Migration im Geschichtsunterricht. Geschichtsbücher der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg


Bachelorarbeit, 2018

46 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Migration als „Normalfall“ der Geschichte

3. Migration im Geschichtsunterricht
3.1 Lehrpläne
3.2 Didaktische Legitimation
3.3 Entwicklung der Migrationsdarstellung in deutschen Lehrbüchern seit 1980

4. Vergleichende Analyse der Schulbücher Zeitreise 7/8 und 9/10 in Berlin-Brandenburg sowie Zeitreise 2 und 3 in Nordrhein-Westfalen
4.1Methodische Vorgehensweise
4.2 Migration und Migrantlnnen im Darstellungsteil
4.3 Migration und Migrantlnnen im Arbeitsteil
4.4 Ergebnisse

5. Implikationen für den Unterricht

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

ln Deutschland hat aktuell etwa jeder dritte Schüler einen Migrationshintergrund, jeder zehnte hat keinen deutschen Pass,1 wobei der Anteil in den nicht-gymnasialen Bildungsgängen oft deutlich höher ist.2 Trotzdem sind die Geschichtslehrpläne in vielen Bundesländern, darunter auch Nordrhein-Westfalen, noch immer eher nationalgeschichtlich oder zumindest sehr europazentriert orientiert und Kulturkontakte, insbesondere Migrationen, werden selten thematisiert. Dadurch haben die behandelten Themen kaum einen Bezug zur Lebenswelt vieler Schüler und sie können sich demzufolge nicht gut mit der gelehrten Geschichte identifizieren und somit auch nicht lernen, sich reflektiert mit der „eigenen“ Geschichte auseinanderzusetzen.3 Der neue Rahmenlehrplan Berlin-Brandenburg, der 2017 in Kraft getreten ist, bricht mit diesen veralteten Strukturen und räumt der interkulturellen Bildung generell, insbesondere aber in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern nun eine deutlich höhere Priorität ein.

Jochen Oltmer definiert in seiner Monographie „Migration: Geschichte und Zukunft der Gegenwart“ Migration als Wanderungsbewegungen von Menschen, „die weitreichende Konsequenzen für die Lebensverläufe der Wandernden haben und aus denen sozialer Wandel resultiert.“4 Diese Definition bezieht sich auf alle Wanderungsphänomene, die einen entsprechend großen Einfluss auf die Betroffenen haben und schließt somit auch innerstaatliche, temporäre und zirkuläre Wanderungsbewegungen mit ein. Davon abzugrenzen ist der Begriff der Ein- bzw. Auswanderung, der eine bestimmte Art von Migration, eine grenzüberschreitende Bewegung mit dem Ziel der dauerhaften Verlagerung des Lebensmittelpunktes in das Zielland, bezeichnet.5

Der Begriff „Migration“ ist in Deutschland erst gebräuchlich, seit er von der Migrationsforschung aus dem Englischen übernommen wurde. Trotzdem ist er, genau wie der ältere Begriff „(Völker-)Wanderung“ eher negativ konnotiert und wird mit Unordnung und Instabilität in Verbindung gebracht. „Völker“ wurden und werden zum Teil auch noch heute oft als unveränderbare, „quasi naturwüchsige Einheiten“6 verstanden, die geschlossen eine lineare „Wanderung“ begehen. Die Flexibilität ethnischer Identität, die es sowohl den Wandernden als auch den Aufnehmenden ermöglicht, kulturelle Anpassungsleistungen zu erbringen, wird bei der Verwendung dieser Begrifflichkeiten oft genauso vernachlässigt wie die individuellen, oft von mehreren Brüchen geprägten und von verschiedenen Push- und Pullfaktoren beeinflussten Bewegungen derjenigen, die dem wandernden „Volk“ zugerechnet werden.7 Von der Bevölkerung der Ziel- oder Durchgangsländer der Bewegungen werden Migrationswellen häufig als krisenhafter Ausdruck eines Defizits im Herkunftsland wahrgenommen, der eine potentielle Gefahr für „Gefahr für Sicherheit, Wohlstand sowie gesellschaftliche und kulturelle Homogenität“8 der Durchgangs- und Zielländer darstelle. Deshalb erzeuge Migration politischen Handlungsbedarf der das Ziel habe, den Migrationsfluss zu verhindern, zu regulieren oder zu kontrollieren.9 Laut Oltmer würden diese Handlungsbedarfe durch „stets im Wandel befindliche Paradigmen, Konzepte und Kategorien (...) und (...) Wirklichkeitskonstruktionen“10 bedingt. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts sind Lehrpläne als Ausdruck eines politisch vorgegebenen Handlungsrahmens und Lehrbücher als eine spezifische Interpretation dieses Handlungsrahmens wesentliche Medien, die zu der Prägung dieser Paradigmen, Konzepte, Kategorien und Wirklichkeitskonstruktionen beitragen.

Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich deshalb vergleichen, wie Migration in Geschichtslehrbüchern der Klassen 7-10 der nicht-gymnasialen Bildungsgänge in Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg dargestellt wird. Während Migration im neuen Rahmenlehrplan Berlin-Brandenburg ein verpflichtendes Längsschnittmodul für die Jahrgangsstufe 7/8 darstellt, kommt dieses Thema im nordrhein-westfälischen Kernlehrplan für Gesellschaftslehre an Gesamt- und Hauptschulen und im Kernlehrplan Geschichte der Realschulen nur als einer von mehreren inhaltlichen Schwerpunkten einiger Inhaltsfelder (z.B. Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg - Flucht und Vertreibung im Europäischen Kontext) vor.

Deshalb möchte ich im Folgenden zeigen, inwiefern die unterschiedliche Gestaltung der Lehrpläne in Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg konkret zum einem reflektierteren Umgang mit Migration in den Schulbüchern beiträgt. Dazu werde ich im zweiten Abschnitt meiner Arbeit zuerst einen kurzen Überblick über für Deutschland relevante Migrationsbewegungen geben und dann im dritten Abschnitt zeigen, welche Rolle Migration in den aktuellen Lehrplänen der beiden Bundesländer spielt, weshalb es auch aus fachdidaktischer Sicht wichtig und sinnvoll ist, sich mit diesen Thema auseinanderzusetzen und wie dies seit den 1980er Jahren in den Lehrbüchern umgesetzt wurde. Im folgenden werde ich dann meine methodische Vorgehensweise bei der Schulbuchanalyse erklären und dann die „Zeitreise“ Bände für die Klassen 7-10 für beide Bundesländer im Hinblick auf den Umfang und die Qualität der Migrationsdarstellung vergleichen. Die Bücher der Zeitreise-Reihe sind in besonderen Maße für diesen Vergleich geeignet, da es das einzige Lehrwerk ist, dass für alle nicht-gymnasialen Bildungsgänge der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen verwendet werden kann. Außerdem ist es von Vorteil, dass ich für beide Bundesländer dieselbe Schulbuchreihe untersuchen kann, da so die Unterschiede zwischen den Lehrwerken mit größerer Sicherheit auf die verschiedenen Lehrpläne zurückgeführt werden können und man ausschließen kann, dass die Ergebnisse durch unterschiedliche Verlage uneindeutiger werden. Die Bücher Zeitreise 7/8 und Zeitreise 9/10 wurden für Schulen in Berlin und Brandenburg unter Berücksichtigung des neuen Lehrplans geschrieben und 2016 bzw. 2018 herausgegeben. Zeitreise 2 und 3 sind für Nordrhein-Westfalen zugelassen, wobei Zeitreise 3 2012, kurz nach in Kraft treten des aktuellen nordrheinwestfälischen Lehrplans veröffentlicht wurde, während Zeitreise 2 bereits als neu bearbeitete Fassung von 2018 erhältlich ist. Im fünften Kapitel werde ich dann erklären, welche Bedeutung die Erkenntnisse aus der vorhergehenden Analyse für den Geschichtsunterricht haben, bevor ich zu einem abschließenden Fazit komme.

