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Termpaper, 2005, 33 Pages
Authors: Diplom Pflegewirt Martin Hilgert, Rajko Schallhorn
Subject: Nursing Science
Details
Tags: Pflegemodell, Erwin, Böhm
Year: 2005
Pages: 33
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 3 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-03153-0
File size: 123 KB
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Abstract
Ein weiteres unbrauchbares Pflegemodell oder vielleicht das Parademodell? Als fortgeschrittene, bereits dem sechsten Semester Pflegeleitung angehörende Studenten, haben wir uns gefragt wie viele Pflegemodelle wir uns noch betrachten dürfen, die erst einmal konsumiert, dann fein säuberlich in ihre Einheiten zerlegt und seziert werden, die auf Sinn- oder Unsinnhaftigkeit überprüft werden, die selbst bei Sinnhaftigkeit in den der Vorlesung anhaftenden Diskussionen widerlegt oder diskutiert werden, oder die und das ist noch schlimmer, das Etikett „unbrauchbar, da nicht finanzierbar“ erhalten haben. Warum in aller Welt sollte das Modell Erwin Böhms hier eine Ausnahme darstellen? Wir müssen zugeben, das unsere Unvoreingenommenheit dieser Materie gegenüber sich in Grenzen hielt und gerade das hat es uns vielleicht letztendlich ermöglicht doch noch zu einem „Aha Erlebnis“ zu gelangen. Das Modell Erwin Böhms ist alles andere als konventionell. Es beruft sich nämlich darauf kein Modell im herkömmlichen Sinne zu sein, da es alles andere ist als statisch, sondern dynamisch, vital wie der Lebensbaum des Lebens. Der Autor distanziert sich von der schulmedizinisch geprägten Sozialisation der Pflegeberufe, die bis zu dem heutigen Tag in den Krankenpflegeschulen zu Hause ist und damit auch in den Köpfen der Pflegenden. Böhm ruft in seinem Modell indirekt zur Emanzipation der Pflegeberufe auf, zur Loslösung von somatisch orientierter Behandlungspflege oder starrer ATL - Bedürfnispflege. Er spricht sich für eine ganzheitliche Sichtweise aus, die eine individuelle Biographie des Klienten mit einschließt und in der die ärztliche Diagnose zur Behandlung der Symptome auf ein Minimum reduziert ist, und stattdessen weitgehend der persönlichen Anamnese weicht. Und dennoch erscheint uns der Autor nicht gänzlich unwissenschaftlich, indem er wichtige Meilensteinträger und Pioniere der großen Disziplinen Psychologie Sigmund Freud und Humanwissenschaftler wie der Soziologe Parson oder die Konstruktivisten mit einschließt, die ihn alle zweifelsfrei beeinflusst haben. Mit dem Wissen und der Erfahrungen dieser Disziplinen arbeitet er auch in seinem insgesamt stimmigen Modell. Erwin Böhms Ausführungen im Buch „Verwirrt nicht die Verwirrten“ glänzen durch detailreiche Schilderungen und Metaphern in der jahrzehntelangen pflegerischen Arbeit mit seinen gerontopsychiatrischen Klienten. Die nicht humorlose, offene, kreative bisweilen volkstümliche Sprache und sein großer Antrieb im Aufbau einer innovativen Übergangspflegestrategie contra Verwahrungsanstalt „Altersheim“ lassen Böhm authentisch erscheinen und laden den Leser ein, ihn in seiner Welt der Erfahrungen mit alten Menschen zu begleiten. Die Entwicklung seines dem Pflegemodellzugehörigen sieben stufigen Parameters zur Diagnose, Standortbestimmung, und Behandlungsmöglichkeiten von dekompensierten, dementiellen Erkrankungen ist eine Folge seiner jahrzehntelangen Arbeit und es erscheint uns als logische Reihe in einem „Reife- und Bewusstwerdungsprozeß“. In folgender schriftlicher Ausarbeitung des Referats wollen wir uns dem Thema ebenso schrittweise nähern.
