Vergleich französischer und deutscher Assimilationsprozesse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil

1 Arten von Assimilation
1.1 Ausmaß der Assimilation
1.2 Wirkungsrichtung der Assimilation
1.3 Abstand zwischen den beteiligten Lauten
1.4 Phonetische Eigenschaften
1.4.1 Artikulationsort
1.4.2 Artikulationsart
1.4.3 Stimmbeteiligung

2 Assimilation der Stimmhaftigkeit
2.1 Sonorisierung
2.2 Desonorisierung

Fazit

3 Literaturverzeichnis

Einleitung

Sprechen ist eine aufwendige Koordinationsleistung. Für die Produktion eines Einzellau­tes sind im Schnitt 35 Muskeln in Bewegung. Es ist ein System der ständigen Spannung und Entspannung bzw. Öffnung und Schließung (vgl. Pompino-Marschall 2009: 18). Wer schnell redet oder erschöpft ist, kann sich daher leicht verhaspeln, denn es erfordert einen oft unterschätzten Aufwand, seine Sprechwerkzeuge wie Zunge und Lippen in Bewegung zu setzen - geschweige denn deren Position rasch zu wechseln, um einen neuen Laut auszudrücken. Um einer unnötigen Anstrengung der Sprechorgane zu entgehen, betreibt der Mensch gerne einen minimalen Aufwand zur Bewegung letzterer - möchte aber ma­ximal verstanden werden. Hier spricht Pustka von der „artikulatorischen Faulheit“ (2016: 145). Die Realisierung eines Wortes wird durch die Angleichung des benachbarten Lautes vereinfacht. Die Stellung der Zunge passt sich der Stellung der Lippen an, oder anders­herum, sodass sich der Laut schneller und leichter artikulieren lässt. Viele dieser Koarti- kulationen1 haben durch diachrone Entwicklungen zu einem fixen Lautwandel geführt, während sich bei anderen Lauten weiterhin die Schriftweise von der Aussprache unter­scheidet und die Assimilation nur mündlich geschieht - was vor allem bei Umgangsspra­che und Dialekten der Fall ist. Es fällt in den Aufgabenbereich der Phonologie, Regeln zu erfassen, dank derer man eine abweichende Aussprache erklären und durch die man Ausnahmen erkennen kann. Tatsächlich ist die Assimilation der in den Sprachen der Welt am häufigsten vorkommende phonologische Prozess (vgl. Pustka 2016: 145). Interessant wäre daher, einen Vergleich der Sprachlautveränderungen zweier verschiedener Spra­chen darzustellen. Wie unterscheiden sich das Französische und das Deutsche im Hin­blick auf phonologische Assimilationsprozesse? Im Folgenden sollen die verschiedenen Parameter zur Unterscheidung der Assimilation anhand jeweils eines deutschen und eines französischen Beispiels durch direkte Gegenüberstellung illustriert werden. Im zweiten Teil wird näher auf die Assimilation der Stimmhaftigkeit eingegangen. In der Schlussfol­gerung werden die gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst.

Hauptteil

1 Arten von Assimilation

Wie in der Einleitung angedeutet, gleicht sich ein Sprachlaut beim Vorgang der Assimi­lation einem benachbarten Laut an. Assimilationen können nach mehreren Kriterien klas­sifiziert werden, weshalb in diesem Kapitel auf die verschiedenen Parameter zur Unter­scheidung von Assimilationen eingegangen wird.

1.1 Ausmaß der Assimilation

Eine Assimilation kann man u. a. nach ihrem Ausmaß klassifizieren. Ob es sich um eine partielle oder totale Assimilation handelt, hängt davon ab, ob ein einziges Merkmal oder alle betroffen sind. Eine partielle Assimilation liegt beispielsweise bei den mittelhoch­deutschen Wörtern enbore, aneboz, wintbra vor, die sich im neuhochdeutschen zu empor, Amboss, Wimper geändert haben. Hier wandelt sich der alveolare Nasal [n] in den mhd. Lexemen zu einem bilabialen [m] und gleicht sich damit im Artikulationsort2 an den fol­genden bilabialen Plosiv an, während die Differenz in der Artikulationsart3 (Nasal vs. Plosiv) bestehen bleibt. Zur totalen Assimilation kommt es dann, wenn alle Merkmale betroffen sind und dies somit zur völligen Angleichung führt, was bei den mittelhoch­deutschen Wörtern tump, zimber und lamp der Fall ist, da die Plosive [b] bzw. [p] an den vorangehenden Nasal assimiliert wurden und so auch die Artikulationsart angeglichen wurde: nhd. dumm, Zimmer, Lamm (vgl. Drügh 2012: 129).