2. Migration als „Normalfall“ der Geschichte

Bereits in der frühen Neuzeit, nachdem im Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa weite Gebiete durch Hungersnöte, Seuchen und den Krieg selbst entvölkert wurden, betrieben viele deutschsprachige Regionen eine aktive Migrationspolitik und warben Siedler aus anderen europäischen Regionen, indem sie für eine dauerhafte Ansiedlung Privilegien versprachen. In den südwestlichen, deutschsprachigen Territorien wie Baden und Württemberg dominierten Einwanderer aus der Schweiz, in den fränkischen und schwäbischen Gebieten vor allem Siedler aus österreichischen Gebieten. Hugenottische Siedler zog es zu Beginn des 17. Jahrhunderts vor Allem in die konfessionsverwandten, nördlichen Gebiete, insbesondere nach Brandenburg und Hessen-Kassel.11

Während Brandenburg-Preußen auch im 18. Jahrhundert ein Einwanderungsland blieb, gab es in den südlichen, deutschsprachigen Gebieten vom Ende des 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts zwei bedeutende Abwanderungsströme: Ab den 1680er Jahren wanderten vor allem Menschen aus südwestdeutschen Territorien nach Amerika aus, ab 1763 nach Ende des siebenjährigen Krieges aber auch nach Osteuropa und in die neu eroberten Gebiete des russischen Zarenreichs. Obwohl es bei der Abwanderung nach Amerika aufgrund der dort bestehenden absoluten Religionsfreiheit durchaus auch religiöse Motive für die Migration gab, „dominierten auch im 18. Jahrhundert schon wirtschaftlich und sozial motivierte Familienwanderungen.“12 Bis 1800 wanderten schätzungsweise rund 130 000 Menschen aus den deutschsprachigen Territorien nach Amerika aus. Mit geschätzten 516 000 Menschen im selben Zeitraum, machte die ostwärts Wanderung beinahe 80% der gesamten deutschen Auswanderung aus und war somit für den deutschsprachigen Raum wesentlich bedeutsamer als die Abwanderung nach Amerika. Handwerklich und landwirtschaftlich gut ausgebildete Menschen, die in die russischen Gebiete zogen, wurden „kostenloses Land, Kredite, günstige Rechte, Steuer- und Abgabefreiheit für mehrere Jahre sowie Befreiung vom Militärdienst“13 versprochen, weshalb es für die damaligen deutschen Bauern und Handwerker besonders attraktiv war, den Einladungsmanifesten zu folgen. Aber auch die Ansiedlung im südosteuropäischen Donauraum wurde mit diversen Vergünstigungen staatlich beworben und war eine der wenigen Auswanderungsbewegungen, die in der noch feudal geprägten Gesellschaft auch von staatlicher Seite aus überwiegend toleriert wurden,14 sodass sich von Ende des 17. Jahrhunderts in vielen Teilen Südost- und Osteuropas, Sibiriens und Mittelasiens deutsche Siedlungen bildeten.15 Im 19. Jahrhundert gewann dann die Auswanderung nach Amerika allmählich eine immer größere Bedeutung, insbesondere für das an die Rheinschifffahrt angebundene Baden, während die Ost-Wanderung für die Bevölkerung der Gebiete in Donaunähe weiterhin wichtig blieb, für die Gesamtheit der deutschen Territorien jedoch nur noch eine zu vernachlässigende Rolle spielte.16 Auch aus den nördlichen und östlichen deutschen Gebieten wanderten nun viele Menschen ab, da sich durch das zunehmende Bevölkerungswachstum, die aufsteigende Baumwollindustrie und verschiedene Agrarreformen vor Allem für die (klein-)bäuerliche Bevölkerung die ökonomischen Teilhabechancen verschlechterten. Durch Kettennachzug innerhalb von Familienverbänden, Glaubensgemeinschaften und Gemeinden blieb die Auswanderung nach Amerika auch dann noch auf einen hohen Niveau, als sich für die Unterschichten die Erwerbschancen im Deutschen Bund bzw. Deutschen Reich wieder verbesserten. Dadurch entstand in einigen Gegenden Arbeitskräftemangel, der dazu führte, dass lokal, insbesondere in der Landwirtschaft Saisonarbeitskräfte angeworben werden mussten. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts hin, mit zunehmender industrieller Entwicklung in Deutschland, ging die Zahl der Auswanderer deutlich zurück.17 Im langen 19. Jahrhundert wanderten insgesamt über 5 Millionen Deutsche in die USA aus und wurden dort somit eine der zahlenmäßig wichtigsten Bevölkerungsgruppen.18

Arbeitsmigration existierte im deutschsprachigen Raum schon spätestens seit der frühen Neuzeit in Form von Gesellenwanderungen und wirtschaftlich bedingter Auswanderung, erreichte jedoch gegen Ende des langen 19.