Excerpt (computer-generated)
Evangelische Fachhochschule für Sozial- und Gesundheitswesen
Prostestant University of Applied Science
Ludwigshafen/Rhein
Wintersemester 2005/2006
6. Semester Studiengang Pflegeleitung
Thema des Referates
Das psychobiographische Pflegemodell von Erwin Böhm
Lehrveranstaltung:
Pflegeprozesse in der ambulanten Pflege und in der Altenpflege
Vorgelegt am: 05.12.2005
Erstellt von: Martin Hilgert und Rajko Schallhorn
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung 3
2
Allgemeine Vorgedanken zum Böhmschen Pflegemodell 4
2.1
Böhms Auffassung von biologisch/psychologischen Altersphänomenen 4
2.2
Böhms Ansatz von biopsychosozialer Pflege 5
2.3
Böhms Ansichten zu Gesundheit und Krankheit 8
2.4
Forderungen und Erwartungen Böhms an Pflegende 9
3
Das Böhmische Pflegemodell 10
3.1
Die persönliche Biographie des Lebens oder 10
der Böhmsche ,,Lebensbaum" 10
3.2
Therapeutisch, pflegerische Intervention bei regressiven Verhaltens 13
4
Das Paradigma der sieben Interaktions-/ Erreichbarkeitsstufen 13
4.1
Interaktionsstufe 1: Sekundäre Sozialisation 14
4.2
Interaktionsstufe 2: Mutterwitz 15
4.3
Erreichbarkeitsstufe 3: Seelische, soziale Grundbedürfnisse 15
4.4
Erreichbarkeitsstufe 4: Prägungen 16
4.5
Erreichbarkeitsstufe 5: Höhere Antriebe 16
4.6
Erreichbarkeitsstufe 6: Intuition 17
4.7
Erreichbarkeitsstufe 7: Urkommunikation 17
5
Pflegeimpulse 18
6
Der Regelkreis pflegewissenschaftlichen Handelns 20
6.1
Schritt 1: ,,Das pflegerische Auge" 20
6.2
Schritt 2: ,,Problemerhebung" 22
6.3
Schritt 3: ,,Fachliches Beobachten und Assoziieren" 22
6.4
Schritt 4: ,,Biographie-Erhebung" 24
6.5
Schritt 5: ,,Die Interpretation als Hypothesenbildung" 25
6.6
Schritt 6: ,,Impulse" 25
6.7
Schritt 7: ,,Neuerliches Sehen (Evaluieren)" 25
7
Die Umsetzungskonzepte des Modells in der Praxis 26
7.1
Die Böhmsche Pflegestation 26
7.2
Fort- und Weiterbildungsangebote für Pflegekräfte nach Böhm 27
7.3
Hindernisse und Probleme bei der Implementierung in die Praxis 28
8
Fazit und Stellungnahme 29
9
Literatur und Quellenverzeichnis 32
2
1 Einleitung
Ein weiteres unbrauchbares Pflegemodell oder vielleicht das Parademodell?
Als fortgeschrittene, bereits dem sechsten Semester Pflegeleitung angehörende
Studenten, haben wir uns gefragt wie viele Pflegemodelle wir uns noch betrachten
dürfen, die erst einmal konsumiert, dann fein säuberlich in ihre Einheiten zerlegt und
seziert werden, die auf Sinn- oder Unsinnhaftigkeit überprüft werden, die selbst bei
Sinnhaftigkeit in den der Vorlesung anhaftenden Diskussionen widerlegt oder
diskutiert werden, oder die und das ist noch schlimmer, das Etikett ,,unbrauchbar, da
nicht finanzierbar" erhalten haben. Warum in aller Welt sollte das Modell Erwin
Böhms hier eine Ausnahme darstellen?
Wir müssen zugeben, das unsere Unvoreingenommenheit dieser Materie gegenüber
sich in Grenzen hielt und gerade das hat es uns vielleicht letztendlich ermöglicht
doch noch zu einem ,,Aha Erlebnis" zu gelangen.
Das Modell Erwin Böhms ist alles andere als konventionell. Es beruft sich nämlich
darauf kein Modell im herkömmlichen Sinne zu sein, da es alles andere ist als
statisch, sondern dynamisch, vital wie der Lebensbaum des Lebens.