Auch im Französischen kommt es zumeist nur zur partiellen Assimilation, wie bei: je peux [3pö] ,ich kann‘, wo es sich um eine partielle regressive4 Assimilation der Stimm- beteiligung5 der Obstruenten handelt, was mit Abstand dem wichtigsten Typ der Assimi­lation im Französischen entspricht. Hier wird aus einer zugrunde liegenden Form je peux [39pö] die Oberflächenrealisierung [3p0] abgeleitet, d. h. das stimmlose [p] sorgt dafür, dass das vorangehende stimmhafte 3 entstimmt wird, was sich sogar zu einem komplett stimmlosen [f] entwickeln kann (vgl. Pustka 2016: 146). Wenn sich die beiden Laute lediglich im Hinblick auf die Stimmhaftigkeit unterscheiden, liegt wiederum eine totale Assimilation vor: [diddS:k] dites donc,Sagen Sie mal‘ oder [dussatimetr] douze cen- timètres,zwölf Zentimeter4 (vgl. Schwarze & Lahiri 1998: 93f.).

1.2 Wirkungsrichtung der Assimilation

Die beiden im vorigen Punkt dargestellten deutschen Beispiele veranschaulichen zugleich eine weitere Differenzierung: die der Richtung der Assimilation. Man unterscheidet zwi­schen regressiver, progressiver und reziproker Assimilation. Beim ersten Beispiel (en- bore, aneboz, wintbra > empor, Amboss, Wimper) wirkt die Assimilation rückwärts, weil das auslösende Segment dem betroffenen nachfolgt, das zweite Beispiel (tump, zimber, lamp > dumm, Zimmer, Lamm) repräsentiert eine progressive Assimilation, da der Aus­löser dem betroffenen Segment vorangeht, d. h. die Assimilation wirkt vorwärts (vgl. Drügh 2012: 129). Die reziproke Assimilation ist die wechselseitige Beeinflussung zweier Laute, die beiden Sprachlaute werden durch einen dritten ersetzt, der artikulato- risch eine Mittelstellung zwischen ihnen einnimmt: nhd. haben ['ha:bn] > ['ha:bm] > [ha:m ] (vgl. Pustka 2016: 146).

Wie bei Punkt 1.1 erwähnt wurde, handelt es sich beim Beispiel je peux [3p®] ,ich kann‘ um eine regressive Assimilation, da auch hier der betroffene Laut dem auslösenden vo­rangeht. In einigen Fällen erfolgt die Assimilation aber auch progressiv, nämlich nach der Schwa-Elision in cheval [fval] ,Pferd‘ (vgl. Pustka 2016: 148). Als eine reziproke Assi­milation kann bei den lautlichen Veränderungen der Monophthongierungen interpretiert werden. Dies lässt sich anhand einer Entwicklung vom Altfranzösischen ins Neufranzö­sische beobachten: Der Laut [ow] wurde zu [u], wie in moudre,mahlen‘, was man als eine Anhebung des [o] in Richtung [w] und eine gleichzeitige Vokalisierung des [w] als Annäherung an [o] werten kann (vgl. Pustka 2016: 149).

1.3 Abstand zwischen den beteiligten Lauten

Ein zusätzliches Unterscheidungsmerkmal ist der Abstand zwischen den sich beeinflus­senden Lauten. Gleichen sich zwei unmittelbar benachbarte Laute an, handelt es sich um eine Kontaktassimilation. Alle vorangehenden Beispiele unterliegen der Kontaktassimi­lation. Wenn sich zwischen den assimilierten Lauten andere Segmente befinden, spricht man von Fernassimilation, d. h. diese sind nicht benachbart (vgl. Pustka 2016: 146). Ein Beispiel aus der deutschen Sprachgeschichte ist der i-Umlaut: So ist der Umlaut im alt­hochdeutschen gesti (,Gäste‘) aus dem germanischen gasti dadurch entstanden, dass das < a > durch den Einfluss des < i > zu einem < e > angehoben wurde (vgl. Drügh 2012: 129).