Jahrhunderts insbesondere in Form des Zuzugs in urbane, industriell hoch entwickelte Zentren ganz neue Dimensionen: Allein zwischen 1890 und 1910 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl vieler deutscher Großstädte und 1910 lag der Anteil der Großstadtbewohner im Deutschen Reich bereits bei 21%.19 Der Zuzug in industriell hoch entwickelte Regionen beschränkte sich allerdings nicht nur auf innerstaatliche Bewegungen, so wurden zum Beispiel im Kanalund Eisenbahnbau und in der Montanindustrie des Ruhrgebiets bereits zwei bis drei Jahrzehnte vor dem ersten Weltkrieg viele polnische und in geringeren Umfang auch niederländische und italienische Arbeitskräfte eingesetzt.20 Vor dem ersten Weltkrieg war es Polen, die aus russischen Gebieten stammten, nicht erlaubt, für länger als ein Jahr in Deutschland zu bleiben. Während es bei den aus Ostpreußen stammenden Polen teilweise zu dauerhafter Ansiedlung und Kettennachzügen kam, handelte es sich bei den in Deutschland tätigen „Auslandspolen“ im Gegensatz dazu um temporäre Migranten in einem Zwangsrotationssystem.21

Im ersten und zweiten Weltkrieg wurden durch die im Vergleich zu vorangegangenen Kriegen stark ausgeweiteten Operationsgebiete der Armeen Millionen von Menschen in den beteiligten Ländern durch Evakuierungen, Flucht und Vertreibung aber auch durch Deportationen zu Migranten.22 So wurden beispielsweise in Russland Menschen mit deutscher Abstammung Opfer von Zwangsumsiedlungen in Gebiete hinter den Ural, da man annahm, die unterstützten den Feind. Ähnliche Deportationen, von Minderheiten gab es auch in Österreich-Ungarn.23 Um den durch den Krieg verursachten Arbeitskräftemangel zu mildern, wurden Kriegsgefangene eingesetzt und in einigen Ländern wurden auch Menschen aus Kolonien und besetzten Gebieten im Rahmen von Zwangsrekrutierungsmaßnahmen und Zwangsarbeit deportiert oder es wurde verhinderten, dass bereits im Land befindlicher Ausländer ausreisen, damit ihre Arbeitskraft im Land erhalten bliebe. So wurden zum Beispiel 1916/1917 ca. 60.000 Belgier aus den von Deutschland besetzten Gebieten nach Deutschland verbracht und zur Arbeit herangezogen.24 Zum Kriegsende hin betrug die Zahl der in Deutschland arbeitenden Ausländer, zu denen neben Zwangsarbeitern auch freiwillig zugewanderte Arbeitskräfte gehörten, etwa drei Millionen.25

Unter den Zwangsarbeitern befanden sich auch etliche Kriegsgefangene, die in Bergwerken, Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben die zu Kriegsdienst eingezogenen Männer ersetzten. Ob diese Kriegsgefangenen im Sinne von Jochen Oltmers Definition von Migration auch überwiegend zur Gruppe der Migranten gezählt werden können, ist nicht ganz eindeutig: Zwar kann man davon ausgehen, dass insbesondere länger andauernde Gefangenschaft einen hinreichend großen Einfluss auf die individuellen Lebensverläufe der Gefangenen hatte, allerdings ist unklar, ob die Kriegsgefangenen in der aufnehmenden Gesellschaft einen sozialen Wandel verursacht haben. Dafür spräche, dass von den circa 1,5 Millionen Kriegsgefangenen, die im Handwerk und der Landwirtschaft eingesetzt wurden, der Großteil „einzeln und ohne Bewachung in bäuerlichen Familienbetrieben untergebracht waren“ und es somit „auch innerhalb von Grenzen zu einer bislang nie dagewesenen Begegnung mit Menschen anderer Nationalität“26 kam. Dagegen spricht, dass ein Teil der Zwangsarbeiter, entweder in Fabrik- und Werkseigenen Lagern lebten und von der deutschen Bevölkerung abgeschirmt waren oder in kleinen Betrieben, überwiegend isoliert von ihren Landsleuten, bereits vorhandene, durch die Einziehung vieler arbeitsfähiger Männer temporär unbesetzte Rollen ausfüllten und somit keine eigenen Rollen in Kontakt mit der Gesellschaft ausarbeiten konnten, weshalb sie kaum Auswirkungen auf die sozialen Strukturen Deutschlands gehabt hätten.27