Der Autor distanziert sich von der schulmedizinisch geprägten Sozialisation der
Pflegeberufe, die bis zu dem heutigen Tag in den Krankenpflegeschulen zu Hause ist
und damit auch in den Köpfen der Pflegenden. Böhm ruft in seinem Modell indirekt
zur Emanzipation der Pflegeberufe auf, zur Loslösung von somatisch orientierter
Behandlungspflege oder starrer ATL - Bedürfnispflege. Er spricht sich für eine
ganzheitliche Sichtweise aus, die eine individuelle Biographie des Klienten mit
einschließt und in der die ärztliche Diagnose zur Behandlung der Symptome auf ein
Minimum reduziert ist, und stattdessen weitgehend der persönlichen Anamnese
weicht. Und dennoch erscheint uns der Autor nicht gänzlich unwissenschaftlich,
indem er wichtige Meilensteinträger und Pioniere der großen Disziplinen Psychologie
Sigmund Freud und Humanwissenschaftler wie der Soziologe Parson oder die
Konstruktivisten mit einschließt, die ihn alle zweifelsfrei beeinflusst haben. Mit dem
Wissen und der Erfahrungen dieser Disziplinen arbeitet er auch in seinem insgesamt
stimmigen Modell. Erwin Böhms Ausführungen im Buch ,,Verwirrt nicht die
Verwirrten" glänzen durch detailreiche Schilderungen und Metaphern in der
3
jahrzehntelangen pflegerischen Arbeit mit seinen gerontopsychiatrischen Klienten.
Die nicht humorlose, offene, kreative bisweilen volkstümliche Sprache und sein
großer Antrieb im Aufbau einer innovativen Übergangspflegestrategie contra
Verwahrungsanstalt ,,Altersheim" lassen Böhm authentisch erscheinen und laden den
Leser ein, ihn in seiner Welt der Erfahrungen mit alten Menschen zu begleiten. Die
Entwicklung seines dem Pflegemodellzugehörigen sieben stufigen Parameters zur
Diagnose, Standortbestimmung, und Behandlungsmöglichkeiten von
dekompensierten, dementiellen Erkrankungen ist eine Folge seiner jahrzehntelangen
Arbeit und es erscheint uns als logische Reihe in einem ,,Reife- und
Bewusstwerdungsprozeß". In folgender schriftlicher Ausarbeitung des Referats
wollen wir uns dem Thema ebenso schrittweise nähern.
2
Allgemeine Vorgedanken zum Böhmschen
Pflegemodell
2.1 Böhms Auffassung von biologisch/psychologischen
Altersphänomenen
Böhm entwickelte in seiner mehr als dreißigjährigen Berufserfahrung als
Krankenpfleger in der Wiener Psychiatrie die Vorstellung, dass es gewisse
Gesetzmäßigkeiten gibt zwischen psychologischen Symptomen der Kindheit, die
nach lebenslangem latenten Vorhandensein, im Alter durch bestimmte
Auslösungsmechanismen frei gesetzt wieder auftreten. Böhm geht davon aus, dass
sie grundsätzlich reversibel sind. Er bezieht sein Wissen darüber auch aus seit 1968
durchgeführten empirischen Studien der Pflegeforschung.
Psychologische Symptome treten seiner Ansicht nach immer dann auf, wenn ein
alter Mensch keine anderen positiven Kompensationsmechanismen mehr abrufen
kann und will. Dies ist immer dann der Fall wenn es aus unterschiedlichen Gründen
in Folge eines ,,Life events" wie Antonovsky sagen würde zu einer immensen
Spannung kommt, die eine alternde Seele nicht mehr mit ,,Lebensbejahung"
beantworten und abfedern kann. Die Gründe dafür könnten zum Beispiel das
Bewusstwerden der eigenen körperlichen Gebrechlichkeit sein, das Gefühl der
4
Familie damit zur Last zu fallen, der plötzliche Tod des Ehepartners, chronische
Schmerzen als Folge einer Erkrankung oder einfach Einsamkeit.
Böhm sagte in diesem Zusammenhang in dem Buch ,,Verwirrt nicht die Verwirrten"
,,dass die Seele oft lange vor dem Körper stirbt
."1 Ein weiterer von ihm häufig zitierter
Satz lautet. "
Der Mensch wird heute älter als seine Seele verkraftet".2
Beide Beispiele
beschreiben das Phänomen der mentalen Regression, des ,,nicht mehr Wollens",
nach dem Ziehen einer Art eigenen Lebensbilanz. Die Menschen regredieren in eine
frühere infantile Reifestufe und erscheinen ,,verwirrt". In diesem Zusammenhang
möchten wir den Autor noch einmal zitieren, weil es seine Art zu denken
repräsentiert.