Die Fernassimilation lässt sich am Fall der Vokalharmonie im Französischen gut be­obachten. Die einander beeinflussenden Segmente folgen nicht unmittelbar aufeinander und sind durch konsonantische Segmente getrennt. Hier ist also jede Form von qualitati­ver Angleichung zwischen den Vokalen benachbarter Silben betroffen (vgl. Meisenburg und Selig 1998: 106). Ein Beispiel einer (optionalen) Vokalharmonie liegt bei folgenden Beispielen vor:

(1) bètise [beti:z] neben [beti:z] ,Dummheit‘
(2) aisé [eze] neben [eze] ,wohlhabend‘

Hier gilt die Regel, dass in unbetonter, offener Silbe [e] zu [e] wird, wenn in der Folge­silbe ein Vokal mit dem Merkmal [-tief] steht (vgl. Schwarze & Lahiri 1998: 62).

1.4 Phonetische Eigenschaften

Bisher wurden schon gewisse phonetische Eigenschaften, die angeglichen werden kön­nen, angesprochen und jeweils mit einer Fußnote markiert. Unter diesem Punkt werden diese deutlicher erläutert. Dazu zählt der Artikulationsort, die Artikulationsart und die Stimmbeteiligung.

1.4.1 Artikulationsort

Im Deutschen sind die Assimilationen des Artikulationsorts besonders produktiv. Wie unter Punkt 1.1 bei der reziproken Assimilation (haben ['ha:bn] > ['ha:bm] (> [ha:m]) > [ha:m]) zu sehen war, lassen sich zunächst progressive Assimilationen bei den Nasalen beobachten, die durch den vorausgehenden Obstruenten beeinflusst werden. Nach der Elision des Schwa nähert sich das alveolare /n/ an das vorausgehende bilabiale /b/ an und wird zu [m]. Apikale Plosive und Nasale, die sich an labiale und dorsale assimilieren, werden im Deutschen regressiv assimiliert: Das /t/ in mitkommen wird an den Artikulati­onsort des nachfolgenden /k/ angeglichen, wodurch es ['mik.komn] ausgesprochen wird (vgl. Pustka 2016: 147).

Im Französischen lässt sich die Assimilation des Artikulationsortes ebenfalls am besten anhand des Beispiels der Palatalisierung beobachten. In diesem Fall liegt eine Vorverla­gerung des Artikulationsorts unter dem Einfluss eines nachfolgenden vorderen, d. h. pa­latalen, Vokals oder Gleitlauts vor, wobei das Resultat nicht ein palataler, sondern ein postalveolarer oder alveolarer Laut ist. Hier rücken [k] und [g] unter Einfluss eines da­rauffolgenden [i] oder [e] zu [ts] bzw. [d3] vor:

(1) lat. CENTUM > afr. cent [tsa] ,einhundert‘
(2) lat. GENTILIS > afr. gentil [d3ati] ,freundlich‘

(ebd.). Als weitere Illustrierung erwähnt Pustka (2016: 147) den jeweiligen Dialekt in Belgien und Québec, wo sich die Verschiebung des Artikulationsortes von einem alveo­laren /t/ auf ein (post)alveolare (tj) beschränkt, z. B. tiens /tjè/ > [tjjè] ,sieh mal‘.