Vor, nach und während des gesamten Ersten Weltkrieges wurde Europa durch große Flüchtlingsströme geprägt. Während und nach den Balkankriegen, die den ersten Weltkrieg vorausgingen, waren nahezu 900.000 Menschen von Flucht, Vertreibung oder Umsiedlung betroffen. Zu Beginn des Weltkrieges, gab es gewaltige Flüchtlingsströme aus den Kampfgebieten heraus, z.B. von Belgien und Nordfrankreich aus in die Niederlande, nach Großbritannien oder Südfrankreich; in Ostpreußen und den westlichen Gebieten Russlands zogen auf deutscher Seite etwa eine halbe Million Flüchtlinge gen Westen, während bis zu 5 Millionen Menschen aus den umkämpften russischen Gebieten weiter ins Landesinnere flüchteten.28

Insgesamt war auch die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen weiterhin von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlungen gekennzeichnet. Aufgrund der durch Kriegspropaganda geförderten nationalistische Ressentiments, die quasi einen „<totalen> Krieg von Völkern und Kulturen“29 im Inneren glichen, wurden ethnische und religiöse Minderheiten häufig der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt und für Niederlagen und Verluste verantwortlich gemacht. Soweit noch nicht während des Weltkrieges geschehen, wurden sie repatriiert oder durch Krawalle, Pogrome und strukturelle Diskriminierung vertrieben. Die im Krieg verursachte Zerstörung, aber auch die Umstrukturierung politischer Ordnungen, Bürgerkriege und wirtschaftliche Krisen führten dazu, dass in nahezu allen am Krieg beteiligten Ländern, verfolgte, arbeits- und heimatlos gewordene Menschen auf der Flucht waren oder blieben.30 Flucht, Vertreibung und Deportation waren auch für den gesamten Zweiten Weltkrieg kennzeichnend, übertrafen dabei aber bei weitem die Ausmaße des Ersten Weltkrieges und der Zwischenkriegszeit. Man kann davon ausgehen, dass zwischen 1939 und 1945 50 bis 60 Millionen Menschen in ganz Europa gezwungen waren ihre Heimat zu verlassen oder gewaltsam umgesiedelt wurden.31 Zu Kriegsbeginn stand dabei vor Allem die Flucht vor den deutschen Armeen im Vordergrund: Allein „Zentral- und Südfrankreich zählten 5 Millionen Flüchtlinge aus den Niederlanden, Belgien und Nordfrankreich“32 während in der UdSSR etwa 12 Millionen Menschen flohen, evakuiert oder umgesiedelt wurden. Im den östlichen von Deutschland eroberten Gebieten wurden große Teile der Bevölkerung vertrieben und deportiert, um dort Menschen deutscher Abstammung anzusiedeln, die vorher außerhalb der Reichsgrenzen gelebt hatten. Im späteren Verlauf dominierten dann Deportationen und die Akquise von ausländischen (Zwangs-)Arbeitern, darunter besonders viele Juden und Menschen aus den von Deutschland annektierten östlichen Gebieten. Diese wurden zuerst vorrangig im Bergbau, in der Landwirtschaft und für andere gering qualifizierte Arbeiten eingesetzt, aber ab 1943 auch in hochqualifizierten Positionen in der Kriegswirtschaft wie zum Beispiel in der Flugzeugindustrie eingesetzt. Um 1944 wurden in Deutschland etwa 8 Millionen ausländische Zwangsarbeiter beschäftigt, wobei anders als im ersten Weltkrieg, als Zwangsarbeiter überwiegend männlich waren und überwiegend in Kleinbetreiben eingesetzt wurden, nun etwa ein Drittel der ausländischen Zwangsarbeiter Frauen waren und ein Großteil insbesondere der Arbeiter aus Osteuropa in Arbeitslagern oder Konzentrationslagern festgehalten wurden.33 Gegen Ende des Krieges war die umfassendste Migrationsbewegung die Flucht vor der anrückenden Roten Armee, wobei etwa 12,5 Millionen Menschen aus den ehemals zum deutschen Reich gehörenden Ostgebieten sowie den außerhalb des ehemaligen Reiches gelegenen Siedlungsgebieten deutschstämmiger Menschen flohen. Auch nach Kriegsende wurden 1945-1947 Deutsche, zum Teil auch durch die Alliierten organisiert, aus den östlichen Gebieten in die Besatzungszonen getrieben oder umgesiedelt. Auf die Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung folgten teilweise Rückwanderungen der vertriebenen osteuropäischen Bevölkerung. Viele Menschen befanden sich auch in der Nachkriegszeit innerhalb Deutschlands noch immer auf der Flucht und kehrten oft erst nach Monaten oder Jahren in ihre häufig zerstörten Heimatorte zurück. Dazu kam die Rück- und Weiterwanderung deutscher und alliierter Kriegsgefangener, Zwangsarbeiter und sonstiger Deportierter, sodass „Deutschland in der Nachkriegszeit eine Drehscheibe gewaltigertransnationaler und interner Migrationen“34 war.35 In der neu entstandenen BRD wurden aufgrund des überraschend schnellen Wirtschaftswachstums bereits ab 1955 durch Verträge mit den Herkunftsstaaten Italien, Spanien, Griechenland, Portugal, Jugoslawien und der Türkei ausländische Arbeitnehmer angeworben. Diese oft euphemistisch als „Gastarbeiter“ bezeichneten Arbeitskräfte sollten eigentlich nur wenige Jahre in der BRD bleiben, gegebenenfalls ausgebildet werden und dann mit neuen Perspektiven in ihre Heimatländer zurückkehren. Für einen Großteil der etwa 14 Millionen Arbeiter, die bis zum Anwerbestopp 1973 so in die BRD kamen, traf das auch zu, doch von denen, die sich bei Anwerbestopp noch in Deutschland befanden, entschieden sich viele, zu bleiben und ihre Familien nachzuholen. Aufgrund von strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes wie den Einsatz neuer Technologien, blieb die Arbeitskraft dieser oft gering qualifizierten Arbeiter sowie ihrer Kinder, denen das unflexible, segregierende deutsche Schulsystem kaum Chancen bot, dem deutschen Arbeitsmarkt nicht lange erhalten. Sie waren häufig von struktureller Arbeitslosigkeit betroffen und wurden zunehmend als Problem wahrgenommen.36