"Viele Menschen, die somatisch noch nicht sterben können, sterben
vorher psychisch. Sie wollen nicht mehr erreichbar, nicht ansprechbar sein und
erscheinen verwirrt."3
Die Dekompensation verläuft beim alten Menschen umgekehrt
der Entwicklung eines Kindes zur sozialisierten Person ab, also rückläufig. Diesen
Prozess gilt es laut Böhme therapeutisch zu durchbrechen. ,,
Vor den Beinen muss
die Seele wieder bewegt werden".4
2.2 Böhms Ansatz von biopsychosozialer Pflege
Erwin Böhms Ansatz von biopsychosozialer Pflege, ist die intensive
Auseinandersetzung mit dem älter werdenden pflegebedürftigen, dementierenden
Menschen.
Sein pflegerisches Verständnis basiert auf eine ganzheitliche individuelle Erfassung
des psychischkranken Betroffenen. Ganzheitlichkeit in diesen Zusammenhang
bedeutet für Böhm vor allem die intensive Beschäftigung mit der eigenen und
fremden Seele. ,,Meine Seele und die Seele des anderen verstehen zu lernen"5 ist
nach Böhm von elementarer Bedeutung. Böhm verweißt darauf, dass derartige
Inhalte und Schwerpunkte in der Krankenpflegeausbildung bislang wenig bzw. gar
keine Berücksichtigung fanden. Pflegekräfte wurden in der Vergangenheit
überwiegend somatisch bzw. grundpflegerisch in Ihrer Ausbildung ausgerichtet. Er
1 Böhm 2001a S.24
2 Böhm 2001a S.24
3 Böhm 2001a S.24
4 Böhm 2001a S.24
5 Böhm 2001a S.22
5
kritisiert Pflegekräfte, die häufig auf körperliche und behandlungspflegerische
Aspekte bei ihren täglichen Handlungen fixiert sind und so sich in einer Diskrepanz
zu einer verstehenden interaktiven Pflege bzw. Beziehungspflege gegenüber dem
Klienten bzw. Betroffenen befinden. Pflegekräfte und Betroffene leben in
unterschiedlichen Welten und können sich nicht begegnen. In diesen
Zusammenhang unterscheidet Böhm in seinem Modell die Psyche eines Menschen
in zwei unterschiedliche Segmente, diese möchte ich im Folgenden beschreiben.
1 Thymopsyche
Unter Thymopsyche wird die Welt der Gefühle und der Emotionen verstanden. Die
Thymopsyche entwickelt sich im Laufe eines Leben und hat ihren Anfang vermutlich
zum Zeitpunkt der Geburt oder auch schon früher. Das so genannte emotionelle,
geistige Es entwickelt sich während des Lebens und speichert alle Ergebnisse und
Eindrücke, Daten und Empfindungen ab. Sämtliche Verhaltensweisen, Fehlverhalten
werden bereits im Kindesalter verinnerlicht und die Kinderstube und Mutterwitz
erlernt. Adler geht davon aus, dass die Entwicklung (Thymopsyche) des Kindes sich
bis zum sechsten Lebensjahr erstreckt und dann vollständig abgeschlossen ist.
Hinsichtlich der Entwicklung eines Menschen kann gesagt werden, dass wir
Menschen alles, was wir bis zum 25. Lebensjahr erfahren haben in uns
abgespeichert haben und ab dem Zeitpunkt mit einem gewissen Abbau beginnen.
Das bedeutet auch dass wir im Alter häufig auf Gespeichertes zurückgreifen, da es
für uns eine gewisse Sicherheit bedeutet. Dem gegenüber steht die Noopsyche.
2 Noopsyche
Unter Noopsyche wird auch der zweite Teil unserer Seele bezeichnet. Es ist der
rationale Anteil, die Welt der Dinge die der Mensch im Stande ist wahr zunehmen.
,,Der Mensch empfindet, erlebt seine Welt, wie er sie erleben, erkennen, erfühlen
kann."6 Es ist nicht statisch, es ist beweglich, es wächst bis zum Ende des Lebens
eines Menschen.
Die Erkenntnisse aus der Entwicklung eines Menschen (Thymopsyche) und der Welt,
die ein Mensch im Stande ist wahrzunehmen zu erleben, zuerkennen, zu erfühlen
6 Böhm 2001a S.33
6
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