1.4.2 Artikulationsart

Bei der Artikulationsart geht es um den Überwindungsmodus im Vokaltrakt, durch den ein Sprachlaut gebildet wird, d. h. den Grad der Verengung zwischen zwei Artikulatoren. Die für das Französische relevanten Merkmale der Artikulationsarten unterscheiden sich kaum vom Deutschen. Letzterer besitzt zusätzlich Affrikate, d. h. Laute, bei denen ein Plosiv unmittelbar in einen homorganen Artikulationsort gebildeten Frikativ übergeht, z. B. beim [ts] und [pf in dt. Zaunpfahl ['tsaun.pfad] (vgl. Pustka 2016: 50). Beim unter Punkt 1.4.1 genannten Beispiel (tiens /tje/ > [tjjè] ,sieh mal‘) kann man den Haupteffekt vor allem darin erkennen, dass aus einem Plosiv eine Affrikate wird. In dieser Art der Affrizierung wird das [i] so hoch artikuliert, dass es automatisch zu einem Friktionsge­räusch kommt. Eine weitere Assimilation der Artikulationsart lässt sich beim Kontakt von Vokalen und Konsonanten beobachten - so sind etwa im Altfranzösischen nasalierte Vo­kale entstanden. Die Nasalität der Nasalkonsonanten wurde regressiv auf die ihnen vo­rausgehenden Vokale assimiliert: lat. NOMEN > afr. [nam] > [n5m] > nfr. [n5] nom,Name‘ (vgl. Pustka 2016: 147f.). Für deutsche L1-Sprecher sind nasalierte Vokalpho­neme in der Regel schwer zu artikulieren - eine Ausnahme bilden einige Sprecher aus Süddeutschland, da nasalierte Vokale in manchen dortigen Dialekten das Ergebnis eines Assimilationsprozesses sind und damit als Allophone der oralen Vokale vor Nasalkonso­nant auftauchen, wobei letztere zum Teil elidiert werden, z. B. in Bahnhof [bdzhof]. Zu­dem werden orale Vokale in der Umgebung von Nasalkonsonanten oft automatisch leicht nasaliert (vgl. Pustka 2016: 96).

1.4.3 Stimmbeteiligung

Gerade im heutigen Französisch findet die Assimilation der Stimmbeteiligung häufig statt. In diesem Fall hängt die Assimilationsrichtung von der Artikulationsart der betei­ligten Laute ab. Bei der Stimmhaftigkeitsassimilation nimmt der Konsonant die Spezifi­zierung für das Merkmal [stimm] des Folgekonsonanten an, wenn dieser ein Obstruent ist, z. B. pas d(e) chance [padjus] ,kein Glück‘ (vgl. Pustka 2016: 148).

Ein wichtiger Unterschied zwischen der französischen und der deutschen Obstruentenas- similation liegt hier dabei, dass diese sich im Französischen oft in nachlässigem Sprech­stil und in Allegroformen ausmacht (vgl. Meisenburg und Selig 1998: 104), während bei der Stimmbeteiligung im Deutschen die progressive Assimilationsrichtung die Regel ist, z. B. ratsam ['Ka:tza:m] oder messbar ['mesba:], weshalb deutsche L1-Sprecher im Fran­zösischen auch typischerweise in die falsche Richtung assimilieren, was hier wahrschein­lich weniger als im Französischen mit einer Artikulationsfaulheit verbunden werden kann (vgl. Pustka 2016: 145).

[...]


1 Hier werden die Begriffe Koartikulation und Assimilation gleichgesetzt, dabei ist die Koartikulation im genaueren Sinne die phonetische Vorstufe der Assimilation. Von Assimilation spricht man erst, wenn die Beeinflussung so weit geht, dass einer der beteiligten Laute in seinen phonetisch-phonologischen Merkma­len verändert wird (vgl. Meisenburg und Selig 1998: 104).

2 s. 1.4.1 Artikulationsort

3 s. 1.4.2 Artikulationsart

4 s. 1.2 Wirkungsrichtung

5 S. 1.4.3 Stimmbeteiligung

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Vergleich französischer und deutscher Assimilationsprozesse
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Romanische Philologie)
Veranstaltung
Phonologie des Französischen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V1000069
ISBN (eBook)
9783346379573
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine sehr gute Arbeit! Die unterschiedlichen Arten von Assimilation werden gründlich und systematisch herausgearbeitet.
Schlagworte
Sprachwissenschaft, Assimilationsprozesse, Französisch, Deutsch, Vergleich, Phonologie
Arbeit zitieren
Sophia Guckenberger (Autor), 2020, Vergleich französischer und deutscher Assimilationsprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000069

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