Auch in der DDR gab es von staatlicher Seite angeworbene Arbeitskräfte, wenngleich ihre Zahl deutlich geringer ausfiel. Diese „Vertragsarbeiter“ stammten überwiegend aus Vietnam und Mosambik, aber auch aus Kuba und Polen. Anknüpfend an das preußische Rotationsprinzip aus der Vorkriegszeit durften sie, solange sie den Arbeitsmarkt zur Verfügung standen, vier bis fünf Jahre lang in der DDR bleiben und waren dann gezwungen, in ihr Heimatland zurückzukehren. Während ihres Aufenthaltes in der DDR unterlagen sie vielen Beschränkungen. So stand es ihnen beispielsweise nicht zu, ihren Betrieb oder ihre Wohnung frei zu wählen. Da sie überwiegend in Wohnheimen leben mussten und auch sonst von der deutschen Bevölkerung eher abgeschottet wurden, konnten sie im Gegensatz zu den westdeutschen „Gastarbeitern“ keine hybride Kultur entwickeln. Nach der Wiedervereinigung blieben viele der dann noch im Land befindlichen Arbeiter im Deutschland und holten ihre Familien nach.37

Auch aufgrund der Teilung des Landes in zwei Staaten gab es innerhalb Deutschlands während des kalten Krieges deutliche Migrationsbewegungen. So verließen vor dem Bau der Mauer über drei Millionen Menschen von die DDR um in die BRD zu kommen,38 während etwa 300.000 bis 400.000 Menschen aus der BRD in die DDR zogen39. Nach dem Bau der Mauer beschränkte sich die Migration zwischen den beiden Staaten auf Auswanderung und Flucht aus der DDR und umfasste nur noch wenige tausend Menschen pro Jahr, wenngleich diese Migrationsbewegung zunehmend mehr mediale Aufmerksamkeit und Unterstützung erhielt.40

[...]


