.24

2 Böhm 2001a S.24

3 Böhm 2001a S.24

4 Böhm 2001a S.24

5 Böhm 2001a S.22

5


kritisiert Pflegekräfte, die häufig auf körperliche und behandlungspflegerische

Aspekte bei ihren täglichen Handlungen fixiert sind und so sich in einer Diskrepanz

zu einer verstehenden interaktiven Pflege bzw. Beziehungspflege gegenüber dem

Klienten bzw. Betroffenen befinden. Pflegekräfte und Betroffene leben in

unterschiedlichen Welten und können sich nicht begegnen. In diesen

Zusammenhang unterscheidet Böhm in seinem Modell die Psyche eines Menschen

in zwei unterschiedliche Segmente, diese möchte ich im Folgenden beschreiben.

1 Thymopsyche

Unter Thymopsyche wird die Welt der Gefühle und der Emotionen verstanden. Die

Thymopsyche entwickelt sich im Laufe eines Leben und hat ihren Anfang vermutlich

zum Zeitpunkt der Geburt oder auch schon früher. Das so genannte emotionelle,

geistige Es entwickelt sich während des Lebens und speichert alle Ergebnisse und

Eindrücke, Daten und Empfindungen ab. Sämtliche Verhaltensweisen, Fehlverhalten

werden bereits im Kindesalter verinnerlicht und die Kinderstube und Mutterwitz

erlernt. Adler geht davon aus, dass die Entwicklung (Thymopsyche) des Kindes sich

bis zum sechsten Lebensjahr erstreckt und dann vollständig abgeschlossen ist.

Hinsichtlich der Entwicklung eines Menschen kann gesagt werden, dass wir

Menschen alles, was wir bis zum 25. Lebensjahr erfahren haben in uns

abgespeichert haben und ab dem Zeitpunkt mit einem gewissen Abbau beginnen.

Das bedeutet auch dass wir im Alter häufig auf Gespeichertes zurückgreifen, da es

für uns eine gewisse Sicherheit bedeutet. Dem gegenüber steht die Noopsyche.

2 Noopsyche

Unter Noopsyche wird auch der zweite Teil unserer Seele bezeichnet. Es ist der

rationale Anteil, die Welt der Dinge die der Mensch im Stande ist wahr zunehmen.

,,Der Mensch empfindet, erlebt seine Welt, wie er sie erleben, erkennen, erfühlen

kann."6 Es ist nicht statisch, es ist beweglich, es wächst bis zum Ende des Lebens

eines Menschen.

Die Erkenntnisse aus der Entwicklung eines Menschen (Thymopsyche) und der Welt,

die ein Mensch im Stande ist wahrzunehmen zu erleben, zuerkennen, zu erfühlen

6 Böhm 2001a S.33

6



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