1 Vgl. Statistisches Bundesamt, 33% der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, In: DeStatis, 07.02.2017, <https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/zdw/2017/ PD17_006_p002.html> [Stand: 10.10.2018],

2 Vgl. Statistisches Bundesamt, Schulen auf einen Blick, 2016. S. 18. hier nach: <https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Schulen/ BroschuereSchulenBlick0110018169004.pdf? blob=publicationFile> [Stand: 08.10.2018].

3 Vgl. Bpb Mit Vielfalt umgehen lernen - Interkulturelle Bildung als Herausforderung für Unterricht und Schulalltag Fachkonferenz am 20. und 21. April 2009 in der Vertretung des Landes Mecklenbuig-Vorpommem beim Bund, hiernach: <https://www.bpb.de/system/files/pdf/IQ6TF3.pdf> [Stand: 13.10.2018].

4 Jochen Oltmer, Migration. Geschichte und Zukunft der Gegenwart, Darmstadt 2017. S. 200.

5 Vgl. Oltmer, Migration, S. 20f.

6 Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart 2002. S. 18.

7 Vgl. Pohl, Die Völkerwanderung, S. 18-24.

8 Vgl. Oltmer, Migration, S. 12.

9 Vgl. Ebd, S. 9.12.

10 Ebd, S.38.

11 Vgl. Oltmer, Migration, S.51f.

12 Oltmer, Migration, S.48.

13 Ebd, S.49.

14 Vgl. Marita Krauss, Migrationen - Akteure, Strukturen, Fragen. In: Thomas Fischer, Daniel Gossel (Hrsg.), Migration in Internationaler Perspektive. Schriftenreihe des Zentralinstituts für Regionenforschung der Friedrich- Alexander-UniversitätErlangen-Nümbeig, Bd. 5, München 2009. S. 26.

15 Vgl. Anett Schmitz, Transnational leben. Bildungserfolgreiche (Spät-)Aussiedler zwischen Deutschland und Russland. Bielefeld 2013. S. 54.

16 Vgl. Oltmer, Migration, S. 48-50.

17 Vgl. Ebd. S.59-65.

18 Vgl. Heike Bungert, Europäische Migration nach Nordamerika. In: Thomas Fischer, Daniel Gossel (Hrsg.), Migration in Internationaler Perspektive. Schriftenreihe des Zentralinstituts für Regionenforschung der Friedrich- Alexander-UniversitätErlangen-Nümbeig, Bd. 5, München 2009. S.62.

19 Vgl. Oltmer, Migration, S.84.

20 Vgl. Oltmer, Migration, S.90.

21 Vgö. Klaus Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 2000. S.241.

22 Vgl. Oltmer, Migration, S.128.

23 Vgl.Ebd.S.129f.

24 Vgl. Bade, Europa in Bewegung, S. 236.

25 Vgl. Ebd. S. 240.

26 Ebd. S. 245.

27 Vgl. Ebd. S. 234-245.

28 Vgl. Bade S. 249-252.

29 Ebd. S.246.

30 Vgl. Ebd. S. 254 u. 275-280.

31 Vgl. Ebd. S. 285.

32 Bade, Europa in Bewegung, S. 285.

33 Vgl. Ebd. S. 285-295.

34 Bade, Europa in Bewegung, S.299.

35 Vgl. Ebd. S. 297-299.

36 Vgl. Dirk Hoerder, Geschichte der Deutschen Migration. Vom Mittelalter bis heute. München 2010. S.106f.

37 Vgl. Hoerder, Geschichte der deutschen Migration, S.llOf.

38 Vgl. Norbert Wenning. Migration in Deutschland, Ein Überblick. Münster 1996. S. 130.

39 Vgl. Wenning, Migration in Deutschland, S. 125.

40 Vgl. Ebd. S. 128f.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Migration im Geschichtsunterricht. Geschichtsbücher der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
46
Katalognummer
V1000148
ISBN (eBook)
9783346393104
ISBN (Buch)
9783346393111
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migration, geschichtsunterricht, geschichtsbücher, sekundarstufe, nordrhein-westfalen, berlin-brandenburg
Arbeit zitieren
Marita Mehnert (Autor), 2018, Migration im Geschichtsunterricht. Geschichtsbücher der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000148

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